Später Abend.
Ich steige am Baumwall in die fast leere U-Bahn und habe freie Platzwahl.
Ich setze mich auf einen Platz am Fenster und ziehe mir meine Kopfhörer über die Ohren.
Musik an, noch kurz durchs Fenster mit müden Augen den nächtlichen Hafen bewundert, dann Hirn aus, Augen zu, ab nach Hause.
Ein paar Stationen später, im Ohr gerade einen sehr ruhigen Part, höre ich Geräusche, die ich nicht direkt einordnen kann und öffne die Augen wieder.
Kurz muss ich wegen der blendenden Lichter im Waggon blinzeln, dann erkenne ich ein Mädchen, Mitte zwanzig ist sie vielleicht und sie tastet sich mit ihrem Blindenstock durch den Mittelgang und lässt sich, bevor ich ihr vermutlich eh unnötige Hilfe anbieten kann, ins Sitzabteil rechts gegenüber fallen und schnauft erstmal tief durch.
Da das erleichtert und ermüdet klingt und sie scheinbar einen anstrengenden Abend hatte, entschließe ich mich dazu, die Klappe zu halten und ihr ihre Ruhe zu lassen, obwohl ich mir einbilde, sie habe kurzzeitig in meine Richtung gelächelt, bevor sie sich auf den Sitz plumpsen ließ.
"Das war sicher Kopfkino", denke ich mir, "ganz klar, warum sollte die dich denn bitte anlächeln? Die sieht dich nich, gesagt haste nix, haste dir wieder was eingebildet, kannste ja gut."
Ich fläze mich auf meine Sitzbank, schließe wieder die Augen, lehne den Kopf an die Fensterscheibe - klonk - und das Handy switcht zum grandiosen ClickClickDecker.
"Ich beneide Dich um Deinen Sternenhimmel."
Ich muss automatisch grinsen und bin mit der Gesamtsituation sehr zufrieden.
Das Lied beginnt und wie ich das manchmal so mache, wenn ich mich vor Beobachtern sicher wähne oder gute Laune habe, singe ich nicht mit, zumindest nicht laut, ich forme nur die Worte mit den Lippen.
Nur für mich ganz allein.
Fast vollkommen lautlos.
Vermutlich sehe ich dabei zum Schießen komisch aus, das ist mir aber vollkommen egal.
Das Lied läuft so knappe drei Minuten und ich "singe" für mich allein mit und freue mich, danach shuffelt das Handy zu was Instrumentalem und ich wippe nur noch im Takt mit dem Fuß.
Kurz vor der Kellinghusenstraße tippt jemand sacht auf meine Schulter.
Ich schaue hoch. Das blinde Mädchen aus dem Abteil gegenüber. Dieses Mal lächelt sie mich wirklich an.
"Was für ein schöner Text, den du geflüstert hast. Verrätst du mir, von wem der ist?"
Ich bin vollkommen baff und kriege es grad noch so hin, ihr Songtitel und Musikanten zu nennen, dann steigt sie mit über den Boden ratterndem Stock aus, winkt dabei mit der freien Hand und dann fährt die Bahn ab.
Und ich sitze verwirrt da.
Dann muss ich lachen und bin glücklich für einen Moment.
Posts mit dem Label Musike/Konzerte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Musike/Konzerte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Sonntag, 17. Mai 2015
Sternenhimmel
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Menschen,
Musike/Konzerte,
Nahverkehr
Donnerstag, 4. September 2014
Die Beginner und der blanke Wahnsinn
"Ihr wollt ein Liebesliiieeed, ihr kriegt ein Liebesliiieeed...ein Lied, das ihr liiieeebt!"
Eizi Eiz's aka Jan Delay's nasale Stimme nölt den Superhit der Beginner in der Roten Flora ins Mikrofon und die Menge vor der Bühne johlt, die Köpfe nicken, die erhobenen Hände gehen von links nach rechts oder auf und ab. Meist auf und ab.
Mir schlägt derweil einer von links nach rechts seinen Ellbogen an den Kiefer und vor mir drängeln sich - "Sorry, ich muss da mal durch! Ich muss da näher ran!" - ein paar aufgestylte Mädels vorbei, Körperkontakt ist vollkommen unvermeidbar.
Über den freuen sich zwei Jungs neben mir. "Ich hatte Arschkontakt mit der rechten Hand!" - "Geil Mann, ich auch! Bei der Blonden?" - "Ja, die Blonde! War total geil!" - "Auf jeden Mann!"
Sie geben sich die hohe Fünf, grinsen beide wie Honigkuchenpferde und haben wahrscheinlich beide feuchte Flecken in den Shorts.
"Arschkontakt", alter Schwede, darüber hab ich mich mit vierzehn im übervollen Schulbus gefreut und das ist mir heute extrem peinlich, die Gestalten neben mir tragen Vollbart (natürlich), Muskelshirt à la Cro (natürlich) und die Caps rückwärts. Natürlich.
Da ist nix mehr mit Schulbus und so weiter. Da ist so ein Verhalten doch eher...nennen wir es unangebracht.
Dann trifft mich wieder eine Hand am Hals und der dazugehörige Arsch drängt Richtung Rote Flora.
Vielleicht sollte ich mit den beiden Vollhonks zu meiner Linken abklatschen, denn jetzt gehöre ich ja auch zu ihrem elitären Arschkontakt-Club.
Da wo ich stehe, ist der Durchgang. Immer. Ob auf Konzerten, in überfüllten Clubs, auf Demos oder sonstwo...Da wo ich stehe, wollen meine Mitmenschen entlang laufen. Und das möglichst rempelnd, pöbelnd und generell nervend. Selbst wenn direkt hinter mir eine Wand wäre oder es direkt in eine tiefe Schlucht ginge, jeder zweite würde dort hin wollen und sich an mir vorbei oder am liebsten mitten durch mich durch drängeln.
Und nein, da rettet auch der unfreiwillige und ungewollte Arschkontakt absolut gar nichts, denn die Ärsche, die ich anfassen möchte, suche ich mir doch lieber selbst aus und davon gibt es auch nicht wirklich viele.
Die "Absoluten Beginner" haben also am vergangenen Freitag ein Benefiz-Konzert für die Rote Flora in eben dieser gespielt und nein, ich war nicht vor der Bühne oder gar in der Nähe, ich stand gute fünfzig Meter entfernt auf der Kreuzung zur Susannenstraße, zusammen mit x-tausend anderen.
Ich habe die Straßen rund ums Schulterblatt noch nie so voll gesehen wie am Freitag, nicht während der WM beim Public Viewing, nicht bei Schanzenfesten oder bei Krawallen nach Schanzenfesten, nicht, wenn traditionell zum ersten Mai Deppen Fensterscheiben zerdeppern, nie.
Das war rekordverdächtig.
Der Auftritt der Beginner in der Flora wird an die Seitenwand des "Haus 73" projeziert, sodass man auch sehen kann, was in der Flora abgeht, während man selbst weit entfernt auf der Straße steht und alle paar Augenblicke Ellenbögen ins Gesicht oder die Rippen kassiert, als befände man sich auf einem Punk-Konzert.
Oder besser: Theoretisch könnte man dank Projektion sehen, was in der Flora passiert, würden nicht sämtliche Hipster, Vorstadtkinder und weiteres Volk dieser Stadt ihre Smartphones in die Höhe recken, um zu filmen, was in fünfzig Metern Entfernung an der Wand abgeht.
Im Ernst, was soll das?
Die Videos können unmöglich auch nur ansatzweise gut sein. Das ist ein dank der ganzen Rempeleien gut durchgeschüttelter Pixelsalat, auf dem wahrscheinlich maximal die Tonspur was taugt, auf der dann aber die johlenden Umstehenden und vielleicht ein paar Bässe und Beats zu hören sind, garantiert aber kein Text. Vermutlich gibt es bessere Aufnahmen vom Yeti als vom freitäglichen Beginner-Konzert von meinem Standort aus.
Das Gedränge wird krasser und krasser. Allmählich wird es wirklich ungemütlich und in einigen Gesichtern sieht man eine gewisse Beklommenheit.
Irgendeiner, der vom Konzert nichts mitbekommen oder einfach nicht weit genug mitgedacht hat, hat tatsächlich sein Auto, einen silbergrauen Familien-Van direkt an der Kreuzung abgestellt und der dient nun vielen als Sitzplatz, Tanzfläche oder Abstellplatz für leere Bierflaschen, weshalb ihn alle paar Minuten ein Pfandsammler samt Hackenporsche oder geborgtem Einkaufswagen ansteuert, der dann dank der Schubserei bleibende Eindrücke im Lack hinterlässt. Ich möchte mir gar nicht erst vorstellen, wie die Karre tags darauf ausgesehen haben wird. Taufrisch garantiert nicht mehr. Eher wie ein abstraktes, zerbeultes und bemaltes Kunstwerk mit Rädern.
Es ist aber vorsichtig formuliert auch nicht besonders clever, an einem solchen Tag an eben dieser Stelle zu parken. Allerdings beobachte ich das immer wieder.
Mit einem ungläubig dreinschauenden und einem irritiert lachenden Auge erinnere ich mich an das Schanzenfest 2011, als ein Anzugträger seinen frisch polierten blendend weißen Luxus-Audi direkt am Schulterblatt parkte, um kurz zum Geldautomaten zu laufen, während keine hundert Meter weiter der Mob tobte.
Der erste Stein war schon durch die Seitenscheibe gerauscht, bevor er die Bank überhaupt betreten hatte, als er drei Minuten später wieder zum Auto kam, war es komplett entglast und mit einem Verkehrsschild gepierct.
Asozial, natürlich und ich halte nach wie vor absolut gar nichts von solchen Aktionen - aber wie weltfremd muss man denn sein um zu denken, daß es eine gute Idee sei, just in dem Moment genau dort zu parken? Das ist kompletter Wahnsinn! Es sei denn, es handelte sich um einen Versicherungsbetrug. Dann ist es relativ genial. Aber trotzdem Wahnsinn.
Beim Gedanken an die Geschichte muss ich grinsen, bevor ein Schlacks mit Hals-Tattoo mir in die Arme fliegt, weil irgendwer ihm einen Stoß versetzt hat. Er verteilt sein halbes Bier über mein Shirt, zuckt entschuldigend mit den Schultern und trollt sich. "Viel Spaß noch!"
Daß die ganze Geschichte dann doch nicht so spaßig ist, wird mir spätestens klar, als einer durch die Menge pflügt und eine Bewusstlose geschultert hat, die von der Gesichtsfarbe her gar nicht mehr gesund aussieht. Ihm folgen ihre in Tränen aufgelösten Freundinnen. Ein Großteil der Menge registriert das gar nicht, einige machen zumindest Platz für den "Krankentransport" soweit das eben möglich ist und die Minderbemittelten sind natürlich auch nicht weit, singen "Du kannst nach Hause gehn!!" und klopfen oder besser schlagen der Bewusstlosen noch "aufmunternd" auf den Rücken und gröhlen dabei.
Das sind die, die dann um sieben Uhr morgens selbst irgendwo von einem Rettungssanitäter aus ihrer eigenen Kotzlache in einen RTW gehievt und ins nächste Krankenhaus verbracht werden und dann später damit prahlen, wieviel sie gesoffen haben und wie sehr die Ladies sie liebten. Das Einnässen im Suff wird aber verschwiegen. Besser ist das.
Das Gedränge ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend, vollkommen abstrus wird die Situation, wenn im Hardcore-Gedränge plötzlich ein Kinderwagen samt darin liegendem und wohl ob der Lautstärke weinendem Säugling auftaucht, dem die Mutter ständig "Ist ja gut, ist ja gut, ist ja gut!" entgegen ruft und sonst nichts tut, während der männliche Part, Kindsvater oder nicht - vermutlich eher nicht oder zumindest einer von mehreren Kandidaten - den Weg Richtung Mittelpunkt des Geschehens frei räumt. Er, sein Weibchen und der Zwerg müssen definintiv mitten rein ins krasseste Hauen und Stechen, das ich seit ganz langer Zeit erlebt habe.
Kurz nach 23 Uhr, mein Kind ist wenn's hoch kommt ein Jahr alt...klar, das nehm ich mit zu einem Event in der Schanze, die Entscheidung liegt auf der Hand, da lernt die Brut direkt mal, mit Lautstärke umzugehen. Wenn Mama und Papa sich dann irgendwann später wegen den Unterhaltszahlungen streiten und anschreien, kennt das Kind das schon und schläft trotz Geschrei trotzdem ein. Ein nahezu perfekter Plan.
Auch zwei Rollstuhlfahrer versuchen, sich den Weg durch die Menge zu bahnen, was zentimeterweise funktioniert. Statt wie ich Ellenbögen bekommen sie alle paar Sekunden ein Hinterteil an den Kopf oder ins Gesicht gedrückt. Spaß kann das nicht machen, es sei denn, man steht drauf. Arschkontakt der etwas anderen Art.
Das Konzert neigte sich seinem Ende zu, das Gedränge nahm aber nicht ab sondern eher noch zu.
Mitdenkend wie ich nunmal bin, wollte ich kurz vor Ende des Konzerts den Heimweg antreten, um eine halbwegs komfortable Heimreise zu haben und nicht auch noch in der Bahn mit Wildfremden kuscheln zu müssen.
Der gleiche Gedanke wie zum Beispiel im Fußballstadion. Man geht nicht in der Halbzeit pissen oder neues Bier holen, man geht ein paar Minuten früher und hat so ziemlich seine Ruhe, weil immer noch neunzig Prozent aller anderen nicht gecheckt haben, daß das eine recht geschmeidige Lösung ist, auch wenn man immer Gefahr läuft, etwas zu verpassen. Im Stadion schlimmstenfalls ein Tor des Herzensvereins, beim Konzert den Lieblingssong.
Aber meiner wurde ja heut bereits gespielt. Also ab dafür. Nach Hause, rein in die Wohlfühlklamotten, noch ein Glas Wein und vielleicht mal wieder den Lieblingsfilm schauen.
Schöner Plan, hätte ja klappen können.
Ich wollte mich grad ins Gedränge stürzen und mir mit eigenem Ellenbogeneinsatz einen Weg heraus erarbeiten, ich freute mich fast darauf, endlich auch mal austeilen zu können anstatt die ganze Zeit nur zu kassieren, da sah ich in einem Meter Entfernung in der Menge ein Gesicht.
Ein Mädchen, vielleicht zwanzig Jahre alt, vielleicht jünger. Kalkweiß wie Frosty der Schneemann, hektisch nach Luft japsend, nah am Hyperventilieren, die Augen tränengefüllt, die langen Haare klebten verschwitzt an der Stirn.
Ich war auf genug Konzerten, um zu wissen wie Menschen aussehen, die bis fast zur Erschöpfung vor der Bühne herumgetobt haben. Denen blitzt die Extase aus den Augen und das Adrenalin tropft aus jeder Pore. Die wollen mehr.
In diesem bleichen Gesicht stand die blanke Panik, sowas habe ich zuletzt auf Videoaufnahmen der Love Parade 2010 gesehen.
Es tat sich eine Lücke in der Masse der drängelnden Leiber auf und das Mädchen fiel mir und dem Typen neben mir, der, wie sich kurz darauf herausstellte, zufällig auch noch Mediziner war, quasi direkt in die Arme. Sie hat sich also wohl den bestmöglichen Platz für ihren Kollaps ausgesucht - insofern es so etwas denn gibt.
Eine Viertelstunde später, nachdem das Mädel aus dem Gedränge hinausgeschafft und den patrouillierenden Sanitätern übergeben worden war, wurde mir von meinem Kumpanen noch ein Jägermeister aufgenötigt.
"Auf unsere gute Tat!".
Wenn ein Jägermeister-Shot die Belohnung für "gute Taten" ist, dann war diese definitiv meine letzte!
Jägermeister, pfui Teufel!
Außerdem seh ich die "gute Tat" bis heut auch nicht wirklich.
Endlich auf dem Heimweg gab es in der U-Bahn den zweiten Teil der "Belohnung".
Ölsardinenbüchsenfeeling, umfallen unmöglich. Schweißaustausch. Bier-und-Dönergeruch in der stickigen U-Bahn-Luft.
Ich wollte doch einfach nur nach Hause...
Vom Bahnhof Barmbek aus laufe ich. Frische Luft und weit und breit kein Mensch im näheren Umkreis, der schubst, rempelt, gröhlt.
Ich breite, während ich die Straße entlang laufe, die Arme aus und freue mich, nichts zu spüren, keine drängelnden Körper, keine verschwitzten Klamotten, keine fremden Ärsche. Einfach nur nichts.
Daß das Handy just in diesem Moment zu einem Lied der Beginner skippt, wird sicherlich nur Zufall sein.
Eizi Eiz's aka Jan Delay's nasale Stimme nölt den Superhit der Beginner in der Roten Flora ins Mikrofon und die Menge vor der Bühne johlt, die Köpfe nicken, die erhobenen Hände gehen von links nach rechts oder auf und ab. Meist auf und ab.
Mir schlägt derweil einer von links nach rechts seinen Ellbogen an den Kiefer und vor mir drängeln sich - "Sorry, ich muss da mal durch! Ich muss da näher ran!" - ein paar aufgestylte Mädels vorbei, Körperkontakt ist vollkommen unvermeidbar.
Über den freuen sich zwei Jungs neben mir. "Ich hatte Arschkontakt mit der rechten Hand!" - "Geil Mann, ich auch! Bei der Blonden?" - "Ja, die Blonde! War total geil!" - "Auf jeden Mann!"
Sie geben sich die hohe Fünf, grinsen beide wie Honigkuchenpferde und haben wahrscheinlich beide feuchte Flecken in den Shorts.
"Arschkontakt", alter Schwede, darüber hab ich mich mit vierzehn im übervollen Schulbus gefreut und das ist mir heute extrem peinlich, die Gestalten neben mir tragen Vollbart (natürlich), Muskelshirt à la Cro (natürlich) und die Caps rückwärts. Natürlich.
Da ist nix mehr mit Schulbus und so weiter. Da ist so ein Verhalten doch eher...nennen wir es unangebracht.
Dann trifft mich wieder eine Hand am Hals und der dazugehörige Arsch drängt Richtung Rote Flora.
Vielleicht sollte ich mit den beiden Vollhonks zu meiner Linken abklatschen, denn jetzt gehöre ich ja auch zu ihrem elitären Arschkontakt-Club.
Da wo ich stehe, ist der Durchgang. Immer. Ob auf Konzerten, in überfüllten Clubs, auf Demos oder sonstwo...Da wo ich stehe, wollen meine Mitmenschen entlang laufen. Und das möglichst rempelnd, pöbelnd und generell nervend. Selbst wenn direkt hinter mir eine Wand wäre oder es direkt in eine tiefe Schlucht ginge, jeder zweite würde dort hin wollen und sich an mir vorbei oder am liebsten mitten durch mich durch drängeln.
Und nein, da rettet auch der unfreiwillige und ungewollte Arschkontakt absolut gar nichts, denn die Ärsche, die ich anfassen möchte, suche ich mir doch lieber selbst aus und davon gibt es auch nicht wirklich viele.
Die "Absoluten Beginner" haben also am vergangenen Freitag ein Benefiz-Konzert für die Rote Flora in eben dieser gespielt und nein, ich war nicht vor der Bühne oder gar in der Nähe, ich stand gute fünfzig Meter entfernt auf der Kreuzung zur Susannenstraße, zusammen mit x-tausend anderen.
Ich habe die Straßen rund ums Schulterblatt noch nie so voll gesehen wie am Freitag, nicht während der WM beim Public Viewing, nicht bei Schanzenfesten oder bei Krawallen nach Schanzenfesten, nicht, wenn traditionell zum ersten Mai Deppen Fensterscheiben zerdeppern, nie.
Das war rekordverdächtig.
Der Auftritt der Beginner in der Flora wird an die Seitenwand des "Haus 73" projeziert, sodass man auch sehen kann, was in der Flora abgeht, während man selbst weit entfernt auf der Straße steht und alle paar Augenblicke Ellenbögen ins Gesicht oder die Rippen kassiert, als befände man sich auf einem Punk-Konzert.
Oder besser: Theoretisch könnte man dank Projektion sehen, was in der Flora passiert, würden nicht sämtliche Hipster, Vorstadtkinder und weiteres Volk dieser Stadt ihre Smartphones in die Höhe recken, um zu filmen, was in fünfzig Metern Entfernung an der Wand abgeht.
Im Ernst, was soll das?
Die Videos können unmöglich auch nur ansatzweise gut sein. Das ist ein dank der ganzen Rempeleien gut durchgeschüttelter Pixelsalat, auf dem wahrscheinlich maximal die Tonspur was taugt, auf der dann aber die johlenden Umstehenden und vielleicht ein paar Bässe und Beats zu hören sind, garantiert aber kein Text. Vermutlich gibt es bessere Aufnahmen vom Yeti als vom freitäglichen Beginner-Konzert von meinem Standort aus.
Das Gedränge wird krasser und krasser. Allmählich wird es wirklich ungemütlich und in einigen Gesichtern sieht man eine gewisse Beklommenheit.
Irgendeiner, der vom Konzert nichts mitbekommen oder einfach nicht weit genug mitgedacht hat, hat tatsächlich sein Auto, einen silbergrauen Familien-Van direkt an der Kreuzung abgestellt und der dient nun vielen als Sitzplatz, Tanzfläche oder Abstellplatz für leere Bierflaschen, weshalb ihn alle paar Minuten ein Pfandsammler samt Hackenporsche oder geborgtem Einkaufswagen ansteuert, der dann dank der Schubserei bleibende Eindrücke im Lack hinterlässt. Ich möchte mir gar nicht erst vorstellen, wie die Karre tags darauf ausgesehen haben wird. Taufrisch garantiert nicht mehr. Eher wie ein abstraktes, zerbeultes und bemaltes Kunstwerk mit Rädern.
Es ist aber vorsichtig formuliert auch nicht besonders clever, an einem solchen Tag an eben dieser Stelle zu parken. Allerdings beobachte ich das immer wieder.
Mit einem ungläubig dreinschauenden und einem irritiert lachenden Auge erinnere ich mich an das Schanzenfest 2011, als ein Anzugträger seinen frisch polierten blendend weißen Luxus-Audi direkt am Schulterblatt parkte, um kurz zum Geldautomaten zu laufen, während keine hundert Meter weiter der Mob tobte.
