Samstag, 25. Mai 2013

Skandal im Sperrbezirk!

Seit gut sechs Wochen herrscht Verwirrung in der Nachbarschaft. Unsicherheit. Hinter vorgehaltener Hand wird getuschelt, die Köpfe werden zusammen gesteckt und manch einer wurde schon puterrot vor Scham, Entrüstung, schaute ungläubig, war sprachlos vor Entsetzen oder Überraschung.

Es ist passiert! Das Unaussprechliche ist geschehen! Hier bei uns, diesem Dörfchen Fuhle-Kiez im Dorfe Barmbek-Nord im recht groß geratenen Dorf Hamburg. Mitten unter uns und keiner hat was bemerkt.

Und es hätte auch niemand was bemerkt, wäre da nicht dieses Fenster im Parterre zwei Häuser die Straße hoch, das seit sechs Wochen nachts immer schön rot beleuchtet ist.

"Skandal im Sperrbezirk! Skandal um Rosie!"

Jawoll, es ist soweit! Wir haben einen Nachbarschaftspuff!

Nicht, daß mich das jetzt allzu sehr betreffen oder erfreuen würde, mir geht die Sache relativ am Heck vorbei...aber die allgemeinen Reaktionen sind der Knaller! Solch Getuschel und solche Gerüchteküche hab ich nicht mehr erlebt, seit ich anno '98 aus meinem 2000 Seelen zählenden Heimatdorf im niedersächsischen Nichts, wo jeder alles über jeden wusste und weitertratschte, abgewandert bin, selbst Studentenwohnheime oder ähnliche Mikrokosmen reichen nicht an das Empörungspotenzial heran, das in meiner Nachbarschaft im Moment fast greifbar ist. Als sei die Luft damit aufgeladen.

Vor allem die Alteingesessenen und die RICHTIG Alteingesessenen, die, die hier seit schon immer wohnen, die hier ihren wohlverdienten Lebensabend verbringen und für die ich nach 11,5 Jahren immer noch im Prinzip "der Neue" bin, die gehen richtig ab.

Kittelschürze trifft Cord-Hut trifft Gehstock auf der Kopfsteinpflasterstraße und dann geht's los! "Damals...!" - "Jaaa, damals!!" - "Besser war's!" - "Jaaa, besser war's!" - "Viel besser!!" [in meinem Kopf hör ich diese Wortfetzen grad in Dieter Nuhr's Stimmlage. Kommt gut!] Dazu immer wieder Kopfschütteln und verächtliche Blicke in Richtung betreffender Wohnung.

Vor vierzig Jahren hätten sie sich vielleicht aus Protest noch am zum Haus gehörigen Mülleimer angekettet oder wäre auf den Eingangstreppen in den Hungerstreik getreten, heute geht nur noch Kopfschütteln und Tuscheln.

Und böse Blicke, aber die gehen ja immer. Die kriegt auch jeder ab, der an betreffendem Haus auch nur vorbei läuft, ohne sich einen Scheißdreck um das rote Fenster und die leise Musik, die von dort zu hören ist, schert. Ab jetzt ist jeder, der sich nähert, direkt ein Puffgänger. Ich lauf täglich mehrmals vorbei, "der Neue" dürfte dann jetzt in Augen der in die Jahre gekommenen Nachbarschaft endgültig unten durch sein. Wie schade...

Meine liebe Omi mit ihren 83 Jahren hat sich übrigens scheckig gelacht, als ich ihr am Telefon von den neuen Möglichkeiten in der Nachbarschaft erzählte. "Na denn mal zu!" hat sie gesagt und wollte dann wissen, ob das denn wenigstens "ne Süße" wäre, die dort arbeitet, denn im TV hatte sie ein paar Tage vorher was über die Mädels, die an der Reeperbahn stehen, gesehen und die sagten ihr wohl nicht so zu. Davon sollte ich doch bitte keine mit nach Hause bringen. Krieg ich hin, Omi. Versprochen!

Ob dort "ne Süße" arbeitet oder vielleicht sogar mehrere, konnte ich Omi nicht beantworten, denn ich hab noch nie jemanden in der Wohnung gesehen. Nicht Weiblein, nicht Männlein, ich seh immer nur das erleuchtete Fenster. Keine Rosie, keine Kundschaft. Nur das rote Licht.

"Die Rosie hat ein Telefon, auch ich hab' ihre Nummer schon.

Unter 32-16-8 herrscht Konjunktur die ganze Nacht.

Und draußen im Hotel d'Amour langweilen sich die Damen nur,

weil jeder, den die Sehnsucht quält ganz einfach Rosies Nummer wählt."

