Donnerstag, 8. Januar 2015

Heimatgedanken

Mit tief in den Hosentaschen vergrabenen Händen laufe ich im niedersächsischen Nichts langsam die Straße entlang, in der ich aufgewachsen bin.

Sechzehn Jahre ist es her, daß ich von hier weggegangen und in die große weite Welt weit abseits von gut behüteter Kindheit und Jugend aufgebrochen bin und während ich so laufe, sehe ich vorm inneren Auge wie den Geist bei Super Mario Kart mein Schulzeit-Ich mit den damals schon hängenden Hosen, den noch fast taufrischen Air Jordans vom letzten USA-Trip und via Discman je nach Tageslaune Radiohead oder dem Wu Tang Clan lauschend, vor mir die Straße herunter schlendern und von dem träumen, was kommt, wenn es endlich abgehauen ist aus diesem Kuhkaff, das es Heimat nennt.

Das eigene Ding machen, was war ich damals geil darauf. Auf in die Großstadt! Lieber gestern als heute.

Studieren und nebenbei richtig gut leben, feiern, reisen, rumkommen in der Welt! Ich will alles und ich will es jetzt!

Die erste eigene "Bude" war ein winziges Zimmer in einem Studi-Bunker. In Oldenburg. War ok, Großstadt wird dann irgendwann später gemacht.

Neunter Stock, linker Flur, letztes Zimmer hinten rechts. Klein aber mein und mit großartiger Aussicht über die wenigen Lichter der Stadt. Bei Gewitter nachts auf dem Schreibtisch sitzend die Beine aus dem Fenster baumeln lassen und in die Tiefe aber lieber in die Ferne schauen. Dazu ein Glas Wein.

Es gab keine eigene Küche. Kein eigenes Klo. Keine eigene Dusche. Dafür aber die Dunkelhaarige aus Stralsund, die im ersten Zimmer rechts wohnte, in die ich vom ersten Tag an ziemlich verschossen war und die später ab und zu beinebaumelnd neben mir auf dem Schreibtisch am offenen Fenster saß.

Ein Jahr später dann umziehen, ein paar hundert Meter die Straße rauf und den neunten gegen den ersten Stock, die Aussicht gegen einen begrünten Innenhof und ein winziges Einzelzimmer gegen eine hübsche kleine gemeinsame Wohnung tauschen. Mit eigener Küche, eigenem Klo und eigener Dusche.

Und mit der Dunkelhaarigen aus Stralsund, die vorher im ersten Zimmer rechts wohnte und manchmal neben mir mit mir in die Ferne schaute.

Gewollt.

Gekriegt.

Das Leben lief soweit ganz gut.

Endlich angekommen an einem Ort, an dem ich mich wohl fühlte.

Ich wollte Stadtleben erleben und Dorfleben vergessen. Und das möglichst schnell.

Ich wollte alles tun können und nichts lassen müssen.

Einfach mal loslaufen und zu weit gehen. Um dann irgendwann irgendwo anzukommen und dann was draus zu machen.

Das war damals der Plan. Einiges davon hat geklappt, anderes wiederum ist glorreich gescheitert. Unter anderem die erste ernstgemeinte Beziehung mit Stralsund. Nach hartem Kampf. Aber das ist okay.

Das Vergangenheits-Ich vor dem inneren Auge verblasst und der Spätnachmittagstraum zerploppt wie eine Seifenblase.

Ich stehe gedankenverloren auf der schmalen, mit Schlaglöchern übersäten Straße vor dem Haus meiner Eltern und muss mich kurz orientieren, während ein älterer Mann, den ich noch nie gesehen habe, sein Fahrrad geschickt um mich herum lenkt und mich dabei freundlich grüßt.

"Zuhause" in Hamburg hätte er mich angepöbelt oder hätte zumindest im Vorbeifahren den Ellenbogen ausgefahren, um ihn mir in die Rippen zu schlagen. Hier auf dem Dorf nicht. Hier grüßt er freundlich, weil er mich vermutlich aus mir unbekannten Gründen noch aus meiner Zeit als Grundschüler oder von noch früher kennt und jetzt wiedererkannt hat, denn hier in meinem Heimatdorf kennt damals wie heute jeder jeden und vergessen wird hier absolut gar nichts. Und ich mag diese Tatsache heute noch genau so wenig wie früher.

Wie oft packt Mutti noch heute Geschichten über meine Clique von damals aus, die ich längst vergessen oder erfolgreich verdrängt habe. Es gruselt mich jedes einzelne Mal. Die Wahrscheinlichkeit, daß an einem anderen Küchentisch irgendwo im Land irgendjemand Geschichten über mich erzählt, an die ich mich aus verschiedensten Gründen auch nicht mehr erinnern kann oder will, ist hoch und das Gefühl bei dem Gedanken daran ist kein gutes.

Daß Mütter ehemaliger Kumpels im Heimatdorf heutzutage am Kaffeetisch noch Geschichten über mich erzählen, ist allerdings nahezu ausgeschlossen, denn sämtliche Mitglieder meiner früheren Clique sind inzwischen weggezogen und ihre Familien bis auf eine Ausnahme auch.

Ich habe hier keine partners in crime mehr, mit denen ich gemeinsame Erinnerungen teilen könnte, einer der Gründe, warum ich im Normalfall nur noch ein Mal im Jahr über Weihnachten nach Hause aufs Dorf fahre und es dort dann auch nie länger als drei Tage aushalte. Das klingt hart, ist aber so.

Ich schaue auf das Haus gegenüber meines Elternhauses und erinnere mich daran, daß früher von drüben immer Lärm zu hören war. Sägen, Hämmern, lautes Geröhre aus defekten Auspufftöpfen. Mein Nachbar Norbert war eine coole Sau, ein absoluter Sympath, ein begnadeter Handwerker und Bastler, ich weiß nicht, wieviele ferngesteuerte Autos er in meiner Kindheit für mich repariert hat, nachdem ich sie buchstäblich vor die Wand gefahren hatte. Er hat jeden Totalschaden wieder hinbekommen.

Er hatte einen riesengroßen Jagdhund-Mischling, der aufs Wort hörte. Eine handzahme hüfthohe Bestie, die einen vor lauter Freude vollsabberte, wenn man sie streichelte. Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen, aber ich weiß leider noch genau, wie ich vor Schreck laut gequiekt habe, als dieses riesige Tier zum ersten Mal an mir hoch sprang, um mir mit der Zunge quer durchs Gesicht zu schlecken. Das werde ich nie vergessen. Und ich war da nicht mehr erst elf...

Der Hund ist schon lange tot und vor drei Jahren ist mein Nachbar vorm Fernseher eingeschlafen und einfach nicht mehr aufgewacht. Mit Anfang fünfzig. Seine junge Tochter hat ihn am nächsten Morgen vorm Schulbeginn gefunden.

Irgendwas läuft falsch.

Ich drehe mich mit einem schweren Gefühl im Magen nach rechts um, gehe ein paar Schritte und schaue auf der anderen Seite der kleinen Kreuzung auf einen ausgedehnten Garten mit Goldfischteich und einem kleinen hölzernen Gartenhaus.

In der Einfahrt steht ein grüner Kleinwagen mit Initialen-Kennzeichen. Die ältere Tochter des drüben wohnenden alt-hippiesquen Lehrerpaares ist zu Besuch.

Ich war ihre erste große Liebe und das hat sie mir damals, mutig wie sie war, auch gesagt. Sie war fünfzehn, ich siebzehn. Ich fand sie ganz hübsch und nett, mehr aber dann auch nicht.

Das anständig rüberzubringen habe ich vollkommen verkackt. Hab das rausgehauen wie mit einer Abrissbirne. Voll auf die Fresse. "Du? Ich? Wir? Zusammen?? Im Ernst??" Irgendwie so. Ich weiß es nicht mehr. Nur noch, daß sie am Ende geweint und ich von der Situation überfordert gelacht habe. Es war schlimm. Ziemlich ziemlich schlimm.

Das ich Tage später auf einer Party mit ihrer besten Freundin abgestürzt bin, wird ihr sicherlich auch nicht besonders geholfen haben... Wir haben danach nie wieder ein Wort miteinander gewechselt.

"Wie sie wohl reagieren würde, wenn sie mich jetzt auf der Straße stehen sähe?" denke ich mir. Möglichkeiten gibt es viele, von durch Weitergabe der Hippie-Gene begründete Tiefenentspanntheit bis hin zu wildem Furor, der durch mein damaliges neanderthalerähnliches Verhalten durchaus begründbar in meiner sofortigen Entmannung endet, ist alles dabei. Ich möchte lieber nichts herausfordern.

Ich laufe ein paar Meter die Straße hinunter. Rechts vor einer Doppelhaushälfte parkt ein Familien-Van. Mit "Kackblag mit gewollt intellektuellem Mittelschichtennamen an Bord"-Aufkleber auf der Heckscheibe. Jan-Marten oder sowas. Kai-Christopher. Sowas. Als Rufname. Auf dem Dorf schämt man sich für so etwas noch nicht. In Hamburg hätte die Karre längst irgendwer abgefackelt. Nur des Aufklebers wegen.

