Sonntag, 14. September 2014

Mitgehört (2): Bunte Zukunftspläne

In der Altonaer Fußgängerzone hockt auf der Bank neben der, auf der ich eine kleine Pause einlege, eine Gruppe Punks.

Bunte Haare, Dreadlocks, Piercings en masse, Bierdosen, Selbstgedrehte, Geschnorre. Alles am Start. Natürlich auch die obligatorischen gut erzogenen frei laufenden Hunde, unter ihnen ein ganz junger kleiner Schäferhund.

Ein Pärchen in meinem Alter kommt heran gelaufen, neben ihnen hüpft die kleine Tochter, geschätzte vier Jahre alt die Straße entlang.

Und entdeckt den Welpen.

Die Kleine ist vor lauter Begeisterung kaum noch zu bremsen und knuddelt den kleinen Hund ausgiebig, dann bestaunt sie mit großen Augen die bunte Truppe auf der Bank, während Mami und Papi irritiert und mit leicht angeekeltem Gesichtsausdruck ein paar Münzen spenden.

Nach ein paar Minuten können die Eltern ihre Kurze endlich loseisen und sind darüber sichtlich erleichtert.

Als die drei dann an meiner Bank vorbei kommen, hüpft die Kleine freudig in die Luft und ruft mit sich überschlagender Stimme:

"Mami, Papi, die haben süße Hunde UND bunte Haare! Genau SO werde ich später auch!!"

Freitag, 12. September 2014

It's so Berlin!

"Oh my god, that's so Berlin!!"

Die fremdsprachige Touristin juchzt der scheinbar nicht ihrer Sprache mächtigen Freundin das zu und klatscht dabei begeistert in die Hände. Ihre Freundin nickt zustimmend und schießt das sechsundzwanzigste Foto von dem jungen Kerl, der vor uns auf einer kleinen Bühne steht und einer Gitarre und einem Synthesizer schräge Töne entlockt, die theoretisch gar nicht zusammen passen können, es aber zu meinen großen Erstaunen trotzdem irgendwie tuen und das gar nicht mal so schlecht.

Nach zwei oder drei Bier und mit viel Fantasie durchaus tanzbar.

An die Wand im Rücken des Musikers werden derweil abstrakte Szenen in verpixeltem schwarz-weiß projeziert, wahrscheinlich irgendein Kunstprojekt irgendeiner sich hier selbst verwirklichenden Mittdreißigerin mit Hippie-Genen, die Anzahl der Semester ihrer Studiengänge, Kunst und Psychologie wenn ich raten müsste, dürfte schon vor Ewigkeiten die Grenze zur Zweistelligkeit überschritten haben.

Kann passieren, daß das Studium sich zieht und zieht und kein Ende findet. Man hat halt nebenbei viel zu tun.

Shirts bebatiken, Bäume umarmen, Farben schmecken, wenn's zeitlich passt bestenfalls auch noch mal eben kurz die Welt retten wie Tim Bendzko, der meinem Bild einer hippiesquen Mittdreißigerin so gut entspricht wie kaum jemand anderes, den ich kenne. Es hält einen halt viel ab vom Studieren. Ich spreche da aus Erfahrung.

Die Gute hier, die da mit dem Kopf im Takt wippend im Schneidersitz neben der Bühne hockt und via Laptop das Kunst-Gedöns im Hintergrund choreografiert, hat es geschafft. Ein weiteres Etappenziel im Leben ist erreicht, ein weiterer Haken auf der "to do in life"-Liste ist gesetzt.

Eigenes Kunstprojekt im öffentlichen Raum: Check.

Beleuchtet wird die ganze Szenerie in knallig rot, was kombiniert mit dem schwarz-weißen Hintergrundgeschehen und der merkwürdigen und ungeahnt eingängigen Beschallung zugegebenermaßen ziemlich cool rüberkommt.

Auch wenn ich mitten in der Zentrale von Hipstertown stehe, gefällt es mir hier sehr gut.

Oh my god, that's so Berlin!!

Ist es aber gar nicht. Ätsch.

Ich stehe mitten in Hamburg auf dem Straßenfest in der Augustenpassage, einer kleinen Kopfsteinpflastergasse, die die Schanzenstraße mit der Sternstraße verbindet. Die Augustenpassage ist quasi eine direkte Querverbindung von meiner einen Lieblingsbar bis fast genau vor die Tür meiner anderen. Nützlich, sowas!

Außerdem war die Augustenpassage vor einigen Monaten mal in den regionalen Medien, weil irgendein geldgeiler Vermieter dort ein winziges Zimmer im Untergeschoss mit winzigem Kellerfenster für einen Quadratmeterpreis von - wenn ich mich richtig erinnere - irgendwas um und bei dreißig Euro ausgeschrieben hatte, was so wahnwitzig übertrieben ist, daß man fast schon darüber lachen muss.

Das Tragische ist ja: Vermutlich hat das sogar funktioniert und irgendjemand zahlt tatsächlich diese Unsumme für das alberne Kellerloch.

Vielleicht der Langhaarige, der mir am Stand ein Bier verkaufte. Vielleicht die Blonde, die so einnehmend lächelte, als unsere Blicke sich im Vorbeilaufen zufällig trafen. Vielleicht der Schwitzende im Parka, der mir auf den Fuß getreten ist und sich nicht entschuldigt hat, der Arsch.

Vielleicht ist die Person aber auch gar nicht am Start, weil sie Kohle für die Miete eintreiben muss und deswegen in irgendeiner Ecke dieser Stadt Drogen oder ihren Körper verkauft.

Man weiß es nicht und vielleicht will man es lieber auch gar nicht wissen.

Auf der Bühne geht es dem Ende entgegen und deswegen davor nochmal ordentlich ab.

Die Dreadlocks und die Jutebeutel schwingen im Takt der Bässe, volltätowierte Extremitäten fliegen durch die Luft und ich stehe ohne Dreadlocks, Jutebeutel und Tattoos als Randgruppe mittendrin und freue mich.

Lustigerweise gibt es hier kein Gerempel, es wird Abstand voneinander gehalten und so macht jeder auf seinem kleinen Teil der improvisierten Tanzfläche sein Ding, eine Koexistenz, die mir absolut imponiert.

Einzig ein eindeutig Besoffener stört die allgemeine Entspanntheit, indem er eine, die nur tanzen möchte, immer wieder bedrängt und so vertraut wie möglich tuend ihre Schulter oder ihren Arm betatscht, während sie vor ihm zurückweicht.

Das tut er solange, bis sich eine volltätowierte Schrankwand vor ihm aufbaut und mal freundlich aber bestimmt nachfragt, was er da eigentlich macht.

Der Suffi schaut kurz entgeistert und geht dann flitzen, die Schrankwand schlendert zurück zu ihrer Gang und die Tänzerin wirkt zunächst verwundert, dann freut sie sich einen Keks und hat ab da wieder gute Laune.

Ihre Freundin reckt den Daumen in Richtung des fleischgewordenen Schrankes und der zwinkert verschmitzt zurück.

Man passt hier ein wenig aufeinander auf und ich finde das klasse.

Das Bühnenprogramm ist beendet, aber von anderswo hört man noch Musik.

Gute, weil laute elektronische.

Ich laufe die Gasse hinunter und bin inzwischen froh, zufällig über dieses Fest gestolpert zu sein.

Ursprünglich wollte ich nur entspannt durchs Schanzenviertel laufen, da mir zuhause das Dach auf den Kopf fiel und im Fernsehen nur Schwund lief...Klaas Heufer-Einlauf, der sich von einem Hai beißen lässt, halleluja! Das hat mein Leben bereichert. Ich bin mir nur nicht sicher wie.

Spätestens danach war mir klar, daß ich raus aus der Wohnung muss.

Und einige Zeit später laufe ich durch ein Szenario, aus dem von allen Seiten Eindrücke auf mich einprasseln, hier ein leichter Schubs, dort ein Lächeln, hier fröhliches Gejohle, dort schöne Augen, da blitzende Lichter und wenige Meter weiter komplette Dunkelheit. Und dazu wummert der Bass im Magen.

Oh my god, that's so Berlin!

Vielleicht ist das gar nicht so falsch, Hamburg hat einiges, das die Hauptstadt nicht bieten kann, man denke nur an den Hafen - was Straßenfeste, Strassenmusik oder generell Strassenkunst angeht, bleibt aber doch nur der zweite Platz auf meinem persönlichen Treppchen.

Eine der Ausnahmen ist dann wohl dieses "Passagenfest", auf dem ich mich, ich mag es kaum aussprechen, tatsächlich wohl fühle und Spaß habe.

Mein Bier ist leer und die Quelle der elektronischen Musik nah. Rund um einen Getränkewagen drängt und tanzt das feiernde Volk, als ich mich annähere, baut sich vor mir einer auf und unterbricht den Strom derer, die vorbeilaufen wollen.

"Hier geht's nicht weiter, wir tanzen hier!", er deutet dabei auf ein Paar, das hinter ihm auf einer Treppe hockt und ziemlich fertig aussieht.

Ich schaue die beiden an, ich schaue ihn an, abgesehen vom roten Rauschebart sieht er normal aus.