Der erste Stein war schon durch die Seitenscheibe gerauscht, bevor er die Bank überhaupt betreten hatte, als er drei Minuten später wieder zum Auto kam, war es komplett entglast und mit einem Verkehrsschild gepierct.
Asozial, natürlich und ich halte nach wie vor absolut gar nichts von solchen Aktionen - aber wie weltfremd muss man denn sein um zu denken, daß es eine gute Idee sei, just in dem Moment genau dort zu parken? Das ist kompletter Wahnsinn! Es sei denn, es handelte sich um einen Versicherungsbetrug. Dann ist es relativ genial. Aber trotzdem Wahnsinn.
Beim Gedanken an die Geschichte muss ich grinsen, bevor ein Schlacks mit Hals-Tattoo mir in die Arme fliegt, weil irgendwer ihm einen Stoß versetzt hat. Er verteilt sein halbes Bier über mein Shirt, zuckt entschuldigend mit den Schultern und trollt sich. "Viel Spaß noch!"
Daß die ganze Geschichte dann doch nicht so spaßig ist, wird mir spätestens klar, als einer durch die Menge pflügt und eine Bewusstlose geschultert hat, die von der Gesichtsfarbe her gar nicht mehr gesund aussieht. Ihm folgen ihre in Tränen aufgelösten Freundinnen. Ein Großteil der Menge registriert das gar nicht, einige machen zumindest Platz für den "Krankentransport" soweit das eben möglich ist und die Minderbemittelten sind natürlich auch nicht weit, singen "Du kannst nach Hause gehn!!" und klopfen oder besser schlagen der Bewusstlosen noch "aufmunternd" auf den Rücken und gröhlen dabei.
Das sind die, die dann um sieben Uhr morgens selbst irgendwo von einem Rettungssanitäter aus ihrer eigenen Kotzlache in einen RTW gehievt und ins nächste Krankenhaus verbracht werden und dann später damit prahlen, wieviel sie gesoffen haben und wie sehr die Ladies sie liebten. Das Einnässen im Suff wird aber verschwiegen. Besser ist das.
Das Gedränge ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend, vollkommen abstrus wird die Situation, wenn im Hardcore-Gedränge plötzlich ein Kinderwagen samt darin liegendem und wohl ob der Lautstärke weinendem Säugling auftaucht, dem die Mutter ständig "Ist ja gut, ist ja gut, ist ja gut!" entgegen ruft und sonst nichts tut, während der männliche Part, Kindsvater oder nicht - vermutlich eher nicht oder zumindest einer von mehreren Kandidaten - den Weg Richtung Mittelpunkt des Geschehens frei räumt. Er, sein Weibchen und der Zwerg müssen definintiv mitten rein ins krasseste Hauen und Stechen, das ich seit ganz langer Zeit erlebt habe.
Kurz nach 23 Uhr, mein Kind ist wenn's hoch kommt ein Jahr alt...klar, das nehm ich mit zu einem Event in der Schanze, die Entscheidung liegt auf der Hand, da lernt die Brut direkt mal, mit Lautstärke umzugehen. Wenn Mama und Papa sich dann irgendwann später wegen den Unterhaltszahlungen streiten und anschreien, kennt das Kind das schon und schläft trotz Geschrei trotzdem ein. Ein nahezu perfekter Plan.
Auch zwei Rollstuhlfahrer versuchen, sich den Weg durch die Menge zu bahnen, was zentimeterweise funktioniert. Statt wie ich Ellenbögen bekommen sie alle paar Sekunden ein Hinterteil an den Kopf oder ins Gesicht gedrückt. Spaß kann das nicht machen, es sei denn, man steht drauf. Arschkontakt der etwas anderen Art.
Das Konzert neigte sich seinem Ende zu, das Gedränge nahm aber nicht ab sondern eher noch zu.
Mitdenkend wie ich nunmal bin, wollte ich kurz vor Ende des Konzerts den Heimweg antreten, um eine halbwegs komfortable Heimreise zu haben und nicht auch noch in der Bahn mit Wildfremden kuscheln zu müssen.
Der gleiche Gedanke wie zum Beispiel im Fußballstadion. Man geht nicht in der Halbzeit pissen oder neues Bier holen, man geht ein paar Minuten früher und hat so ziemlich seine Ruhe, weil immer noch neunzig Prozent aller anderen nicht gecheckt haben, daß das eine recht geschmeidige Lösung ist, auch wenn man immer Gefahr läuft, etwas zu verpassen. Im Stadion schlimmstenfalls ein Tor des Herzensvereins, beim Konzert den Lieblingssong.
Aber meiner wurde ja heut bereits gespielt. Also ab dafür. Nach Hause, rein in die Wohlfühlklamotten, noch ein Glas Wein und vielleicht mal wieder den Lieblingsfilm schauen.
Schöner Plan, hätte ja klappen können.
Ich wollte mich grad ins Gedränge stürzen und mir mit eigenem Ellenbogeneinsatz einen Weg heraus erarbeiten, ich freute mich fast darauf, endlich auch mal austeilen zu können anstatt die ganze Zeit nur zu kassieren, da sah ich in einem Meter Entfernung in der Menge ein Gesicht.
Ein Mädchen, vielleicht zwanzig Jahre alt, vielleicht jünger. Kalkweiß wie Frosty der Schneemann, hektisch nach Luft japsend, nah am Hyperventilieren, die Augen tränengefüllt, die langen Haare klebten verschwitzt an der Stirn.
Ich war auf genug Konzerten, um zu wissen wie Menschen aussehen, die bis fast zur Erschöpfung vor der Bühne herumgetobt haben. Denen blitzt die Extase aus den Augen und das Adrenalin tropft aus jeder Pore. Die wollen mehr.
In diesem bleichen Gesicht stand die blanke Panik, sowas habe ich zuletzt auf Videoaufnahmen der Love Parade 2010 gesehen.
Es tat sich eine Lücke in der Masse der drängelnden Leiber auf und das Mädchen fiel mir und dem Typen neben mir, der, wie sich kurz darauf herausstellte, zufällig auch noch Mediziner war, quasi direkt in die Arme. Sie hat sich also wohl den bestmöglichen Platz für ihren Kollaps ausgesucht - insofern es so etwas denn gibt.
Eine Viertelstunde später, nachdem das Mädel aus dem Gedränge hinausgeschafft und den patrouillierenden Sanitätern übergeben worden war, wurde mir von meinem Kumpanen noch ein Jägermeister aufgenötigt.
"Auf unsere gute Tat!".
Wenn ein Jägermeister-Shot die Belohnung für "gute Taten" ist, dann war diese definitiv meine letzte!
Jägermeister, pfui Teufel!
Außerdem seh ich die "gute Tat" bis heut auch nicht wirklich.
Endlich auf dem Heimweg gab es in der U-Bahn den zweiten Teil der "Belohnung".
Ölsardinenbüchsenfeeling, umfallen unmöglich. Schweißaustausch. Bier-und-Dönergeruch in der stickigen U-Bahn-Luft.
Ich wollte doch einfach nur nach Hause...
Vom Bahnhof Barmbek aus laufe ich. Frische Luft und weit und breit kein Mensch im näheren Umkreis, der schubst, rempelt, gröhlt.
Ich breite, während ich die Straße entlang laufe, die Arme aus und freue mich, nichts zu spüren, keine drängelnden Körper, keine verschwitzten Klamotten, keine fremden Ärsche. Einfach nur nichts.
Daß das Handy just in diesem Moment zu einem Lied der Beginner skippt, wird sicherlich nur Zufall sein.
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Irrsinn,
Musike/Konzerte
Freitag, 27. Juni 2014
Under the bridge
Samstag Nacht im Schanzenviertel.
Kurz vor ein Uhr.
Die Nachbeben des Deutschland-Spiels sind abgeebbt, das mehr oder weniger feiernde Volk ist auf dem Weg gen Reeperbahn oder hat sich auf die verschiedenen Bars rings herum verteilt. Es ist still geworden. So still, wie es in einer solchen samstäglichen Nacht eben werden kann in diesem Teil der Stadt.
Unter der S-Bahn-Brücke baut beleuchtet von blauen Neonröhrenlichtern einer ein Mikro und einen Verstärker auf. Ein junger Typ, Mitte zwanzig maximal, dunkler Wuschelkopf, blaue Trainingsjacke, abgewetzte Jeans.
Ich lehne an einem der Brückenpfeiler, leere das vermeintlich letzte Bier und beobachte das.
Ich mag Straßenmusiker, leider sind sie selten gut. Vereinzelt entdecke ich mal einen, dem ich gerne länger zuhöre. Meist reichen ein oder zwei Lieder und ich habe genug gehört, werfe ein bisschen Kleingeld in den Hut und gehe meines Weges.
Eigentlich kann ich mich an nur eine einzige Musikerin in den letzten Jahren erinnern, bei der ich lange gestanden und ihr zugehört habe. Das war in Berlin vor dem Eingang der Schönhauser Allee Arcaden, einem Ort also, an dem sonst nie irgendetwas Gutes passiert und an dem man im Normalfall von allen Seiten nur genervt wird. Spende für dies, gib Geld für jenes, unterschreib hier, Ihren Namen bitte dort...
Ich möchte dann immer so etwas wie "Keine Sorge, ich spende, wenn ich kann. Und das gern. Aber nicht nach einem verbalen Terrorangriff auf meinen Nervenapparat wie diesen grad!" antworten, tue das aber doch nie, sondern drehe mich einfach um und ignoriere.
Ein Mal stand mitten auf dem Platz vor den Arcaden ein Mädchen mit ihrer Gitarre und spielte und sang. "Knockin`on heavens door", "Wonderwall", all das Zeug, das jede/-r Straßenmusiker/-in im Repertoire hat. Haben muss. Nichts weltbewegendes. Dann packte sie "Angel" von Sarah McLachlan aus und ich war überrascht.
Ja, ich weiß, "Stadt der Engel" ist ein absoluter Frauenfilm und das Lied so gewollt tragisch, dass es fast weh tut - ich mag trotzdessen (und trotz Nicholas Cage) sowohl den Film als auch das Lied, letzteres sogar sehr. Warum das so ist? Das wüsste ich selbst gern.
Irgendwann spielte sie dann Radioheads "Creep", vermutlich eins der besten Lieder aller Zeiten, und nein, darüber ist eine Diskussion mit mir vollkommen unsinnig, von Anfang an zum Scheitern verurteilt und absolute Lebenszeitverschwendung. Eins der besten Lieder aller Zeiten. Punkt.
Sie spielte und sang "Creep" und sie spielte und sang das so gut, dass ich extrem beeindruckt war und beinahe lautstark applaudiert hätte, als sie den Song beendet hatte.
Ich habe sie dann zu einem Kaffee eingeladen und ihr eine ihrer Demo-CDs abgekauft und die höre ich heute noch gern.
Gute sechs Monate später hat sie es im TV beim unsäglichen DSDS versucht und wurde von ausgemachten Experten wie Bohlen und den beiden Lutschern von "Tokio Hotel" in Grund und Boden gedisst. Zu wenig Oberweite und zu viel im Kopf, so in etwa werden die Ausschlusskriterien gelautet haben.
Warum man mit so viel Talent ausgerechnet zu einem DSDS-Casting rennt, zu einer Show also, in der es zweifellos zu 90 Prozent um die Optik und nicht das Können geht, verstehe ich allerdings bis heute nicht.
Heute sitzt die Gute vermutlich wieder irgendwo in der Hauptstadt an einer Straßenecke, spielt auf ihrer Gitarre und singt. "Elen" ist ihr Künstlername, wenn ihr sie seht: Bleibt stehen und hört einen Moment zu. Das lohnt sich.
Während ich so in meinen Erinnerungen schwelge und mir denke, dass der Wuschelkopf unmöglich besser sein kann, hat der sein Equipment fertig aufgebaut, schaut etwas schüchtern in die Runde, räuspert sich und stellt sich leise vor.
"Hi, ich bin Basti und ich mag keine Spitznamen. Wie ist denn das Spiel ausgegangen?". Als ihm jemand das Endergebnis zuruft, schaut er verwirrt und zuckt mit den Schultern.
"Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist, ich habe keine Ahnung von Fußball. Egal, ich fang mal an zu spielen."
Das tut er dann auch.
Robbie Williams, "Angels". Unkaputtbar, das Lied. Nicht originell, aber das er gut ist, merkt man schon nach wenigen Augenblicken.
Als nächstes Duran Duran - "Ordinary world". Das Lied mag ich und hab es auf der Straße noch nie gehört, er sammelt Pluspunkte.
Danach die Red Hot Chili Peppers mit "Under the bridge", die Band kann ich mal gar nicht leiden, das Lied ist ok. Pluspunkte. Dann irgendwas, das ich nicht kenne, es gefällt mir aber. Danach Oasis. "Wonderwall"? Neeh, "Don`t look back in anger". Auch nicht sonderlich kreativ, aber immerhin bringt er nicht den Gassenhauer schlechthin. Außerdem solide gespielt und gesungen. Der Junge kann was, er muss es nur allmählich mal zeigen.
Mein Bier ist so gut wie leer und ich rechne damit, dass er jetzt weiter das standardisierte Staßenmusiker-Ding durchzieht, für das es irgendwo in muffigen Kellerräumen des Bezirksamtes Altona ganz sicher einen Pappkarton voller Akten mit Regelungen und Playlists gibt - aber nein.
Tut er nicht.
Der Typ spielt die Nine Inch Nails! "We`re in this together", live und akustisch (dass das überhaupt geht!!) unter der S-Bahn-Brücke am Bahnhof Sternschanze. Das Lied, das definitiv auf meiner Hochzeit gespielt werden wird, sollte es mal so weit kommen... Beim Refrain singt er auch nicht mehr, er brüllt und rotzt den Text in sein Mikro und da ich die Nine Inch Nails bisher zu meiner Schande noch nie live gesehen habe, ist das die verdammt nochmal beste Live-Version, die ich von diesem Lied je gehört habe. Ich benutze das Wort selten und ungern, aber: Ist das geil!
Die Zahl der Zuhörenden hat sich inzwischen mindestens verdreifacht, es wird geklatscht, gejubelt, die drei zugedröhnten Punker um die 40, die einige Meter weiter etwas motivationslos auf einer Bongo herum trommelten, um Kleingeld für Gras zu erschnorren, haben das nun aufgegeben, stehen in vorderster Front und schlagen sich abwechselnd, während sie ein paar Zentimeter in die Höhe springen, die Ellenbogen in die Rippen. Bekiffter Pseudo-Pogo während eines akustischen Straßenkonzerts. Das ist auch neu.
Basti, der keine Spitznamen mag, gefällt das aber und er fragt die Punks nach einem Musikwunsch.
"Sex Pistols, Digger!"
Sex Pistols? Kein Problem! Kann er. Hat er drauf. Spielt er. Und wie! Ich bilde mir ein, Freudentränen in den Augen der in die Jahre gekommenen Revoluzzer zu sehen.
So geht das dann noch eine Weile weiter.
Metallica - "The unforgiven", NoFx - "Kill all the white men", Blink 182 - "All the small things", zwischendurch hat er mal einen Hänger, als er einem Mädchen mit tiefem Ausschnitt frech grinsend und auf eben diesen schielend ihren Wunsch nach Coldplay erfüllt. Ich weiß nicht, wie das Lied heißt und er verkackt es auch ziemlich, das ist aber vollkommen egal. "Noooobody saaaaid it was easy, it`s such a shame for us to paaaaart, lalala" und so weiter.
Eine Polizeistreife fährt langsam vorbei, wie in Zeitlupe, hat was von einem dokumentarischen Ghetto-Film à la "Do the right thing" von Spike Lee.
Wenn noch mehr Zuhörer stehenbleiben, dann ist der Gehweg bald komplett verstopft. Es herrscht Gedränge und die Cops haben da ein Auge drauf.
"Ich glaube, das wird hier bald offiziell beendet." sagt Basti, der keine Spitznamen mag, grinsend in sein Mikro und macht mit deutschen Songs weiter.
Tocotronic - "Gegen den Strich", Die Sterne - "Was hat dich bloß so ruiniert", ich feiere das, das war DER Song meiner Jugend und lief auf dem Ghettoblaster in der Schul-Cafeteria in den großen Pausen rauf und runter, bis irgendwann das Tape den Geist aufgab!
Als er dann Muff Potter`s "Wir sitzen so vorm Molotow" raus haut, möchte ich ihn am liebsten umarmen! Mein Gott, wie ich diese Band vermisse...
Zwei Lieder später rücken dann tatsächlich die Uniformierten an und "beenden die Aktion". Weil es zu laut ist, Anwohnerbeschwerde und so, blablabla. Das übliche Ding.
In eine Szene-Gegend ziehen, weil man es mit Anfang/Mitte zwanzig cool und super findet, mitten drin zu sein im Nachtleben, fünf, sechs, sieben, acht Jahre später, wenn man meint, "seriös" und "zu alt" für eben das geworden zu sein und schlimmstenfalls seine Spießer-Gene bereits weiter vererbt hat, ruft man wegen dem, was man damals so toll fand, die Staatsgewalt.
Ruhestörung. In der Schanze. Samstag nachts. Um irgendwas gegen halb zwei oder so.
Finde den Fehler.
Das ist so, als wenn irgendwelche Zugezogenen in Berlin-Kreuzberg der Lautstärke wegen gegen Clubs klagen und die deswegen geschlossen werden.
Oh, wait...
Basti, der keine Spitznamen mag, spielt noch schnell ein paar Takte vom "Folsom prison blues" und baut dann ab, die Cops beobachten genauestens. Der musizierende Schwerstverbrecher muss im Auge behalten werden.
Vom letzten Kleingeld habe ich am Bahnhofs-Kiosk noch zwei Bier geholt, eins drücke ich ihm in die Hand und wir stoßen an.
Ein kurzes Gespräch nur, er ist nicht aus Hamburg sondern wie ich aus der Provinz, er reist herum und macht Musik und er will weiter und anderswo spielen, Altona, Landungsbrücken, egal. Ich empfehle ihm den Park Fiction oberhalb der Hafenstraße und erkläre ihm den Weg dorthin. Findet er gut. Da will er spielen, sagt er. Und, dass er die Nacht durchmachen wird, denn am Vormittag hat er eine Mitfahrgelegenheit Richtung Süden.
"Die fährt bis nach Wien. Mal gucken, wo ich aussteige." grinst er und verschwindet nach einem fist bump mit seinem Gepäck Richtung Hafen.
Und ich gehe zur Bahn und fahre nach Hause. Kopfhörer auf, entspannende Musik an, Augen zu...
Für das Konzert von Basti, der keine Spitznamen mag, hätte ich Eintritt gezahlt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Großes Kino.
Die Chancen, dass er bei DSDS und Konsorten auftaucht, sicd glücklicherweise äußerst gering.
Gut so!
Kurz vor ein Uhr.
Die Nachbeben des Deutschland-Spiels sind abgeebbt, das mehr oder weniger feiernde Volk ist auf dem Weg gen Reeperbahn oder hat sich auf die verschiedenen Bars rings herum verteilt. Es ist still geworden. So still, wie es in einer solchen samstäglichen Nacht eben werden kann in diesem Teil der Stadt.
Unter der S-Bahn-Brücke baut beleuchtet von blauen Neonröhrenlichtern einer ein Mikro und einen Verstärker auf. Ein junger Typ, Mitte zwanzig maximal, dunkler Wuschelkopf, blaue Trainingsjacke, abgewetzte Jeans.
Ich lehne an einem der Brückenpfeiler, leere das vermeintlich letzte Bier und beobachte das.
Ich mag Straßenmusiker, leider sind sie selten gut. Vereinzelt entdecke ich mal einen, dem ich gerne länger zuhöre. Meist reichen ein oder zwei Lieder und ich habe genug gehört, werfe ein bisschen Kleingeld in den Hut und gehe meines Weges.
Eigentlich kann ich mich an nur eine einzige Musikerin in den letzten Jahren erinnern, bei der ich lange gestanden und ihr zugehört habe. Das war in Berlin vor dem Eingang der Schönhauser Allee Arcaden, einem Ort also, an dem sonst nie irgendetwas Gutes passiert und an dem man im Normalfall von allen Seiten nur genervt wird. Spende für dies, gib Geld für jenes, unterschreib hier, Ihren Namen bitte dort...
Ich möchte dann immer so etwas wie "Keine Sorge, ich spende, wenn ich kann. Und das gern. Aber nicht nach einem verbalen Terrorangriff auf meinen Nervenapparat wie diesen grad!" antworten, tue das aber doch nie, sondern drehe mich einfach um und ignoriere.
Ein Mal stand mitten auf dem Platz vor den Arcaden ein Mädchen mit ihrer Gitarre und spielte und sang. "Knockin`on heavens door", "Wonderwall", all das Zeug, das jede/-r Straßenmusiker/-in im Repertoire hat. Haben muss. Nichts weltbewegendes. Dann packte sie "Angel" von Sarah McLachlan aus und ich war überrascht.
Ja, ich weiß, "Stadt der Engel" ist ein absoluter Frauenfilm und das Lied so gewollt tragisch, dass es fast weh tut - ich mag trotzdessen (und trotz Nicholas Cage) sowohl den Film als auch das Lied, letzteres sogar sehr. Warum das so ist? Das wüsste ich selbst gern.
Irgendwann spielte sie dann Radioheads "Creep", vermutlich eins der besten Lieder aller Zeiten, und nein, darüber ist eine Diskussion mit mir vollkommen unsinnig, von Anfang an zum Scheitern verurteilt und absolute Lebenszeitverschwendung. Eins der besten Lieder aller Zeiten. Punkt.
Sie spielte und sang "Creep" und sie spielte und sang das so gut, dass ich extrem beeindruckt war und beinahe lautstark applaudiert hätte, als sie den Song beendet hatte.
Ich habe sie dann zu einem Kaffee eingeladen und ihr eine ihrer Demo-CDs abgekauft und die höre ich heute noch gern.
Gute sechs Monate später hat sie es im TV beim unsäglichen DSDS versucht und wurde von ausgemachten Experten wie Bohlen und den beiden Lutschern von "Tokio Hotel" in Grund und Boden gedisst. Zu wenig Oberweite und zu viel im Kopf, so in etwa werden die Ausschlusskriterien gelautet haben.
Warum man mit so viel Talent ausgerechnet zu einem DSDS-Casting rennt, zu einer Show also, in der es zweifellos zu 90 Prozent um die Optik und nicht das Können geht, verstehe ich allerdings bis heute nicht.