Früher stand auf dem Stellplatz ein uralter rostiger Golf 1, rot mit blauem Kotflügel vorn rechts. Die Karre gehörte "Schwien", dem mit Abstand Beklopptesten aus unserer Clique. Seine Haarfarbe wechselte alle drei Wochen, sein Lippenpiercing hatte er sich im Suff selbst gestochen, er hatte warum auch immer im fliegenden Wechsel die hübschesten Mädels aus dem Umkreis von mehreren Kilometern an seiner Seite und als er endlich achtzehn war und ein Auto - den gammligen Golf - besaß, war er innerhalb kürzester Zeit der Don und kontrollierte eine ganze Weile lang alles, was in unserem und den umliegenden Dörfern mit Mary-Juana und ähnlichen Stöffchen zu tun hatte.

Den Golf hatte er zur absoluten Schmugglerkutsche umgebaut, der Wagen war dank zugute des Stauraums ausgebauter Innenauskleidungen und anderer Anpassungen nichtmal mehr ansatzweise verkehrssicher, das hat damals aber auf den Fahrten in die Stamm-Disse oder über die Grenze in die Niederlande aber keinen aus unserer Clique großartig geschert. "Schwien" hatte immer Geld und warf es großzügig durch die Gegend. Fuffis im Club und so. Hinterfragt hat das keiner von uns. Warum auch, woher die Kohle kam wusste eh jeder, "Schwien" teilte gern und wir hatten alle was von seinem "Erfolg". Und auch ohne die Moneten wäre "Schwien" immer einer von uns gewesen, das war eh klar.

Inzwischen ist er im bürgerlichen Leben angekommen und leitet erfolgreich ein Architekturbüro im Ruhrpott. Komplett mit Familie, Reihenhaus und Parzelle in der Kleingartensiedlung. Vermutlich komplett mit wehender Deutschland-Fahne. Das war damals nun wirklich nicht abzusehen und allein der Gedanke daran ist irritierend und gruselig. Wenn ich an "Schwien" denke, sehe ich immer noch den bunthaarigen Teenager vor mir, der am Steuer eines mit sieben Personen vollkommen überbesetzten altersschwachen VW Golf sitzt, sein Bier ext und mit uns anderen im Chor "Deutschland has gotta die!" gröhlt, während wir zum Atari Teenage Riot-Konzert in der nächstgrößeren Stadt fahren. Die gute alte Zeit.

Jetzt also Leiter eines Architekturbüros. Wahrscheinlich mit Schlips und Anzug und so. Verrückt, wie es manchmal so läuft.

Wieder ein paar Meter weiter schlurfe ich die Straße hoch und schaue links von mir auf einen großen Wintergarten und einen vollkommen neu herausgeputzten Bungalow, in dem früher die Familie eines anderen sehr guten Freundes lebte. Er war ein paar Jahre jünger als ich, aber trotzdem neben meinem damals besten Freund der erste, zu dem ich ging, wenn ich Probleme jeglicher Art hatte.

Ein toller Kerl, immer ein offenes Ohr, sehr besonnen, trotzdem für jeden Scheiß zu haben und immer mittendrin bei jeder einzelnen Wahnsinnstat unserer Clique. Und davon gab es viele.

In T.'s familieneigenem Partykeller fanden regelmäßig wildeste Parties statt, ein Mal an Silvester haben wir die Sauna innen rot gestrichen.

Komplett.

Mit Tomatenketchup.

Ein anderes Mal ging ein Sessel in Flammen auf, als "Schwien" eine Sportzigarette entzündete. Ich weiß bis heute nicht, wie das genau passieren konnte, gelöscht haben wir aber mit dem Gartenschlauch, sodass danach der halbe Keller unter Wasser stand. Und was ein angeschlossener Gartenschlauch in einem Partykeller zu suchen hat, selbst wenn er in dem Moment ein Geschenk des Himmels war, ist mir immer noch vollkommen schleierhaft.

T.'s Eltern nahmen die Überflutung relativ entspannt hin, vermutlich waren sie froh, daß wir nicht das komplette Haus abgefackelt hatten. Allerdings war diese Party auch unsere letzte dort. Es mag da Zusammenhänge geben, sie wurden nur nie ausgesprochen.

T.'s zwei Jahre ältere Schwester war meine damals beste Freundin, sie hat sich einen Tag nach ihrem achtzehnten Geburtstag, als sie dann endlich durfte, einen riesengroßen Drachen in furchtbarster Qualität über ihren kompletten Rücken stechen lassen, heutzutage sticht den jeder Knast-Tätowierer auf Crack in einer dunklen Arrestzelle besser, aber damals im niedersächsischen Nichts war das vermutlich kaum hübscher hinzubekommen. Sie war darauf stolz wie Oscar und ich habe einfach mal zugestimmt. Wie man das halt als Kerl so tut. "Ja, sieht klasse aus. Nein, macht dich nicht fett!"

Ich überlege, wie es wohl wäre, T.'s große Schwester mal wieder zu treffen. Kack-Tattoo hin oder her, in den ganzen bestfreundschaftlichen Jahren haben wir nicht nur ein Mal auf Parties oder den damals wie heute in der heimatlichen Einöde äußerst angesagten Schützenfesten oder Scheunenfeiern vorgegeben, ein Paar zu sein, um den jeweils anderen vor ungewollten Anbaggerversuchen zu bewahren. Händchen halten war in solchen Momenten Standard und selbst ein lapidarer Kuss, um zu beweisen "Ja, ich mein das ernst, das ist wirklich mein Mädchen/mein Kerl!" war kein Thema und es wurde uns auch fast jedes Mal als real abgekauft.

Küssen hatten wir zum Glück schon seit jungen Jahren gemeinsam geübt. Ausgiebigst. Ohne jegliche Hintergedanken sondern für eben solche Fälle.Wenn's mal gebraucht wird. Man denkt ja mit.

Vermutlich war da die ganze Zeit nicht nur von meiner Seite aus mehr im Spiel als nur albernes "küssen üben" und Händchen halten, nur kam zumindest mir Depp das damals nie in den Sinn.

Ich vermeide einen Seufzer und während ich das tue, trete ich beim Weitergehen nach ein paar Metern in eine tiefe Pfütze, die vom letzten Regenguss übrig geblieben ist und augenblicklich läuft mir das kalte Regenwasser in den Schuh.

Ich fluche laut, was den Köter auf dem Grundstück neben mir laut kläffend auf den Plan ruft. Ich versuche abwechselnd, mich und die Töle zum Wohle aller Anwohner zu beruhigen, doch beides misslingt. Der Kläffer kläfft, ich motze und fluche, wir schaukeln uns gegenseitig hoch. Ein verdammter Teufelskreis.

So verpasse ich beinahe, daß ich am Haus meines damals absoluten Erzfeindes vorbeilaufe. Ob des nassen Fußes eher vorbeihinke.

Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, schaue so böse es eben geht (da liefert der nasse Schuh gute Hilfestellung) und versuche mich zu erinnern, warum der Typ nochmal mein Erzfeind war - aber ich komme nicht mehr darauf. Nicht mal sein Name fällt mir noch ein.

Solche Jugendfehden sind, wenn man sie zwanzig Jahre später erneut und ernsthaft betrachtet, dann doch eher meist albern. Früher haben wir uns fast täglich die übelsten Dinge an den Kopf geworfen und nicht nur ein Mal floss Blut. Sich aus dem Weg zu gehen ist in so einer kleinen Dorfgemeinschaft nicht einfach, schon gar nicht, wenn man auch noch in der gleichen Straße wohnt - wir haben es aber auch nie wirklich probiert. Das gehörte zum Alltag dazu. Schule, Hausaufgaben, Training, die Clique treffen und irgendwo zwischendrin den Erzfeind anpöbeln. Ansonsten fehlte was. Und heute weiß ich nichtmal mehr, wie der Typ überhaupt hieß. Lustig.

Der "wahre Feind", so es denn überhaupt einen gibt abseits irgendwelcher Schlipsträger in gehobenen Ämtern, die einem ohne mit der Wimper zu zucken das freie Leben beschneiden, wohnt dann wohl doch eher in Form eines unter Ausfall seines schlecht blondierten Haares leidenden und ballonseidene Sportjacken tragendenden fast schon bemitleidenswerten Unterdurchschnitts-Nazis, der sich beim Rezitieren irgendwo aufgeschnappter Hetzparolen durch seine feuchte Aussprache hervorhebt, in der Etage unter mir. Und selbst der ist, wenn man es genauer betrachtet, nur ein armes Schwein, das an seiner eigenen Existenz vermutlich schon selbst mehr als genug zu knabbern hat.

