Mittwoch, 23. Juli 2014

Von Lucia und Paula und Tim und dem Namenlosen

Montag Nacht kurz vor 0 Uhr in der U-Bahn:

"Lucia, wann sind wir denn da?"

"Vier Stationen noch bis Barmbek und da steigen wir um in die S1 und dann eine Station später steigen wir aus und da holt uns Marvin dann ab."

"Cool, ich freu mich total. Ist echt super, das Marvins Kumpel eine Party schmeißt. Die Wohnung seiner Eltern soll total toll sein!"

"Ja, ich freu mich auch, die haben einen Pool und auch einen Kamin!"

"Echt? Wow, das ist geil!"

"Ja, ich mag Kamine auch, meine Großeltern haben einen und den machen sie an Weihnachten immer an, voll gemütlich!"

"Ooooooooooh!!! Tooooooooll!!"

"Ja, aber ich glaube, das wir heute eher den Pool nutzen als den Kamin. Der ist ja drinnen, da wird es nicht zu kalt nachts!"

"Heute Nacht wird es eh nicht kalt, es sind doch jetzt noch so 25 Grad!"

"Ich springe bestimmt in den Pool, ich hab mir sogar letzte Woche extra einen neuen Bikini gekauft, den zieh ich heut zum ersten Mal an! Premiereeeee!!" Lucia strahlt übers ganze Gesicht.

"Oooooooooooooooh, tooooooooooll!!!"

Die Jungs schauen sich beim Gedanken an Lucia in ihrem neuen Bikini aufgeregt an.

Sechzehn Sekunden Schweigen.

"Lucia, dein Oberteil ist echt hübsch! Steht dir!"

"Oh, cool, danke Tim, das habe ich letzte Woche bei H&M gekauft. Mit dem Bikini zusammen."

"Oh, dann bin ich auf den erst richtig gespannt!"

Lucia lacht. Tim grinst schief. Der namenlose Cap-Träger schaut genervt.

Dann:

"Paula, Marvin schreibt grad über Whatsapp, daß er uns nicht abholen kann, ruf den mal an!"

Paula ruft Marvin an.

"Hey Marvin, hier ist Paula, warum holst du uns nicht ab? Das hatten wir doch so abgemacht? Wir wissen doch gar nicht, wo wir hin müssen!"

Pause.

"Ach so, du bist schon betrunken...wir sind aber auch ziemlich spät dran. Ja dann ist ok, wir finden das dann schon irgendwie."

"Was?"

"HAHA, echt jetzt??"

"Ja ok, neeh, dann mach mal! Chrissie macht nicht mit jedem rum, die Chance musst du nutzen!"

"Ja, danke, dir auch! Bis nachher!"

"Was los Paula?" fragt Tim.

"Marvin kann uns nicht abholen, der macht gleich mit Chrissie rum sagt er!"

"Alter, der hat aber auch immer Glück! Scheiße, Chrissie wollte ich heut klar machen. Ich hab euch gesagt, daß wir früher fahren müssen!" sagt der Junge mit dem Cap und schaut noch genervter.

"Kannste doch trotzdem noch." sagt Paula. "Das wird ja ne lange Nacht. Und sonst suchste dir ne andere."

Dabei grinst sie ihn eindeutig zweideutig an.

Merkt er aber nicht.

"Stimmt, mach ich dann halt später" antwortet er und jetzt schaut sie auch genervt aus ihrem figurbetonten Träger-Top.

"Kann eigentlich einer von euch Tüten drehen?" fragt der Namenlose mit der Cap nach einer kurzen Pause.

"Das macht Marvin, wenn der grad nicht wieder irgendwo mit irgendeiner rum macht, der kann das!"

"Super, ich hab extra nochmal was eingekauft gestern, das war nicht leicht, aber ich kenn da ja Leute."

"Die sind älter, oder?" fragt Lucia.

"Ja, klar! Aber ich kenn die schon länger, die verkaufen keinen Scheiß, das glaub mal." antwortet der Namenlose.

"Oh Mann das ist so cool! Was hast du gekauft?" In Lucias Stimme schwingt eine gewisse Bewunderung mit.

Während Lucia den mit dem Cap anhimmelt, schießt Paula vernichtende Blicke in ihre Richtung, die selbst mir im Abteil gegenüber unangenehm sind.

"Nichts Dolles hab ich gekauft, Weed halt und ne kleine Platte, das reicht schon. Aber ihr müsst was dazu bezahlen!"

Zustimmendes Nicken.

Paulas Handy piept.

"Super, Fenja schreibt grad, daß sie den Wodka für die Mischen hat! Find ich voll gut!"

"Perfekt! Weil ohne betrunken sein kann ich nicht kiffen!" sagt Tim. "Dann muss ich immer so derbe husten und der Scheiß wirkt nicht. Geht nur, wenn ich dicht bin."

"Du bist ja auch ne Pussy!" antwortet der Namenlose.

Alle lachen.

Ich nicht.

Denn die, die da grad die derbe Abschussparty mit integriertem Rumhuren planen, sind keine Woodstock nachhängenden abgeranzten Studenten-Hippies und auch keine fast fest im Leben stehenden Mittzwanziger im alle paar Wochen auflodernden Partyrausch.

Lucia, Paula, Tim und der Namenlose sind vielleicht fünfzehn. Und das ist noch optimistisch geschätzt.

Mir ist sowas ja im Prinzip komplett egal, von mir aus kann jeder mit seinem Leben anstellen, was er will, der mit der Zeit angestaute Druck muss schließlich auch irgendwie irgendwann wieder raus und man muss da seine Wege finden. Kenn ich ja selbst.

Sollen sie doch von mir aus rauchen wie ein Schlot, sich gepanschten Dreck in die Venen drücken, bis die irgendwann platzen, saufen bis zum Untergang oder wie bescheuert und ohne Verstand mit allem und jedem durch die Gegend vögeln...ist mir alles vollkommen egal. Jeder so wie er es für richtig hält.

Solang es mir nicht auf den Sack geht.

Hier ist es anders.

Sohnemann ist nur ein, zwei Jahre jünger als die, die sich da grad lautstark über Alkohol, Drogen und Rumgeficke unterhalten.

Und die Jungs und Mädels sehen nicht mal aus wie fast volljährig, die sie ja auch nicht sind, sie sehen exakt aus wie das, was sie sind: Kinder.

Ich bin relativ selten sprachlos, aber das ist jetzt einer dieser Momente.

Barmbek.

Endhaltestelle.

Lucia, Paula, Tim und der Namenlose steigen aus und wechseln auf den S1-Bahnsteig Richtung alkohol-und drogenbeseelter Abschussfeierei bei Marvins Kumpel irgendwo in der "Friede, Freude, Eierkuchen"-Nachbarschaft in Stadtparknähe wo nicht der Pöbel und die Ghetto-Kids leben, sondern tendenziell eher die "gehobenere Gesellschaft".

Ich höre sie noch diskutieren und lautstark reden, während ich auf dem Weg aus dem Bahnhof hinaus meine Kopfhörer aufsetze und dem Telefon die Musikauswahl überlasse.

Das letzte, das ich höre, bevor die Musik einsetzt, ist eine der Mädels, die eine andere mit schriller Stimme als "Nutte" beschimpft.

Eine Millisekunde lang bin ich versucht zu grinsen, dann brettern mir ein paar amtliche breakdowns in den Gehörgang und ich bin wieder geerdet.


Solange Sohnemann seine Play Station und Fußball noch interessanter als das andere Geschlecht und irgendwelche Party-Eskapaden findet, kann ich ruhig schlafen.

Ich beschließe, über das "wie lange noch" ein anderes Mal nachzudenken, fühle mich augenblicklich besser und laufe nach Hause.

In meinem Rücken fährt die S1 aus dem Bahnhof und bringt Lucia, Paula, Tim und den mit der Cap an ihr Ziel.

Destination Abschuss.

Generation Abschuss.

Irgendwie auch ein bisschen tragisch.

Irgendwie schon.

Freitag, 27. Juni 2014

Under the bridge

Samstag Nacht im Schanzenviertel.

Kurz vor ein Uhr.

Die Nachbeben des Deutschland-Spiels sind abgeebbt, das mehr oder weniger feiernde Volk ist auf dem Weg gen Reeperbahn oder hat sich auf die verschiedenen Bars rings herum verteilt. Es ist still geworden. So still, wie es in einer solchen samstäglichen Nacht eben werden kann in diesem Teil der Stadt.

Unter der S-Bahn-Brücke baut beleuchtet von blauen Neonröhrenlichtern einer ein Mikro und einen Verstärker auf. Ein junger Typ, Mitte zwanzig maximal, dunkler Wuschelkopf, blaue Trainingsjacke, abgewetzte Jeans.

Ich lehne an einem der Brückenpfeiler, leere das vermeintlich letzte Bier und beobachte das.

Ich mag Straßenmusiker, leider sind sie selten gut. Vereinzelt entdecke ich mal einen, dem ich gerne länger zuhöre. Meist reichen ein oder zwei Lieder und ich habe genug gehört, werfe ein bisschen Kleingeld in den Hut und gehe meines Weges.

Eigentlich kann ich mich an nur eine einzige Musikerin in den letzten Jahren erinnern, bei der ich lange gestanden und ihr zugehört habe. Das war in Berlin vor dem Eingang der Schönhauser Allee Arcaden, einem Ort also, an dem sonst nie irgendetwas Gutes passiert und an dem man im Normalfall von allen Seiten nur genervt wird. Spende für dies, gib Geld für jenes, unterschreib hier, Ihren Namen bitte dort...

Ich möchte dann immer so etwas wie "Keine Sorge, ich spende, wenn ich kann. Und das gern. Aber nicht nach einem verbalen Terrorangriff auf meinen Nervenapparat wie diesen grad!" antworten, tue das aber doch nie, sondern drehe mich einfach um und ignoriere.

Ein Mal stand mitten auf dem Platz vor den Arcaden ein Mädchen mit ihrer Gitarre und spielte und sang. "Knockin`on heavens door", "Wonderwall", all das Zeug, das jede/-r Straßenmusiker/-in im Repertoire hat. Haben muss. Nichts weltbewegendes. Dann packte sie "Angel" von Sarah McLachlan aus und ich war überrascht.

Ja, ich weiß, "Stadt der Engel" ist ein absoluter Frauenfilm und das Lied so gewollt tragisch, dass es fast weh tut - ich mag trotzdessen (und trotz Nicholas Cage) sowohl den Film als auch das Lied, letzteres sogar sehr. Warum das so ist? Das wüsste ich selbst gern.

Irgendwann spielte sie dann Radioheads "Creep", vermutlich eins der besten Lieder aller Zeiten, und nein, darüber ist eine Diskussion mit mir vollkommen unsinnig, von Anfang an zum Scheitern verurteilt und absolute Lebenszeitverschwendung. Eins der besten Lieder aller Zeiten. Punkt.

Sie spielte und sang "Creep" und sie spielte und sang das so gut, dass ich extrem beeindruckt war und beinahe lautstark applaudiert hätte, als sie den Song beendet hatte.

Ich habe sie dann zu einem Kaffee eingeladen und ihr eine ihrer Demo-CDs abgekauft und die höre ich heute noch gern.

Gute sechs Monate später hat sie es im TV beim unsäglichen DSDS versucht und wurde von ausgemachten Experten wie Bohlen und den beiden Lutschern von "Tokio Hotel" in Grund und Boden gedisst. Zu wenig Oberweite und zu viel im Kopf, so in etwa werden die Ausschlusskriterien gelautet haben.

Warum man mit so viel Talent ausgerechnet zu einem DSDS-Casting rennt, zu einer Show also, in der es zweifellos zu 90 Prozent um die Optik und nicht das Können geht, verstehe ich allerdings bis heute nicht.

Heute sitzt die Gute vermutlich wieder irgendwo in der Hauptstadt an einer Straßenecke, spielt auf ihrer Gitarre und singt. "Elen" ist ihr Künstlername, wenn ihr sie seht: Bleibt stehen und hört einen Moment zu. Das lohnt sich.

Während ich so in meinen Erinnerungen schwelge und mir denke, dass der Wuschelkopf unmöglich besser sein kann, hat der sein Equipment fertig aufgebaut, schaut etwas schüchtern in die Runde, räuspert sich und stellt sich leise vor.

"Hi, ich bin Basti und ich mag keine Spitznamen. Wie ist denn das Spiel ausgegangen?". Als ihm jemand das Endergebnis zuruft, schaut er verwirrt und zuckt mit den Schultern.

"Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist, ich habe keine Ahnung von Fußball. Egal, ich fang mal an zu spielen."

Das tut er dann auch.

Robbie Williams, "Angels". Unkaputtbar, das Lied. Nicht originell, aber das er gut ist, merkt man schon nach wenigen Augenblicken.

Als nächstes Duran Duran - "Ordinary world". Das Lied mag ich und hab es auf der Straße noch nie gehört, er sammelt Pluspunkte.

Danach die Red Hot Chili Peppers mit "Under the bridge", die Band kann ich mal gar nicht leiden, das Lied ist ok. Pluspunkte. Dann irgendwas, das ich nicht kenne, es gefällt mir aber. Danach Oasis. "Wonderwall"? Neeh, "Don`t look back in anger". Auch nicht sonderlich kreativ, aber immerhin bringt er nicht den Gassenhauer schlechthin. Außerdem solide gespielt und gesungen. Der Junge kann was, er muss es nur allmählich mal zeigen.