(Spider Murphy Gang - Skandal im Sperrbezirk, 1989)

Ich wohn noch nicht in der Reeperbahn 2.0. Wird auch nie passieren. Zumindest nicht hier in Barmbek.

Auch wenn die Nachbarschaft sich so aufführt und Sodom und Gomorrha schreit.

Solange sie es noch kann...

Kommentare:

  1. Alter, Barmbeck ist wirklich ein Dorf. So ein Wohnungspuff lockt hier nicht mal ne spießige Prenzlmutter hinterm Sellerieregal vom Biosupermarkt hervor. :))

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    1. "Dorf" trifft es tatsächlich ganz gut, ja. Wobei nur ein Teil der Generation 60+ so abgeht, die halt seit ewig hier in ihren 55 qm lebt.

      Rotlicht war immer Pauli oder St. Georg und jetzt isses nebenan. Is neu. Neu is schlecht.

      Der Großteil ist entspannt und eher belustigt. Aber die paar älteren Leutchen sind schon hart drauf! Bald lassen die ihre Zivis Farbbeutel werfen :p

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  2. Google doch einfach mal nach dem Puff in der Nachbarschaft :-). Hier in der Gegend war mal einer und man konnte dann auf deren Webseite nachschauen, ob die dort süß sind. Waren sie nicht (ok, kann ich als Frau vielleicht auch nicht ganz beurteilen) und die Einrichtung sah aus wie ein Wohnzimmer in einer RTL2-Doku, inklusive dem klassischem Fliesentisch...

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    1. Ich wüsste nicht, wonach ich da googlen sollte, das Ding hat ja keinen Namen oder so...vermute ich...vielleicht mal aufs Klingelschild luschern :)

      Früher oder später seh ich garantiert mal wen auf dem Balkondings, nur eine Frage der Zeit. Mir isses ja auch völlig latte (arrrrrrr), aber Omi mag's halt gern wissen :)

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    2. Einfach mal die Adresse googlen. Manche Puffs sind sogar bei Qype gelistet, einer hier in der Nähe bot über Qype (Getränke-!)-Gutscheine an.

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    3. Weder eine Google-Suche noch ein Blick aufs Klingelschild (auf dem steht ein deutscher Durchschnittsname) haben Interessantes erbracht. Vielleicht muss das Ding sich noch etablieren, um googlebar zu sein? Ich bleib dran :)

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  3. schau doch mal rein...und berichte. Jetzt hast du deine Leserinnen und Leser neugierig gemacht!

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    1. Meinst du, das geht einfach so, wenn ich an der Tür sage "Moin, ich will nur mal gucken, nicht anfassen! Interessiert namlich meine LeserInnen, wie's hier so ist!"? Ich stell mir die Situation grad sehr lustig vor! Wenn's mal soweit kommt, dann wirst du es hier erfahren :)

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    2. Probieren geht über studieren. Eventuell finden die kostenlose Berichterstattung ja gut.

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    3. Möglich isses, wer weiß! I'll try my very best!

      Gestern Abend gab's übrigens kein Rotlicht. Betriebsferien vielleicht? :)

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    4. Investigativer Journalismus ist doch immer gerne gesehen. ;-)

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  4. sind die Betriebsferien jetzt vorbei? ;-)

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    1. Ah, gut, daß du mich erinnerst, hier mal ein Update zu geben.

      Denn: Ende ist! Nix mehr Rotlichtbezirk, nix mehr Wohnungspuff, Schicht im Schacht!

      Man munkelt, der Vermieter (eine Genossenschaft) habe das Treiben in Nummer 10 nicht gut geheißen und den Mietvertrag gekündigt. Die Whg. steht jetzt leer und vermutlich bezieht dort bald der nächste Endsechziger sein Ableb-Domizil und tuschelt dann hinter meinem Rücken über mich, weil die Jeans hängt oder ein Loch hat. "Die Jugend von heute"...

      Ich hab's leider nicht geschafft, mal einen Besuch abzustatten, sorry! Mea maxima culpa!

      Aber: Der Nazi aus dem zweiten Stock war da. Welch Wunder... Und natürlich band er mir das ungefragt und in Worten, die ich hier nicht rezitieren möchte, auf die Nase. Im Treppenhaus. Das nächste Mal schubs ich ihn die Treppe runter...

      Sein Fazit, zusammengefasst: "War geil, hab die ordentlich geknallt!" (Zitat Ende)

      (Bilder in meinem Kopf. Verdammt...!)

      Für normale Menschen (lies: keine notgeilen Volldeppen) bedeutet das wohl, daß man nicht viel verpasst hat. War wohl keine "Süße", die meiner lieben Omi gefallen hätte. Hatte ich auch ehrlich gesagt nicht erwartet ;)

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