Heute sitzt die Gute vermutlich wieder irgendwo in der Hauptstadt an einer Straßenecke, spielt auf ihrer Gitarre und singt. "Elen" ist ihr Künstlername, wenn ihr sie seht: Bleibt stehen und hört einen Moment zu. Das lohnt sich.
Während ich so in meinen Erinnerungen schwelge und mir denke, dass der Wuschelkopf unmöglich besser sein kann, hat der sein Equipment fertig aufgebaut, schaut etwas schüchtern in die Runde, räuspert sich und stellt sich leise vor.
"Hi, ich bin Basti und ich mag keine Spitznamen. Wie ist denn das Spiel ausgegangen?". Als ihm jemand das Endergebnis zuruft, schaut er verwirrt und zuckt mit den Schultern.
"Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist, ich habe keine Ahnung von Fußball. Egal, ich fang mal an zu spielen."
Das tut er dann auch.
Robbie Williams, "Angels". Unkaputtbar, das Lied. Nicht originell, aber das er gut ist, merkt man schon nach wenigen Augenblicken.
Als nächstes Duran Duran - "Ordinary world". Das Lied mag ich und hab es auf der Straße noch nie gehört, er sammelt Pluspunkte.
Danach die Red Hot Chili Peppers mit "Under the bridge", die Band kann ich mal gar nicht leiden, das Lied ist ok. Pluspunkte. Dann irgendwas, das ich nicht kenne, es gefällt mir aber. Danach Oasis. "Wonderwall"? Neeh, "Don`t look back in anger". Auch nicht sonderlich kreativ, aber immerhin bringt er nicht den Gassenhauer schlechthin. Außerdem solide gespielt und gesungen. Der Junge kann was, er muss es nur allmählich mal zeigen.
Mein Bier ist so gut wie leer und ich rechne damit, dass er jetzt weiter das standardisierte Staßenmusiker-Ding durchzieht, für das es irgendwo in muffigen Kellerräumen des Bezirksamtes Altona ganz sicher einen Pappkarton voller Akten mit Regelungen und Playlists gibt - aber nein.
Tut er nicht.
Der Typ spielt die Nine Inch Nails! "We`re in this together", live und akustisch (dass das überhaupt geht!!) unter der S-Bahn-Brücke am Bahnhof Sternschanze. Das Lied, das definitiv auf meiner Hochzeit gespielt werden wird, sollte es mal so weit kommen... Beim Refrain singt er auch nicht mehr, er brüllt und rotzt den Text in sein Mikro und da ich die Nine Inch Nails bisher zu meiner Schande noch nie live gesehen habe, ist das die verdammt nochmal beste Live-Version, die ich von diesem Lied je gehört habe. Ich benutze das Wort selten und ungern, aber: Ist das geil!
Die Zahl der Zuhörenden hat sich inzwischen mindestens verdreifacht, es wird geklatscht, gejubelt, die drei zugedröhnten Punker um die 40, die einige Meter weiter etwas motivationslos auf einer Bongo herum trommelten, um Kleingeld für Gras zu erschnorren, haben das nun aufgegeben, stehen in vorderster Front und schlagen sich abwechselnd, während sie ein paar Zentimeter in die Höhe springen, die Ellenbogen in die Rippen. Bekiffter Pseudo-Pogo während eines akustischen Straßenkonzerts. Das ist auch neu.
Basti, der keine Spitznamen mag, gefällt das aber und er fragt die Punks nach einem Musikwunsch.
"Sex Pistols, Digger!"
Sex Pistols? Kein Problem! Kann er. Hat er drauf. Spielt er. Und wie! Ich bilde mir ein, Freudentränen in den Augen der in die Jahre gekommenen Revoluzzer zu sehen.
So geht das dann noch eine Weile weiter.
Metallica - "The unforgiven", NoFx - "Kill all the white men", Blink 182 - "All the small things", zwischendurch hat er mal einen Hänger, als er einem Mädchen mit tiefem Ausschnitt frech grinsend und auf eben diesen schielend ihren Wunsch nach Coldplay erfüllt. Ich weiß nicht, wie das Lied heißt und er verkackt es auch ziemlich, das ist aber vollkommen egal. "Noooobody saaaaid it was easy, it`s such a shame for us to paaaaart, lalala" und so weiter.
Eine Polizeistreife fährt langsam vorbei, wie in Zeitlupe, hat was von einem dokumentarischen Ghetto-Film à la "Do the right thing" von Spike Lee.
Wenn noch mehr Zuhörer stehenbleiben, dann ist der Gehweg bald komplett verstopft. Es herrscht Gedränge und die Cops haben da ein Auge drauf.
"Ich glaube, das wird hier bald offiziell beendet." sagt Basti, der keine Spitznamen mag, grinsend in sein Mikro und macht mit deutschen Songs weiter.
Tocotronic - "Gegen den Strich", Die Sterne - "Was hat dich bloß so ruiniert", ich feiere das, das war DER Song meiner Jugend und lief auf dem Ghettoblaster in der Schul-Cafeteria in den großen Pausen rauf und runter, bis irgendwann das Tape den Geist aufgab!
Als er dann Muff Potter`s "Wir sitzen so vorm Molotow" raus haut, möchte ich ihn am liebsten umarmen! Mein Gott, wie ich diese Band vermisse...
Zwei Lieder später rücken dann tatsächlich die Uniformierten an und "beenden die Aktion". Weil es zu laut ist, Anwohnerbeschwerde und so, blablabla. Das übliche Ding.
In eine Szene-Gegend ziehen, weil man es mit Anfang/Mitte zwanzig cool und super findet, mitten drin zu sein im Nachtleben, fünf, sechs, sieben, acht Jahre später, wenn man meint, "seriös" und "zu alt" für eben das geworden zu sein und schlimmstenfalls seine Spießer-Gene bereits weiter vererbt hat, ruft man wegen dem, was man damals so toll fand, die Staatsgewalt.
Ruhestörung. In der Schanze. Samstag nachts. Um irgendwas gegen halb zwei oder so.
Finde den Fehler.
Das ist so, als wenn irgendwelche Zugezogenen in Berlin-Kreuzberg der Lautstärke wegen gegen Clubs klagen und die deswegen geschlossen werden.
Oh, wait...
Basti, der keine Spitznamen mag, spielt noch schnell ein paar Takte vom "Folsom prison blues" und baut dann ab, die Cops beobachten genauestens. Der musizierende Schwerstverbrecher muss im Auge behalten werden.
Vom letzten Kleingeld habe ich am Bahnhofs-Kiosk noch zwei Bier geholt, eins drücke ich ihm in die Hand und wir stoßen an.
Ein kurzes Gespräch nur, er ist nicht aus Hamburg sondern wie ich aus der Provinz, er reist herum und macht Musik und er will weiter und anderswo spielen, Altona, Landungsbrücken, egal. Ich empfehle ihm den Park Fiction oberhalb der Hafenstraße und erkläre ihm den Weg dorthin. Findet er gut. Da will er spielen, sagt er. Und, dass er die Nacht durchmachen wird, denn am Vormittag hat er eine Mitfahrgelegenheit Richtung Süden.
"Die fährt bis nach Wien. Mal gucken, wo ich aussteige." grinst er und verschwindet nach einem fist bump mit seinem Gepäck Richtung Hafen.
Und ich gehe zur Bahn und fahre nach Hause. Kopfhörer auf, entspannende Musik an, Augen zu...
Für das Konzert von Basti, der keine Spitznamen mag, hätte ich Eintritt gezahlt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Großes Kino.
Die Chancen, dass er bei DSDS und Konsorten auftaucht, sicd glücklicherweise äußerst gering.
Gut so!
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Menschen,
Musike/Konzerte
Sonntag, 8. Dezember 2013
Über deutsche Comedians, Emo-Bands und ein 0-7.
Eine gute Freundin bat mich, für sie den Eintrittspreis eines Auftrittes von "Y-Titty" im ASTRA-Kulturhaus in Berlin zu eruieren, da sie dazu scheinbar nicht selbst in der Lage ist. Ich musste ihr auch schon erklären, wie man googlet, offensichtlich bin ich bei der Mission aber gescheitert. Ansonsten hätte ich nicht nach Preisen für Auftritte von "Y-Titty" in der Hauptstadt suchen müssen.
Und überhaupt...
"Bitte wer? Titten?!?"
"Nein. Y-Titty. Wei-Titti! Die machen Comedy! Auf youtube!"
"Ach, youtube kennste, aber mit Google kannste nicht umgehen?"
"Ja, youtube brauche ich ja regelmäßig."
"Du weißt nicht, wie man googlet (bitte hier eine bebende Stimme vorstellen), du BRAUCHST aber Youtube regelmäßig!?"
"Klar! Um Y-Titty zu schauen!"
Natürlich. Warum frage ich überhaupt...?
Der Kartenpreis ist schnell herausgefunden, ein stolzer Preis, nur ein Konzert, das ich je besucht habe, war teurer und auf dem war ich nicht wegen der Band sondern ausschließlich wegen der weiblichen Begleitung, das zählt also gar nicht so richtig.
Als ich den Kartenpreis übermittele, wird am anderen Ende der Telefonleitung fröhlich gejuchzt und gequiekt und ich habe meine gute Tat des Tages hiermit offiziell getan. Mir wird noch mit auf den Weg gegeben, ich solle mir "Wei-Titti" doch auch mal anschauen, auf Youtube, wo sonst. Das habe ich unterlassen. Comedy in Deutschland ist, abgesehen von Schneider (Helge, nicht Martin) und Nuhr nicht meine Welt. Zu plump, zu gewollt, zu sehr mit dem Kopf durch die Wand. Witz komm raus, du bist umzingelt. Wenn ich Gestalten wie Barth, Schmitz oder Schneider (Martin, nicht Helge) im TV sehe, dann ist mir nicht zum Lachen, eher zum Weinen. Oder zum Erhängen. Damit das Elend ein Ende hat.
Noch schlimmer als die drei oben genannten Knallchargen sind nur noch die unvermeidliche Cindy aus Marzahn, bei der mir außer den Augen auch die Ohren bluten und Kaya Yanar, der König, Kaiser und wegen mir auch Mullah der Liste der nervendsten "Comedians", der seit EWIGkeiten die immer gleichen Witze bringt, die jedes einzelne Mal auf seiner türkischen Herkunft und den damit einhergehenden wohlbekannten Klischees aufbauen, die es bei Normaldenkenden schon seit Jahren nicht mehr gibt. Oder geben sollte. Im Ernst, wenn ich ab und zu aus Versehen in seine dämliche Show rein zappe, dann schau ich mir den Mist zwei Minuten an und kann meist die aufkommende Pointe mitsprechen, weil sie so dermaßen ersichtlich ist. Und weil ich sie seit Jahren kenne. Auch ist es schon lange nicht mehr lustig (falls es das überhaupt mal war), Videos von Omas, die auf dem Gehweg von einem Windstoß umgepustet werden und stürzen, mit künstlichen Lachern hinterlegt im TV zu zeigen, um dann einen dümmlichen (auch schon Jahre alten) Spruch à la "Guckstu, ist Kartoffel, kann nicht laufen, nur rollen!" zu bringen. (Das nur als Beispiel, da ich eben das vor einiger Zeit beim durch die Gegend zappen in betreffender Show sah).
Ist nicht lustig, weisstu? Ist eher peinlich.
Schwör!
Ich habe mir also "Y-Titty" auf Youtube nicht angesehen. Stattdessen scrollte ich auf der Seite des Kartendealers meines Vertrauens ein wenig durch die Gegend und fand exakt ein für mich interessantes Konzert in der Hauptstadt und in näherer Zukunft. Die "Nine Inch Nails". Für nen Fuffi aufwärts.
"Die müssen alle wahnsinnig geworden sein!" murmelte ich entnervt vor mich hin, als mein Blick an einem Bandnamen hängen blieb.
"A day to remember".
Die Band "kenn" ich noch aus "myspace"-Zeiten. Kennt noch jemand "myspace"? Wo Menschen hingebungsvoll jeden Tag stundenlang an der Optik ihres Profils schraubten und mindestens einmal wöchentlich die Top-Ten-Freundesliste änderten, was dann vermutlich immer zu leidigen "Diskussionen" führte?
Das waren noch Zeiten...vor sieben, acht Jahren.
Ich hab zwar weder je groß am Profil geschraubt noch meine Freunde auf einer virtuellen Liste hin und her geschoben, aber ich fand dort mal zufällig eine Band namens "A day to remember". Das war mitten in dieser ekligen Emo-Phase, in der die gesamte Musik der "Szene" exakt gleich klang und die Fans eben dieser "Szene" auch exakt gleich aussahen, das Geschlecht war dabei egal. Alle optisch uniformiert durch schwarze Klamotten, möglichst viel Metall im Gesicht und wenn man so RICHTIG "Emo" sein wollte, dann toupierte man sich die Haare über beide Augen, sodass man auch garantiert nichts mehr sehen konnte und nahm dann einen Blindenstock oder einen Helfer, um das Messer zum Ritzen zu finden, während "My chemical romance" aus den Boxen weinten.
"A day to remember" war damals anders. Gute Musik, Akkustik-Gitarre, bisschen Schlagzeug, guter Gesang, gute Texte mit Aussage. Ich steh zwar zumeist auf Gebretter, aber damit konnte ich was anfangen. Ich hatte einen neuen "myspace-Freund".
Ein Jahr später (müsste 2006 gewesen sein) ging die Band auf Tournee durch Europa und ich bekam auf "myspace" eine Nachricht. Zusammengefasst wurde mir mitgeteilt, dass die Band in ein paar Tagen Auftritte in Berlin und Frankfurt hätte, danach gäbe es zwei freie Tage und an einem von denen würden sie gern in Hamburg spielen, da die Reise von FFM aus Richtung Dänemark ginge. Ich wurde gefragt, ob ich nicht eventuell einen Club wüsste, der Bock auf eine Liveband hat. Clubs kannte ich einige, leider waren aber alle belegt oder hatten kein Interesse. Also traf ich die Band einfach so und wir haben uns ordentlich betrunken. War auch lustig.
Und jetzt steht "A day to remember" also auf der Liste der in nächster Zeit anstehenden berliner Konzerte.
Nix mehr "Hilfe, dürfen wir bitte irgendwo spielen?" wie damals. Stattdessen Columbia-Halle!
Nix mehr Akkustik-Gitarre und gute Texte. Nun gewollter "Boyband-Emo-Popcore" mit einstudierten Moves in den Videos und einer Extraportion Make-Up vorm Auftritt. Aufgestylte Pseudos. "Wir wollen harte Jungs sein und gleichzeitig die Zielgruppe von vierzehn bis achtzehn bedienen." So kommt das rüber. Peinlich! Eklig! Schleimig! Nein, ich verlinke garantiert kein Video von der Scheißmusik!
Eine Karte für das Konzert kostet übrigens ab 29,95€ aufwärts.
Im Normalfall gönne ich Bands, die ganz unten angefangen haben, ihren Erfolg. Das Ding durchziehen, alles auf eine Karte setzen, entweder klappt es oder es klappt nicht. Der eigenen Linie treu bleiben, das ist, was zählt.
Von "Underground" zu "Mainstream" wechseln? Albern. Ätzend. Entweder steh ich hinter dem Ding, das ich grad mache oder eben nicht. Und in dem Fall spiele ich direkt irgendeine verblödete RnB-Scheiße oder rappe darüber, wie ich Nutten im Koksrausch ficke. Damit kommt man in die Top Ten.
Oder eben mit langweilig hingehauenem Mischmasch aus Popmusik und gewolltem aber nicht gekonntem Gebretter. Mehr schlecht als recht vorgetragen und nichtmal ansatzweise gut - aber was soll`s. Dreck verkauft sich halt.
Und solche Spinner haben mal in meiner Bude geknackt...mein Gott, DAS ist mir peinlich.
Zum Fußball-Wochenende:
Null zu sieben? Neeh, aus dem Postleitzahlen-Gebiet kenn ich niemanden.
Bitte was??
Endergebnis? Bundesliga?? Hör auf, du scherzt doch!
War Fußball am Samstag??? Hab ich nich mitgekriegt. Is mir auch egal. Fußball. Pfff.
Ich weiß von nix.
Und überhaupt...
"Bitte wer? Titten?!?"
"Nein. Y-Titty. Wei-Titti! Die machen Comedy! Auf youtube!"
"Ach, youtube kennste, aber mit Google kannste nicht umgehen?"
"Ja, youtube brauche ich ja regelmäßig."
"Du weißt nicht, wie man googlet (bitte hier eine bebende Stimme vorstellen), du BRAUCHST aber Youtube regelmäßig!?"
"Klar! Um Y-Titty zu schauen!"
Natürlich. Warum frage ich überhaupt...?
Der Kartenpreis ist schnell herausgefunden, ein stolzer Preis, nur ein Konzert, das ich je besucht habe, war teurer und auf dem war ich nicht wegen der Band sondern ausschließlich wegen der weiblichen Begleitung, das zählt also gar nicht so richtig.
Als ich den Kartenpreis übermittele, wird am anderen Ende der Telefonleitung fröhlich gejuchzt und gequiekt und ich habe meine gute Tat des Tages hiermit offiziell getan. Mir wird noch mit auf den Weg gegeben, ich solle mir "Wei-Titti" doch auch mal anschauen, auf Youtube, wo sonst. Das habe ich unterlassen. Comedy in Deutschland ist, abgesehen von Schneider (Helge, nicht Martin) und Nuhr nicht meine Welt. Zu plump, zu gewollt, zu sehr mit dem Kopf durch die Wand. Witz komm raus, du bist umzingelt. Wenn ich Gestalten wie Barth, Schmitz oder Schneider (Martin, nicht Helge) im TV sehe, dann ist mir nicht zum Lachen, eher zum Weinen. Oder zum Erhängen. Damit das Elend ein Ende hat.
Noch schlimmer als die drei oben genannten Knallchargen sind nur noch die unvermeidliche Cindy aus Marzahn, bei der mir außer den Augen auch die Ohren bluten und Kaya Yanar, der König, Kaiser und wegen mir auch Mullah der Liste der nervendsten "Comedians", der seit EWIGkeiten die immer gleichen Witze bringt, die jedes einzelne Mal auf seiner türkischen Herkunft und den damit einhergehenden wohlbekannten Klischees aufbauen, die es bei Normaldenkenden schon seit Jahren nicht mehr gibt. Oder geben sollte. Im Ernst, wenn ich ab und zu aus Versehen in seine dämliche Show rein zappe, dann schau ich mir den Mist zwei Minuten an und kann meist die aufkommende Pointe mitsprechen, weil sie so dermaßen ersichtlich ist. Und weil ich sie seit Jahren kenne. Auch ist es schon lange nicht mehr lustig (falls es das überhaupt mal war), Videos von Omas, die auf dem Gehweg von einem Windstoß umgepustet werden und stürzen, mit künstlichen Lachern hinterlegt im TV zu zeigen, um dann einen dümmlichen (auch schon Jahre alten) Spruch à la "Guckstu, ist Kartoffel, kann nicht laufen, nur rollen!" zu bringen. (Das nur als Beispiel, da ich eben das vor einiger Zeit beim durch die Gegend zappen in betreffender Show sah).
Ist nicht lustig, weisstu? Ist eher peinlich.
Schwör!
Ich habe mir also "Y-Titty" auf Youtube nicht angesehen. Stattdessen scrollte ich auf der Seite des Kartendealers meines Vertrauens ein wenig durch die Gegend und fand exakt ein für mich interessantes Konzert in der Hauptstadt und in näherer Zukunft. Die "Nine Inch Nails". Für nen Fuffi aufwärts.
"Die müssen alle wahnsinnig geworden sein!" murmelte ich entnervt vor mich hin, als mein Blick an einem Bandnamen hängen blieb.
"A day to remember".
Die Band "kenn" ich noch aus "myspace"-Zeiten. Kennt noch jemand "myspace"? Wo Menschen hingebungsvoll jeden Tag stundenlang an der Optik ihres Profils schraubten und mindestens einmal wöchentlich die Top-Ten-Freundesliste änderten, was dann vermutlich immer zu leidigen "Diskussionen" führte?
Das waren noch Zeiten...vor sieben, acht Jahren.
Ich hab zwar weder je groß am Profil geschraubt noch meine Freunde auf einer virtuellen Liste hin und her geschoben, aber ich fand dort mal zufällig eine Band namens "A day to remember". Das war mitten in dieser ekligen Emo-Phase, in der die gesamte Musik der "Szene" exakt gleich klang und die Fans eben dieser "Szene" auch exakt gleich aussahen, das Geschlecht war dabei egal. Alle optisch uniformiert durch schwarze Klamotten, möglichst viel Metall im Gesicht und wenn man so RICHTIG "Emo" sein wollte, dann toupierte man sich die Haare über beide Augen, sodass man auch garantiert nichts mehr sehen konnte und nahm dann einen Blindenstock oder einen Helfer, um das Messer zum Ritzen zu finden, während "My chemical romance" aus den Boxen weinten.
"A day to remember" war damals anders. Gute Musik, Akkustik-Gitarre, bisschen Schlagzeug, guter Gesang, gute Texte mit Aussage. Ich steh zwar zumeist auf Gebretter, aber damit konnte ich was anfangen. Ich hatte einen neuen "myspace-Freund".
Ein Jahr später (müsste 2006 gewesen sein) ging die Band auf Tournee durch Europa und ich bekam auf "myspace" eine Nachricht. Zusammengefasst wurde mir mitgeteilt, dass die Band in ein paar Tagen Auftritte in Berlin und Frankfurt hätte, danach gäbe es zwei freie Tage und an einem von denen würden sie gern in Hamburg spielen, da die Reise von FFM aus Richtung Dänemark ginge. Ich wurde gefragt, ob ich nicht eventuell einen Club wüsste, der Bock auf eine Liveband hat. Clubs kannte ich einige, leider waren aber alle belegt oder hatten kein Interesse. Also traf ich die Band einfach so und wir haben uns ordentlich betrunken. War auch lustig.
Und jetzt steht "A day to remember" also auf der Liste der in nächster Zeit anstehenden berliner Konzerte.
Nix mehr "Hilfe, dürfen wir bitte irgendwo spielen?" wie damals. Stattdessen Columbia-Halle!