Mein Bier ist so gut wie leer und ich rechne damit, dass er jetzt weiter das standardisierte Staßenmusiker-Ding durchzieht, für das es irgendwo in muffigen Kellerräumen des Bezirksamtes Altona ganz sicher einen Pappkarton voller Akten mit Regelungen und Playlists gibt - aber nein.

Tut er nicht.

Der Typ spielt die Nine Inch Nails! "We`re in this together", live und akustisch (dass das überhaupt geht!!) unter der S-Bahn-Brücke am Bahnhof Sternschanze. Das Lied, das definitiv auf meiner Hochzeit gespielt werden wird, sollte es mal so weit kommen... Beim Refrain singt er auch nicht mehr, er brüllt und rotzt den Text in sein Mikro und da ich die Nine Inch Nails bisher zu meiner Schande noch nie live gesehen habe, ist das die verdammt nochmal beste Live-Version, die ich von diesem Lied je gehört habe. Ich benutze das Wort selten und ungern, aber: Ist das geil!

Die Zahl der Zuhörenden hat sich inzwischen mindestens verdreifacht, es wird geklatscht, gejubelt, die drei zugedröhnten Punker um die 40, die einige Meter weiter etwas motivationslos auf einer Bongo herum trommelten, um Kleingeld für Gras zu erschnorren, haben das nun aufgegeben, stehen in vorderster Front und schlagen sich abwechselnd, während sie ein paar Zentimeter in die Höhe springen, die Ellenbogen in die Rippen. Bekiffter Pseudo-Pogo während eines akustischen Straßenkonzerts. Das ist auch neu.

Basti, der keine Spitznamen mag, gefällt das aber und er fragt die Punks nach einem Musikwunsch.

"Sex Pistols, Digger!"

Sex Pistols? Kein Problem! Kann er. Hat er drauf. Spielt er. Und wie! Ich bilde mir ein, Freudentränen in den Augen der in die Jahre gekommenen Revoluzzer zu sehen.

So geht das dann noch eine Weile weiter.

Metallica - "The unforgiven", NoFx - "Kill all the white men", Blink 182 - "All the small things", zwischendurch hat er mal einen Hänger, als er einem Mädchen mit tiefem Ausschnitt frech grinsend und auf eben diesen schielend ihren Wunsch nach Coldplay erfüllt. Ich weiß nicht, wie das Lied heißt und er verkackt es auch ziemlich, das ist aber vollkommen egal. "Noooobody saaaaid it was easy, it`s such a shame for us to paaaaart, lalala" und so weiter.

Eine Polizeistreife fährt langsam vorbei, wie in Zeitlupe, hat was von einem dokumentarischen Ghetto-Film à la "Do the right thing" von Spike Lee.

Wenn noch mehr Zuhörer stehenbleiben, dann ist der Gehweg bald komplett verstopft. Es herrscht Gedränge und die Cops haben da ein Auge drauf.

"Ich glaube, das wird hier bald offiziell beendet." sagt Basti, der keine Spitznamen mag, grinsend in sein Mikro und macht mit deutschen Songs weiter.

Tocotronic - "Gegen den Strich", Die Sterne - "Was hat dich bloß so ruiniert", ich feiere das, das war DER Song meiner Jugend und lief auf dem Ghettoblaster in der Schul-Cafeteria in den großen Pausen rauf und runter, bis irgendwann das Tape den Geist aufgab!

Als er dann Muff Potter`s "Wir sitzen so vorm Molotow" raus haut, möchte ich ihn am liebsten umarmen! Mein Gott, wie ich diese Band vermisse...

Zwei Lieder später rücken dann tatsächlich die Uniformierten an und "beenden die Aktion". Weil es zu laut ist, Anwohnerbeschwerde und so, blablabla. Das übliche Ding.

In eine Szene-Gegend ziehen, weil man es mit Anfang/Mitte zwanzig cool und super findet, mitten drin zu sein im Nachtleben, fünf, sechs, sieben, acht Jahre später, wenn man meint, "seriös" und "zu alt" für eben das geworden zu sein und schlimmstenfalls seine Spießer-Gene bereits weiter vererbt hat, ruft man wegen dem, was man damals so toll fand, die Staatsgewalt.

Ruhestörung. In der Schanze. Samstag nachts. Um irgendwas gegen halb zwei oder so.

Finde den Fehler.

Das ist so, als wenn irgendwelche Zugezogenen in Berlin-Kreuzberg der Lautstärke wegen gegen Clubs klagen und die deswegen geschlossen werden.

Oh, wait...

Basti, der keine Spitznamen mag, spielt noch schnell ein paar Takte vom "Folsom prison blues" und baut dann ab, die Cops beobachten genauestens. Der musizierende Schwerstverbrecher muss im Auge behalten werden.

Vom letzten Kleingeld habe ich am Bahnhofs-Kiosk noch zwei Bier geholt, eins drücke ich ihm in die Hand und wir stoßen an.

Ein kurzes Gespräch nur, er ist nicht aus Hamburg sondern wie ich aus der Provinz, er reist herum und macht Musik und er will weiter und anderswo spielen, Altona, Landungsbrücken, egal. Ich empfehle ihm den Park Fiction oberhalb der Hafenstraße und erkläre ihm den Weg dorthin. Findet er gut. Da will er spielen, sagt er. Und, dass er die Nacht durchmachen wird, denn am Vormittag hat er eine Mitfahrgelegenheit Richtung Süden.

"Die fährt bis nach Wien. Mal gucken, wo ich aussteige." grinst er und verschwindet nach einem fist bump mit seinem Gepäck Richtung Hafen.

Und ich gehe zur Bahn und fahre nach Hause. Kopfhörer auf, entspannende Musik an, Augen zu...

Für das Konzert von Basti, der keine Spitznamen mag, hätte ich Eintritt gezahlt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Großes Kino.

Die Chancen, dass er bei DSDS und Konsorten auftaucht, sicd glücklicherweise äußerst gering.

Gut so!

Montag, 23. Juni 2014

"Die Ghanaer erkennen Sie an den gelben Stutzen!"

"Die Ghanaer erkennen Sie an den gelben Stutzen!" informierte vor einigen Jahren Marcel Reif seine TV-Zuschauer, als eben dieses afrikanische Team gegen die deutsche Nationaltruppe antreten musste.

Bis heute ist das eines meiner liebsten Zitate, wenn es um König Fußball geht und ich freue mich immer wieder, wenn ich ein Spiel Ghanas und die gelben Stutzen sehe und dementsprechend - mehr zu meiner als zur Belustigung anderer - das Zitat anbringen kann. Weniger freue ich mich, wenn ich Marcel Reif kommentieren höre, aber das ist eine andere Geschichte.

Samstag Abend, als sie wieder mal gegen Deutschland spielten, trugen die Ghanaer übrigens rote Stutzen. Ich habe sie zunächst nicht erkannt.

Das erste Mal publikes Gucken mit der besten Hamburg-Freundin stand auf dem Plan, die Motivation war launetechnisch eher gering, aber versprochen ist versprochen und Freundin F. kann ich eh keinen Wunsch abschlagen.

Als es dann, als ich um 19 Uhr die Wohnung verlies, auch noch zu regnen begann, war ich vollends bedient. Public Viewing im Regen, na herzlichen Glückwunsch.

Der Plan war es, sich irgendwo in der Schanze mit vielen anderen vor einer Bar das Spiel anzusehen, das machen die Beste und ich seit knapp zehn Jahren regelmäßig so und bisher haben wir noch kein Spiel zusammen verloren. Und da sie bekennender Fan "Schlaaands" ist, komplett mit Trikot, Fähnchen und Gesichtsbemalung, habe ich als zumindest in diesem Jahr (fast) neutraler Beobachter da in gewisser Weise die Arschkarte gezogen und sehe mich ebenfalls schon mit charmant aufgezwungener Kriegsbemalung in den Nationalfarben herum laufen.

Als wir uns treffen, hat sie zu meiner Erleichterung erstens keine schwarz/rot/güldene Schminke im Gesicht und zweitens auch noch zwei Bier dabei. Ist definitiv eine zum Heiraten, meine rein platonische bessere Hälfte.

In der Schanze finden wir natürlich keinen Sitzplatz vor einer der Bars auf dem Galao-Strich mehr, dafür hätten wir vermutlich seit zwei Tagen hier campen müssen wie vierzehnjährige kleine Mädchen beim Kartenvorverkauf für ein Miley Cyrus-Konzert oder wie finanzschwache Studenten vor der nächsten IKEA-Filiale, wo man dann im Wintersonnenwenden-Schlussverkauf das Bett "Hardvik" zum Schnäppchenpreis bekommt.

Ein frisches Bier später haben wir einen okayen Stehplatz mit gutem Blick und gutem Ton vor einer Bar am Schulterblatt gefunden und ganz im Ernst: Sitzen beim Fußball?!? Ich denke nicht...

"Hymne hören, du musst die Hymne hören!!" hektikt Freundin F. herum.

Seit ich beim Halbfinale der Heim-WM 2006 gegen Italien mal die Nationalhymne verpasste (und wir wissen fast alle, wie das dann geendet ist), weil ich auf dem Klo war, ist es laut ihr meine erste Bürgerpflicht, vor wichtigen Schlaaand-Spielen bei der Hymne parat zu stehen. Alles andere bringt Unglück. Sagt sie. Ich finde das zwar ein wenig weit hergeholt, aber eine Diskussion ist da so unnötig wie ein italienischer WM-Triumph, von daher spiele ich einfach mit.

Freundin F. freut sich dann und ich habe meine Ruhe.

Die erste Halbzeit plätschert irgendwie so vor sich hin und selbst trotz roter Stutzen kann ich inzwischen die Ghanaer von den deutschen Spielern unterscheiden. Der Trick ist, auf die Frisuren zu achten...

Das Spiel ist ein wichtiges aber leider bisher kein spannendes.

Interessanter ist da schon das Volk, das rings um uns herum steht.

Rechts von mir eine Truppe Mitt-Dreißigerinnen, die das Spiel herzlich wenig interessiert, sie sind nur da, um Sami Khedira anzugucken, weil er (ich zitiere) "der hübscheste Mann Deutschlands ist", der aber "die kleine Blonde, wie heißt sie noch, das Miststück, vögelt.".

Sympathisch, die Damen! Versuchen gar nicht erst, irgendwelches gefährliche Halbfachwissen vorzuspielen wie die siebzehnjährigen Tussis, die in den deutschen Farben gebadet in der ersten Reihe des Fan-Festes schrill quiekend und "POLDIIIIII" oder "SCHWEINIIIII" verehrend auf den Schultern ihrer Lebensabschnittsgefährten hocken und damit einem großen Teil derer, die tatsächlich das Spiel und nicht die Spieler beim Trikottausch sehen wollen, den Blick auf die Leinwand versauen.

Mit den Mädels rechts von mir stoße ich an, mein Bier und ihre unvermeidliche Sektpulle. Ich find sie gut, sie heucheln kein Interesse, sie unterhalten sich angeschickert und ergo leise kichernd ausschließlich über die Optik der Spieler. Den Hummels, den würden sie alle gern mal...und den Müller, den würden sie auch alle nicht von der Bettkante schubsen. "Aber der ist ja verheiratet und außerdem so zehn Jahre jünger als wir!" merkt eine mit traurigem Blick an. "Das der verheiratet ist, macht ja nichts" erwidert ihre Freundin, "aber so ein junger Kerl kann doch nichts. Da bleibt der Spaß doch auf der Strecke!". Zustimmendes Nicken. Ich muss lachen und mir wird verschmitzt zugezwinkert.

"Soll ich dich retten?? Die baggern dich doch an!" flüstert die Beste von der anderen Seite. Ich kann beruhigen. "Neeh, die baggern mich nicht an, ich passe nicht ins Beuteschema. Ich hab weder das Aussehen vom Hummels noch den Kontostand vom Müller."

Da das Spiel Ende der ersten Hälfte überhaupt nichts mehr her gibt, widmen F. und ich unsere Zeit der Beobachtung der direkt vor uns stehenden englischsprachigen Jungs, einer sieht ein bisschen aus wie Prinz Harry, ein anderer mit seiner platten Nase ein bisschen wie ein ziemlich schlechter Kirmesboxer. Zwei reden ununterbrochen miteinander, die anderen beiden stehen stillschweigend links und rechts daneben. Einer trägt ein "Schweinsteiger"-Trikot. Außerdem trinken sie alle Weizenbier. Augustiner. Aus der Flasche. Pfui!

Drei von den Vieren haben ihre Flasche geleert, eine neue muss natürlich schnell her. Vorrat ist auch da, man(n) denkt ja mit - blöderweise aber meist nicht zu Ende.

Keiner der vier hat einen Flaschenöffner am Mann. Nach kurzer Ungläubigkeit macht sich eine gewisse Panik in den Gesichtern breit.

Da es entwürdigend wäre, irgendeinen der Umstehenden nach einem Flaschenöffner, Feuerzeug oder ähnlichem zu fragen, wird halt improvisiert. Und wenn das Öffnen eines Bieres dann eben mehrere Minuten in Anspruch nimmt...egal. Wenigstens hat man sein Gesicht gewahrt. Zumindest fast. Am Ende werden die Flaschen dann in minutiöser Kleinstarbeit mit einem Fahrradschlüssel aufgehebelt. Als der Kronkorken endlich von der letzten Flasche ploppt, wollen Freundin F. und ich fast in frenetischen Jubel ausbrechen,

Derweil hat bereits die zweite Halbzeit begonnen und ist noch nicht alt, als eine Flanke sich in den westafrikanischen Strafraum verirrt, wo der Götze mit seiner Hipster-Frise sie unter Zuhilfenahme verschiedenster Körperteile irgendwie ins ghanaische Tor bugsiert.