Ich könnte jetzt auf der heimischen Straße nach links in eine Sackgasse abbiegen, an deren Ende noch immer die Eltern eines ehemaligen Weggefährten wohnen, ich lasse das aber sein, denn gemocht habe ich diese Eltern nie. Sie war/ist eine fanatische, fast schon radikale Katholikin und er stolperte gern mal rein zufällig ins Badezimmer, wenn eine Freundin der Tochter oder eine der immer wieder mit Kusshand aufgenommenen Austauschschülerinnen aus fremden Landen grad die Toilette benutzte oder unter der Dusche stand.

Gruselige Menschen. Ich versuche heute, jeden Kontakt so gut es geht zu vermeiden und laufe daher einfach geradeaus weiter.

Da kommt dann lange nichts außer Einfamilienhaus mit sauberem Vorgarten neben Einfamilienhaus mit sauberem Vorgarten. Fast schon steril. Das war früher schon so und das ist heute immer noch so, nur die damals schon sehr wenigen Kontrastpunkte, die Jugendlichen, die dagegen waren, sich gegen den Status Quo stellten und zumindest ein bisschen rebellierten, die das Gesamtbild aufpeppten, anpissten und durcheinanderbrachten - die sind nun komplett verschwunden.

Das waren damals wir, bunte Haare, hängende Hosen und entsprechende nicht massenkompatible Musik haben im Heimatdorf vollkommen ausgereicht, um die Dorfgemeinschaft nachhaltig zu verstören und aufzurühren.

Nirvana, Atari Teenage Riot und Rage against the machine statt 2unlimited, Whigfield und Haddaway. Ausgewaschene Bandshirts statt extrem angesagter Marken-Trainingsjacken. Wildwuchs auf dem Kopf statt in Form gegelte Raverdeppenfrisuren.

Wir waren die Außenseiter damals und deswegen wollte uns auch ständig irgendwer auf die Fresse hauen.

Ich muss grinsen als ich weiter laufe, denn diese Geschichten endeten extrem selten tatsächlich in wirklichen Hauereien, da die, die große Fressen hatten, bei reellen Konfrontationen meist dann doch zurückzogen. Und wenn es doch mal zum Schlagabtausch kam, hat sich unsere kleine Truppe immer wacker gehalten. Allerdings hatten wir - und da hatten wir verdammtes Glück - auch die beiden absolut größten Kanten des Dorfes auf unserer Seite. Ansonsten hätten wir sicher deutlich öfter Dresche bezogen und das nicht zu knapp.

Wobei man das mit den heutigen Zuständen natürlich längst nicht mehr vergleichen kann. Damals ging es immer nur eins gegen eins und es war Schluss, wenn einer nicht mehr konnte, wollte oder liegen blieb. In dem Fall wurde auf Siegerseite kurz herumgeposed und dann wurde wenn nötig dem Unterlegenen wieder auf die Beine geholfen. Die Geschichte war dann ja geklärt.

Ich will das nicht schön reden, sich gegenseitig die Fresse zu polieren ist nie gut gewesen. Aber damals hielt man sich an die ungeschriebenen Regeln. Die kennt man heute scheinbar gar nicht mehr und haut weiter drauf und tritt weiter rein wenn einer längst wehrlos auf dem Boden liegt. Gern auch zu zweit, zu dritt, zu viert...

Wie das oft endet, liest man fast jeden Tag in den Medien. Eine ekelhafte und schlimme Entwicklung, die inzwischen meist damit "entschuldigt" wird, daß "die Ehre" verteidigt oder wiederhergestellt werden "musste".

Jegliche "Ehre" ist, so sie denn überhaupt mal vorhanden war, ab dem Moment Geschichte und hinfällig, in dem einem auf dem Boden liegenden noch in den Magen oder gegen den Kopf getreten wird.

Wäre "Ehre" nicht nur ein Gedankenkonstrukt sondern etwas real Existierendes, es würde vor solchen Schlägern hämisch auf und ab tanzen, laut lachen und irgendwelche vollkommen angebrachten Witze über kleine Schwänze reißen.

...

Ich muss lachen und verschlucke mich dabei. Ich stelle mir "Ehre" als kleinen Kobold mit Cowboy-Hut vor, der zu einem irren Stakatto-Rhythmus herumspringt und dabei üble Beleidigungen in wahllose, meist aber richtige Richtungen ausstößt. Eine Vorstellung, die mir gefällt.

Zu meiner Rechten taucht das Haus auf, in dem früher mein damals allerbester Kumpel gewohnt hat.

Wir haben jede freie Minute miteinander verbracht, haben uns alles, wirklich alles erzählt, was uns auf der Seele brannte, von der Grundschule bis zu meinem Weggang aus dem Heimatdorf nach dem Abitur waren wir fast untrennbar und in gewisser Weise der Kern unserer Clique.

Ein prägender Teil meiner Jugend hat sich in diesem Haus beziehungsweise in der von seinem Vater selbstgebauten Holzgarage mit dem Basketballkorb daran abgespielt.

Zum Bolzen ging es zwar immer durch ein Loch im Zaun auf den örtlichen Sportplatz und zum Videospiele zocken hockten wir bei mir zuhaus vor der Konsole, ansonsten war K.'s Haus der Mittelpunkt und Haupttreffpunkt unserer Clique.

Ich verbinde so viele und zum großen Teil positive Erinnerungen mit diesem Haus und als ich davor stehe, kommen sie alle wieder hoch.

Ich erinnere mich an K.'s Vater, einen kleinen lustigen Mann mit Halbglatze und formidablem Musikgeschmack. Er lieh mir mit den Worten "Ich verspreche, das wird dir gefallen!" das Album "Pablo Honey" von Radiohead. Es gehört seitdem zu meinen absoluten Favoriten und "Creep" ist die unangefochtene Nummer eins auf meinen persönlichen Top-Charts.

K.'s Mutter war auch eine tolle Person, allerdings wundert es mich wenig, daß K.'s Daddy sie nur selten in seine Schatzkammer gelassen hat. Sie war extrem feministisch eingestellt, allerdings auf so ulkige Art, daß man es beim besten Willen nicht ernstnehmen konnte. Ein Mal hat sie in unserem Dorf eine Demo organisiert, weil sie im TV gesehen hatte, daß Frauen in irgendeinem afrikanischen Dritte-Welt-Land barfuß herum liefen. Und ihr größter Wunsch war nun, diesen Frauen Schuhwerk zu ermöglichen. Dafür hat sie auf der Demo auf dem Marktplatz unseres kleinen Dorfes zusammen mit der einzigen anderen Teilnehmerin der Demo - ihrer besten Freundin - tatsächlich mehrere Stunden barfuß herumgestanden und Singsangs skandiert. Die paar Mark, die zusammengekommen sind, hat sie auch tatsächlich gen Afrika gespendet und das haben wir ihr alle hoch angerechnet, wir haben sogar selbst jeder ein bisschen gegeben.

Das im betreffenden Land die Schuhlosigkeit dank extremer Armut und Bürgerkrieg wohl die geringste Sorge der im TV gezeigten Frauen gewesen sein wird, ist an K.'s Mutti leider komplett vorbei gegangen.

Auch wenn ich beim Gedanken daran immer wieder lachen muss - es wäre wohl nicht schlecht, wenn es mehr Menschen wie K.'s Mutter gäbe, die handeln anstatt nur zu reden. Selbst wenn es aus eher sinnfreiem Anlass ist. Auch wenn wir K.'s Mutter damals heimlich ausgelacht haben, war uns doch klar, daß es wichtig ist, was sie da tut. Nur hätte man es noch optimieren können. Aber zuerst zählt ja der Wille.

Es fängt wieder an zu regnen, ich ziehe mir die Kapuze über den Kopf und suche Schutz unter der großen Eiche gegenüber vom ehemaligen Haus meines ehemals besten Freundes.

An der jetzt ausgebauten hölzernen Garage hängt immer noch ein Basketballkorb, es ist nicht mehr der, auf den wir früher gespielt haben, der wurde mal '97 auf einer Party aus der hölzernen Wand gerissen, trotzdem sehe ich uns vorm inneren Auge dort auf dem Innenhof gegeneinander zocken. Drei gegen drei und trotz engster Freundschaft ohne Rücksicht auf Verluste. "Schwien" hat dabei mal zwei Zähne verloren und K. brach sich einen Finger. Unsere Liga-Spiele waren dagegen der reinste Kindergarten.

Ich erinnere mich noch, wie irgendwann '94 oder '95 während wir zockten alle zehn Minuten drei Mädels am Grundstück vorbei liefen und uns mehr oder weniger offensichtlich beobachteten. Das ging tagelang so und am vierten Tag nahm mein bester Freund mich zur Seite und sagte "Die da links mit den dunklen Locken find ich klasse. Wer weiß, vielleicht heirate ich die irgendwann!"

Mit fünfzehn oder sechzehn klingt das albern, er meinte das aber vollkommen ernst. Er war so einer.

Und er hat es auch fast geschafft, ab der Woche danach waren die beiden acht Jahre lang ein Paar und bereits verlobt.