Nix mehr Akkustik-Gitarre und gute Texte. Nun gewollter "Boyband-Emo-Popcore" mit einstudierten Moves in den Videos und einer Extraportion Make-Up vorm Auftritt. Aufgestylte Pseudos. "Wir wollen harte Jungs sein und gleichzeitig die Zielgruppe von vierzehn bis achtzehn bedienen." So kommt das rüber. Peinlich! Eklig! Schleimig! Nein, ich verlinke garantiert kein Video von der Scheißmusik!
Eine Karte für das Konzert kostet übrigens ab 29,95€ aufwärts.
Im Normalfall gönne ich Bands, die ganz unten angefangen haben, ihren Erfolg. Das Ding durchziehen, alles auf eine Karte setzen, entweder klappt es oder es klappt nicht. Der eigenen Linie treu bleiben, das ist, was zählt.
Von "Underground" zu "Mainstream" wechseln? Albern. Ätzend. Entweder steh ich hinter dem Ding, das ich grad mache oder eben nicht. Und in dem Fall spiele ich direkt irgendeine verblödete RnB-Scheiße oder rappe darüber, wie ich Nutten im Koksrausch ficke. Damit kommt man in die Top Ten.
Oder eben mit langweilig hingehauenem Mischmasch aus Popmusik und gewolltem aber nicht gekonntem Gebretter. Mehr schlecht als recht vorgetragen und nichtmal ansatzweise gut - aber was soll`s. Dreck verkauft sich halt.
Und solche Spinner haben mal in meiner Bude geknackt...mein Gott, DAS ist mir peinlich.
Zum Fußball-Wochenende:
Null zu sieben? Neeh, aus dem Postleitzahlen-Gebiet kenn ich niemanden.
Bitte was??
Endergebnis? Bundesliga?? Hör auf, du scherzt doch!
War Fußball am Samstag??? Hab ich nich mitgekriegt. Is mir auch egal. Fußball. Pfff.
Ich weiß von nix.
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Musike/Konzerte,
Rant,
Sport
Samstag, 9. November 2013
In uneigener Sache: Werbung für "Down when hungry"
Ich will den Laden hier ja nicht zur Werbe-/Bewertungsplattform verkommen lassen, aber in diesem Fall (und eventuell später folgenden) mache ich mal eine Ausnahme und werbe.
"Down when hungry" spielen heute Abend im Prenzlauer Berg in Berlin.
"Down when hungry" sind Bastian und Max, zwei meiner besten Hauptstadt-Freunde.
"Down when hungry" spielen laut eigener Beschreibung "alternativen Folk".
Das Konzert heute Abend ist ihr ALLERERSTES Konzert als Band.
Ich gestehe, ich habe bisher nicht ein einziges Lied der neu formierten Band gehört, bis vor ein paar Tagen wusste ich nichtmal, dass es eine neue Band gibt.
Aber ich habe mehrmals Max sowohl Gitarre spielen als auch singen gehört - richtig gut! - und ich habe Basti mit seiner ehemaligen(?)/anderen Band "Bugfryer" live erlebt - ebenfalls richtig gut! Hier oder hier kann man hören, wie "Bugfryer" so klingen. Aufgenommen auf dem "Fackeln und Forken Open Air 2010", ein kleines Festival, das Teile meiner Berliner Clique ganz allein auf die Füße gestellt haben. Es war großartig und ich hoffe noch immer sehr auf eine Wiederholung!
Aber darum soll`s ja nicht gehen...
Heute Abend! 20 Uhr! In der "Rumbalotte", Metzer Straße 9, 10405 Berlin, drei Minuten Fußweg von der U Senefelder (U2).
Eintritt frei!
Wetzt meine Scharte aus. Geht hin, ich kann ja nicht. Entfernung und so...
Ich wäre super-gern dabei, aber die paarhundert Kilometer von HH nach B schaffe ich leider in den verbleibenden elf Stunden nicht zu Fuß...
Also, liebe Freunde und Leser aus Balin...bewegt die Hauptstadt-Ärsche in die "Lotte", kost nix, Bier schmeckt, Wein schmeckt, rauchen dürfta och und die Musike wird garantiert eine gute sein - es sei denn, ihr steht auf Scooter oder Rihanna...dann rate ich zur Flucht.
Wenn ihr also nichts besseres zu tun habt heut Abend: Ab dafür. Basti freut sich. Max freut sich. Und ich freu mich.
Und ihr euch hoffentlich auch!
"Down when hungry" spielen heute Abend im Prenzlauer Berg in Berlin.
"Down when hungry" sind Bastian und Max, zwei meiner besten Hauptstadt-Freunde.
"Down when hungry" spielen laut eigener Beschreibung "alternativen Folk".
Das Konzert heute Abend ist ihr ALLERERSTES Konzert als Band.
Ich gestehe, ich habe bisher nicht ein einziges Lied der neu formierten Band gehört, bis vor ein paar Tagen wusste ich nichtmal, dass es eine neue Band gibt.
Aber ich habe mehrmals Max sowohl Gitarre spielen als auch singen gehört - richtig gut! - und ich habe Basti mit seiner ehemaligen(?)/anderen Band "Bugfryer" live erlebt - ebenfalls richtig gut! Hier oder hier kann man hören, wie "Bugfryer" so klingen. Aufgenommen auf dem "Fackeln und Forken Open Air 2010", ein kleines Festival, das Teile meiner Berliner Clique ganz allein auf die Füße gestellt haben. Es war großartig und ich hoffe noch immer sehr auf eine Wiederholung!
Aber darum soll`s ja nicht gehen...
Heute Abend! 20 Uhr! In der "Rumbalotte", Metzer Straße 9, 10405 Berlin, drei Minuten Fußweg von der U Senefelder (U2).
Eintritt frei!
Wetzt meine Scharte aus. Geht hin, ich kann ja nicht. Entfernung und so...
Ich wäre super-gern dabei, aber die paarhundert Kilometer von HH nach B schaffe ich leider in den verbleibenden elf Stunden nicht zu Fuß...
Also, liebe Freunde und Leser aus Balin...bewegt die Hauptstadt-Ärsche in die "Lotte", kost nix, Bier schmeckt, Wein schmeckt, rauchen dürfta och und die Musike wird garantiert eine gute sein - es sei denn, ihr steht auf Scooter oder Rihanna...dann rate ich zur Flucht.
Wenn ihr also nichts besseres zu tun habt heut Abend: Ab dafür. Basti freut sich. Max freut sich. Und ich freu mich.
Und ihr euch hoffentlich auch!
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Berlin Berlin,
Musike/Konzerte
Sonntag, 20. Oktober 2013
Mit der Lieblingsband in der Markthalle
Montag Morgen, die Augen sind verklebt, der Nacken schmerzt, in den Ohren klirrt es, alles in allem ein Gefühl, als hätte einen am Abend zuvor ein Bus überfahren.
Der Bus heißt "boysetsfire" und hat mich mal wieder mit voller Breitseite erwischt. Die allerliebste Lieblingsband hat sich unheiligerweise einen Sonntag Abend ausgesucht, um das Hamburger Publikum zu beglücken und mir mal ordentlich die Gehörgänge frei zu pusten.
Das hat ganz gut geklappt.
Rückblende. Vor dem Konzert, 19.30 Uhr.
Inmitten einer großen Gruppe der üblichen schwarz gekleideten, volltätowierten und an seltsamsten Stellen gepiercten Verdächtigen nuckele ich an meinem Bier und warte vor der Markthalle auf Kumpel N., der die Tickets hat. Mit zehn Minuten Verspätung taucht er auf und hebt sich mit seinem weiß/rosa karierten Hemd deutlichst vom Rest der Konzertbesucher ab. Meinen fragenden bis vorwurfsvollen Blick kommentiert er mit "Sorry, vor sieben Stunden saß ich noch auf dem Oktoberfest! Komm grad frisch aus dem Flieger...".
Das macht`s nicht besser. Die Tickets fischt er aus seinem Rucksack. Din A4, ausgedruckt auf vermutlich wiederverwertbarem Papier, streng mittig gefaltet.
In meinen über zehn Jahren in Hamburg war ich auf locker 20 Konzerten in der Markthalle, die ist eine Legende in der norddeutschen Konzertgänger-Szene. Zumeist waren die Konzerte großartig, einige Ausfälle waren auch dabei, das lässt sich nicht ändern.
Ich verbinde einige Erinnerungen mit diesem Ort.
Die Narbe, die fast komplett meine linke Augenbraue durchzieht, habe ich mir im Dezember 2004 beim "Fuck X-mas Festival" abgeholt, ein Ellenbogen traf mich beim Toben vor der Bühne, das Blut spritzte, die weibliche Begleitung quiekte, ein riesengroßer Volltätowierter, zu dem der Ellenbogen gehörte, kollabierte fast und der eilig herbeigerufene Sanitäter lobte, meine sei "die sauberste Platzwunde, die er je gesehen hat". Er musste nichtmal nähen, er pappte nur ein Pflaster drauf. "Die wächst von allein wieder zu, so eine tolle Platzwunde ist das!" verkündete er strahlend. Im Platzwunden-Heftchen hätte er mir garantiert einen lachenden Smilie gestempelt! Der Freak...
Mit meinem blutigen Shirt und meiner supertollen selbstheilenden Platzwunde war ich dann der Held auf dem Konzert, selbst die Band fragte von der Bühne hinab nach meinem Befinden.
2006 versuchte hier jemand, meine Herzdame zu küssen, was ich nicht so angebracht fand und per rechtem Haken "verhinderte". Folge war ein einjähriges Hausverbot...wer konnte denn auch ahnen, dass der dickliche Typ der Bassist der auftretenden Band war? Ich wusste das zumindest nicht. Es war mir dann aber auch egal. Falsche Frau geküsst, Arsch! Und deine Band? Unter "ferner liefen"...
Das Konzert fand trotdem statt, die Band war aber doch merklich verstimmt und ergo war der Auftritt unmotiviert und sehr kurz.
Wurde mir erzählt. Von einem Freund. Ich war ja nicht mehr dabei und auch meine damals bessere Hälfte hatte keine Lust mehr auf das Konzert. Sie hat sogar den Eintritt erstattet bekommen. Denn sie konnte ja wegen "eines unglücklichen Zwischenfalls" nicht am Konzert teilnehmen.
Tags drauf zappte ich durchs TV-Programm und sah die Band wieder, sie hockte im Berliner VIVA-Studio und entschuldigte die Abwesenheit ihres Bassisten, der habe am Abend vorher "eine kleine Meinungsverschiedenheit" gehabt und sei jetzt beim Zahnarzt.
Ich musste ein bisschen grinsen.
Zurück zum Konzert. Dem, um das es geht.
06.10.: Abend. N. und ich sind die Treppen zum Eingang hinaufgestiegen, die Securities waren sehr freundlich und "kompetent". "Mach mal den Rucksack auf bitte!". Tat ich gern. Er, ein Schrank von Kerl, guckte drei Sekunden lang rein. "Alles klar, du bist sauber!" - "Wollen sie mich nicht abtasten? So kenn ich das zumindest von anderswo!?" hab ich dann gefragt. Er klopfte mir zweimal gegen den Oberarm und einmal gegen die Hüfte. "Alles klar, du bist sauber!" Eine absolute Fachkraft! Ich habe mir dann ausgemalt, wo ich die Bombe versteckt hätte, hätte ich denn eine gehabt. In den Socken. In der Bauchtasche, die meine KaPus ja nun mal haben. Eher in den Socken. Die wären dann nach dem Konzert quasi Stinkbomben.
Da uns die Support-Bands herzlich egal waren, orderten N. und ich erstmal ein Bier an der Bar im ziemlich großen Vorraum des Konzertsaales. Das ging fix und mit unseren mehr oder weniger bis zum Eichstrich gefüllten Plastebechern, beobachteten N. und ich die Mitmenschheit, die sich am Bierstand und an den Tischen mit dem Merch tummelte. Man konnte sogar iPhone-Hüllen mit dem Emblem meiner liebsten Band kaufen. Ich schaute etwas ungläubig.
Kumpel N. kaufte so eine iPhone-Hülle. Aus Gummi. Für fünf Taler. Ich schaute noch ungläubiger.
Besser noch ein Bier im Plastebecher. Immerhin "Astra". Eine iPhone-Hülle aus Gummi mit Band-Emblem. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll.
Das Bier war fast geleert und wir beschlossen, in den Konzertsaal zu wechseln. Der bietet in etwa 1000 Menschen Platz, vielleicht sogar 1200 oder 1500, ich weiß es nicht genau und kann es auch nicht schätzen, Lust auf Recherche bei Tante "Wiki" habe ich auch nicht, denn egal wie man es dreht oder wendet: Neben mir sind in der Markthalle zuviele andere Konzertgänger. Punkt.
Ein Konzert mit mehr als 250 Zuhörern ist immer erstmal nicht mein Fall, leider hat meine Lieblingsband diese Marke bereits vor einigen Jahren deutlich überschritten und füllt nun Hallen. Besucherzahl lässig vierstellig. Ich gönne es den Jungs, motze aber still in mich hinein, denn ich teile nicht gern.
An meinem Geburtstag 2006 sah ich boysetsfire in einem winzigen Schuppen in HH zusammen mit maximal 90 anderen, ein besseres Geburtstagsgeschenk werd ich wohl nie wieder bekommen.
Zurück zur Markthalle:
Der Sound ist seit Jahren großartig und auch dieses Konzert macht da keine Ausnahme...
...los geht es mit "Walk astray" und es dauert keine fünf Sekunden bis ich Pipi in den Augen habe. Das Intro von "Walk astray" haut mich jedes Mal um. Da ich noch gedankenverloren bin, krieg ich auch direkt nach dem Intro, wenn das Lied vorsichtig formuliert "Fahrt aufnimmt" (von 0 auf 100 in 1,4 Sekunden) direkt mal einen fliegenden Unterarm in die Fresse und die Tränen der Rührung weichen Schmerztränen. Ein Unterarm krachend auf die Nasenspitze ist alles, aber nicht schön. Selbst ein Tritt in die Familienplanung ist da netter...
Der Schmerz vergeht, die Nase ist noch ganz und aus sicherer Entfernung erlebe ich dann weiter die Show und gestehe mir ein:
Das ist der Moment, an dem man mit Mosh-Pits, Geprügel vor der Bühne und Stage-diving abschließt. Traurig, aber man ist halt mit 34 allmählich wie Roger Murtaugh in "Lethal weapon": Too old for that shit!
Kumpel N. in seinem karierten Hemd schaut irritiert, als ich wieder bei ihm auftauche. "Wie war`s?" - "Ach, wie damals! Nur mehr Asis!" - "Früher war also besser?" - "Auf jeden Fall, weil: weniger Asis!" Früher gab`s neben mehr Lametta auch weniger Deppen, die vor der Bühne herumschlägerten. Früher bekam man einen Tritt oder Ellenbogen ab, das war aber nie absichtlich, der "Täter" half einem hoch und fragte nach, ob alles ok ist. Heute tritt dir jemand mit Absicht ins Kreuz oder ins Gesicht und beim Stage Diven kommt er mit Ellenbogen oder gar den Füßen zuerst runter, seine Kumpels feiern ihn dafür. Das ist nicht mehr mehr meine "Szene". So einen Quatsch brauch ich nicht.
Die Lieblingsband haut Brecher nach Brecher raus..."Handful of redemption", "Rookie", "After the eulogy", bei letzterem fliegt die Faust nach oben und es wird "RISE! RISE! RISE!" gebrüllt.
Irgendwann ist Ende.
Ich bin taub.
Und ich bin glücklich. Von boysetsfire lass ich mir jedes mal wieder gern den Gehörgang frei blasen.
Zwei Mal kullerten tatsächlich fast die Tränen, bei "My life in the knife trade" und bei "Prey", meinem absoluten Lieblingslied vom neuen Album, das zu meiner riesigen Freude in der Mitte des Sets auch gespielt wurde und bei dessen ersten Tönen ich mich in etwa gefühlt habe wie damals als kleiner Junge am Weihnachtsabend. Jede Silbe wird mitgesungen samt verschämten Tränchen im Augenwinkel.
Irgendwann ist Ende.
Vor der Bühne sehe ich Sänger Nathan, er ist wie immer runter zu den Fans gegangen und wird umarmt, fotografiert und in die Seite geknufft und er erträgt das. Nathan ist vermutlich einer der tollsten Menschen der Welt. Man muss ihn getroffen haben, um das nachvollziehen zu können. Ich hatte schon vor dem Konzert beschlossen, ihn danach in Ruhe zu lassen, zum einen war dieses Mal kein gemeinsames Bierchen drin, zum anderen hat der Gute auch grad anderes im Kopf, ist er doch grad Vater geworden. Der ist froh, wenn man ihn in Ruhe lässt, vermute ich...
Raus aus der Markthalle, noch fünf Minuten Small Talk mit N., dann getrennte Wege. Ich zum HBF, er in die andere Richtung zur U Steinstraße.
In der U-Bahn nach Hause geht man mir aus dem Weg. Nassgeschwitzt, schwankender Gang, zufriedenes Grinsen im Gesicht...kann nur einer auf Droge sein.
Und dabei waren`s nur boysetsfire, Adrenalin und Glückshormone plus drei Bier.
Mit klirrenden Ohren und todmüde habe ich dann zuhause auf youtube nach etwas, das dem Konzert gleichkommt, gesucht.
Gefunden habe ich das Konzert in Dortmund vom 04.10.2013. Im Prinzip das gleiche Set, das ich am 06.10.2013 in Hamburg auf die Ohren gehauen bekam. Nur hat sich der Typ, der das Dortmunder Set online gestellt hat, die "Mühe" gemacht, das Intro, den ruhigen, von mir so geliebten Anfangspart von "Walk astray", zu überspielen...mit Quatsch.
Hier das Dortmunder Set mit Quatsch am Anfang. Und mit hübschen Menschen, auch am Anfang.
Und da "Walk astray" eins meiner liebsten Lieder meiner liebsten Band ist, gibt`s das auch noch Mal mit komplettem Intro ohne darübergelegte Kack-Musik.
Ab jetzt heißt es warten auf die nächste Tour der Jungs. Es kann mir nicht schnell genug gehen...
Der Bus heißt "boysetsfire" und hat mich mal wieder mit voller Breitseite erwischt. Die allerliebste Lieblingsband hat sich unheiligerweise einen Sonntag Abend ausgesucht, um das Hamburger Publikum zu beglücken und mir mal ordentlich die Gehörgänge frei zu pusten.
Das hat ganz gut geklappt.
Rückblende. Vor dem Konzert, 19.30 Uhr.
Inmitten einer großen Gruppe der üblichen schwarz gekleideten, volltätowierten und an seltsamsten Stellen gepiercten Verdächtigen nuckele ich an meinem Bier und warte vor der Markthalle auf Kumpel N., der die Tickets hat. Mit zehn Minuten Verspätung taucht er auf und hebt sich mit seinem weiß/rosa karierten Hemd deutlichst vom Rest der Konzertbesucher ab. Meinen fragenden bis vorwurfsvollen Blick kommentiert er mit "Sorry, vor sieben Stunden saß ich noch auf dem Oktoberfest! Komm grad frisch aus dem Flieger...".
Das macht`s nicht besser. Die Tickets fischt er aus seinem Rucksack. Din A4, ausgedruckt auf vermutlich wiederverwertbarem Papier, streng mittig gefaltet.
In meinen über zehn Jahren in Hamburg war ich auf locker 20 Konzerten in der Markthalle, die ist eine Legende in der norddeutschen Konzertgänger-Szene. Zumeist waren die Konzerte großartig, einige Ausfälle waren auch dabei, das lässt sich nicht ändern.
Ich verbinde einige Erinnerungen mit diesem Ort.
Die Narbe, die fast komplett meine linke Augenbraue durchzieht, habe ich mir im Dezember 2004 beim "Fuck X-mas Festival" abgeholt, ein Ellenbogen traf mich beim Toben vor der Bühne, das Blut spritzte, die weibliche Begleitung quiekte, ein riesengroßer Volltätowierter, zu dem der Ellenbogen gehörte, kollabierte fast und der eilig herbeigerufene Sanitäter lobte, meine sei "die sauberste Platzwunde, die er je gesehen hat". Er musste nichtmal nähen, er pappte nur ein Pflaster drauf. "Die wächst von allein wieder zu, so eine tolle Platzwunde ist das!" verkündete er strahlend. Im Platzwunden-Heftchen hätte er mir garantiert einen lachenden Smilie gestempelt! Der Freak...
Mit meinem blutigen Shirt und meiner supertollen selbstheilenden Platzwunde war ich dann der Held auf dem Konzert, selbst die Band fragte von der Bühne hinab nach meinem Befinden.
2006 versuchte hier jemand, meine Herzdame zu küssen, was ich nicht so angebracht fand und per rechtem Haken "verhinderte". Folge war ein einjähriges Hausverbot...wer konnte denn auch ahnen, dass der dickliche Typ der Bassist der auftretenden Band war? Ich wusste das zumindest nicht. Es war mir dann aber auch egal. Falsche Frau geküsst, Arsch! Und deine Band? Unter "ferner liefen"...
Das Konzert fand trotdem statt, die Band war aber doch merklich verstimmt und ergo war der Auftritt unmotiviert und sehr kurz.
Wurde mir erzählt. Von einem Freund. Ich war ja nicht mehr dabei und auch meine damals bessere Hälfte hatte keine Lust mehr auf das Konzert. Sie hat sogar den Eintritt erstattet bekommen. Denn sie konnte ja wegen "eines unglücklichen Zwischenfalls" nicht am Konzert teilnehmen.
Tags drauf zappte ich durchs TV-Programm und sah die Band wieder, sie hockte im Berliner VIVA-Studio und entschuldigte die Abwesenheit ihres Bassisten, der habe am Abend vorher "eine kleine Meinungsverschiedenheit" gehabt und sei jetzt beim Zahnarzt.
Ich musste ein bisschen grinsen.
Zurück zum Konzert. Dem, um das es geht.
06.10.: Abend. N. und ich sind die Treppen zum Eingang hinaufgestiegen, die Securities waren sehr freundlich und "kompetent". "Mach mal den Rucksack auf bitte!". Tat ich gern. Er, ein Schrank von Kerl, guckte drei Sekunden lang rein. "Alles klar, du bist sauber!" - "Wollen sie mich nicht abtasten? So kenn ich das zumindest von anderswo!?" hab ich dann gefragt. Er klopfte mir zweimal gegen den Oberarm und einmal gegen die Hüfte. "Alles klar, du bist sauber!" Eine absolute Fachkraft! Ich habe mir dann ausgemalt, wo ich die Bombe versteckt hätte, hätte ich denn eine gehabt. In den Socken. In der Bauchtasche, die meine KaPus ja nun mal haben. Eher in den Socken. Die wären dann nach dem Konzert quasi Stinkbomben.