Um mich herum werden Arme in die Höhe gerissen und es wird gejubelt. Die Mädelstruppe rechts von mir verschüttet fast ihren Rotkäppchen-Sekt und die Jungs vor uns jubilieren, dabei schlägt einer dem anderen versehentlich den Ellenbogen krachend ins Gesicht. Hat ein bisschen was von Mosh-Pit. Aber nur ein bisschen.

Auf dem Spielfeld werden nun die Visiere herunter geklappt und ein wildes Hauen und Stechen beginnt, zwischen lautstarkem Jubel während einer Chance von Jogis Jungs bis hin zu entsetztem kollektiven Aufstöhnen, wenn ein Afrikaner auf "Schlaaands" Tor zustürmt, liegen meist nur wenige Momente.

Links neben mir taucht auf Schulterhöhe ein Kopf auf. Er trägt eine Schirmmütze, die für eine bekannte deutsche Versicherung wirbt, der spärliche Bartwuchs wuchert wild. Und dann redet der Kopf.
"Des könnens net! Ei, de Ghanaäh, des könnens net verdeidige! Wennde Mario de Ball so b`gommt, des ist net zu verdeidige! Weisch?"

Himmel hilf, der Prenzlauer Berg ist ist am Start! Dem Kiezneurotiker , ist einer entwischt und mir zugelaufen! Das muss doch jetzt nicht sein...

Während der nächsten paar Spielminuten rückt der Kopf immer näher an mich heran, Freundin F. amüsiert sich köstlich, ich eher nicht so. So engen Körperkontakt hatte ich länger nicht mehr, wenn das noch zwei Minuten so weiter geht, dann werde ich ihn wohl meinen Eltern vorstellen müssen.

Aus dem Nichts erziehlt Ghana den Ausgleich und der Kopf, zu dem ein mit Jutetasche, die Werbung für ein Schuhgeschäft macht, behangener hagerer Körper in Parka und Hochwasserhose gehört, echauffiert sich.

"Ei, g`sagt hab ichs! Des wars! Des Spiel is g`laufn! De Neuer, die gröschte Pfeif uffde Welt!!

Kurz danach geht der Kopf weg und mitten in mein innerliches Glücksgefühl fällt das nächste Gegentor. Zwei junge dunkelhäutige Mädels schreien schrill vor Freude, ein wenig klingt es wie in den "Scream"-Filmen, wenn mal wieder eine der Protagonistinnen massakriert wird. Viele schauen sich irritiert um, aber statt einem Blutbad gibt es nur zwei strahlende hübsche Mädels zu sehen, die ausgelassen tanzen und mit der bunten ghanaischen Fahne wedeln.

Ich erwarte Idioten, die das Ganze mit dummen Sprüchen kommentieren, das habe ich ja erst ein paat Tage früher nach dem Spiel der Ivorer erlebt. Aber das passiert nicht. Die Mädels werden fotografiert, oft, und sie lieben das und posen. Das wars aber auch schon.
Keine Schmährufe. Gar nichts. Verrückt. Und toll!

Freundin F. hat inzwischen außer dem Spiel auch die vier Jungs vor uns ausgiebig beobachtet und hat heraus gefunden, dass wir es mit ein paar Amis zu tun haben. Ein Versuch, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, scheitert allerdings, denn Miro Klose, der, der wie ein Mädchen läuft, erzielt aus dem Nichts das 2-2, torjubelt mit seinen 35 Jahren per Salto, den er weder steht noch sitzt, es aber irgendwie schafft, sich bei der Landung keine wichtigen Knochen zu brechen und wirklich alles und jeder ist nun außer Rand und Band.

Abgesehen von den beiden hübschen Afrikanerinnen natürlich.

Es wird gesprungen, Fremde umarmen sich, Fäuste werden in die Höhe gereckt... Und das nach einem Ausgleichstor in der Gruppenphase gegen Ghana.

Das Spiel plätschert dann bis zum Abpfiff so vor sich hin.

Unentschieden, eine spannende zweite Halbzeit. Freundin F. und ich sind zufrieden.

Der deutsche "Fan", der sich alle zwei Jahre mal vier Wochen lang Fußball für Fußball interessiert und sich dazu das "Fan-Set" im Discounter seiner Wahl für 9,95€ kauft, um während des Turniers authentisch rüber zu kommen, tickt da natürlich anders.

Als vier ghanaische Jungs in den Landesfarben mit lautem Trommeln und feierlichem Gesang an uns vorbei laufen und den Punktgewinn feiern, brüllt aus dem Hintergrund ein intelligenzbegrenzter Vollidiot irgendwas von wegen "Neger" und so weiter rein.

Peinlich und armselig. Zum Glück bleibt das die Ausnahme, der Großteil der Umstehenden freut sich mit den Vieren, einige versuchen ungelenk im Takt der Trommeln zu "tanzen", was den Afrikanern ungläubiges Grinsen abnötigt.

Freundin F. geht noch mit einer Arbeitskollegin feiern, ich fahre nach Hause. In der Bahn treffe ich noch ein Paar, beide im Trikot der "Black Stars". Es wird eine fröhliche Heimfahrt, leider steigen die beiden drei Stationen vor mir aus.

Am barmbeker Bahnhof passiert dann, was seit langen Wochen überfällig war. Ich laufe Denny, dem Haus-Nazi über den Weg. Ich war ihm eine lange Zeit erfolgreich aus dem Weg gegangen, wenn ich ihn von Weitem auf der Straße sah, wechselte ich die Straßenseite und wenn ich ihn an der Bushaltestelle sah, ging ich lieber zu Fuß.

Denny ist harmlos und irgendwie bemitleidenswert, ich meide aber jede persönliche Begegnung. Wochenlang hat das geklappt und jetzt renne ich nachts gegen ein Uhr in ihn rein.

Er steht mit ein paar anderen vermutlich ebenso Hirnbefreiten auf dem Busbahnhof, er und seine Leute sind vor lauter schwarz/rot/goldenem Gedöns kaum noch zu erkennen, was nicht unbedingt von Nachteil sein muss. Denny trägt eine große Fahne als Umhang, dazu einen Schal und die deutschen Farben hat er sich natürlich auch ins Gesicht gemalt. Auf der linken Wange leider spiegelverkehrt.

Gold/Rot/Schwarz.

Kann man mal machen. Diese Dreifach-Schminkstifte sind aber auch nicht einfach zu handhaben.

Ich muss grinsen, unterdrücke das aber, denn dummerweise spricht Denny mich an und seine Entourage, bestehend aus zwei stiernackigen kahlrasierten Schränken und einer dümmlich grinsenden und schlecht blondierten Bratze mit stupidem Gesichtsausdruck und Springerstiefeln, mustern mich missmutig von oben bis unten.

"Na Zecke? Auch mit dem Bus fahren?" fragt Denny laut. Er erntet von Umstehenden einige Blicke, interessierte und genervte.

"Warst wohl auch Fußball gucken, häh? Unentschieden! Gegen die Neger! Die verdammten Neger! Kann doch keiner aussprechen, die Namen!"

Ich sage nichts, ich schaue ihn nur an und es ekelt mich.

Da steht ein verhärmter kleiner Typ vor mir, der seine letzten verbliebenen Haare platinblond gefärbt und Augenringe wie aus einem schlechten Horrorfilm hat und dem bei seinen Hetztiraden kleine Spucketropfen aus dem Mund fliegen, denen ich zum Glück erfolgreich ausweichen kann.

Mir ist klar, dass er sich nur so verhält, weil er grad nicht allein ist. In der Gruppe sind sie stark, die Idioten, die Hirnamputierten, die Fehlgeleiteten. Das nächste Mal, wenn ich ihn tragischerweise allein im Treppenhaus treffe, macht er wieder auf gut Freund.

Denny labert und labert und labert seinen Schwachsinn in die Welt.

Nach ein paar Minuten ertrage ich es nicht mehr, drehe mich um und gehe, ohne ein Wort mit Denny gewechselt zu haben.

Er starrt mir hinterher, seine Truppe guckt Löcher in die Luft.

Der Spaziergang heim entspannt, das Bier vom Kiosk schmeckt und ich komme auch an der kleinen afrikanischen Bar vorbei, in der ich eine Woche zuvor die Samstag Nacht zum Tag gemacht habe. Sie sieht abgerissen aus wie eh und je.

Obwohl es eine Samstag Nacht ist und Team Deutschland gespielt hat, ist es erstaunlich ruhig in meinem Viertel. Ich scheine der einzige zu sein, der noch auf der Fuhle unterwegs ist.

Selbst auf dem Ring 2 fahren heute keine GTi-Piloten Rennen in ihren aufgemotzten Karren.

An meiner Wohnung angekommen, bleibe ich noch einige Zeit auf der Mauer vor dem Haus sitzen, trinke aus und lausche in die Nacht. Irgendwo flitzt ein Tier fiepsend durchs Gebüsch und ganz weit in der Ferne in Steilshoop oder Dulsberg ertönen Polizeisirenen. Ansonsten Stille. Großartig.

Eigentlich mag ich totale Stille nicht, aber grad jetzt ist sie großartig.

Bevor Denny heim kommt und mir nochmals über den Weg läuft, verschwinde ich in meine Wohnung, lege mich aufs Bett und lasse den Tag rekapitulieren.

Trotz etwas ruppigem Beginn: Schön war`s. Hätte ich gerne öfter!

Dienstag, 17. Juni 2014

Ivorische Nachtschicht

Der Ball rollt wieder. Seit vergangenem Donnerstag schaut die Fußballwelt nach Südamerika und schlägt sich zumindest zu einem gewissen Teil, dem ich als Nachtmensch angehöre, die Nächte vor dem TV-Gerät um die Ohren.

Zu sagen, ich hätte mich übermäßig auf den Start der WM gefreut, wäre arg übertrieben. Vor allem mit einem Seitenblick auf die Vorkommnisse innerhalb des Gastgeberlandes. Proteste wohin man schaut und ich kann sie zu 100 Prozent komplett verstehen. Diese Proteste gegen teils haarsträubende innerpolitische Entscheidungen der brasilianischen Oberen, die erzwungene "Umsiedlung" ganzer zentral liegender Favelas, zigtausender von Menschen, die teilweise seit Generationen dort leben, zwar in sehr ärmlichen Verhältnissen, aber doch "glücklich", so wie man es immer und immer wieder in den Medien hörte und las. Und das nur, damit der geschätzte WM-Tourist erstens möglichst kurze Reiserouten zurück zu legen hat und zweitens, damit ihm der Anblick des "Elends" der Favelas erspart bleibt.

Und überhaupt das Hinstellen von hunderte von Millionen Dollar teuren nigelnagelneuen Fußball-Arenen auf eben diese ehemaligen Wohngebiete oder einfach direkt mitten in den Amazonas-Dschungel wie zum Beispiel in Manaus, eine knapp 45.000 Menschen fassende Schüssel, die dort nach den sechs vorhergesehenen WM-Spielen maximal noch alle paar Monate mal als Veranstaltungsort für Konzerte oder ähnliches genutzt werden wird, da der erfolgreichste Verein der Stadt in der dritten(!) brasilianischen Liga kickt und pro Heimspiel keine 500(!) Zuschauer anzieht.

Geld für wirklich wichtige Dinge wie Verbesserung des Bildungssystems oder Bekämpfung der Massenarmut ist dagegen "nicht vorhanden". Natürlich nicht.

Ich bin nun viel zu wenig informiert darüber, wie da die politischen Verstrickungen sind, wie die FIFA da mit drin hängt - vermutlich zu einem nicht unwesentlichen Teil - und so weiter, daher möchte ich kein gefährliches Halbwissen in die Welt rufen.

Fakt ist: Die Proteste in Brasilien (und sonstwo weltweit) sind mehr als gerechtfertigt! Und ich stehe voll dahinter!

Ich schaue mir die Spiele allerdings so denn machbar trotzdem an. Vorzugsweise entspannt bei Kumpel F. auf dem Sofa, ein Mal war ich schon public viewend in einer Bar um die Ecke und mit der besten Hamburg-Freundin bin ich auch noch das ein oder andere Mal verabredet.

Ein paar Leute in meinem Bekanntenkreis boykottieren die WM komplett, obwohl sie an sich durchaus an Fußball interessiert sind. Der Fernseher bleibt ausgeschaltet, Sportseiten im Netz werden ignoriert und Menschen in Trikots werden missmutig gemustert.

Ich finde das gut, da nicht versucht wurde, mich zu missionieren. Generell kann ja fast jeder fast alles machen, was er möchte - solange er mir damit nicht auif den Sack geht. Von mir aus kann der Veganer vegan leben, der Straight Edger straight edge und von mir aus kann auch die Hippie-Mutti um die Ecke ihre Leinenshirts selbst bebatiken - alles schön und gut, nur nervt mich damit nicht.

Veganer, Edger und Hippie-Trulla kriegen das im Normalfall nicht hin, die mir bekannten WM-Boykotteure, die ja zumindest einige Punkte haben, die ich exakt genau so sehe wie sie, schaffen das. Ich gebe zu, die Vergleiche hinken ein wenig, mein Standpunkt sollte aber klar sein.

Boykott ist ein Zeichen, ein gutes sogar. Aber wenn das hier in Hamburg ein paar versprengte Gestalten durchziehen, dann interessiert das auf der anderen Seite des Erdballs keine Sau. Sorry, aber ist so.

