Freitag, 11. April 2014

"Wenn kommt, kommt!" (3): Damals im Ex-Job: Geld - Mal ist es da, meist ist es weg.

Im dritten Teil der "Wettbüro-Serie" geht es um das liebe Geld.

Darum geht es zwar in vielen Lebenssituationen zu bestimmten prozentualen Anteilen, jemandem, der zum Zocken ein Wettbüro betritt und seine mehr oder weniger sauer verdiente Kohle auf den Tisch legt, dem geht es zu 100 Prozent ums Geld, um den möglichen Gewinn. Wenn nicht gar zu 110 Prozent.

Wie vielleicht bereits in Teil eins und Teil zwei der Serie durchgeklungen ist, war sich meine Kundschaft in vielen Punkten sehr ähnlich.

Viel halbseidenes Volk, dem man nicht unbedingt im Dunkeln auf der Straße begegnen wollte, viele "harte Kerle", die so lange auf dicke Hose machten, bis ihnen ein noch "härterer Kerl" die Grenzen aufzeigte...(es gab tatsächlich eine Art Hierarchie - aber dazu evtl ein anderes Mal mehr)..., locker 50 Prozent werden wohl eine Knastvergangenheit gehabt haben, die Liste könnte ich noch recht lange fortsetzen.

Spielsüchtig waren bis auf einige wenige Ausnahmen, die tatsächlich nur alle paar Tage mal zum Spaß vorbei schauten, alle. Mindestens 95% der Kunden waren Stammkunden, die täglich im Laden waren und das dann nicht nur für ein paar Minuten. Wir hatten da einige, die standen bereits Minuten vor der Laden-Öffnung (11 Uhr vormittags) vor der Tür und warteten, wenn um 11.01 Uhr noch nicht offen war, weil mal wieder der Drucker streikte oder sich sämtliche PCs aufgehängt hatten (passierte beides in schöner Regelmäßigkeit), klopften sie wild an die Scheiben und deuteten hektisch auf ihr Handgelenk. "Seit einer Minute sollte geöffnet sein, macht hinne! Gleich beginnt in der dritten walisischen Liga ein Feldhockey-Spiel und auf das will ich wetten!!".

Nein, ich übertreibe nicht...es gibt so Bekloppte. Viele. Eben diese Gestalten durfte man dann zum Feierabend (meist zwischen 23 und 0 Uhr, ab und zu auch später) teils unter erheblicher Gegenwehr aus dem Shop hinaus "komplimentieren". Den ganzen langen Tag über hatten die nichts anderes getan, als Kreuze auf Wettscheine zu malen und auf Mannschaften und Spiele zu tippen, bei denen sie oft nicht mal wussten, auf welchem Kontinent diese Mannschaften spielten oder diese Spiele statt fanden oder um welche Sportart es sich überhaupt handelte. Die saßen auf ihrem Stuhl, starrten tumb auf die Monitore, gaben alle zehn Minuten einen Wettschein ab, holten sich alle 45 Minuten einen grauenhaft schlechten Automaten-Kaffee und gingen alle drei Stunden pinkeln. Jeden beschissenen Tag aufs Neue.

Was für ein "Leben"...

Ich schweife ab. Zurück zum Wesentlichen.

So ähnlich sich meine täglich wiederkehrende Kundschaft auch war, in einem Punkt gab es gehörige Unterschiede.

Das Geld.

Der eine haute mir ohne mit der Wimper zu zucken mehrere hundert Euro oder auch deutlich mehr auf den Tresen, der andere spielte immer nur für den minimalen Einsatz von zwei Talern.

Zu meinen Stammkunden gehörte ein waschechter Millionär, der aber aussah, als habe er seit Tagen im Gebüsch auf der anderen Straßenseite übernachtet - vermutlich war das auch gar kein so abwegiger Gedanke. Ich habe maximal Zwanzigjährige gesehen, die Geldmengen lose in der Hosentasche hatten, mit denen ich meine Wohnungsmiete über Jahre hinweg problemlos hätte zahlen können. Das waren Beträge, die ich noch NIE auf meinem Konto gehabt habe. Ich erinnere mich an einen Typen, keinen Tag älter als 25, er legte mir zwei Geldbündel auf den Tresen. Ein Bündel Hunderter und ein Bündel Zweihunderter.

"Das sind 10000 Euro, setz die mal auf das und das Spiel!" sagte er. Man hinterfragt sowas dann nicht, man macht es einfach. Natürlich spekuliert man da auf ein entsprechendes Trinkgeld, sollte die Wette treffen.

Blöderweise hatte ich die Scheiße an den Hacken, in den ganzen Jahren wurde nicht eine der Wetten, die ich angenommen habe und deren Einsatz jenseits der 1000 Euro lag, gewonnen. So auch diese für 10000 Taler nicht. Weil die falsche Mannschaft in der allerletzten Spielminute ins Tor traf. Ansonsten hätte der Typ sein Geld mal eben verdreifacht.

Hat er aber nicht.

Man sollte nun annehmen, dass mensch ausrastet, wenn man grad 10000 Euro verloren hat. Verbrannt. Im Klo runtergespült. Die Kohle ist weg. Wegen ein paar Sekunden, die der Schiri zu lange nachspielen ließ.

Ich habe Menschen ausflippen sehen, weil sie durch so eine Situation 100 oder 200 Euro verloren haben, die haben geschrieen, getobt, mit Stühlen geschmissen...der Typ, der grade 10000 Tacken versenkt hatte, rastete aber nicht aus. Er legte mir lächelnd einen Zehner als Trinkgeld auf den Tresen, sagte "Wenn`s heut nicht klappt, dann vielleicht morgen!" und ging.

Mein Chef hat sich natürlich über die Einnahme gefreut, so viel Kohle auf einen Schlag streicht man selbst in der Sportwetten-Branche nicht so häufig ein. Mir war der Kunde ab dem Moment suspekt und das sehr. Jemand, der in dem Alter den Verlust von so viel Geld einfach lässig weg lächelt, kann unmöglich sauber sein. Das schließt sich einfach aus. Und ich (er)kenne doch meine Pappenheimer...

Aber es geht auch anders. Ganz ganz anders.

Eines Tages kam einer meiner afrikanischen Jungs zu mir, einer, der eher selten im Laden war, ein sehr netter Kerl Mitte 50. Er legte mir strahlend seine Kundenkarte (ähnlich wie eine Bank-Karte und man kann mit ihr auch online zocken) auf den Tresen und sagte "Ich möchte bitte 50000 Euro haben."

Ich musste lachen und antwortete "Ja, ich auch!", ich hielt das Ganze für einen Scherz. Bis auf meinem Monitor ein Fenster aufploppte, das mir das Guthaben auf der Karte verriet. Knapp über 80000 Euro.

Da wird einem - zumindest mir - dann schwindelig. So viel Geld...die höchste Geldsumme, die ich mal ausgezahlt habe, ergo bar in der Hand hielt, war 28000 Euro...das sind für mich unvorstellbare Mengen Geld! Ich hatte noch nie auch nur ansatzweise einen fünfstelligen Betrag auf dem Konto...

Unnötig zu erwähnen, das Summen wie 50000 Euro natürlich in bar nicht im Shop vorrätig waren, wir hatten da zwar eine gehörige Rücklage, das war viel Geld, nicht aber SO viel. Nicht mal ansatzweise. So musste ich auf ein saftiges Trinkgeld verzichten und dem Kunden leider mitteilen, dass er noch einen oder zwei Tage auf seinen Reichtum warten müsse, denn der kam dann per Überweisung. Er nahm das entspannt lächelnd auf, es gibt wahrscheinlich Schlimmeres, als einen oder zwei Tage lang warten zu müssen, bis einem über 80000 Euro aufs Konto überwiesen werden.

Zu der Sache gibt es noch eine interessante Randnotiz.

Den Wettschein, der traf und 80000plus einbrachte, wurde gar nicht von dem, der am Ende die Kohle einsackte, ausgefüllt. Der Gewinner stand lediglich in der Warteschlange hinter demjenigen, der den Wettschein ausgefüllt hatte, dieser entschied allerdings, dass er lieber auf andere Spiele tippen wolle. Der hinter ihm wartende zukünftige "Gewinner" fragte dann den eigentlichen "Ausfüller", ob er den Schein spielen dürfe, da er grad noch zwei Euro Münzgeld über habe und das wurde bejaht.

Er durfte. Und hatte ein paar Stunden später aus seinen zwei Euro mehr als 80000 Euro gemacht.

Demjenigen, der den Schein ursprünglich ausgefüllt hatte, hat er 500€ als Dank geschenkt (na herzlichen Glückwunsch!) und jeder Mitarbeiter unserer Filiale hat von ihm 50 Euro Trinkgeld bekommen.

50 Euro Trinkgeld, da schlackern jetzt wohl einigen die Ohren. Ich setze noch einen drauf, mein höchstes Trinkgeld waren 100 Euro. Allerdings hatte ich dem Kunden, den ich gut kannte und mochte, die zehn Euro, mit denen er dann gespielt hatte und aus denen er am Ende knappe 400 Euro gemacht hatte, geliehen. Er "bedankte" sich quasi nur. Ob der Höhe des "Trinkgelds" war ich dann doch ein wenig überrascht...

...

...
Mit großen Geldsummen umzugehen war im Prinzip also Alltag für mich. Am Ende des Tages spät am Abend, wenn man die ganzen Suchtis und die wenigen Normalen aus dem Laden hinauskomplimentiert hatte, kam dann die Kassen-Abrechnung. Und das war immer einer der miesesten Teile des Jobs!