Dann hat er es sich doch anders überlegt.

Es wäre auch zu romantisch gewesen. Und wer mag schon Happy-Ends...

Es schüttet wie aus Eimern und ich stehe inzwischen klatschnass unter der großen Eiche und wäre gern wieder ein Teenager zu Schulzeiten. Im Heimatdorf. Mit diesen fantastischen Freunden um mich herum. Mit diesem fantastischen Leben, das ich damals überhaupt nicht richtig zu schätzen wusste.

Wenn ich zurückreisen könnte, dann würde ich das sehr wahrscheinlich tun und auf meinem Lebensweg ein paar andere Abzweigungen wählen. Viele andere sogar. Nur die, die mich zu für mich heute wichtigen Menschen geführt haben, würde ich beibehalten. Ansonsten: Restart.

Wer weiß, wo ich dann ankommen würde? Ein irgendwie spannender Gedanke...

Es beginnt zu donnern und zu blitzen. Eichen soll man weichen.

Zuhause fragt Mutti, was ich denn in den letzten Stunden getan hätte.

"Nachgedacht" antworte ich. "Ich hab nur ein bisschen nachgedacht."

Montag, 22. Dezember 2014

Mitgehört (4): Der Schmetterling

Vor mir auf einer Nebenstraße in St. Pauli laufen zwei englischsprachige, größtenteils in Neonfarben gekleidete und relativ kompakt gebaute Pummelfeen, aufgrund ihres Akzentes würde ich auf die Ecke Manchester tippen.

Mir tränen ein bisschen die Augen bei ihrem Anblick.

Ein wenig angeschickert sind die beiden auch schon, die eine trägt eine fast geleerte Flasche Rosè-Sekt in der Hand, es wird nicht die erste sein.

Sie scheinen sich über ihre Outfits zu unterhalten, offenbar gehen die Meinungen da aber auseinander.

Von Satz zu Satz steigt die Lautstärke ihrer Unterhaltung und die Stimmung schlägt merklich um.

Schließlich baut die ohne Sektflasche sich vor der anderen auf, stemmt die Arme in die stämmigen Hüften und brüllt weit hörbar im breitesten britischen Akzent:

"That's not true, you're a bitch! I look like a fucking butterfly!!

Sonntag, 14. Dezember 2014

Wenn kommt, kommt (4): Damals im Ex-Job: Die werte Kundschaft

Lang ist er her, der letzte veröffentlichte Teil drei meiner gestarteten Serie über den Ex-Job im Wettbüro.

Ich hatte die Teile vier bis sechs fertig geschrieben und war auch ganz glücklich damit - bis mir mal wieder der Laptop komplett abgeschmiert ist und sämtliche Daten gen Nirvana wanderten. Danach schob ich Frust, vor allem weil ich mir recht sicher war, die verloren gegangenen Texte kein zweites Mal so zufriedenstellend hinzukriegen und ich hatte keine Lust mehr, über den Ex-Job zu schreiben.

Aber irgendwer muss es ja machen.

Und als ich vor einigen Tagen durch Zufall von einem Bekannten mal wieder in meine alte Arbeitsstelle gezerrt wurde, weil er unbedingt seine Kohle verbrennen wollte, fiel mir auf, daß ich von den Angestellten gar keinen mehr kannte, sich an der Kundschaft aber so gut wie gar nichts geändert hatte.

Da sitzen immer noch von früh bis spät die gleichen Fratzen wie zu meiner Zeit und versenken ihre Stütze in der steten Hoffnung auf den großen Treffer und da fahren auch immer noch die gleichen Unsympathen in ihren Luxuskarossen vor und schmeißen mit Kohle um sich, für die garantiert nicht sie sich krumm gemacht haben, sondern die Mädels oder die Kleindealer, die kleinen Fische, die sie grad irgendwo laufen oder in dunklen Ecken stehen haben.

Und der kleine Rest derer, die seit Jahr und Tag aus Spaß an der Freude zocken, weil sie es sich leisten können, ist natürlich auch immer noch da.

Viele bekannte Gesichter also. Und ich wurde vom sympathischen Teil der Kundschaft mit großem Hallo begrüßt, wurde umarmt, mir wurde auf die Schulter geklopft und ich musste beziehungsweise durfte viele Hände schütteln.

Irgendwas muss ich wohl richtig gemacht haben in meinen Jahren im Ex-Job. Ich habe zumindest viele "Fans" behalten. Das fand ich schon sehr lustig und zugegebenermaßen ist das ja auch ein kleines bisschen was fürs Ego.

Also habe ich mich zuhause nochmal hingesetzt, mich an Erwähnenswertes aus den sechseinhalb Jahren Ex-Job erinnert und mir ein paar Notizen gemacht. Und war dann erstaunt, daß da doch noch einiges zusammengekommen ist.

Da ich ohne diesen herzlichen Empfang gar nicht auf die Idee gekommen wäre, der Serie nochmal einen zweiten Push zu geben anstatt sie weiterhin als gescheitert anzusehen, crash and burn quasi, sehr bildlich mit Blick auf den abgerauchten Laptop, habe ich mir gedacht, ich probier es nochmal.

Und erzähle in Teil vier über die Menschen, denen man (ich) tagtäglich gegenüber stand und die mich garantiert ein paar Jahre Lebenszeit und einen großen Teil meiner Nerven gekostet haben: die werte Kundschaft.

Da waren ein paar Granaten dabei. Sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht.

Über die richtig negativen Gestalten, die Poser, die Aggros hatte ich mich ja teilweise schon ausgelassen, die waren aber auch zumeist keine Stammkunden in dem Sinne, daß sie den lieben langen Tag im Shop hockten. Sie kamen zwar jeden Tag vorbei, gern auch mehrmals, ihre Auftritte bestanden aber im Großteil daraus, ihren Luxusschlitten direkt vorm Eingang auf dem Gehweg zu parken, samt Entourage in den Laden zu stürmen und innerhalb kürzester Zeit Unsummen zu verballern. Hier mal 500, da mal 1000, man hat's ja. Wenn andere - normale - Kunden bereits Schlange standen, war das egal. Anstellen kam nicht in Frage und war dank aufgepumpten Oberarmen und grimmig dreinschauenenden Kompagnons auch nicht notwendig. In den allermeisten Fällen wurde den Arschlöchern Vortritt gewährt, weil jeder wusste, was sonst passieren könnte. Mit solchen Leuten legt man sich nicht an, selbst wenn man nur noch wenige funktionierende Hirnzellen besitzt.

In meinem Shop gab es drei dieser Prolls und ich habe sie gehasst wie die Pest. Zwar waren sie zu mir immer extrem freundlich und es gab bei Gewinn immer ein gutes Trinkgeld, klar, man beißt nicht die Hand, die einen füttert. Die waren in gewisser Weise abhängig von mir, denn hätten sie mir ans Bein gepisst, hätte ich sie dank Hausrecht und notfalls mit Hilfe herbeigerufener Polizeibeamter jederzeit vor die Tür setzen können - was ich unter Umständen später bitter bereut hätte. Also machten sie auf gut Freund und ich spielte mit, alles andere wäre unklug gewesen.

Jeder im Shop war froh, wenn die Spinner nach ein paar Minuten wieder verschwunden waren.

Der Großteil der Kundschaft war aber friedlich, freundlich, ab und an sogar mal höflich oder zuvorkommend. Zwar meistens auch nicht ganz lupenrein, aber das ist in so einem Umfeld halt so und man sieht darüber hinweg beziehungsweise gewöhnt sich daran. Wenn man das nicht kann, dann ist man eh definitiv im falschen Job.

Ich habe zum Eingewöhnen etwa zwei Wochen gebraucht, nach meiner ersten Schicht war ich "schockiert" über das, was ich da erlebt hatte und wollte direkt wieder hinschmeißen. Das war eine Parallelwelt, mit der ich überhaupt nicht klar kam. Zu den nächsten Schichten bin ich nur dank besorgniserregender Kontostände und gutem Zureden der besseren Hälfte gegangen.

Aber zurück zum meist friedlichen, meist freundlichen, selten höflichen und ebenso selten lupenreinen Teil der werten Kundschaft.

An diese Typen erinnere ich mich gern und einige von ihnen habe ich tatsächlich ziemlich gemocht.

Einer von denen mit nicht lupenreiner Weste war "Apotheken-Ali", ein Jahr älter als ich, Türke, den Spitznamen hatte er, weil man bei ihm alles bekommen konnte was Pillen und Pülverchen anging. Jepp, ein Dealer. Und zwar einer, der sich nicht mehr mit Gras aufhält, sondern eher das "heftigere Zeug" vertickt.

Dabei war er aber ein klasse Typ, wir lagen abgesehen von den Drogen voll auf einer Wellenlänge was andere Themen betraf. Das war fast schon ein freundschaftliches Verhältnis.