Da uns die Support-Bands herzlich egal waren, orderten N. und ich erstmal ein Bier an der Bar im ziemlich großen Vorraum des Konzertsaales. Das ging fix und mit unseren mehr oder weniger bis zum Eichstrich gefüllten Plastebechern, beobachteten N. und ich die Mitmenschheit, die sich am Bierstand und an den Tischen mit dem Merch tummelte. Man konnte sogar iPhone-Hüllen mit dem Emblem meiner liebsten Band kaufen. Ich schaute etwas ungläubig.
Kumpel N. kaufte so eine iPhone-Hülle. Aus Gummi. Für fünf Taler. Ich schaute noch ungläubiger.
Besser noch ein Bier im Plastebecher. Immerhin "Astra". Eine iPhone-Hülle aus Gummi mit Band-Emblem. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll.
Das Bier war fast geleert und wir beschlossen, in den Konzertsaal zu wechseln. Der bietet in etwa 1000 Menschen Platz, vielleicht sogar 1200 oder 1500, ich weiß es nicht genau und kann es auch nicht schätzen, Lust auf Recherche bei Tante "Wiki" habe ich auch nicht, denn egal wie man es dreht oder wendet: Neben mir sind in der Markthalle zuviele andere Konzertgänger. Punkt.
Ein Konzert mit mehr als 250 Zuhörern ist immer erstmal nicht mein Fall, leider hat meine Lieblingsband diese Marke bereits vor einigen Jahren deutlich überschritten und füllt nun Hallen. Besucherzahl lässig vierstellig. Ich gönne es den Jungs, motze aber still in mich hinein, denn ich teile nicht gern.
An meinem Geburtstag 2006 sah ich boysetsfire in einem winzigen Schuppen in HH zusammen mit maximal 90 anderen, ein besseres Geburtstagsgeschenk werd ich wohl nie wieder bekommen.
Zurück zur Markthalle:
Der Sound ist seit Jahren großartig und auch dieses Konzert macht da keine Ausnahme...
...los geht es mit "Walk astray" und es dauert keine fünf Sekunden bis ich Pipi in den Augen habe. Das Intro von "Walk astray" haut mich jedes Mal um. Da ich noch gedankenverloren bin, krieg ich auch direkt nach dem Intro, wenn das Lied vorsichtig formuliert "Fahrt aufnimmt" (von 0 auf 100 in 1,4 Sekunden) direkt mal einen fliegenden Unterarm in die Fresse und die Tränen der Rührung weichen Schmerztränen. Ein Unterarm krachend auf die Nasenspitze ist alles, aber nicht schön. Selbst ein Tritt in die Familienplanung ist da netter...
Der Schmerz vergeht, die Nase ist noch ganz und aus sicherer Entfernung erlebe ich dann weiter die Show und gestehe mir ein:
Das ist der Moment, an dem man mit Mosh-Pits, Geprügel vor der Bühne und Stage-diving abschließt. Traurig, aber man ist halt mit 34 allmählich wie Roger Murtaugh in "Lethal weapon": Too old for that shit!
Kumpel N. in seinem karierten Hemd schaut irritiert, als ich wieder bei ihm auftauche. "Wie war`s?" - "Ach, wie damals! Nur mehr Asis!" - "Früher war also besser?" - "Auf jeden Fall, weil: weniger Asis!" Früher gab`s neben mehr Lametta auch weniger Deppen, die vor der Bühne herumschlägerten. Früher bekam man einen Tritt oder Ellenbogen ab, das war aber nie absichtlich, der "Täter" half einem hoch und fragte nach, ob alles ok ist. Heute tritt dir jemand mit Absicht ins Kreuz oder ins Gesicht und beim Stage Diven kommt er mit Ellenbogen oder gar den Füßen zuerst runter, seine Kumpels feiern ihn dafür. Das ist nicht mehr mehr meine "Szene". So einen Quatsch brauch ich nicht.
Die Lieblingsband haut Brecher nach Brecher raus..."Handful of redemption", "Rookie", "After the eulogy", bei letzterem fliegt die Faust nach oben und es wird "RISE! RISE! RISE!" gebrüllt.
Irgendwann ist Ende.
Ich bin taub.
Und ich bin glücklich. Von boysetsfire lass ich mir jedes mal wieder gern den Gehörgang frei blasen.
Zwei Mal kullerten tatsächlich fast die Tränen, bei "My life in the knife trade" und bei "Prey", meinem absoluten Lieblingslied vom neuen Album, das zu meiner riesigen Freude in der Mitte des Sets auch gespielt wurde und bei dessen ersten Tönen ich mich in etwa gefühlt habe wie damals als kleiner Junge am Weihnachtsabend. Jede Silbe wird mitgesungen samt verschämten Tränchen im Augenwinkel.
Irgendwann ist Ende.
Vor der Bühne sehe ich Sänger Nathan, er ist wie immer runter zu den Fans gegangen und wird umarmt, fotografiert und in die Seite geknufft und er erträgt das. Nathan ist vermutlich einer der tollsten Menschen der Welt. Man muss ihn getroffen haben, um das nachvollziehen zu können. Ich hatte schon vor dem Konzert beschlossen, ihn danach in Ruhe zu lassen, zum einen war dieses Mal kein gemeinsames Bierchen drin, zum anderen hat der Gute auch grad anderes im Kopf, ist er doch grad Vater geworden. Der ist froh, wenn man ihn in Ruhe lässt, vermute ich...
Raus aus der Markthalle, noch fünf Minuten Small Talk mit N., dann getrennte Wege. Ich zum HBF, er in die andere Richtung zur U Steinstraße.
In der U-Bahn nach Hause geht man mir aus dem Weg. Nassgeschwitzt, schwankender Gang, zufriedenes Grinsen im Gesicht...kann nur einer auf Droge sein.
Und dabei waren`s nur boysetsfire, Adrenalin und Glückshormone plus drei Bier.
Mit klirrenden Ohren und todmüde habe ich dann zuhause auf youtube nach etwas, das dem Konzert gleichkommt, gesucht.
Gefunden habe ich das Konzert in Dortmund vom 04.10.2013. Im Prinzip das gleiche Set, das ich am 06.10.2013 in Hamburg auf die Ohren gehauen bekam. Nur hat sich der Typ, der das Dortmunder Set online gestellt hat, die "Mühe" gemacht, das Intro, den ruhigen, von mir so geliebten Anfangspart von "Walk astray", zu überspielen...mit Quatsch.
Hier das Dortmunder Set mit Quatsch am Anfang. Und mit hübschen Menschen, auch am Anfang.
Und da "Walk astray" eins meiner liebsten Lieder meiner liebsten Band ist, gibt`s das auch noch Mal mit komplettem Intro ohne darübergelegte Kack-Musik.
Ab jetzt heißt es warten auf die nächste Tour der Jungs. Es kann mir nicht schnell genug gehen...
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Mag ich,
Musike/Konzerte
Samstag, 5. Oktober 2013
Rock mi!
Ich leide.
Und das extrem.
Es hat mich mal wieder erwischt.
Ich habe mal wieder einen Ohrwurm. Und ich LIEBE ja Ohrwürmer.
Irgendwann am Donnerstag der Deutschen Einheit nahte das Unheil in Form eines Werbespots im stummgeschalteten TV, an dem mein Blick hängen blieb. Auf dem Bildschirm zappelten mehrere hippe stylische junge Kerle in so etwas wie einer Choreographie herum, sie bespritzten sich gegenseitig mit Wasser und anscheinend sangen sie.
Ohne Ton erinnerte das an eine Boy-Band oder einen homoerotischen Softporno (wobei zwischen den beiden Auswahlmöglichkeiten die Übergänge wohl eher fließend sind).
"Was zur Hölle ist das jetzt wieder für ein Mist?" dachte ich mir und dann machte ich einen Fehler.
Fernbedienung in die Hand, Stummschaltung beenden, wo ist die Taste? Ah, hier. Klick.
Fehler.
Großer Fehler.
"Komm, zeig mir no a bisserl, i wills a bisserl wissen, rock mi heut Nacht! Tanz ma a bisserl Schieber, oder was ist dir lieber, rock mi heut Nacht! Schau mir in die Augen, Kleine, du bist a ganz a Feine,rock mi heut Nacht! Drah di um, drah di um, bis der Tanzbodn kracht!" dröhnt es aus dem Fernseher. Dazu bespritzen sich junge Männer in einem See schuhplattelnd mit Wasser und strahlen dabei, als wären sie in Fukushima live vor Ort gewesen.
Bei mir setzt augenblicklich eine Schockstarre ein und ich sitze mit offenem Mund da und starre. Das ist wie ein Unfall auf der Autobahn, es ist eklig und überhaupt nicht schön, man kann aber nicht wegschauen.
Als ich mich nach Sekunden wieder rühren kann und panisch auf die Mute-Taste hämmere, ist es bereits zu spät. Die Bilder und vor allem diese elende Melodie samt dem urbayrischen Mist-Refrain sind im Kopf und haben sich tief in die Netzhaut gebrannt und in den Gehörgang gebohrt.
"Komm, zeig mir no a bisserl, i wills a bisserl wissen, rock mi heut Nacht!"
Ich sehe sechs Typen um die 30, alle nett anzusehen, für jeden Geschmack was dabei, die Damenwelt dürfte begeistert sein. Das Boy Band-Ding wird absolut durchgezogen. Da ist einer in bayrischer Tracht, Krachlederne und rot-weiß-kariertes Hemd, es fehlt nur der Seppl-Hut, den kann er nicht tragen, der würd die Frisur ruinieren.
"Tanz ma a bisserl Schieber, oder was ist dir lieber, rock mi heut Nacht!"
Da ist einer im oberkörperbetonten Shirt, dazu trägt er die obligatorische Wollmütze, die man auch im Sommer halt so trägt, wenn man was auf sich hält und ein ziemlich cooler Typ ist.
"Schau mir in die Augen, Kleine, du bist a ganz a Feine,rock mi heut Nacht!"
Da ist einer mit ner Schiebermütze. Die sind ja auch ganz angesagt in letzter Zeit. Zwei oder drei der "feschen Buam" tragen diese ewig langen Ketten um den Hals, die bis zum Bauchnabel baumeln und die man bei H&M für 2,95 hinterher geworfen bekommt, ich nehme jede Wette an, das an zumindest einer ein Kreuz hängt. Muss so sein. Ist erstens in und chic, zweitens will die erzkatholische Fangemeinde bedient werden.
Und welche Frau kann man heutzutage (selbst im tiefsten Unterbayern) noch mit "Du bist a ganz a Feine!" ansprechen, ohne hinterher ihren Handabdruck und die Kratzer der Fingernägel im Gesicht zu haben? Ich mein, so rede ich nichtmal mit dem Hund meiner Eltern, weil mir das zu doof ist. Und der Hund mir wahrscheinlich hinterher aus Rache in die Schuhe pinkelt.
"Drah di um, drah di um, bis der Tanzbodn kracht!"
Für jeden Geschmack ist was dabei. Dunkelhaarig, blond, muskulös, schlank, Typ Aufreißer, Typ schüchterner Junge...eine fucking Boy Band. Nur einen Südländer oder einen Farbigen gibt`s nicht. Durfte früher in kaum einer Boy Band fehlen, mit aufgemotzter Volksmusik für die schunkelnden besoffenen Wies`n-Massen ist das aber wohl nicht kompatibel.
Da stehen sie im seichten Uferwasser vor einer Gebirgskulisse, schuhplatteln, grinsen so sympathisch und eiskalt wie einst Jeffrey Dahmer und ich hab jetzt ihren Scheiß im Ohr und werd ihn nicht mehr los.
Volksmusik-Boy-Bands. Was kommt als nächstes? Schlager-Hipster? Ein junger Jürgen Drews-Verschnitt in skinny Jeans, neonfarbenen Nike Airs und "Arcade Fire"-Shirt, der dann nicht mehr der König von Mallorca sondern der von Eimsbüttel oder Prenzlauer Berg ist? Ich hab ein bisschen Angst...
Rock mi!
Jaja. Fick di!
Und das extrem.
Es hat mich mal wieder erwischt.
Ich habe mal wieder einen Ohrwurm. Und ich LIEBE ja Ohrwürmer.
Irgendwann am Donnerstag der Deutschen Einheit nahte das Unheil in Form eines Werbespots im stummgeschalteten TV, an dem mein Blick hängen blieb. Auf dem Bildschirm zappelten mehrere hippe stylische junge Kerle in so etwas wie einer Choreographie herum, sie bespritzten sich gegenseitig mit Wasser und anscheinend sangen sie.
Ohne Ton erinnerte das an eine Boy-Band oder einen homoerotischen Softporno (wobei zwischen den beiden Auswahlmöglichkeiten die Übergänge wohl eher fließend sind).
"Was zur Hölle ist das jetzt wieder für ein Mist?" dachte ich mir und dann machte ich einen Fehler.
Fernbedienung in die Hand, Stummschaltung beenden, wo ist die Taste? Ah, hier. Klick.
Fehler.
Großer Fehler.
"Komm, zeig mir no a bisserl, i wills a bisserl wissen, rock mi heut Nacht! Tanz ma a bisserl Schieber, oder was ist dir lieber, rock mi heut Nacht! Schau mir in die Augen, Kleine, du bist a ganz a Feine,rock mi heut Nacht! Drah di um, drah di um, bis der Tanzbodn kracht!" dröhnt es aus dem Fernseher. Dazu bespritzen sich junge Männer in einem See schuhplattelnd mit Wasser und strahlen dabei, als wären sie in Fukushima live vor Ort gewesen.
Bei mir setzt augenblicklich eine Schockstarre ein und ich sitze mit offenem Mund da und starre. Das ist wie ein Unfall auf der Autobahn, es ist eklig und überhaupt nicht schön, man kann aber nicht wegschauen.
Als ich mich nach Sekunden wieder rühren kann und panisch auf die Mute-Taste hämmere, ist es bereits zu spät. Die Bilder und vor allem diese elende Melodie samt dem urbayrischen Mist-Refrain sind im Kopf und haben sich tief in die Netzhaut gebrannt und in den Gehörgang gebohrt.
"Komm, zeig mir no a bisserl, i wills a bisserl wissen, rock mi heut Nacht!"
Ich sehe sechs Typen um die 30, alle nett anzusehen, für jeden Geschmack was dabei, die Damenwelt dürfte begeistert sein. Das Boy Band-Ding wird absolut durchgezogen. Da ist einer in bayrischer Tracht, Krachlederne und rot-weiß-kariertes Hemd, es fehlt nur der Seppl-Hut, den kann er nicht tragen, der würd die Frisur ruinieren.
"Tanz ma a bisserl Schieber, oder was ist dir lieber, rock mi heut Nacht!"
Da ist einer im oberkörperbetonten Shirt, dazu trägt er die obligatorische Wollmütze, die man auch im Sommer halt so trägt, wenn man was auf sich hält und ein ziemlich cooler Typ ist.
"Schau mir in die Augen, Kleine, du bist a ganz a Feine,rock mi heut Nacht!"
Da ist einer mit ner Schiebermütze. Die sind ja auch ganz angesagt in letzter Zeit. Zwei oder drei der "feschen Buam" tragen diese ewig langen Ketten um den Hals, die bis zum Bauchnabel baumeln und die man bei H&M für 2,95 hinterher geworfen bekommt, ich nehme jede Wette an, das an zumindest einer ein Kreuz hängt. Muss so sein. Ist erstens in und chic, zweitens will die erzkatholische Fangemeinde bedient werden.
Und welche Frau kann man heutzutage (selbst im tiefsten Unterbayern) noch mit "Du bist a ganz a Feine!" ansprechen, ohne hinterher ihren Handabdruck und die Kratzer der Fingernägel im Gesicht zu haben? Ich mein, so rede ich nichtmal mit dem Hund meiner Eltern, weil mir das zu doof ist. Und der Hund mir wahrscheinlich hinterher aus Rache in die Schuhe pinkelt.
"Drah di um, drah di um, bis der Tanzbodn kracht!"
Für jeden Geschmack ist was dabei. Dunkelhaarig, blond, muskulös, schlank, Typ Aufreißer, Typ schüchterner Junge...eine fucking Boy Band. Nur einen Südländer oder einen Farbigen gibt`s nicht. Durfte früher in kaum einer Boy Band fehlen, mit aufgemotzter Volksmusik für die schunkelnden besoffenen Wies`n-Massen ist das aber wohl nicht kompatibel.
Da stehen sie im seichten Uferwasser vor einer Gebirgskulisse, schuhplatteln, grinsen so sympathisch und eiskalt wie einst Jeffrey Dahmer und ich hab jetzt ihren Scheiß im Ohr und werd ihn nicht mehr los.
Volksmusik-Boy-Bands. Was kommt als nächstes? Schlager-Hipster? Ein junger Jürgen Drews-Verschnitt in skinny Jeans, neonfarbenen Nike Airs und "Arcade Fire"-Shirt, der dann nicht mehr der König von Mallorca sondern der von Eimsbüttel oder Prenzlauer Berg ist? Ich hab ein bisschen Angst...
Rock mi!
Jaja. Fick di!
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Irrsinn,
Musike/Konzerte,
Rant,
Wo ist die Kamera?
Donnerstag, 11. Juli 2013
Was nervt.
Es gibt Dinge, die nerven.
Parkplatzsuche mit Freundin F. zum Beispiel, die ihr Auto nicht in für Lastwagen gemachten Parklücken unterbringen kann, sie braucht eine Freifläche von der Größe der halben Binnenalster, um ihr Klein-KFZ unbeschadet irgendwo einzuparken, sowas ist in HH schwer zu finden, sie vertraut aber jedes Mal wieder darauf und ich ertrage es stoisch vom Beifahrersitz aus, denn ich habe gelernt, das Hereinreden sie das Fahrzeug nur noch konfuser herumsteuern lässt und das Gefahrenpotential, das eh schon nicht niedrig ist, nur noch erhöht.
Also bin ich still.
Manche Dinge nerven sogar sehr.
Wespen, die sich seit Jahren in den warmen Monaten durchs gekippte Fenster immer wieder in mein Schlafzimmer verirren - natürlich immer dann, wenn ich grad gemütlich liege - und die dann laut summen und, dämlich wie sie sind, immer wieder voll gegen die Fensterscheibe fliegen, weil sie selbst nach der fünfundzwanzigsten Kollision mit eben jener nicht checken, daß das nicht der Weg nach draußen ist.
"Summ summ summ...PONG...Pause, Wespe sitzt verdattert und mit Brummschädel auf der Fensterbank...summ summ summ...PONG...Pause..." Und so weiter. Sie geben nicht auf! Wespen sind vermutlich das dümmste Viehzeug, das ich kenne.
Irgendwann stehe fluchend auf, fange das dämliche Mistvieh mit einem Becher ein und entlasse es in die Freiheit, brülle unflätige Schimpfworte hinterher und lege mich wieder hin. Kaum liege ich entspannt und bequem, so summt und pongt es wieder. Wespen sind alle dumm. Bald wird es bei RTL2 eine Daily Soap über sie geben.
Oder die Leistung meiner Herzensmannschaft in der letzten Saison. Mein Gott, wie das nervt! Aber ich mag nicht drüber reden. Oder schreiben.
Manche Dinge nerven mich so richtig derbe, daß ich sie gerne abschaffen möchte.
Zum Beispiel die BILD-Zeitung mit ihren reißerischen und (zumindest in der online-Version) oft grammatikalisch grauenhaften Artikeln, die ich zur Belustigung lese, - oder besser: zur Belustigung lesen wollte - eine dumme Angewohnheit, die ich mir abgewöhnen sollte.
Denn das klappt fast nie, das mit der Belustigung, da ich mich zumeist über oben genanntes oder andere Dinge wie Worttrennungen per sinnlosem Bindestrich (Binde-Strich), blutrünstige reißerische Wortkombinationen ("Killer-...", "Blut-..." und "Hammer-..." sind immer gern genommen, auch in Kombination und letzteres gern im Sportsegment...Sport-Segment) so aufrege, daß der eh schon auf ein Minimum begrenzte Informationsanteil, den diese schlimme Parodie einer Tageszeitung vermittelt, vollkommen ins Leere läuft.
So speichere ich beispielsweise nie das Alter von Mandy/Jacky/Eileen aus Luckenwalde/Erfurt/Bottrop, die ihren Opa/ihre Oma/die Schwiegereltern überraschen will, indem sie auf Seite eins der tragischerweise populärsten Tageszeitung der Nation obenrum blank zieht und sich so zur Wichsvorlage für Bauarbeiter quer durch die Republik macht.
Mama ist stolz.
Bestimmt.
Und Opa oder Schwiegerpapa freuen sich sicher auch. Irgendwann. Allein unter der Dusche.
Und was am allerALLERschlimmsten nervt:
Ohrwürmer!
Und ich hab seit einigen Tagen einen. Gruseligster Art! Schlimm, ganz schlimm! Er geht nicht weg, ich schlafe damit ein, wache damit auf, selbst, wenn ich andere, GUTE, laute Musik höre, dudelt "Daft Punks" "Get lucky" im Hintergrund herum.
Nicht anhören, bitte keinen Selbstversuch, man wird es nicht mehr los! Selbst dann nicht, wenn man mit dem Kopf auf den Schreibtisch haut. Das tut nur weh. Untermalt von "Daft Punk".
Wegsaufen geht auch nicht, hab ich am Wochenende probiert. Null Erfolg.
Ich denke, ich gebe auf. Warte, bis ich alt und grau und senil werde. Und "Daft Punk" vergesse.
Bis dahin gilt:
"I'm up all night to get lucky!"
Parkplatzsuche mit Freundin F. zum Beispiel, die ihr Auto nicht in für Lastwagen gemachten Parklücken unterbringen kann, sie braucht eine Freifläche von der Größe der halben Binnenalster, um ihr Klein-KFZ unbeschadet irgendwo einzuparken, sowas ist in HH schwer zu finden, sie vertraut aber jedes Mal wieder darauf und ich ertrage es stoisch vom Beifahrersitz aus, denn ich habe gelernt, das Hereinreden sie das Fahrzeug nur noch konfuser herumsteuern lässt und das Gefahrenpotential, das eh schon nicht niedrig ist, nur noch erhöht.
