Samstag, 8. November 2014

Ein Bild vorm Knust

Da sitzt man samt Begleitung biertrinkend, einen der sicherlich letzten temperaturtechnisch angenehmen Abende im Jahr 2014 genießend und in ein Gespräch vertieft auf einer Bank auf dem Platz am alten Schlachthof im Schanzenviertel und denkt sich nichts Böses.

Und dann hat er seinen Auftritt, der Antiheld des Tages.

"Hi, kann mir vielleicht einer von euch helfen?" fragt er.

"Schätze schon, wobei denn?" antworte ich.

"Ich möchte ein Foto von mir mit dem Knust im Hintergrund. Da geh ich nämlich gleich auf das Konzert, weißte? Ein Selfie halt von mir vor dem Knust halt. Kriegste das hin?"

Ich stutze kurz.

"Ähm...du möchtest, daß ich ein Foto von dir schieße, wie du in einer Pose deiner Wahl vorm Knust stehst? Jo, krieg ich hin, klar. Ist dann aber halt kein Selfie."

Er schaut verdutzt und erwidert.

"Häh? Aber ich will ein Selfie haben! Fürs Internet! Mach das doch mal! Kann doch nicht so schwer sein!"

Stimmt, ist im Normalfall nicht allzu schwer. Mir schwant, daß das hier anstrengend werden könnte, die Begleitung amüsiert sich derweil köstlich.

"Alter, ich kann kein Selfie von DIR machen. Nur von MIR. Aber das tu ich nicht, alberner Scheißtrend und so, hab ich keinen Bock drauf."

Er schaut nicht irritiert, dafür wird er aber unentspannt.

"Klar kannst du von mir ein Foto machen, auch wenn du keinen Bock drauf hast!"

Ich, verzweifelter Gesichtsausdruck, Freundin H. zucken verdächtig die Mundwinkel.

"Natürlich kann ich ein Foto von dir machen, ich kann sogar einhundert, ach was, eintausend Fotos von dir machen und das mit wachsender Begeisterung. Aber ein Selfie? Ich? Von dir? Keine Chance! Sorry! Alter, daß heißt doch nicht aus Spaß "Selfie", das musst du doch checken!"

Freundin H. hält sich leise glucksend beide Hände vor den Mund und versucht verzweifelt, ihren aufkommenden Lachanfall irgendwie im Zaum zu halten.

Ihm reicht es jetzt.

"Mann, du bist echt so einer, wegen dem ich Großstädte nicht leiden kann! Da sind sie alle so wie du. Unfreundlich und eingebildet! Alles Arschlöcher! Ausnahmslos! Anstatt mal für fünf Sekunden mein Handy zu nehmen und ein Selfie von mir zu schießen..."

... Freundin H. hält es nicht mehr aus und der Lachkrampf platzt aus ihr heraus wie das Monster aus "Alien" auf der Kinoleinwand aus seinen Opfern.

Das wird vom Antihelden mit einem bitterböse gemeinten Blick quittiert, der alles nur noch schlimmer macht.

H. hustet und prustet, keucht und wedelt sich mit den Händen verzweifelt Luft zu, was aber auch nicht gegen herunterkullernde Lachtränen hilft.

Der Antiheld entfernt sich fluchend in Richtung einer anderen Bank, um die sich eine vielköpfige Gruppe von anderen Konzertbesuchern geschart hat, vielleicht bekommt er da sein fremdgeschossenes Selfie, daß er so gern möchte. Er starrt dabei mit bösem Blick zu uns herüber.

Kurze Zeit später wird auch drüben laut gelacht und hohe Fünfen werden verteilt. Sieht nicht so aus, als habe er Erfolg gehabt.

Freundin H. greift, als sie den erneuten ernüchterten Abgang des Antihelden beobachtet, ganz tief in die Schatzkiste aus der Wortspielhölle und kommentiert die Szenerie mit einem furztrockenen "Tschüß, go fuck yourselfie!"

Ich befürchte, daß ich die Frage "'tschuldigung, kannst du eventuell ein Selfie von mir schießen?" in der nächsten Zeit öfter mal zu hören kriege...

Samstag, 1. November 2014

Personenschaden

Die U3 ist vollkommen überfüllt mit in braun und weiß oder gelb und schwarz gekleideten Menschen, die allesamt im Millerntorstadion oder in einer Bar in Stadionnähe das Pokalspiel St. Pauli gegen Borussia Dortmund gesehen haben und jetzt vollkommen unabhängig vom Ausgang des Spiels feiern.

Die Dortmunder feiern den Einzug in die nächste Runde und die Paulianer feiern mangels sportlicher Erfolgserlebnisse einfach sich selbst.

Mittendrin sitze ich und bin genervt, da das ganze Gejohle und Gesinge das DJ-Set, das in vollster Lautstärke aus meinen Kopfhörern wummert, immer noch zeitweise übertönt. Fan-Gesänge der falschen Vereine statt elektronischen Klängen aus dem Ostbahnhof, herzlichen Dank.

Leise in mich hinein fluchend nehme ich die Kopfhörer ab, ständig von Gejohle unterbrochene Musik auf dem Ohr ist noch anstrengender als der ungefilterte Mist, den die Umwelt generell so mit sich bringt, also spare ich mir die gute Musik für ein anderes Mal auf.

Mir gegenüber sitzt eine Dunkelhaarige mit einem Pauli-Button an der Wollmütze, sie singt keine ihren Verein glorifizierenden Lieder, sondern lächelt verliebt ihren neben ihr sitzenden Freund an, der das aber gar nicht wahrnimmt und stattdessen gedankenverloren Löcher in die Luft starrt.

In meinem Rücken wird laut gegröhlt, eine Gruppe von Borussen besingt Flaschen billigen Bieres herumschwenkend den Auswärtssieg beim unterklassigen Gegner, als sei dieser ähnlich geschichtsträchtig wie die Eroberung Trojas.

"BORUSSIAAAAAA! BORUSSIAAAAAAAAAAAA!!"

Im Sitzabteil gegenüber telefoniert einer lautstark brüllend gegen das ganze Chaos an.

"Ja Schatz!"..."Nein Schatz!"..."Verloren!"..."Pauli! Verloren!!"..."Is scheiße, richtig!"..."Scheiße is das sag ich!"..."Was??"..."Ich sag, daß das Schei..."..."Ja, is laut hier inner Bahn!"..."Laut! Hier! Bahn!"..."LAUT verdammt! L, A, U, T, LAUT!!"