Ich für meinen Teil schaue mir also die Spiele an, bin mir aber der Rahmenbedingungen ganz klar bewusst und verurteile diese. Das merkt zwar in Brasilien auch wieder niemand, aber das kann man leider kaum ändern.

Ich mag solche fußballerischen Großereignisse eh gern, das will ich gar nicht abstreiten. Ich bin definitiv Fan. Mein Team darf zwar dieses Jahr nicht mitspielen, also bin ich ein relativ neutraler Beobachter, habe mir aber meine zwei oder drei "Lieblinge" herausgepickt und schaue mal, wie die sich so schlagen. Ansonsten möge der Bessere gewinnen. Es sei denn, er heißt Italien oder Niederlande. So weit geht die Neutralität dann doch nicht.

Ich habe in Hamburg während der letzten WM- und EM-Turniere schon allerhand spannende, lustige und interessante Geschichten erlebt, das geht vom Kennenlernen der jahrelangen großen Liebe über das Finden von neuen Freunden bis hin zu legendären Parties und Unterhaltungen oder Diskussionen, an die ich mich teils Jahre später noch haargenau erinnere.

Samstag Nacht gab es wieder so eine neue Erfahrung.

Auf dem Heimweg vom Einkaufen traf ich kurz vor Mitternacht meinen Kumpel Mo und ein paar seiner Jungs. Er ist Ivorer, ich kenne ihn von meinem Ex-Job in der Wettbutze. Vom (Stamm-)Kunden entwickelte er sich mit der Zeit zu einem guten Freund.

Nach ein bisschen Smalltalk lud er mich ein, mit ihm und seinen Leuten das Spiel seiner ivorischen "Elefanten" (der Spitzname des Teams von der Elfenbeinküste) zu schauen.

"Wir werden siegen!" lächelte er siegessicher, "Komm vorbei, wir schauen alle in einer kleinen Bar am barmbeker Bahnhof! Es geht um drei Uhr los, ich hole dich um 2.30 Uhr am Bahnhof ab!

Eigentlich wollte ich heim und ins Bett, ich war ziemlich platt und vorher relativ froh gewesen, dass eine andere Verabredung nicht geklappt hatte - aber ein Spiel einer afrikanischen Mannschaft mit einem Haufen afrikanischer Fans in einer afrikanischen Bar schauen? Das klang dann doch zu verlockend!

Zuhause versuchte ich, mich per kalter Dusche wieder fitter zu machen und vernichtete vor dem Fernseher sicherheitshalber noch meine letzten zwei Bier, während Italien zu meiner Enttäuschung die Engländer mit 2-1 schlug. Da ich allerdings exakt dieses Ergebnis im familieninternen Tippspiel vorausgesagt hatte, musste ich doch ein wenig grinsen.

Kurz nach zwei Uhr schlurfte ich los Richtung Bahnhof Barmbek. Eher müder als zuvor. Das verdammte Bier...

Auf der Straße vor meiner Bude sang derweil ein alleingelassener Italiener lautstark die Hymne. "Italia, IIIITALIAAAA,...", zwischendrin nippte er an einer Sektpulle. Keine Ahnung, wo der her kam und wieso er in meiner Einbahnstraße gelandet war, ich habe aber ein paar Minuten mit ihm geredet und er war sehr nett. Seinen angesüffelten warmen Sekt wollte ich dann aber lieber doch nicht probieren. Ich ging meiner Wege und hörte in wieder die italienische Hymne intonieren. Der "Gesang" begleitete mich aus der Ferne noch ein paar Minuten.

Ich mag solche kurzen Begegnungen, die hängen bleiben.

Die knapp zwölf Minuten Fußmarsch zum barmbeker Bahnof machten mich ein wenig wacher und relativ fit traf ich Mo, der schon auf mich wartete.

Keine 150 Meter weiter ging es in eine Bar, von der ich dachte, das sie seit Jahren leer steht. Von außen sieht sie nämlich so aus. Vollkommen abgerissene Fassade, graue Gardinen hinter staubigen Fenstern...na wunderbar.

Hinter den Gardinen sah ich allerdings ein paar Lichter blitzen und was da drinnen für ein Lautstärkepegel herrschen musste, konnte man von außen erahnen. Das war mir allerdings vorher klar, wie gesagt, ich habe sechs Jahre mit sehr vielen Afrikanern zu tun gehabt und die Jungs sind nun mal laut. Die Herkunft ist dabei vollkommen egal, ob Ivorer, Ghanaer, Nigerianer, Sambier...spätestens ab einer Gruppe von vieren hat das was von Presslufthammergetrommel. Es ist schlicht wahnsinnig.

Das meine ich in keinem Fall böse und schon gar NICHT rassistisch! Im Gegenteil, ich mag diese Emotionalität und die Lebensfreude sehr! Es ist halt einfach ein Fakt, den auch kein Afrikaner (zumindest keiner, den ich kenne) je bestreiten würde, im Gegenteil, er wird breit lächeln und einem zuzwinkern, wenn man ihn darauf anspricht.

Ich war also auf einiges vorbereitet, als ich jedoch hinter Mo die Bar betrat, wurde es erstmal recht ruhig und ich werde von allen Seiten irritiert angestarrt.

Ich bin definitiv der einzige Weiße und das überrascht wohl einige der Anwesenden. Aber glücklicherweise ist Kumpel Mo ein unbändiger Quell guter Laune und verkündet mehrmals laut, ich sei sein "white brother", außerdem entdecken mich noch zwei seiner Kumpels, die ich schon vorher getroffen hatte und begrüßen mich enthusiastisch.

Meinem Kenntnisstand nach mag einen ein Afrikaner, wenn er nach dem Händedruck in einer fließenden Bewegung mit den Fingern schnipst. Man reicht sich die Hand, zieht seine Hand dann zum Körper, während die Handflächen sich berühren und sobald die Fingerspitzen sich trennen, schnipst man mit Daumen und Zeigefinger. So wurde es mir erklärt und auch beigebracht, allerdings krieg ich dieses Schnipsgeräusch nicht hin. Eher renk ich mir einen Finger aus. Ich ernte dann aber immer viele Lacher, denn meine Bemühung ist ja da - und sieht vermutlich urkomisch aus. Ich habe also schnell ein paar neue Freunde in der Bar gefunden.

Mo kommt mit zwei Bier angeschleppt. Das kann ich jetzt tatsächlich gebrauchen. Ein tiefer Schluck...ach du heilige Scheiße, was ist DAS denn?? Das brennt!

Ich erinnere mich, so mit 15, 16 haben wir damals auf unseren Parties irgendwann gegen Ende einfach alles, was noch übrig war, zusammen geschüttet. Bier, Korn, Cola, Sprite, Kirschlikör, Wodka, Apfelsaft, Blue Curacao, Sekt...alles in einen Eimer oder so, gut vermischt, auf Gläser verteilt und dann auf Ex. Hau weg den Scheiß. Das Getränk hieß "Günther" und war der Abschluss jeder Party. Grauenhaft, vor allem, weil man ja die ganze Nacht diesen ekligen Abschluss auf sich zukommen sah...

Ungefähr so schmeckt dieses seltsame Bier, auf dessen Etikett ich nirgendwo einen Promille-Gehalt finde...

Dann wird es ernst. Die Nationalhymne wird laut mitgesungen und frenetisch bejubelt. So laut, dass ich mir sicher bin, dass dadurch in irgendeiner neugebauten Yuppie-Wohnung im Umkreis von 500 Metern irgendein Brokkolilutscher im Batik-Shirt aus dem Schönheitsschlaf gerissen wird und spätestens in Spielminute sieben die Cops auf der Schwelle stehen.

Aber das passiert nicht.

Ich nehme noch einen Schluck vom "Bier". Es brennt nicht mehr so sehr.

"Wir werden siegen!" strahlt Mo und lacht sein bestes Colgate-Zahnweiß-Lachen. "Pass nur auf, die Elefanten werden siegen!"

Leider ist das Memo bei den Gegnern aus Japan nicht angekommen und so haut ein blondierter Spieler in blau namens "Honda" in der 16. Minute den Ball eiskalt in den Winkel des ivorischen Tores.

1-0 für Nippon.

Und die Japaner kontrollieren weiter das Spiel. Die Stimmung in der Bar kippt ganz langsam von Euphorie über Entsetzen zu Enttäuschung und tendiert allmählich hin zu Frust, denn die in orange spielenden "Elefanten" kriegen die quirligen kleinen Japaner nicht in den Griff.

Während um mich herum in verschiedensten Sprachen und Dialekten, die ich alle nicht verstehe, vermutlich geflucht wird, jubele ich innerlich über die Nummer 17 der Elfenbeinküste. Der hat nämlich hinten auf dem Trikot als Namen "S.AURIER" stehen und ich finde das ganz großartig! Wird wohl auch an dem "Bier" liegen, das inzwischen fast leer ist. Zuhause habe ich dann mal gegogglet: Der Mann heißt "Serge Aurier" und ist ein kommender Star. Ein Trikot mit "S.AURIER" drauf gibt`s dann wohl noch öfter mal zu sehen.

Halbzeit. Nullstimmung. Ich hol mal lieber neue Getränke für Mo und mich. Da ich weder weiß, wie das Gesöff heißt und ich mir auch nicht sicher bin, ob die in traditionelles Gewand gekleidete Bardame Deutsch oder Englisch spricht, bin ich recht beruhigt, als ich beobachte, dass die Bestellung per Handzeichen abläuft. Also mache ich das "Victory"-Zeichen und kriege strahlend zwei volle Flaschen hingestellt. Sauber!

Anpfiff zweite Hälfte. Die Stimmung ist gedrückt, aber die Spieler aus der Cote d`Ivoire kommen wie ausgewechselt aus der Kabine. Nippon sieht keinen Stich mehr. Angriffswelle um Angriffswelle rollt auf den japanischen Kasten zu, der Torhüter darin schaut auch schon äußerst verstimmt.

In der kleinen Bar lädt sich so ganz allmählich die Spannung auf, sie ist fast zu greifen. Es ist ziemlich still, aber es knistert. Irgendwas liegt in der Luft.

Einer von Mo`s Kumpels kommt beladen mit Bier an und drückt Mo und mir eins in die Hand. Definitiv mein letztes...

"Soon it`s gonna happen!!" sagt er aufgeregt. " I feel it! I feel it!". "I feel it too, brother!" antwortet Mo, "Wir werden gewinnen!"

Nach exakt einer Stunde Spielzeit wird Didier Drogba, der absolute Superstar unter den ivorischen Spielern in Großaufnahme auf dem TV-Bildschirm gezeigt. Sekundenkurze Jubelrufe, dann angespannte Stille. Die Luft prickelt. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Zwei Minuten später in der 62. Minute wird Drogba eingewechselt. Gefühlt steht die Zeit ein paar Sekunden lang still, als er darauf wartet, dass er vom das Feld verlassenden Spieler abgeklatscht wird. Um mich rum sehe ich weit aufgerissene Münder und Augen.

Didier Drogba ist in der Elfenbeinküste ein Nationalheld, ach was, ein Halbgott! Zwar trägt er eine der furchtbarsten Frisuren aller Zeiten spazieren, aber seit er mit dem Chelsea FC 2012 den Bayern in der Champions League ihr "Finale dahoam" im Alleingang versaut hat, verehre selbst ich diesen Spieler.

Als der rechte Fuß von Drogba das Spielfeld betritt, brandet ein Jubel los, den man sich nicht vorstellen kann. Da ist er, der Messias! "Ich habe doch gesagt, dass wir siegen werden!" ruft Mo, ein Hinweis auf dem Spielstand wäre grade vollkommen sinnlos. Die komplette Bar ist außer Rand und Band.

Und das mit Recht.

Vier(!) Minuten nach Drogbas Einwechslung steht es nicht mehr 0-1 sondern 2-1 und der Laden explodiert förmlich!

Ich habe mit den Jahren auf Konzerten viele Moshpits und ähnliches erlebt, viel Geprügel vor der Bühne. An die Situation morgens um 4.30 Uhr in dieser Bar kommt nichts davon heran. Selbst eine Massenpanik weil die Hütte brennt hätte nicht chaotischer ablaufen können. Das war fucking mayhem! Aber in der positiven Variante! Ich weiß nicht, wieviele mir wildfremde Menschen mich umarmt haben, mich fast zum Hörsturz gebrüllt haben, sie kamen von überall. Links, rechts, oben, unten... Ein unfassbares Chaos und eine Lautstärke, die ich nicht beschreiben kann. Dabei waren noch 25 Minuten zu spielen.

Passiert ist allerdings nichts mehr. König Didier hat seine Elf zum Sieg geführt. In seinen knapp 30 Minuten Einsatzzeit hat er die meisten(!) Zweikämpfe ALLER(!) eingesetzten Spieler geführt und gewonnen. Eine unglaublich kranke Statistik...

Nach Abpfiff des Spiels gegen 4.45 Uhr hielt es natürlich niemanden mehr in der Bar. Es wurde auf dem Gehweg und auch auf der Straße getanzt, die orange/weiß/grünen Fahnen wurden geschwenkt, es wurde gesungen, eine ausgelassene Stimmung...

...fanden dann die, die im Auto bereits auf dem Weg ins Büro waren oder die, die sich auf dem Weg zur S-/U-Bahn mit verstopften Gehsteigen und Feiernden, die nicht schwarz/rot/gold gen Himmel reckten, konfrontiert sahen, nicht so toll. Ich habe wüste Beschimpfungen gehört, die ich hier nicht wiedergeben werde. Das N-Wort. Oft. Beschämend. Traurig. Dumm.