Also bin ich still.
Manche Dinge nerven sogar sehr.
Wespen, die sich seit Jahren in den warmen Monaten durchs gekippte Fenster immer wieder in mein Schlafzimmer verirren - natürlich immer dann, wenn ich grad gemütlich liege - und die dann laut summen und, dämlich wie sie sind, immer wieder voll gegen die Fensterscheibe fliegen, weil sie selbst nach der fünfundzwanzigsten Kollision mit eben jener nicht checken, daß das nicht der Weg nach draußen ist.
"Summ summ summ...PONG...Pause, Wespe sitzt verdattert und mit Brummschädel auf der Fensterbank...summ summ summ...PONG...Pause..." Und so weiter. Sie geben nicht auf! Wespen sind vermutlich das dümmste Viehzeug, das ich kenne.
Irgendwann stehe fluchend auf, fange das dämliche Mistvieh mit einem Becher ein und entlasse es in die Freiheit, brülle unflätige Schimpfworte hinterher und lege mich wieder hin. Kaum liege ich entspannt und bequem, so summt und pongt es wieder. Wespen sind alle dumm. Bald wird es bei RTL2 eine Daily Soap über sie geben.
Oder die Leistung meiner Herzensmannschaft in der letzten Saison. Mein Gott, wie das nervt! Aber ich mag nicht drüber reden. Oder schreiben.
Manche Dinge nerven mich so richtig derbe, daß ich sie gerne abschaffen möchte.
Zum Beispiel die BILD-Zeitung mit ihren reißerischen und (zumindest in der online-Version) oft grammatikalisch grauenhaften Artikeln, die ich zur Belustigung lese, - oder besser: zur Belustigung lesen wollte - eine dumme Angewohnheit, die ich mir abgewöhnen sollte.
Denn das klappt fast nie, das mit der Belustigung, da ich mich zumeist über oben genanntes oder andere Dinge wie Worttrennungen per sinnlosem Bindestrich (Binde-Strich), blutrünstige reißerische Wortkombinationen ("Killer-...", "Blut-..." und "Hammer-..." sind immer gern genommen, auch in Kombination und letzteres gern im Sportsegment...Sport-Segment) so aufrege, daß der eh schon auf ein Minimum begrenzte Informationsanteil, den diese schlimme Parodie einer Tageszeitung vermittelt, vollkommen ins Leere läuft.
So speichere ich beispielsweise nie das Alter von Mandy/Jacky/Eileen aus Luckenwalde/Erfurt/Bottrop, die ihren Opa/ihre Oma/die Schwiegereltern überraschen will, indem sie auf Seite eins der tragischerweise populärsten Tageszeitung der Nation obenrum blank zieht und sich so zur Wichsvorlage für Bauarbeiter quer durch die Republik macht.
Mama ist stolz.
Bestimmt.
Und Opa oder Schwiegerpapa freuen sich sicher auch. Irgendwann. Allein unter der Dusche.
Und was am allerALLERschlimmsten nervt:
Ohrwürmer!
Und ich hab seit einigen Tagen einen. Gruseligster Art! Schlimm, ganz schlimm! Er geht nicht weg, ich schlafe damit ein, wache damit auf, selbst, wenn ich andere, GUTE, laute Musik höre, dudelt "Daft Punks" "Get lucky" im Hintergrund herum.
Nicht anhören, bitte keinen Selbstversuch, man wird es nicht mehr los! Selbst dann nicht, wenn man mit dem Kopf auf den Schreibtisch haut. Das tut nur weh. Untermalt von "Daft Punk".
Wegsaufen geht auch nicht, hab ich am Wochenende probiert. Null Erfolg.
Ich denke, ich gebe auf. Warte, bis ich alt und grau und senil werde. Und "Daft Punk" vergesse.
Bis dahin gilt:
"I'm up all night to get lucky!"
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Musike/Konzerte,
Rant
Mittwoch, 15. Mai 2013
Sportfreunde Stiller, da war doch was...
Gestern Abend waren die "Sportfreunde Stiller" zu Gast bei TV Total und das fand ich recht amüsant. Ein grundsympathischer Auftritt, der Brugger Peter (der Sänger) durfte noch ein wenig herum moderieren, was er auch ganz gut auf die Reihe bekam, dann durften sie noch ihren neuen Song spielen, ich fands durchaus unterhaltsam, denn ich mag die Jungs sehr gern.
Die Jungs, das meine ich so: musikalisch hats mit meinen Präferenzen null zu tun, die alten Alben sind ok, nicht schlecht, das neue kenn ich nicht.
Das Sympathischste an der Band sind aber definitiv die Menschen!
Den meisten dürfte zumindest "'54,'74,'90, 2006, ja so stimmen wir alle ein!" von der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als die Welt zu Gast bei Freunden war, bekannt sein und trotzdem der Text mit "Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein" weiter geht, hat's ja dann doch wieder mal nicht geklappt mit dem Weltmeistertitel.
Denn Italien hatte im Halbfinale in der Verlängerung die Leidenschaft im Bein, was einen Doppelschlag in der 119. und 120. Minute bedeutete, halb Deutschland hatte danach zwar das Herz in der Hand, aber leider galt die Menge boykottierter Pizza-Lieferdienste oder die Menge in Panoramafenster italienischer Restaurants geschmissener Pflastersteine nicht als Ausgleich oder gar Entschädigung. Oder Entschuldigung.
Das Ende ist bekannt.
Genug der Fußballreferenzen.
Irgendwann vor ganz vielen Jahren bekam ich eine SMS von einer Freundin. "Die Sportfreunde Stiller geben in HH Autogramme, magst du hingehen und für mich welche holen?" Natürlich willigte ich ein, um dann zu erfahren "geht noch bis 18 Uhr!"
Blick auf die Uhr. Handy sagt 16.50 Uhr. Wird Zeit...
Um 17.45 entere ich den Elektro-Großhandel meiner Wahl, sprinte die Rolltreppen hinauf, denn natürlich findet das ganze Zeug wieder gaaanz oben statt, keuchend komme ich da an und bin tatsächlich der letzte, der in die VIP-Zone, begrenzt mit Paketband, hochsicherheitsstyle, hinein darf.
Zwei Teenie-Mädels, die dreißig Sekunden nach mir ankommen, werden mit "Sorry, zu jung!" abgewimmelt...das ist "Ihr seid zu spät, verpisst euch!" auf vornehm bei so einer Veranstaltung.
Ich als letzter in der Reihe der "Autogrammjäger", der nun noch etwas Zeit zum Palavern hatte, ward von Bandseite "beauftragt", das Zeug der Mädels heran zu schaffen, damit auch die noch ihre Unterschrift bekommen. So waren die dann auch sehr glücklich und zogen mit Kusshänden von dannen.
Ich wollte mich von der Band verabschieden, wurde aber aufgehalten.
"Wir wolln losziehen, wo geht das hier entspannt?"
Es ist klasse, wenn "Promis", auch wenn das hier vielleicht nicht exakt zutrifft, so tiefenentspannt sind und auf dem Boden bleiben. Und sich an und in ner Absturzkneipe, in die ich sie schleppte, erfreuen.
Oder nem Straßenmusiker Geld in seinen Hut werfen und applaudieren, wenn er "Under the bridge" spielt und das verdammt gut.
Oder wenn die einen dann nach Umarmung in die Nacht entlassen und anstatt ein Taxi zu nehmen, lieber zu Fuß heimwärts stiefeln, Arm in Arm in die ungefähre Richtung.
Eine prima Nacht. Mit prima Menschen. Ewig her, vorhin wieder dran erinnert. Ich mag sowas!
Die Jungs, das meine ich so: musikalisch hats mit meinen Präferenzen null zu tun, die alten Alben sind ok, nicht schlecht, das neue kenn ich nicht.
Das Sympathischste an der Band sind aber definitiv die Menschen!
Den meisten dürfte zumindest "'54,'74,'90, 2006, ja so stimmen wir alle ein!" von der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als die Welt zu Gast bei Freunden war, bekannt sein und trotzdem der Text mit "Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein" weiter geht, hat's ja dann doch wieder mal nicht geklappt mit dem Weltmeistertitel.
Denn Italien hatte im Halbfinale in der Verlängerung die Leidenschaft im Bein, was einen Doppelschlag in der 119. und 120. Minute bedeutete, halb Deutschland hatte danach zwar das Herz in der Hand, aber leider galt die Menge boykottierter Pizza-Lieferdienste oder die Menge in Panoramafenster italienischer Restaurants geschmissener Pflastersteine nicht als Ausgleich oder gar Entschädigung. Oder Entschuldigung.
Das Ende ist bekannt.
Genug der Fußballreferenzen.
Irgendwann vor ganz vielen Jahren bekam ich eine SMS von einer Freundin. "Die Sportfreunde Stiller geben in HH Autogramme, magst du hingehen und für mich welche holen?" Natürlich willigte ich ein, um dann zu erfahren "geht noch bis 18 Uhr!"
Blick auf die Uhr. Handy sagt 16.50 Uhr. Wird Zeit...
Um 17.45 entere ich den Elektro-Großhandel meiner Wahl, sprinte die Rolltreppen hinauf, denn natürlich findet das ganze Zeug wieder gaaanz oben statt, keuchend komme ich da an und bin tatsächlich der letzte, der in die VIP-Zone, begrenzt mit Paketband, hochsicherheitsstyle, hinein darf.
Zwei Teenie-Mädels, die dreißig Sekunden nach mir ankommen, werden mit "Sorry, zu jung!" abgewimmelt...das ist "Ihr seid zu spät, verpisst euch!" auf vornehm bei so einer Veranstaltung.
Ich als letzter in der Reihe der "Autogrammjäger", der nun noch etwas Zeit zum Palavern hatte, ward von Bandseite "beauftragt", das Zeug der Mädels heran zu schaffen, damit auch die noch ihre Unterschrift bekommen. So waren die dann auch sehr glücklich und zogen mit Kusshänden von dannen.
Ich wollte mich von der Band verabschieden, wurde aber aufgehalten.
"Wir wolln losziehen, wo geht das hier entspannt?"
Es ist klasse, wenn "Promis", auch wenn das hier vielleicht nicht exakt zutrifft, so tiefenentspannt sind und auf dem Boden bleiben. Und sich an und in ner Absturzkneipe, in die ich sie schleppte, erfreuen.
Oder nem Straßenmusiker Geld in seinen Hut werfen und applaudieren, wenn er "Under the bridge" spielt und das verdammt gut.
Oder wenn die einen dann nach Umarmung in die Nacht entlassen und anstatt ein Taxi zu nehmen, lieber zu Fuß heimwärts stiefeln, Arm in Arm in die ungefähre Richtung.
Eine prima Nacht. Mit prima Menschen. Ewig her, vorhin wieder dran erinnert. Ich mag sowas!
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
König Fußball,
Mag ich,
Menschen,
Musike/Konzerte
Freitag, 3. Mai 2013
Klotzfest, Kirche, Holger.
Gestern war ich auf einem Konzert.
Kein so richtiges Konzert, eher ein Kurzauftritt des sehr politisch angehauchten deutschsprachigen Hippers und Hoppers Holger Burner, den ich sehr mag. Der spielte nämlich gestern mit zwei Co-Musikanten auf dem "Klotzfest", einer Veranstaltung, die auf diverse Missstände in diesem unserem "Schland" aufmerksam machen möchte, seien sie nun gesellschaftlicher, außen-oder-innenpolitischer oder sonstwelcher Natur.
Der Name "Klotzfest" rührt daher, daß das ganze Ding neben dem sogenannten "Kriegsklotz", einem Mahnmal für im ersten Weltkrieg gefallene Soldaten, stattfindet. Dieser "Kriegsklotz", der äußerst martialisch daherkommt, zeigt Soldaten, die ins Gefecht ziehen, dazu die Inschrift "Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen" (die Punkband "SLIME" drehte den Spieß um: "Deutschland muss sterben damit wir leben können".
Ein kleiner hässlicher Österreicher mit verkümmertem Schnauzbart fuhr auf den Klotz 1936 bei dessen Einweihung voll ab, daß exakt 88(!) Soldaten in den Stein gemeißelt wurden, darf man aber wohl als Zufall verbuchen.
Mir war dieser riesige Steinblock schon einige Male aufgefallen, nie positiv, eher im Sinne von "Wer hat sich den Scheiß ausgedacht?", ich bin bis gestern aber nie auf die Idee gekommen, das mal zu recherchieren.
Jetzt steh ich also neben dem Ding vor der Bühne, höre Holger Burner zu, ein bisschen zumindest, und habe Kino im Kopf. Der verfickte kleine Ösi, wie er vor dem verfickten Steinklotz steht und geifernd seine Dummheit und seine Parolen heraus brüllt in einem Tonfall wie ein mieser kleiner Köter, dem jemand fortwährend in die Eier tritt.
Vielleicht stand er damals an der gleichen Stelle, an der ich grad stehe?
Das ist eine ziemlich ekelhafte Vorstellung...
Und die begleitet mich auch in der restlichen Zeit, davon kann nichts ablenken. Burner und seine Kollegen rappen und hippen und hoppen, es hilft nicht.
Kopfkino.
Der Endvierziger im Arsch-frisst-Hose-Style, der sich robotermäßig zu den Beats bewegt und dabei in etwa so gelenkig ist wie ein Finnwal... Großartig!
Kopfkino.
Die Besucher des evangelischen Kirchentages, die von einem Gottesdienst zum anderen wechseln und dabei an der Bühne vorbei kommen, verstört schauend ob der recht deutlichen Wortwahl Holger Burners, manche müssen danach wohl zur Beichte, sechs "Ave Maria" sollten die Schande reinwaschen, pray to the Lord, Halleluja. Großartig!!
Kopfkino.
Was mich bei denen irritiert hat: Was sollen die verschiedenfarbigen Halstücher? Rot und blau. Das kenn ich. Hab ich schonmal gesehen.
In nem Ghetto-Vorort von St. Louis, weit weg von Kirche und so, da waren die Blauen die "Cribs" und die Roten die "Bloods". Und die mochten sich nicht.
Kopfkino.
Ich sehe, wie die Kirchentagsbesucher mit den roten Tüchern sich vor denen mit den blauen Tüchern aufbauen und unmissverständliche Gesten senden...
Zack. Wieder hellwach. Was war das? Kurz umschauen. Holger Burner verabschiedet sich vom Publikum, jemand gröhlt "Tod dem Rechtsstaat!", keiner applaudiert, stattdessen umarmen sich die Pseudohippienutten auf der Bierbank vor mir zum Abschied, endlich mal auf ner politischen Veranstaltung gewesen, jetzt aber Prosecco!!
Und irgendwo hockt Holger Burner und schreibt ein Lied darüber...
Kein so richtiges Konzert, eher ein Kurzauftritt des sehr politisch angehauchten deutschsprachigen Hippers und Hoppers Holger Burner, den ich sehr mag. Der spielte nämlich gestern mit zwei Co-Musikanten auf dem "Klotzfest", einer Veranstaltung, die auf diverse Missstände in diesem unserem "Schland" aufmerksam machen möchte, seien sie nun gesellschaftlicher, außen-oder-innenpolitischer oder sonstwelcher Natur.
Der Name "Klotzfest" rührt daher, daß das ganze Ding neben dem sogenannten "Kriegsklotz", einem Mahnmal für im ersten Weltkrieg gefallene Soldaten, stattfindet. Dieser "Kriegsklotz", der äußerst martialisch daherkommt, zeigt Soldaten, die ins Gefecht ziehen, dazu die Inschrift "Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen" (die Punkband "SLIME" drehte den Spieß um: "Deutschland muss sterben damit wir leben können".
Ein kleiner hässlicher Österreicher mit verkümmertem Schnauzbart fuhr auf den Klotz 1936 bei dessen Einweihung voll ab, daß exakt 88(!) Soldaten in den Stein gemeißelt wurden, darf man aber wohl als Zufall verbuchen.
Mir war dieser riesige Steinblock schon einige Male aufgefallen, nie positiv, eher im Sinne von "Wer hat sich den Scheiß ausgedacht?", ich bin bis gestern aber nie auf die Idee gekommen, das mal zu recherchieren.
Jetzt steh ich also neben dem Ding vor der Bühne, höre Holger Burner zu, ein bisschen zumindest, und habe Kino im Kopf. Der verfickte kleine Ösi, wie er vor dem verfickten Steinklotz steht und geifernd seine Dummheit und seine Parolen heraus brüllt in einem Tonfall wie ein mieser kleiner Köter, dem jemand fortwährend in die Eier tritt.
Vielleicht stand er damals an der gleichen Stelle, an der ich grad stehe?
Das ist eine ziemlich ekelhafte Vorstellung...
Und die begleitet mich auch in der restlichen Zeit, davon kann nichts ablenken. Burner und seine Kollegen rappen und hippen und hoppen, es hilft nicht.
Kopfkino.
Der Endvierziger im Arsch-frisst-Hose-Style, der sich robotermäßig zu den Beats bewegt und dabei in etwa so gelenkig ist wie ein Finnwal... Großartig!
Kopfkino.
Die Besucher des evangelischen Kirchentages, die von einem Gottesdienst zum anderen wechseln und dabei an der Bühne vorbei kommen, verstört schauend ob der recht deutlichen Wortwahl Holger Burners, manche müssen danach wohl zur Beichte, sechs "Ave Maria" sollten die Schande reinwaschen, pray to the Lord, Halleluja. Großartig!!
Kopfkino.
Was mich bei denen irritiert hat: Was sollen die verschiedenfarbigen Halstücher? Rot und blau. Das kenn ich. Hab ich schonmal gesehen.
In nem Ghetto-Vorort von St. Louis, weit weg von Kirche und so, da waren die Blauen die "Cribs" und die Roten die "Bloods". Und die mochten sich nicht.
Kopfkino.
Ich sehe, wie die Kirchentagsbesucher mit den roten Tüchern sich vor denen mit den blauen Tüchern aufbauen und unmissverständliche Gesten senden...
Zack. Wieder hellwach. Was war das? Kurz umschauen. Holger Burner verabschiedet sich vom Publikum, jemand gröhlt "Tod dem Rechtsstaat!", keiner applaudiert, stattdessen umarmen sich die Pseudohippienutten auf der Bierbank vor mir zum Abschied, endlich mal auf ner politischen Veranstaltung gewesen, jetzt aber Prosecco!!
Und irgendwo hockt Holger Burner und schreibt ein Lied darüber...
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Hamburg hates me/I hate back,
Musike/Konzerte,
Wo ist die Kamera?
Donnerstag, 28. März 2013
I am heresy
"Wie geil, mit dem Schiff zum Konzert
fahren, das hat was! Hamburg ist nicht immer doof!" denk ich mir, als ich die Hadag-Fähre verlasse, das in der Jackentasche versteckte halbleere Astra heraus hole, durfte auf der Fähre ja keiner sehen, Alk-Verbot im ÖPNV und so, und dann die paar Meter zum Hafenklang laufe, wo der Sänger meiner Lieblingsband heut mit seinem Nebenprojekt, seiner neuesten Band,
spielt. Pflichttermin.
Vorm Laden noch kurz das Bier leeren, ich friere, ich leide, der eisige Wind pfeift mir um die Ohren, die Bierhaltehand friert so allmählich ein, denn Handschuhe habe ich wie immer zuhaus vergessen, wozu besitz ich eigentlich welche?
Die Körpertemperatur ist auf etwa 36 Grad gefallen, ich muss rein. Diesmal nicht wie sonst zum Punkerstammtisch in den ersten Stock, heut bleiben wir ebenerdig. Ein kleiner enger Laden, ich war hier mal auf ner Electro-Party, die war maximal "ok"...mal sehen, wie die nachher das Gitarren-/Bass-Gebretter rüberbringen.
Es ist duster und ich taue auf. Schaue mich um. Die Gesichter, die man sonst auf jedem Konzert von Lieblingssängers Bands sieht, die fehlen heute. "I am heresy" ist noch nicht "in", das ist gut so, je bekannter eine Band, desto bescheidener das Klientel und mit wachsender Anzahl der Zuschauer schwindet im Normalfall auch die Qualität des Konzerts, da fehlt dann die Intimität. Und die ist essentiell bei Konzerten, die gibts nicht bei Justin Bieber oder Rihanna wenn die in Stadien spielen mit Feuerwerk und Choreographen für Outfit und Auftritt und so.
Auftritt "Hierophant", Supportband, normalerweise verpasse ich Supportbands absichtlich, meist sind sie Quatsch. Heut verpasse ich den Support nicht. Die Jungs kommen auf die winzige Bühne und ohne jegliche Ansage wird losgebrettert, als gäbs kein morgen mehr. Krank! Das Schlagzeugstakkato vermöbelt mich, die Bässe gehen tief in den Magen, der etwa 1,65 große Frontmann holt Töne aus sich raus, das glaubt man nicht. Diese Band ist ein außer Kontrolle geratener Bus und ich bin der, der sich ihm todesmutig gegenüber stellt und dann überrollt wird.
Hierophant - Son of a tongues prison
Am Ende des 25minütigen Auftritts schmerzen mir die Ohren, der Adrenalinspiegel ist am Maximum und alles andere als nicht her zu kommen wäre die falsche Entscheidung gewesen.
Auftritt "I am heresy". Lustige Kombination, da stehen Vater und Sohn zusammen mit vier anderen Musikern auf der Bühne, Vater brüllt und singt, Sohnemann schreddert auf der Gitarre, der Rest der Jungs massakriert Bass und Drums, das Endprodukt ist wahnsinnig gut!
I am heresy - Seven wolves and the daughters of the apocalypse
Tragisch ist nur, was vor der Bühne passiert. Oder besser: was nicht passiert. Ich bin der einzige, der sich bewegt abgesehen von einem blonden Schlacks im Deftones-Shirt, was immerhin schonmal Musikgeschmack beweist und einer Tussi mit Dutt, die an sich ganz hübsch ist, dafür aber mit ihrem Arschgewackel à la Beyonce nervt, denn das passt hierher wie eine Massenkarambolage in den Osterurlaubsverkehr. Ansonsten um mich rum Stillstand, maximal wird mit dem Kopf genickt oder auf und ab gewippt, als wär das hier fucking Rihanna. Ich kapier sowas nicht. Ich hab sogar Beschwerden gehôrt. Es sei zu laut. Sagt der Raúl-Richter-Verschnitt neben mir und schaut empört. Zu laut. Bei nem Konzert einer Band, die Hardcore/Metalcore oder nenn es, wie du willst, spielt. Die war natürlich nicht zu erahnen, die Lautstärke. Mein Gott...