Zu viel? Zu wenig?? Punktlandung???

Ich hatte manchmal zu viel in der Kasse und habe mir dann davon spät nachts noch was Gutes zu essen oder ein Bier zum Feierabend gegönnt, eine Punktlandung, bei der die Kasse nach allen Unwegbarkeiten des Tages bei +/- 0 steht, gab es ganz ganz selten und ein Verlust war im Prinzip Standard. Wenn man stundenlang unter Hochdruck mit Einflüssen aus jeder Richtung an der Kasse hockt, dann rutscht früher oder später was durch und man gibt zuviel Wechselgeld herausb.

Mal einen Euro, mal zehn. Passiert halt.

Das zahlt man dann aus der eigenen Kasse zurück. Da ist das Trinkgeld dann ganz fix wieder weg. Der Großteil der Kundschaft freute sich halt eher über ein paar Taler mehr zum Verzocken anstatt das unberechtigt erhaltene Geld zurück zu geben, zurück gegeben haben es nur ganz ganz wenige. Traurig und uncool, anders war es aber nicht zu erwarten.

Wenn dann auf ein Mal 1000 (in Worten: Eintausend) Euro in der Kasse fehlen, wird es kompliziert.

Das passierte mir an einem Freitag, ich hatte die Spätschicht und war seit Stunden allein im Laden, es war gegen 23.30 Uhr und ich war dementsprechend bedient.

Dazu kam noch, dass 1000 Taler an einem Wochenende wegen dem ganzen weltweiten Fußballzeug (am Wochende wird auf jeden Mist gewettet) essentiell wichtig sein können...wenn die in der Kasse fehlen, weil sie "irgendwo" sind, dann ist das nicht gut. GAR nicht gut!

Nicht nur ich steckte also in der Bredouille sondern auch meine Arbeitskollegen, die am nächsten Tag, einem Bundesliga-Spieltag. an dem korrekte Kassenbestände immens wichtig sind, arbeiteten. Und da fehlten mal eben 1000€, also zwei Drittel des generellen Kassenbestandes.

Vorspulen. Sonntag Abend.

Entgegen meiner Erwartungen waren meine Arbeitskollegen trotz der vierstelligen fehlenden Unsumme gut durch das Wochenende gekommen, ich hatte inzwischen mit meinem Chef telefoniert und klar gemacht, dass ich das fehlende Geld natürlich zurückzahlen würde...abstottern bei den nächsten Gehältern oder so...

Nachdem ich das Telefonat mit Cheffe beendet hatte, lief ich entnervt durch meine Wohnung, meinen im Weg liegenden Rucksack, den ich seit Tsgen nicht mehr beachtet hatte, kickte ich achtlos und fluchend zur Seite.

Aus ihm fielen zwei Geldrollen, 50€-Scheine, jeweils zu zehnt gebündelt.

1000 Euro.

Ich habe bis heute keine Erklärung dafür, wie das Geld in meinem Rucksack gelandet ist, vermute aber, dass ich die zwei Geldbündel vom Tresen und in meinen offenen Rucksack gewischt habe, als ich wild gestikulierend mit einem Kunden diskutierte, während der Inhalt "meiner" Kasse, die ich grad abrechnete, um mich herum verstreut lag...da kann man schon mal unbewusst was vom Tisch fegen, wenn man gestikuliert, diskutiert und streitet..

Ich habe das Geld zurück gegeben und wurde gefragt, was da passiert sei, das konnte ich leider nicht beantworten oder erklären.

Kurze Zeit später wurde mir gekündigt. Fristlos. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...

Seitdem bin ich raus aus der Szene, ich laufe nur noch täglich an einer Filiale meines ehemaligen Arbeitgebers vorbei und sehe dort ehemalige Kunden und Bekannte. Dann wechselt man ein paar nette Worte und wünscht sich Glück.

Im Leben oder beim Zocken, je nachdem, was man präferiert..

Mit der Zocker-Szene will ich NIE wieder etwas zu tun haben, ich habe genug Erfahrungen gesammelt und noch mehr davon brauche ich nicht...ich bin vorerst kuriert.

Sonntag, 6. April 2014

Direkt auf den Punkt gekommen

Vorhin in der Schanze.

Vor dem Restaurant "Feuerstein" am Neuen Pferdemarkt stehen zwei Mittzwanziger, der eine groß und gut aussehend, sein Kumpel ist eher der schluffige Typ mit Bauchansatz und leicht strähnigem Haar.

Auf sie zu kommen zwei junge Frauen, man scheint verabredet zu sein, denn die eine winkt den Jungs von Weitem zu und umarmt beide zur Begrüßung. Küsschen links, Küsschen rechts, man kennt sich offensichtlich schon.

Ihre Begleitung scheint neu in der Runde zu sein, sie steht etwas abseits und als die erste Begrüßungsrunde abgeschlossen ist, geht sie schnurstracks auf den gut aussehenden Kerl zu, setzt ihr strahlendstes Lächeln auf, streckt ihm die Hand entgegen und stellt sich fröhlich vor:

"Hallo, ich bin Single!"

Dann verschwinden die vier im Restaurant.

Montag, 24. März 2014

Frühling in der großen Stadt

Früher Nachmittag, überfüllte U3 Richtung St. Pauli, schlechte Laune.

Ich war Stunden vorher von der in mein Schlafzimmer scheinenden Sonne und den herum brüllenden Vogelhorden vor dem Fenster aufgewacht, das hatte den Start in den Tag ein wenig ruiniert. Der erste Gedanke des Tages war "Toll, dann ist jetzt wohl Frühling!".

"Letztes Jahr um diese Zeit lag Schnee" erinnerte ich mich unter der Dusche stehend und lachte gedankenverloren. Früher war alles besser...

Jetzt hocke ich in der zu vollen U3 inmitten von Chaos und sehe pilotensonnenbrillentragende Styler in Flip Flops, hipsterdutttragende Tussen im wehenden Sommerkleidchen und jutebebeutelte Oberlippenbartträger, deren leichengleich bleiche Stelzen in über dem Knie umgekrempelten Jeans-Shorts beginnen und weiter unten in Chuck`s oder, vielleicht einer der grausigsten Anblicke aller Zeiten, in Clogs enden. In dunkelgrünen Clogs kombiniert mit babyblauen Füßlingen. Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt die Steigerung der deutschen Sauf-und-Ficktouristen mit den weißen Tennissocken in den Sandalen in El Arenal oder Phuket ist oder eben diese einfach nur parodieren soll.

Ich schüttele mich und versuche, die gewonnenen...eher aufgedrängt bekommenen...Eindrücke wieder aus dem Kopf zu verjagen.

Weder Gedanken an tote niedliche Miezekätzchen noch das Gebrülle von "August Burns Red" in meinem Ohr schaffen das. Ich gebe auf.

"Nächste Haltestelle: Sankt Pauli". Das Kackvolk wird zwar fast ausnahmslos mit mir zusammen aussteigen, in den Weiten Sankt Paulis verläuft sich das aber glücklicherweise schnell. Das dümmliche Gekicher wird abgelöst von den Koberern vor den Laufhäusern ("Willst du ficken? Komm rein, hier kannst du ficken! Und ein Bier kriegst du sogar gratis dazu. Zum Ficken!") oder von Typen, die sich kaum auf den Beinen halten können, unkontrolliert und manchmal eingepisst vor und zurück schwanken und wahllos Passanten am Jackenärmel zu fassen kriegen, mich leider auch.

"Alder, hassu ma Euro für mich oda zwei?"

Ja, ich hab einen Euro, vielleicht auch zwei, nur vergeude ich den nicht an irgendeinen Zugedröhnten, der mich nötigt stehen zu bleiben, indem er mich vehement am Ärmel fest hält, sodass ich mich fast losreißen muss. Ich gebe gern wenn ich kann. Nur eben nicht jedem. "Sorry, neeh. Hab nix. Und jetzt lass mal meine Jacke los bitte!"

"Ne Fotze bissu, Alder!" wird mir hinterher gebrüllt und vermutlich zeigt er mir auch noch den Finger, wenn er dazu bei dem Alkoholpegel oder der Chemie, die da durch sein System kreist, überhaupt noch in der Lage ist. "Ne verfickte Fotze bissu!". Innerlich koche ich und würde gern umdrehen und ihm die Meinung geigen - aber das verstünde er ja eh nicht mehr. Soll er eben in seiner eigenen Kotze pennen. Seine Entscheidung.

Ich laufe durch die Seiten- und Parallelstraßen der Reeperbahn, mache hier und da mal ein paar Fotos, wenn ich Street Art entdecke, die mir gefällt.



Oder wenn ansonsten (fast) weiße Wände interessanter werden, weil irgendjemand in ein bisschen falschem Deutsch seinen Begleitern die Fehler der letzten Nacht ankreidet.



Ich laufe durch die Kastanienallee, durch die Erichstraße, mache Halt auf dem Hans-Albers-Platz, den ich zu meiner Verwunderung trotz der nervenden Menschenmassen in der Bahn komplett für mich allein habe.

Ich laufe vorbei an Bars und Clubs und Orten, zu denen mir direkt Geschichten einfallen, die "Cobra Bar" in der Friedrichstraße, da war ich in meinen hamburger Anfangsjahren Stammgast und habe in dem Schuppen von absoluten Gelagen über böseste Keilereien bis hin zu Sex auf dem Klo, welches man nicht abschließen konnte, so ziemlich alles erlebt.

