Sonntag, 17. Mai 2015

Sternenhimmel

Später Abend.

Ich steige am Baumwall in die fast leere U-Bahn und habe freie Platzwahl.

Ich setze mich auf einen Platz am Fenster und ziehe mir meine Kopfhörer über die Ohren.

Musik an, noch kurz durchs Fenster mit müden Augen den nächtlichen Hafen bewundert, dann Hirn aus, Augen zu, ab nach Hause.

Ein paar Stationen später, im Ohr gerade einen sehr ruhigen Part, höre ich Geräusche, die ich nicht direkt einordnen kann und öffne die Augen wieder.

Kurz muss ich wegen der blendenden Lichter im Waggon blinzeln, dann erkenne ich ein Mädchen, Mitte zwanzig ist sie vielleicht und sie tastet sich mit ihrem Blindenstock durch den Mittelgang und lässt sich, bevor ich ihr vermutlich eh unnötige Hilfe anbieten kann, ins Sitzabteil rechts gegenüber fallen und schnauft erstmal tief durch.

Da das erleichtert und ermüdet klingt und sie scheinbar einen anstrengenden Abend hatte, entschließe ich mich dazu, die Klappe zu halten und ihr ihre Ruhe zu lassen, obwohl ich mir einbilde, sie habe kurzzeitig in meine Richtung gelächelt, bevor sie sich auf den Sitz plumpsen ließ.

"Das war sicher Kopfkino", denke ich mir, "ganz klar, warum sollte die dich denn bitte anlächeln? Die sieht dich nich, gesagt haste nix, haste dir wieder was eingebildet, kannste ja gut."

Ich fläze mich auf meine Sitzbank, schließe wieder die Augen, lehne den Kopf an die Fensterscheibe - klonk - und das Handy switcht zum grandiosen ClickClickDecker.

"Ich beneide Dich um Deinen Sternenhimmel."

Ich muss automatisch grinsen und bin mit der Gesamtsituation sehr zufrieden.

Das Lied beginnt und wie ich das manchmal so mache, wenn ich mich vor Beobachtern sicher wähne oder gute Laune habe, singe ich nicht mit, zumindest nicht laut, ich forme nur die Worte mit den Lippen.

Nur für mich ganz allein.

Fast vollkommen lautlos.

Vermutlich sehe ich dabei zum Schießen komisch aus, das ist mir aber vollkommen egal.

Das Lied läuft so knappe drei Minuten und ich "singe" für mich allein mit und freue mich, danach shuffelt das Handy zu was Instrumentalem und ich wippe nur noch im Takt mit dem Fuß.

Kurz vor der Kellinghusenstraße tippt jemand sacht auf meine Schulter.

Ich schaue hoch. Das blinde Mädchen aus dem Abteil gegenüber. Dieses Mal lächelt sie mich wirklich an.

"Was für ein schöner Text, den du geflüstert hast. Verrätst du mir, von wem der ist?"

Ich bin vollkommen baff und kriege es grad noch so hin, ihr Songtitel und Musikanten zu nennen, dann steigt sie mit über den Boden ratterndem Stock aus, winkt dabei mit der freien Hand und dann fährt die Bahn ab.

Und ich sitze verwirrt da.

Dann muss ich lachen und bin glücklich für einen Moment.

Sonntag, 3. Mai 2015

Der Neue

Es ist irgendwann Anfang des Jahrtausends und ich bin empört.

Vielleicht beleidigt.

Definitiv aber gekränkt! Und das sehr!

Da surft man sinn-und-verstandlos im Internet herum und landet - vollkommen zufällig und über verschlungene Wege natürlich - auf dem Profil der Exfreundin auf irgendeiner der damals so angesagten Flirtseiten und auf eben diesem Profil, das eben diese Exfreundin mit Akribie pflegt, steht als Beziehungsstatus:

Vergeben.

"Sorry Jungs, aber ich bin vom Markt ;))" steht da noch als Zusatz.

Ich lese das nochmal, vielleicht hab ich mich ja verguckt.

Hab ich nicht. Manu hat einen Neuen.

Rumms.

Erste Reaktion: Ungläubiges Fluchen ob noch gewähnter Rückgewinnungschancen.

Zweite Reaktion: Anruf beim besten Kumpel.

"Ahoi!"

"Ahoi, Manu hat n Neuen!"

"Aha, direkt auf den Punkt. Wer sagt das?"

"Internet sagt das."

"Wenn's im Netz steht, ist es wahr! Plan?"

"Bier!"

"Läuft. Ich komm nachher längs."

"Läuft." *klick*

Ein paar Stunden später steht mein Bester mit einem Sixpack vor der Tür.

"Und, wer ist Manu's Neuer?"

"Kein Plan."

"Aber dir geht's doof?"

"Jepp."

"Aber ihr wart doch nur kurz zusammen?"

"Jepp."

"Ganz kurz sogar nur."

"Jepp."

"Halbes Jahr?"

"Fast."

"Hmm."

Schweigen.

Dann ist das Bier leer.

"Das Bier ist leer."

"Das ist schlecht."

"Und jetzt?"

"Neues!"

"Läden sind zu!"

"Das ist schlecht."

"Tanke?"

"Teuer."

"Hmm."

Pause.

Lange Pause.

"Du musst unter Leute, wir fahren jetzt auf den Dom!"

"Dom ist doof."

"Egal, da fahren wir jetzt hin. Auf!"

Mein Bester ist sehr gut darin, einen zu Dingen zu überreden, die er für richtig hält und so stehe ich vierzig Minuten später mit einem neuen Bier von der Tanke (teuer) auf dem Hamburger Dom inmitten fürchterlicher Unmenschenmengen und habe faszinierend schlechte Laune.

Lichter blinken, Chartsquatsch dröhnt blechern aus Lautsprechern, Deppen johlen oder rempeln, viel zu sehr geschminkte minderjährige Tussis warten auf die Einladung zur nächsten Runde Autoscooter...und uns entgegen kommt Manu. Arm in Arm mit ihrem Neuen.

Ich stoppe.

Sie stoppt.

"Sag mir einen Plan!" raune ich meinem Besten zu.

"Hab keinen. Du?"

"Theoretisch hauen. Aber geht nicht, der Typ ist ja riesig!"

"Ja, bestimmt 1,90!"

Die beiden kommen auf uns zu, in Gedanken rolle ich die Ärmel meines Pullovers hoch und gehe in Kampfhaltung wie ich sie bei Boxkämpfen im TV gesehen habe.

"Dance like a butterfly, sting like a bee!" Muhammad Ali hat ja gesagt, wie's geht. Ich bin wild entschlossen. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Manu steht ein wenig unsicher vor uns, ich schaue so grimmig ich eben schauen kann, mein Bester stärkt mir den Rücken, leider scheitert er am grimmigen Blick grandios. Aber der Wille zählt.

"Huhu! Ist ja lustig, euch hier zu treffen! Das da ist übrigens Basti. Naja, mein neuer Freund." Sie macht eine Pause, dann folgt irritiert "Warum guckt ihr denn so...komisch? Ist das ein böser Blick?"

Damit kann sie nur meinen Besten meinen, mein böser Blick ist perfekt und ich will grade zu ausschweifenden Erklärungen ausholen, warum ich mit der Gesamtsituation unzufrieden bin, als sich Basti zu mir rüber beugt und mir auf die Schulter klopft.

"Moin Alter! Hab grad drüben Bonscher gekauft, die sind klasse! Nimm dir paar, dein Kumpel auch! Wieso stehst du da eigentlich wie so'n Boxer?"

Etwa zehn Minuten später sind er, mein Bester und ich dickste Freunde und ein paar Jahre später, nachdem Manu ihn abgeschossen hat, klingelt spät am Abend mein Handy.

"Ahoi!"

"Ahoi, Manu hat n Neuen!"

"Alles klar Mann. Ich bin auf dem Weg!"...



("Manu" und "Basti" heißen natürlich nicht wirklich Manu und Basti. Ich werd den Teufel tun und hier Klarnamen von Privatpersonen veröffentlichen. Sicherheitshalber nochmal als Hinweis.)

Dienstag, 14. April 2015

Mitgehört (6): Punx not dead

Auf dem Gehweg an der Reeperbahn hat es sich eine Gruppe Punks bequem gemacht.

Sie sitzen oder liegen entspannt herum, ab und an wird an der Billigbierdose genippt oder mal ganz beiläufig ein Vorbeilaufender angeschnorrt.

Man muss entweder - wenn grad kein Auto kommt - auf die Fahrbahn  ausweichen und läuft so außen um die Gruppe herum oder man läuft mitten hindurch und umkurvt die herumchillenden möglichst elegant wie Slalomstangen.

Ein Bodybuildertyp in klischeehafter Klamotte, die ihm fast vom Körper platzt, hat darauf keine Lust. Er pflügt einfach durch die Gruppe hindurch, seine solariensonnensüchtige Freundin hat er dabei fest im Griff und zerrt sie hinter sich her.

Während er eine Schneise durch die Herumsitzenden schlägt, tritt er wohl im Vorbeilaufen einem von ihnen mehr oder weniger versehentlich gegen das Bein und sein Opfer, ein junger Typ von vielleicht sechzehn Jahren mit grüngefärbtem Iro und SLIME-Shirt windet sich daraufhin so theatralisch auf dem Boden wie Pippo Inzaghi es seinerzeit regelmäßig und mit viel Erfolg im Strafraum des jeweiligen Gegners tat.

"Eyh, das war Absicht! Bleib stehen!" ruft er dem Übeltäter mit weinerlicher Stimme hinterher und er schaut tatsächlich, als wolle er gleich losheulen.

"Bleib stehen oder ich ruf die Polizei!"

"Geht nicht!" ruft ihn sein maximal ein Jahr älterer schlecht blondierter Kumpel zur Raisson. "Du kannst nicht die Polizei rufen, wir sind Punks, wir hassen die Polizei. Und die hassen uns! Das weißt du doch!"

Darauf überlegt der Iro-Träger kurz und zuckt dann entschuldigend mit den Schultern.

"Ja, Scheiße, hast Recht. Das vergesse ich immer. Du bist halt schon länger Punk als ich, das merkt man voll!"

Donnerstag, 9. April 2015

Übers Bloggen bloggen: Ein Blogstock von Karo.

Guck an, ein Blogstöckchen mal wieder.

Geschmissen von der guten Karo und tatsächlich gern angenommen von mir, der ein bisschen gedankenlos sein altes Handy mit den ganzen vorgeschriebenen Texten und Textideen verschenkt hat, ohne selbige vorher aufs neue Telefon zu kopieren und der deswegen jetzt irgendwie ein bisschen auf dem Trockenen sitzt. Anfängerfehler, weiß ich. War aber ein Notfall und musste sein. Hilft grad einem mir wichtigen Menschen, von daher alles gut.

Übers Bloggen soll ich also bloggen. Seit längerem schon, der Blogstock liegt hier schon ein paar Tage rum. Und jetzt dann endlich mal raus mit ihm...