So geht das noch eine Weile.

Am Bahnhof Rödingsmarkt steht die Bahn etwas länger als im Normalfall, das ist vermutlich normal bei so einer Masse Angetrunkener an Bord, die brauchen halt ein bisschen länger um ein- oder auszusteigen.

Die Türen schließen, die Bahn nimmt Fahrt auf.

Und dann bremst sie abrupt ab bis zum Stillstand.

Währenddessen wackelt der ganze Waggon heftig und wäre er etwas leerer gewesen, dann hätte es die im Gang Stehenden wohl herumgeworfen wie Crash-Test-Dummies. So aber werden sie dank der nahezuhen Überfülltheit nur ein wenig durchgeschüttelt.

Kurz legt sich eine irritierte Stille über den Waggon. Ein paar Sekunden lang sagt niemand einen Ton und in die Stille hinein scheppert die Stimme des Bahnführers aus den Lautsprecherboxen.

Sie ist leise und klingt verstört und mitgenommen.

"Bitte steigen sie alle aus. Ich habe jemanden überfahren. Bitte steigen sie alle aus!"

Dem Mädchen gegenüber fällt das verliebte Lächeln aus dem Gesicht und sie wird kalkweiß, ihr Freund steht wortlos auf und zieht sie mit sich.

Nach und nach stehen alle auf und verlassen die Bahn. Ein Betrunkener intoniert erneut Lobgesänge auf den Club aus dem Ruhrpott, während er in Schlangenlinien den Bahnsteig in Richtung der Unfallstelle entlang läuft, einige filmen ihn, einige feiern ihn, der Großteil schaut verständnislos, was ich in dieser Situation sehr angebracht finde.

Ich steige mit als Letzter aus und komme nur langsam vorwärts und Richtung Ausgang, denn die Menge derer, die neben den Ersthelfern stehen bleiben und lange Hälse machen, um einen Blick auf das Opfer zu erlangen, auf eine eventuelle Verstümmelung - eine abgetrennte Extremität sieht im wirklichen Leben sicher noch viel cooler aus als im Computerspiel - ist riesig. Ein riesengroßer Haufen von Asozialen und jedem einzelnen von ihnen gönne ich es in dem Moment von Herzen, anstelle des Opfers dort grad hilflos unter der Bahn zu liegen.

Es gab natürlich auch Handyfilmer, die das Gefilmte dann später im Freundeskreis herumzeigen, "Guck da, da sieht man Blut!" oder die es bei youtube etc hochladen oder sich allein zuhause darauf einen runterholen. Wir leben in einer echt kaputten Welt.

Ich habe, während ich die Unfallstelle passierte, nach rechts durch die Glasscheiben auf die Lichter der Stadt geschaut.

Ich habe in meinem Leben schon genug Mist gesehen, ich habe jemanden durch die Luft fliegen sehen, nachdem er frontal von einem Auto erfasst wurde, ich habe blutende Freunde aus einem zerstörten Autowrack gezogen und ich war dabei, als jemand sich schwerste Verbrennungen zugezogen hat.

Einen, den eine Bahn erwischt hat, habe ich noch nicht gesehen und das sollte auch so bleiben.

Also den Blick nach rechts auf das Hamburg-Panorama. Augen rechts und durch.

Nur ein Mal habe ich, als ich in etwa auf Höhe der Bahnführerkanzel war, kurz nach links geschaut und sah dort jemanden in HVV-Uniform auf dem Boden hocken, der die Hände vors Gesicht geschlagen hatte. Das Bild werde ich lange nicht vergessen.

Als ich die letzten Treppenstufen aus der Haltestelle hinunter ging, kamen mir schon die ersten Polizisten entgegen gerannt, kurz darauf kam der erste RTW an, dann die Feuerwehr mit einem kompletten Zug.

Nach einem glimpflich ausgegangenen Unfall sah das alles nicht mehr aus.

Im Bus Richtung Hauptbahnhof war dann wieder der Telefonierer aus meinem Waggon dabei, dieses Mal war es nicht so laut, er musste nicht brüllen und ich hörte ihn sagen:

"...mich nervt's auch, daß es so spät wird. Hätte der Idiot nicht vor die nächste Bahn stürzen können?"

Ich lasse das einfach unkommentiert, es spricht für sich.

...

....

....

Am Tag darauf las ich online, daß der Verunfallte zwar schwer verletzt ist, mehrere Knochenbrüche sollen es sein, er hat es aber wohl sogar von allein geschafft, von den Gleisen auf den Bahnsteig zu klettern...

Ich hatte deutlich Schlimmeres befürchtet und gratuliere hiermit unbekannterweise zum zweiten Geburtstag.

Freitag, 24. Oktober 2014

Briefmarkensammlung 2.0

Mein Vater sammelt seit ewigen Zeiten Briefmarken. Parallel dazu natürlich auch Münzen, das scheint sich ja eh irgendwie gegenseitig zu bedingen.

Meine Mutter sammelt Spieluhren, inzwischen hat sie so viele davon, bald 300 Stück, daß mein ehemaliges Kinderzimmer mittels einiger Vitrinen in eine Art Spieluhren-Museum umgestaltet wurde, für das sie problemlos ein paar Taler Eintritt verlangen könnte.

Ich habe früher jahrelang wie ein Wahnsinniger Trading Cards der NBA aus den USA - also Basketball-Sammelkarten - gesammelt, da bin ich nach meiner ersten Reise über den großen Teich 1995 drauf hängen geblieben und ich habe tatsächlich ein paar wertvolle Exemplare, dem legendären Michael "Air" Jordan sei's gedankt.

Als Altersrücklage taugen die natürlich nicht, aber laut der letzten Internet-Recherche wäre zumindest eine neue Waschmaschine oder ein neuer Herd drin, vorausgesetzt ich finde einen Bekloppten, der die in entsprechenden Foren ausgeschriebenen dreistelligen Summen für ein paar hochglanzbedruckte Pappkärtchen zahlt. Soll es ja geben, solche Irren.

Briefmarken, Münzen, Spieluhren, Sammelkarten, alles kalter Kaffee!

Das hier ist der neue heiße Scheiß:



Kommt sicher auch super bei der Damenwelt an, garantiert besser als die ausgelatschte und angeranzte "Soll ich dir mal meine Briefmarkensammlung zeigen?"-Nummer.