Vorbei an der Prinzenbar, in der ich mal "Dashboard Confessional" spielen sah, damals, als Chris Carrabba noch allein mit seiner Gitarre auf der Bühne stand. Bei "Screaming infedelities" habe ich einer vergangenen Beziehung wegen Rotz und Wasser geheult.

Einmal schwer schlucken, dann weiter. Hunger setzt ein. Kurz überlegen. Ja, heut mal was Verrücktes tun. Vegetarisch essen. Freiwillig. Falafel.

Zwanzig Minuten später endlich am Neuen Pferdemarkt angekommen, betrete ich den mir als "bester Falafel-Laden der verdammten WELT!!" empfohlenen Laden und steh vor dem Tresen wie der Ochs vor dem Berg. Stammele herum. Von vegetarischem Essen hab ich halt mal einfach keine Ahnung und jetzt soll ich mir mein Essen hier selbst zusammenstellen. Dabei kann ich maximal die Hälfte dessen, was da hinter Glas liegt, überhaupt identifizieren. Und generell ist da ja dieses Entscheidungsproblem. Zuviel Auswahl überfordert mich... Ich muss sehr hilflos ausgesehen haben.

Der Mensch neben mir, komplett in schwarz gekleidet, schwerst gepierct und mit einem "FCK CPS"-Shirt bekleidet, der Typ Mensch, der beim "Normalbürger" Gedanken an den bösen bösen "Schwarzen Block" aufkommen lässt und Fluchtreflexe auslöst, grinst erst sich einen und dann mich an. "Wenn ich dir was empfehlen darf..." Natürlich darf er und den Empfehlungen folge ich.

Eine halbe Stunde später sitze ich pappsatt auf der Rasenfläche vorm "Grünen Jäger", blinzele über den Rand meiner Sonnenbrille in die Sonne und erinnere mich an grandiose Momente und Nächte, die ich im "Jäger" erlebt habe. Das waren viele. Und Konzerte. Vor allem eines. "Maybeshewill" im März 2012. Ich skippe im Handy zu ihrem grandiosen Album, höre in der Sonne sitzend meine zwei liebsten Lieder und laufe dann weiter.

Auf der großen Kreuzung vom Neuen Pferdemarkt und der Stresemannstraße ist es zu einem Unfall gekommen, während ich dem Essen und der Musik frönte. Drei Polizeiwagen sind vor Ort, ich befürchte Schlimmes. Ein teurer Sportwagen hat einen Smart auf die Hörner genommen, der Smart liegt nun direkt vor einem angesagten Restaurant auf der Fahrerseite und die dort im Freien sitzenden Gäste verdrehen sich die Hälse und recken die Köpfe. Und tuscheln.

Ein Polizeibeamter nimmt die Personalien des Sportwagenfahrers auf, die restlichen fünf Cops stehen entspannt herum und genießen den Sonnenschein, der Fahrer des Smart beäugt währenddessen sein auf der Seite liegendes Vehikel.

Der Fahrer des Sportwagens, ich glaube, es ist ein Aston Martin, regt sich fürchterlich auf. Dabei hat sein Auto nur eine kleine Beule und ein paar Lackschäden.

Also in etwa einen Schaden von 24500 Euro.

Der Smart wird derweil wieder aufgerichtet. Da muss nur ne neue Fensterscheibe rein und kurz über den Lack gepinselt werden. Kostenpunkt 300 Euro oder so. Die Dinger sind halt unkaputtbar. Da anscheinend auch noch der Sportwagenfahrer schuld am Zusammenstoß ist, grinst der Smartfahrer zufrieden und ich freue mich mit ihm.

In der vielköpfigen Gruppe von Schaulustigen, die sich versammelt hat, wird unwissend getuschelt. Ob der Fahrer des Smart, der leibhaftig vor ihnen steht aber nicht erkannt wird, denn wohl wohlauf sei? Oder doch schwerstverletzt oder tot? "Immerhin ist der Smart ja umgekippt!" wirft eine mit wichtigem Blick ein und alle tuscheln zustimmend. Die Sensationsgeilheit tropft aus allen Poren.

Das wäre ja jetzt eigentlich mein großer Moment, meine five minutes of fame, ich sollte da jetzt auf die Mauer klettern, alle zur Ruhe bitten und dann erzählen, wie ich in einem Smart mal einen Unfall bei über 100 km/h erlebte und überlebte. Dann sollte ich sie auffordern, vor mir danieder zu knien und mich ab dann nur noch mit "gottgleicher Meister" anzusprechen.

Stattdessen setze ich meinen Weg fort, weg von den Spannern, hin zur Bahn.

Das geht gut mit Musik im Kopf. Kein weiteren Zwischenfälle.

Acht Minuten noch, dann darf ich wieder den HVV nutzen, ohne ständig nervös herum blicken zu müssen weil meine Monatskarte grad mal wieder nicht gültig ist. Ich stehe wartend vor dem Bahnhof Sternschanze inmitten von Menschen, die sich grad zum gemeinsamen Essen gehen, zum ersten Date oder zum Junggesellenabschied treffen. Tohuwabohu. Früher hätte ich mir in solchen Momenten eine Kippe angesteckt, heute beobachte ich nur und versuche, Eindrücke zu gewinnen.

"Darf ich dich fragen, ob du eine Zeitung kaufen möchtest?" fragt ein "Hinz&Kunzt"-Verkäufer schüchtern. Er ist übel zugerichtet, blaues Auge, blutverkrustete Lippe.

Ich verneine, ich möchte die Zeitung nicht kaufen. Stattdessen drücke ich ihm das letzte Geld, das ich noch dabei habe, in die Hand. Mehr als zwei Euro sind das auf keinen Fall, er freut sich aber tierisch darüber.

"Wenn noch ein paar mehr von deiner Sorte kommen, dann kann ich heut vielleicht in einem richtigen Bett pennen" sagt er, "von meinem alten Schlafplatz haben sie mich vertrieben.", dabei zeigt auf seine Wunden. Als ich frage, warum er vertrieben wurde, zuckt er mit den Schultern. "Die waren zu dritt und ich bin allein. Da wird nicht diskutiert."

Dann fehlen mir die Worte. Und ich muss schon wieder den Kloß im Hals herunter schlucken.

"Passt schon" sagt er, "ich kenn das ja nicht anders!"

Dann verabschiedet er sich optimistisch lächelnd per Handschlag, er möchte noch die restliche Kohle für eine Nacht in einem Bett rein kriegen.

Und ER wünscht MIR viel Glück, während ich immer noch sprachlos bin.

Ich sehe noch, wie einige wortlos und ohne seinen Blick zu erwidern an ihm vorbei laufen als er sie anspricht und es ist schwer zu ertragen.

Als ich später zuhause im warmen Bett liege, schäme ich mich fast dafür und schlafe mit fest gedrückten Daumen ein.

Sonntag, 9. März 2014

He fuckin` hates me!

Montag Nacht. Zwei Uhr. Domian ist zu Ende. War ganz gut und fast ermüdend. Mal hinlegen und gucken, ob das Ding mit dem Schlaf klappt.

"She fuckin` hates me! Lalalala, she fuckin` hates me!" brüllt es von irgendwo.

Dienstag Nacht. Zwei Uhr. Domian ist zu Ende. War wieder ganz gut und fast ermüdend. Mal hinlegen und gucken, ob Schlaf vielleicht heut klappt.

"...then I started to realize I was living one big lie, she fucking hates me! Lalalala..." brüllt es. Scheint von oben zu kommen.

Mittwoch Nacht. Zwei Uhr. Domian ist zu Ende. War spannend, Themen-Nacht. Nicht ermüdend, aber das wird schon. Einfach hinlegen und gucken, ob`s klappt. Schlaf und so. Schafe zählen. Eins. Zwei. Drei. Vier.

"I tried too hard and she tore my feelings like I had none and ripped them away! She fuckin` hates me!" brüllt es. Ja, kommt von oben. Da stampft auch wer im Takt mit dem Fuß mit.

Donnerstag Nacht. Zwei Uhr. Domian ist zu Ende. Ging so. Viel Scheiße. Viel Krebs. Nur ein lustiger Anrufer, der ne Olle aus nem Club in der U-Bahn-Station gepimpert hat, während er ein Gorilla-Kostüm trug. Haha, lol. Lustig. Halbwegs. Jetzt einfach hinlegen. Schlaf. Augen zu und durch.

"That's my story, as you see, learned my lesson and so did she. Now it's over and I'm glad 'cause I'm a fool for all I've said. She fuckin` hates me!" brüllt es. Ernsthaft? Vier Nächte am Stück?

Freitag Nacht. Zwei Uhr. Domian, Ende und so. Gut, schlecht, Wayne!? Kein Schlaf. Hoch in den vierten Stock. Leise.

"La la la la la la la la la la love. Trust! La la la la la la la la la la la love. Trust!" brüllt es.

Im vierten Stock vor der Tür des musikalischen Attentäters Hundehäufchen (am Freitag tagsüber handverlesen ausgesucht und mit Einweghandschuhen und spitzen Fingern eingesammelt) drapiert. Acht an der Zahl. In jeden ein handbeschriftetes Fähnchen gesteckt. Aufschrift: "I fucking hate you!"

Dann eine schöne Nacht gehabt. Mit Schlaf und so.