Nur ein Augenlid zuckt verdächtigt wirr.

"Alter, erzähl mir nix, die sind doch viel zu kaputt zum Tanzen. Die können nicht mal mehr stehen! Außerdem: Ansonsten bin ich immer der, der im "Durchgang" steht, angerempelt wird und Platz machen muss. Heute ausnahmsweise mal nicht. Heut ist das dein Job. Also, weggetreten!"

Er zögert, aber dann tritt er beiseite und während ich an ihm vorbeilaufe, raunt er mir in todernstem Tonfall zu, er sei so in etwa wie James Bond und grad in geheimer Mission unterwegs.

"Ich überwache das hier! Alles!" flüstert er mir verschwörerisch ins Ohr und packt dabei meine Schulter.

Ich nicke das ab, schaue ihn so geheimniskrämerisch wie ich eben schauen kann an und gehe.

Zügig.

Wer weiß, auf was für einem Zeug der hängengeblieben ist und auf was für Ideen er als nächstes kommt.

Ein Freak mehr, der mir über den Weg gelaufen ist. Ich wundere mich schon lange nicht mehr und langweilig wird es mit denen eh nie. Höchstens mal unangenehm.

Ein durchgetanztes Bier später geht es dann mit einem Grinsen im Gesicht zur Bahn und gen Heimat.

Hipsterparty galore und lauter Bekloppte, klar, bleibt halt in manchen Ecken dieser Stadt nicht aus und in dieser speziellen Ecke schon mal gar nicht.

Aber das kann ja ausnahmsweise auch mal lustig und (ent)spannend sein und nicht wie zu oft ätzend und nervtötend.

Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.

Und das hier ist so eine Ausnahme.

Finde ich.

Dann mal bis nächstes Jahr!

Donnerstag, 4. September 2014

Die Beginner und der blanke Wahnsinn

"Ihr wollt ein Liebesliiieeed, ihr kriegt ein Liebesliiieeed...ein Lied, das ihr liiieeebt!"

Eizi Eiz's aka Jan Delay's nasale Stimme nölt den Superhit der Beginner in der Roten Flora ins Mikrofon und die Menge vor der Bühne johlt, die Köpfe nicken, die erhobenen Hände gehen von links nach rechts oder auf und ab. Meist auf und ab.

Mir schlägt derweil einer von links nach rechts seinen Ellbogen an den Kiefer und vor mir drängeln sich - "Sorry, ich muss da mal durch! Ich muss da näher ran!" - ein paar aufgestylte Mädels vorbei, Körperkontakt ist vollkommen unvermeidbar.

Über den freuen sich zwei Jungs neben mir. "Ich hatte Arschkontakt mit der rechten Hand!" - "Geil Mann, ich auch! Bei der Blonden?" - "Ja, die Blonde! War total geil!" - "Auf jeden Mann!"

Sie geben sich die hohe Fünf, grinsen beide wie Honigkuchenpferde und haben wahrscheinlich beide feuchte Flecken in den Shorts.

"Arschkontakt", alter Schwede, darüber hab ich mich mit vierzehn im übervollen Schulbus gefreut und das ist mir heute extrem peinlich, die Gestalten neben mir tragen Vollbart (natürlich), Muskelshirt à la Cro (natürlich) und die Caps rückwärts. Natürlich.

Da ist nix mehr mit Schulbus und so weiter. Da ist so ein Verhalten doch eher...nennen wir es unangebracht.

Dann trifft mich wieder eine Hand am Hals und der dazugehörige Arsch drängt Richtung Rote Flora.

Vielleicht sollte ich mit den beiden Vollhonks zu meiner Linken abklatschen, denn jetzt gehöre ich ja auch zu ihrem elitären Arschkontakt-Club.

Da wo ich stehe, ist der Durchgang. Immer. Ob auf Konzerten, in überfüllten Clubs, auf Demos oder sonstwo...Da wo ich stehe, wollen meine Mitmenschen entlang laufen. Und das möglichst rempelnd, pöbelnd und generell nervend. Selbst wenn direkt hinter mir eine Wand wäre oder es direkt in eine tiefe Schlucht ginge, jeder zweite würde dort hin wollen und sich an mir vorbei oder am liebsten mitten durch mich durch drängeln.

Und nein, da rettet auch der unfreiwillige und ungewollte Arschkontakt absolut gar nichts, denn die Ärsche, die ich anfassen möchte, suche ich mir doch lieber selbst aus und davon gibt es auch nicht wirklich viele.

Die "Absoluten Beginner" haben also am vergangenen Freitag ein Benefiz-Konzert für die Rote Flora in eben dieser gespielt und nein, ich war nicht vor der Bühne oder gar in der Nähe, ich stand gute fünfzig Meter entfernt auf der Kreuzung zur Susannenstraße, zusammen mit x-tausend anderen.

Ich habe die Straßen rund ums Schulterblatt noch nie so voll gesehen wie am Freitag, nicht während der WM beim Public Viewing, nicht bei Schanzenfesten oder bei Krawallen nach Schanzenfesten, nicht, wenn traditionell zum ersten Mai Deppen Fensterscheiben zerdeppern, nie.

Das war rekordverdächtig.

Der Auftritt der Beginner in der Flora wird an die Seitenwand des "Haus 73" projeziert, sodass man auch sehen kann, was in der Flora abgeht, während man selbst weit entfernt auf der Straße steht und alle paar Augenblicke Ellenbögen ins Gesicht oder die Rippen kassiert, als befände man sich auf einem Punk-Konzert.

Oder besser: Theoretisch könnte man dank Projektion sehen, was in der Flora passiert, würden nicht sämtliche Hipster, Vorstadtkinder und weiteres Volk dieser Stadt ihre Smartphones in die Höhe recken, um zu filmen, was in fünfzig Metern Entfernung an der Wand abgeht.

Im Ernst, was soll das?

Die Videos können unmöglich auch nur ansatzweise gut sein. Das ist ein dank der ganzen Rempeleien gut durchgeschüttelter Pixelsalat, auf dem wahrscheinlich maximal die Tonspur was taugt, auf der dann aber die johlenden Umstehenden und vielleicht ein paar Bässe und Beats zu hören sind, garantiert aber kein Text. Vermutlich gibt es bessere Aufnahmen vom Yeti als vom freitäglichen Beginner-Konzert von meinem Standort aus.

Das Gedränge wird krasser und krasser. Allmählich wird es wirklich ungemütlich und in einigen Gesichtern sieht man eine gewisse Beklommenheit.

Irgendeiner, der vom Konzert nichts mitbekommen oder einfach nicht weit genug mitgedacht hat, hat tatsächlich sein Auto, einen silbergrauen Familien-Van direkt an der Kreuzung abgestellt und der dient nun vielen als Sitzplatz, Tanzfläche oder Abstellplatz für leere Bierflaschen, weshalb ihn alle paar Minuten ein Pfandsammler samt Hackenporsche oder geborgtem Einkaufswagen ansteuert, der dann dank der Schubserei bleibende Eindrücke im Lack hinterlässt. Ich möchte mir gar nicht erst vorstellen, wie die Karre tags darauf ausgesehen haben wird. Taufrisch garantiert nicht mehr. Eher wie ein abstraktes, zerbeultes und bemaltes Kunstwerk mit Rädern.

Es ist aber vorsichtig formuliert auch nicht besonders clever, an einem solchen Tag an eben dieser Stelle zu parken. Allerdings beobachte ich das immer wieder.

Mit einem ungläubig dreinschauenden und einem irritiert lachenden Auge erinnere ich mich an das Schanzenfest 2011, als ein Anzugträger seinen frisch polierten blendend weißen Luxus-Audi direkt am Schulterblatt parkte, um kurz zum Geldautomaten zu laufen, während keine hundert Meter weiter der Mob tobte.

Der erste Stein war schon durch die Seitenscheibe gerauscht, bevor er die Bank überhaupt betreten hatte, als er drei Minuten später wieder zum Auto kam, war es komplett entglast und mit einem Verkehrsschild gepierct.

Asozial, natürlich und ich halte nach wie vor absolut gar nichts von solchen Aktionen - aber wie weltfremd muss man denn sein um zu denken, daß es eine gute Idee sei, just in dem Moment genau dort zu parken? Das ist kompletter Wahnsinn! Es sei denn, es handelte sich um einen Versicherungsbetrug. Dann ist es relativ genial. Aber trotzdem Wahnsinn.

Beim Gedanken an die Geschichte muss ich grinsen, bevor ein Schlacks mit Hals-Tattoo mir in die Arme fliegt, weil irgendwer ihm einen Stoß versetzt hat. Er verteilt sein halbes Bier über mein Shirt, zuckt entschuldigend mit den Schultern und trollt sich. "Viel Spaß noch!"

Daß die ganze Geschichte dann doch nicht so spaßig ist, wird mir spätestens klar, als einer durch die Menge pflügt und eine Bewusstlose geschultert hat, die von der Gesichtsfarbe her gar nicht mehr gesund aussieht. Ihm folgen ihre in Tränen aufgelösten Freundinnen. Ein Großteil der Menge registriert das gar nicht, einige machen zumindest Platz für den "Krankentransport" soweit das eben möglich ist und die Minderbemittelten sind natürlich auch nicht weit, singen "Du kannst nach Hause gehn!!" und klopfen oder besser schlagen der Bewusstlosen noch "aufmunternd" auf den Rücken und gröhlen dabei.