"Soll ich dir mal meine Streichholzschachtelsammlung zeigen?" kommt da schon deutlich spannender um die Ecke.

Fast schon rebellisch. Und vor allem unerwartet.

Überraschungsmoment ist das Stichwort.

Außerdem kann man das Ganze noch sinnvoll ergänzen, zum Beispiel durch einen Zusatz wie: "Du darfst aber nur mitkommen, wenn du "Streichholzschachtelsammlung" unfallfrei buchstabieren kannst, ohne dir dabei die Zunge abzubeißen!"

Damit bleiben dann Mandy, Cindy und Schantalle (ja, ich weiß, Name ungleich Intellekt, ABER...) direkt und im wahrsten Sinne außen vor.

Abschleppen leicht gemacht dank obskurer Sammelleidenschaft. Es kann manchmal so einfach sein...

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Mitgehört (3): Mutti klärt auf

Im Zug Richtung Bremen flitzt ein fast komplett in rosa gekleideter laufender Meter glucksend hin und her durch den Mittelgang und freut sich dabei wie ein Schneekönig.

Weg von Mutti, zurück zu Mutti, wieder weg von Mutti und wieder hin zu ihr.

Jedes Mal wenn sie wieder sicher bei Mutti angekommen ist, quietscht die Kleine freudig "Mama ist da!" und die Mama lacht und knuddelt und strahlt und antwortet jedes Mal sowas wie "Ja Schatz, Mama ist hier!".

Das geht so eine ganze Weile und inzwischen beobachtet der halbe Waggon ganz angetan die Kurze und ihre Mutter.

Wieder wetzt sie auf ihren rosafarbenen Sockfüßen Richtung Mutti, fällt ihr in die Arme und quiekt dieses Mal zur Abwechslung "Papa auch da??"

Mutti stutzt kurz, dann antwortet sie staubtrocken und ohne mit der Wimper zu zucken:

"Nein, Papa ist nicht da. Es ist Wochenende und Papa hat gestern wie immer am Wochenende wieder mal zuviel gesoffen!"

Sie macht eine kurze Pause. Dann drückt sie ihre Tochter an sich und erklärt:

"Wenn man zu viel säuft, dann geht es einem nicht gut und man bekommt Kopfweh und muss spucken, liegt im Bett rum und jammert weinerlich. So wie im Moment der Papa."

Es entsteht eine erneute kurze Pause. Dann mit einer abwinkenden Handbewegung:

"Aber das lernst du noch früh genug. Wenn du nach deinem Vater kommst, dann so ab spätestens dreizehn. Warte mal ab. Jetzt geh weiter spielen, Schatz!"

Die Kleine wetzt daraufhin wieder mit unbändiger Energie den Gang auf und ab und jubiliert.

Nach ihrem Papa fragt sie nicht mehr, wenn sie in Muttis Arme rennt.

In Delmenhorst steigen die beiden aus. Kichernd und wahrscheinlich deutlich besser gelaunt als zeitgleich der Vater zuhaus.

Dienstag, 7. Oktober 2014

Peter

Peter ist ein Unikat und gehört zum Inventar meiner Nachbarschaft, er gehört hier dazu wie die Rotklinkerbauten zu Barmbek-Nord, die Containerbrücken zum Hafen oder die bunten Neonlichter zur Reeperbahn.

Er sitzt seit Jahr und Tag am späten Nachmittag vor dem Kiosk in meiner Straße und trinkt sein verdientes Feierabendbier. Manchmal werden es zwei, manchmal auch drei, je nachdem, wer ihm Gesellschaft leistet.

Zum Bier raucht er ein paar Zigaretten und erzählt mit tiefer sehr rauer Stimme von seinem Arbeitstag oder über seinen Verein oder über Gott und die Welt.

Oder er hört seinen Freunden und Bekannten, die mit ihm dort sitzen, dabei zu, wie sie ihre Alltagsgeschichten erzählen.

Er sitzt immer auf dem gleichen Platz, sein weißer Gartenstuhl aus Plastik steht immer mittig vor der Schaufensterscheibe des Kioskes, sodass er im Blick hat, was auf der kleinen Straße vor ihm passiert. Die Auslage im Schaufenster in seinem Rücken muss er nicht im Blick haben, die hat sich seit Ewigkeiten nicht verändert.

Meist trägt Peter dabei seine grell orangefarbene Müllmannsuniform, denn bevor es nach dem Knochenjob heim in seine kleine Wohnung geht, ist das alltägliche Treffen vorm Kiosk Tradition und Traditionen muss man pflegen.

Peter pflegt diese Tradition sehr und das tägliche Treffen ist ihm wichtig.

Er ist Mitte oder Ende fünfzig, so genau weiß ich das nicht und er ist ein Hüne, breite Schultern, sonnengegerbtes Gesicht, verblasste Tätowierungen aus seiner früheren Zeit als Hafenarbeiter auf den Armen. Und dazu diese fast unnatürlich raue Stimme, die wie Schmirgelpapier das Trommelfell bearbeitet und Spuren hinterlässt.

Ich kenne Peter nicht allzu gut, wir grüßen uns jedes Mal freundlich, wenn wir uns auf der Straße begegnen und einige wenige Male habe ich auch mit in der Runde vorm Kiosk gesessen, ein Bier getrunken und habe seinen Erzählungen und denen der anderen gelauscht. Aber das ist lange her.

In der vergangenen Woche habe ich Peter wieder in seiner Uniform Richtung Kiosk laufen sehen.

Es war das letzte Mal, daß ich das beobachten konnte, aber das wusste ich da noch nicht. Als ich ihn zu seiner alltäglichen Tradition aufbrechen sah, musste ich lächeln.

Etwa eine Stunde später ist Peter gestorben.

Im Kreise seiner Freunde und Bekannten vor dem Kiosk.

Er ist einfach auf seinem Stuhl zusammengesackt. Ohne das es sich angekündigt hat.

Die herbeigerufenen Sanitäter konnten nichts mehr tun, es ist sehr schnell gegangen, wie als wenn man den Lichtschalter umlegt.

Klick.

Ende.

...

Da wo Peter immer gesessen hat, brennen jetzt Kerzen und Grablichter und da liegen eine Menge Blumen. Jemand hat eine Halbliterflasche Holsten dazu gestellt, das Bier hat Peter am liebsten getrunken.