Gestern spätabends im Treppenhaus kommt mir der Vogel aus dem vierten Stock entgegen. "Da mag mich wer aus dem Haus nicht, ich habe Drohungen bekommen!" erzählt er aufgebracht. "Da lag Hundescheiße vor meiner Wohnungstür!". Ich nicke anerkennend und lasse ihn dann stehen.

Ja, da mag ihn wohl wer aus dem Haus nicht. So ein Mist.

In meiner Bude schaue ich noch ein bisschen fern und gehe dann zu Bett. Ich bin lange nicht mehr so zufrieden eingeschlafen.

Samstag, 8. März 2014

"Wenn kommt, kommt!" (2): Damals im Ex-Job:Das Problemvolk und die Suchtis

Leider habe ich länger als geplant gebraucht, um der angestrebten "Wettbüro-Serie" ein zweites Kapitel hinzu zu fügen. Das tut mir leid. Ich hoffe, dass das in Zukunft zügiger geht. Aber wenn der Kopf nicht frei ist, dann fällt mir leider das Schreiben schwer.

Im ersten Teil der "Wettbüro-Serie" hatte ich ja über gewisse Kunden sowohl positiver als auch negativer Natur erzählt. Und mein werter Mitleser und Co-Blogger "gnaddrig" hat da in seinem Kommentar erwähnt, dass es in seiner relativ direkten Nachbarschaft auch ein Wettbüro gäbe, dieses sei ihm aber nie negativ oder generell eigentlich gar nicht aufgefallen.

Das war mir neu. Ich kenne das anders.

Und zwar in der Form, dass Wettbüros zu 99,9% immer auffallen und negativ aufgenommen werden, wenn sie sich in der mehr oder weniger direkten Nachbarschaft befinden. Und nach meinen Jahren, die ich in so einem Laden gearbeitet habe, kann ich das nachvollziehen. Und zwar komplett. "Gnaddrig" ist da zu beneiden, entweder lebt er in der Nähe des entspanntestes Wettbüros der Republik oder er selber ist dermaßen tiefenentspannt, dass das Chaos, welches so ein Laden im Normalfall mit sich bringt, ihn einfach nicht tangiert. In beiden Fällen würde ich dazu gratulieren wollen. Beides ist beneidenswert.

In meinem Laden war das anders.

Es verging selten eine Schicht ohne Vorkommnisse. Das variierte von Pöbeleien über Herumgeschubse bis hin zu handfesten Auseinandersetzungen. Und ich spreche da nicht von "Mann gegen Mann", das waren ausgewachsene Massenprügeleien. Da gingen auch mal fünfzehn Leute auf der Straße aufeinander los, ohne dass ich oder andere Unbeteiligte irgendeinen Grund auch nur hätten erahnen können. Von einer auf die andere Sekunde brach das los.

Alles ruhig. Ein Mal zwinkern. BÄÄÄÄÄÄÄÄMM!!! Complete fucking mayhem! Einfach so, ohne irgendeine Vorankündigung.

Glücklicherweise passierte so etwas während meiner Schichten immer ohne Waffen. In den ganzen Jahren, in denen ich den Job gemacht habe, wurden "nur" zwei mal Messer als Drohgebärde eingesetzt, nie benutzt. "Komm doch, isch stesch disch ab, schwör!" Es flogen während meiner Schichten immer "nur" die Fäuste. Von Kollegen habe ich aber auch andere Geschichten gehört. Vom Totschläger über Gas- bis scharfer Waffe war da alles dabei. Ich bin froh, dass ich davon verschont geblieben bin.

Stress war an der Tagesordnung, aber meine Kollegen und ich haben oft beruhigend eingreifen können. Man glaubt es kaum, aber ein bisschen gutes Zureden ("Alter. lass doch den Scheiß, das lohnt doch gar nicht...komm, ich geb dir n Kaffee aus.") reichte häufig schon. Zumeist wurde der, der grad sein Gegenüber noch "ficken" und "kalt machen" wollte dann zum weinerlichen Verlierer, der zusammengesunken auf seinem Hocker hockend einen grausigen aber immerhin geschenkten Automaten-Kaffee aus einem Pappbecher trank und früher oder später fragte, ob ich ihm nicht was leihen könne. Einen Zehner nur. Todsichere Wette. "Wir sind doch Freunde, Alter!"

Man stumpft echt ab, wenn man tagtäglich so eine Scheiße erlebt und sogar mittendrin hängt. Oder besser: in dem abgefuckten Elend "gefangen" ist. Ich gebe Bedürftigen gerne mal einen Taler, aber während ich den Job gemacht habe, habe ich mir die Leute da in der Straßenecke genauer angeschaut als sonst. Ich wurde einfach zu oft von irgendwelchen Verlierern während der Schicht angeschnorrt. "Nur den Zehner! Bitte! Ein todsicherer Tipp! Das läuft, das Ding! Habe ich von nem Insider gehört! Komm Alter, ist doch nur n Zehner..."

Die richtig Kaputten, die auch ihre Leber oder ihre Enkeltochter verkauft hätten, um weiter zocken zu können, musste man echt abwimmeln. Einige von denen hätten mir vermutlich auch ohne mit der Wimper zu zucken einen geblasen, wenn ich das für "Leih mir mal zehn Euro" gefordert hätte. Tragisch, wie tief ein Mensch abrutschen kann...mich macht das traurig. Im Nachhinein.

Während man da im Laden steht und seinen Job macht, darf man daran nicht denken. Sonst verleiht man hier mal einen Zehner und da mal einen Fünfer und hat am Ende der Schicht ganz schnell für umsonst gearbeitet und den Verstand riskiert und wenn es ganz dumm kommt, dann zahlt man sogar drauf.

Um die Kasse auszugleichen.

Und aus einer 8-/10-/12-Stunden-Schicht will man nicht mit einem Minus im Portemonnaie rausgehen. Ist mir zwei Mal passiert, dann aber auch richtig derbe. Allerdings nicht wegen gnädiger Gaben, sondern weil ich mich (vermutlich) bei einer Auszahlung verzählt hatte. Nach zehn Stunden anstrengender Arbeit ein Minus von fast 200 Tacken in der Kasse zu haben, ist ein unfassbar beschissenes Gefühl!...es macht absolut gar keinen Spaß.

Zurück zum eigentlichen Thema.

Warum auch immer hatte vor allem ich bei der "problematischen Kundschaft" einen guten Stand und viele Sympathisanten, das hat mir bei meinen Schichten oft geholfen. Und deshalb habe ich auch zumeist die Spätschichten bis 23 Uhr, 0 Uhr oder darüber hinaus machen "dürfen".

Je später der Abend, desto schwieriger die "Gäste". Alkohol, Drogen, Frust wegen bereits verlorener Wetten, you name it. Mit den Folgen durfte ich mich dann abends herum schlagen.

Aus unerfindlichen Gründen bin ich mit dem Problemvolk aber meist gut klargekommen. Ich hatte meine Verbündeten unter den Kunden, die standen mir in den seltenen Konfliktsituationen, in die ich geraten bin, zur Seite, ohne die hätte ich garantiert mal Dresche bezogen. Und dafür bin ich den Jungs auf jeden Fall dankbar. Im Vergleich zu dem, was ich von Kollegen gehört habe, waren meine Spätschichten eher so entspannte Abende im Freundeskreis.

So hab ich sie natürlich nie gesehen, aber in Relation zu Erzählungen, von denen ich mir sicher bin, dass sie nicht erfunden sind (Schläge, Tritte, Anspucken, Drohungen gegen die Familie etc)...ich hab wohl echt Glück gehabt. Und hab wohl den richtigen Weg, um mit dem komplizierten Kundenvolk umzugehen, gefunden.

"You get what you give!"

Eine gewisse freundliche Bestimmtheit, ein offenes Ohr und vor allem Offenheit gegenüber jedem, der einem gegenüber steht, sind da ganz hilfreich. Und all besitze ich wohl in einem gewissen Maße. Und wenn ich es erst während dem Ex-Job gelernt habe. Es ist da und es ist hilfreich. In den skurrilsten, stressigsten und unerwartetsten Situationen.

"Problemvolk". Damit asoziiert man ja im Normalfall und ganz klischeehaft den "Digger, Alder, Schwör!"-sagenden Jugendlichen mit Emigrations-Hintergrund, dicken Oberarmen und ner aufgemotzten Karre, nichts anderes als 3er BMW oder direkt einen fetten Benzer. Davon hatte ich tagtäglich einige im Laden.

Mit keinem der Jungs habe ich jemals Sorgen gehabt. Im Gegenteil: freundlich, hilfsbereit, wenn es nötig war. Die haben mich sogar gesiezt! Ernsthaft, da steht ein Typ Mitte zwanzig vor mir, doppelt so breit wie ich, 1,5 Köpfe größer als ich, Oberarme wie ich Oberschenkel, das ganze natürlich mit den entsprechenden Tribals "verziert", an dem würd ein verdammter D-Zug abprallen...und der fragt dann fast schon schüchtern mit leisem Stimmchen "Entschuldigen Sie, ich bräuchte mal Ihre Hilfe!"

Die Jungs mögen anderswo "Problemvolk" sein, in meinem Laden waren sie es nicht, wenn ich dort war. Die waren alle entspannt und gute Jungs. Mit der Ausnahme, die ich in Teil eins erwähnte.

Die problematischsten Kunden waren immer die Besoffenen. Egal, welcher Nationalität sie angehörten.