Von Leuten, die vermutlich gestern Abend selber besoffen "Suuuuper Deutschland, olèéééé!!" gröhlend auf Straßen tanzten und mit Fahnen wedelten. Weil sie das halt alle zwei Jahre mal so machen.

Fan sein.

Deutsch sein.

Fuck you!

Es war taghell, als ich Mo wieder fand. In dem ganzen Chaos war er mir verloren gegangen. Er saß mit sich und der Welt im Reinen auf dem Gehweg, rauchte eine "Zigarette" und war einfach glücklich.

"Bruder, ich habe es dir doch gesagt: Wir werden siegen!" sagte er, leicht mitgenommen von den letzten Stunden.

Eine Umarmung später habe ich mich auf den Heimweg gemacht.

Tags darauf dröhnten mir die Ohren wie nach einem Konzert.

Aber so eine Erfahrung nehme ich jederzeit gerne wieder mit!

Samstag, 7. Juni 2014

Die berliner Polizei twittert...

...und ich lese mit!

Gestern Abend um 20 Uhr hat die berliner Polizei eine Aktion gestartet. 24 Stunden lang sollen alle einkommenden Notrufe, die zu Einsätzen führen, unter #PolizeiBerlin_E getwittert werden. Welchen Grund diese Aktion hat, weiß ich nicht. Nähe zum Volk? Aufzeigen, wie cool der Polizisten-Job ist? Keine Ahnung.

Die Aktion läuft zumindest noch bis 20 Uhr am heutigen Tag und ich habe in der zurückliegenden Nacht etwas mitgelesen, nachdem ich meinen Twitter-Account wiederentdeckt hatte. Das war recht spannend und manchmal auch recht lustig! Verrückt, was der durchschnittliche Polizeibeamte in der Hauptstadt so in einer Nachtschicht erlebt.

Ich dachte mir dann, dass das evtl auch andere interessieren oder belustigen könnte, also habe ich den Twitter-Account alle zwanzig Minuten aktualisiert und mir meine Highlights heraus gepickt...

...vielleicht mag sie außer mir ja sonst noch wer.

(Die Zitate habe ich vom Twitter-Account "PolizeiBerlin_E" übernommen, eventuelle Rechtschreibfehler und auch die konsequent weggelassenen Doppelpunkte nach den Uhrzeiten sind also nicht auf meinem Mist gewachsen!)...

"20.12 Uhr Kinder werfen mit wassergefüllte Luftballons aus dem dritten Stockwerk eines Wohnhauses."

Das finde ich total nett bei den furchtbaren Temperaturen heute und vermutlich in den kommenden Tagen. Die meinen es sicherlich nur gut...!

"21.06 Uhr Jungs spielen Fußball gegen eine Wand. Nachbarn fühlen sich gestört."

Da freu ich mich doch wieder darüber, dass ich im niedersächsischen Nichts aufgewachsen bin. Stundenlang haben mein bester Freund und ich die Pille gegen die Wand oder wahlweise (das hallte noch toller) gegen das geschlossene Garagentor gedroschen. Beschwert hat sich nie jemand. Außer bei dem einen Mal, als ich meinen neuen Lederball volley im Schlafzimmerfenster meiner Großeltern versenkt habe. Meine Oma hat fürchterlich geschimpft, mein Vater klopfte mir später in einem unbeobachteten Moment anerkennend auf die Schulter. "Toller Schuss!"

"21.12 Uhr Hausfriedensbruch in Gesundbrunnen. Schüler betreten nach Schulschluss das Gelände ihrer Schule."

Auf so eine verrückte Idee wäre ich damals NIE gekommen! Die können unmöglich Gutes im Schilde geführt haben!

"21.25 Uhr Entwarnung im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Wohnhausbrand. Kräfte melden angebranntes Hundefutter."

Das verstört mich auf so vielen Ebenen...angebranntes Hundefutter? Warum?!?

"21.27 Uhr Verdacht auf BTM-Handel in Kreuzberg."

BTM-Handel? In Kreuzberg?? Das kam jetzt unerwartet...

"21.31 Uhr Ein schwedischer PKW ist auf einer türkischen Hochzeit in einen Verkehrsunfall verwickelt."

Köttbullar trifft Döner Kebab. Klingt wie eine neue Idee vom überbewerteten und vor allem unfassbar überteuerten Döner-Dealer um die Ecke. "Döner Sweden" mit Fleischbällchen, Kartoffelpüree und Preißelbeersoße. Zuzutrauen ist es dem Laden. Es gibt bereits "Döner Germany" mit Pommes und Mayo drin oder "Döner South Africa" mit Karotten, Erdnussbutter und Rosinen. Wer denkt sich sowas aus??

Jetzt kommt einer meiner Favoriten, obwohl die Twitter-Session der berliner Polizei grad mal angefangen hat.

"21.48 Uhr Anrufer meldet Tier in Notlage, ein Rabe kämpft mit dem Tod."

Das ist erstmal gar nicht schön.

Bis die Auflösung folgt.

"0.11 Uhr Rabe wohlauf, er befand sich in keiner Notlage, sondern war auf der Balz."

Ich habe Tränen gelacht!! Ich weiß nun nicht, wie so ein notgeiler Rabe sich anhört oder verhält, aber das muss ja mitleiderregend sein! Die berliner Polizei löste diesen hochspeziellen Fall in unter 2,5 Stunden, auch dazu sei an dieser Stelle gratuliert!

"21.52 Deutschland - Armenien 1:0! Parallel läuft ein Polizeieinsatz wegen Abbrennens von Böllern."

Bei mir in Hamburg-Barmbek wurde auch geböllert. Aber erst knappe 20 Minuten später nach dem Ausgleich der Armenier. Ich hörte auch fremdsprachiges Jubeln aus einer Nebenstraße. Noch bevor beides ein Ende hatte, stand es dann allerdings 3-1 für "Schlaaand". Nicht, dass ich das gut fand, lustig war es aber allemal.

"23.57 Uhr Die Feuerwehr und die Polizei haben sich erneut angebrannten Essen angenommen."

Zumindest war es dieses Mal kein Hundefutter...

"0.22 Uhr Diebstahl im Dönerladen."

Da frag ich mich...war es ein Griff in die Kasse oder ein Döner ohne alles, vor allem ohne bezahlen? "Diebstahl im Dönerladen" könnte aber auch das neue Album von Bushido oder einem seiner Konsorten heißen. Von Haftbefehl oder Bass Sultan Hengzt oder anderen "Musikern". Oder von Massiv! Was ist aus dem eigentlich geworden? Massiv, das menschgewordene Steroid. Der nicht-grüne Hulk. Der "rappende" Wandschrank.

"0.49 Uhr Motorradfahrer liefern sich Rennen in Mitte. Waren tatsächlich schneller als wir."

Diese mitschwingende Selbstironie finde ich gut. Eigentlich fehlt nur der Zwinker-Smilie am Ende des Tweets.

"1.33 Uhr Zwei Exhibitionisten in Schöneberg auf einem Parkplatz."

Wait, what?? Ist das eventuell ein Duell? Womöglich kreuzen die die Schwerter?!?

"1.35 Uhr Ein Einbruch hat nicht stattgefunden!"
Beruhigend. Hier auch nicht. Aber schön, dass das mal jemand ausgesprochen hat!

"1.36 Uhr Ein Mann in Charlottenburg hört Glas klirren vor seinem Haus. Ein Fahrradfahrer befindet sich auf dem Gehweg."

Uniformierte eilen herbei.

Taschenlampen durchstrahlen die Nacht.

Ein Kind weint.

Ein Fuchs furzt.

Gefunden wurde

nichts.

...

Vorhang. Applaus. Standing ovations. Poetry corner: Ende.

"2.20 Uhr Eine Frau hört Rascheln und ein Bewegungsmelder geht an. Wir konnten nichts feststellen."

Hier meine Verdächtigen in loser Reihenfolge: Hund, Kaninchen, Eule, Katze, Fuchs, Rabe, Wildschwein, Eichhörnchen, Reh, Alien und zu guter letzt: schwerstkrimineller masochistischer meuchelmördernder Einbrecher. Ich tippe definitiv auf letzteren.

"2.56 Uhr Zwei Betrunkene mit dem Kleinwagen in Neukölln auf dem Gehweg unterwegs."

Safety first, auf der Straße ist so ein Kleinwagen doch auch viel zu gefährlich, vor allem wenn man betrunken ist! Und Fußgänger machen keine großen Beulen, das geht schon noch.

"3.19 Uhr In einem Massagesalon in Neukölln ist ein Streit über die Bezahlung entbrannt."

Massagesalon. Um zwanzig nach drei in der Nacht? Is klar... Streit über die Bezahlung? Vermutlich kostete das "happy end" extra.

"3.40 Uhr Ein Mann in Kreuzberg hört gerade noch wie jemand fremdes seinen Roller startet. Jetzt ist er weg. Gestohlen."

Wer jetzt? Der Mann oder der Roller? Entweder hat jemand einen Verlust zu beklagen - oder in Kreuzberg wird eine Wohnung frei! Yippieh!

"3.47 Uhr Radfahrer mit Handy am Ohr auf der Autobahn unterwegs."

Geil, das sind geschätzte zehn Verstöße gegen die StvO auf ein Mal! Respekt!! Ich hab nur drei auf ein Mal geschafft. Aber wie dicht muss man sein, um mit dem Rad auf der berliner Stadtautobahn zu landen?? Ich war mal mit nem Fiat auf der bonner Stadtautobahn und selbst das fühlte sich falsch an...

"4.22 Uhr Auf der Jannowitzbrücke versuchen 2-3 Personen ein Handy zu rauben. Das Opfer wirft es aber lieber ins Wasser."

Dazu sag ich mal einfach nichts außer: Respekt! Mein erster Reflex wäre Flucht. Der zwote wäre die Herausgabe des Handys. Auf den Gedanken, das "erwünschte" Diebesgut ins Wasser zu werfen, käme ich gar nicht erst, denn dann gäb es vermutlich von den Räubern erst recht auf die Fresse, weil sie sich verarscht fühlen. Und als Zugabe ist das Handy eh weg. Glückwunsch.

"4.25 Uhr Ein unbekannter Spaßvogel in Kreuzberg hat bereits zugeschlossene Fahrräder zusätzlich mit einem Schloss versehen."

Ich find das zwar irgendwie witzig, aber ich schwöre: Ich war`s nicht! Ehrlich! Können diese Augen lügen...?

Und jetzt mein Highlight:

"4.30 Uhr Im Prenzlauer Berg nimmt ein Einkaufswagen, mit 1 Person besetzt und von 2 Personen geschoben, am Straßenverkehr teil."

Mir laufen die Lachtränen runter! Wie stumpf und trocken ist das bitte formuliert?? Mit nem Einkaufswagen "am Verkehr teilgenommen" habe ich auch schon, nicht in Berlin sondern in Oldenburg, lang lang ist`s her. Das beeindruckt mich also nicht wirklich.

Aber diese (gewollt?) furztrockene Beamtensprache ist einfach an Komik nicht zu überbieten!

GRAN-DI-OS!!

An sich wollte ich bis um fünf Uhr früh den Live-Ticker mitlesen, aber ich bin mir sicher, dass das für die Nacht das letzte "Highlight" war - zumindest für mich.

Vielleicht les ich mich kommende Nacht noch durch die kommenden zighundert Tweets und bastele noch ein weiteres persönliches "Best of", wer weiß. Ich schau erstmal, wie dieses so ankommt.

Bis hierhin danke ich auf jeden Fall der berliner Polizei für Einblicke in ihren Arbeitsalltag und einige (zumindest für mich) lustige Anekdoten. Sehr coole Aktion meiner Meinung nach. Ich hoffe, alle Beamten kommen sicher nach Hause.

Samstag, 31. Mai 2014

22 Gleichgesinnte

Vor zwei Tagen erwähnte die geschätzte Karo auf ihrem lesenswerten Blog die Seite "Spleen24". Das fand ich ganz lustig, denn ich kenne die Seite ebenfalls und lese da gern mal eine Runde mit. Hatte über sie auch bereits in einem Text geschrieben, der aus verschiedenen Gründen nie fertig geworden ist. Zumindest fand ich ihn nie veröffentlichungswürdig.

Also habe ich mich noch mal hingesetzt und herumgebastelt, um das zu ändern.

Lieber spät als gar nicht...

Vor einiger Zeit bin ich also selbst schon über den Blog "Spleen24" gestolpert. Ich sah etwas darüber im TV, ich meine, es war bei "TV Total", da bin ich mir aber nicht mehr sicher.

Bei "Spleen24" handelt es sich um eine Internet-Seite, auf der der geneigte User über seine - wer hätte das gedacht? - persönlichen Spleens, Ticks und Angewohnheiten berichten kann, die er selbst vollkommen normal, die Allgemeinheit aber unter Umständen ein wenig abgedreht oder einfach komplett verrückt findet.

Das fand ich ganz lustig, las mich ein wenig durch die gesammelten Einträge und fand mich zu meinem großen Erstaunen in nicht wenigen davon wieder.

Eine sehr seltsame Situation. Man liest etwas, muss lachen, denkt sich "Wahnsinn, wer macht denn solchen Scheiß?" - und dann kommt der Moment, in dem man erkennt:

"Alter, DU machst solchen Scheiß!"

Nur halt unbewusst, es fällt einem selbst ja gar nicht auf. Bis zu dem Moment der...Erkenntnis. So nenne ich das jetzt mal ganz hochtrabend.