Als mich mal jemand aus seinem Bekanntenkreis um Geld beschissen hat - das wird häufig versucht und anfangs fällt man ohne Erfahrung halt auf die plumpesten Maschen herein - sorgte "Ali" dafür, daß ich meine bereits verloren geglaubte Kohle samt Zinsen und persönlicher Entschuldigung des Betrügers zurückbekam und der Typ, ein kahlrasierter Riese, kam tatsächlich zu Kreuze gekrochen, schämte sich furchtbar, zahlte mir das Geld zurück und hätte mir vermutlich auch noch die Füße geküsst, wenn ich das verlangt hätte. Bei einigen kritischen Stresssituationen in den darauffolgenden Jahren war es dann recht beruhigend, diesen Brecher im Notfall auf seiner Seite zu wissen.

"Ali" bezahlte seine Wetten auch gern mal direkt vom Kundenklo kommend mit noch zusammengerollten Scheinen, aus denen weiße Pulverreste rieselten...er kommentierte das immer nur mit einem Augenzwinkern. Er selbst war einer seiner besten Kunden.

Unser größter Pflegefall war "Emilio", Nordafrikaner, geschätzt Ende vierzig und abhängig von so ziemlich allem, was grad zu kriegen war.

Bis etwa drei oder vier Uhr am Nachmittag war er noch halbwegs zurechnungsfähig, ab dann war er innerhalb kürzester Zeit volltrunken oder high oder auf Koks, meistens aber alles zusammen. Der Typ hat sich jeden Tag komplett aus der Welt geschossen und konnte manchmal kaum noch laufen geschweige denn sich verständlich artikulieren - Wettscheine ausfüllen ging aber in jedem noch so lebensfernen körperlichen und geistigen Zustand.

Immer so ab dem fünften des Monats herum verzockte "Emilio" Tag für Tag angeblich "sein letztes Geld", bei den Worten hielt er einem mit traurigem Blick einen zerknüllten Zehner unter die Nase und wollte Mitleid oder lieber noch eine kleine Spende von meinem Trinkgeld oder aus dem Portemonnaie.

Zum tagtäglichen Komplett-Abschuss hat das angeblich nicht vorhandene Geld für "Emilio" allerdings immer gereicht. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...

Da "Emilio" an sich aber ein herzensguter Typ war, der leider ein riesiges Suchtproblem mit sich herum schleppte, habe ich ihm ab und zu etwas geliehen. Und er hat früher oder später immer (!) zurück gezahlt, was in der "Szene" sicher nicht der Normalfall ist. Das hat manchmal Monate gedauert, aber im Gegensatz zu mir wusste er immer noch genau, wann ich ihm welche Summe ausgeliehen hatte. Ich hatte das häufig längst vergessen.

Ein Mal lieh ich ihm einen Zehner, den er direkt in eine Kombiwette auf drei krasse Außenseiter reinvestierte und mit viel Glück und sehr wenig Verstand daraus über 500 Taler machte. Das blinde Huhn mit dem Korn und so. In diesem Fall mit dem Korn aus der Flasche.

Mir jedenfalls brachte die Nummer ein rekordverdächtiges Trinkgeld von 100 Euro ein. Den Zehner hatte ich unerwarteterweise extrem gut angelegt.

Um seine gute Tat wieder auszugleichen hat er mir dann wenige Tage später sturztrunken in den Laden gepisst und randaliert, als die gerufenen Sanitäter ihn in den gerufenen RTW verfrachten wollten. Davon, daß ich Pisspfützen aufwischen muss, stand nichts in der Job-Beschreibung. Es gab aber durchaus noch Schlimmeres. Nicht nur ein Mal.

Auch erwähnenswert ist "Don Alfonso". Ein freundlicher kleiner grauhaariger Herr mit Gehstock und buschigen Augenbrauen, der um die Ecke wohnte.

Auch er kam täglich in den Shop, trank mal einen Kaffee und verzockte ein Paar Taler. Er hatte besonders an mir einen Narren gefressen und so wusste ich nach einigen Wochen alles über ihn, ob es jetzt sein Bluthochdruck war oder die Krampfadern seiner Frau, mir wurde alles mit leicht feuchter Aussprache - das machte es nicht besser - erzählt und dazu wild gestikuliert. In der Kollegschaft war "Don Alfonso" allerdings wegen zwei anderer Dinge bekannt, berühmt und berüchtigt.

Zum einen sammelte er (BILD-)Zeitungsausschnitte von Überfällen auf Wettbüros, die er uns regelmäßig auf den Tresen knallte um uns mit todernster Stimme daran zu erinnern, daß wir Angestellten sehr wahrscheinlich demnächst blutige Opfer eines solchen Überfalls würden...zumindest die neuen Kollegen fanden das weniger lustig.

Zum anderen war der Don aber deswegen eine Art Celebrity, weil er es geschafft hatte, in sämtlichen anderen fünf Filialen, die mein Chef zu der Zeit im Stadtgebiet sonst noch betrieb, Hausverbot zu bekommen.

Und zwar nicht wegen Randalen oder sonstwas, nein, "Don Alfonso" verrichtete anscheinend aus mir unerfindlichen Gründen sein großes Geschäft sehr gern auswärts. Also auf dem jeweiligen Kundenlokus einer der Wettbutzen seines Vertrauens. Leider verpasste er es aber regelmäßig, die Spülung zu betätigen und vollkommen egal, wie zwielichtig oder unterbelichtet der Rest der Kundschaft auch war: über die Hinterlassenschaft hat sich irgendwie nie jemand gefreut.

So hat es ein grauhaariger hüftsteifer Rentner zu mehr Hausverboten gebracht als der Rest der gesamten anderen mehr oder minder kriminellen Kundschaft zusammen. Und das nur wegen seines Stuhlgangs. Ich ziehe meinen Hut.

Wo es grad um Stuhlgang geht: Der vermutlich meistverhasste Kunde abgesehen von den Aggro-Prolls war der "Stinker".

Anfang fünfzig, korpulent und trotz Gegenwind vermutlich bereits aus zwei Kilometern Entfernung zu riechen. Ich verstehe nicht, wie man mit so einem Eigengestank - EigenGERUCH wäre mehr als untertrieben - durchs Leben gehen kann.

Ich ertrage viel, ich habe schon Verwesung gerochen und übelsten Suffschiss und früher im Basketballteam hatten wir die seltsame Tradition, daß derjenige, der beim abschließenden Freiwurf-Training am schlechtesten abgeschnitten hatte, einen tiefen Zug aus dem verschwitzten Schuh eines zugelosten Mitspielers nehmen musste. Und das war leider oft ich, denn Freiwürfe sind mir zu einfach. Die kann ich nicht.

Ich habe also schon viele echt miese Gerüche in der Nase gehabt und überfordert war ich zum eigenen Erstaunen extrem selten.

Der "Stinker" war so ein seltener Fall und toppte alles. Mundgulli deluxe kombiniert mit Wochen ohne Dusche kombiniert mit wochenlang dem gleichen speckigen Flanellhemd, welches im Laufe der Zeit die Farbe von blau/weiß kariert zu bläulich/grüngelblich ohne klar erkennbares Karomuster geändert und vermutlich ein Eigenleben entwickelt hatte.

Das aus seinen schulterlangen Haaren das Fett nicht auf den Tresen triefte, wundert mich bis heute. Mir juckte beim bloßen Anblick seiner Haare die Kopfhaut. Wahnsinn!

Der Mann war absolut ekelhaft. Ich vertrage wirklich recht viel wenn es um Gerüche geht, es braucht schon größere Kaliber, um mich aus der Fassung zu bringen. Der "Stinker" schaffte es regelmäßig mit spielerischer Leichtigkeit.

Ich erinnere mich an einen Tag, als ein Fernsehteam des NDR bei uns im Shop war, um einen Beitrag zum Thema Sportwetten für irgendein Nachrichtenmagazin zu drehen. Irgendwas seriöses, Ansage vom Chef war: "Repräsentier uns anständig! Morgens rasieren, Firmenklamotten, kein Band-Shirt!"

Die passendere Ansage wäre gewesen: "Lass den "Stinker" nicht rein!"

Denn der riss, während ich fast frisch rasiert, beinahe ohne Bandshirt und mit vorbereiteten möglichst banalen Antworten für das kommende Interview ausgerüstet an meinen Arbeitsplatz stand, die Situation komplett an sich. Bis heute bin ich dem "Stinker" dafür wirklich dankbar, denn ich hatte absolut keine Lust auf die Nummer.

Die ganze Szene war eh vollkommen skurril, drei Sekunden nachdem die Filmcrew unseren Shop betreten hatte, waren 95% der Kundschaft verschwunden. So schnell konnte man gar nicht gucken! Der durchschnittliche (Klein-)Kriminelle möchte sein Konterfei halt ungern im TV sehen und im Fersengeld geben ist er vermutlich recht geübt. Wäre das Ganze ein Comic gewesen, dann wären die flüchtenden Kunden der Roadrunner gewesen, die Filmcrew Carl der Coyote und überall wären über den Köpfen Blasen gewesen, bei der Roadrunner-Kundschaft so Geräuschblasen mit "WRRRRRRRRRMM!!!" oder "WUUUUUUUUUUSCH!!!" darin und bei der Filmcrew solche Denkblasen mit Inhalten wie "OMG, WTF?!? LOL!!!!" oder nach sekundenspäterem Erriechen des "Stinkers" das Gleiche nur ohne das Lachen, dafür mit panischem Blick.