Seine Freunde haben einige handgeschriebene Nachrichten hinterlassen. Letzte Grüße, gute Wünsche für die letzte Reise und all das.

Ein Foto von Peter gibt es nicht, denn jeder in der Nachbarschaft weiß, an wen die Blumen und die Kerzen erinnern. Dazu braucht es kein Foto.

Auf dem Heimweg nach einem tollen Abend habe ich mir Donnerstag Nacht ein paar Momente Zeit genommen und mich zu den Kerzen und Blumen und Briefen gesetzt, um mich ein wenig zu erinnern und das fühlte sich richtig an.

Ich habe Peter leider nicht wirklich gut gekannt aber ich habe ihn gemocht. Er war ein außergewöhnlicher Mensch.

Mach's gut Nachbar. Und finde dir einen neuen kleinen Ort mit Plastikstuhl und ner Buddel Holsten, wo auch immer du jetzt sein magst.

In unserem Kiez wirst du fehlen, soviel steht fest.

Donnerstag, 18. September 2014

Spuren der vergangenen Nacht

Ein Mittwoch Morgen in meiner Straße.



Spuren auf einer staubigen Motorhaube.

Die eines Porsche übrigens. Älteres Model, 914er oder so, prima Auto!

Die Chancen, daß die Nummer (Haha, ein Wahnsinn von Wortspiel! Musste sein, Entschuldigung!) ein Fake ist und sich irgendwer einen Spaß erlaubt hat, stehen nicht so schlecht.

Amüsiert habe ich mich trotzdem königlich.

Sonntag, 14. September 2014

Mitgehört (2): Bunte Zukunftspläne

In der Altonaer Fußgängerzone hockt auf der Bank neben der, auf der ich eine kleine Pause einlege, eine Gruppe Punks.

Bunte Haare, Dreadlocks, Piercings en masse, Bierdosen, Selbstgedrehte, Geschnorre. Alles am Start. Natürlich auch die obligatorischen gut erzogenen frei laufenden Hunde, unter ihnen ein ganz junger kleiner Schäferhund.

Ein Pärchen in meinem Alter kommt heran gelaufen, neben ihnen hüpft die kleine Tochter, geschätzte vier Jahre alt die Straße entlang.

Und entdeckt den Welpen.

Die Kleine ist vor lauter Begeisterung kaum noch zu bremsen und knuddelt den kleinen Hund ausgiebig, dann bestaunt sie mit großen Augen die bunte Truppe auf der Bank, während Mami und Papi irritiert und mit leicht angeekeltem Gesichtsausdruck ein paar Münzen spenden.

Nach ein paar Minuten können die Eltern ihre Kurze endlich loseisen und sind darüber sichtlich erleichtert.

Als die drei dann an meiner Bank vorbei kommen, hüpft die Kleine freudig in die Luft und ruft mit sich überschlagender Stimme:

"Mami, Papi, die haben süße Hunde UND bunte Haare! Genau SO werde ich später auch!!"

Freitag, 12. September 2014

It's so Berlin!

"Oh my god, that's so Berlin!!"

Die fremdsprachige Touristin juchzt der scheinbar nicht ihrer Sprache mächtigen Freundin das zu und klatscht dabei begeistert in die Hände. Ihre Freundin nickt zustimmend und schießt das sechsundzwanzigste Foto von dem jungen Kerl, der vor uns auf einer kleinen Bühne steht und einer Gitarre und einem Synthesizer schräge Töne entlockt, die theoretisch gar nicht zusammen passen können, es aber zu meinen großen Erstaunen trotzdem irgendwie tuen und das gar nicht mal so schlecht.

Nach zwei oder drei Bier und mit viel Fantasie durchaus tanzbar.

An die Wand im Rücken des Musikers werden derweil abstrakte Szenen in verpixeltem schwarz-weiß projeziert, wahrscheinlich irgendein Kunstprojekt irgendeiner sich hier selbst verwirklichenden Mittdreißigerin mit Hippie-Genen, die Anzahl der Semester ihrer Studiengänge, Kunst und Psychologie wenn ich raten müsste, dürfte schon vor Ewigkeiten die Grenze zur Zweistelligkeit überschritten haben.

Kann passieren, daß das Studium sich zieht und zieht und kein Ende findet. Man hat halt nebenbei viel zu tun.

Shirts bebatiken, Bäume umarmen, Farben schmecken, wenn's zeitlich passt bestenfalls auch noch mal eben kurz die Welt retten wie Tim Bendzko, der meinem Bild einer hippiesquen Mittdreißigerin so gut entspricht wie kaum jemand anderes, den ich kenne. Es hält einen halt viel ab vom Studieren. Ich spreche da aus Erfahrung.

Die Gute hier, die da mit dem Kopf im Takt wippend im Schneidersitz neben der Bühne hockt und via Laptop das Kunst-Gedöns im Hintergrund choreografiert, hat es geschafft. Ein weiteres Etappenziel im Leben ist erreicht, ein weiterer Haken auf der "to do in life"-Liste ist gesetzt.

Eigenes Kunstprojekt im öffentlichen Raum: Check.

Beleuchtet wird die ganze Szenerie in knallig rot, was kombiniert mit dem schwarz-weißen Hintergrundgeschehen und der merkwürdigen und ungeahnt eingängigen Beschallung zugegebenermaßen ziemlich cool rüberkommt.

Auch wenn ich mitten in der Zentrale von Hipstertown stehe, gefällt es mir hier sehr gut.

Oh my god, that's so Berlin!!

Ist es aber gar nicht. Ätsch.

Ich stehe mitten in Hamburg auf dem Straßenfest in der Augustenpassage, einer kleinen Kopfsteinpflastergasse, die die Schanzenstraße mit der Sternstraße verbindet. Die Augustenpassage ist quasi eine direkte Querverbindung von meiner einen Lieblingsbar bis fast genau vor die Tür meiner anderen. Nützlich, sowas!

Außerdem war die Augustenpassage vor einigen Monaten mal in den regionalen Medien, weil irgendein geldgeiler Vermieter dort ein winziges Zimmer im Untergeschoss mit winzigem Kellerfenster für einen Quadratmeterpreis von - wenn ich mich richtig erinnere - irgendwas um und bei dreißig Euro ausgeschrieben hatte, was so wahnwitzig übertrieben ist, daß man fast schon darüber lachen muss.