Es gab "Marcelo" aus Tunesien, nüchtern der freundlichste Mensch der Welt. Ab spätestens 20 Uhr war er aber voll wie Indien, mir gegenüber immer noch freundlich, er wollte mich dann immer umarmen und küssen... ... ...jeden anderen im Shop bepöbelte er übelst und wenn er an den falschen geriet, gab es natürlich Ärger. Lauten Ärger. Die Cops kamen wegen ihm häufig, fast immer schaffte er es aber irgendwie, im Trubel zu entwischen. Ein Mal hat er mir sturzbesoffen in den Laden gepisst, ein RTW holte ihn ab. Die Sanitäter schlug und bespuckte er mit letzter Kraft solange, bis ich ihn beruhigen konnte. Mein Cheffe hätte mich wegen der vollgepissten Stühle fast gefeuert...

Wir hatten auch den "Immer-Nörgler". Irgendwo aus dem Osten Europas. Ich weiß es nicht genau. Der war zwar nicht besoffen, keifte meine Kollegen und mich aber sogar dann an, wenn er grad aus zwei Euro 200 gemacht hatte. "Hätte ich doch zehn Euro gesetzt! Oder zwanzig! Das war doch klar! So eine Scheiße"
. Trinkgeld gab er natürlich nie, stattdessen steigerte er sich, trotzdem er seine Kohle grad hundertfach vermehrt hatte, immer vollkommen in seine Wut hinein, sodass er irgendwann mal (nicht während einer meiner Schichten) um sich schlug und Hausverbot bekam.

Letztens traf ich ihn zufällig beim Einkaufen und er erkannte mich. Nüchtern (in diesem Fall ist "nüchtern als "nicht im Spielrausch" zu verstehen) ist er ein vollkommen ausgeglichener freundlicher Mensch...

Der krasseste war ein junger Deutschrusse, ich kenne seinen Namen nicht. Ein Tier von Mensch, knappe zwei Meter groß, lässig 120 kg schwer. Ein rasierter Sasquatch, eine absolute Kampfmaschine. Eines Tages am späten Abend, als ich allein meine Schicht erledigte und mich bereits auf den verdienten Feierabend vorbereitet hatte, stand er plötzlich vor mir. Blutüberströmt, taumelnd und lallend. Er hatte eine tiefe Platzwunde auf der Stirn, außerdem war seine Unterlippe aufgeschlitzt. Sein Blut tropfte auf den Tresen und in meinen Arbeitsbereich, er bemerkte das aber, besoffen wie er war, anscheinend gar nicht und beharrte darauf, seine Tipps abgeben zu wollen. Beim Ansagen seiner Wetten spuckte er sein Blut in meine Richtung.

Da war dann Feierabend. Es machte KLICK und mir wurde klar, dass ich aus dem Job schnellstmöglich raus will und muss.

Den Blutüberströmten hat dann unter seinem Protest ein von mir gerufener RTW abgeholt, später hat sich herausgestellt, das der Kerl vorher am Hauptbahnhof drei Typen, denen er Geld schuldete, übelst zugerichtet hat. In den regionalen Nachrichten war von "Schwerverletzten" die Rede. Einer von denen hat ihm wohl einen abgebrochenen Flaschenhals durchs Gesicht gezogen, daher seine Wunden. Sein überall im Laden verteiltes Blut durfte ich dann aufwischen. Um irgendwann gegen 0 Uhr.

Ich habe mich danach auf alle durch Blut und Spucke übertragbaren Krankheiten testen lassen. Alles gut gegangen. Alle Tests negativ. Man kommt da aber schon ins Schwitzen...

Donnerstag, 20. Februar 2014

Brutus - Eine Absturz-Geschichte

Ein Sonntag im Frühjahr 2007.

Der Schädel dröhnt, als würde ein Kampfjet in ihm starten. Die Augen sind total verklebt und der Mund ist trocken.

Ich huste ungefähr dreißig Sekunden lang rasselnd und der erste halbwegs klare Gedanke schießt mir in den Kopf. "Verdammte Scheiße, wieder zuviel geraucht."

Blinzelnd erkenne ich verschwommen das "The Wohlstandskinder"-Poster, das an der Wand neben dem Bett hängt. "Zumindest bist du zuhause, das ist schonmal gut" denke ich mir.

In meinem Rücken höre ich Geräusche.

Ich erstarre. Und überlege.

"Himmel noch eins, wen hast du mit heim genommen??"

Es fällt mir nicht ein, die letzte Erinnerung an die vergangene Nacht ist, wie ich mit Loveboy und Immanuel Cunt die Cobra Bar auf dem Kiez entere. Das muss so gegen drei Uhr gewesen sein schätze ich...aber was war danach?

In meinem Rücken ein recht lautes Atmen und mir wird ein Stück der Bettdecke weg gezogen.

Grundgütiger, da liegt irgendein Mädel neben mir, wie erklär ich das erstens mir und zweitens meiner eindeutig besseren Hälfte??

An der Decke wird nun etwas heftiger gezerrt und es ist so etwas wie ein Knurren zu vernehmen. Was zur Hölle...??

Na gut, also umdrehen. Ich brauche eh einen Schluck zu trinken und außerdem wäre es mal interessant zu wissen, wie spät es eigentlich ist. Meinem Schädel nach zu urteilen mindestens Nachmittag.

Ich atme ein Mal tief durch und bin eigentlich auf alles gefasst, selbst darauf, ein Kompliment zu vergeben ("Gut siehst du aus nach DER Nacht!") oder eine Entschuldigung mit angeschlossener Hinaus-Komplimentierung aus meiner Wohnung zu stammeln ("`tschuldigung, gut siehst du aus nach DER Nacht...aber wird Zeit jetzt, sorry...")

Ich drehe mich um und...

...sehe einen auf meiner Bettdecke herum kauenden Hund.

Was zum Fick???

Der Hund ist recht groß, hat braunes Fell mit einem weißen Fleck auf der rechten Schulter und als er mich bemerkt, lässt er die Bettdecke in Ruhe, hechelt mich an und wedelt erwartungsfroh mit dem Schwanz. Eine ans Halsband angehakte Leine hängt auf den Boden herunter.

Ich habe urplötzlich einige Sorgen weniger, dafür aber auch einige Fragen mehr.

Der Hund freut sich einen Keks und stubst mit seiner Schnauze gegen mein Bein, während ich das in diesem Moment einzig richtige tue. Panische Anrufe bei den Begleitern der letzten Nacht. Immanuel Cunt, die Fotze, geht nicht ran, der Loveboy aber hebt ab und klingt erstaunlich frisch.

"Alter, ich hab einen Hund in meiner Wohnung!" - "Ich weiß!" - "Wie, ich weiß??" - "Haste mir erzählt. Guck mal in deine gesendeten SMS. Du hast dich total drüber gefreut!" (...)

Tatsächlich entdecke ich eine SMS, abgesendet um 7.53 Uhr am Morgen. Den Wortlaut werd ich wohl nie vergessen: "Alter, ich hab jetzt n Hund! Hab ich grad gegen meinen Tabak getauscht! Er kann aber keine Treppen steigen. Ich nenne ihn Brutus!"

Brutus schaut inzwischen etwas ungeduldig und ist kurz davor, wieder am Bettbezug zu kauen. Meine erste Idee war dann, das Brutus sicherlich Hunger hat, beim Blick in die Küche fand ich allerdings ein Schlachtfeld vor. Im Suff hatte ich anscheinend für ihn so gut wie alles aus dem Kühlschrank auf dem Küchenboden ausgebreitet und Brutus hatte sich nach Lust und Laune bedient. Vermutlich war er deswegen auch so gut gelaunt, als ich endlich aufwachte.

Brutus stand nun erwartungsfroh mit dem Schwanz wedelnd und mit verkniffenem Gesichtsausdruck vor der Wohnungstür und ich mit einem derben Kater neben mir.

Auf die Uhr hatte ich inzwischen geschaut...später Nachmittag. Kurz vor Dämmerung.

Rechtzeitig habe ich aber noch eins und eins zusammen gezählt und realisiert, dass der gute Brutus sich vermutlich auch mal erleichtern muss. Also habe ich mich in Schale geworfen und mir einen Schlag Wasser durchs Gesicht geschmissen, um halbwegs wach zu werden und menschlich auszusehen.

Ich wohne im dritten Stock. Als ich vier Stufen nach unten gestiegen war, spannte die Leine. Brutus stand fröhlich mit dem Schwanz wedelnd an der obersten Stufe und schaute interessiert zu mir herunter. Nach minutenlangem guten Zureden erinnerte ich mich an die SMS, die ich Loveboy geschickt hatte: "...Er kann aber keine Treppen steigen..."

Nachdem ich den guten besoffenen Koppes in der Nacht zuvor anscheinend schon rauf in den dritten Stock getragen hatte, trug ich ihn jetzt also wieder herunter - in der ständigen Angst, das Brutus nicht mehr an sich halten kann, seine bis dahin einwandfreien Manieren vergisst und einfach laufen lässt.

Da Brutus aber ein guter Hund ist, hat er, nachdem ich ihn abgesetzt hatte, ungefähr zehn Sekunden gewartet - dann hat er vor meinem Wohnhaus einen Haufen von ungeahnter Größe gemacht. Schön mittig auf den Gehweg. Ein Monument quasi.

Ich hätte den Haufen gern dort liegen gelassen, moderne Kunst und außerdem ein Requiem an Stunden, die ich nie vergessen werde...

...

Nach dem Setzen des monumentalen Haufens wollte Brutus spazieren gehen. Er schleifte meinen ausgelaugten Körper einige hundert Meter weit, blieb dann vor einem Hauseingang stehen und bellte wie bekloppt. Dreißig Sekunden später kam eine Mittdreißigerin samt ihrer kleinen Tochter aus dem Haus gestürmt.