Das sind die, die dann um sieben Uhr morgens selbst irgendwo von einem Rettungssanitäter aus ihrer eigenen Kotzlache in einen RTW gehievt und ins nächste Krankenhaus verbracht werden und dann später damit prahlen, wieviel sie gesoffen haben und wie sehr die Ladies sie liebten. Das Einnässen im Suff wird aber verschwiegen. Besser ist das.

Das Gedränge ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend, vollkommen abstrus wird die Situation, wenn im Hardcore-Gedränge plötzlich ein Kinderwagen samt darin liegendem und wohl ob der Lautstärke weinendem Säugling auftaucht, dem die Mutter ständig "Ist ja gut, ist ja gut, ist ja gut!" entgegen ruft und sonst nichts tut, während der männliche Part, Kindsvater oder nicht - vermutlich eher nicht oder zumindest einer von mehreren Kandidaten - den Weg Richtung Mittelpunkt des Geschehens frei räumt. Er, sein Weibchen und der Zwerg müssen definintiv mitten rein ins krasseste Hauen und Stechen, das ich seit ganz langer Zeit erlebt habe.

Kurz nach 23 Uhr, mein Kind ist wenn's hoch kommt ein Jahr alt...klar, das nehm ich mit zu einem Event in der Schanze, die Entscheidung liegt auf der Hand, da lernt die Brut direkt mal, mit Lautstärke umzugehen. Wenn Mama und Papa sich dann irgendwann später wegen den Unterhaltszahlungen streiten und anschreien, kennt das Kind das schon und schläft trotz Geschrei trotzdem ein. Ein nahezu perfekter Plan.

Auch zwei Rollstuhlfahrer versuchen, sich den Weg durch die Menge zu bahnen, was zentimeterweise funktioniert. Statt wie ich Ellenbögen bekommen sie alle paar Sekunden ein Hinterteil an den Kopf oder ins Gesicht gedrückt. Spaß kann das nicht machen, es sei denn, man steht drauf. Arschkontakt der etwas anderen Art.

Das Konzert neigte sich seinem Ende zu, das Gedränge nahm aber nicht ab sondern eher noch zu.

Mitdenkend wie ich nunmal bin, wollte ich kurz vor Ende des Konzerts den Heimweg antreten, um eine halbwegs komfortable Heimreise zu haben und nicht auch noch in der Bahn mit Wildfremden kuscheln zu müssen.

Der gleiche Gedanke wie zum Beispiel im Fußballstadion. Man geht nicht in der Halbzeit pissen oder neues Bier holen, man geht ein paar Minuten früher und hat so ziemlich seine Ruhe, weil immer noch neunzig Prozent aller anderen nicht gecheckt haben, daß das eine recht geschmeidige Lösung ist, auch wenn man immer Gefahr läuft, etwas zu verpassen. Im Stadion schlimmstenfalls ein Tor des Herzensvereins, beim Konzert den Lieblingssong.

Aber meiner wurde ja heut bereits gespielt. Also ab dafür. Nach Hause, rein in die Wohlfühlklamotten, noch ein Glas Wein und vielleicht mal wieder den Lieblingsfilm schauen.

Schöner Plan, hätte ja klappen können.

Ich wollte mich grad ins Gedränge stürzen und mir mit eigenem Ellenbogeneinsatz einen Weg heraus erarbeiten, ich freute mich fast darauf, endlich auch mal austeilen zu können anstatt die ganze Zeit nur zu kassieren, da sah ich in einem Meter Entfernung in der Menge ein Gesicht.

Ein Mädchen, vielleicht zwanzig Jahre alt, vielleicht jünger. Kalkweiß wie Frosty der Schneemann, hektisch nach Luft japsend, nah am Hyperventilieren, die Augen tränengefüllt, die langen Haare klebten verschwitzt an der Stirn.

Ich war auf genug Konzerten, um zu wissen wie Menschen aussehen, die bis fast zur Erschöpfung vor der Bühne herumgetobt haben. Denen blitzt die Extase aus den Augen und das Adrenalin tropft aus jeder Pore. Die wollen mehr.

In diesem bleichen Gesicht stand die blanke Panik, sowas habe ich zuletzt auf Videoaufnahmen der Love Parade 2010 gesehen.

Es tat sich eine Lücke in der Masse der drängelnden Leiber auf und das Mädchen fiel mir und dem Typen neben mir, der, wie sich kurz darauf herausstellte, zufällig auch noch Mediziner war, quasi direkt in die Arme. Sie hat sich also wohl den bestmöglichen Platz für ihren Kollaps ausgesucht - insofern es so etwas denn gibt.

Eine Viertelstunde später, nachdem das Mädel aus dem Gedränge hinausgeschafft und den patrouillierenden Sanitätern übergeben worden war, wurde mir von meinem Kumpanen noch ein Jägermeister aufgenötigt.

"Auf unsere gute Tat!".

Wenn ein Jägermeister-Shot die Belohnung für "gute Taten" ist, dann war diese definitiv meine letzte!

Jägermeister, pfui Teufel!

Außerdem seh ich die "gute Tat" bis heut auch nicht wirklich.

Endlich auf dem Heimweg gab es in der U-Bahn den zweiten Teil der "Belohnung".

Ölsardinenbüchsenfeeling, umfallen unmöglich. Schweißaustausch. Bier-und-Dönergeruch in der stickigen U-Bahn-Luft.

Ich wollte doch einfach nur nach Hause...

Vom Bahnhof Barmbek aus laufe ich. Frische Luft und weit und breit kein Mensch im näheren Umkreis, der schubst, rempelt, gröhlt.

Ich breite, während ich die Straße entlang laufe, die Arme aus und freue mich, nichts zu spüren, keine drängelnden Körper, keine verschwitzten Klamotten, keine fremden Ärsche. Einfach nur nichts.

Daß das Handy just in diesem Moment zu einem Lied der Beginner skippt, wird sicherlich nur Zufall sein.

Donnerstag, 21. August 2014

Filmempfehlung: "Glück"

Ich möchte einen Film empfehlen.

Das ist ziemlich verrückt, da ich absolut kein Filmfan bin. Ich bin ein absoluter Serienmensch.

Ich kann mich nicht über eine komplette Filmlänge von neunzig oder mehr Minuten konzentrieren, es gelingt mir einfach nicht. Spätestens nach einer Stunde fange ich an, herum zu zappeln und zu nerven. Oder ich schlafe ein.

Aus diesem Grund besitze ich auch nur exakt zwei DVDs und zwar die von meinen beiden absoluten Lieblingsfilmen, die dann trotzdem immer gehen.

Kinobesuche fallen wegen des Konzentrationsproblems, Film-ADS quasi, natürlich auch aus. Mein letzter Kinobesuch ist Jahre her und ich war auch nur dort, weil ein Freund Freikarten hatte, ohne Begleitung aber nicht hingegangen wäre, obwohl er sich tagelang vorgefreut hatte.

Noch abstruser wird mein Vorhaben, hier eine Filmempfehlung auszusprechen, wenn es sich dabei um ein deutsches "Drama" handelt, das - wie sollte es auch anders sein - natürlich in Berlin spielt, bei dem Doris Dörrie in der Regie ihre Finger im Spiel hatte und das von Oliver Berben produziert wurde.

Aber alle Jubeljahre mal passiert es mir und ich entdecke zufällig einen Film, der mich aus unbekannten Gründen in seinen Bann zieht, sodass ich dann doch den Blick nicht vom Bildschirm wenden kann.

Das war jetzt mal wieder so. Das Spätabendprogramm des ZDF hat mich erwischt. Ich habe dafür sogar das Fußballspiel, das ich mir eigentlich ansehen wollte, sausen lassen.

Der Film heißt "Glück".

Meine TV-Programm-App deklariert ihn als "Drama" und das ist im Kern auch richtig. Allerdings gibt es auch durchaus komödiantische Elemente.

Es gibt minutenlange Szenen im Film, in denen nicht ein Wort gesprochen wird, in denen der Film nur vom Können seiner Darsteller lebt. Die ersten acht oder zehn Minuten, ich habe die Zeit nicht mitgestoppt, kommen komplett ohne Worte aus und trotzdessen oder vielleicht grad deswegen war ich von Anfang an genannt und berührt.

Die Hauptrollen "Irina" und "Kalle" spielen Alba Rohrwacher und Vinzenz Kiefer und sie spielen sie ziemlich großartig.

Vor allem Rohrwacher, von der ich bis dato noch nie etwas gehört hatte, fand ich grandios. Und das hat nichts mit ihren Nacktszenen zu tun. Ja, im Film sieht man mehrmals ihre Brüste und ich gebe zu, ich fand das nicht schlimm, denn Alba Rohrwacher ist sehr hübsch. Sie hat ein interessantes, sehr markantes Gesicht und ich mag das.