1. Gibt es jemanden, der dich zum Bloggen inspiriert hat?

Na, "inspiriert" würd ich jetzt nicht unbedingt sagen. Das Bloggen kam ja irgendwie zwangsläufig, nachdem die Bewertungsplattform "Qype" vor 2,5 (oder so) Jahren die Schotten dicht gemacht hat.

Mit dem "Schreiben im Internet" hatte ich auf dem Portal irgendwann mal derbe angeschossen im Hinterzimmer einer meiner liebsten Hauptstadtkneipen begonnen, weil ich die Mitmenschheit wissen lassen wollte, wie gern ich den Laden hab - schön blöd eigentlich. Aus purem Narzissmus habe ich Tage später nachgeschaut, ob mein mühsam zusammengeschusterter Siebenzeiler ohne jegliche wichtige Information irgendwelche Reaktionen hervorgerufen hatte. Hatte er nicht, was im Nachhinein nicht verwundert.

Aus mir unerfindlichen Gründen habe ich mich noch ein wenig durchs Portal geklickt und bin über einen Text des artist formerly known as "Underdog" gestolpert, den ich ziemlich abgefeiert habe. Habe noch einen gelesen und dann noch einen...eine Stunde später hab ich mir dann gedacht: "Was der kann, kannst du so ähnlich auch!", hab dem Kollegen "Underdog" ne Follower-Anfrage geschickt - schön mit siezen und der nötigen Unterwürfigkeit eines Rookies und so, er kam sich vermutlich vollkommen veräppelt vor - ...und denn hab ich angefangen zu schreiben und recht fix bemerkt, dass mir das Spaß macht.

Nach Qypes Exitus war der Blog die logische Konsequenz. Ich hatte inzwischen eh nur noch wenig Bock auf das Bewerten von Restaurants oder Discoklos, sondern wollte lieber andere Texte schreiben, persönlichere oder so. Et voilà. In der Häufigkeit hat's abgenommen, das wird aber auch wieder werden. Im Leben gibt's grad andere Schwerpunkte.

Zusammengefasst: Inspiriert hat mich so direkt keiner, aber ernsthaft mit dem Schreiben angefangen hab ich eigentlich nur wegen der Texte von "Underdog". Sorry Alter, aber den Schuh musste dir anziehen. Du wirst es überleben...bin mir da ziemlich sicher.

2. Welches sind die Blogs die du am regelmäßigsten liest und warum?

Ich muss zugeben, ich lese nur sehr wenige Blogs und regelmäßig sind es vielleicht fünf. Das wären der Kiezneurotiker, DieFreaks, Amelie, KreuzbergSüdOst und ein US-Sport-Blog, der sich ausschließlich mit Spielanalysen und Interna meines favorisierten Baseball-Teams auseinandersetzt und den neben mir außerhalb der Staaten vermutlich niemand sonst kennt. In andere Blogs lese ich oft mal rein, dann auch gern mal gleich dreißig Posts am Stück und dann speichere ich den Link in meinem Sammelordner ab und krame ihn immer mal wieder heraus. Von "regelmäßig lesen" kann da also keine Rede sein.

Warum ich die erwähnten Blogs regelmäßig lese? Weil mir die angesprochenen Inhalte und aufgegriffenen Themen gefallen bzw mich interessieren und weil ich die Art und Weise mag, wie sie wiedergegeben werden. Lustigerweise sind alle vier hier relevanten Blogs aus Berlin. Das verbuche ich mal unter "Zufall".

3. Findest du, das Bloggen eine heilsame Wirkung hat?

"Heilsam" ist vielleicht übertrieben, aber um den Kopf frei zu kriegen, um sich wieder auf Wichtigeres konzentrieren zu können, finde ich es ab und an recht hilfreich. Ich bin schon zwei, drei Mal entspannter eingeschlafen, weil ich störende Gedanken vorher verbloggt hatte.

Umgekehrt bin ich aber auch nicht nur ein Mal genervt und mit Bauchweh ins Bett gegangen, weil Gedanken oder Ideen sich partout nicht in veröffentlichungswürdige Texte fassen lassen wollten. Da könnt ich dann durchdrehen! Aber das kommt zum Glück eher selten vor.

4. Hast du nur einen oder noch andere Blogs? Wenn ja warum?

Ich hab nur diesen einen Blog. Das reicht aber auch. Ich hab zwar theoretisch (leider) Zeit für mehr, nicht aber genug Ideen.

Und wenn es mich doch mal juckt und ich unbedingt ein Restaurant/einen Döner-Dealer/ein Discoklo empfehlen oder verreissen will oder muss, dann hab ich da anderswo ein Profil für. Möcht ich auf dem Blog nicht haben.

Da fällt mir ein, dass ich den Döner-Dealer-Verriss von ganz am Anfang lange schon löschen wollte...

5. Würdest du deinen Blog auch löschen? Aus welchem Grund?

Da hab ich noch nie drüber nachgedacht.

Komplett löschen würde ich ihn nur, wenn ich vorher sämtliche Texte irgendwo als Kopie hätte. Einfach der Form halber. Fakt ist, dass ich vielleicht zehn Texte irgendwo als Kopie herumfliegen habe. Auf nem verschenkten Handy, komm ich also momentan auch gar nicht ran. Hab ich mal wieder gut durchdacht, die Nummer.

Vermutlich würd ich den Blog eher offline stellen. Steckt ja nun auch ein bisschen Herz, Zeit und "Arbeit" drin.

Da einfach den Stecker ziehen und bei nem Glas Wein zuschauen, wie das alles gen Nirwana rauscht? Da müsst ich schon sehr masochistisch veranlagt oder launetechnisch SEHR angepisst sein.

Da ich mir bis dato keine Gedanken darüber gemacht habe, kann ich die Frage nach dem Grund nicht beantworten. Aber im Fall des Falles werd ich schon einen haben.

6. Wie hälst du es mit der Privatsphäre? Hast du darüber nachgedacht, wieviel du warum preisgibst?

Darüber habe ich definitiv zu wenig nachgedacht, als ich den Blog startete. Hätte ich mir darüber genügend Gedanken gemacht, so  tauchte sicherlich nicht mein realer Vorname in der URL auf. Das Ding würd dann jetzt  cellardoor.blogspot.de (als Hommage an den Lieblingsfilm) heißen oder deinemutti.blogspot.de oder was weiß ich. Aber nicht so wie es jetzt heißt. Definitiv nicht. Das ärgert mich, ist aber ja leider nicht mehr zu ändern.

Ich glaube, so wahnsinnig viel privates habe ich bislang nicht preisgegeben. Und das habe ich eigentlich auch weiterhin nicht vor.

Ich habe weder vor dem Haus herumlungernde "Fans" noch Stalker, die meine Heimatstadt nach mir durchsuchen und mir mit Worten wie "Hab dich!!" Fotos von Menschen mit Schuhen wie ich sie trage schicken. DAS ist gruselig und wäre für mich ein Grund, die ganze Sache hier ernsthaft zu überdenken.

Wie viel ich warum preisgebe liegt immer daran, wie wichtig oder sinnvoll es meiner Meinung nach für den entsprechenden Text ist. Bisher kann ich noch alles vor mir selbst verantworten.

Sobald ich das Gefühl nicht mehr habe, ist hier eh Feierabend.

Will sagen: Drüber nachgedacht wurde natürlich...hier und da evtl aber etwas unzureichend. Dessen bin ich mir bewusst und darauf wird nun noch besser geachtet.

7. Würdest du einen Kooperationsblog gründen? Mit anderen Bloggern? Oder schreibst du lieber ausschließlich allein?

Ich bin sehr gern allein und tue ergo auch viele Dinge am liebsten allein.

Aber gegen einen Kooperationsblog hätte ich prinzipiell nichts einzuwenden. Vorausgesetzt natürlich, dass die sich zusammenschließenden SchreiberInnen auch gemeinsam funktionieren und auf einer Welle liegen.

Vor ein paar Wochen las ich mal auf so einem "JederMitJedem"-Blog (Name entfallen, sorry) einen Konzertbericht über meine momentan liebste deutschsprachige Band. Gefiel mir gut. Der darauffolgende Blogpost zeigte dann die Vorteile von und "Vorurteile" gegenüber der Pegida-Bewegung auf.

Die Band und Pegida sind thematisch und von der generellen Denke her so weit auseinander, wie ich von einem Doktortitel in Astrophysik weg bin. Lichtjahre. Da hat das mit dem Kooperieren entweder nicht geklappt oder wurde gekonnt ignoriert.

Kooperation finde ich gut. Ist glaube ich aber (siehe genanntes Beispiel) im Internetz nur extrem schwer machbar. Da muss man sich schon sehr gut kennen und/oder einschätzen können. Und wer kann das schon online? Ich zumindest kann es nicht. Von daher mach ich lieber allein weiter.

8. Was sind die schlechtesten Blogs die du kennst?

Kurz und schmerzlos: Ich habe keine Ahnung!

Die Blogs, die ich mehr oder weniger regelmäßig lese, finde ich logischerweise alle gut bis sehr gut.

Und die Namen von denen, die ich mal angelesen und für scheiße, albern oder unsinnig befunden habe, habe ich mir konsequenterweise nicht gemerkt.

Unbefriedigende Antwort, ich weiß. Excuse moi.

Wie auch bei den letzten Malen ist mein Blog für jegliche Blogstöckchen eine Einbahnstraße. Hier endet ihre Reise, ich werf sie nicht weiter. Ich wüsst nicht zu wem.

Sollte sich trotzdem jemand zu einer Antwort berufen fühlen...keine Schüchternheit vortäuschen, immer raus damit!

Freitag, 20. März 2015

Finster

Typisch Hamburger Schietwetter: Kaum ist Frühling, schon ist die Sonne weg.

Was mir als ausgesprochenem Freund der kalten Jahreszeit ja durchaus entgegen kommt, ich will gar nicht schon wieder meckern. Aber so ein dusteres Wetter zum Frühlingsanfang? Ach komm...

Zum Glück ist Besserung in Aussicht, denn außer Frühlingsanfang ist heute auch Sonnenfinsternis und die dauert ja nur ein paar Stunden. Gegen Mittag ist das Spektakel schon wieder Geschichte, so steht's in den Medien. Da macht die Sonnenfinsternis quasi Mittagspause.

In den Medien heißt die Sonnenfinsternis nur "Sofi". Natürlich nicht in allen Medien, das hat die Springerpresse mal wieder exklusiv.

Erst die GroKo, jetzt die Sofi, es wird nicht besser. Wobei, irgendwie ja ganz treffend, in den Tiefen des Weltraums koalieren zumindest rein optisch Sonne und Mond und wenn Sonne und Mond das tun, dann ist das schon eine amtliche GroKo. Das gebe ich zu. Von GroKo zu Sofi ist es dann ja auch kein allzu langer Weg mehr.

In sechs, sieben Jahren sitzen dann in jeder dritten Grundschul...Entschuldigung, GruSchu-Klasse der Republik mindestens ein kleiner GroKo und eine kleine Sofi - wobei letzteres vermutlich heut schon der Fall ist. Da muss man realistisch bleiben.