Brutus freute sich einen Kullerkeks und die Kurze warf sich ihm um den Hals.

Die Mutter wandte sich mir zu, freudig erregt und strahlend." Wo haben Sie unseren Harry gefunden? Wir haben ihn so vermisst!!"

Ich konnte darauf nicht antworten. Ich wusste es ja nicht. Im Nachhinein wäre "In meinem Schlafzimmer neben dem Bett." wohl eine recht coole Antwort gewesen.

Mir wurde ein Finderlohn angeboten, ich habe ihn aber abgelehnt. Obwohl ich Brutus/Harry mochte, war ich doch froh, ihn wieder los zu sein.

Am Ende hat sich herausgestellt, dass ich auf dem Heimweg vom Kiez in sturzbesoffenem Zustand den damaligen Lebensgefährten von Brutus`/Harrys Besitzerin in meiner Straße getroffen hatte. Er, genau so dicht wie ich, wollte Tabak und ich in dem Moment wohl unbedingt einen Hund...also haben wir wohl einfach getauscht.

Brutus/Harry freut sich bis heute, wenn er mich auf der Straße sieht, er kommt dann angelaufen und möchte mindestens ein paar Minuten lang gestreichelt werden. Nicht alle, die mal eine Nacht in meinem Schlafzimmer verbracht haben, sind Jahre später noch so begeistert, wenn sie mich treffen...

Samstag, 15. Februar 2014

"Wenn kommt, kommt!" (1): Damals im Ex-Job: Gut und böse

Während meines letzten Jobs habe ich über die Jahre viel erlebt. Viel lustiges, viel erschreckendes, viel verstörendes, vieles, das einen traurig machte, wenn man mal genauer darüber nachdachte...die Liste ließe sich noch deutlich verlängern.

Vermutlich treffen solche Erlebnisse auf eine Menge Jobs zu, ein Arzt erlebt auch viel, sowohl Schönes als auch Schlechtes, ebenso wohl ein Berufssoldat oder ein Archäologe in fremden Landen.

Dazu hat es bei mir leider nicht gereicht.

Ich habe einige Jahre in einer Sportwetten-Annahmestelle für einen der größten in Deutschland ansässigen Wettanbieter gearbeitet. Bodensatz der Berufswelt, viel weiter unten geht kaum. Ätzender ist vermutlich nur noch der nächtliche Küchenjob bei irgendeiner Fastfood-Kette oder das Foltern und Nerven von Mitmenschen mittels telefonischer Meinungsumfragen - beides habe ich auch schon hinter mir. Und beides mach ich freiwillig NIE wieder.

Für diejenigen, die noch nie ein Wettbüro von innen gesehen haben (so wie ich vor meiner ersten Schicht - es war ein absoluter (Kultur-)Schock), lässt sich das grob so zusammenfassen: Es ist so, wie es ab und zu in deutschen Krimis à la "Tatort" dargestellt wird: Laut, dreckig, sehr viel halbseidenes Klientel, viele Asis und wenige, sehr wenige wirklich anständige Menschen, die versuchen, in der ganzen Scheiße nicht den Verstand zu verlieren und unter zu gehen.

Hätte ich doch, wie es meine Idee war, eine Web-Cam aufstellen dürfen, um das ganze Chaos entweder live ins Netz zu streamen oder nach Feierabend die "Highlights" des alltäglichen Wahnsinns auf 30 Minuten komprimiert im Nachtprogramm von RTL2 oder ARTE zu senden. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man sich das dortige tägliche Treiben anschaut, kann man es als Proleten-und-Asi-Tum in Vollendung oder als völlig überkandidelte abstrakte Kunstform betrachten, ich bin mir ziemlich sicher, dass die Einschaltquoten ein Kracher gewesen wären. Wer F-Promis beim Fressen eines Ziegen-Anus zuschaut, der schaut auch Zuhältern und Suffis beim Kohle verzocken zu.

Leider wurden meine Pläne vom Chef mit dem Zusatz "Bist du eigentlich wahnsinnig??" abgeschmettert - also schreib ich einfach drüber. Ist ja auch schön.

Ich glaub, das wird eine kleine Serie, denn mir fallen spontan mindestens acht Dinge ein, die einen Text verdient haben und wenn ich die alle in diesem einen erzähle, dann kann ich das Ganze auch direkt drucken lassen und als Taschenbuch verkaufen.

Ich benenne die Serie nach meinem liebsten Zitat, das ich fast täglich auf der Arbeit hörte: "Wenn kommt, kommt!"

Das war der Standardspruch meiner afrikanischen Kunden, die ich mit der Zeit sehr lieb gewonnen habe. Größtenteils vollkommen entspannt und freundlich, bis auf eine oder zwei Ausnahmen tolle Menschen. "Wenn kommt, kommt!" wurde meist begleitet von "Wenn nicht kommt, keine Problem!" und einem breiten Grinsen und war auf die grad abgegebene Wette bezogen. "Wenn`s klappt super, wenn nicht: Drauf geschissen!"

Der Spruch hat sich mir dermaßen ins Hirn gebrannt, dass er mir sogar bis heute hin und wieder heraus rutscht. Besonders schön war es, als mich vor einigen Jahren mal jemand an der heimischen Bushaltestelle fragte, wann denn wohl der nächste der chronisch unpünktlichen Busse käme.

"Wenn kommt, kommt!" habe ich zen-gleich lächelnd und völlig ernst gemeint geantwortet. Es hat nie besser gepasst.

Einige Vietnamesen durfte ich auch zu meinen täglichen Kunden zählen, mit einem von ihnen verstand ich mich besonders gut, obwohl ich ihn nie verstand. Die Kommunikation verlief meist auf zeichensprachlicher Ebene, was echt gut funktionierte, ansonsten strahlte man sich nur gegenseitig an und nickte sich zu...eines Tages sprach er plötzlich mit mir.

"Mackack!"

Ich zuckte mit den Schultern und fragte lächelnd nach: "Häh??"

"Mackack!!" rief er und er strahlte dabei über alle vier Backen.

Mehrere weitere Versuche später nahm er sich einen Stift und schrieb "8€" auf einen Zettel. Schob ihn mir rüber, deutete auf seinen Wettschein. "Mackack!"

Ich trug die acht Taler als Wetteinsatz ein, er freute sich wie ein Schneekönig und ging mit hochgestrecktem Daumen und leuchtenden Augen seiner Wege. Das "Mackack!" "Mach acht!" bzw "Spiel mir den Schein bitte für acht Euro!" heißen sollte, habe ich erst Tage später verstanden, als er wieder vor mir stand und mir fröhlich "Mackfump!" entgegen krähte. "Fump" kannte ich schon, das ist "fünf"...auf ein Mal machte "Mackack" Sinn.

Nein, da muss nun keiner weinen, ich mache mich nicht über meine ehemaligen Kunden lustig, sowohl den "Mackack!"-Mann als auch die "Wenn kommt, kommt!"-Fraktion habe ich sehr gemocht. Das waren freundliche und immer gut gelaunte Menschen, mit denen ich jederzeit wieder gern Kundenkontakt haben wollen würde. Ab und an treffe ich noch mal einen von den Jungs auf der Straße und dann winkt man sich zu oder quatscht ein wenig, wenn die Zeit es her gibt.

Ich bin in dem Job ganz anderen Gestalten begegnet, mit denen ich nie wieder was zu tun haben will.

Von meinen "Kunden" hat vermutlich jeder Dritte sein Geld mit krummen Geschäften verdient, bei einigen vermutete oder erahnte ich es, andere gaben es ganz unverblümt zu. Zuhälterei, "Import/Export", Drogenhandel, dies das, alles war dabei...

Ein Typ ist mir in besonders schlechter Erinnerung geblieben, denn ich hatte bis dahin noch nie und seitdem auch nie wieder jemanden "kennen gelernt", der so offensichtlich kein guter Mensch ist.

Das wahrhaftige Arschloch war maximal Mitte 20, eine menschgewordene Wand, Oberarme wie meine Oberschenkel, das ganze tätowiert mit dem üblichen Tribal-Scheiß, dicke Goldkette, dicke Rolex, dicker SUV, vermutlich ziemlich kleiner Schwanz. Immer von einer Entourage von noch Aufgepumpteren begleitet, schmiss er mit seinen Scheinen nur so herum und machte auf Oberboss. Wenn die Kohle mal aus war, weil all seine Wetten in die Hose gegangen waren, enterte er seinen aufgemotzten Benz und raste mit quietschenden Reifen davon. Wenn er zurück kam, hatte er wieder die Taschen voller großer Scheine und erzählte seinen gröhlenden rasierten Gorillas dann, wie er "seinen Mädels" die Kohle abgeknöpft hatte. Dann kam er bald zu mir an den Tresen und sagte einsilbig seine Wetten an. "400 Euro nächstes Tor Kasimpasa. Alter, beeil dich, sonst...!!". Das ein PC durch Androhung von was weiß ich auch nicht schneller funktioniert, war bei ihm wohl nicht angekommen. Ich habe versucht, ihm das zu erklären. Als Antwort bekam ich irgendwas mit "ficken".

Ich habe den Typen gehasst. Ich habe eine große Klappe, aber bei dem Kerl hab ich den Mund gehalten. Der war gefährlich, das war offensichtlich.