Worum geht es nun in "Glück"?

Irinas glückliches Leben in einem unbenannten Land irgendwo im Ostblock endet abrupt, als dort ein Krieg ausbricht und ihre Idylle ausgelöscht wird.

Sie flieht und landet in Berlin, wo sie sich als Prostituierte "Natascha" durchschlägt und den Punk "Kalle" samt seinem Hund "Byron" kennen lernt.

Die Leben der beiden verweben sich mehr und mehr.

Das die beiden ein Paar werden, liegt auf der Hand und ist ab der ersten Sekunde ihres Zusammentreffens klar, aber das "wie" und die weitere Entwicklung hat dann so ihre Momente, die ich so definitiv nicht kommen gesehen habe.

Nach einem Zwischenfall mit einem Freier läuft die Situation dann endgültig aus dem Ruder und die beiden sind auf Hilfe von außen angewiesen.

Man merkt, ich bin ganz furchtbar schlecht darin, Dinge kompakt zusammen zu fassen, das hat bereits mein Deutschlehrer Herr Kleene in der Mittelstufe festgestellt und bei der Benotung meiner Textzusammenfassungen mehr als nur ein Auge zugedrückt. Die Hühneraugen vermutlich auch noch. Einer meiner absoluten Lieblingslehrer, mit denen verhielt es sich wie mit den Lieblingsfilmen: Ich hatte nur sehr wenige.

Was "Glück" angeht, so muss ich zugeben, daß ich mir das Ende irgendwie anders gewünscht hätte. Ich weiß aber nicht wie.

Die doch eher durchgängig leicht bedrückte Grundstimmung schlägt ab einem bestimmten Moment in ein "WTF, nicht im Ernst?!?" um, zumindest war das bei mir so. Und das hat mir nicht so sehr gefallen. Aber vielleicht habe ich das ja exklusiv.

Nichtsdestotrotz finde ich den Film prima.

So prima, daß ich für ihn auf mein geplantes Fußballspiel verzichtet habe.

Und so prima, daß ich ihn weiter empfehlen möchte, denn eventuell hat ja außer mir noch jemand einen leicht lädierten Geschmack, wenn es um cineastisches geht.

Zu "Glück" habe ich zwei kurze Kritiken gelesen, die beide in äußerst verschiedene Richtungen gingen - die Geister scheinen sich hier zu scheiden.

Ich für meinen Teil bin ganz glücklich, "Glück" entdeckt zu haben. Und "einen Film empfehlen" hake ich jetzt auf meiner "to do in life"-Liste ab.

Wenn jemand den Film bereits kennt, würden mich Meinungen interessieren. Danke im Voraus.

Mittwoch, 20. August 2014

Mitgehört (1): Familienplanung

Vor einem Restaurant am Paulinenplatz sitzt ein Paar in den Zwanzigern und genießt seine Drinks.

Sie himmeln sich an wie frisch Verliebte.

Es wird viel gelächelt, man schaut sich tief in die Augen und natürlich wird quer über den Tisch Händchen gehalten.

Sie reden leise und vertraut.

Plötzlich stutzt er und schaut irritiert.

"Ehrlich, du erzählst mir, welche Kindernamen dir gut gefallen? Ich will gar keine Kinder!"

Er springt auf und lässt sie, die nun ebenfalls irritiert schaut, am Tisch zurück.

Aus ein paar paar Metern Entfernung ruft er noch "Wirklich, ich will keine!"

Und nochmal fünf Meter weiter: "Und schonmal gar nicht mit dir!!"

Dann dreht er sich um und verschwindet er um die nächste Straßenecke.

Sonntag, 17. August 2014

Die Qualle

Die Qualle sitzt am Abend an einer Bushaltestelle an der Fuhlsbüttler Straße, sie ist etwa 60 Jahre alt und hat sich im Laufe der Zeit sowohl einen grau-braunen struppigen Schnauzer als auch einen beeindruckenden Bierbauch, der nun das Flanellhemd fast zum Platzen bringt, herangezüchtet.

Die Qualle hockt feist auf einem der Sitzplätze und nimmt Schlucke aus der Flasche Oettinger, die sie fest umklammert hält. Es ist nicht das erste Bier des Tages, soviel ist auf den ersten Blick klar.

Die Qualle trägt knallrote Kopfhörer, die sie im minütlichen Wechsel auf und ab und wieder auf und wieder ab setzt, vor ihr parkt ein ranziger Hackenporsche, der unangenehm riecht.

Die Qualle hat etwas gegen meinen Bekannten, den ich zufällig getroffen habe, als ich zum Bus ging. Er arbeitet in der Nähe.

Und er ist türkischer Abstammung.

Oder kurdischer.

Oder sonstwas.

Ich weiß es gar nicht genau und es ist mir auch herzlich egal.

Der Qualle ist das nicht egal.

Schwarze Haare, dunkler Teint.

Feindbild.

Die Qualle lallt Dummes in die Welt.

"Achgugg, das Ölauge sprichddeutsch! Darfsu das übahaupt? Glaubbich nämmich nich, dürfn nur echte Deutsche. Bisdu nich, du bisn Muladde. Muladde!!"

Das geht ein, zwei Minuten so.

Peinlich berührt wenden sich einige ab, mein Bekannter, dessen Mutter, Frau und kleine Tochter neben uns stehen, bebt vor Wut, er ist aber ein kluger Mensch und lässt die Qualle labern. Mit ein oder zwei Gesten bedeutet er ihr, ruhig zu sein.

Seine Mutter und seine Frau haben Tränen in den Augen, sowas ist ihnen lang nicht widerfahren. Die Kleine bekommt zum Glück nicht viel mit, sie ist mit ihrer Puppe beschäftigt, die sie mir kurz zuvor noch vorgestellt hat, ich Hohlkopf habe den Namen der Puppe allerdings vergessen.

Mein Bekannter tröstet Frau und Mutter, immer noch zitternd vor Wut. Die Qualle schwitzt, trinkt vom Billigbier und lallt irgendwas von "alle abschieben, alle raus".

Manchen Menschen...

Der Bus kommt, ich verabschiede mich vom Bekannten und seiner Familie. Die Qualle hievt sich und sein Gepäckstück ebenfalls in den Bus Richtung Norden und lässt sich ächzend und schwankend auf eine Bank im vorderen Teil des Busses fallen.

Es dauert keine zehn Sekunden...

..."Achguck, n Neger!" Er hat einen farbigen Mitfahrer ihm gegenüber an der Tür entdeckt. "Dürfn die frei rumlaufn? Glaubbich abba nich, daß Neger das dürfn!"

Die Qualle imitiert Affenlaute, trinkt weiter ihr Bier und kann froh sein, daß der, den sie da grad beleidigt, anscheinend eine Seele von Mensch ist und sie nicht einfach vom Sitz boxt. Der Beleidigte lächelt das weg. "Lass mal, der ist besoffen." ist seine einzige Reaktion und dabei grinst er.

Ob er wirklich so denkt oder nur sehr gut Wut, Schock oder gar Angst überspielt, weiß ich nicht, aber für den Fall, daß ihm die Sprüche tatsächlich egal sind, ziehe ich meinen Hut vor so viel Gelassenheit und einem so dicken Fell.

Ich kann das nicht, ich koche innerlich bereits und vermutlich steigt mir der Rauch aus den Ohren.

Manchen Menschen...

Die Qualle hat durch ihr Gepöbel den vorderen Bus-Teil fast für sich allein.

Außer ihr sind da nur noch ich, der Fahrer, der der ganzen Sache interessiert zuhört, aber nichts unternimmt und eine Mittzwanzigerin mit Kopftuch auf dem Sitz ganz vorn, die die Qualle bis dahin nicht bemerkt hatte.

Die Qualle schreckt förmlich auf. Ein Kopftuch.

Ein langer Zug an der Flasche.

Fast schon panisch.

"Eyh! Eyh! Du da!! Eeeyyyh!! Du da mim Kopftuch!! Schleiereule!! Is Deuschlan hier, Deuschlan! Deuschlan is das hier! Wir tragn nich so Scheiß, wennu so Scheiß tragn wills musse suhaus machn wo du herkomms! Bei den annern von deine Sorte. Bein Terrorisn! Eyh Alde, hörsu mich? Eyh Alde!! Wir ham Vermummungsverbot in Deuschlan! Vermummungsverbot! Machma ab den Turban, dann..." - statt weiteren gelallten Tiraden rülpst er laut. Und nimmt direkt wieder einen Schluck von seiner Plörre.

Manchen Leuten...

An der nächsten Haltestelle muss ich raus, genau wie die Kopftuchträgerin. Und auch die Qualle bewegt sich zur Tür.

"Kannsu mir helfen? Is schwer!" Die Qualle redet mit mir, deutet auf ihren Hackenporsche und möchte, daß ich den für sie aus dem Bus hebe.

Das kann nur ein Witz sein.

"Bidde Alder, schwer is das. Kannsu das raushem? Der Neger is ja schon weg, der is ja aussestiegn. Wär ja sons sein Job gewesn."

Die Qualle meint das ernst.

Ich lasse meinen Mittelfinger die Antwort geben.