Das Tragische ist ja: Vermutlich hat das sogar funktioniert und irgendjemand zahlt tatsächlich diese Unsumme für das alberne Kellerloch.

Vielleicht der Langhaarige, der mir am Stand ein Bier verkaufte. Vielleicht die Blonde, die so einnehmend lächelte, als unsere Blicke sich im Vorbeilaufen zufällig trafen. Vielleicht der Schwitzende im Parka, der mir auf den Fuß getreten ist und sich nicht entschuldigt hat, der Arsch.

Vielleicht ist die Person aber auch gar nicht am Start, weil sie Kohle für die Miete eintreiben muss und deswegen in irgendeiner Ecke dieser Stadt Drogen oder ihren Körper verkauft.

Man weiß es nicht und vielleicht will man es lieber auch gar nicht wissen.

Auf der Bühne geht es dem Ende entgegen und deswegen davor nochmal ordentlich ab.

Die Dreadlocks und die Jutebeutel schwingen im Takt der Bässe, volltätowierte Extremitäten fliegen durch die Luft und ich stehe ohne Dreadlocks, Jutebeutel und Tattoos als Randgruppe mittendrin und freue mich.

Lustigerweise gibt es hier kein Gerempel, es wird Abstand voneinander gehalten und so macht jeder auf seinem kleinen Teil der improvisierten Tanzfläche sein Ding, eine Koexistenz, die mir absolut imponiert.

Einzig ein eindeutig Besoffener stört die allgemeine Entspanntheit, indem er eine, die nur tanzen möchte, immer wieder bedrängt und so vertraut wie möglich tuend ihre Schulter oder ihren Arm betatscht, während sie vor ihm zurückweicht.

Das tut er solange, bis sich eine volltätowierte Schrankwand vor ihm aufbaut und mal freundlich aber bestimmt nachfragt, was er da eigentlich macht.

Der Suffi schaut kurz entgeistert und geht dann flitzen, die Schrankwand schlendert zurück zu ihrer Gang und die Tänzerin wirkt zunächst verwundert, dann freut sie sich einen Keks und hat ab da wieder gute Laune.

Ihre Freundin reckt den Daumen in Richtung des fleischgewordenen Schrankes und der zwinkert verschmitzt zurück.

Man passt hier ein wenig aufeinander auf und ich finde das klasse.

Das Bühnenprogramm ist beendet, aber von anderswo hört man noch Musik.

Gute, weil laute elektronische.

Ich laufe die Gasse hinunter und bin inzwischen froh, zufällig über dieses Fest gestolpert zu sein.

Ursprünglich wollte ich nur entspannt durchs Schanzenviertel laufen, da mir zuhause das Dach auf den Kopf fiel und im Fernsehen nur Schwund lief...Klaas Heufer-Einlauf, der sich von einem Hai beißen lässt, halleluja! Das hat mein Leben bereichert. Ich bin mir nur nicht sicher wie.

Spätestens danach war mir klar, daß ich raus aus der Wohnung muss.

Und einige Zeit später laufe ich durch ein Szenario, aus dem von allen Seiten Eindrücke auf mich einprasseln, hier ein leichter Schubs, dort ein Lächeln, hier fröhliches Gejohle, dort schöne Augen, da blitzende Lichter und wenige Meter weiter komplette Dunkelheit. Und dazu wummert der Bass im Magen.

Oh my god, that's so Berlin!

Vielleicht ist das gar nicht so falsch, Hamburg hat einiges, das die Hauptstadt nicht bieten kann, man denke nur an den Hafen - was Straßenfeste, Strassenmusik oder generell Strassenkunst angeht, bleibt aber doch nur der zweite Platz auf meinem persönlichen Treppchen.

Eine der Ausnahmen ist dann wohl dieses "Passagenfest", auf dem ich mich, ich mag es kaum aussprechen, tatsächlich wohl fühle und Spaß habe.

Mein Bier ist leer und die Quelle der elektronischen Musik nah. Rund um einen Getränkewagen drängt und tanzt das feiernde Volk, als ich mich annähere, baut sich vor mir einer auf und unterbricht den Strom derer, die vorbeilaufen wollen.

"Hier geht's nicht weiter, wir tanzen hier!", er deutet dabei auf ein Paar, das hinter ihm auf einer Treppe hockt und ziemlich fertig aussieht.

Ich schaue die beiden an, ich schaue ihn an, abgesehen vom roten Rauschebart sieht er normal aus.

Nur ein Augenlid zuckt verdächtigt wirr.

"Alter, erzähl mir nix, die sind doch viel zu kaputt zum Tanzen. Die können nicht mal mehr stehen! Außerdem: Ansonsten bin ich immer der, der im "Durchgang" steht, angerempelt wird und Platz machen muss. Heute ausnahmsweise mal nicht. Heut ist das dein Job. Also, weggetreten!"

Er zögert, aber dann tritt er beiseite und während ich an ihm vorbeilaufe, raunt er mir in todernstem Tonfall zu, er sei so in etwa wie James Bond und grad in geheimer Mission unterwegs.

"Ich überwache das hier! Alles!" flüstert er mir verschwörerisch ins Ohr und packt dabei meine Schulter.

Ich nicke das ab, schaue ihn so geheimniskrämerisch wie ich eben schauen kann an und gehe.

Zügig.

Wer weiß, auf was für einem Zeug der hängengeblieben ist und auf was für Ideen er als nächstes kommt.

Ein Freak mehr, der mir über den Weg gelaufen ist. Ich wundere mich schon lange nicht mehr und langweilig wird es mit denen eh nie. Höchstens mal unangenehm.

Ein durchgetanztes Bier später geht es dann mit einem Grinsen im Gesicht zur Bahn und gen Heimat.

Hipsterparty galore und lauter Bekloppte, klar, bleibt halt in manchen Ecken dieser Stadt nicht aus und in dieser speziellen Ecke schon mal gar nicht.

Aber das kann ja ausnahmsweise auch mal lustig und (ent)spannend sein und nicht wie zu oft ätzend und nervtötend.

Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.

Und das hier ist so eine Ausnahme.

Finde ich.

Dann mal bis nächstes Jahr!

Donnerstag, 4. September 2014

Die Beginner und der blanke Wahnsinn

"Ihr wollt ein Liebesliiieeed, ihr kriegt ein Liebesliiieeed...ein Lied, das ihr liiieeebt!"