Als sich die Chance bot, habe ich ihm an seine Kack-Karre gepisst, die wie immer im Halteverbot direkt vorm Laden stand. Schön an die Fahrertür. Die Rache des kleinen Mannes.

Es hat mich sehr gefreut, ihn dann Minuten später lässig an eben diese Tür gelehnt stehen zu sehen. Ein unglaubliches Arschloch...

Irgendwann bekam er Hausverbot. Hatte da keinen Bock drauf, verlies den Laden nicht...und wurde dann von den herbeigerufenen Cops eingesackt. Soweit ich weiß wird er dank Vorstrafen für einige Jahre nicht mehr in irgendwelchen Sportwettenbüros auftauchen können, denn er sitzt jetzt. Zelle und so. Ich find das verdammt gut!

...

...

Soviel dazu. Ab jetzt eventuell öfter was aus dem Wettbüro. Wöchentlich oder so. Je nachdem, wie das hier ankommt.

Ich bin gespannt!

Sonntag, 9. Februar 2014

Schwiegersohn wider Willen

Gestern Nachmittag war ich zum Einkaufen in Steilshoop.

Steilshoop, das dürfte zumindest den Hamburgern bekannt sein, ist tendenziell mal eher so etwas wie ein "Problembezirk", manche sagen auch "Ghetto" dazu. Schön Plattenbau an Plattenbau, grau in grau, schlechtes "Grafitti" an den Wänden.

Überdurchschnittlich oft höre ich hier auf der Straße, wie Menschen ankündigen, dass sie schwören, die Mutter ihres Gegenübers beglücken zu wollen oder ähnliches und die Texte von angeblichen "Musikern" wie "Bushido" oder dem krassen "Fler" kennen hier vermutlich 75 Prozent der Jugendlichen von vorne bis hinten auswendig.

Bis Steilshoop muss ich nur zwei Stationen mit einer meiner beiden Haus-Buslinien, die sich beide nicht mal ansatzweise an den Fahrplan halten, fahren, weswegen das pünktliche Erreichen von einem der Busse in etwa so ein Glücksspiel ist wie Pferdewetten oder das dienstägliche Bingo im Altenheim am Schwalbenplatz.

Oft fahre ich nicht Richtung "Steilo", aber wenn denn mal ein Großeinkauf anliegt, dann bietet es sich an, weil es dort an einer Straßenkreuzung alle drei großen Discounter auf einer Ecke gibt und ich mir so eine Menge Lauferei erspare.

Gestern, etwa 14.30 Uhr, Einkauf beendet, ich schleppe meinen schweren Rucksack ächzend über den Supermarkt-Parkplatz.

Mir entgegen kommt ein junges, südländisch aussehendes Mädchen, 16, 17, irgendwas um den Dreh. An der Kasse war sie mir schon aufgefallen, da sie sich über irgendetwas ausschüttete vor lachen und ihr Lachen dermaßen ansteckend war, dass ich meines kaum noch unterdrücken konnte.

Sie zerrt einen Einkaufswagen des Discounters hinter sich her, bei dem die "Wegfahrsperre" eingerastet ist, da der Einkaufswagen bis zum Familien-Van außerhalb des Parkplatzes mitgenommen wurde. Da macht es dann "klack" und eins der Vorderräder des Einkaufswagens wird blockiert, sodass er kaum noch manövrierbar ist.

Sie zieht und zerrt aus Leibeskräften, sie müht sich richtig ab, kommt aber kaum voran.

Doch Hilfe naht.

Ein Typ Anfang 20, klamottentechnisch eher so BWL-Student im dritten Semester mit rose-farbenenem Hemd, welches er in die Hose gesteckt hat und edel aussehenden Leder-Slippern, also in Steilshoop ein eher ungewohnter Anblick, greift beherzt zu, fasst mit an, zusammen ziehen sie den störrischen Karren zum Abgabepunkt, sie bedankt sich strahlend, er lächelt sie an und tätschelt ihr zum Abschied die Schulter.

Auftritt des Vaters (breit gebaut mit obligatorischem Oberlippenbart, eine imposante Erscheinung):

Recht laut Türkisches (vermute ich) brüllend, stürmt er auf die beiden zu, baut sich zwei Meter vor dem BWLer auf, fuchtelt wild mit den Händen und ruft laut

"Du MEINE Tochter angefasst! Jetzt du musst heiraten!!"

Dem armen Studi fällt alles aus dem Gesicht, ich habe noch nie jemanden gesehen, dem so dermaßen der Stift geht. Und ich stehe halb fassungslos, halb belustigt (Schadenfreude ist die schönste Freude...) daneben und gucke vermutlich ziemlich doof aus der Wäsche.

Der Studententyp schnappt nach Luft und stammelt irgendwas von "...doch nur helfen..." und "...gar nicht angefasst...", während der Vater ihn weiterhin mit herunter gezogenen Augenbrauen beängstigend anstarrt.

"Du sie angefasst, ich gesehen! Willst du sagen, das gut?? Das keine gut!!" ruft er.

Schweigen, ohrenbetäubend, ein paar Sekunden lang.

Dann bricht der Vater in schallendes Gelächter aus. Wendet sich seiner Tochter zu, die ungläubig den Kopf schüttelt. "Gut, was?" Geht dann zum immer noch schockiert dreinschauenden Einkaufswagenschiebehelfer, grinst ihn breit an und klopft ihm auf die Schulter.

"Sie sind ein guter Typ! Bleiben Sie so! Vielen Dank, dass Sie meiner Tochter geholfen haben! Einen schönen Tag noch!"

Unter den irritierten Blicken vieler Zuschauer steigt er dann in seinen Wagen und fährt davon. Seine immer noch perplexe Tochter sitzt auf dem Beifahrersitz und guckt peinlich berührt. Und der Studententyp hat sich noch keinen Zentimeter bewegt, er hat vermutlich den Schock seines Lebens.

Dann fängt einer an zu lachen. Dann noch ein anderer Beobachter. Dann ich. Schließlich auch das "Opfer".

Als ich ihn auf dem Weg zur Bushaltestelle überhole, zuckt er trotzdem zusammen. Zuhause gab es wahrscheinlich erstmal zur Beruhigung einen Kurzen.

Oder zwei.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Vorne rechts: Von der Unannehmlichkeit, Beifahrer zu sein

Eine Bundesstraße irgendwo im spätabendlichen Schleswig-Holstein.

Im Wagen ist es grausig kalt, die Frontscheibe ist beschlagen und teilweise von innen eingefroren, man sieht so gut wie nichts. Sowas kenne ich vom ersten Auto meines besten Schulfreundes, einem klapprigen Fiat Panda Baujahr 1983, der auf Asphalt-Trennscheiben durch das dörfliche Niedersachsen rollte, den man notfalls öffnen konnte, indem man an der richtigen Stelle mit ein wenig Nachdruck gegen die Fahrertür schlug und dessen Wert wir zum Ende seines langen Kleinstwagenlebens hin verdoppelten, indem wir mittig in der Rück"bank" Platz für eine Zapfmaschine samt handelsüblichem 5-Liter-Fässchen schufen, was zu einigen (außer für den alk-losen Fahrer) denkwürdigen Wochenden-Fahrten in die 70 Kilometer entfernte Großraum-Disse führte. Die Karre war im Winter ständig von innen eingefroren, das war Standard.

In dem fast noch aktuellen Mittelklasse-Sport-Coupè, in welchem ich gerade sitze, hatte ich das nun so nicht erwartet und bin einigermaßen überrascht.

Die Fahrerin erzählt fröhlich und freimütig und ohne um den heißen Brei herum zu quatschen, wie mit Ach und Krach die dritte praktische Fahrprüfung bestanden wurde. Es hatte wohl eher mit dem Mitleid des Prüfers als mit fahrerischem Können zu tun, womöglich handelte der aber auch aus reinem Selbstschutz.

"...auf jeden Fall hat er gesagt, eigentlich sei ich durchgefallen. Aber irgendwann müsste es ja auch mal gut sein und außerdem hatte er schon viele an dem Tag durchfallen lassen, also hab ich meinen Führerschein trotzdem bekommen. Ein netter Typ, echt!

...

Eigentlich kann ich nämlich echt nicht gut Auto fahren. Aber man kann ja auch nicht alles können!" kommt es lachend und selbstbewusst vom Fahrersitz und zeitgleich macht der Wagen einen Schlenker Richtung Baumgrenze zur Rechten, was mit einem überraschten "Huch!!" kommentiert wird. Mehr, als zustimmend und betroffen zu nicken, kriege ich leider grad nicht hin.

Ich bin zu konzentriert darauf, mich irgendwo klammheimlich fest zu krallen und den Körper anzuspannen, vor dem geistigen Auge läuft dort eh seit Fahrtbeginn ein kunterbunter Zeichentrickfilm ab. Meist fahren darin Zeichentrickautos gegen Zeichentrickbäume oder durchbrechen Zeichentrickschranken, um dann von Zeichentrickschnellzügen auf die Hörner genommen zu werden. Immer, wenn das passiert, ploppen über der Szenerie Geräuschblasen auf und in denen steht sowas wie "BAAAMMMMMM!!" oder "RUUUUMMMMMMSS!!" oder "KADOOOOOOOOONK!!"

Richtig, ich bin ein furchtbarer, ein ganz ganz furchtbarer Beifahrer.