Die Gute mit dem Kopftuch steigt natürlich ebenfalls aus, ohne auch nur einen Gedanken an Mithilfe zu verschwenden.

"Ein stolzer Deutscher wie Sie wird doch wohl sein Gepäck allein und ohne Hilfe einer Terroristin tragen können?" höre ich sie sagen und würd ihr dazu am liebsten gratulieren.

Die Qualle brüllt uns, die wir in verschiedene Richtungen verschwinden, einiges hinterher.

Fotze, Arschloch, Negerfreund. Das übliche. Nichts innovatives.

Manchen Menschen...

...ich gebe es zu:

Manchen Menschen möchte ich manchmal einfach nur mit Anlauf in die Fresse hauen.

Worte helfen da schon lange nicht mehr, diskutieren ist eh nicht im Ansatz möglich.

Einfach BAMM, eine links, eine rechts, keine Erklärungen, Feierabend.

Würde ich wirklich gern.

Manche haben es einfach nicht anders verdient.

Sonntag, 3. August 2014

Rein oder raus

Samstag Abend am U-Bahnhof Sierichstraße.

"Zurückbleiben bitte!"

Doch die Bahn bleibt stehen, weil sich ein Pärchen aus meinem Waggon nicht voneinander trennen kann.

Es wird in der Tür der Bahn umarmt und geküsst als sei es ein Abschied für immer.

Abwechselnd ist mal sie und mal er auf dem Bahnsteig, aber ständig wird durch das Geknutsche und Gekuschele der Schließmechanismus der Tür blockiert.

Das geht so sicher eine Minute oder noch länger.

Dann meldet sich der Fahrer der Bahn mit leicht ungehaltener Stimme übers Mikrofon.

"An das Pärchen an Wagen drei, könnten Sie sich bitte mal entscheiden, was Sie wollen?"

Kurze Pause.

"Immer rein, raus, rein, raus... Das können Sie in Ihrem Schlafzimmer so machen, aber nicht in meinem Zug!"

Das Pärchen verschwindet augenblicklich von der Tür.

Die Bahn fährt endlich ab.

Übers Mikrofon hört man den Fahrer noch leise irgendwas von wegen "immer diese Notgeilen" und "alle bekloppt" murmeln, dann schaltet er das Mikro ab.

Mittwoch, 30. Juli 2014

Diggie und die Schanze

Ich sitze auf einer Treppe im Schanzenviertel, neben mir in der Ecke liegt noch der von anderen zurückgelassene Unrat des vergangenen Tages. Eine leere Zigarettenschachtel, eine zerdrückte Coladose und eine Verpackung des Döner-Dealers um die Ecke, aus der eine Taube sich ihr Abendessen heraus pickt, als ich an komme.

Den darauffolgenden "Wer zuerst weg guckt, hat verloren!"-Wettstreit gegen sie gewinne ich spielend, denn in sowas bin ich gut. Also setze ich mich und sie pickt in stiller Koexistenz in meinem Rücken weiter.

Ich trinke ein Bier vom Kiosk nebenan, beobachte mal mehr und mal weniger interessiert und belustigt die, die an mir vorbei laufen und plane mit der besten Hamburg-Freundin kommende Unternehmungen.

Per WhatsApp, da sie krank zuhause im Bett liegt.

Es ist ein prima Abend.

Zumindest für mich, für sie wohl weniger.

Rechts neben mir lässt sich ein Schatten auf der Treppe nieder, die Taube flüchtet und drei Sekunden später reckt sich eine Hand samt Astra-Knolle zwischen mein Gesicht und das Display meines Handys.

"Prost Diggie!"

"Diggie"...

An sich mag ich den hamburger Schnack ja, meistens zumindest, aber "Diggie" geht absolut gar nicht.

Vor allem nicht von jemandem, den ich nicht ansatzweise kenne. Den ich bis dato nichtmal zu Gesicht bekommen, sondern nur als Schatten im Augenwinkel und als Hand mit Bierflasche vor meinem Gesicht wahrgenommen habe.

Blöderweise hängen meine Kopfhörer um meinen Hals, da ich nicht multitasking-fähig bin und ergo nicht gleichzeitig Musik hören und der rein platonischen besseren hamburger Hälfte sinnvolle Dinge schreiben kann, ich kann also nicht so tun, als hätte ich ihn nicht gehört.

Fuck, Anfängerfehler! Hätte ich doch die Kopfhörer trotzdem aufgesetzt, ob da wirklich Musik läuft, merkt ja eh niemand. Man kann ja immer so tun als ob.

Einen Moment lang starre ich die Hand mit der Bierflasche an, aber sie verschwindet leider nicht von selbst, obwohl ich mich sehr darauf konzentriere, sie verschwinden zu lassen.

Nach einem tiefen innerlichen Seufzer schaue ich nach rechts und da sitzt einer mit gegeltem Haar und Grinsefresse, der mich erwartungsvoll anschaut.

Offenbar sucht er einen neuen Freund.

Der will ich nicht sein.

Aber da ich gut erzogen wurde und manchmal ein bisschen zu wenig oder einfach gar nicht nach- oder mitdenke, stoße ich mit ihm an und lasse mich auf Small Talk ein.

Mein zweiter kapitaler Fehler innerhalb kürzester Zeit.

"Was machste denn hier, Diggie?"

"Es ist Wochenende, es ist warm, was soll ich groß machen? Trinke n Bier, guck mir die Leute an, komm bisschen runter. Und du so?"

Der dritte verheerende Fehler in Folge. Keine Fragen fragen, verdammt!!

Mein Verhalten erinnert mich spontan an das der brasilianischen Abwehrkette im Halbfinale. Vollkommen kopflos laufe ich ins Verderben.

Meine Antwort hätte natürlich anders lauten müssen. Irgendwas, das ihn vertreibt oder zumindest abschreckt.

"Ach, ich häng hier auf der kühlen Steinstufe ab, das ist total angenehm. Weisste, meine Drecks-Hämorrhoiden sind mal wieder so entzündet, Alter. Eitern wie bescheuert, echt! Und das brennt, ernsthaft, willste nicht haben! Aber eyh, wo wir doch jetzt Kumpels sind, vielleicht hilfst du mir beim Wechseln der Wundpflaster? Is schwer allein, ich seh da ja nix. Dunkle Seite des Mondes und so, haha. Verstehste?"

Das wäre eine gute Antwort gewesen. Nach dem zweiten Satz hätte ich meine Treppe wieder für mich und meine Ruhe zurück gehabt.

Und was antworte ich?

"Und du so?"

Kurz überlege ich noch, mir spontan selbst meine Bierflasche über den Schädel zu ziehen, aber es ist zu spät.

"Diggie, ich such Weiber! Aber nur geile! Mein Kumpel hat mich angerufen, sagte, er hat zwei Torten am Start, ich direkt rein ins Taxi und hergefahren, vom Kiez, Diggie, vom Kiez! Und dann? Sehen die Weiber aus wie Typen. Null Titten Diggie! Null!! Was soll das? Will der mich verarschen?? Ernsthaft Diggie, Tussen müssen Titten haben! Ernsthaft!"

Peng.

Meine rechte Gehirnhälfte ist direkt komplett betäubt, die linke schreit panisch nach mehr Bier, um das, was da garantiert noch nachkommen wird, ansatzweise anständig zu überstehen.

Eigentlich sollte ich meinen Rucksack nehmen und kommentarlos gehen, aber das ist hier irgendwie wie bei einem Unfall auf der Autobahn, da gucken auch immer alle und fühlen sich dabei und vor allem danach schlecht.

Man könnte es auch als eine Form der Selbstkasteiung betrachten, nur ohne Büßergürtel und blutige Striemen auf dem Rücken.

Dafür halt blutige Striemen in den Ohren und im Hirn...

Ich öffne ein neues Bier und höre mir an, was er so zu sagen hat.

Er wohnt direkt an der Reeperbahn, direkt mitten drin, da wo was geht, da wo man was starten kann, "wennde in Hamburg geil wohnen willst, geht das nur direkt in Pauli, Diggie!", er zwinkert mir verschwörerisch zu. "Is mal so ne Info für dich Diggie, is schwer als Neuling in Hamburg, Großstadt und so, klar, aber wenn was geht, dann aufm Kiez Diggie!"

Ich sage nichts, ich nicke nur und trinke.

Er schmeißt mir Quadratmeterzahlen und Mietpreise um die Ohren, bei denen mir schwindelig wird.

"Unter 100 Quadrat zieh ich gar nicht erst ein, Diggie, was soll das denn? Kann ich auch gleich auf der Strasse leben wie so'n Asi. Wir wohnen jetzt auf 140 zu zweit. 2200 warm, kannste nix sagen!"

Womit er vermutlich sogar Recht hat. 140 qm in der Lage für 2200€ dürften ein Schnäppchen sein. Wahrscheinlich ist sein Scheißhaus größer als mein Schlafzimmer. Und mit goldenen Fliesen gekachelt. Und während er auf dem Thron sitzt, fächelt ihm ein Haussklave mit einem Palmwedel Luft zu...

Ich nicke. Und trinke.