Ab diesem Moment ist der "Scheiß" auch kein "Scheiß" mehr, sondern vollkommen normal.

Ich war gleichzeitig ziemlich amüsiert, in gewisser Weise aber auch ein wenig "erschrocken" darüber, wie oft ich eigene Verhaltensmuster in den Beschreibungen anderer wieder erkannte.

Da geht es nicht um irgendwelche ekligen oder gar perversen Sachen, es geht um alltägliche Dinge, die ich für vollkommen selbstverständlich halte. Sie gehören ganz einfach dazu und einige von ihnen tue ich, seit ich denken kann.

Das geht los beim Anziehen der Socken und Schuhe. Erst rechts, dann links, anders herum funktioniert das nicht. Rechter Socken, dann linker Socken. Ebenso bei den Schuhen. Rechter Schuh, danach der linke. Links vor rechts ist nicht drin. Das Verhalten scheint allerdings recht weit verbreitet zu sein.

Ich gehe zum Beispiel auch nicht unter Leitern hindurch. Nicht weil ich denke, dass das Unglück bringt, das halte ich für Hokuspokus, obwohl ich ziemlich abergläubisch bin...nein, ich mag es ganz einfach nicht. Es fühlt sich unangenehm an. Das Gleiche gilt für Baugerüste an Häuserfassaden. Da kann man ja auch unten drunter durch gehen durch eine Art "Tunnel".

Ich tue das nur äußerst ungern. Lieber wechsle ich die Straßenseite, notfalls laufe ich dafür auch zurück bis zur nächsten Fußgängerampel oder renne einfach so über die Straße. Interessanterweise stellen einfache Leitern aber ein deutlich größeres Problem dar als die langgezogenen "Tunnel". Durch die "Tunnel" zu gehen, krieg ich - wenn auch ungern - hin. Unter einer Leiter gehe ich nicht durch. No fucking way.

Wenn ich im Auto oder mit der Bahn durch einen Tunnel fahre, habe ich absolut gar kein Problem damit, im Gegenteil, das mag ich sogar.

Kompliziert kann auch der Verzehr von Süßigkeiten werden. Gummibärchen zum Beispiel. Die gibt es ja in verschiedenen Farben und am Ende, wenn nur noch ganz wenige Gummibärchen in der Tüte sind, achte ich darauf, möglichst jede Farbe in gleicher Anzahl zu haben. Das geht soweit, dass ich lieber ganz mit dem Naschen aufhöre, anstatt eins der zwei verbliebenen roten Bärchen (die mag ich nicht) zu essen, um die gleiche Anzahl zu wahren, als das letzte verbliebene gelbe oder grüne, auf das ich sehr wohl noch Appetit hätte. Äße ich das letzte verbliebene grüne oder gelbe Gummivieh, wäre rot in der deutlichen Überzahl. Und das ist dann nicht gut...

Einige ungläubige Lacher habe ich auch schon wegen meines Handy-Telefonbuches geerntet. Ich mag dort drin keine Spitznamen, ich habe bis auf wenige Ausnahmen (meine Eltern, meine Omis und meine Tante) dort jeden mit Klarnamen abgespeichert. Ja, auch den besten Kumpel, ja, auch die beste Freundin und ja, auch die letzten Lebensabschnittsgefährtinnen. Nix da mit "Schatzi", "Mausi" oder "Schnuffi".

Vorname, Nachname, Geburtsdatum.

Warum ich in meinem Handy-Telefonbuch diese Ordnung so mag und pflege, weiß ich selber nicht. In allen anderen Lebenslagen bevorzuge ich definitiv das Chaos, darin fühle ich mich deutlich wohler. Aber das Telefonbuch im Handy muss aufgeräumt sein. Keine Spitznamen. Da kommt wohl der innere Bürohengst und Paragraphenreiter durch.

Und manchmal tut mir das leid und manchmal schäme ich mich ein ganz kleines bisschen dafür.

Aber mein Gott, so isses halt, was soll ich machen?

Eine nun Ex-Freundin entdeckte mal, dass ich sie mit vollem Namen und nicht unter einem etwaigen und wohl erwarteten und gewünschten Kosenamen im Handy gespeichert hatte - mein lieber Mann, da brannte aber die Hütte! Die sonst so Niedliche und eher Schüchterne mutierte schlagartig zur Furie, da flog sogar eine Tasse in meine Richtung...das war echt abgefahren.

Hat es was geändert? Nööh. Auch in der restlichen Zeit unserer Beziehung - und das war noch über ein Jahr - tauchte sie in meinem Handy weiter mit ihrem Klarnamen auf. Ich habe ihrer Nummer dann aber ein kuscheliges Foto von ihr und mir zugeordnet, das erschien dann immer, wenn sie mich anrief und das hat sie besänftigt. Es kann manchmal so einfach sein...

Seit etwa einem halben Jahr habe ich einen ganz neuen Tick an mir entdeckt. Den hab ich sicher schon ewig, bewusst wurde er mir aber erst im letzten Winter. Oder zumindest da um die Zeit rum.

Ich lief mit meiner Freundin F. durchs Treppenhaus hoch zu ihrer Wohnung im dritten Stock und als wir angekommen waren, fragte sie irritiert, was ich denn an den Fenstergriffen so interessant fände? Ich habe mit einem fragenden "Häh?!?" geantwortet.

"Du hast doch ständig die Fenstergriffe angestarrt. Ich hab dir was erzählt und was gefragt und du hast nur die Fenstergriffe angeschaut. Den im zweiten Stock hast du sogar grade gerückt!"

Da hat es "Klick!" gemacht.

Freundin F. hatte den Satz kaum zuende gesprochen, da war wieder dieser dämliche "Moment der Erkenntnis". Mir war das bis dato nie aufgefallen aber ja:

Schrägstehende Fenstergriffe sind furchtbar! Fast schon unerträglich für mich.

Fenstergriffe haben in den ihnen traditionell zugedachten Winkeln zu stehen:

Griff-Ende steil nach unten: Fenster geschlossen.

Griff-Ende um 90 Grad nach rechts oder links zeigend: Fenster komplett geöffnet.

Griff-Ende steil nach oben: Fenster auf Kipp.

Sämtliche anderen Stellungen des Fenstergriffes oder abstruse Kombinationen wie "Griff 60 Grad rechts gedreht, Fenster geschlossen" machen mich fast wahnsinnig, sind im Prinzip inakzeptabel und werden früher oder später von mir korrigiert, wenn das denn möglich ist.

Normalerweise "korrigiere" ich solche "Missstände" (im wahrsten Sinne!) direkt, wenn ich an ihnen vorbei laufe.

Früher tat ich das manchmal nicht und es ließ mir keine Ruhe. Ich bin nicht nur ein Mal mitten in der Nacht in Schlafbekleidung aus dem dritten Stock runter in den ersten getappt, um da den Fenstergriff zwei Zentimeter nach links zu drücken, damit er dann auf "90 Grad unten = geschlossen" steht. Wenn der Griff einrastet, gibt das auch immer ein Klicken, das ich total befriedigend und beruhigend finde.

"KLICK!"

Danach kann ich dann immer prima schlafen oder mit was auch immer fort fahren - hätte ich den Fenstergriff in seiner alten Position gelassen, wären meine Gedanken nur dort aber nicht bei mir.

Eben diesen Spleen habe ich bei "Spleen24" gepostet. So als "Experiment". Ich war mir sicher, dass das kaum wer auch so macht und die Wahrscheinlichkeit, noch so einen Bekloppten zu finden, der mit schrägstehenden Fenstergriffen nicht klar kommt, war bei etwa 0 Prozent. Ist ja auch bescheuert, ist mir klar.

Vier Stunden später hatten 22 meinen Spleen teilende Menschen den an Facebook erinnernden bestätigenden "Ich auch!"-Button gedrückt, den es auf "Spleen24" gibt. Inzwischen werden es wohl noch mehr sein, ich finde leider meinen eigenen Eintrag nicht mehr wieder...

Aber hey, 22 Menschen, die auch wahnsinnig werden, wenn sie schiefstehende Fenstergriffe sehen!

22 Gleichgesinnte!

Samstag, 24. Mai 2014

Murphys Gesetz an der Supermarkt-Kasse

Donnerstag Abend, kurz nach 20 Uhr.

Eine Supermarkt-Filiale an der nördlichen Fuhlsbüttler Straße. Ohlsdorf ist nah und Steilshoop nicht weit weg.

Zwei Kassen mit jeweils fünf Menschen vor mir stehen zur Auswahl, eine 50/50-Entscheidung. Ich wähle die linke - immer der politischen Gesinnung nach.

Der Einkauf beschränkt sich wie immer nur auf ein paar Kleinigkeiten. Zwei Brötchen, eine Packung Käse, eine Flasche Schaschliksoße, eine Plasteschale Gurkensalat und - den gruseligen Temperaturen geschuldet - eine gekühlte Fanta.

An der Kasse sitzt eine junges blondes Mädchen, das ich hier vorher noch nie gesehen habe. Vermutlich eine studentische Aushilfe, die wurden hier vor nicht allzu langer Zeit gesucht. Sie trägt große goldene Ohrringe und die Fingernägel sind hellrot lackiert. Soweit eine ganz nette Erscheinung.

"Schön" denke ich, "dann bin ich ja in zwei Minuten hier raus und bin gegen halb neun bei F., der freut sich ja schon."

Kunde Nummer eins zahlt für seine paar Dinge und geht. Dann ein schrilles Piepen. Die junge blonde Kassenkraft schaut irritiert. Irgendwas stimmt nicht. Sie tippt auf der Tastatur herum, es piept nochmals. Das zweite Piepen scheint ein gutes Piepen zu sein, denn die Gesichtszüge der jungen Frau entspannen sich.

"Kann passieren" denke ich grinsend, "kennste selbst, hast den Scheiß an ner Kasse ja auch schon gemacht. Nur war da die Kundschaft nicht so entspannt."

Die nächste Kundin ist eine Mittdreißigerin, die einen etwas abgehobenen - will sagen: arroganten - Eindruck macht. Teure Kleidung, dicke Klunker, Nase in der Luft. Sie ist nicht gern im "Arbeiterbezirk" Barmbek, den Eindruck habe ich und normalerweise habe ich für sowas ein ziemlich gutes Auge. Sie positioniert sich durch Körpersprache und stünde grad lieber in einem kleinen Delikatessen-Lädchen als ganz simpel bei Rewe. Das Mädel an der Kasse würdigt sie keines Blickes und natürlich wird auch das fröhliche "Guten Abend!" nicht erwidert.

"Na wunderbar" denke ich, "die findet sich ja richtig toll. Hat wohl was erreicht im Leben. Sowas wie nen reichen Kerl aufreißen, heiraten und mit ihm Kinder kriegen. Glückwunsch!"

Gemüse kauft sie ein, viel Gemüse. Dazu noch einige andere Bio-Produkte und einen Haufen Fan-Artikel, Tröten, Fähnchen und so weiter, natürlich in den deutschen Farben. Was auch sonst. Schlaaaaaaand. My ass.

Die Kassenkraft beginnt also, die Waren einzuscannen. Natürlich dauert das eine Weile, da die Gute zu jedem einzelnen Gemüse den Preis aus einem zerfledderten Ordner voller loser DinA-4-Blätter heraus suchen muss. "Salatgurke, 39 Cent, die Trauben kommen 1,59, habt ihr im Angebot und ich hab das gelesen!" möchte ich ihr zurufen...lasse es aber bleiben.

"Eine dritte Kasse bitte, eine dritte Kasse!" hallt es derweil aus den Boxen, ein Blick hinter mich verrät, dass die Warteschlangen gewachsen sind. Hinter mir stehen vier oder fünf Menschen, einige davon wechseln direkt hinüber zur Kasse, die mutmaßlich in den kommenden Sekunden besetzt wird.

Ich nicht. So lange kann das hier ja nicht mehr dauern.

"Was kosten die Fan-Artikel?" fragt mit herablassendem Blick die Mittdreißigerin. "1,99 kosten die!" antwortet das Kassenmädchen. "Im Prospekt steht aber 1,89!" sagt die Mittdreißigerin. "Meine Kasse sagt aber 1,99!" sagt die Kassenkraft und zuckt hilflos mit den Schultern.

Bevor eine Diskussion entstehen kann, interveniert der Brecher im Blaumann vor mir.

"Kaufen Sie die Scheiße jetzt oder kaufen sie die nicht? Entscheiden Sie sich bitte!"

Nein, sie kaufte sie nicht. Kein Spielzeug für die Kids. Nur Ruccola und Rote Beete. Zum dran lutschen.

Was bedeutet, dass das inzwischen sichtlich mitgenommene Kassen-Mädchen sämtliche acht getätigten Käufe von Kinderspielzeug für 1,99 stornieren musste. Wegen jeweils zehn Cent.

Minuten später konnte dann die Mittdreißigerin endlich ihren Einkauf bezahlen. Zückte ihre Haspa-Karte und hielt sie mit den Worten "Außerdem geben sie mir noch 200€!" in Richtung der Kassiererin.

Ich dachte zunächst an einen Scherz...die kauft nicht ernsthaft ihren Kids kein Spielzeug, weil das insgesamt 80 Cent (!) mehr gekostet hätte und hebt dann mal lässig 200 Tacken ab?!?...aber das war nach dem ganzen Trara tatsächlich ernst gemeint.

Schließlich verschwand sie endlich hoch erhobenen Hauptes aus der Filiale. Zu sagen, einige hätten deswegen Freudentränen in den Augen gehabt, wäre nicht gelogen.