Ich hatte übrigens mal eine Freundin namens Sofi(e) und das war auch alles ziemlich finster. So schließt sich der Kreis. Aber das ist ewig her und gehört hier eh nicht hin.

Nun stehe ich also auf einem Freitag Vormittag in Erwartung des Mega-Ereignisses ein wenig gelangweilt auf einer Seitenstraße in Hamburg-Alsterdorf herum, umringt von Freundin H. und ihren wild durcheinander plappernden Kommilitoninnenfreundinnen, halte ein Glas Prosecco in der Hand, denn "So ein Ereignis muss man doch feiern! Sowas erleben wir nie wieder!!". "Naja, eigentlich schon. In 24 Jahren um genau zu sein." erwidere ich. "24 Jahre? Das ist ja noch eeeeewig hin!! Wer weiß wie tot ich bis dahin bin!?" quietscht eine der Kommilitoninnenfreundinnen und stößt kichernd und das obligatorische "Stößcheeeen!!" quiekend mit ihrer Nebenfrau an.

Ein wenig betroffen starre ich auf das Glas Prosecco in meiner Hand und beschließe, dass mehr Prosecco in dieser Situation eventuell besser da hilfreich für mich ist. Einfach schönsaufen den ganzen Quatsch.

Ich muss lachen. Etwas Schönsaufen mit Prosecco, da wäre ich der erste Mensch ohne Doppel-x-Chromosom, dem das gelingt. Ross Anthony vielleicht mal ausgenommen, wobei ich mir bei dem mit den Chromosomen nicht so sicher bin.

Whisky. Wodka. Das würd jetzt helfen.

Balvenie Doublewood. Grasovka. Ich tagträume.

Aber kann man ja auch nicht bringen, sich morgens halb zehn in Deutschland die Pulle Grasovka an den Hals zu setzen.

Gut, auf Pauli ginge das, da fiele man gar nicht weiter auf. Oder vor der grau in grauen Plattenbauwohnsilo-Kulisse von Osdorf. Oder im Niemandsland von Neuwiedenthal.

Aber nicht hier in Alsterdorf, da geht morgens um halb zehn nichtmal Prosecco. Wobei allerdings auch nur ich abschätzig von oben bis unten gemustert werde, der wild jubilierenden und zappelnden Weiberhorde zwei Meter links von mir wird zugelächelt, vermutlich, weil das alles sehr "niedlich" ist. Oder "lebensfroh", "lebensbejahend" gar. Der Kerl nebendran dagegen ist wahrscheinlich ein Spanner, Stalker und Tunichtgut, der, nachdem er sein Plastikglas Prosecco in sich gekippt hat, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit marodierend, mordend und brandschatzend durch's Wohnviertel ziehen wird. Klare Sache.

Als mich wieder ein vorbeispazierendes Rentnerpaar auf's Korn nimmt, exe ich mein Glas, ziehe mir die Kapuze über den Kopf und bilde mir kurz ein, Panik in ihren Augen aufblitzen zu sehen. Schwarze Kapuze, Jeans mit Loch, Fünftagebart, da steht er, der Endgegner und ist im Begriff, die gesamte Nachbarschaft in Schutt und Asch...

"Oh, dein Glas ist ja leer! Ich schenk dir mal nach!" zerfetzt die Hochfrequenzstimme einer der Kommilitoninnenfreundinnen meine Tagtraumblase und bevor ich mich wehren kann, ist mein Glas wieder voll. "Stößcheeeen!!"

Ich kapituliere.

So ganz allmählich verfinstert es sich. Bevor meine Laune das ebenso tut, schütte ich sicherheitshalber noch ein weiteres Glas Prosecco in mich rein und dann noch eins.

Wirkung trotz nicht vorhandenen Frühstücks: Null.

"Guckt mal, jetzt geht die Sonne unter!" piepst aufgeregt eine Komilitoninnenfreundin und zeigt in den von blau zu grau wechselnden Himmel. "Na, hoffentlich kommt die wieder!" nuschelt ein solariengegerbter Trainigshosenträger mit glänzendem Gelhelm ihr schleimscheißend zu und setzt seinen Allesfickerblick auf, eine Mischung aus treudoofem Monchichi und testosterongeschwängertem notgeilen Grundschulabbrecher. Auch so was, das ich in der Form in diesem Teil Hamburgs eher nicht erwartet hätte.

Das ist alles schwer zu ertragen. Und es wird nicht besser werden, vor allem nicht, da grad bereits die letzte Proseccopulle geöffnet wird, der Trainigshosenträger Artgenossen angeschleppt hat und die Komilitoninnenfreundinnen umso lauter quieken und juchzen je grauer der Himmel wird.

Das ist eine absolut skurrile Situation hier, Abschlussball-Party trifft auf Weltuntergangsgruselstimmung, dazu liegt der Duft von Prosecco-Atem, ausgeschwitztem Testosteron und dem Kebab vom letzten Abend in der Luft. Und nebenbei wird rein optisch innerhalb von drei Minuten aus strahlendem Frühjahr tiefster Herbst.

Zu unserem illustren Grüppchen haben sich nun noch zwei Paare älteren Semesters gesellt, die sich aufgeregt mit H.'s Freundinnen austauschen. Ein "Weltereignis" sei das ja schließlich, alle sprächen darüber, was für ein Privileg, live dabei zu sein! Man nickt sich eifrig und zustimmend zu, die Trainigshosenträger machen mit, ohne jegliche Hintergedanken natürlich...die Komilitoninnenfreundinnen blicken gespannt in einen grauen Himmel und die Trainigshosenträger blicken auf Komilitoninnenfreundinnenärsche. Weil sie es können.

Und Freundin H. stibitzt derweil unbemerkt die letzte verbliebene Flasche Prosecco, die wir uns mit belustigtem Blick auf die Gesamtsituation teilen.

Ja Mensch Sofi, was ist geblieben?

Nichts eigentlich bis auf einen fiesen süßlichen Nachgeschmack im Hals vom Prosecco und der Erkenntnis, dass #Sofi2015 in etwa so spannend war wie eine in den Hang kackende Bergziege.

Hach. Sofi2039.

Ich freu mich jetzt schon drauf...

Freitag, 13. Februar 2015

Herr B. echauffiert sich

Da will einer wegziehen aus Hamburg.

Weil ihm die Stadt gegen den Strich geht und er generell alle Einwohner Hamburgs als "dumm, arrogant und dekadent" empfindet. Absolut alle. Ausnahmslos. Er hat scheinbar nur einen Kamm, über den er scheren kann.

Jetzt sollte man eigentlich demonstrativ gähnen und dem Herrn und seiner Familie den immer gern genommenen, für alle Lebenslagen passenden und komplett totrezitierten Spruch "In Hamburg sagt man Tschüss...!", der mir komplett zum Hals und aus anderen Körperöffnungen heraushängt, weil er in dieser Stadt allgegenwärtig ist, hinterherrufen, aber nein.

Ein Aufruhr geht durch's Volk, die MoPo berichtet aufgebracht und reißerisch, wie man es von ihr kennt und es herrscht akuter Shitstorm-Alarm. #HängtIhnHöher.

Wahrscheinlich gibt es auch längst die dazugehörige Facebook-Gruppe, in der zutiefst verletzte und verstörte HamburgerInnen sich gegenseitig ihr Leid klagen und zum Seelenheil liken.

Das Foto, das Herr Boedekker (in der MoPo steht der Klarname, dann darf ich den wohl auch nennen) von sich in der Zeitung veröffentlichen ließ und auf dem er medienwirksam vor der Kulisse der Binnenalster eine Hamburg-Fahne zerreißt, macht die ganze Antistimmung sicherlich auch keinen Deut besser und ist natürlich überhaupt nicht provokativ. Ob das jetzt seine oder die Idee irgendeines zugekoksten Redakteurs war sei mal dahingestellt,  es ist völlig egal.

Ich, der ich ja nun auch vieles an der Stadt in der ich lebe nicht sonderlich mag, habe mir den Artikel durchgelesen und dabei viel gelacht.

Die Argumente des Herrn B. sind - so es denn seine eigenen und keine frei erfundenen sind, um den Artikel noch provokanter zu machen - teilweise schon sehr...nun ja, ich nenne sie mal vorsichtig "seltsam".

Zunächst bekommt er allerdings meine volle Zustimmung, denn als "den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte" und ihn dazu bewog, Hamburg den Rücken zu kehren, benennt er das unsägliche Rumgeeiere von Stadt und Senat betreffend der Flüchtlingsunterkunft an den Sophien-Terrassen. Das empfinde ich ebenso als traurig und tragisch.

Vom Olympischen Komitee wünscht er sich, es möge Hamburgs Bewerbung für kommende Spiele "abschmettern", da "die Völker der Welt in Hamburg nur willkommen seien, wenn sie ihr Geld daließen". Auch da mag beziehungsweise wird er Recht haben, der Herr Boedekker. Die Olympischen Spiele würden Unmengen an Touristenkohle in die Stadtkasse spülen und Hamburg würde sich der ganzen Welt von seiner besten Seite präsentieren wollen.

Was vermutlich darauf hinauslaufen würde, dass man alles, was nicht ins Gesamtbild einer perfekten Stadt so wie Hamburg gern eine wäre passt einfach wegschafft.

Müll.

Graffitis.

Obdachlose.

Hilfsbedürftige.

Müssen alle weg, die Stadt muss sauber sein für die Touristen aus allen Teilen der Welt. Kann ja nicht angehen, dass später in Tokio, Sydney oder Tegucigalpa Fotos vom Rathaus oder vom Michel herumgezeigt werden, auf denen irgendwo versteckt ein Obdachloser auf seiner Decke sitzt und um ein paar Cent bittet. Die werden outgesorced. Irgendwo kurz hinter die Stadtgrenze. Wedel. Norderstedt. Scheißegal. Hauptsache weg. Aus den Augen, aus dem Sinn. Sauber muss sie sein, die Stadt. Gelutscht. Steril.

Herr Boedekker will, dass das Olympische Komitee Hamburg nicht will wie er selbst Hamburg nicht mehr will. Nur dem Olympischen Komitee gibt er Gründe in die Hand, für sich selbst hat er keine. Zumindest keine, die mir einleuchten.

Egoistisch sei der Hamburger, arrogant, arm und dekadent. Ich bin kein gebürtiger Hamburger, aber immerhin bin ich elf Jahre länger hier als Herr Boedekker. Auf mich trifft genau eine seiner vier Hauptcharakterisierungen zu. Blöderweise, dass ich arm bin. Mit Abstrichen vielleicht noch die Arroganz-Geschichte, das liegt dann aber am Gegenüber.

Nach dreizehn Jahren Hamburg kenne ich vielleicht ein Sechzehntel der Stadtfläche und nichtmal einen Bruchteil von einem Prozent sämtlicher Einwohner Hamburgs. Herr Boedekker hat bereits nach zwei Jahren erkannt, dass 100 Prozent aller Einwohner Hamburgs dumme dekadente Arschlöcher sind, die vermutlich auch alle niedliche Hundewelpen vermöbeln und per se kleine Schwänze haben. Alle. Auch die Mädels. Isso.