Der "Stinker" hat das Team vom NDR dann fast 90 Minuten lang bespaßt, währenddessen hatte ich mich nicht mit einen einzigen Kunden herumzuschlagen, denn es waren ja die TV-Kameras im Laden.

Am Strand zu liegen wäre kaum entspannender gewesen. Der Unterschied: Am Strand zu liegen bekommt man im Normalfall nicht bezahlt. Mein mangels Kundschaft mehr als einstündiges tiefenentspanntes Rumgehänge wurde fürstlich entlohnt und als das TV-Team dann grad zehn Minuten weg, die misstrauische Kundschaft vorsichtigerweise allerdings noch nicht wieder im Laden war, wurde ich auch schon abgelöst. Die definitiv beste Schicht, die ich jemals geschoben habe! Dank des "Stinkers".

Und trotzdem war der Kerl ekelhaft. Beziehungsweise seine Hygiene. Seine nicht vorhandene.

Ich könnte über viele weitere Charakterköpfe erzählen.

"George", ein Geschäftsmann aus Ghana, früher Profiboxer, jetzt erfolgreicher Vertreiber von alten KFZs nach Afrika. Er spielte aus Aberglaube nie gerade Summen. "Setz mal fünfzig Euro. Und zwei Cent!...nein, warte. Drei Cent!" Und wenn er einem zur Begrüßung eine hohe Fünf gab, schmerzte die Hand danach noch minutenlang.

"Bernhard" und "Sebastian" (so stand es zumindest in den Ausweisen), Vater und Sohn, zwei - dank der Namen leicht zu erraten - Vietnamesen, die nichtmal einen Hauch der deutschen und nur einen zu vernachlässigenden Teil der englischen Sprache verstanden oder selbst sprachen, trotzdem aber unbedingt ihre Kohle in meinem Shop versenken wollten. Irgendwann schleppten sie dann tagtäglich die deutschsprachige Schwiegermutter respektive Oma in den Shop, die zumindest ein wenig vermitteln konnte, dabei aber jedes Mal vor Scham fast im Boden versank. Ich habe ihr jedes Mal einen furchtbar schlechten Automaten-Kaffee für fünfzig Cent ausgegeben, weil ich Mitleid mit ihr hatte und das schien zu helfen. Zumindest während der paar Minuten mit dem "Kaffee" aus der Automatenhölle schien sie es ganz gut inmitten all der Irren auszuhalten.

Abgesehen von Bernhard und Sebastian hatten wir nur noch einen weiteren Vietnamesen als Stammkunde. Seinen Namen kenne ich nicht, jeder Mitarbeiter unseres Shops war allerdings großer Fan seiner langen Barthaare.

Von denen hatte er auf jedem Quadratzentimeter des bei einem durchschnittlichen Mann normalen Bartwuchsbereiches maximal fünfzig. Ich kann es nicht einschätzen. Viel zu wenige jedenfalls. Alle seiner paar Barthaare waren aber mehrere Zentimeter lang. Und silbrig grau, obwohl der Kerl höchstens Ende dreißig war. Das sah so dermaßen skurril aus, ich kann es gar nicht beschreiben! Hatte ein bisschen was von Lametta, vielleicht hatte er früher davon ja mehr. (Entschuldigung, der musste sein...)

Ab und zu treffe ich ihn noch beim Einkaufen und wenn er mich entdeckt, freut er sich immer sehr und winkt mir zu. Inzwischen trägt er nur noch Kinnhaare. Von einem "Bart" kann dabei noch immer keine Rede sein.

Ich habe in den sechs Jahren im Ex-Job einen Haufen Menschen kennengelernt. Über manche der Bekanntschaften bin ich froh, weil sie lehrhaft waren, über einige habe ich sehr gelacht und tue das auch heute noch, auf einige Begegnungen hätte ich sehr gerne verzichtet, manche Menschen sind so dermaßen unsympathisch, daß ich gern im Strahl kotzen würde und ich mich frage, wie zur Hölle man SO ätzend werden kann.

Trotzdem möchte ich die Jahre nicht missen. Im Rückblick war der damals als eher nervig und anstrengend empfundene tägliche Kundenkontakt schon recht interessant und voller neuer Erfahrungen. Und davon kann man ja eigentlich nie genug machen.

...

(Ich bin gespannt wie lange ich brauche, bis Teil fünf so weit ist, daß ich ihn guten Gewissens posten kann. Ich arbeite dran. Schwör!

Aber auch diesbezüglich gilt: Wenn kommt, kommt!)




Die Namen der erwähnten werten ehemaligen Kunden sind natürlich keine Realnamen. Versteht sich ja von selbst.

Samstag, 8. November 2014

Ein Bild vorm Knust

Da sitzt man samt Begleitung biertrinkend, einen der sicherlich letzten temperaturtechnisch angenehmen Abende im Jahr 2014 genießend und in ein Gespräch vertieft auf einer Bank auf dem Platz am alten Schlachthof im Schanzenviertel und denkt sich nichts Böses.

Und dann hat er seinen Auftritt, der Antiheld des Tages.

"Hi, kann mir vielleicht einer von euch helfen?" fragt er.

"Schätze schon, wobei denn?" antworte ich.

"Ich möchte ein Foto von mir mit dem Knust im Hintergrund. Da geh ich nämlich gleich auf das Konzert, weißte? Ein Selfie halt von mir vor dem Knust halt. Kriegste das hin?"

Ich stutze kurz.

"Ähm...du möchtest, daß ich ein Foto von dir schieße, wie du in einer Pose deiner Wahl vorm Knust stehst? Jo, krieg ich hin, klar. Ist dann aber halt kein Selfie."

Er schaut verdutzt und erwidert.

"Häh? Aber ich will ein Selfie haben! Fürs Internet! Mach das doch mal! Kann doch nicht so schwer sein!"

Stimmt, ist im Normalfall auch nicht allzu schwer. Mir schwant, daß das hier anstrengend werden könnte, die Begleitung amüsiert sich derweil bereits köstlich.

"Alter, ich kann kein Selfie von DIR machen. Nur von MIR. Aber das tu ich nicht, alberner Scheißtrend und so, hab ich keinen Bock drauf."

Er schaut nicht irritiert, dafür wird er aber unentspannt.

"Klar kannst du von mir ein Foto machen, auch wenn du keinen Bock drauf hast!"

Ich, verzweifelter Gesichtsausdruck, Freundin H. zucken verdächtig die Mundwinkel.

"Natürlich kann ich ein Foto von dir machen, ich kann sogar einhundert, ach was, eintausend Fotos von dir machen und das mit wachsender Begeisterung. Aber ein Selfie? Ich? Von dir? Keine Chance! Sorry! Alter, daß heißt doch nicht aus Spaß "Selfie", das musst du doch checken!"

Freundin H. hält sich leise glucksend beide Hände vor den Mund und versucht verzweifelt, ihren aufkommenden Lachanfall irgendwie im Zaum zu halten.

Ihm reicht es jetzt.

"Mann, du bist echt so einer, wegen dem ich Großstädte nicht leiden kann! Da sind sie alle so wie du. Unfreundlich und eingebildet! Alles Arschlöcher! Ausnahmslos! Anstatt mal für fünf Sekunden mein Handy zu nehmen und ein Selfie von mir zu schießen..."

... Freundin H. hält es nicht mehr aus und der Lachkrampf platzt aus ihr heraus wie das Monster aus "Alien" auf der Kinoleinwand aus seinen Opfern.

Das wird vom Antihelden mit einem bitterböse gemeinten Blick quittiert, der alles nur noch schlimmer macht.

H. hustet und prustet, keucht und wedelt sich mit den Händen verzweifelt Luft zu, was aber auch nicht gegen herunterkullernde Lachtränen hilft.

Der Antiheld entfernt sich fluchend in Richtung einer anderen Bank, um die sich eine vielköpfige Gruppe von anderen Konzertbesuchern geschart hat, vielleicht bekommt er da sein fremdgeschossenes Selfie, daß er so gern möchte. Er starrt dabei mit bösem Blick zu uns herüber.

Kurze Zeit später wird auch drüben laut gelacht und hohe Fünfen werden verteilt. Sieht nicht so aus, als habe er Erfolg gehabt.

Freundin H. greift, als sie den erneuten ernüchterten Abgang des Antihelden beobachtet, ganz tief in die Schatzkiste aus der Wortspielhölle und kommentiert die Szenerie mit einem furztrockenen "Tschüß, go fuck yourselfie!"

Ich befürchte, daß ich die Frage "'tschuldigung, kannst du eventuell ein Selfie von mir schießen?" in der nächsten Zeit öfter mal zu hören kriege...