Nur noch zwei Menschen vor mir, die zwei Minuten, die ich an sich für Wartezeit vor der Kasse veranschlagt hatte, waren längst Geschichte und die pünktliche Ankunft bei Kumpel F. ebenso.

Aber schlimmer kann es ja nicht mehr werden...

Das Kassenmädel zieht nun die Einkäufe einer Brünetten im Sommerkleid über den Scanner. Handcreme, Margarine, ein Bund Schnittlauch (nach dem Preis sucht sie lange in ihrem Ordner), Schlagsahne, zwei Flaschen Wasser ohne und einen Pfandbon im Wert von einem Euro.

"Das war aber nicht meiner!" sagt die Brünette.

"Das war meiner!" sagt der Brecher im Blaumann vor mir.

Die Kassen-Blondine guckt in etwa so, als würde sie sich grad am liebsten lebendig begraben oder wahlweise die gesamte Filiale in die Luft sprengen und ich verstehe sie.

"Da muss ich den Herrn Meier rufen, das habe ich falsch eingebongt! Der weiß, was man da macht!" stammelt sie. Und wird kalkweiß.

"Eine vierte Kasse bitte! Eine vierte Kasse!" schallt es durch den Markt, das Kassenmädchen zuckt zusammen, als hätte sie grad der Blitz getroffen. Ihre Mundwinkel zucken, während die Brünette und der Brecher ausdiskutieren, wer an dem Dilemma Schuld trägt.

"Ihr beide, ihr Fotzen" denke ich, "was meint ihr denn, warum da diese Dinger namens "Warentrenner" rumliegen? Damit genau so eine Scheiße nicht passiert!"

Herr Meier, der keine zwei Jahre älter als die Blonde an der Kasse ist, kommt dann zur Rettung. Macht wichtig herum. Brüstet sich. Weil er was Besseres ist als sie, höher gestellt als die einfache Kassenkraft. Ein ekelhaft schmieriger Typ. Und das in so jungem Alter. Tragisch.

Nachdem das Arschloch wieder in seinem Büro verschwunden ist, bin dann endlich ich an der Reihe. Mehr als fünfzehn Minuten hat es gedauert. Hinter mir steht inzwischen niemand mehr, sie sind alle zu anderen Kassenschlangen gewechselt, an denen schneller abgearbeitet wurde. Hätte ich Tiefgefrorenes kaufen wollen, tiefgefroren wäre es inzwischen nicht mehr.

"Sie stehen schon ganz lange da!" sagt sie treffend und irritiert, "Sie könnten doch schon lange weg sein. Zuhause oder so."

Recht hat sie. Da könnte ich schon sein. Oder bei F. auf der Couch.

"Ich wollte bei Ihnen bezahlen!" habe ich gesagt, "Ich steh ja nicht zum Spaß noch hier. Ich schreib das nieder und verblogge es."

Sie hat das mit einem Lächeln abgetan. "Der Depp!" hat sie wahrscheinlich gedacht, "das ist echt die dämlichste Anmache aller Zeiten!"

Dann schallt eine Durchsage aus den Lautsprechern:

"Ein Mitarbeiter bitte zur Frischetheke!".

Und ich gehe nach Hause...

Montag, 12. Mai 2014

Ein Abgesang

Der "Dschungel" an der Schanzenstraße.

Einer der besten Orte in dieser manchmal so elenden Stadt.

Wie viele Abende, Nächte und frühe Morgenstunden habe ich dort verbracht, mit guten Freunden oder auch allein, zum quatschen, um Menschen kennen zu lernen oder einfach nur, um sie zu beobachten, um guter Musik zu lauschen, um Kette zu rauchen, weil alle anderen das auch taten, um ab und zu mal ein Bier oder einen White Russian zu viel zu trinken. Und um einfach mal wieder runter zu kommen.

Normalerweise zieht es mich da nicht an einen vollen lauten Ort wie den "Dschungel", normalerweise flüchte ich an ruhige Orte, wo mir niemand auf die Nerven geht. Nachts in den Hafen, durch den alten Elbtunnel ganz rüber auf die andere Seite der Elbe nach Steinwerder und da dann auf die Kaimauer gegenüber der Landungsbrücken. Beine baumeln lassen. Seele auch.

Oder ich suche mir im Hafen irgendwo einen Steg, eine Anlegestelle mitten im Wasser. Irgendwo hinter dem Fischmarkt. Da ist nachts kein Mensch, wahrscheinlich, weil da nachts kein Mensch sein darf. Aber es ist toll dort, wenn man da nachts auf dem Rücken liegend in den Himmel schaut und man kaum etwas hört außer den Wellen.

Der "Dschungel" war der einzige belebte Ort, der zum Abspannen vollkommen okay war. Wenn nicht gar perfekt. Warum das so war kann ich nicht sagen. Das weiß ich selber nicht.

Nun existiert der "Dschungel" an der Schanzenstraße ja schon lange nicht mehr, er ist umgezogen.

Ist umgezogen worden.

Gentrifikation, natürlich. Was auch sonst.

Die Bereitschaft der Betreiber, die doppelte Miete wie bisher zu zahlen, wurde vom Grundstücks-Eigentümer ignoriert und abgeschmettert. Raus! Alle raus!

Seit etwa einem Jahr residiert der "Dschungel" nun an der Sternstraße und ich war auch schon ein paar Mal drin.

Und ich muss sagen: Es fehlt was.

Glattgeleckt sieht die Ladenfront nun aus. Wie irgendeine weitere austauschbare Schicki-Lounge irgendwo auf der Langen Reihe.



Mir gefällt das nicht. Klar, nachts und beleuchtet macht die Fassade immer noch was her...gemütlich sieht das aus und einladend. Aber nicht nach dem alten "Dschungel", den ich kenne. Es fehlt was. Aber ich weiß nicht, was es ist...



(Das Foto habe nicht ich geschossen sondern Tom aus Neukölln, als er Anfang des Jahres zu Besuch in Hamburg war.)

Der neue "Dschungel" in der Sternstraße auf dem Schlachthof-Gelände in prominenter Nachbarschaft zum "Knust", einem der besten Live-Clubs in der Stadt, hat sich verändert. Nicht nur die Fassade, auch das Innenleben. Wer die alte Inneneinrichtung nicht kennt, der wird die neue mögen. Ich mag sie nicht. Ich denke dabei an eine mediterran angehauchte Lounge, in der man Cocktails schlürft. Oder Shisha raucht.

Auch die Kundschaft ist eine andere. Wo früher vollgehackte Rockabillies mit Jeansjacke und Gel-Tolle oder Iro-tragende Punks mit ihren Hunden neben einer Horde zugedröhnter über Freud oder Nietzsche diskutierenden Psychologie-Studenten hockten, während NoFx, Placebo oder Tocotronic das Ganze beschallten, sitzen hier nun auch Menschen vor ihrem MacBook und tippen. Irgendwas mit Medien. Kostenabrechnung für die Altbauwohnung in der Augustenpassage um die Ecke wo der Quadratmeter jenseits der 20 Euro liegt. Dafür bekommt man aber Stuckverzierungen im Scheißhaus.

Im alten "Dschungel" unvorstellbar. Gab`s da einfach nicht. Es wäre aber aufgrund der Optik der Fassade wohl auch niemand auf die Idee gekommen, sich mitsamt seinem MacBook hier einen Milchkaffee zu bestellen. Und das war gut so.

An der leerstehenden Ruine des alten "Dschungel" bin ich in den letzten Monaten fast jedes Mal vorbei gelaufen, wenn ich in der Schanze unterwegs war und der Anblick war fast schon tragisch und machte mich traurig.



Eine Zeit lang kursierte das Gerücht, dass in die Ruine eine "Starbuck`s"-Filiale einziehen solle. Zum Glück hat sich das nicht bewahrheitet. Dann hätte die Schanze wohl mal wieder gebrannt.

Stattdessen kommen dann jetzt wohl wieder die üblichen Verdächtigen. Oberklasse-Wohnungen. Penthouses. Nobel-Karossen. Und dann weinen sie wieder alle, weil Farb-Bomben an die frisch weißgetünchten Fassaden fliegen, Graffitis und Stencils gesprayt werden oder wenn am ersten Mai oder in Gedenken ans Schanzenfest oder auch einfach nur mal so wieder ein Luxus-SUV in Flammen aufgeht. Man hat das ja nicht kommen sehen...

Burn motherfucker, burn!

Ich bin nach wie vor gegen das Abfackeln von Oberklasse-Fahrzeugen und werde das nie gut heißen...aber inzwischen habe ich ein gewisses Verständnis.

Den alten "Dschungel" gibt es nicht mehr.

Auch die Ruine ist weg.

Abgerissen.



Ausradiert.



Ein kleiner Rest gelber Fassade sträubt sich noch. An dieser Wand befand sich die Bar. Dort, wo der Schutthaufen liegt, stand ein Barhocker, auf dem ich oft gesessen habe. Direkt rechts neben dem Eingang. Über mir an der Wand ein NoFx-Poster ("Punk in drublic") und ein ausgestopftes Krokodil, von dem niemand so recht wusste, wo das eigentlich hergekommen war.



Übrig bleibt ein Trümmerhaufen...



...auf dem oben drauf ein fetter Bagger hockt.

Und übrig bleiben eine Menge lustiger, schöner, teils versoffener Erinnerungen und Geschichten, die ich nicht missen möchte.

Ich werde mir eine neue liebste Bar der Stadt suchen müssen, es ist an der Zeit. Der "Dschungel" ist endgültig Geschichte.

Schade.

Sonntag, 27. April 2014

Ein Gastbeitrag von "bb-dd": Illustre Illustrierte und das Drumherum

Bevor ich bloggte, schrieb ich wie beispielsweise der Kiezneurotiker oder Tikerscherk (die aus gewissen Gründen ihren Blog grad geschlossen hat...ich habe aber Hoffnung, dass sich das bald wieder ändert!) auf einem inzwischen geschlossenen Bewertungsportal.

Ich habe mir dann überlegt, dass ich auf meinem Blog keine Restaurant-Bewertungen oder ähnliches machen möchte, hier möchte ich lieber persönlichere Texte, Alltagsgeschichten und dergleichen posten.

Dennoch wollte ich auch weiter bewerten und fand dafür das Bewertungsportal GoLocal.

Dort schreibe ich also hin und wieder mal wenig weltbewegendes Zeug, habe aber schon ein paar prima Menschen kennengelernt oder wieder entdeckt.

Unter anderem die mir schon zu Qype-Zeiten sehr sympathische "bb-dd" - ja, ich frage mich auch, was das Kürzel bedeutet. Ich habe eine (vermutlich nicht ganz falsche) Theorie, das war`s aber auch schon.

Auf jeden Fall hat sie bei GoLocal einen Text rausgehauen, den ich sehr abgefeiert habe. Inklusive Lachtränen und Schnappatmung.

Es geht um Zeitschriften. Auf Frauenthemen spezialisierte Zeitschriften, die in Wartezimmern von Arztpraxen oder bei Friseuren ausliegen und die sehr wahrscheinlich niemand lesen würde, lägen sie nicht grad eben da auf dem Präsentierteller.

"bb-dd" hat sich dem Thema mal angenommen. Und ich darf das Ergebnis hier veröffentlichen, was mich sehr freut:


Illustrierte (besonders die berühmten „Frauenpostillen“)sind wie Mc Donald’s und Dschungelcamp. Liest keiner, geht keiner hin, guckt keiner - dennoch existieren sie! Und vermutlich gar nicht mal so schlecht.

Böse Zungen behaupten, diese Gazetten seien nur erfunden worden, um den armen Friseurinnen zwischendurch eine wohlverdiente Pause von zuweilen nervigem Kundinnengequatsche zu ermöglichen. Ansonsten seien sie völlig überflüssig.

Falsch, liebe Kritiker! Die bilden! Echt jetzt!

Man stelle sich vor: Als Kandidat bei „Wer wird Millionär“ und an der Frage scheitern, von wem Heidi sich gerade getrennt hat. Die 50-Euro-Frage! Puppig leicht! Jeder weiß es! Nur DU nicht!

Da hilft doch nur noch die Papiertüte über dem Kopf beim nächsten Gang zum Bäcker. Ach, was sag ich: Zeugenschutzprogramm!

Oder bei der Diskussion in der firmeneigenen Teeküche nicht mitreden zu können, wenn erörtert wird, welche Robe das Model X neulich auf dem roten Teppich getragen hat-und welcher Schönheitschirurg für die Schlauchbootlippen von „Model und Schauspielerin“ Y verantwortlich zeichnet. Pein-lich!

Ich könnte jetzt natürlich behaupten, daß ich über all diesen Schwachsinn erhaben bin und beim Friseur meinen eigenen Lesestoff mitbringe. Das Handelsblatt, einen (ledergebundenen) Tolstoi oder zumindest ein Reclam-Heftchen im handtaschenfreundlichen Format. Im Internet kann man ruhig angeben; kennt mich ja kaum einer hier. Aber es wäre natürlich gelogen.

Friseur heißt Wellness! Und dazu gehört für mich auch, unter dem kuschelig warmen Climazon meinen Espresso zu süffeln, nicht ständig vom Telefon gestört zu werden und anspruchsloses Zeug zu lesen. Eben das, was der Friseur beim Lesezirkel im Abo hat. Gottlob sind nie Fachzeitschriften dabei, so daß ich kein schlechtes Gewissen haben muß, wenn ich doch zur „Trivialliteratur“ greife.