Weiterhin echauffiert sich Herr Boedekker über Gerempel in der U-/S-Bahn. Das mag er nicht. Rücksichtslos sei das. Da hat er Recht. Ist echt hardcore hier in Hamburg. Während man sich in Shanghai, New York oder Rio in der Bahn höflich aus dem Weg geht und einen Mindestabstand von einem halben Meter wahrt, regiert im HVV der blanke Anarchismus. "Wall of death in der U3 Richtung Kellinghusenstraße", wie oft höre ich die Ansage und steige dann lieber nicht ein. Man lernt ja mit der Zeit. Kann Herr Boedekker mit seinen zwei Jahren Erfahrung nicht wissen. Fucking rookie!

Auch die "piefigen Nachbarn" stören ihn, die beschweren sich nämlich, wenn seine Kids auf der verkehrsberuhigten Straße im idyllischen  Volksdorf Fußball spielen. In den Stadtteil ist er mit seiner Familie gezogen, "weil wir uns überlegt haben, daß wir mal ländlicher wohnen wollen". Ländlicher wohnen wollen und dann in die zweitgrößte Stadt des Landes ziehen. Das muss ich nicht verstehen, oder? Gut, Volksdorf heißt ja nun auch nicht zum Spaß VolksDORF, ist aber trotzdem immer noch Teil einer 1,73irgendwas-Millionen-Möchtegernmetropole und ländlich ist da anders.

Meine Eltern haben zwei Gästezimmer, dort ist es ländlich, sehr sogar. Dort können des Boedekkers Kids stundenlang auf der Straße bolzen bis zum Umfallen und niemand wird sich beschweren.

Außer meinen Eltern.

Über Herrn Boedekker.

Der jammert in der MoPo weiter herum. Seine Frau sei mal getreten worden, weil sie mit dem Rad auf dem Gehweg fuhr. Wer auch immer getreten hat, ist offenbar ein Vollidiot - es heißt aber ja auch nicht grundlos GEHweg. Wie oft hätte ich schon gern jemanden ansatzlos vom Sattel geboxt, der mich mit dem Rad auf dem GEHweg gerempelt, gestreift oder wenigstens drangsaliert hat. Auf dem GEHweg hat das FAHRrad nichts verloren. Punkt.

Dass die Radwege dieser meiner unserer selbsternannten Weltstadt in katastrophalem Zustand sind und erneuert werden müssen,  diskutieren die Schlipsträger im Rathaus seit Jahren und prangen an, mahnen, weisen hin. Nur am Zustand der Radwege ändert sich. Nichts.

Herr Boedekker hat noch nicht fertig. Die Flaggen stören ihn. Die hamburgischen Stadtflaggen, die überall im Stadtgebiet wehen. Und die wohl nur er sieht. Ich kenne nur die am Rathaus und ein paar in Schrebergärten unterhalb des U3-Viadukts. That's it. Herr Boedekker sieht sie überall und das geht ihm gegen den Strich.

Vielleicht laufen die Dinge in Volksdorf anders und man ist patriotischer, vielleicht leben dort mehr Menschen, die ihre Stadt lieben als in meiner Nachbarschaft. Vielleicht flattern da mehr hamburgische Flaggen an Mästen oder aus Fenstern. Weiß ich nicht. Im Umkreis von 500 Metern um meine Wohnung kenne ich jedenfalls nur drei wehende Flaggen. Eine ghanaische, eine des FCSP und eine schwedische. Keine hamburgischen.

Herr Boedekker sieht überall die Hamburger Flagge und echauffiert sich. Ich wette, dass er im letzten Sommer zur WM einer der vielen Millionen war, die an Spieltagen mit Schland-Schminke durch die Gegend gelaufen sind, sich Fähnchen für's Autofenster zugelegt haben und auch ein Schlaaand!-Trikot trugen, notfalls auch das vom Penny für 9,95€. Hauptsache Fan. Alle zwei Jahre mal.

"Hamburg ist das Tor zur Welt, aber das Tor geht nicht auf!" sagt Herr Boedekker. Ich könnte mir jetzt Feinde machen und sagen, dass das so ist, weil Bremen (in der Stadtfahne) den Schlüssel dazu hat.

Aber ich sag's mal anders.

So sehr ich diese meine unsere Herrn Boedekkers Stadt auch manchmal nicht leiden kann, verfluche und verabscheue...trotzdem mag ich es hier. Meist sogar sehr.
Herr Boedekker zieht im Sommer samt Familie zurück nach Berlin. Wo die Menschen freundlicher, weniger arrogant und weniger dekadent sind, wo in der U-Bahn weniger gedrängelt, gerempelt und gepöbelt wird und wo man ohne getreten zu werden auf Gehwegen radeln und Fußgänger ummähen kann, solange es einem Spaß macht. Meinen Glückwunsch.

In Hamburg sagt man Tsch... Ach, drauf geschissen.

Sonntag, 8. Februar 2015

Mitgehört (5): Fiktion oder Realität?

In der S1 Richtung City sitzen zwei Mädels, ich vermute, sie sind auf dem Weg in irgendeinen Club in der Schanze oder auf Pauli.

Sie sind für die Außentemperaturen zugegebenermaßen ziemlich leicht bekleidet und unterhalten sich über ein Buch, welches sie wohl beide gelesen haben.

"Meinst du, dass das tatsächlich so passiert ist?!?"

"Ach was, das ist pure Fiktion!"

"Echt?"

"Klar, das hat die Autorin sich ausgedacht. Nur Fiktion ist das alles! Aber Fiktion ist ja auch cool!"

Ich steige aus und gehe meiner Wege, knapp hinter mir laufen zwei junge Teenies, die den Mädels offenbar auch gelauscht haben.

"Die waren geil oder Bruder?"

"Auf jeden Fall! Vor allem die Blonde!"

"Über was haben die denn geredet Mann?"

"Keine Ahnung Mann, aber war geil, die Blonde hat ständig irgendwas mit "Fick" gesagt! Voll versaut Alter!"

Donnerstag, 8. Januar 2015

Heimatgedanken

Mit tief in den Hosentaschen vergrabenen Händen laufe ich im niedersächsischen Nichts langsam die Straße entlang, in der ich aufgewachsen bin.

Sechzehn Jahre ist es her, daß ich von hier weggegangen und in die große weite Welt weit abseits von gut behüteter Kindheit und Jugend aufgebrochen bin und während ich so laufe, sehe ich vorm inneren Auge wie den Geist bei Super Mario Kart mein Schulzeit-Ich mit den damals schon hängenden Hosen, den noch fast taufrischen Air Jordans vom letzten USA-Trip und via Discman je nach Tageslaune Radiohead oder dem Wu Tang Clan lauschend, vor mir die Straße herunter schlendern und von dem träumen, was kommt, wenn es endlich abgehauen ist aus diesem Kuhkaff, das es Heimat nennt.

Das eigene Ding machen, was war ich damals geil darauf. Auf in die Großstadt! Lieber gestern als heute.

Studieren und nebenbei richtig gut leben, feiern, reisen, rumkommen in der Welt! Ich will alles und ich will es jetzt!

Die erste eigene "Bude" war ein winziges Zimmer in einem Studi-Bunker. In Oldenburg. War ok, Großstadt wird dann irgendwann später gemacht.

Neunter Stock, linker Flur, letztes Zimmer hinten rechts. Klein aber mein und mit großartiger Aussicht über die wenigen Lichter der Stadt. Bei Gewitter nachts auf dem Schreibtisch sitzend die Beine aus dem Fenster baumeln lassen und in die Tiefe aber lieber in die Ferne schauen. Dazu ein Glas Wein.

Es gab keine eigene Küche. Kein eigenes Klo. Keine eigene Dusche. Dafür aber die Dunkelhaarige aus Stralsund, die im ersten Zimmer rechts wohnte, in die ich vom ersten Tag an ziemlich verschossen war und die später ab und zu beinebaumelnd neben mir auf dem Schreibtisch am offenen Fenster saß.

Ein Jahr später dann umziehen, ein paar hundert Meter die Straße rauf und den neunten gegen den ersten Stock, die Aussicht gegen einen begrünten Innenhof und ein winziges Einzelzimmer gegen eine hübsche kleine gemeinsame Wohnung tauschen. Mit eigener Küche, eigenem Klo und eigener Dusche.

Und mit der Dunkelhaarigen aus Stralsund, die vorher im ersten Zimmer rechts wohnte und manchmal neben mir mit mir in die Ferne schaute.

Gewollt.

Gekriegt.

Das Leben lief soweit ganz gut.

Endlich angekommen an einem Ort, an dem ich mich wohl fühlte.

Ich wollte Stadtleben erleben und Dorfleben vergessen. Und das möglichst schnell.

Ich wollte alles tun können und nichts lassen müssen.

Einfach mal loslaufen und zu weit gehen. Um dann irgendwann irgendwo anzukommen und dann was draus zu machen.

Das war damals der Plan. Einiges davon hat geklappt, anderes wiederum ist glorreich gescheitert. Unter anderem die erste ernstgemeinte Beziehung mit Stralsund. Nach hartem Kampf. Aber das ist okay.

Das Vergangenheits-Ich vor dem inneren Auge verblasst und der Spätnachmittagstraum zerploppt wie eine Seifenblase.

Ich stehe gedankenverloren auf der schmalen, mit Schlaglöchern übersäten Straße vor dem Haus meiner Eltern und muss mich kurz orientieren, während ein älterer Mann, den ich noch nie gesehen habe, sein Fahrrad geschickt um mich herum lenkt und mich dabei freundlich grüßt.

"Zuhause" in Hamburg hätte er mich angepöbelt oder hätte zumindest im Vorbeifahren den Ellenbogen ausgefahren, um ihn mir in die Rippen zu schlagen. Hier auf dem Dorf nicht. Hier grüßt er freundlich, weil er mich vermutlich aus mir unbekannten Gründen noch aus meiner Zeit als Grundschüler oder von noch früher kennt und jetzt wiedererkannt hat, denn hier in meinem Heimatdorf kennt damals wie heute jeder jeden und vergessen wird hier absolut gar nichts. Und ich mag diese Tatsache heute noch genau so wenig wie früher.

Wie oft packt Mutti noch heute Geschichten über meine Clique von damals aus, die ich längst vergessen oder erfolgreich verdrängt habe. Es gruselt mich jedes einzelne Mal. Die Wahrscheinlichkeit, daß an einem anderen Küchentisch irgendwo im Land irgendjemand Geschichten über mich erzählt, an die ich mich aus verschiedensten Gründen auch nicht mehr erinnern kann oder will, ist hoch und das Gefühl bei dem Gedanken daran ist kein gutes.

Daß Mütter ehemaliger Kumpels im Heimatdorf heutzutage am Kaffeetisch noch Geschichten über mich erzählen, ist allerdings nahezu ausgeschlossen, denn sämtliche Mitglieder meiner früheren Clique sind inzwischen weggezogen und ihre Familien bis auf eine Ausnahme auch.