Eizi Eiz's aka Jan Delay's nasale Stimme nölt den Superhit der Beginner in der Roten Flora ins Mikrofon und die Menge vor der Bühne johlt, die Köpfe nicken, die erhobenen Hände gehen von links nach rechts oder auf und ab. Meist auf und ab.

Mir schlägt derweil einer von links nach rechts seinen Ellbogen an den Kiefer und vor mir drängeln sich - "Sorry, ich muss da mal durch! Ich muss da näher ran!" - ein paar aufgestylte Mädels vorbei, Körperkontakt ist vollkommen unvermeidbar.

Über den freuen sich zwei Jungs neben mir. "Ich hatte Arschkontakt mit der rechten Hand!" - "Geil Mann, ich auch! Bei der Blonden?" - "Ja, die Blonde! War total geil!" - "Auf jeden Mann!"

Sie geben sich die hohe Fünf, grinsen beide wie Honigkuchenpferde und haben wahrscheinlich beide feuchte Flecken in den Shorts.

"Arschkontakt", alter Schwede, darüber hab ich mich mit vierzehn im übervollen Schulbus gefreut und das ist mir heute extrem peinlich, die Gestalten neben mir tragen Vollbart (natürlich), Muskelshirt à la Cro (natürlich) und die Caps rückwärts. Natürlich.

Da ist nix mehr mit Schulbus und so weiter. Da ist so ein Verhalten doch eher...nennen wir es unangebracht.

Dann trifft mich wieder eine Hand am Hals und der dazugehörige Arsch drängt Richtung Rote Flora.

Vielleicht sollte ich mit den beiden Vollhonks zu meiner Linken abklatschen, denn jetzt gehöre ich ja auch zu ihrem elitären Arschkontakt-Club.

Da wo ich stehe, ist der Durchgang. Immer. Ob auf Konzerten, in überfüllten Clubs, auf Demos oder sonstwo...Da wo ich stehe, wollen meine Mitmenschen entlang laufen. Und das möglichst rempelnd, pöbelnd und generell nervend. Selbst wenn direkt hinter mir eine Wand wäre oder es direkt in eine tiefe Schlucht ginge, jeder zweite würde dort hin wollen und sich an mir vorbei oder am liebsten mitten durch mich durch drängeln.

Und nein, da rettet auch der unfreiwillige und ungewollte Arschkontakt absolut gar nichts, denn die Ärsche, die ich anfassen möchte, suche ich mir doch lieber selbst aus und davon gibt es auch nicht wirklich viele.

Die "Absoluten Beginner" haben also am vergangenen Freitag ein Benefiz-Konzert für die Rote Flora in eben dieser gespielt und nein, ich war nicht vor der Bühne oder gar in der Nähe, ich stand gute fünfzig Meter entfernt auf der Kreuzung zur Susannenstraße, zusammen mit x-tausend anderen.

Ich habe die Straßen rund ums Schulterblatt noch nie so voll gesehen wie am Freitag, nicht während der WM beim Public Viewing, nicht bei Schanzenfesten oder bei Krawallen nach Schanzenfesten, nicht, wenn traditionell zum ersten Mai Deppen Fensterscheiben zerdeppern, nie.

Das war rekordverdächtig.

Der Auftritt der Beginner in der Flora wird an die Seitenwand des "Haus 73" projeziert, sodass man auch sehen kann, was in der Flora abgeht, während man selbst weit entfernt auf der Straße steht und alle paar Augenblicke Ellenbögen ins Gesicht oder die Rippen kassiert, als befände man sich auf einem Punk-Konzert.

Oder besser: Theoretisch könnte man dank Projektion sehen, was in der Flora passiert, würden nicht sämtliche Hipster, Vorstadtkinder und weiteres Volk dieser Stadt ihre Smartphones in die Höhe recken, um zu filmen, was in fünfzig Metern Entfernung an der Wand abgeht.

Im Ernst, was soll das?

Die Videos können unmöglich auch nur ansatzweise gut sein. Das ist ein dank der ganzen Rempeleien gut durchgeschüttelter Pixelsalat, auf dem wahrscheinlich maximal die Tonspur was taugt, auf der dann aber die johlenden Umstehenden und vielleicht ein paar Bässe und Beats zu hören sind, garantiert aber kein Text. Vermutlich gibt es bessere Aufnahmen vom Yeti als vom freitäglichen Beginner-Konzert von meinem Standort aus.

Das Gedränge wird krasser und krasser. Allmählich wird es wirklich ungemütlich und in einigen Gesichtern sieht man eine gewisse Beklommenheit.

Irgendeiner, der vom Konzert nichts mitbekommen oder einfach nicht weit genug mitgedacht hat, hat tatsächlich sein Auto, einen silbergrauen Familien-Van direkt an der Kreuzung abgestellt und der dient nun vielen als Sitzplatz, Tanzfläche oder Abstellplatz für leere Bierflaschen, weshalb ihn alle paar Minuten ein Pfandsammler samt Hackenporsche oder geborgtem Einkaufswagen ansteuert, der dann dank der Schubserei bleibende Eindrücke im Lack hinterlässt. Ich möchte mir gar nicht erst vorstellen, wie die Karre tags darauf ausgesehen haben wird. Taufrisch garantiert nicht mehr. Eher wie ein abstraktes, zerbeultes und bemaltes Kunstwerk mit Rädern.

Es ist aber vorsichtig formuliert auch nicht besonders clever, an einem solchen Tag an eben dieser Stelle zu parken. Allerdings beobachte ich das immer wieder.

Mit einem ungläubig dreinschauenden und einem irritiert lachenden Auge erinnere ich mich an das Schanzenfest 2011, als ein Anzugträger seinen frisch polierten blendend weißen Luxus-Audi direkt am Schulterblatt parkte, um kurz zum Geldautomaten zu laufen, während keine hundert Meter weiter der Mob tobte.

Der erste Stein war schon durch die Seitenscheibe gerauscht, bevor er die Bank überhaupt betreten hatte, als er drei Minuten später wieder zum Auto kam, war es komplett entglast und mit einem Verkehrsschild gepierct.