Ein verdammtes Monster von Konzert. Zwar nur maximal 100 Zuhörer, aber je weniger Leute, desto intensiver der Gig.
Ansage. "This is our last song! I'll get off this stage, it's crowded up here." Der liebste Musiker steigt von der Bühne, was nicht schwer ist, die ist ja nur einen halben Meter hoch. "This is our last song! Sing along!" brüllt er nochmal ins Mikro, rennt zu mir rüber, "Buddy, let's do this together!"...man kennt sich halt seit Jahren...
I am heresy - I am heresy
Zwei Tage später konnte ich dann auch wieder sprechen, inzwischen ist auch der Muskelkater in der Nackenregion abgeklungen und das Piepen in den Ohren ist auch Vergangenheit.
Ich vermiss es ein wenig...
Vorm Laden noch kurz das Bier leeren, ich friere, ich leide, der eisige Wind pfeift mir um die Ohren, die Bierhaltehand friert so allmählich ein, denn Handschuhe habe ich wie immer zuhaus vergessen, wozu besitz ich eigentlich welche?
Die Körpertemperatur ist auf etwa 36 Grad gefallen, ich muss rein. Diesmal nicht wie sonst zum Punkerstammtisch in den ersten Stock, heut bleiben wir ebenerdig. Ein kleiner enger Laden, ich war hier mal auf ner Electro-Party, die war maximal "ok"...mal sehen, wie die nachher das Gitarren-/Bass-Gebretter rüberbringen.
Es ist duster und ich taue auf. Schaue mich um. Die Gesichter, die man sonst auf jedem Konzert von Lieblingssängers Bands sieht, die fehlen heute. "I am heresy" ist noch nicht "in", das ist gut so, je bekannter eine Band, desto bescheidener das Klientel und mit wachsender Anzahl der Zuschauer schwindet im Normalfall auch die Qualität des Konzerts, da fehlt dann die Intimität. Und die ist essentiell bei Konzerten, die gibts nicht bei Justin Bieber oder Rihanna wenn die in Stadien spielen mit Feuerwerk und Choreographen für Outfit und Auftritt und so.
Auftritt "Hierophant", Supportband, normalerweise verpasse ich Supportbands absichtlich, meist sind sie Quatsch. Heut verpasse ich den Support nicht. Die Jungs kommen auf die winzige Bühne und ohne jegliche Ansage wird losgebrettert, als gäbs kein morgen mehr. Krank! Das Schlagzeugstakkato vermöbelt mich, die Bässe gehen tief in den Magen, der etwa 1,65 große Frontmann holt Töne aus sich raus, das glaubt man nicht. Diese Band ist ein außer Kontrolle geratener Bus und ich bin der, der sich ihm todesmutig gegenüber stellt und dann überrollt wird.
Hierophant - Son of a tongues prison
Am Ende des 25minütigen Auftritts schmerzen mir die Ohren, der Adrenalinspiegel ist am Maximum und alles andere als nicht her zu kommen wäre die falsche Entscheidung gewesen.
Auftritt "I am heresy". Lustige Kombination, da stehen Vater und Sohn zusammen mit vier anderen Musikern auf der Bühne, Vater brüllt und singt, Sohnemann schreddert auf der Gitarre, der Rest der Jungs massakriert Bass und Drums, das Endprodukt ist wahnsinnig gut!
I am heresy - Seven wolves and the daughters of the apocalypse
Tragisch ist nur, was vor der Bühne passiert. Oder besser: was nicht passiert. Ich bin der einzige, der sich bewegt abgesehen von einem blonden Schlacks im Deftones-Shirt, was immerhin schonmal Musikgeschmack beweist und einer Tussi mit Dutt, die an sich ganz hübsch ist, dafür aber mit ihrem Arschgewackel à la Beyonce nervt, denn das passt hierher wie eine Massenkarambolage in den Osterurlaubsverkehr. Ansonsten um mich rum Stillstand, maximal wird mit dem Kopf genickt oder auf und ab gewippt, als wär das hier fucking Rihanna. Ich kapier sowas nicht. Ich hab sogar Beschwerden gehôrt. Es sei zu laut. Sagt der Raúl-Richter-Verschnitt neben mir und schaut empört. Zu laut. Bei nem Konzert einer Band, die Hardcore/Metalcore oder nenn es, wie du willst, spielt. Die war natürlich nicht zu erahnen, die Lautstärke. Mein Gott...
Ein verdammtes Monster von Konzert. Zwar nur maximal 100 Zuhörer, aber je weniger Leute, desto intensiver der Gig.
Ansage. "This is our last song! I'll get off this stage, it's crowded up here." Der liebste Musiker steigt von der Bühne, was nicht schwer ist, die ist ja nur einen halben Meter hoch. "This is our last song! Sing along!" brüllt er nochmal ins Mikro, rennt zu mir rüber, "Buddy, let's do this together!"...man kennt sich halt seit Jahren...
I am heresy - I am heresy
Zwei Tage später konnte ich dann auch wieder sprechen, inzwischen ist auch der Muskelkater in der Nackenregion abgeklungen und das Piepen in den Ohren ist auch Vergangenheit.
Ich vermiss es ein wenig...
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Mag ich,
Musike/Konzerte
Donnerstag, 31. Januar 2013
PingPong
"Rülps!!"
"'Tschuldigung. War ne Brüllmücke, die sind grad auf dem Vormarsch! Grad jetzt im Winter!" teile ich mit nachdrücklichem Nicken dem verstört dreinschauenden Mädchen mit, das mich relativ fassungslos dabei beobachtet hat, wie ich mein halbvolles Restbier ge-ext habe, um endlich aus der Kälte raus zu kommen, rein ins Hafenklang.
Denn es ist noch für sieben Minuten Montag.
Und am Montag ist Stammtisch im Hafenklang.
Punkerstammtisch, so nennt sich das.
Das kann man aber nicht so wörtlich nehmen, hier hocken keine lederbejackten Irokesenschnittträger bestückt mit Nietenarmbändern en masse um einen Tisch herum und fachsimpeln über "SLIME", das billigste Dosenbier oder wo man die handzahmsten Ratten für auf die Schulter bekommt. Nein, hier wird sich neben dem Betrinken sportlich betätigt. Oder man betrinkt sich neben dem Sport. Wie mans eben grad mag und der Umwelt besser verkaufen kann.
Punkerstammtisch heißt Rundlauf. Tischtennis. Hardcore-PingPong.
Punkerstammtisch heißt, zu meist grandioser Musikuntermalung um eine extrem antike Tischtennisplatte zu hetzen, die Kelle in der einen und die (Astra-)Knolle in der anderen Hand, sich die Tischtennisbälle mehr oder weniger begabt und koordiniert um die Ohren zu prügeln, um sich dann irgendwie ins Finale vorzukämpfen und dieses dann möglichst unauffällig zu verlieren. Denn der Verlierer bekommt einen Wodka aufs Haus...und da immer das gleiche Glas neu aufgefüllt wird, bekommt er mit Pech auch noch Herpes dazu...nach der dritten "Niederlage" ist das aber vergessen.
Als ich die Treppen in den ersten Stock heraufsteige, denke ich "Eigentlich wars total bescheuert, das Bier zu exen, das interessiert hier doch eh keinen, ob das hier gekauft wurde oder obs mitgebracht wurde. Aber die komische Tuss da unten, die haste schön geschockt, allein dafür hats sich gelohnt!" Gedanklich gebe ich mir selbst eine High-Five und öffne dann die Tür. Trete ein ins Hafenklang. Eine Zigarettenqualmwand schlägt mir ins Gesicht, noch kurz einen dunklen kurzen Flur durchschritten und ich stehe in der Arena.
Abgerissene Couches, kahle Wände, ein versiffter Boden, es ist duster, rechtsseitig eine winzige Bar, dahinter ein dreadlocktragender Barmensch, an den acht von zehn Deutschen vermutlich freiwillig nicht näher als fünf Meter herantreten würden, in der Mitte des Raumes die Tischtennisplatte, um die herum Menschen aller Formen und Farben rennen, das ganze untermalt von Black Flag, Ignite, Minor Threat, Sick Of It All, Agnostic Front, Converge, Rancid...alle sind sie da. Ich bin im Paradies!
J. und B. sind auch da, von Job und Bandprobe direkt hergekommen, gut angeschossen sind sie schon, dann kann der Abend ja beginnen.
Ich hol erstmal drei Bier vom angsteinflößenden Barmenschen, J. wirft mir noch einen Schein hinterher. "Bring drei Wodka mit! Geht auf mich, gab heut gutes Trinkgeld!" Also drei Bier, drei Wodka zum Auftakt. Ich ahne, wohin das führt...
Wir lümmeln zu dritt auf einer der durchgesessenen Sperrmüllcouches und reden. J. erzählt, das hier vorher ein Konzert war, war gut sagt er, abgefahrene Leute, abgefahrene Musike. Arbeitstag war gut, Bandprobe war gut, der neue Song ist RICHTIG gut! B. stimmt zu, der neue Song ist n Knaller, der kommt an, da ist B. sich sicher! Und ja, die Bandprobe war super, hat Ergebnisse gebracht! Zufrieden sind sie alle beide. Und holen noch eine Runde Wodka. Ein paar Minuten beobachten wir das Geschehen, die tischtennisspielenden Menschen jeder Couleur. Wir sitzen etwas abseits, haben einen guten Blick und spähen die kommenden Gegner aus. "Der Tätowierte da kann nix!" - "Der Blonde mit dem Mittelscheitel, der ist richtig gut! - Ja, aber das ist n Lappen! - Haste Recht...Mittelscheitel, alter Schwede, das ist lang her... Aber Mut hatter..." - "Oha, die Brünette da drüben hat auch n Mittelscheitel, aber DIE ist ECHT gut! - Ja Mann, zwar nicht im Tischtennis, aber charakterlich kannste nix sagen!" Es wird laut gelacht ob des pubertären Witzes, das muss ja auch mal erlaubt sein.
Zeit, mal den Schläger zu schwingen.
Aus einem Pappkarton kramen wir uns "Schläger", die diesen Namen nicht verdienen. Meist sind es blanke runde Holzplatten, an deren Griffen man sich Splitter einzieht, einige haben einen Rest Gummibelag, sodaß sich Ecken und Kanten auf der Schlagfläche ergeben, was sicher total hilfreich ist, wenn man einen Ball platziert spielen will, wozu aber 90% der Anwesenden hier eh nicht oder nicht mehr in der Lage sind.
Egal, auf ins Getümmel. NoFx's geniales "Kill all the white men" begleitet das Spiel und ich umrunde erstaunlich behende den Tisch und schalte Gegner um Gegner aus. J. mit einem Schmetterball aus der Vorhand, B. kann ganz einfach nicht spielen, ist auch nur zum Trinken hier, da reicht ein normaler Ball an eine der Tischkanten und B. haut dann den Ball überall hin, nur nicht zurück auf meine Tischseite. Ich stehe im Finale. Gegen den Blonden mit Mittelscheitel, der das Ding hier ernst nimmt und seine Profikelle von daheim mitgebracht hat. "So'n Ding hatteste damals auch, als du noch im Verein gespielt hast vor tausend Jahren" denk ich mir, "der hat jetzt n derben Vorteil!" Aber ist ja wurscht, ich hab ja nicht vor, zu gewinnen....
Er schlägt an. Mit Spin. Ich prügel den Ball mit Genuss an die linksseitige Fensterscheibe, hinter der man das Hafenpanorama bewundern kann. 0-1. Ich spiel an, er spielt mir den perfekten Return, um den Ball meilenweit hinter seine Seite der Platte zu kloppen, wo er dann unter einer selbstgebauten Bühne verschwindet und aufwändig wieder rausgekramt werden muss. Ja, es gibt nur diesen einen Ball. 0-2. "Was ist los? Du hast doch die ganze Zeit gut gespielt!?!" fragt er und ich sehe Verwirrung und Enttäuschung in seinem Blick.
Was los ist? Ich will gratis Wodka trinken - und dafür muss ich verlieren!
Er spielt an und ich erstarre...bis der Ball mich passiert hat. Danach mach ich mich auf den Weg zur Bar und hol mir meinen Wodka. Und er guckt mir entgeistert hinterher. Ich ruf ihm noch "3-0 für dich, gutes Spiel, Glückwunsch! Prost!" zu. Sein Gesichtsausdruck ist unbezahlbar. Alter, ist nicht das Training der ersten Mannschaft vomH$V...von Pauli hier! Sieh es ein!
Einige der Mitspielenden "ermahnen" mich dann grinsend, doch nicht sooo offensichtlich zu "bescheißen"..."Is ok, mach ich nich mehr...aber haste seinen Blick gesehn??". Zwinkernd wird mir zugenickt, war schön, fist bump, "aber reicht jetzt auch mitm Verarschen, ja?" Klar doch, ich bin ja nicht zum Stressen hier. Der Blonde mit dem Mittelscheitel ist fast jedes Mal im Finale und gewinnt jedes. Entweder hat er das Konzept nicht verstanden oder er mag keinen Wodka. Gegen 1.30 geht er. Zu sagen, alle lagen sich in dem Moment vor Freude in den Armen, wäre übertrieben...aber die Erleichterung war spürbar. Ich renne noch ein paar Runden, "gewinne" sogar noch zweimal (den Wodka) und sitze mit J. auf einem Sofa, wir reden über Gott und die Welt.
Ein schriller Schrei, ein Einschlag, J.'s Bier verabschiedet sich im hohen Bogen in den dusteren Sitzbereich und schlägt da klirrend auf, dafür liegt nun ein Mädel, das beim Versuch, einen Ball noch zu erreichen, im Vollspeed die Kurve aber nicht mehr bekommen hat, halb auf ihm, halb auf der Fensterbank. Passiert schonmal. Meine Hälfte der Couch ist kaum betroffen und so kann ich ausgiebig über J. lachen, der vor nichtmal fünf Minuten auf meine Frage "Sind wir nicht zu nah dran?" mit "Ach was, was soll passieren? Meinste, hier knallt wer rein??" antwortete. Noch mehr lachen muss ich, als ich sehe, daß es das Mädel von draußen vor der Tür ist, das da frontal mit J. kollidiert ist. Man trifft sich immer zweimal im Leben, nur hat sie den Falschen getroffen - im wahrsten Sinne des Wortes!
Ich stehe an der Bar und schnappe auf, wie der Vollbärtige und der Langhaarige neben mir, die anscheinend zur Band, die spielte, bevor ich ankam, gehören, sich unterhalten. Ich schnappe Satzfetzen auf, während Sick Of It All aus den Boxen brüllen. "...Dude, the show was aaawesome!"..."Dude, you playing that guitar? Aaawesome!"..."The crowd, holy cow, aaawesome dude, so aaawesome! And that brunette girl with that really aaaaawesome characters."..."Yeah, she displayed her aaawesome characters very nicely, I liked it!" Beide grinsen und stoßen mit der guten Astraknolle an.
Einigermaßen angeschlagen weiß ich, was zu tun ist. Und so erhebe ich mich mit ebenfalls zur Anklage erhobenem Zeigefinger von meinem Barstuhl, trete unsicheren Schrittes, jedoch festen Willens an die beiden heran, tippe dem Bärtigen auf die Schulter und will ihn grad darauf hinweisen, das seine Aussagen über die gutgebaute Brünette quasi einen #Aufschrei der feministischen Bewegungen heraufbeschwören könnten, zum Beispiel bei Twitter, was für ein irrer Gedanke, als wenn sowas jemals...
...bevor ich aber verwarnend und belehrend zugleich mit dem Zeigefinger wedeln kann, schaut er mich an, stellt fest "You need a drink dude!" und bestellt drei Bier, drei Wodka, das scheint hier irgendwie Usus zu sein heute. Und ich kann nichts dagegen tun. Aaawesome!!
Gerede, Gerede, Gerede, der Langhaarige ist inzwischen weg, ich ordere noch ne Runde...
...
Als ich am Tag darauf aufwache, bin ich fit und guter Dinge. Habe eine SMS von J., er will wissen, wieso er blaue Flecken am Körper hat und woher die Handynummer auf seiner Hand kommt. Ich kläre ihn auf und er glaubt mir nicht so richtig. Lach ich drüber, "ruf halt an und lass es dir von ihr nochmal erzählen" rate ich ihm.
Schalte den Rechner an und habe bei Facebook eine Freundschaftsanfrage von einem vollbärtigen Kerl aus den USA.
Was zur Hölle...??
"'Tschuldigung. War ne Brüllmücke, die sind grad auf dem Vormarsch! Grad jetzt im Winter!" teile ich mit nachdrücklichem Nicken dem verstört dreinschauenden Mädchen mit, das mich relativ fassungslos dabei beobachtet hat, wie ich mein halbvolles Restbier ge-ext habe, um endlich aus der Kälte raus zu kommen, rein ins Hafenklang.
Denn es ist noch für sieben Minuten Montag.
Und am Montag ist Stammtisch im Hafenklang.
Punkerstammtisch, so nennt sich das.
Das kann man aber nicht so wörtlich nehmen, hier hocken keine lederbejackten Irokesenschnittträger bestückt mit Nietenarmbändern en masse um einen Tisch herum und fachsimpeln über "SLIME", das billigste Dosenbier oder wo man die handzahmsten Ratten für auf die Schulter bekommt. Nein, hier wird sich neben dem Betrinken sportlich betätigt. Oder man betrinkt sich neben dem Sport. Wie mans eben grad mag und der Umwelt besser verkaufen kann.
Punkerstammtisch heißt Rundlauf. Tischtennis. Hardcore-PingPong.
Punkerstammtisch heißt, zu meist grandioser Musikuntermalung um eine extrem antike Tischtennisplatte zu hetzen, die Kelle in der einen und die (Astra-)Knolle in der anderen Hand, sich die Tischtennisbälle mehr oder weniger begabt und koordiniert um die Ohren zu prügeln, um sich dann irgendwie ins Finale vorzukämpfen und dieses dann möglichst unauffällig zu verlieren. Denn der Verlierer bekommt einen Wodka aufs Haus...und da immer das gleiche Glas neu aufgefüllt wird, bekommt er mit Pech auch noch Herpes dazu...nach der dritten "Niederlage" ist das aber vergessen.
Als ich die Treppen in den ersten Stock heraufsteige, denke ich "Eigentlich wars total bescheuert, das Bier zu exen, das interessiert hier doch eh keinen, ob das hier gekauft wurde oder obs mitgebracht wurde. Aber die komische Tuss da unten, die haste schön geschockt, allein dafür hats sich gelohnt!" Gedanklich gebe ich mir selbst eine High-Five und öffne dann die Tür. Trete ein ins Hafenklang. Eine Zigarettenqualmwand schlägt mir ins Gesicht, noch kurz einen dunklen kurzen Flur durchschritten und ich stehe in der Arena.
Abgerissene Couches, kahle Wände, ein versiffter Boden, es ist duster, rechtsseitig eine winzige Bar, dahinter ein dreadlocktragender Barmensch, an den acht von zehn Deutschen vermutlich freiwillig nicht näher als fünf Meter herantreten würden, in der Mitte des Raumes die Tischtennisplatte, um die herum Menschen aller Formen und Farben rennen, das ganze untermalt von Black Flag, Ignite, Minor Threat, Sick Of It All, Agnostic Front, Converge, Rancid...alle sind sie da. Ich bin im Paradies!
J. und B. sind auch da, von Job und Bandprobe direkt hergekommen, gut angeschossen sind sie schon, dann kann der Abend ja beginnen.
Ich hol erstmal drei Bier vom angsteinflößenden Barmenschen, J. wirft mir noch einen Schein hinterher. "Bring drei Wodka mit! Geht auf mich, gab heut gutes Trinkgeld!" Also drei Bier, drei Wodka zum Auftakt. Ich ahne, wohin das führt...
Wir lümmeln zu dritt auf einer der durchgesessenen Sperrmüllcouches und reden. J. erzählt, das hier vorher ein Konzert war, war gut sagt er, abgefahrene Leute, abgefahrene Musike. Arbeitstag war gut, Bandprobe war gut, der neue Song ist RICHTIG gut! B. stimmt zu, der neue Song ist n Knaller, der kommt an, da ist B. sich sicher! Und ja, die Bandprobe war super, hat Ergebnisse gebracht! Zufrieden sind sie alle beide. Und holen noch eine Runde Wodka. Ein paar Minuten beobachten wir das Geschehen, die tischtennisspielenden Menschen jeder Couleur. Wir sitzen etwas abseits, haben einen guten Blick und spähen die kommenden Gegner aus. "Der Tätowierte da kann nix!" - "Der Blonde mit dem Mittelscheitel, der ist richtig gut! - Ja, aber das ist n Lappen! - Haste Recht...Mittelscheitel, alter Schwede, das ist lang her... Aber Mut hatter..." - "Oha, die Brünette da drüben hat auch n Mittelscheitel, aber DIE ist ECHT gut! - Ja Mann, zwar nicht im Tischtennis, aber charakterlich kannste nix sagen!" Es wird laut gelacht ob des pubertären Witzes, das muss ja auch mal erlaubt sein.
Zeit, mal den Schläger zu schwingen.
Aus einem Pappkarton kramen wir uns "Schläger", die diesen Namen nicht verdienen. Meist sind es blanke runde Holzplatten, an deren Griffen man sich Splitter einzieht, einige haben einen Rest Gummibelag, sodaß sich Ecken und Kanten auf der Schlagfläche ergeben, was sicher total hilfreich ist, wenn man einen Ball platziert spielen will, wozu aber 90% der Anwesenden hier eh nicht oder nicht mehr in der Lage sind.
Egal, auf ins Getümmel. NoFx's geniales "Kill all the white men" begleitet das Spiel und ich umrunde erstaunlich behende den Tisch und schalte Gegner um Gegner aus. J. mit einem Schmetterball aus der Vorhand, B. kann ganz einfach nicht spielen, ist auch nur zum Trinken hier, da reicht ein normaler Ball an eine der Tischkanten und B. haut dann den Ball überall hin, nur nicht zurück auf meine Tischseite. Ich stehe im Finale. Gegen den Blonden mit Mittelscheitel, der das Ding hier ernst nimmt und seine Profikelle von daheim mitgebracht hat. "So'n Ding hatteste damals auch, als du noch im Verein gespielt hast vor tausend Jahren" denk ich mir, "der hat jetzt n derben Vorteil!" Aber ist ja wurscht, ich hab ja nicht vor, zu gewinnen....