Ich habe hier keine partners in crime mehr, mit denen ich gemeinsame Erinnerungen teilen könnte, einer der Gründe, warum ich im Normalfall nur noch ein Mal im Jahr über Weihnachten nach Hause aufs Dorf fahre und es dort dann auch nie länger als drei Tage aushalte. Das klingt hart, ist aber so.

Ich schaue auf das Haus gegenüber meines Elternhauses und erinnere mich daran, daß früher von drüben immer Lärm zu hören war. Sägen, Hämmern, lautes Geröhre aus defekten Auspufftöpfen. Mein Nachbar Hubert war eine coole Sau, ein absoluter Sympath, ein begnadeter Handwerker und Bastler, ich weiß nicht, wieviele ferngesteuerte Autos er in meiner Kindheit für mich repariert hat, nachdem ich sie buchstäblich vor die Wand gefahren hatte. Er hat jeden Totalschaden wieder hinbekommen.

Er hatte einen riesengroßen Jagdhund-Mischling, der aufs Wort hörte. Eine handzahme hüfthohe Bestie, die einen vor lauter Freude vollsabberte, wenn man sie streichelte. Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen, aber ich weiß leider noch genau, wie ich vor Schreck laut gequiekt habe, als dieses riesige Tier zum ersten Mal an mir hoch sprang, um mir mit der Zunge quer durchs Gesicht zu schlecken. Das werde ich nie vergessen. Und ich war da nicht mehr erst elf...

Der Hund ist schon lange tot und vor drei Jahren ist mein Nachbar vorm Fernseher eingeschlafen und einfach nicht mehr aufgewacht. Mit Anfang fünfzig. Seine junge Tochter hat ihn am nächsten Morgen vorm Schulbeginn gefunden.

Irgendwas läuft falsch.

Ich drehe mich mit einem schweren Gefühl im Magen nach rechts um, gehe ein paar Schritte und schaue auf der anderen Seite der kleinen Kreuzung auf einen ausgedehnten Garten mit Goldfischteich und einem kleinen hölzernen Gartenhaus.

In der Einfahrt steht ein grüner Kleinwagen mit Initialen-Kennzeichen. Die ältere Tochter des drüben wohnenden alt-hippiesquen Lehrerpaares ist zu Besuch.

Ich war ihre erste große Liebe und das hat sie mir damals, mutig wie sie war, auch gesagt. Sie war fünfzehn, ich siebzehn. Ich fand sie ganz hübsch und nett, mehr aber dann auch nicht.

Das anständig rüberzubringen habe ich vollkommen verkackt. Hab das rausgehauen wie mit einer Abrissbirne. Voll auf die Fresse. "Du? Ich? Wir? Zusammen?? Im Ernst??" Irgendwie so. Ich weiß es nicht mehr. Nur noch, daß sie am Ende geweint und ich von der Situation überfordert gelacht habe. Es war schlimm. Ziemlich ziemlich schlimm.

Das ich Tage später auf einer Party mit ihrer besten Freundin abgestürzt bin, wird ihr sicherlich auch nicht besonders geholfen haben... Wir haben danach nie wieder ein Wort miteinander gewechselt.

"Wie sie wohl reagieren würde, wenn sie mich jetzt auf der Straße stehen sähe?" denke ich mir. Möglichkeiten gibt es viele, von durch Weitergabe der Hippie-Gene begründete Tiefenentspanntheit bis hin zu wildem Furor, der durch mein damaliges neanderthalerähnliches Verhalten durchaus begründbar in meiner sofortigen Entmannung endet, ist alles dabei. Ich möchte lieber nichts herausfordern.

Ich laufe ein paar Meter die Straße hinunter. Rechts vor einer Doppelhaushälfte parkt ein Familien-Van. Mit "Kackblag mit gewollt intellektuellem Mittelschichtennamen an Bord"-Aufkleber auf der Heckscheibe. Jan-Marten oder sowas. Kai-Christopher. Sowas. Als Rufname. Auf dem Dorf schämt man sich für so etwas noch nicht. In Hamburg hätte die Karre längst irgendwer abgefackelt. Nur des Aufklebers wegen.

Früher stand auf dem Stellplatz ein uralter rostiger Golf 1, rot mit blauem Kotflügel vorn rechts. Die Karre gehörte "Schwien", dem mit Abstand Beklopptesten aus unserer Clique. Seine Haarfarbe wechselte alle drei Wochen, sein Lippenpiercing hatte er sich im Suff selbst gestochen, er hatte warum auch immer im fliegenden Wechsel die hübschesten Mädels aus dem Umkreis von mehreren Kilometern an seiner Seite und als er endlich achtzehn war und ein Auto - den gammligen Golf - besaß, war er innerhalb kürzester Zeit der Don und kontrollierte eine ganze Weile lang alles, was in unserem und den umliegenden Dörfern mit Mary-Juana und ähnlichen Stöffchen zu tun hatte.

Den Golf hatte er zur absoluten Schmugglerkutsche umgebaut, der Wagen war dank zugute des Stauraums ausgebauter Innenauskleidungen und anderer Anpassungen nichtmal mehr ansatzweise verkehrssicher, das hat damals auf den Fahrten in die Stamm-Disse oder über die Grenze in die Niederlande aber keinen aus unserer Clique großartig geschert. "Schwien" hatte immer Geld und warf es großzügig durch die Gegend. Fuffis im Club und so. Hinterfragt hat das keiner von uns. Warum auch, woher die Kohle kam wusste eh jeder, "Schwien" teilte gern und wir hatten alle was von seinem "Erfolg". Und auch ohne die Moneten wäre "Schwien" immer einer von uns gewesen, das war eh klar.

Inzwischen ist er im bürgerlichen Leben angekommen und leitet erfolgreich ein Architekturbüro im Ruhrpott. Komplett mit Familie, Reihenhaus und Parzelle in der Kleingartensiedlung. Vermutlich auch mit wehender Deutschland-Fahne neben dem Gartenhaus. Das war damals nun wirklich nicht abzusehen und allein der Gedanke daran ist irritierend und gruselig. Wenn ich an "Schwien" denke, sehe ich immer noch den bunthaarigen Teenager vor mir, der am Steuer eines mit sieben Personen vollkommen überbesetzten altersschwachen VW Golf sitzt, sein Bier ext und mit uns anderen im Chor "Deutschland has gotta die!" gröhlt, während wir zum Atari Teenage Riot-Konzert in der nächstgrößeren Stadt fahren. Die gute alte Zeit.

Jetzt also Leiter eines Architekturbüros. Wahrscheinlich mit Schlips und Anzug und so. Verrückt wie es manchmal so läuft.

Wieder ein paar Meter weiter schlurfe ich die Straße hoch und schaue links von mir auf einen großen Wintergarten und einen vollkommen neu herausgeputzten Bungalow, in dem früher die Familie eines anderen sehr guten Freundes lebte. Er war ein paar Jahre jünger als ich, aber trotzdem neben meinem damals besten Freund der erste zu dem ich ging, wenn ich Probleme jeglicher Art hatte.

Ein toller Kerl, immer ein offenes Ohr, sehr besonnen, trotzdem für jeden Scheiß zu haben und immer mittendrin bei jeder einzelnen Wahnsinnstat unserer Clique. Und davon gab es viele.

In T.'s familieneigenem Partykeller fanden regelmäßig wildeste Parties statt, ein Mal an Silvester haben wir die Sauna innen rot gestrichen.

Komplett.

Mit Tomatenketchup.

Ein anderes Mal ging ein Sessel in Flammen auf, als "Schwien" eine Sportzigarette entzündete. Ich weiß bis heute nicht, wie das genau passieren konnte, gelöscht haben wir aber mit dem Gartenschlauch, sodass danach der halbe Keller unter Wasser stand. Und was ein angeschlossener Gartenschlauch in einem Partykeller zu suchen hat, selbst wenn er in dem Moment ein Geschenk des Himmels war, ist mir immer noch vollkommen schleierhaft.

T.'s Eltern nahmen die Überflutung relativ entspannt hin, vermutlich waren sie froh, daß wir nicht das komplette Haus abgefackelt hatten. Allerdings war diese Party auch unsere letzte dort. Es mag da Zusammenhänge geben, sie wurden nur nie ausgesprochen.

T.'s zwei Jahre ältere Schwester war meine damals beste Freundin, sie hat sich einen Tag nach ihrem achtzehnten Geburtstag, als sie dann endlich durfte, einen riesengroßen Drachen in furchtbarster Qualität über ihren kompletten Rücken stechen lassen, heutzutage sticht den jeder Knast-Tätowierer auf Crack in einer dunklen Arrestzelle besser, aber damals im niedersächsischen Nichts war das vermutlich kaum hübscher hinzubekommen. Sie war darauf stolz wie Oscar und ich habe einfach mal zugestimmt. Wie man das halt als Kerl so tut. "Ja, sieht klasse aus. Nein, macht dich nicht fett!"

Ich überlege, wie es wohl wäre, T.'s große Schwester mal wieder zu treffen. Kack-Tattoo hin oder her, in den ganzen bestfreundschaftlichen Jahren haben wir nicht nur ein Mal auf Parties oder den damals wie heute in der heimatlichen Einöde äußerst angesagten Schützenfesten oder Scheunenfeiern vorgegeben, ein Paar zu sein, um den jeweils anderen vor ungewollten Anbaggerversuchen zu bewahren. Händchen halten war in solchen Momenten Standard und selbst ein lapidarer Kuss, um zu beweisen "Ja, ich mein das ernst, das ist wirklich mein Mädchen/mein Kerl!" war kein Thema und es wurde uns auch fast jedes Mal als real abgekauft.

Küssen hatten wir zum Glück schon seit jungen Jahren gemeinsam geübt. Ausgiebigst. Ohne jegliche Hintergedanken sondern für eben solche Fälle.Wenn's mal gebraucht wird. Man denkt ja mit.

Vermutlich war da die ganze Zeit nicht nur von meiner Seite aus mehr im Spiel als nur albernes "küssen üben" und Händchen halten, nur kam zumindest mir Depp das damals nie in den Sinn.

Ich vermeide einen Seufzer und während ich das tue, trete ich beim Weitergehen nach ein paar Metern in eine tiefe Pfütze, die vom letzten Regenguss übrig geblieben ist und augenblicklich läuft mir das kalte Regenwasser in den Schuh.

Ich fluche laut, was den Köter auf dem Grundstück neben mir laut kläffend auf den Plan ruft. Ich versuche abwechselnd, mich und die Töle zum Wohle aller Anwohner zu beruhigen, doch beides misslingt. Der Kläffer kläfft, ich motze und fluche, wir schaukeln uns gegenseitig hoch. Ein verdammter Teufelskreis.

So verpasse ich beinahe, daß ich am Haus meines damals absoluten Erzfeindes vorbeilaufe. Ob des nassen Fußes eher vorbeihinke.

Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, schaue so böse es eben geht (da liefert der nasse Schuh gute Hilfestellung) und versuche mich zu erinnern, warum der Typ nochmal mein Erzfeind war - aber ich komme nicht mehr darauf. Nicht mal sein Name fällt mir noch ein.