"Wo wohnst du denn?" will er wissen.

"Barmbek-Nord."

"Ok, Barmbek. Da soll es ja grad ziemlich bergauf gehen!"

Er klingt tatsächlich interessiert.

"Ja, das Viertel verändert sich. Da wird neu gebaut, vor allem aber saniert. Wie bekloppt. Altes raus, Neues rein, nur halt für die dreifache Miete dann. Das es bergauf geht, würd ich nicht sagen. Alteingesessene können sich ihre Wohnungen, in denen sie teilweise seit Jahrzehnten gelebt haben, nicht mehr leisten und müssen wegziehen. Irgendwo an den Stadtrand. Alte Menschen werden aus ihrem Lebenszentrum gedrängt. Mit "bergauf gehen" hat das in meinen Augen wenig zu tun. Im Gegenteil, ich find's ziemlich ätzend. Ich hab's nicht so mit Gentrifikation."

Das erzähle ich aber definitiv dem Falschen.

Er schaut mich an, als hätte ich mich grad als Marsianer geoutet und mir wären Tentakel aus den Nasenlöchern gewachsen.

"Ist doch geil!" sagt er. "Haben die halt Pech, wenn sie keine Kohle haben. Und wer will schon uralte Nachbarn? Ist doch scheißegal, wenn die weg sind, zieht da vielleicht ne geile Alte ein und lässt dich ran!"

Er freut sich diebisch über sein Wortspiel. Alte Nachbarin raus, geile Alte rein, haha, ein Knaller, ich kann kaum noch an mich halten...

Er grinst mich voller Erwartung an.

Ich soll jetzt applaudieren und ihm eine hohe Fünf anbieten, mindestens aber lachen. Und das lauthals. Bis zur Atemnot.

Ich sage nichts, sondern starre ihn wortlos an und exe mein Bier.

Er wirkt kurz verunsichert, fängt sich aber schnell. "Diggie, wenn Barmbek mal irgendwann cool ist, fahr ich vielleicht auch mal hin!"

Ich schaue, er überlegt, was nun zu tun ist. Ich höre die kleinen Rädchen in seinem Kopf förmlich rattern.

"Willste noch ein Bier Diggie? Ich hol was."

Bestechung, natürlich, die einfachste aller Lösungen.

"Ja, für mich ein Getränk mit irgendwas, das mein Hirn abschaltet und für dich bitte eins mit Arsen!" denke ich.

"Neeh danke, lass mal. Alles gut!" sage ich und habe trotzdem wenig später ein offenes Astra vor mir stehen.

"Kiez Diggie, da geht immer was", er labert einfach ohne Punkt und Komma weiter, als wäre er nie weg gewesen, "aufm Berg, am Albers-Platz, geilste Orte der Stadt!"

Jetzt verspüre ich kurz fast so etwas wie Mitleid mit ihm. Wenn der Hamburger Berg und der Hans-Albers-Platz die für ihn besten Orte dieser Stadt sind, dann läuft bei ihm irgendwas ganz gehörig falsch. Aber das war ja bereits vorher klar.

Kurz überlege ich, ihn zu fragen, ob er den Park Fiction oder das Gelände auf der anderen Seite des alten Elbtunnels mit der grandiosen Aussicht auf die Landungsbrücken kennt...aber den Gedanken verwerfe ich schnell wieder.

So einer kennt solche Orte nicht. Er wüsste sie nicht zu würdigen. Und er hat sie auch gar nicht verdient.

Ich nippe am von ihm ausgegebenen Bier. Es schmeckt seltsam. Irgendwie eklig. Ob das am Käufer liegt?

Der legt wieder los.

"Diggie, aufm Berg findest du die derbsten Schlampen! Echt, derbe geil! Einen Longdrink und ich nehm die mit nach Hause, die Schlampen. Deswegen wohn ich ja da direkt da an der Reeperbahn!"

Natürlich, warum auch sonst. Ich nicke und trinke. Nein, das Bier schmeckt nicht. Aber es macht vieles ein bisschen egaler und das ist grad recht hilfreich.

Zwei Mädels laufen vorbei, er ruft "Hallo ihr!", packt mich unverhofft an der Schulter und zerrt mich zu sich heran. "Entschuldigung, wir sind nicht von hier, wo kann man denn hier gut feiern gehen?"

Ich fasse es nicht. Der Mistkerl macht einen auf Barney Stinson aus meiner Lieblingsserie und kopiert einen seiner Abschlepp-Moves. Allmählich reicht es mir.

"Oh, hmmm," die Blondine im Minirock überlegt. "Da gibt es echt viel hier in der Gegend" sagt sie, "Die Schanze ist voll angesagt, ich geh hier schon seit zwei Jahren hin! Ihr findet bestimmt was!"

"Seit zwei Jahren schon? Wow, Glückwunsch! Und was genau mit Medien machst du? Lass mich raten: Mode-Blog??"

Fast hätte ich es laut ausgesprochen und nicht nur gedacht.

"Ok und wohin geht ihr?" fragt er die beiden und lächelt.

Ein kaltes Lächeln.

So wie die Schlange das Kaninchen anlächelt, bevor sie zubeißt.

Das Püppchen kichert angetan, deutet dann aber wohl meine abwehrende Gestik in seinem Rücken richtig und antwortet irgendetwas Belangloses.

Dann dreht sie sich um und geht.

Ich grinse.

Er flucht.

"Diggie, in der Schanze gibt's echt nur prüde hässliche Weiber! Hätte ich die auf dem Berg getroffen, dann würd ich sie in einer halben Stunde in meiner Bude knallen. Schwöre ich! Mehr kann die eh nicht außer sich knallen lassen!"

Ich schaue ins Leere. Ich habe keine Lust mehr. Er ekelt mich an. Ich lege mir im Kopf ein paar Schimpfworte zurecht, die ich ihm gleich nacheinander vor den Schädel ballern will.

Dazu kommt es nicht mehr.

"Gregor, Diggie!!" Einer der grad vorbei lief, dreht sich um und schaut. Sie fallen sich in die Arme und ich spüre so etwas wie Erleichterung.

Wenn ich da jetzt nicht dazwischen funke, dann bin ich ihn endlich los, diesen ekelhaften Typen.

Sie reden. "Komm doch mit Diggie!" - "Kann nicht Diggie, in paar Stunden geht mein Flieger!" - "Flieger Diggie?" - "Ja Diggie, ich flieg nach Kapstadt Diggie!" - "Was geht ab Diggie, Kapstadt, warum das denn Diggie?" - "Ist cool da Diggie! Coole Leute! Coole Stadt! Ich hab echt wenig Zeit. Hab grad fertig gepackt und will mit meiner Mitbewohnerin gleich noch auf einen Cocktail los Diggie. Kommt doch mit, du und dein Kumpel!"

Ich lehne dankend ab. Gern hätte ich Gregor irgendwas wie "Schaff mir den Typen bloß vom Hals!!" zugerufen...der mir zugelaufene Proll-Psychopath ist aber bereits aufgesprungen und Feuer und Flamme für die Cocktail-Sache.

"Diggie, du hast ne Mitbewohnerin?? Ist die geil??"

Als Gregor zögernd bejaht, bin ich vergessen.

Endlich.

Mein notgeiler Sitznachbar packt Gregor an der Schulter und macht Meter. Gregor schaut mich über die Schulter nochmal mit einem verwirrt-entschuldigenden Blick an und ein bisschen tut er mir leid, weil er das neureiche und vor lauter Potenz strotzende Testosteronbündel nun an der Backe hat.

Vor allem aber bemitleide ich seine Mitbewohnerin, die noch nicht ahnt, was da auf sie zu kommt.

Ich lehne mich entspannt auf meiner Stufe zurück, blinzele ins Licht der nächststehenden Straßenlaterne und nippe am ausgegebenen Bier, das auf ein Mal gar nicht mehr so übel schmeckt.

Es kann von hier an nur wieder aufwärts gehen in dieser Nacht.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Von Lucia und Paula und Tim und dem Namenlosen

Montag Nacht kurz vor 0 Uhr in der U-Bahn:

"Lucia, wann sind wir denn da?"

"Vier Stationen noch bis Barmbek und da steigen wir um in die S1 und dann eine Station später steigen wir aus und da holt uns Marvin dann ab."

"Cool, ich freu mich total. Ist echt super, das Marvins Kumpel eine Party schmeißt. Die Wohnung seiner Eltern soll total toll sein!"

"Ja, ich freu mich auch, die haben einen Pool und auch einen Kamin!"

"Echt? Wow, das ist geil!"

"Ja, ich mag Kamine auch, meine Großeltern haben einen und den machen sie an Weihnachten immer an, voll gemütlich!"

"Ooooooooooh!!! Tooooooooll!!"

"Ja, aber ich glaube, das wir heute eher den Pool nutzen als den Kamin. Der ist ja drinnen, da wird es nicht zu kalt nachts!"

"Heute Nacht wird es eh nicht kalt, es sind doch jetzt noch so 25 Grad!"

"Ich springe bestimmt in den Pool, ich hab mir sogar letzte Woche extra einen neuen Bikini gekauft, den zieh ich heut zum ersten Mal an! Premiereeeee!!" Lucia strahlt übers ganze Gesicht.