Er schlägt an. Mit Spin. Ich prügel den Ball mit Genuss an die linksseitige Fensterscheibe, hinter der man das Hafenpanorama bewundern kann. 0-1. Ich spiel an, er spielt mir den perfekten Return, um den Ball meilenweit hinter seine Seite der Platte zu kloppen, wo er dann unter einer selbstgebauten Bühne verschwindet und aufwändig wieder rausgekramt werden muss. Ja, es gibt nur diesen einen Ball. 0-2. "Was ist los? Du hast doch die ganze Zeit gut gespielt!?!" fragt er und ich sehe Verwirrung und Enttäuschung in seinem Blick.
Was los ist? Ich will gratis Wodka trinken - und dafür muss ich verlieren!
Er spielt an und ich erstarre...bis der Ball mich passiert hat. Danach mach ich mich auf den Weg zur Bar und hol mir meinen Wodka. Und er guckt mir entgeistert hinterher. Ich ruf ihm noch "3-0 für dich, gutes Spiel, Glückwunsch! Prost!" zu. Sein Gesichtsausdruck ist unbezahlbar. Alter, ist nicht das Training der ersten Mannschaft vom
Einige der Mitspielenden "ermahnen" mich dann grinsend, doch nicht sooo offensichtlich zu "bescheißen"..."Is ok, mach ich nich mehr...aber haste seinen Blick gesehn??". Zwinkernd wird mir zugenickt, war schön, fist bump, "aber reicht jetzt auch mitm Verarschen, ja?" Klar doch, ich bin ja nicht zum Stressen hier. Der Blonde mit dem Mittelscheitel ist fast jedes Mal im Finale und gewinnt jedes. Entweder hat er das Konzept nicht verstanden oder er mag keinen Wodka. Gegen 1.30 geht er. Zu sagen, alle lagen sich in dem Moment vor Freude in den Armen, wäre übertrieben...aber die Erleichterung war spürbar. Ich renne noch ein paar Runden, "gewinne" sogar noch zweimal (den Wodka) und sitze mit J. auf einem Sofa, wir reden über Gott und die Welt.
Ein schriller Schrei, ein Einschlag, J.'s Bier verabschiedet sich im hohen Bogen in den dusteren Sitzbereich und schlägt da klirrend auf, dafür liegt nun ein Mädel, das beim Versuch, einen Ball noch zu erreichen, im Vollspeed die Kurve aber nicht mehr bekommen hat, halb auf ihm, halb auf der Fensterbank. Passiert schonmal. Meine Hälfte der Couch ist kaum betroffen und so kann ich ausgiebig über J. lachen, der vor nichtmal fünf Minuten auf meine Frage "Sind wir nicht zu nah dran?" mit "Ach was, was soll passieren? Meinste, hier knallt wer rein??" antwortete. Noch mehr lachen muss ich, als ich sehe, daß es das Mädel von draußen vor der Tür ist, das da frontal mit J. kollidiert ist. Man trifft sich immer zweimal im Leben, nur hat sie den Falschen getroffen - im wahrsten Sinne des Wortes!
Ich stehe an der Bar und schnappe auf, wie der Vollbärtige und der Langhaarige neben mir, die anscheinend zur Band, die spielte, bevor ich ankam, gehören, sich unterhalten. Ich schnappe Satzfetzen auf, während Sick Of It All aus den Boxen brüllen. "...Dude, the show was aaawesome!"..."Dude, you playing that guitar? Aaawesome!"..."The crowd, holy cow, aaawesome dude, so aaawesome! And that brunette girl with that really aaaaawesome characters."..."Yeah, she displayed her aaawesome characters very nicely, I liked it!" Beide grinsen und stoßen mit der guten Astraknolle an.
Einigermaßen angeschlagen weiß ich, was zu tun ist. Und so erhebe ich mich mit ebenfalls zur Anklage erhobenem Zeigefinger von meinem Barstuhl, trete unsicheren Schrittes, jedoch festen Willens an die beiden heran, tippe dem Bärtigen auf die Schulter und will ihn grad darauf hinweisen, das seine Aussagen über die gutgebaute Brünette quasi einen #Aufschrei der feministischen Bewegungen heraufbeschwören könnten, zum Beispiel bei Twitter, was für ein irrer Gedanke, als wenn sowas jemals...
...bevor ich aber verwarnend und belehrend zugleich mit dem Zeigefinger wedeln kann, schaut er mich an, stellt fest "You need a drink dude!" und bestellt drei Bier, drei Wodka, das scheint hier irgendwie Usus zu sein heute. Und ich kann nichts dagegen tun. Aaawesome!!
Gerede, Gerede, Gerede, der Langhaarige ist inzwischen weg, ich ordere noch ne Runde...
...
Als ich am Tag darauf aufwache, bin ich fit und guter Dinge. Habe eine SMS von J., er will wissen, wieso er blaue Flecken am Körper hat und woher die Handynummer auf seiner Hand kommt. Ich kläre ihn auf und er glaubt mir nicht so richtig. Lach ich drüber, "ruf halt an und lass es dir von ihr nochmal erzählen" rate ich ihm.
Schalte den Rechner an und habe bei Facebook eine Freundschaftsanfrage von einem vollbärtigen Kerl aus den USA.
Was zur Hölle...??
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Mag ich,
Menschen,
Musike/Konzerte,
Sport,
Wo ist die Kamera?
Donnerstag, 29. November 2012
Die Stimmen im Kopf.
Ich sitze in der Bahn und fahre heim. Den Rucksack voller Einkäufe, die im ÖPNV unverzichtbaren Kopfhörer auf und die aus den Kopfhörern schallenden Stimmen in den Ohren.
Am Barmbeker Bahnhof herrscht wie immer riesige Hektik. Sechzehn wollen aussteigen, dreiundzwanzig wollen rein. Und das möglichst schnell, möglichst gleichzeitig. Ein Schubsen, ein Drängeln, wutentbrannte verständnislose Blicke werden quer durch den Waggon geworfen, Münder gehen auf und zu, schreiend, fluchend und ich höre nur die Stimme von Axel Kurth, dem Sänger von WIZO, der mir ins Ohr brüllt, wie wenig er die Menschheit leiden kann. Ich erwische mich dabei, wie ich, ob der Anblicke, die sich mir hier grad bieten, zustimmend nicke.
Die Türen schließen, langsam rattert die U3 auf die Brücke hinauf, die über die Dächer Barmbeks gen Heimat führt. Ich schaue aus dem Fenster, sehe die Mundsburger Türme und am Horizont leicht verschwommen den Fernsehturm, der sich gegen den dunkler werdenden Abendhimmel als schwarze Silhouette abzeichnet. Eine schöne Aussicht.
Mir gegenüber sitzt eine junge Mutter Anfang zwanzig mit ihrer kleinen Tochter. Wie alt mag die sein? Zwei vielleicht?. Rosa Schleife im blonden Haar, rosa Jäckchen an, sie guckt mich an und freut sich, sie lächelt, ein Schneidezahn fehlt...
Die Stimme im Kopf singt über das Schlachten und Zerteilen von Schweinen. "Und dann spritzt das warme Blut aus dem Hals der letzten Sau..." (WIZO - Die letzte Sau)
...Die Kurze lächelt nun nicht mehr, sie strahlt mich an. Die Zahnlücke blitzt. Ab und zu beisst sie in ein Schokobrötchen, krümelt sich voll, saut sich und die Sitzbank mit Schokoflecken ein, über und über. Freudestrahlend hält sie mir das angekaute angesabberte Backwerk hin. Ob ich auch mal beißen möchte?...
Die Stimme in meinem Kopf singt über den Mord und das Verspeisen der Nachbarstochter. "Oh, Anneliese, mein Nachbarskind, du bist immer so gut drauf. Ich esse das Kind meiner Nachbarn auf." (WIZO - Anneliese Schmidt)
...Nein, ich möchte von ihrem Brötchen nicht beißen. Ich lehne lächelnd ab. Mutti wird aufmerksam, bisher hatte sie am Handy gehangen und der Situation keinen Blick geschenkt. Ihr Mund ging auf und zu und auf und zu. Nun weist sie ihr Kind zurecht, es soll mich nicht belästigen. Und sich nicht mit Schokolade beflecken. Sie scheint laut zu sein, auf und zu, auf und zu, dazu Gestik, die gute Laune der Kleinen ist abrupt beendet. Jetzt weint sie. Tränen kullern. Was für eine großartige Mutter...
Die Stimme in meinem Kopf ruft nun zu Attentaten auf. "
...Habichtstraße. Heimat. Ich mag diese kleine ruhige Station inmitten von Grün sehr gern. Mit den gelben Plexiglasfenstern an der Treppe und fast komplett ohne schlechte Kinder-Tags. Ich stehe auf, Mutti lächelt mich an, ihr Mund geht auf und zu, vermutlich hat sie mir einen weiterhin schönen Tag gewünscht, vielleicht hat sie mir auch einen Quickie im Gebüsch angeboten, ich habe keine Ahnung. Ihr Töchterchen sitzt weiterhin heulend neben ihr, wird aber gänzlich ignoriert. Was für eine großartige Mutter... Kopfschüttelnd steige ich aus der Bahn. Schau durchs Fenster wieder hinein in den Waggon, Mutti ist wieder plappernd am Handy, die Kurze weint immernoch bitterlich und als die Bahn ruckartig anfährt, fällt sie fast vom Sitz. Mutti bemerkt es nicht.
Und dann brüllt die Stimme in meinem Kopf "Hin und wieder stell ich fest, daß ich nicht mehr lachen kann, über Sachen, die ich früher lustig fand. Hin und wieder merk ich auch, daß ich keine Menschen brauch und lieber ganz alleine bin." (WIZO - Quadrat im Kreis)
Noch ein zustimmendes Nicken.
Ab nach Hause.
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Gedankenspiele,
Hamburg hates me/I hate back,
Musike/Konzerte,
Nahverkehr
Mittwoch, 14. November 2012
Der Tag, an dem es passte.
Anfang Juli 2012. Meine allerliebste Lieblingsband tourt endlich mal wieder durch Europa. Für mich heißt das: MUSS ich hin. Letztes Jahr hab ich sie noch in Frankfurt und in heimischen Gefilden gesehen, dieses Mal spielen sie nur in Berlin. Oder auf Festivals. Und ich hasse Festivals. Nicht ordentlich duschen können, nicht ordentlich kacken können, nicht ordentlich schlafen können, nicht ordentlich Musik hören können...denn die Band mit neunzigtausend anderen vor einer Bühne, groß wie ein Parkplatz, zu teilen...nein, das hat für mich nichts mit "Konzert" oder "Spaß" zu tun. Und dafür noch hundertirgenwas zahlen? Klar! Arschlecken!
Ein gutes Konzert hat nicht mehr als 200 Zuhörer und findet möglichst im kleinsten intimsten Club, den man auftreiben kann, statt. Bei nem Konzert will ich die Energie der Band spüren, mitgerissen werden, mit der Band interagieren. Notfalls, wenn auch ungern, Schweiß-/Spucketropfen abbekommen, das ist ekelhaft, aber den Preis zahl ich gern.
Fünfzig Meter von der Bühne weg zu stehen, die (schlimmstenfalls) Kommerzband nur per HD-Leinwand zu sehen und die Musik nur aus der Ferne wahrnehmen können...Scheiße, nein, das hat nichts mit einem guten Konzert zu tun! Auf Festivals kann man sich sicherlich grandios zum Filmriß saufen, man kann sicher tolle Leute kennenlernen, garantiert kann man Spaß haben, man wird sich garantiert noch Jahrzehnte danach daran erinnern, "Ach, guck, wir beide, vollgekotzt beim Rock am Ring, im Hintergrund spielen "Die Toten Hosen", die "Oldskool Punks"...heute, mit fast siebzig, feuern sie auch noch jedes Jahr eine Ballade raus, das haben sie ja damals schon getan, wenns mal nicht lief. Karriereknick? Ballade spielen! Der Durchschnittsdeutsche feiert das dann ab. Zum Kotzen, diese Band!! Pseudopunkscheiße. Und wahrscheinlich kommt gleich Alex und vermöbelt mich mal so richtig!" Oha, da musste wohl mal was raus. Ups. Aber ist ja die Wahrheit...
Ich ziehe jedes Garagenkonzert einer guten No-Name-Band mit vier Zuschauern einem Festival mit achtzigtausend Deppen auf einem Gelände ohne ordentliches Scheißhaus vor.
Aber...
...darum gehts ja gar nicht.
Meine allerliebste Lieblingsband spielt also mal wieder auf dem heimischen Kontinent. Unter anderem auch in Berlin. Am achten August. Pflichttermin.
Ich betrete den Ticketshop meines Vertrauens, hier hab ich schon die beklopptesten Sachen bekommen, die es anderswo nicht gab.
Ein kleiner, enger, innen mit Postern zu tapezierter Laden, ein kleiner Bedienthresen, der voller Flyer für die Clubs und Theater der Stadt ist, sie liegen wild herum. Alles auf den ersten Blick vollkommen chaotisch. Ich mag das.
"Hallo, was kann ich für Sie tun?"
Hinter dem kleinen Thresen sitzen abwechselnd zwei ältere Herren (Mitte 50; "Ich kann den Namen der Band, die sie sehen möchten, nicht aussprechen...aber ich wünsche ganz viel Spaß!"), die immer stinkefreundlich sind und mir schon so manchen Wunsch erfüllt haben und denen ich irgendwann mal auf Knieen daher kriechend ein Opfermal bringen werde. Vielleicht den linken Daumen von Campino?...
"Guten Abend...ich kann doch hier auch Karten für Konzerte in Berlin kaufen, oder? Letztes Mal konnte ich..." - "Wenn es das letzte Mal ging, dann sicher auch heute. Was solls denn sein?"
Vorfreude. Mit freudig erregter Stimme sage ich
"Achter August, Festsaal Kreuzberg, boysetsfire! Bitte!"
Der nette Herr tippt auf der Tastatur herum. "Oha!" sagt er.
"Oha!!!" denke ich und Panik bricht aus. Ich beginne, zu schwitzen, das Atmen fällt schwerer als zuvor. Vor meinem inneren Auge tänzelt das Wort "Ausverkauft" hin und her, es trägt ein rosarotes Tütü und grinst mich fies an mit blitzeweißen Zähnen.
"Wieviele Karten sollen es denn sein?" Ich zucke zusammen. Er spricht mit mir. Aber: Meint der die Frage ernst?? "Naja, ich bin eine Person...also würd mir eine reichen!"..."Ooooooooha!!!" sagt er.
Ich schwitze. Und wenn der mir nicht bald sagt, was Sache ist, dann kletter ich über diesen verdammten Thresen und...
"Da kann ich Ihnen jetzt nur gratulieren! Das war ein Volltreffer!" - "Wie bitte?" - "Sie haben soeben die letzte überhaupt verfügbare Karte für das Konzert erstanden. Es gibt keine mehr. Keine Abendkasse, kein gar nichts, das Ding ist vollkommen ausverkauft!"
Ich gucke ihn mit großen Augen an, mein Herz puckert wie bescheuert. "Ich hab die letzte...die allerletzte Karte überhaupt bekommen??" - "Ja, genau, die allerallerALLERletzte Karte war das!" Das demonstriert er mir dann auch gern nochmal, er versucht, eine weitere Karte für das Konzert zu erstehen, ich kann seine Arbeitsschritte auf einem Monitor auf dem Verkaufsthresen ansehen und nachverfolgen. Da geht nix mehr. Ich hab die ALLERletzte Karte gekauft. Wegen nem Bauchgefühl, das mir sagte "Geh nicht erst morgen am freien Tag hin, machs jetzt, dein Kollegah kommt auch mal ohne dich aus!" Wahnsinn!! Zufall?? Göttliche Fügung?? Mir alles egal, ich hab das Ding!!
"Na Mensch, sie freuen sich ja!" stellt der nette Herr hinterm Thresen fest und freut sich wohl auch ein bisschen mit. "Da haben sie aber wirklich Glück gehabt!" Und ich würd ihn am liebsten grad umarmen und er weiß das zum Glück nicht.
Beschwingten Gemütes ging es zurück zur Arbeit, die ganzen kranken Asis dort konnten mir an dem Tag nix, aber auch gar nix mehr, meine Mannschaft hat gewonnen und das Geld für die Konzertkarte kam durchs Trinkgeld wieder rein. Kanns besser laufen?
Ich mag solche Tage bitte gern öfter haben!!
Ein gutes Konzert hat nicht mehr als 200 Zuhörer und findet möglichst im kleinsten intimsten Club, den man auftreiben kann, statt. Bei nem Konzert will ich die Energie der Band spüren, mitgerissen werden, mit der Band interagieren. Notfalls, wenn auch ungern, Schweiß-/Spucketropfen abbekommen, das ist ekelhaft, aber den Preis zahl ich gern.
Fünfzig Meter von der Bühne weg zu stehen, die (schlimmstenfalls) Kommerzband nur per HD-Leinwand zu sehen und die Musik nur aus der Ferne wahrnehmen können...Scheiße, nein, das hat nichts mit einem guten Konzert zu tun! Auf Festivals kann man sich sicherlich grandios zum Filmriß saufen, man kann sicher tolle Leute kennenlernen, garantiert kann man Spaß haben, man wird sich garantiert noch Jahrzehnte danach daran erinnern, "Ach, guck, wir beide, vollgekotzt beim Rock am Ring, im Hintergrund spielen "Die Toten Hosen", die "Oldskool Punks"...heute, mit fast siebzig, feuern sie auch noch jedes Jahr eine Ballade raus, das haben sie ja damals schon getan, wenns mal nicht lief. Karriereknick? Ballade spielen! Der Durchschnittsdeutsche feiert das dann ab. Zum Kotzen, diese Band!! Pseudopunkscheiße. Und wahrscheinlich kommt gleich Alex und vermöbelt mich mal so richtig!" Oha, da musste wohl mal was raus. Ups. Aber ist ja die Wahrheit...
Ich ziehe jedes Garagenkonzert einer guten No-Name-Band mit vier Zuschauern einem Festival mit achtzigtausend Deppen auf einem Gelände ohne ordentliches Scheißhaus vor.
Aber...
...darum gehts ja gar nicht.
Meine allerliebste Lieblingsband spielt also mal wieder auf dem heimischen Kontinent. Unter anderem auch in Berlin. Am achten August. Pflichttermin.
Ich betrete den Ticketshop meines Vertrauens, hier hab ich schon die beklopptesten Sachen bekommen, die es anderswo nicht gab.
Ein kleiner, enger, innen mit Postern zu tapezierter Laden, ein kleiner Bedienthresen, der voller Flyer für die Clubs und Theater der Stadt ist, sie liegen wild herum. Alles auf den ersten Blick vollkommen chaotisch. Ich mag das.
"Hallo, was kann ich für Sie tun?"
Hinter dem kleinen Thresen sitzen abwechselnd zwei ältere Herren (Mitte 50; "Ich kann den Namen der Band, die sie sehen möchten, nicht aussprechen...aber ich wünsche ganz viel Spaß!"), die immer stinkefreundlich sind und mir schon so manchen Wunsch erfüllt haben und denen ich irgendwann mal auf Knieen daher kriechend ein Opfermal bringen werde. Vielleicht den linken Daumen von Campino?...
"Guten Abend...ich kann doch hier auch Karten für Konzerte in Berlin kaufen, oder? Letztes Mal konnte ich..." - "Wenn es das letzte Mal ging, dann sicher auch heute. Was solls denn sein?"
Vorfreude. Mit freudig erregter Stimme sage ich
"Achter August, Festsaal Kreuzberg, boysetsfire! Bitte!"
Der nette Herr tippt auf der Tastatur herum. "Oha!" sagt er.
"Oha!!!" denke ich und Panik bricht aus. Ich beginne, zu schwitzen, das Atmen fällt schwerer als zuvor. Vor meinem inneren Auge tänzelt das Wort "Ausverkauft" hin und her, es trägt ein rosarotes Tütü und grinst mich fies an mit blitzeweißen Zähnen.
"Wieviele Karten sollen es denn sein?" Ich zucke zusammen. Er spricht mit mir. Aber: Meint der die Frage ernst?? "Naja, ich bin eine Person...also würd mir eine reichen!"..."Ooooooooha!!!" sagt er.
Ich schwitze. Und wenn der mir nicht bald sagt, was Sache ist, dann kletter ich über diesen verdammten Thresen und...
"Da kann ich Ihnen jetzt nur gratulieren! Das war ein Volltreffer!" - "Wie bitte?" - "Sie haben soeben die letzte überhaupt verfügbare Karte für das Konzert erstanden. Es gibt keine mehr. Keine Abendkasse, kein gar nichts, das Ding ist vollkommen ausverkauft!"
Ich gucke ihn mit großen Augen an, mein Herz puckert wie bescheuert. "Ich hab die letzte...die allerletzte Karte überhaupt bekommen??" - "Ja, genau, die allerallerALLERletzte Karte war das!" Das demonstriert er mir dann auch gern nochmal, er versucht, eine weitere Karte für das Konzert zu erstehen, ich kann seine Arbeitsschritte auf einem Monitor auf dem Verkaufsthresen ansehen und nachverfolgen. Da geht nix mehr. Ich hab die ALLERletzte Karte gekauft. Wegen nem Bauchgefühl, das mir sagte "Geh nicht erst morgen am freien Tag hin, machs jetzt, dein Kollegah kommt auch mal ohne dich aus!" Wahnsinn!! Zufall?? Göttliche Fügung?? Mir alles egal, ich hab das Ding!!
"Na Mensch, sie freuen sich ja!" stellt der nette Herr hinterm Thresen fest und freut sich wohl auch ein bisschen mit. "Da haben sie aber wirklich Glück gehabt!" Und ich würd ihn am liebsten grad umarmen und er weiß das zum Glück nicht.
Beschwingten Gemütes ging es zurück zur Arbeit, die ganzen kranken Asis dort konnten mir an dem Tag nix, aber auch gar nix mehr, meine Mannschaft hat gewonnen und das Geld für die Konzertkarte kam durchs Trinkgeld wieder rein. Kanns besser laufen?
Ich mag solche Tage bitte gern öfter haben!!
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Mag ich,
Musike/Konzerte
Abonnieren
Posts (Atom)