Solche Jugendfehden sind, wenn man sie zwanzig Jahre später erneut und ernsthaft betrachtet, dann doch eher meist albern. Früher haben wir uns fast täglich die übelsten Dinge an den Kopf geworfen und nicht nur ein Mal floss Blut. Sich aus dem Weg zu gehen ist in so einer kleinen Dorfgemeinschaft nicht einfach, schon gar nicht, wenn man auch noch in der gleichen Straße wohnt - wir haben es aber auch nie wirklich probiert. Das gehörte zum Alltag dazu. Schule, Hausaufgaben, Training, die Clique treffen und irgendwo zwischendrin den Erzfeind anpöbeln. Ansonsten fehlte was. Und heute weiß ich nichtmal mehr, wie der Typ überhaupt hieß. Lustig.

Der "wahre Feind", so es denn überhaupt einen gibt abseits irgendwelcher Schlipsträger in gehobenen Ämtern, die einem ohne mit der Wimper zu zucken das freie Leben beschneiden, wohnt dann wohl doch eher in Form eines unter Ausfall seines schlecht blondierten Haares leidenden und ballonseidene Sportjacken tragendenden fast schon bemitleidenswerten Unterdurchschnitts-Nazis, der sich beim Rezitieren irgendwo aufgeschnappter Hetzparolen durch seine feuchte Aussprache hervorhebt, in der Etage unter mir. Und selbst der ist, wenn man es genauer betrachtet, nur ein armes Schwein, das an seiner eigenen Existenz vermutlich schon selbst mehr als genug zu knabbern hat.

Ich könnte jetzt auf der heimischen Straße nach links in eine Sackgasse abbiegen, an deren Ende noch immer die Eltern eines ehemaligen Weggefährten wohnen, ich lasse das aber sein, denn gemocht habe ich diese Eltern nie. Sie war/ist eine fanatische, fast schon radikale Katholikin und er stolperte gern mal rein zufällig ins Badezimmer, wenn eine Freundin der Tochter oder eine der immer wieder mit Kusshand aufgenommenen Austauschschülerinnen aus fremden Landen grad die Toilette benutzte oder unter der Dusche stand.

Gruselige Menschen. Ich versuche heute, jeden Kontakt so gut es geht zu vermeiden und laufe daher einfach geradeaus weiter.

Da kommt dann lange nichts außer Einfamilienhaus mit sauberem Vorgarten neben Einfamilienhaus mit sauberem Vorgarten. Fast schon steril. Das war früher schon so und das ist heute immer noch so, nur die damals schon sehr wenigen Kontrastpunkte, die Jugendlichen, die dagegen waren, sich gegen den Status Quo stellten und zumindest ein bisschen rebellierten, die das Gesamtbild aufpeppten, anpissten und durcheinanderbrachten - die sind nun komplett verschwunden.

Das waren damals wir, bunte Haare, hängende Hosen und entsprechende nicht massenkompatible Musik haben im Heimatdorf vollkommen ausgereicht, um die Dorfgemeinschaft nachhaltig zu verstören und aufzurühren.

Nirvana, Atari Teenage Riot und Rage against the machine statt 2unlimited, Whigfield und Haddaway. Ausgewaschene Bandshirts statt extrem angesagter Marken-Trainingsjacken. Wildwuchs auf dem Kopf statt in Form gegelte Raverdeppenfrisuren.

Wir waren die Außenseiter damals und deswegen wollte uns auch ständig irgendwer auf die Fresse hauen.

Ich muss grinsen als ich weiter laufe, denn diese Geschichten endeten extrem selten tatsächlich in wirklichen Hauereien, da die, die große Fressen hatten, bei reellen Konfrontationen meist dann doch zurückzogen. Und wenn es doch mal zum Schlagabtausch kam, hat sich unsere kleine Truppe immer wacker gehalten. Allerdings hatten wir - und da hatten wir verdammtes Glück - auch die beiden absolut größten Kanten des Dorfes auf unserer Seite. Ansonsten hätten wir sicher deutlich öfter Dresche bezogen und das nicht zu knapp.

Wobei man das mit den heutigen Zuständen natürlich längst nicht mehr vergleichen kann. Damals ging es immer nur eins gegen eins und es war Schluss, wenn einer nicht mehr konnte, wollte oder liegen blieb. In dem Fall wurde auf Siegerseite kurz herumgeposed und dann wurde wenn nötig dem Unterlegenen wieder auf die Beine geholfen. Die Geschichte war dann ja geklärt.

Ich will das nicht schön reden, sich gegenseitig die Fresse zu polieren ist nie gut gewesen. Aber damals hielt man sich an die ungeschriebenen Regeln. Die kennt man heute scheinbar gar nicht mehr und haut weiter drauf und tritt weiter rein wenn einer längst wehrlos auf dem Boden liegt. Gern auch zu zweit, zu dritt, zu viert...

Wie das oft endet, liest man fast jeden Tag in den Medien. Eine ekelhafte und schlimme Entwicklung, die inzwischen meist damit "entschuldigt" wird, daß "die Ehre" verteidigt oder wiederhergestellt werden "musste".

Jegliche "Ehre" ist, so sie denn überhaupt mal vorhanden war, ab dem Moment Geschichte und hinfällig, in dem einem auf dem Boden liegenden noch in den Magen oder gegen den Kopf getreten wird.

Wäre "Ehre" nicht nur ein Gedankenkonstrukt sondern etwas real Existierendes, es würde vor solchen Schlägern hämisch auf und ab tanzen, laut lachen und irgendwelche vollkommen angebrachten Witze über kleine Schwänze reißen.

...

Ich muss lachen und verschlucke mich dabei. Ich stelle mir "Ehre" als kleinen Kobold mit Cowboy-Hut vor, der zu einem irren Stakatto-Rhythmus herumspringt und dabei üble Beleidigungen in wahllose, meist aber richtige Richtungen ausstößt. Eine Vorstellung, die mir gefällt.

Zu meiner Rechten taucht das Haus auf, in dem früher mein damals allerbester Kumpel gewohnt hat.

Wir haben jede freie Minute miteinander verbracht, haben uns alles, wirklich alles erzählt, was uns auf der Seele brannte, von der Grundschule bis zu meinem Weggang aus dem Heimatdorf nach dem Abitur waren wir fast untrennbar und in gewisser Weise der Kern unserer Clique.

Ein prägender Teil meiner Jugend hat sich in diesem Haus beziehungsweise in der von seinem Vater selbstgebauten Holzgarage mit dem Basketballkorb daran abgespielt.

Zum Bolzen ging es zwar immer durch ein Loch im Zaun auf den örtlichen Sportplatz und zum Videospiele zocken hockten wir bei mir zuhaus vor der Konsole, ansonsten war K.'s Haus der Mittelpunkt und Haupttreffpunkt unserer Clique.

Ich verbinde so viele und zum großen Teil positive Erinnerungen mit diesem Haus und als ich davor stehe, kommen sie alle wieder hoch.

Ich erinnere mich an K.'s Vater, einen kleinen lustigen Mann mit Halbglatze und formidablem Musikgeschmack. Er lieh mir mit den Worten "Ich verspreche, das wird dir gefallen!" das Album "Pablo Honey" von Radiohead. Es gehört seitdem zu meinen absoluten Favoriten und "Creep" ist die unangefochtene Nummer eins auf meinen persönlichen Top-Charts.

K.'s Mutter war auch eine tolle Person, allerdings wundert es mich wenig, daß K.'s Daddy sie nur selten in seine Schatzkammer gelassen hat. Sie war extrem feministisch eingestellt, allerdings auf so ulkige Art, daß man es beim besten Willen nicht ernstnehmen konnte. Ein Mal hat sie in unserem Dorf eine Demo organisiert, weil sie im TV gesehen hatte, daß Frauen in irgendeinem afrikanischen Dritte-Welt-Land barfuß herum liefen. Und ihr größter Wunsch war nun, diesen Frauen Schuhwerk zu ermöglichen. Dafür hat sie auf der Demo auf dem Marktplatz unseres kleinen Dorfes zusammen mit der einzigen anderen Teilnehmerin der Demo - ihrer besten Freundin - tatsächlich mehrere Stunden barfuß herumgestanden und Singsangs skandiert. Die paar Mark, die zusammengekommen sind, hat sie auch tatsächlich gen Afrika gespendet und das haben wir ihr alle hoch angerechnet, wir haben sogar selbst jeder ein bisschen gegeben.

Das im betreffenden Land die Schuhlosigkeit dank extremer Armut und Bürgerkrieg wohl die geringste Sorge der im TV gezeigten Frauen gewesen sein wird, ist an K.'s Mutti leider komplett vorbei gegangen.

Auch wenn ich beim Gedanken daran immer wieder lachen muss - es wäre wohl nicht schlecht, wenn es mehr Menschen wie K.'s Mutter gäbe, die handeln anstatt nur zu reden. Selbst wenn es aus eher sinnfreiem Anlass ist. Auch wenn wir K.'s Mutter damals heimlich ausgelacht haben, war uns doch klar, daß es wichtig ist, was sie da tut. Nur hätte man es noch optimieren können. Aber zuerst zählt ja der Wille.

Es fängt wieder an zu regnen, ich ziehe mir die Kapuze über den Kopf und suche Schutz unter der großen Eiche gegenüber vom ehemaligen Haus meines ehemals besten Freundes.

An der jetzt ausgebauten hölzernen Garage hängt immer noch ein Basketballkorb, es ist nicht mehr der, auf den wir früher gespielt haben, der wurde mal '97 auf einer Party aus der hölzernen Wand gerissen, trotzdem sehe ich uns vorm inneren Auge dort auf dem Innenhof gegeneinander zocken. Drei gegen drei und trotz engster Freundschaft ohne Rücksicht auf Verluste. "Schwien" hat dabei mal zwei Zähne verloren und K. brach sich einen Finger. Unsere Liga-Spiele waren dagegen der reinste Kindergarten.

Ich erinnere mich noch, wie irgendwann '94 oder '95 während wir zockten alle zehn Minuten drei Mädels am Grundstück vorbei liefen und uns mehr oder weniger offensichtlich beobachteten. Das ging tagelang so und am vierten Tag nahm mein bester Freund mich zur Seite und sagte "Die da links mit den dunklen Locken find ich klasse. Wer weiß, vielleicht heirate ich die irgendwann!"

Mit fünfzehn oder sechzehn klingt das albern, er meinte das aber vollkommen ernst. Er war so einer.

Und er hat es auch fast geschafft, ab der Woche danach waren die beiden acht Jahre lang ein Paar und bereits verlobt.

Dann hat er es sich doch anders überlegt.

Es wäre auch zu romantisch gewesen. Und wer mag schon Happy-Ends...

Es schüttet wie aus Eimern und ich stehe inzwischen klatschnass unter der großen Eiche und wäre gern wieder ein Teenager zu Schulzeiten. Im Heimatdorf. Mit diesen fantastischen Freunden um mich herum. Mit diesem fantastischen Leben, das ich damals überhaupt nicht richtig zu schätzen wusste.