Samstag, 1. November 2014

Personenschaden

Die U3 ist vollkommen überfüllt mit in braun und weiß oder gelb und schwarz gekleideten Menschen, die allesamt im Millerntorstadion oder in einer Bar in Stadionnähe das Pokalspiel St. Pauli gegen Borussia Dortmund gesehen haben und jetzt vollkommen unabhängig vom Ausgang des Spiels feiern.

Die Dortmunder feiern den Einzug in die nächste Runde und die Paulianer feiern mangels sportlicher Erfolgserlebnisse einfach sich selbst.

Mittendrin sitze ich und bin genervt, da das ganze Gejohle und Gesinge das DJ-Set, das in vollster Lautstärke aus meinen Kopfhörern wummert, immer noch zeitweise übertönt. Fan-Gesänge der falschen Vereine statt elektronischen Klängen aus dem Ostbahnhof, herzlichen Dank.

Leise in mich hinein fluchend nehme ich die Kopfhörer ab, ständig von Gejohle unterbrochene Musik auf dem Ohr ist noch anstrengender als der ungefilterte Mist, den die Umwelt generell so mit sich bringt, also spare ich mir die gute Musik für ein anderes Mal auf.

Mir gegenüber sitzt eine Dunkelhaarige mit einem Pauli-Button an der Wollmütze, sie singt keine ihren Verein glorifizierenden Lieder, sondern lächelt verliebt ihren neben ihr sitzenden Freund an, der das aber gar nicht wahrnimmt und stattdessen gedankenverloren Löcher in die Luft starrt.

In meinem Rücken wird laut gegröhlt, eine Gruppe von Borussen besingt Flaschen billigen Bieres herumschwenkend den Auswärtssieg beim unterklassigen Gegner, als sei dieser ähnlich geschichtsträchtig wie die Eroberung Trojas.

"BORUSSIAAAAAA! BORUSSIAAAAAAAAAAAA!!"

Im Sitzabteil gegenüber telefoniert einer lautstark brüllend gegen das ganze Chaos an.

"Ja Schatz!"..."Nein Schatz!"..."Verloren!"..."Pauli! Verloren!!"..."Is scheiße, richtig!"..."Scheiße is das sag ich!"..."Was??"..."Ich sag, daß das Schei..."..."Ja, is laut hier inner Bahn!"..."Laut! Hier! Bahn!"..."LAUT verdammt! L, A, U, T, LAUT!!"

So geht das noch eine Weile.

Am Bahnhof Rödingsmarkt steht die Bahn etwas länger als im Normalfall, das ist vermutlich normal bei so einer Masse Angetrunkener an Bord, die brauchen halt ein bisschen länger um ein- oder auszusteigen.

Die Türen schließen, die Bahn nimmt Fahrt auf.

Und dann bremst sie abrupt ab bis zum Stillstand.

Währenddessen wackelt der ganze Waggon heftig und wäre er etwas leerer gewesen, dann hätte es die im Gang Stehenden wohl herumgeworfen wie Crash-Test-Dummies. So aber werden sie dank der nahezuhen Überfülltheit nur ein wenig durchgeschüttelt.

Kurz legt sich eine irritierte Stille über den Waggon. Ein paar Sekunden lang sagt niemand einen Ton und in die Stille hinein scheppert die Stimme des Bahnführers aus den Lautsprecherboxen.

Sie ist leise und klingt verstört und mitgenommen.

"Bitte steigen sie alle aus. Ich habe jemanden überfahren. Bitte steigen sie alle aus!"

Dem Mädchen gegenüber fällt das verliebte Lächeln aus dem Gesicht und sie wird kalkweiß, ihr Freund steht wortlos auf und zieht sie mit sich.

Nach und nach stehen alle auf und verlassen die Bahn. Ein Betrunkener intoniert erneut Lobgesänge auf den Club aus dem Ruhrpott, während er in Schlangenlinien den Bahnsteig in Richtung der Unfallstelle entlang läuft, einige filmen ihn, einige feiern ihn, der Großteil schaut verständnislos, was ich in dieser Situation sehr angebracht finde.

Ich steige mit als Letzter aus und komme nur langsam vorwärts und Richtung Ausgang, denn die Menge derer, die neben den Ersthelfern stehen bleiben und lange Hälse machen, um einen Blick auf das Opfer zu erlangen, auf eine eventuelle Verstümmelung - eine abgetrennte Extremität sieht im wirklichen Leben sicher noch viel cooler aus als im Computerspiel - ist riesig. Ein riesengroßer Haufen von Asozialen und jedem einzelnen von ihnen gönne ich es in dem Moment von Herzen, anstelle des Opfers dort grad hilflos unter der Bahn zu liegen.

Es gab natürlich auch Handyfilmer, die das Gefilmte dann später im Freundeskreis herumzeigen, "Guck da, da sieht man Blut!" oder die es bei youtube etc hochladen oder sich allein zuhause darauf einen runterholen. Wir leben in einer echt kaputten Welt.

Ich habe, während ich die Unfallstelle passierte, nach rechts durch die Glasscheiben auf die Lichter der Stadt geschaut.

Ich habe in meinem Leben schon genug Mist gesehen, ich habe jemanden durch die Luft fliegen sehen, nachdem er frontal von einem Auto erfasst wurde, ich habe blutende Freunde aus einem zerstörten Autowrack gezogen und ich war dabei, als jemand sich schwerste Verbrennungen zugezogen hat.

Einen, den eine Bahn erwischt hat, habe ich noch nicht gesehen und das sollte auch so bleiben.

Also den Blick nach rechts auf das Hamburg-Panorama. Augen rechts und durch.

Nur ein Mal habe ich, als ich in etwa auf Höhe der Bahnführerkanzel war, kurz nach links geschaut und sah dort jemanden in HVV-Uniform auf dem Boden hocken, der die Hände vors Gesicht geschlagen hatte. Das Bild werde ich lange nicht vergessen.

Als ich die letzten Treppenstufen aus der Haltestelle hinunter ging, kamen mir schon die ersten Polizisten entgegen gerannt, kurz darauf kam der erste RTW an, dann die Feuerwehr mit einem kompletten Zug.

Nach einem glimpflich ausgegangenen Unfall sah das alles nicht mehr aus.

Im Bus Richtung Hauptbahnhof war dann wieder der Telefonierer aus meinem Waggon dabei, dieses Mal war es nicht so laut, er musste nicht brüllen und ich hörte ihn sagen:

"...mich nervt's auch, daß es so spät wird. Hätte der Idiot nicht vor die nächste Bahn stürzen können?"

Ich lasse das einfach unkommentiert, es spricht für sich.

...

....

....

Am Tag darauf las ich online, daß der Verunfallte zwar schwer verletzt ist, mehrere Knochenbrüche sollen es sein, er hat es aber wohl sogar von allein geschafft, von den Gleisen auf den Bahnsteig zu klettern...

Ich hatte deutlich Schlimmeres befürchtet und gratuliere hiermit unbekannterweise zum zweiten Geburtstag.

Freitag, 24. Oktober 2014

Briefmarkensammlung 2.0

Mein Vater sammelt seit ewigen Zeiten Briefmarken. Parallel dazu natürlich auch Münzen, das scheint sich ja eh irgendwie gegenseitig zu bedingen.

Meine Mutter sammelt Spieluhren, inzwischen hat sie so viele davon, bald 300 Stück, daß mein ehemaliges Kinderzimmer mittels einiger Vitrinen in eine Art Spieluhren-Museum umgestaltet wurde, für das sie problemlos ein paar Taler Eintritt verlangen könnte.

Ich habe früher jahrelang wie ein Wahnsinniger Trading Cards der NBA aus den USA - also Basketball-Sammelkarten - gesammelt, da bin ich nach meiner ersten Reise über den großen Teich 1995 drauf hängen geblieben und ich habe tatsächlich ein paar wertvolle Exemplare, dem legendären Michael "Air" Jordan sei's gedankt.

Als Altersrücklage taugen die natürlich nicht, aber laut der letzten Internet-Recherche wäre zumindest eine neue Waschmaschine oder ein neuer Herd drin, vorausgesetzt ich finde einen Bekloppten, der die in entsprechenden Foren ausgeschriebenen dreistelligen Summen für ein paar hochglanzbedruckte Pappkärtchen zahlt. Soll es ja geben, solche Irren.

Briefmarken, Münzen, Spieluhren, Sammelkarten, alles kalter Kaffee!

Das hier ist der neue heiße Scheiß:



Kommt sicher auch super bei der Damenwelt an, garantiert besser als die ausgelatschte und angeranzte "Soll ich dir mal meine Briefmarkensammlung zeigen?"-Nummer.

"Soll ich dir mal meine Streichholzschachtelsammlung zeigen?" kommt da schon deutlich spannender um die Ecke.

Fast schon rebellisch. Und vor allem unerwartet.

Überraschungsmoment ist das Stichwort.