"Oooooooooooooooh, tooooooooooll!!!"

Die Jungs schauen sich beim Gedanken an Lucia in ihrem neuen Bikini aufgeregt an.

Sechzehn Sekunden Schweigen.

"Lucia, dein Oberteil ist echt hübsch! Steht dir!"

"Oh, cool, danke Tim, das habe ich letzte Woche bei H&M gekauft. Mit dem Bikini zusammen."

"Oh, dann bin ich auf den erst richtig gespannt!"

Lucia lacht. Tim grinst schief. Der namenlose Cap-Träger schaut genervt.

Dann:

"Paula, Marvin schreibt grad über Whatsapp, daß er uns nicht abholen kann, ruf den mal an!"

Paula ruft Marvin an.

"Hey Marvin, hier ist Paula, warum holst du uns nicht ab? Das hatten wir doch so abgemacht? Wir wissen doch gar nicht, wo wir hin müssen!"

Pause.

"Ach so, du bist schon betrunken...wir sind aber auch ziemlich spät dran. Ja dann ist ok, wir finden das dann schon irgendwie."

"Was?"

"HAHA, echt jetzt??"

"Ja ok, neeh, dann mach mal! Chrissie macht nicht mit jedem rum, die Chance musst du nutzen!"

"Ja, danke, dir auch! Bis nachher!"

"Was los Paula?" fragt Tim.

"Marvin kann uns nicht abholen, der macht gleich mit Chrissie rum sagt er!"

"Alter, der hat aber auch immer Glück! Scheiße, Chrissie wollte ich heut klar machen. Ich hab euch gesagt, daß wir früher fahren müssen!" sagt der Junge mit dem Cap und schaut noch genervter.

"Kannste doch trotzdem noch." sagt Paula. "Das wird ja ne lange Nacht. Und sonst suchste dir ne andere."

Dabei grinst sie ihn eindeutig zweideutig an.

Merkt er aber nicht.

"Stimmt, mach ich dann halt später" antwortet er und jetzt schaut sie auch genervt aus ihrem figurbetonten Träger-Top.

"Kann eigentlich einer von euch Tüten drehen?" fragt der Namenlose mit der Cap nach einer kurzen Pause.

"Das macht Marvin, wenn der grad nicht wieder irgendwo mit irgendeiner rum macht, der kann das!"

"Super, ich hab extra nochmal was eingekauft gestern, das war nicht leicht, aber ich kenn da ja Leute."

"Die sind älter, oder?" fragt Lucia.

"Ja, klar! Aber ich kenn die schon länger, die verkaufen keinen Scheiß, das glaub mal." antwortet der Namenlose.

"Oh Mann das ist so cool! Was hast du gekauft?" In Lucias Stimme schwingt eine gewisse Bewunderung mit.

Während Lucia den mit dem Cap anhimmelt, schießt Paula vernichtende Blicke in ihre Richtung, die selbst mir im Abteil gegenüber unangenehm sind.

"Nichts Dolles hab ich gekauft, Weed halt und ne kleine Platte, das reicht schon. Aber ihr müsst was dazu bezahlen!"

Zustimmendes Nicken.

Paulas Handy piept.

"Super, Fenja schreibt grad, daß sie den Wodka für die Mischen hat! Find ich voll gut!"

"Perfekt! Weil ohne betrunken sein kann ich nicht kiffen!" sagt Tim. "Dann muss ich immer so derbe husten und der Scheiß wirkt nicht. Geht nur, wenn ich dicht bin."

"Du bist ja auch ne Pussy!" antwortet der Namenlose.

Alle lachen.

Ich nicht.

Denn die, die da grad die derbe Abschussparty mit integriertem Rumhuren planen, sind keine Woodstock nachhängenden abgeranzten Studenten-Hippies und auch keine fast fest im Leben stehenden Mittzwanziger im alle paar Wochen auflodernden Partyrausch.

Lucia, Paula, Tim und der Namenlose sind vielleicht fünfzehn. Und das ist noch optimistisch geschätzt.

Mir ist sowas ja im Prinzip komplett egal, von mir aus kann jeder mit seinem Leben anstellen, was er will, der mit der Zeit angestaute Druck muss schließlich auch irgendwie irgendwann wieder raus und man muss da seine Wege finden. Kenn ich ja selbst.

Sollen sie doch von mir aus rauchen wie ein Schlot, sich gepanschten Dreck in die Venen drücken, bis die irgendwann platzen, saufen bis zum Untergang oder wie bescheuert und ohne Verstand mit allem und jedem durch die Gegend vögeln...ist mir alles vollkommen egal. Jeder so wie er es für richtig hält.

Solang es mir nicht auf den Sack geht.

Hier ist es anders.

Sohnemann ist nur ein, zwei Jahre jünger als die, die sich da grad lautstark über Alkohol, Drogen und Rumgeficke unterhalten.

Und die Jungs und Mädels sehen nicht mal aus wie fast volljährig, die sie ja auch nicht sind, sie sehen exakt aus wie das, was sie sind: Kinder.

Ich bin relativ selten sprachlos, aber das ist jetzt einer dieser Momente.

Barmbek.

Endhaltestelle.

Lucia, Paula, Tim und der Namenlose steigen aus und wechseln auf den S1-Bahnsteig Richtung alkohol-und drogenbeseelter Abschussfeierei bei Marvins Kumpel irgendwo in der "Friede, Freude, Eierkuchen"-Nachbarschaft in Stadtparknähe wo nicht der Pöbel und die Ghetto-Kids leben, sondern tendenziell eher die "gehobenere Gesellschaft".

Ich höre sie noch diskutieren und lautstark reden, während ich auf dem Weg aus dem Bahnhof hinaus meine Kopfhörer aufsetze und dem Telefon die Musikauswahl überlasse.

Das letzte, das ich höre, bevor die Musik einsetzt, ist eine der Mädels, die eine andere mit schriller Stimme als "Nutte" beschimpft.

Eine Millisekunde lang bin ich versucht zu grinsen, dann brettern mir ein paar amtliche breakdowns in den Gehörgang und ich bin wieder geerdet.


Solange Sohnemann seine Play Station und Fußball noch interessanter als das andere Geschlecht und irgendwelche Party-Eskapaden findet, kann ich ruhig schlafen.

Ich beschließe, über das "wie lange noch" ein anderes Mal nachzudenken, fühle mich augenblicklich besser und laufe nach Hause.

In meinem Rücken fährt die S1 aus dem Bahnhof und bringt Lucia, Paula, Tim und den mit der Cap an ihr Ziel.

Destination Abschuss.

Generation Abschuss.

Irgendwie auch ein bisschen tragisch.

Irgendwie schon.

Freitag, 27. Juni 2014

Under the bridge

Samstag Nacht im Schanzenviertel.

Kurz vor ein Uhr.

Die Nachbeben des Deutschland-Spiels sind abgeebbt, das mehr oder weniger feiernde Volk ist auf dem Weg gen Reeperbahn oder hat sich auf die verschiedenen Bars rings herum verteilt. Es ist still geworden. So still, wie es in einer solchen samstäglichen Nacht eben werden kann in diesem Teil der Stadt.

Unter der S-Bahn-Brücke baut beleuchtet von blauen Neonröhrenlichtern einer ein Mikro und einen Verstärker auf. Ein junger Typ, Mitte zwanzig maximal, dunkler Wuschelkopf, blaue Trainingsjacke, abgewetzte Jeans.

Ich lehne an einem der Brückenpfeiler, leere das vermeintlich letzte Bier und beobachte das.

Ich mag Straßenmusiker, leider sind sie selten gut. Vereinzelt entdecke ich mal einen, dem ich gerne länger zuhöre. Meist reichen ein oder zwei Lieder und ich habe genug gehört, werfe ein bisschen Kleingeld in den Hut und gehe meines Weges.

Eigentlich kann ich mich an nur eine einzige Musikerin in den letzten Jahren erinnern, bei der ich lange gestanden und ihr zugehört habe. Das war in Berlin vor dem Eingang der Schönhauser Allee Arcaden, einem Ort also, an dem sonst nie irgendetwas Gutes passiert und an dem man im Normalfall von allen Seiten nur genervt wird. Spende für dies, gib Geld für jenes, unterschreib hier, Ihren Namen bitte dort...

Ich möchte dann immer so etwas wie "Keine Sorge, ich spende, wenn ich kann. Und das gern. Aber nicht nach einem verbalen Terrorangriff auf meinen Nervenapparat wie diesen grad!" antworten, tue das aber doch nie, sondern drehe mich einfach um und ignoriere.

Ein Mal stand mitten auf dem Platz vor den Arcaden ein Mädchen mit ihrer Gitarre und spielte und sang. "Knockin`on heavens door", "Wonderwall", all das Zeug, das jede/-r Straßenmusiker/-in im Repertoire hat. Haben muss. Nichts weltbewegendes. Dann packte sie "Angel" von Sarah McLachlan aus und ich war überrascht.