Wenn ich zurückreisen könnte, dann würde ich das sehr wahrscheinlich tun und auf meinem Lebensweg ein paar andere Abzweigungen wählen. Viele andere sogar. Nur die, die mich zu für mich heute wichtigen Menschen geführt haben, würde ich beibehalten. Ansonsten: Restart.

Wer weiß, wo ich dann ankommen würde? Ein irgendwie spannender Gedanke...

Es beginnt zu donnern und zu blitzen. Eichen soll man weichen.

Zuhause fragt Mutti, was ich denn in den letzten Stunden getan hätte.

"Nachgedacht" antworte ich. "Ich hab nur ein bisschen nachgedacht."

Montag, 22. Dezember 2014

Mitgehört (4): Der Schmetterling

Vor mir auf einer Nebenstraße in St. Pauli laufen zwei englischsprachige, größtenteils in Neonfarben gekleidete und relativ kompakt gebaute Pummelfeen, aufgrund ihres Akzentes würde ich auf die Ecke Manchester tippen.

Mir tränen ein bisschen die Augen bei ihrem Anblick.

Ein wenig angeschickert sind die beiden auch schon, die eine trägt eine fast geleerte Flasche Rosè-Sekt in der Hand, es wird nicht die erste sein.

Sie scheinen sich über ihre Outfits zu unterhalten, offenbar gehen die Meinungen da aber auseinander.

Von Satz zu Satz steigt die Lautstärke ihrer Unterhaltung und die Stimmung schlägt merklich um.

Schließlich baut die ohne Sektflasche sich vor der anderen auf, stemmt die Arme in die stämmigen Hüften und brüllt weit hörbar im breitesten britischen Akzent:

"That's not true, you're a bitch! I look like a fucking butterfly!!

Sonntag, 14. Dezember 2014

Wenn kommt, kommt (4): Damals im Ex-Job: Die werte Kundschaft

Lang ist er her, der letzte veröffentlichte Teil drei meiner gestarteten Serie über den Ex-Job im Wettbüro.

Ich hatte die Teile vier bis sechs fertig geschrieben und war auch ganz glücklich damit - bis mir mal wieder der Laptop komplett abgeschmiert ist und sämtliche Daten gen Nirvana wanderten. Danach schob ich Frust, vor allem weil ich mir recht sicher war, die verloren gegangenen Texte kein zweites Mal so zufriedenstellend hinzukriegen und ich hatte keine Lust mehr, über den Ex-Job zu schreiben.

Aber irgendwer muss es ja machen.

Und als ich vor einigen Tagen durch Zufall von einem Bekannten mal wieder in meine alte Arbeitsstelle gezerrt wurde, weil er unbedingt seine Kohle verbrennen wollte, fiel mir auf, daß ich von den Angestellten gar keinen mehr kannte, sich an der Kundschaft aber so gut wie gar nichts geändert hatte.

Da sitzen immer noch von früh bis spät die gleichen Fratzen wie zu meiner Zeit und versenken ihre Stütze in der steten Hoffnung auf den großen Treffer und da fahren auch immer noch die gleichen Unsympathen in ihren Luxuskarossen vor und schmeißen mit Kohle um sich, für die garantiert nicht sie sich krumm gemacht haben, sondern die Mädels oder die Kleindealer, die kleinen Fische, die sie grad irgendwo laufen oder in dunklen Ecken stehen haben.

Und der kleine Rest derer, die seit Jahr und Tag aus Spaß an der Freude zocken, weil sie es sich leisten können, ist natürlich auch immer noch da.

Viele bekannte Gesichter also. Und ich wurde vom sympathischen Teil der Kundschaft mit großem Hallo begrüßt, wurde umarmt, mir wurde auf die Schulter geklopft und ich musste beziehungsweise durfte viele Hände schütteln.

Irgendwas muss ich wohl richtig gemacht haben in meinen Jahren im Ex-Job. Ich habe zumindest viele "Fans" behalten. Das fand ich schon sehr lustig und zugegebenermaßen ist das ja auch ein kleines bisschen was fürs Ego.

Also habe ich mich zuhause nochmal hingesetzt, mich an Erwähnenswertes aus den sechseinhalb Jahren Ex-Job erinnert und mir ein paar Notizen gemacht. Und war dann erstaunt, daß da doch noch einiges zusammengekommen ist.

Da ich ohne diesen herzlichen Empfang gar nicht auf die Idee gekommen wäre, der Serie nochmal einen zweiten Push zu geben anstatt sie weiterhin als gescheitert anzusehen, crash and burn quasi, sehr bildlich mit Blick auf den abgerauchten Laptop, habe ich mir gedacht, ich probier es nochmal.

Und erzähle in Teil vier über die Menschen, denen man (ich) tagtäglich gegenüber stand und die mich garantiert ein paar Jahre Lebenszeit und einen großen Teil meiner Nerven gekostet haben: die werte Kundschaft.

Da waren ein paar Granaten dabei. Sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht.

Über die richtig negativen Gestalten, die Poser, die Aggros hatte ich mich ja teilweise schon ausgelassen, die waren aber auch zumeist keine Stammkunden in dem Sinne, daß sie den lieben langen Tag im Shop hockten. Sie kamen zwar jeden Tag vorbei, gern auch mehrmals, ihre Auftritte bestanden aber im Großteil daraus, ihren Luxusschlitten direkt vorm Eingang auf dem Gehweg zu parken, samt Entourage in den Laden zu stürmen und innerhalb kürzester Zeit Unsummen zu verballern. Hier mal 500, da mal 1000, man hat's ja. Wenn andere - normale - Kunden bereits Schlange standen, war das egal. Anstellen kam nicht in Frage und war dank aufgepumpten Oberarmen und grimmig dreinschauenenden Kompagnons auch nicht notwendig. In den allermeisten Fällen wurde den Arschlöchern Vortritt gewährt, weil jeder wusste, was sonst passieren könnte. Mit solchen Leuten legt man sich nicht an, selbst wenn man nur noch wenige funktionierende Hirnzellen besitzt.

In meinem Shop gab es drei dieser Prolls und ich habe sie gehasst wie die Pest. Zwar waren sie zu mir immer extrem freundlich und es gab bei Gewinn immer ein gutes Trinkgeld, klar, man beißt nicht die Hand, die einen füttert. Die waren in gewisser Weise abhängig von mir, denn hätten sie mir ans Bein gepisst, hätte ich sie dank Hausrecht und notfalls mit Hilfe herbeigerufener Polizeibeamter jederzeit vor die Tür setzen können - was ich unter Umständen später bitter bereut hätte. Also machten sie auf gut Freund und ich spielte mit, alles andere wäre unklug gewesen.

Jeder im Shop war froh, wenn die Spinner nach ein paar Minuten wieder verschwunden waren.

Der Großteil der Kundschaft war aber friedlich, freundlich, ab und an sogar mal höflich oder zuvorkommend. Zwar meistens auch nicht ganz lupenrein, aber das ist in so einem Umfeld halt so und man sieht darüber hinweg beziehungsweise gewöhnt sich daran. Wenn man das nicht kann, dann ist man eh definitiv im falschen Job.

Ich habe zum Eingewöhnen etwa zwei Wochen gebraucht, nach meiner ersten Schicht war ich "schockiert" über das, was ich da erlebt hatte und wollte direkt wieder hinschmeißen. Das war eine Parallelwelt, mit der ich überhaupt nicht klar kam. Zu den nächsten Schichten bin ich nur dank besorgniserregender Kontostände und gutem Zureden der besseren Hälfte gegangen.

Aber zurück zum meist friedlichen, meist freundlichen, selten höflichen und ebenso selten lupenreinen Teil der werten Kundschaft.

An diese Typen erinnere ich mich gern und einige von ihnen habe ich tatsächlich ziemlich gemocht.

Einer von denen mit nicht lupenreiner Weste war "Apotheken-Ali", ein Jahr älter als ich, Türke, den Spitznamen hatte er, weil man bei ihm alles bekommen konnte was Pillen und Pülverchen anging. Jepp, ein Dealer. Und zwar einer, der sich nicht mehr mit Gras aufhält, sondern eher das "heftigere Zeug" vertickt.

Dabei war er aber ein klasse Typ, wir lagen abgesehen von den Drogen voll auf einer Wellenlänge was andere Themen betraf. Das war fast schon ein freundschaftliches Verhältnis.

Als mich mal jemand aus seinem Bekanntenkreis um Geld beschissen hat - das wird häufig versucht und anfangs fällt man ohne Erfahrung halt auf die plumpesten Maschen herein - sorgte "Ali" dafür, daß ich meine bereits verloren geglaubte Kohle samt Zinsen und persönlicher Entschuldigung des Betrügers zurückbekam und der Typ, ein kahlrasierter Riese, kam tatsächlich zu Kreuze gekrochen, schämte sich furchtbar, zahlte mir das Geld zurück und hätte mir vermutlich auch noch die Füße geküsst, wenn ich das verlangt hätte. Bei einigen kritischen Stresssituationen in den darauffolgenden Jahren war es dann recht beruhigend, diesen Brecher im Notfall auf seiner Seite zu wissen.

"Ali" bezahlte seine Wetten auch gern mal direkt vom Kundenklo kommend mit noch zusammengerollten Scheinen, aus denen weiße Pulverreste rieselten...er kommentierte das immer nur mit einem Augenzwinkern. Er selbst war einer seiner besten Kunden.

Unser größter Pflegefall war "Emilio", Nordafrikaner, geschätzt Ende vierzig und abhängig von so ziemlich allem, was grad zu kriegen war.

Bis etwa drei oder vier Uhr am Nachmittag war er noch halbwegs zurechnungsfähig, ab dann war er innerhalb kürzester Zeit volltrunken oder high oder auf Koks, meistens aber alles zusammen. Der Typ hat sich jeden Tag komplett aus der Welt geschossen und konnte manchmal kaum noch laufen geschweige denn sich verständlich artikulieren - Wettscheine ausfüllen ging aber in jedem noch so lebensfernen körperlichen und geistigen Zustand.

Immer so ab dem fünften des Monats herum verzockte "Emilio" Tag für Tag angeblich "sein letztes Geld", bei den Worten hielt er einem mit traurigem Blick einen zerknüllten Zehner unter die Nase und wollte Mitleid oder lieber noch eine kleine Spende von meinem Trinkgeld oder aus dem Portemonnaie.

Zum tagtäglichen Komplett-Abschuss hat das angeblich nicht vorhandene Geld für "Emilio" allerdings immer gereicht. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...

Da "Emilio" an sich aber ein herzensguter Typ war, der leider ein riesiges Suchtproblem mit sich herum schleppte, habe ich ihm ab und zu etwas geliehen. Und er hat früher oder später immer (!) zurück gezahlt, was in der "Szene" sicher nicht der Normalfall ist. Das hat manchmal Monate gedauert, aber im Gegensatz zu mir wusste er immer noch genau, wann ich ihm welche Summe ausgeliehen hatte. Ich hatte das häufig längst vergessen.

Ein Mal lieh ich ihm einen Zehner, den er direkt in eine Kombiwette auf drei krasse Außenseiter reinvestierte und mit viel Glück und sehr wenig Verstand daraus über 500 Taler machte. Das blinde Huhn mit dem Korn und so. In diesem Fall mit dem Korn aus der Flasche.