Asozial, natürlich und ich halte nach wie vor absolut gar nichts von solchen Aktionen - aber wie weltfremd muss man denn sein um zu denken, daß es eine gute Idee sei, just in dem Moment genau dort zu parken? Das ist kompletter Wahnsinn! Es sei denn, es handelte sich um einen Versicherungsbetrug. Dann ist es relativ genial. Aber trotzdem Wahnsinn.

Beim Gedanken an die Geschichte muss ich grinsen, bevor ein Schlacks mit Hals-Tattoo mir in die Arme fliegt, weil irgendwer ihm einen Stoß versetzt hat. Er verteilt sein halbes Bier über mein Shirt, zuckt entschuldigend mit den Schultern und trollt sich. "Viel Spaß noch!"

Daß die ganze Geschichte dann doch nicht so spaßig ist, wird mir spätestens klar, als einer durch die Menge pflügt und eine Bewusstlose geschultert hat, die von der Gesichtsfarbe her gar nicht mehr gesund aussieht. Ihm folgen ihre in Tränen aufgelösten Freundinnen. Ein Großteil der Menge registriert das gar nicht, einige machen zumindest Platz für den "Krankentransport" soweit das eben möglich ist und die Minderbemittelten sind natürlich auch nicht weit, singen "Du kannst nach Hause gehn!!" und klopfen oder besser schlagen der Bewusstlosen noch "aufmunternd" auf den Rücken und gröhlen dabei.

Das sind die, die dann um sieben Uhr morgens selbst irgendwo von einem Rettungssanitäter aus ihrer eigenen Kotzlache in einen RTW gehievt und ins nächste Krankenhaus verbracht werden und dann später damit prahlen, wieviel sie gesoffen haben und wie sehr die Ladies sie liebten. Das Einnässen im Suff wird aber verschwiegen. Besser ist das.

Das Gedränge ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend, vollkommen abstrus wird die Situation, wenn im Hardcore-Gedränge plötzlich ein Kinderwagen samt darin liegendem und wohl ob der Lautstärke weinendem Säugling auftaucht, dem die Mutter ständig "Ist ja gut, ist ja gut, ist ja gut!" entgegen ruft und sonst nichts tut, während der männliche Part, Kindsvater oder nicht - vermutlich eher nicht oder zumindest einer von mehreren Kandidaten - den Weg Richtung Mittelpunkt des Geschehens frei räumt. Er, sein Weibchen und der Zwerg müssen definintiv mitten rein ins krasseste Hauen und Stechen, das ich seit ganz langer Zeit erlebt habe.

Kurz nach 23 Uhr, mein Kind ist wenn's hoch kommt ein Jahr alt...klar, das nehm ich mit zu einem Event in der Schanze, die Entscheidung liegt auf der Hand, da lernt die Brut direkt mal, mit Lautstärke umzugehen. Wenn Mama und Papa sich dann irgendwann später wegen den Unterhaltszahlungen streiten und anschreien, kennt das Kind das schon und schläft trotz Geschrei trotzdem ein. Ein nahezu perfekter Plan.

Auch zwei Rollstuhlfahrer versuchen, sich den Weg durch die Menge zu bahnen, was zentimeterweise funktioniert. Statt wie ich Ellenbögen bekommen sie alle paar Sekunden ein Hinterteil an den Kopf oder ins Gesicht gedrückt. Spaß kann das nicht machen, es sei denn, man steht drauf. Arschkontakt der etwas anderen Art.

Das Konzert neigte sich seinem Ende zu, das Gedränge nahm aber nicht ab sondern eher noch zu.

Mitdenkend wie ich nunmal bin, wollte ich kurz vor Ende des Konzerts den Heimweg antreten, um eine halbwegs komfortable Heimreise zu haben und nicht auch noch in der Bahn mit Wildfremden kuscheln zu müssen.

Der gleiche Gedanke wie zum Beispiel im Fußballstadion. Man geht nicht in der Halbzeit pissen oder neues Bier holen, man geht ein paar Minuten früher und hat so ziemlich seine Ruhe, weil immer noch neunzig Prozent aller anderen nicht gecheckt haben, daß das eine recht geschmeidige Lösung ist, auch wenn man immer Gefahr läuft, etwas zu verpassen. Im Stadion schlimmstenfalls ein Tor des Herzensvereins, beim Konzert den Lieblingssong.

Aber meiner wurde ja heut bereits gespielt. Also ab dafür. Nach Hause, rein in die Wohlfühlklamotten, noch ein Glas Wein und vielleicht mal wieder den Lieblingsfilm schauen.

Schöner Plan, hätte ja klappen können.

Ich wollte mich grad ins Gedränge stürzen und mir mit eigenem Ellenbogeneinsatz einen Weg heraus erarbeiten, ich freute mich fast darauf, endlich auch mal austeilen zu können anstatt die ganze Zeit nur zu kassieren, da sah ich in einem Meter Entfernung in der Menge ein Gesicht.

Ein Mädchen, vielleicht zwanzig Jahre alt, vielleicht jünger. Kalkweiß wie Frosty der Schneemann, hektisch nach Luft japsend, nah am Hyperventilieren, die Augen tränengefüllt, die langen Haare klebten verschwitzt an der Stirn.

Ich war auf genug Konzerten, um zu wissen wie Menschen aussehen, die bis fast zur Erschöpfung vor der Bühne herumgetobt haben. Denen blitzt die Extase aus den Augen und das Adrenalin tropft aus jeder Pore. Die wollen mehr.

In diesem bleichen Gesicht stand die blanke Panik, sowas habe ich zuletzt auf Videoaufnahmen der Love Parade 2010 gesehen.

Es tat sich eine Lücke in der Masse der drängelnden Leiber auf und das Mädchen fiel mir und dem Typen neben mir, der, wie sich kurz darauf herausstellte, zufällig auch noch Mediziner war, quasi direkt in die Arme. Sie hat sich also wohl den bestmöglichen Platz für ihren Kollaps ausgesucht - insofern es so etwas denn gibt.

Eine Viertelstunde später, nachdem das Mädel aus dem Gedränge hinausgeschafft und den patrouillierenden Sanitätern übergeben worden war, wurde mir von meinem Kumpanen noch ein Jägermeister aufgenötigt.

"Auf unsere gute Tat!".

Wenn ein Jägermeister-Shot die Belohnung für "gute Taten" ist, dann war diese definitiv meine letzte!

Jägermeister, pfui Teufel!

Außerdem seh ich die "gute Tat" bis heut auch nicht wirklich.