Ja, ich weiß, "Stadt der Engel" ist ein absoluter Frauenfilm und das Lied so gewollt tragisch, dass es fast weh tut - ich mag trotzdessen (und trotz Nicholas Cage) sowohl den Film als auch das Lied, letzteres sogar sehr. Warum das so ist? Das wüsste ich selbst gern.

Irgendwann spielte sie dann Radioheads "Creep", vermutlich eins der besten Lieder aller Zeiten, und nein, darüber ist eine Diskussion mit mir vollkommen unsinnig, von Anfang an zum Scheitern verurteilt und absolute Lebenszeitverschwendung. Eins der besten Lieder aller Zeiten. Punkt.

Sie spielte und sang "Creep" und sie spielte und sang das so gut, dass ich extrem beeindruckt war und beinahe lautstark applaudiert hätte, als sie den Song beendet hatte.

Ich habe sie dann zu einem Kaffee eingeladen und ihr eine ihrer Demo-CDs abgekauft und die höre ich heute noch gern.

Gute sechs Monate später hat sie es im TV beim unsäglichen DSDS versucht und wurde von ausgemachten Experten wie Bohlen und den beiden Lutschern von "Tokio Hotel" in Grund und Boden gedisst. Zu wenig Oberweite und zu viel im Kopf, so in etwa werden die Ausschlusskriterien gelautet haben.

Warum man mit so viel Talent ausgerechnet zu einem DSDS-Casting rennt, zu einer Show also, in der es zweifellos zu 90 Prozent um die Optik und nicht das Können geht, verstehe ich allerdings bis heute nicht.

Heute sitzt die Gute vermutlich wieder irgendwo in der Hauptstadt an einer Straßenecke, spielt auf ihrer Gitarre und singt. "Elen" ist ihr Künstlername, wenn ihr sie seht: Bleibt stehen und hört einen Moment zu. Das lohnt sich.

Während ich so in meinen Erinnerungen schwelge und mir denke, dass der Wuschelkopf unmöglich besser sein kann, hat der sein Equipment fertig aufgebaut, schaut etwas schüchtern in die Runde, räuspert sich und stellt sich leise vor.

"Hi, ich bin Basti und ich mag keine Spitznamen. Wie ist denn das Spiel ausgegangen?". Als ihm jemand das Endergebnis zuruft, schaut er verwirrt und zuckt mit den Schultern.

"Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist, ich habe keine Ahnung von Fußball. Egal, ich fang mal an zu spielen."

Das tut er dann auch.

Robbie Williams, "Angels". Unkaputtbar, das Lied. Nicht originell, aber das er gut ist, merkt man schon nach wenigen Augenblicken.

Als nächstes Duran Duran - "Ordinary world". Das Lied mag ich und hab es auf der Straße noch nie gehört, er sammelt Pluspunkte.

Danach die Red Hot Chili Peppers mit "Under the bridge", die Band kann ich mal gar nicht leiden, das Lied ist ok. Pluspunkte. Dann irgendwas, das ich nicht kenne, es gefällt mir aber. Danach Oasis. "Wonderwall"? Neeh, "Don`t look back in anger". Auch nicht sonderlich kreativ, aber immerhin bringt er nicht den Gassenhauer schlechthin. Außerdem solide gespielt und gesungen. Der Junge kann was, er muss es nur allmählich mal zeigen.

Mein Bier ist so gut wie leer und ich rechne damit, dass er jetzt weiter das standardisierte Staßenmusiker-Ding durchzieht, für das es irgendwo in muffigen Kellerräumen des Bezirksamtes Altona ganz sicher einen Pappkarton voller Akten mit Regelungen und Playlists gibt - aber nein.

Tut er nicht.

Der Typ spielt die Nine Inch Nails! "We`re in this together", live und akustisch (dass das überhaupt geht!!) unter der S-Bahn-Brücke am Bahnhof Sternschanze. Das Lied, das definitiv auf meiner Hochzeit gespielt werden wird, sollte es mal so weit kommen... Beim Refrain singt er auch nicht mehr, er brüllt und rotzt den Text in sein Mikro und da ich die Nine Inch Nails bisher zu meiner Schande noch nie live gesehen habe, ist das die verdammt nochmal beste Live-Version, die ich von diesem Lied je gehört habe. Ich benutze das Wort selten und ungern, aber: Ist das geil!

Die Zahl der Zuhörenden hat sich inzwischen mindestens verdreifacht, es wird geklatscht, gejubelt, die drei zugedröhnten Punker um die 40, die einige Meter weiter etwas motivationslos auf einer Bongo herum trommelten, um Kleingeld für Gras zu erschnorren, haben das nun aufgegeben, stehen in vorderster Front und schlagen sich abwechselnd, während sie ein paar Zentimeter in die Höhe springen, die Ellenbogen in die Rippen. Bekiffter Pseudo-Pogo während eines akustischen Straßenkonzerts. Das ist auch neu.

Basti, der keine Spitznamen mag, gefällt das aber und er fragt die Punks nach einem Musikwunsch.

"Sex Pistols, Digger!"

Sex Pistols? Kein Problem! Kann er. Hat er drauf. Spielt er. Und wie! Ich bilde mir ein, Freudentränen in den Augen der in die Jahre gekommenen Revoluzzer zu sehen.

So geht das dann noch eine Weile weiter.

Metallica - "The unforgiven", NoFx - "Kill all the white men", Blink 182 - "All the small things", zwischendurch hat er mal einen Hänger, als er einem Mädchen mit tiefem Ausschnitt frech grinsend und auf eben diesen schielend ihren Wunsch nach Coldplay erfüllt. Ich weiß nicht, wie das Lied heißt und er verkackt es auch ziemlich, das ist aber vollkommen egal. "Noooobody saaaaid it was easy, it`s such a shame for us to paaaaart, lalala" und so weiter.

Eine Polizeistreife fährt langsam vorbei, wie in Zeitlupe, hat was von einem dokumentarischen Ghetto-Film à la "Do the right thing" von Spike Lee.

Wenn noch mehr Zuhörer stehenbleiben, dann ist der Gehweg bald komplett verstopft. Es herrscht Gedränge und die Cops haben da ein Auge drauf.

"Ich glaube, das wird hier bald offiziell beendet." sagt Basti, der keine Spitznamen mag, grinsend in sein Mikro und macht mit deutschen Songs weiter.

Tocotronic - "Gegen den Strich", Die Sterne - "Was hat dich bloß so ruiniert", ich feiere das, das war DER Song meiner Jugend und lief auf dem Ghettoblaster in der Schul-Cafeteria in den großen Pausen rauf und runter, bis irgendwann das Tape den Geist aufgab!

Als er dann Muff Potter`s "Wir sitzen so vorm Molotow" raus haut, möchte ich ihn am liebsten umarmen! Mein Gott, wie ich diese Band vermisse...

Zwei Lieder später rücken dann tatsächlich die Uniformierten an und "beenden die Aktion". Weil es zu laut ist, Anwohnerbeschwerde und so, blablabla. Das übliche Ding.

In eine Szene-Gegend ziehen, weil man es mit Anfang/Mitte zwanzig cool und super findet, mitten drin zu sein im Nachtleben, fünf, sechs, sieben, acht Jahre später, wenn man meint, "seriös" und "zu alt" für eben das geworden zu sein und schlimmstenfalls seine Spießer-Gene bereits weiter vererbt hat, ruft man wegen dem, was man damals so toll fand, die Staatsgewalt.

Ruhestörung. In der Schanze. Samstag nachts. Um irgendwas gegen halb zwei oder so.

Finde den Fehler.

Das ist so, als wenn irgendwelche Zugezogenen in Berlin-Kreuzberg der Lautstärke wegen gegen Clubs klagen und die deswegen geschlossen werden.

Oh, wait...

Basti, der keine Spitznamen mag, spielt noch schnell ein paar Takte vom "Folsom prison blues" und baut dann ab, die Cops beobachten genauestens. Der musizierende Schwerstverbrecher muss im Auge behalten werden.

Vom letzten Kleingeld habe ich am Bahnhofs-Kiosk noch zwei Bier geholt, eins drücke ich ihm in die Hand und wir stoßen an.

Ein kurzes Gespräch nur, er ist nicht aus Hamburg sondern wie ich aus der Provinz, er reist herum und macht Musik und er will weiter und anderswo spielen, Altona, Landungsbrücken, egal. Ich empfehle ihm den Park Fiction oberhalb der Hafenstraße und erkläre ihm den Weg dorthin. Findet er gut. Da will er spielen, sagt er. Und, dass er die Nacht durchmachen wird, denn am Vormittag hat er eine Mitfahrgelegenheit Richtung Süden.

"Die fährt bis nach Wien. Mal gucken, wo ich aussteige." grinst er und verschwindet nach einem fist bump mit seinem Gepäck Richtung Hafen.

Und ich gehe zur Bahn und fahre nach Hause. Kopfhörer auf, entspannende Musik an, Augen zu...

Für das Konzert von Basti, der keine Spitznamen mag, hätte ich Eintritt gezahlt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Großes Kino.

Die Chancen, dass er bei DSDS und Konsorten auftaucht, sicd glücklicherweise äußerst gering.

Gut so!