Mir jedenfalls brachte die Nummer ein rekordverdächtiges Trinkgeld von 100 Euro ein. Den Zehner hatte ich unerwarteterweise extrem gut angelegt.

Um seine gute Tat wieder auszugleichen hat er mir dann wenige Tage später sturztrunken in den Laden gepisst und randaliert, als die Sanitäter ihn in den herbeigerufenen RTW verfrachten wollten. Davon, daß ich Pisspfützen aufwischen muss, stand nichts in der Job-Beschreibung. Es gab aber durchaus noch Schlimmeres. Nicht nur ein Mal.

Auch erwähnenswert ist "Don Alfonso". Ein freundlicher kleiner grauhaariger Herr mit Gehstock und buschigen Augenbrauen, der um die Ecke wohnte.

Auch er kam täglich in den Shop, trank mal einen Kaffee und verzockte ein Paar Taler. Er hatte besonders an mir einen Narren gefressen und so wusste ich nach einigen Wochen alles über ihn, ob es jetzt sein Bluthochdruck war oder die Krampfadern seiner Frau, mir wurde alles mit leicht feuchter Aussprache - das machte es nicht besser - erzählt und dazu wild gestikuliert. In der Kollegschaft war "Don Alfonso" allerdings wegen zwei anderer Dinge bekannt, berühmt und berüchtigt.

Zum einen sammelte er (BILD-)Zeitungsausschnitte von Überfällen auf Wettbüros, die er uns regelmäßig auf den Tresen knallte um uns mit todernster Stimme daran zu erinnern, daß wir Angestellten sehr wahrscheinlich demnächst blutige Opfer eines solchen Überfalls würden...zumindest die neuen Kollegen fanden das weniger lustig.

Zum anderen war der Don aber deswegen eine Art Celebrity, weil er es geschafft hatte, in sämtlichen anderen fünf Filialen, die mein Chef zu der Zeit im Stadtgebiet sonst noch betrieb, Hausverbot zu bekommen.

Und zwar nicht wegen Randalen oder sonstwas, nein, "Don Alfonso" verrichtete anscheinend aus mir unerfindlichen Gründen sein großes Geschäft sehr gern auswärts. Also auf dem jeweiligen Kundenlokus einer der Wettbutzen seines Vertrauens. Leider verpasste er es aber regelmäßig, die Spülung zu betätigen und vollkommen egal, wie zwielichtig oder unterbelichtet der Rest der Kundschaft auch war: über die Hinterlassenschaft hat sich irgendwie nie jemand gefreut.

So hat es ein grauhaariger hüftsteifer Rentner zu mehr Hausverboten gebracht als der Rest der gesamten anderen mehr oder minder kriminellen Kundschaft zusammen. Und das nur wegen seines Stuhlgangs. Ich ziehe meinen Hut.

Wo es grad um Stuhlgang geht: Der vermutlich meistverhasste Kunde abgesehen von den Aggro-Prolls war der "Stinker".

Anfang fünfzig, korpulent und trotz Gegenwind vermutlich bereits aus zwei Kilometern Entfernung zu riechen. Ich verstehe nicht, wie man mit so einem Eigengestank - EigenGERUCH wäre mehr als untertrieben - durchs Leben gehen kann.

Ich ertrage viel, ich habe schon Verwesung gerochen und übelsten Suffschiss und früher im Basketballteam hatten wir die seltsame Tradition, daß derjenige, der beim abschließenden Freiwurf-Training am schlechtesten abgeschnitten hatte, einen tiefen Zug aus dem verschwitzten Schuh eines zugelosten Mitspielers nehmen musste. Und das war leider oft ich, denn Freiwürfe sind mir zu einfach. Die kann ich nicht.

Ich habe also schon viele echt miese Gerüche in der Nase gehabt und überfordert war ich zum eigenen Erstaunen extrem selten.

Der "Stinker" war so ein seltener Fall und toppte alles. Mundgulli deluxe kombiniert mit Wochen ohne Dusche kombiniert mit wochenlang dem gleichen speckigen Flanellhemd, welches im Laufe der Zeit die Farbe von blau/weiß kariert zu bläulich/grüngelblich ohne klar erkennbares Karomuster geändert und vermutlich ein Eigenleben entwickelt hatte.

Das aus seinen schulterlangen Haaren das Fett nicht auf den Tresen triefte, wundert mich bis heute. Mir juckte beim bloßen Anblick seiner Haare die Kopfhaut. Wahnsinn!

Der Mann war absolut ekelhaft. Ich vertrage wirklich recht viel wenn es um Gerüche geht, es braucht schon größere Kaliber, um mich aus der Fassung zu bringen. Der "Stinker" schaffte es regelmäßig mit spielerischer Leichtigkeit.

Ich erinnere mich an einen Tag, als ein Fernsehteam des NDR bei uns im Shop war, um einen Beitrag zum Thema Sportwetten für irgendein Nachrichtenmagazin zu drehen. Irgendwas seriöses, Ansage vom Chef war: "Repräsentier uns anständig! Morgens rasieren, Firmenklamotten, kein Band-Shirt!"

Die passendere Ansage wäre gewesen: "Lass den "Stinker" nicht rein!"

Denn der riss, während ich fast frisch rasiert, beinahe ohne Bandshirt und mit vorbereiteten möglichst banalen Antworten für das kommende Interview ausgerüstet an meinen Arbeitsplatz stand, die Situation komplett an sich. Bis heute bin ich dem "Stinker" dafür wirklich dankbar, denn ich hatte absolut keine Lust auf die Nummer.

Die ganze Szene war eh vollkommen skurril, drei Sekunden nachdem die Filmcrew unseren Shop betreten hatte, waren 95% der Kundschaft verschwunden. So schnell konnte man gar nicht gucken! Der durchschnittliche (Klein-)Kriminelle möchte sein Konterfei halt ungern im TV sehen und im Fersengeld geben ist er vermutlich recht geübt. Wäre das Ganze ein Comic gewesen, dann wären die flüchtenden Kunden der Roadrunner gewesen, die Filmcrew Carl der Coyote und überall wären über den Köpfen Blasen gewesen, bei der Roadrunner-Kundschaft so Geräuschblasen mit "WRRRRRRRRRMM!!!" oder "WUUUUUUUUUUSCH!!!" darin und bei der Filmcrew solche Denkblasen mit Inhalten wie "OMG, WTF?!? LOL!!!!" oder nach sekundenspäterem Erriechen des "Stinkers" das Gleiche nur ohne das Lachen, dafür mit panischem Blick.

Der "Stinker" hat das Team vom NDR dann fast 90 Minuten lang bespaßt, währenddessen hatte ich mich nicht mit einen einzigen Kunden herumzuschlagen, denn es waren ja die TV-Kameras im Laden.

Am Strand zu liegen wäre kaum entspannender gewesen. Der Unterschied: Am Strand zu liegen bekommt man im Normalfall nicht bezahlt. Mein mangels Kundschaft mehr als einstündiges tiefenentspanntes Rumgehänge wurde fürstlich entlohnt und als das TV-Team dann grad zehn Minuten weg, die misstrauische Kundschaft vorsichtigerweise allerdings noch nicht wieder im Laden war, wurde ich auch schon abgelöst. Die definitiv beste Schicht, die ich jemals geschoben habe! Dank des "Stinkers".

Und trotzdem war der Kerl ekelhaft. Beziehungsweise seine Hygiene. Seine nicht vorhandene.

Ich könnte über viele weitere Charakterköpfe erzählen.

"George", ein Geschäftsmann aus Ghana, früher Profiboxer, jetzt erfolgreicher Vertreiber von alten KFZs nach Afrika. Er spielte aus Aberglaube nie gerade Summen. "Setz mal fünfzig Euro. Und zwei Cent!...nein, warte. Drei Cent!" Und wenn er einem zur Begrüßung eine hohe Fünf gab, schmerzte die Hand danach noch minutenlang.

"Bernhard" und "Sebastian" (so stand es zumindest in den Ausweisen), Vater und Sohn, zwei - dank der Namen leicht zu erraten - Vietnamesen, die nichtmal einen Hauch der deutschen und nur einen zu vernachlässigenden Teil der englischen Sprache verstanden oder selbst sprachen, trotzdem aber unbedingt ihre Kohle in meinem Shop versenken wollten. Irgendwann schleppten sie dann tagtäglich die deutschsprachige Schwiegermutter respektive Oma in den Shop, die zumindest ein wenig vermitteln konnte, dabei aber jedes Mal vor Scham fast im Boden versank. Ich habe ihr jedes Mal einen furchtbar schlechten Automaten-Kaffee für fünfzig Cent ausgegeben, weil ich Mitleid mit ihr hatte und das schien zu helfen. Zumindest während der paar Minuten mit dem "Kaffee" aus der Automatenhölle schien sie es ganz gut inmitten all der Irren auszuhalten.

Abgesehen von Bernhard und Sebastian hatten wir nur noch einen weiteren Vietnamesen als Stammkunde. Seinen Namen kenne ich nicht, jeder Mitarbeiter unseres Shops war allerdings großer Fan seiner langen Barthaare.

Von denen hatte er auf jedem Quadratzentimeter des bei einem durchschnittlichen Mann normalen Bartwuchsbereiches maximal fünfzig. Ich kann es nicht einschätzen. Viel zu wenige jedenfalls. Alle seiner paar Barthaare waren aber mehrere Zentimeter lang. Und silbrig grau, obwohl der Kerl höchstens Ende dreißig war. Das sah so dermaßen skurril aus, ich kann es gar nicht beschreiben! Hatte ein bisschen was von Lametta, vielleicht hatte er früher davon ja mehr. (Entschuldigung, der musste sein...)

Ab und zu treffe ich ihn noch beim Einkaufen und wenn er mich entdeckt, freut er sich immer sehr und winkt mir zu. Inzwischen trägt er nur noch Kinnhaare. Von einem "Bart" kann dabei noch immer keine Rede sein.

Ich habe in den sechs Jahren im Ex-Job einen Haufen Menschen kennengelernt. Über manche der Bekanntschaften bin ich froh, weil sie lehrhaft waren, über einige habe ich sehr gelacht und tue das auch heute noch, auf einige Begegnungen hätte ich sehr gerne verzichtet, manche Menschen sind so dermaßen unsympathisch, daß ich gern im Strahl kotzen würde und ich mich frage, wie zur Hölle man SO ätzend werden kann.

Trotzdem möchte ich die Jahre nicht missen. Im Rückblick war der damals als eher nervig und anstrengend empfundene tägliche Kundenkontakt schon recht interessant und voller neuer Erfahrungen. Und davon kann man ja eigentlich nie genug machen.

...

(Ich bin gespannt wie lange ich brauche, bis Teil fünf so weit ist, daß ich ihn guten Gewissens posten kann. Ich arbeite dran. Schwör!

Aber auch diesbezüglich gilt: Wenn kommt, kommt!)




Die Namen der erwähnten werten ehemaligen Kunden sind natürlich keine Realnamen. Versteht sich ja von selbst.