Endlich auf dem Heimweg gab es in der U-Bahn den zweiten Teil der "Belohnung".

Ölsardinenbüchsenfeeling, umfallen unmöglich. Schweißaustausch. Bier-und-Dönergeruch in der stickigen U-Bahn-Luft.

Ich wollte doch einfach nur nach Hause...

Vom Bahnhof Barmbek aus laufe ich. Frische Luft und weit und breit kein Mensch im näheren Umkreis, der schubst, rempelt, gröhlt.

Ich breite, während ich die Straße entlang laufe, die Arme aus und freue mich, nichts zu spüren, keine drängelnden Körper, keine verschwitzten Klamotten, keine fremden Ärsche. Einfach nur nichts.

Daß das Handy just in diesem Moment zu einem Lied der Beginner skippt, wird sicherlich nur Zufall sein.

Donnerstag, 21. August 2014

Filmempfehlung: "Glück"

Ich möchte einen Film empfehlen.

Das ist ziemlich verrückt, da ich absolut kein Filmfan bin. Ich bin ein absoluter Serienmensch.

Ich kann mich nicht über eine komplette Filmlänge von neunzig oder mehr Minuten konzentrieren, es gelingt mir einfach nicht. Spätestens nach einer Stunde fange ich an, herum zu zappeln und zu nerven. Oder ich schlafe ein.

Aus diesem Grund besitze ich auch nur exakt zwei DVDs und zwar die von meinen beiden absoluten Lieblingsfilmen, die dann trotzdem immer gehen.

Kinobesuche fallen wegen des Konzentrationsproblems, Film-ADS quasi, natürlich auch aus. Mein letzter Kinobesuch ist Jahre her und ich war auch nur dort, weil ein Freund Freikarten hatte, ohne Begleitung aber nicht hingegangen wäre, obwohl er sich tagelang vorgefreut hatte.

Noch abstruser wird mein Vorhaben, hier eine Filmempfehlung auszusprechen, wenn es sich dabei um ein deutsches "Drama" handelt, das - wie sollte es auch anders sein - natürlich in Berlin spielt, bei dem Doris Dörrie in der Regie ihre Finger im Spiel hatte und das von Oliver Berben produziert wurde.

Aber alle Jubeljahre mal passiert es mir und ich entdecke zufällig einen Film, der mich aus unbekannten Gründen in seinen Bann zieht, sodass ich dann doch den Blick nicht vom Bildschirm wenden kann.

Das war jetzt mal wieder so. Das Spätabendprogramm des ZDF hat mich erwischt. Ich habe dafür sogar das Fußballspiel, das ich mir eigentlich ansehen wollte, sausen lassen.

Der Film heißt "Glück".

Meine TV-Programm-App deklariert ihn als "Drama" und das ist im Kern auch richtig. Allerdings gibt es auch durchaus komödiantische Elemente.

Es gibt minutenlange Szenen im Film, in denen nicht ein Wort gesprochen wird, in denen der Film nur vom Können seiner Darsteller lebt. Die ersten acht oder zehn Minuten, ich habe die Zeit nicht mitgestoppt, kommen komplett ohne Worte aus und trotzdessen oder vielleicht grad deswegen war ich von Anfang an genannt und berührt.

Die Hauptrollen "Irina" und "Kalle" spielen Alba Rohrwacher und Vinzenz Kiefer und sie spielen sie ziemlich großartig.

Vor allem Rohrwacher, von der ich bis dato noch nie etwas gehört hatte, fand ich grandios. Und das hat nichts mit ihren Nacktszenen zu tun. Ja, im Film sieht man mehrmals ihre Brüste und ich gebe zu, ich fand das nicht schlimm, denn Alba Rohrwacher ist sehr hübsch. Sie hat ein interessantes, sehr markantes Gesicht und ich mag das.

Worum geht es nun in "Glück"?

Irinas glückliches Leben in einem unbenannten Land irgendwo im Ostblock endet abrupt, als dort ein Krieg ausbricht und ihre Idylle ausgelöscht wird.

Sie flieht und landet in Berlin, wo sie sich als Prostituierte "Natascha" durchschlägt und den Punk "Kalle" samt seinem Hund "Byron" kennen lernt.

Die Leben der beiden verweben sich mehr und mehr.

Das die beiden ein Paar werden, liegt auf der Hand und ist ab der ersten Sekunde ihres Zusammentreffens klar, aber das "wie" und die weitere Entwicklung hat dann so ihre Momente, die ich so definitiv nicht kommen gesehen habe.

Nach einem Zwischenfall mit einem Freier läuft die Situation dann endgültig aus dem Ruder und die beiden sind auf Hilfe von außen angewiesen.

Man merkt, ich bin ganz furchtbar schlecht darin, Dinge kompakt zusammen zu fassen, das hat bereits mein Deutschlehrer Herr Kleene in der Mittelstufe festgestellt und bei der Benotung meiner Textzusammenfassungen mehr als nur ein Auge zugedrückt. Die Hühneraugen vermutlich auch noch. Einer meiner absoluten Lieblingslehrer, mit denen verhielt es sich wie mit den Lieblingsfilmen: Ich hatte nur sehr wenige.

Was "Glück" angeht, so muss ich zugeben, daß ich mir das Ende irgendwie anders gewünscht hätte. Ich weiß aber nicht wie.

Die doch eher durchgängig leicht bedrückte Grundstimmung schlägt ab einem bestimmten Moment in ein "WTF, nicht im Ernst?!?" um, zumindest war das bei mir so. Und das hat mir nicht so sehr gefallen. Aber vielleicht habe ich das ja exklusiv.

Nichtsdestotrotz finde ich den Film prima.

So prima, daß ich für ihn auf mein geplantes Fußballspiel verzichtet habe.

Und so prima, daß ich ihn weiter empfehlen möchte, denn eventuell hat ja außer mir noch jemand einen leicht lädierten Geschmack, wenn es um cineastisches geht.

Zu "Glück" habe ich zwei kurze Kritiken gelesen, die beide in äußerst verschiedene Richtungen gingen - die Geister scheinen sich hier zu scheiden.

Ich für meinen Teil bin ganz glücklich, "Glück" entdeckt zu haben. Und "einen Film empfehlen" hake ich jetzt auf meiner "to do in life"-Liste ab.

Wenn jemand den Film bereits kennt, würden mich Meinungen interessieren. Danke im Voraus.