Außerdem kann man das Ganze noch sinnvoll ergänzen, zum Beispiel durch einen Zusatz wie: "Du darfst aber nur mitkommen, wenn du "Streichholzschachtelsammlung" unfallfrei buchstabieren kannst, ohne dir dabei die Zunge abzubeißen!"

Damit bleiben dann Mandy, Cindy und Schantalle (ja, ich weiß, Name ungleich Intellekt, ABER...) direkt und im wahrsten Sinne außen vor.

Abschleppen leicht gemacht dank obskurer Sammelleidenschaft. Es kann manchmal so einfach sein...

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Mitgehört (3): Mutti klärt auf

Im Zug Richtung Bremen flitzt ein fast komplett in rosa gekleideter laufender Meter glucksend hin und her durch den Mittelgang und freut sich dabei wie ein Schneekönig.

Weg von Mutti, zurück zu Mutti, wieder weg von Mutti und wieder hin zu ihr.

Jedes Mal wenn sie wieder sicher bei Mutti angekommen ist, quietscht die Kleine freudig "Mama ist da!" und die Mama lacht und knuddelt und strahlt und antwortet jedes Mal sowas wie "Ja Schatz, Mama ist hier!".

Das geht so eine ganze Weile und inzwischen beobachtet der halbe Waggon ganz angetan die Kurze und ihre Mutter.

Wieder wetzt sie auf ihren rosafarbenen Sockfüßen Richtung Mutti, fällt ihr in die Arme und quiekt dieses Mal zur Abwechslung "Papa auch da??"

Mutti stutzt kurz, dann antwortet sie staubtrocken und ohne mit der Wimper zu zucken:

"Nein, Papa ist nicht da. Es ist Wochenende und Papa hat gestern wie immer am Wochenende wieder mal zuviel gesoffen!"

Sie macht eine kurze Pause. Dann drückt sie ihre Tochter an sich und erklärt:

"Wenn man zu viel säuft, dann geht es einem nicht gut und man bekommt Kopfweh und muss spucken, liegt im Bett rum und jammert weinerlich. So wie im Moment der Papa."

Es entsteht eine erneute kurze Pause. Dann mit einer abwinkenden Handbewegung:

"Aber das lernst du noch früh genug. Wenn du nach deinem Vater kommst, dann so ab spätestens dreizehn. Warte mal ab. Jetzt geh weiter spielen, Schatz!"

Die Kleine wetzt daraufhin wieder mit unbändiger Energie den Gang auf und ab und jubiliert.

Nach ihrem Papa fragt sie nicht mehr, wenn sie in Muttis Arme rennt.

In Delmenhorst steigen die beiden aus. Kichernd und wahrscheinlich deutlich besser gelaunt als zeitgleich der Vater zuhaus.

Dienstag, 7. Oktober 2014

Peter

Peter ist ein Unikat und gehört zum Inventar meiner Nachbarschaft, er gehört hier dazu wie die Rotklinkerbauten zu Barmbek-Nord, die Containerbrücken zum Hafen oder die bunten Neonlichter zur Reeperbahn.

Er sitzt seit Jahr und Tag am späten Nachmittag vor dem Kiosk in meiner Straße und trinkt sein verdientes Feierabendbier. Manchmal werden es zwei, manchmal auch drei, je nachdem, wer ihm Gesellschaft leistet.

Zum Bier raucht er ein paar Zigaretten und erzählt mit tiefer sehr rauer Stimme von seinem Arbeitstag oder über seinen Verein oder über Gott und die Welt.

Oder er hört seinen Freunden und Bekannten, die mit ihm dort sitzen, dabei zu, wie sie ihre Alltagsgeschichten erzählen.

Er sitzt immer auf dem gleichen Platz, sein weißer Gartenstuhl aus Plastik steht immer mittig vor der Schaufensterscheibe des Kioskes, sodass er im Blick hat, was auf der kleinen Straße vor ihm passiert. Die Auslage im Schaufenster in seinem Rücken muss er nicht im Blick haben, die hat sich seit Ewigkeiten nicht verändert.

Meist trägt Peter dabei seine grell orangefarbene Müllmannsuniform, denn bevor es nach dem Knochenjob heim in seine kleine Wohnung geht, ist das alltägliche Treffen vorm Kiosk Tradition und Traditionen muss man pflegen.

Peter pflegt diese Tradition sehr und das tägliche Treffen ist ihm wichtig.

Er ist Mitte oder Ende fünfzig, so genau weiß ich das nicht und er ist ein Hüne, breite Schultern, sonnengegerbtes Gesicht, verblasste Tätowierungen aus seiner früheren Zeit als Hafenarbeiter auf den Armen. Und dazu diese fast unnatürlich raue Stimme, die wie Schmirgelpapier das Trommelfell bearbeitet und Spuren hinterlässt.

Ich kenne Peter nicht allzu gut, wir grüßen uns jedes Mal freundlich, wenn wir uns auf der Straße begegnen und einige wenige Male habe ich auch mit in der Runde vorm Kiosk gesessen, ein Bier getrunken und habe seinen Erzählungen und denen der anderen gelauscht. Aber das ist lange her.

In der vergangenen Woche habe ich Peter wieder in seiner Uniform Richtung Kiosk laufen sehen.

Es war das letzte Mal, daß ich das beobachten konnte, aber das wusste ich da noch nicht. Als ich ihn zu seiner alltäglichen Tradition aufbrechen sah, musste ich lächeln.

Etwa eine Stunde später ist Peter gestorben.

Im Kreise seiner Freunde und Bekannten vor dem Kiosk.

Er ist einfach auf seinem Stuhl zusammengesackt. Ohne das es sich angekündigt hat.

Die herbeigerufenen Sanitäter konnten nichts mehr tun, es ist sehr schnell gegangen, wie als wenn man den Lichtschalter umlegt.

Klick.

Ende.

...

Da wo Peter immer gesessen hat, brennen jetzt Kerzen und Grablichter und da liegen eine Menge Blumen. Jemand hat eine Halbliterflasche Holsten dazu gestellt, das Bier hat Peter am liebsten getrunken.

Seine Freunde haben einige handgeschriebene Nachrichten hinterlassen. Letzte Grüße, gute Wünsche für die letzte Reise und all das.

Ein Foto von Peter gibt es nicht, denn jeder in der Nachbarschaft weiß, an wen die Blumen und die Kerzen erinnern. Dazu braucht es kein Foto.

Auf dem Heimweg nach einem tollen Abend habe ich mir Donnerstag Nacht ein paar Momente Zeit genommen und mich zu den Kerzen und Blumen und Briefen gesetzt, um mich ein wenig zu erinnern und das fühlte sich richtig an.

Ich habe Peter leider nicht wirklich gut gekannt aber ich habe ihn gemocht. Er war ein außergewöhnlicher Mensch.

Mach's gut Nachbar. Und finde dir einen neuen kleinen Ort mit Plastikstuhl und ner Buddel Holsten, wo auch immer du jetzt sein magst.

In unserem Kiez wirst du fehlen, soviel steht fest.

Donnerstag, 18. September 2014

Spuren der vergangenen Nacht

Ein Mittwoch Morgen in meiner Straße.



Spuren auf einer staubigen Motorhaube.

Die eines Porsche übrigens. Älteres Model, 914er oder so, prima Auto!

Die Chancen, daß die Nummer (Haha, ein Wahnsinn von Wortspiel! Musste sein, Entschuldigung!) ein Fake ist und sich irgendwer einen Spaß erlaubt hat, stehen nicht so schlecht.

Amüsiert habe ich mich trotzdem königlich.

Sonntag, 14. September 2014

Mitgehört (2): Bunte Zukunftspläne

In der Altonaer Fußgängerzone hockt auf der Bank neben der, auf der ich eine kleine Pause einlege, eine Gruppe Punks.

Bunte Haare, Dreadlocks, Piercings en masse, Bierdosen, Selbstgedrehte, Geschnorre. Alles am Start. Natürlich auch die obligatorischen gut erzogenen frei laufenden Hunde, unter ihnen ein ganz junger kleiner Schäferhund.

Ein Pärchen in meinem Alter kommt heran gelaufen, neben ihnen hüpft die kleine Tochter, geschätzte vier Jahre alt die Straße entlang.

Und entdeckt den Welpen.

Die Kleine ist vor lauter Begeisterung kaum noch zu bremsen und knuddelt den kleinen Hund ausgiebig, dann bestaunt sie mit großen Augen die bunte Truppe auf der Bank, während Mami und Papi irritiert und mit leicht angeekeltem Gesichtsausdruck ein paar Münzen spenden.

Nach ein paar Minuten können die Eltern ihre Kurze endlich loseisen und sind darüber sichtlich erleichtert.

Als die drei dann an meiner Bank vorbei kommen, hüpft die Kleine freudig in die Luft und ruft mit sich überschlagender Stimme:

"Mami, Papi, die haben süße Hunde UND bunte Haare! Genau SO werde ich später auch!!"