Die AMS kreist in der Regel im Herrensalon, da komm ich nicht dran. Bleibt die Wahl zwischen den verschiedenen Frauenzeitschriften. Und die Wahl der Qual.

Die Verlagserzeugnisse für die betagtere Damenwelt? Hier ist viel vom Adel die Rede, auch von Volksmusik. Themen, bei denen ich wirklich nicht mitreden kann. Aber durchaus amüsant, zwischen den Zeilen mit viel (unfreiwilligem) Witz geschrieben. Jesses! „Kronprinzessin Schneewittchens süßes Geheimnis!“ Nein, ich fass es nicht! „Versteckt sich da etwa ein Babybäuchlein? Eine enge Vertraute der Prinzessin lüftet nun das Geheimnis: Es wäre unter Umständen vielleicht möglich!“ Und eine Woche später erfahren wir vermutlich, daß das „süße Geheimnis“ wohl doch nur ein Stück Kuchen zuviel war -keine Ahnung, so oft geh ich nicht zum Friseur.

Frau Renates (wahlweise Monikas oder Klaras) Beratungsforum amüsiert mich immer besonders. „Mein Enkel hat „Scheiße“ gesagt-ich bin bestürzt über die Erziehung meiner Tochter“ oder „Er schlägt mich grün und blau-aber soll ich ihn wirklich verlassen?“ Da bastele ich mir immer gern im Geiste die Antworten zusammen, die ich auf so was verfassen würde-aber die würden natürlich nie in Druck gehen.

Das „Forum Gesundheit“ überblättere ich geflissentlich. „Woran erkennt man Gallensteine?“ Oder: „Die Warnzeichen für..“Alle jene Symptome stelle ich dann sofort fest und bin versucht, mit noch nassen Haaren direkt beim nächsten Doc einzuchecken.

Dann gibt’s noch die „Hochglanzzeitschriften“ mit ganz viel Werbung und vielen bunten Bildchen, die mir unbekannte Frauen in Gala-Plünnen zeigen. Zu lesen gibt’s da quasi nix, so daß ich diese Postillen in etwa 1 Minute durch hab und nach dem nächsten „Fachgebiet“ greife.

Eine Zumutung und scheinbar der neueste Schrei in der Welt des Printmediums: Die Zeitschrift für die „junggebliebene Frau“! Oha!

Verdolmetscht also: „Du bist über 40, also schmeiß noch mal ordentlich mit Konfetti, bevor dir der Sargdeckel ins Gesicht fällt! Falten sind toll; zelebriere sie, die Kerle gucken eh nicht mehr! Die Wechseljahre-kein Grund, den Strick am Fensterkreuz zu befestigen; sieh das Positive: Haarausfall, Hitzewellen, Depressionen und übelste Gewichtszunahme zeigen dir, daß du einen neuen Lebensabschnitt erreicht hast (also den letzten!)“

Nö, muß ich nicht haben. Mit diesen Themen befasse ich mich lieber, wenn’s so weit ist.

Bleiben die „gedruckten Freundinnen“ für das jüngere Damenvolk, die ganz große Zielgruppe für verkappte und offene Werbung. Werbung für jeden erdenklichen Mist! Und natürlich die Anleitungen für den einzig wahren (Life-)Style.

Da muß es in die Vollen gehen. Denn die Zielgruppe (Mittzwanziger/Anfangsdreißiger) kämpft bekanntlich an vielen Fronten. Optimalerweise perfekt geschminkt und gekleidet.

Diese Zeitschriften mag ich besonders. Was da abgeliefert wird, ist Realsatire vom Allerfeinsten. Wer das wirklich ernst nimmt, ist Burnout-gefährdet, ohne auch nur 5 Minuten gearbeitet zu haben.

Gertenschlank müssen wir sein! Größe 34 wär gut; Size Zero besser. Schließlich können wir über gefühlte 100 Seiten mehr oder weniger traumhafte Outfits an 15-jährigen Models anschauen und die zumeist elend teuren Plünnen dank der Bezugsadressen am Ende des Heftes käuflich erwerben. In Größe 42 kommen die alle nicht gut.

Moderne Frauen kochen göttlich, gern und mit leichter Hand; es ist mit den tollen Rezepten im Heft auch kein Problem, „nach dem Büro“ (von dem hier immer gern die Rede ist) ein 18-gängiges Menü für die vielen Freunde, Mann und Kinder zu fabrizieren. Selbst davon essen sollten wir natürlich nichts, sonst ist’s bald vorbei mit Size Zero.

Haben wir doch mal zugeschlagen, werden wir aber nicht im Stich gelassen: Diättipps gibt’s jede Woche neu. Die Zucchiniplempe kann man sich ganz zeitsparend anrühren, während „nach dem Büro“ die 4-stöckige Kuppeltorte für die vielen Freunde, Mann und Kinder auskühlt.

Trendy müssen wir sein! Und zwar jede Woche auf’s Neue! Denn die Trendscouts, die extra für uns die Clubs des Big Apple und andere mega-angesagte Örtlichkeiten durchforsten, geben sich wirklich Mühe. Peeptoes in Pink-Glitter, mit 16-cm-Plexiglasabsatz (ab 799 €)! Gummistiefel mit schrillem Schmetterlingsprint, toll zum Kostüm für die After-Work-Party! Die Goldlamee-Bikerjacke und der „mädchenhafte“ Blumenrock im A-Schnitt passen jetzt in LA am besten zur Netzstrumpfhose und „süßen Ballerinas“ im Audrey-Style!

Und nächste Woche dürfen wir Klamotten im Wert von zigtausend Euro in die Altkleidertonne schmeißen, denn dann sind die „angesagten Looks“ megaout. Und das wollen wir doch nicht..

Einen Top-Job müssen wir haben! Die Klientel der einschlägigen Gazetten schuftet niemals in der Werkstatt, niemals am Kranken-oder Pflegebett, niemals an der Wursttheke. Alles zu anstrengend und zeitraubend. Glamouröser ist „das Büro“ oder vielleicht noch „die Agentur“. Macht Sinn. Denn schließlich muß ja auch die nicht unerhebliche Kohle rangescheffelt werden, die man für den perfekten Style hinblättern muß.

Toll geschminkt müssen wir sein! Und das in jeder Lebenslage. Nach einem morgendlichen Wohlfühlbad mit Teelichten auf dem Badewannenrand und Räucherstäbchen, Peeling, Rasur und Eincremen beginnen wir mit der „Foundation“. Himmel, was ist das jetzt schon wieder? Der letztens „gelesene“ Artikel hat mich nicht wirklich darüber aufgeklärt; Eingeweihte wissen so was. Jedenfalls wurde eine Doppelseite mit den „Foundations, die wir jetzt dringend brauchen“ vorgestellt. Fast alles Nobelmarken,fast alles unermeßlich teuer. Daneben muß natürlich Make Up, Rouge, Concealer, Puder und dergleichen die letzte Pore verstopfen, bevor wir uns mit Kajal, Eyeliner, Eyeshadow, Antiglanzcreme und Wimperntusche zur Nofretete tunen-oder den „Nude Look“ anlegen, weil es eine besondere Herausforderung ist, sich stundenlang so zu schminken, daß jeder denkt, man wäre ungeschminkt. Weiter geht’s mit dem Lippenkonturenstift, dem Lippenstift, dem Gloss. Kaffeetrinken oder Essen im Büro ist damit natürlich gestorben. Leute wie ich müßten sich dann das lebensnotwendige Koffein eben mittels Infusion zuführen, und Essen macht eh dick (Size Zero!). Was tut man nicht alles!

Aber fertig sind wir noch lange nicht. Nach dem sorgfältigen Ankleiden mit den neuen oberheißen Klamotten müssen wir uns noch unseren Haaren widmen. Auch dafür gibt’s tolle Frisurentipps, die sich „ganz schnell und kinderleicht“ von einem Friseurmeister umsetzen lassen. Verspielter Haarknoten, eine Strähne für Strähne geglättete Mähne oder romantische Korkenzieherlocken?

Spätestens an dieser Stelle lasse ich das Blättchen sinken und verschlucke mich vor Lachen am Espresso.

Wer schafft das? Um so ein Programm „vor dem Büro“ abzuspulen, müßte ich den Wecker auf 2 Uhr nachts stellen, damit ich gegen 9 am Schreibtisch andocken könnte. Hat die Nacht der modernen Frau von heute mehr Stunden als meine?

A propos: Schlafen dürfen wir sowieso nicht! Ist wirklich mega-uncool. Nach der Schicht zur Couch schleppen? Niemals! Wir schleppen unsere 10 Kosmetikkoffer (einer dürfte bereits für die Foundations draufgehen) und unsere Coiffeurausrüstung mit ins Büro, um uns nach einem stundenlangen Sitzungsmarathon ein paar kühlende Kompressen unter die Augen zu schmeißen und auf After-Work-Party zu stylen. Die Stilettos trägt Frau von Welt ohnehin in jeder Lebenslage am Fuß oder im Staubbeutel bei sich.

Für die AWP das Muß, damit die Männer reihenweise umfallen: Zum tiefroten Lippenstift (Ihr Styleberater rät: Dramatischer Kußmund nie im Büro, erst später!) die nicht minder dramatischen Smokey Eyes. Hand auf’s Herz: Kriegt jemand von Euch die ohne Visagist hin?

Gegen 21 Uhr (denn wer Karriere machen will, muß Überstunden schrubben) schlagen wir dann in einer gerade in Insidermagazinen angepriesenen Lounge auf, kippen diverse Prosecci oder Cocktails und flirten, was das Zeug hält. Auch dazu bietet das Frauenmagazin tonnenweise lebensnotwendige Ratschläge.. Der Vollprofi verausgabt sich auf dem Dancefloor und tanzt die Nacht durch-die ohnehin schnell vorbei ist, denn allerspätestens um 3 müssen wir ja schon wieder in der Badewanne liegen, um uns „schön für’s Büro“ zu machen.

Ich fasse zusammen: Gefühlt einen halben Tag stylen, einen halben Tag shoppen, einen halben Tag tolle Menüs zaubern und die Bude saisonal dekorieren, stundenlang mit Freundinnen zum Chai Latte treffen, einen halben Tag unseren Mann bepuscheln und uns für seine Hobbies interessieren, einen halben Tag die Kinderschar bespaßen, anderthalbtage einen Managerposten ausfüllen wie ein Kerl oder besser, die Nacht mit Tanzen, Saufen und Flirten verbringen-alles in 24 Stunden. Hab ich was vergessen?

Von Fensterputzen, Bügeln oder Spülmaschine ausräumen ist natürlich nie die Rede. „Das bißchen Haushalt“ beschränkt sich in der quietschebunten Trendwelt auf Blumenstecken und Serviettenfalten. Haben die alle Personal? Muß wohl.

Wieviel man im Monat verdienen muß, um die Kosmetik nebst den allerneuesten „Düften“, die teuren Klamotten, den Clubeintritt, Sonnenstudio, Maniküre, Pediküre, das Personal und die unzähligen Accessoires zu bezahlen, mag ich nicht mal schätzen. Für Erbinnen oder reiche Ehefrauen mag das zu bewerkstelligen sein, aber wozu geistert dann ständig „das Büro“ „die Kollegin“ „der Chef“ und ähnlich unerfreuliches Vokabular durch die Postillen?

Highlights der letzten Friseurbesuchslektüre: „Das passende Portemonnaie für’s Büro“ (Hä??) und „Wann hatten Sie Ihr letztes Handpeeling?“ (Noch nie).

Und weil das alles so maßlos übertrieben ist, machen mir diese Blättchen auch so viel Spaß. Als Lebenshilfe ist das für mich gnadenlos untauglich. Smokey Eyes stehen mir nicht, meine Haare machen ohnehin, was sie wollen, welches Portemonnaie ich in meiner „Bürohandtasche“ habe, interessiert meinen Chef null. Allerhöchstens, was drin und seiner Ansicht nach stets zu viel ist. In Stilettos tun mir die Füße weh, für die angesagten Overknees bin ich zu klein.. Sollte ich doch ein klitzekleines bißchen deprimiert sein, wenn die Zeitung gelesen ist?

Keine millionisierten Wimpern! Kein diamantisierter Gloss-Shine in den Haaren (zumindest nicht mehr, wenn ich auf dem frisch frisierten Kopf einmal geschlafen wurde)!

Rauhe Pratzen, die niemand schütteln mag, weil ich wieder mal kein Handpeeling gemacht hab! Der Lippenstift auf der Kaffeetasse! Lidstrich verrutscht! Keine Gelnails! Billige Handtasche vom Trödel! Und nach „stundenlangen Sitzungsmarathons“ statt Salätchen und AWP Pizza, Glotze und Couch! Eine Schande ist das..

Und doch! Es könnte schlimmer sein. Mein Traum von der Journalistenkarriere hätte in Erfüllung gehen können. Und anstatt für „Geo“ oder schöne Reisemagazine durch die Welt zu jetten, könnte ich in der Redaktion einer Frauenzeitschrift sitzen, mit Todesverachtung dieses Zeugs schreiben müssen und mich abends (auf der Couch statt auf der AWP) mit dem Gedanken „Hast du dich dafür durch Abi, Studium und Volontariat gequält?“ in den Schlaf weinen;-))




Ein Äquivalent, in dem es dann um die auf Männer ausgelegten Blätter geht, ist bereits in Arbeit. Wurde mir gesagt. Und ich freue mich darauf und darf den Text dann hoffentlich auch wieder hier veröffentlichen - denn "bb-dd" zieht es leider nicht in die Welt der Blogger.

Ich finde das sehr schade.