Ich bremse energisch mit, ich rufe mit einem Anflug von Panik in der Stimme "Da kommt einer, da KOMMT einer!!!", wenn ich in gefährlich anmutender Entfernung ein heran nahendes Fahrzeug sehe - auf der Hinfahrt, als es noch hell war, tat ich das auch, weil das heran nahende Fahrzeug ein recht großer und schneller SUV war und er war viel zu nah, um vor ihm noch einzubiegen - erhört wurde ich auf dem Fahrersitz aber leider nicht. Ich war sehr glücklich, dass der große schnelle SUV gute Bremsen und das Gefährt, in dem ich unterwegs war, eine recht respektable Beschleunigung aufzuweisen hatte. Ein paar graue Haare sind wahrscheinlich trotzdem wieder dazu gekommen...

Aber warum bin ich ein so bescheidener Beifahrer?

Genau weiß ich das gar nicht. Früher war das nie so. In Kufi`s Fiat habe ich mich nie irgendwo festgeklammert und Blut und Wasser geschwitzt, wenn er die Möhre mit Höchstgeschwindigkeit von 125 km/h über die waldgesäumten kurvigen Straßen meiner emsländischen Heimat prügelte und wenn ich so zurück denke, dann gab es auf solchen Fahrten eigentlich alle paar Kilometer Grund zu panischem Geschrei. Aber das war damals wohl grad ausverkauft.

Oder anders: Eine Mischung aus Testosteron-Überschuss und jugendlichem Leichtsinn, gewürzt mit einer ordentlichen Prise Übermut und ebenso viel "Scheißegal!"-Einstellung.

Insgesamt war ich als Fahrer bisher "nur" in drei Unfälle verwickelt, von denen "nur" einer - einer zu viel - auf meine Kappe geht. Im Nachhinein wundert mich das ein wenig, bin ich doch damals mit 18, 19, 20 selbst gefahren wie ein Henker - ich bin absolut nicht stolz drauf.

Ich gehe aber davon aus, dass der Tag, an dem ich zum "Schisser auf dem Beifahrersitz" wurde, der 15.12.2001 war.

Auf dem Beifahrersitz eines Smart ging es von Bonn die A1 hoch nach Hamburg und fast am Ziel, kurz hinter der Abfahrt "Tötensen" (die heißt wirklich so und dort um die Ecke lebt (immer noch?) Dieter Bohlen), gab es Blitzeis. Leider hatten wir aber das Radio nicht an, also hatten wir keine Vorwarnungen über den Äther gehört.

Ich weiß noch, dass wir auf der Überholspur grad an einer Kolonne von LKWs vorbei zogen und laut Tacho etwa bei 120 waren. Dann habe ich mich in den Fußraum gebückt, weil mein Schuh offen war. Abgefahren, an was für einen Unsinn man sich nach so langer Zeit noch erinnert. Als ich nach ein paar Sekunden wieder nach vorne aus dem Fenster schaute, schlingerte die Autobahn von rechts nach links und wieder zurück. Zuerst minimal, dann immer schneller. Ich habe gar nicht kapiert, was das heißt und war ziemlich verwundert.

Vom Fahrer, einem sehr guten Freund, kam die knappe Ansage: "Festhalten. Das knallt gleich!"

Dann ging es links in die Mittelleitplanke und danach machten wir auf der Überholspur drei oder vier recht langsame Pirouetten. Ich habe keine Ahnung, wieso wir nicht über die linke auf die rechte Spur, also zwischen oder direkt vor einen der LKW`s geschliddert sind, ich weiß aber, das wir uns auf Höhe des Fahrerhauses eines blauen LKW drehten und ich erinnere mich, dass der Fahrer zu uns herunter schaute und ich zu ihm hoch und die Blicke trafen sich immer dann, wenn der Smart sich wieder in Fahrtrichtung gedreht hatte. Der LKW-Fahrer schüttelte sehr bestimmt mit dem Kopf und der Blick sagte in etwas aus: "Bleibt bloß auf Eurer Spur, wenn Ihr mir vor die Karre rutscht, dann seid ihr Matsch und dann werd ich echt mächtig sauer!"

Wir haben die Spur nicht verlassen, stattdessen ging es noch zwei weitere Male in die Mittelplanke, ob es am Können des Typen neben mir lag oder einfach Glück oder Zufall war, weiß ich bis heute nicht.

Zum Stehen kamen wir quer zur Fahrtrichtung, auf der Überholspur einer vielbefahrenen Autobahn jetzt auch eher ungünstig, daran habe ich in dem Moment aber überhaupt keinen Gedanken verschwendet. Es wurde kurz gecheckt, ob der jeweils andere ok ist, dann war der nächste Gedanke, dass wir die Trümmerteile einsammeln müssten. So ein Smart besteht ja quasi nur aus der Fahrerkabine und ganz viel Plastik drum herum (zumindest war das damals so, heute wird das evtl ein bisschen anders sein), das ganze Plastik, Kotflügel, Frontschürze und so weiter, lag wild verstreut auf der A1 herum.

Ich bin mir absolut nicht sicher, ob wir zuerst den Krempel eingesammelt haben, schliddernderweise, man hätte auf der Autobahn Schlittschuh laufen können und darüber habe ich mich in dem Moment totlachen müssen oder ob wir - und ich hoffe, so war es - zuerst den Wagen auf den Standstreifen geschafft haben. Der fuhr nämlich noch! Und das nichtmal schlecht! Bis zu dem Tag hatte ich immer über Smarts gelästert, zu klein, zu hässlich etc...seit dem Unfall habe ich einen Heidenrespekt vor den Dingern!

Mit fast allen Trümmerteilen im Inneren wurde es zwar etwas unbequem, aber wir haben es bis zur nächsten Abfahrt geschafft (natürlich auf dem Standstreifen und nicht mehr mit dreistelliger Geschwindigkeit, eher so im Schritttempo). Dort haben wir auf einem Parkplatz gehalten und die Polizei alarmiert. Die wunderte sich dann weniger darüber, dass wir keinerlei Kratzer abbekommen hatten, sondern machte lieber zotige Anspielungen über die gemeinsame Wohnadresse, da ich zu der Zeit noch keine eigene Wohnung gefunden hatte und beim Kumpel auf der Couch wohnte. Die blöden Sprüche würde ich mir heutzutage auch in der Situation sicher nicht mehr gefallen lassen, aber damals...mein Gott, Dorfbullen halt. Da kann man eh nicht viel erwarten.

Zuhause angekommen nach einer Odysee im Abschleppwagen, haben wir uns ein Bier aufgemacht und auf unseren gemeinsamen "zweiten Geburtstag" angestoßen, denn die Aktion hätte auch ganz ganz anders ausgehen können. Am Abend des 15.12. gönne ich mir bis heute etwas besonderes und das wird auch so bleiben.

Die weichen Kniee und all das kamen bei mir erst viel später. Als ich das erste Mal viele Wochen später wieder auf einen Beifahrersitz steigen musste, es war ein Taxi heim vom Kiez und der Fahrer akzeptierte nur mich als Nebenmann, da der Rest der Truppe ihm zu betrunken war. Es hat Überwindung gekostet, mich auf den Beifahrersitz zu setzen und die zwanzig Minuten von der Reeperbahn heim nach Barmbek-Nord waren nicht wirklich angenehm. Festhalten, Mitbremsen, Schwitzen...auf ein Mal alles da.

Seitdem vermeide ich das. Wenn ich eine Mitfahrgelegenheit nutze, dann bin ich möglichst früher als alle anderen am Treffpunkt, damit ich meinen liebsten Platz hinter dem Fahrer ergattere - also das genaue Gegenteil vom Beifahrersitz...aber das fällt mir jetzt grad erst auf und mag Zufall sein.

Am Wochenende sitze ich wohl wieder neben oben angesprochener Fahrerin auf oben angesprochenem Beifahrersitz. Das Wetter wird besser sein, keine vereisten Scheiben mehr. Sehr gut! Das macht ein wenig Hoffnung.

Vielleicht trink ich am Abend vorher einfach ein Bier zuviel, dann schlaf ich innerhalb von Minuten im Auto ein.

Das ist zwar unhöflich, insgesamt aber gar keine schlechte Idee...

Montag, 27. Januar 2014

Freaks. Da ist wieder einer.

Später Abend. Der Wind weht kleine Schneeflocken durch die eisige Luft, die Gehwege sind rutschig und glitzern im Laternenlicht und die Straßen sind ausgestorben.

Nichtmal die Deppen, die ansonsten den Ring 2 als Rennstrecke nutzen und da in ihren entweder pervers teuren oder sinnlos aufgemotzten Schwanzverlängerungen Rennen fahren und danach vermutlich mit einem nassen Fleck in der Shorts aus der Karre steigen, sind heut unterwegs. Breitreifen und Bodenfrost sind keine coole Mixtur und man will den liebgewonnen Nuttenmagnet ja auch nicht vor den nächsten Laternenmast setzen.

Niemand ist unterwegs.

Man sitzt lieber in den erleuchteten warmen Wohnzimmern mit dem Lieblingsmenschen im Arm vorm Fernseher und vor der Heizung liegt schnurrend die Katze. So oder ähnlich seh ich es immer in Werbespots für Schokopralinen oder Weichspülmittel, wenn ich es mal wieder nicht geschafft habe, rechtzeitig umzuschalten.

Ich sitze dann vorm Fernseher und rege mich auf. Ich bin zwar ein großer Freund von Klischees, aber diese schmierigen, die in der Werbung immer und immer wieder gezeigt werden, gehen mir gewaltig auf den Sack. Warum sitzen denn die Protagonisten nicht dort, wegen mir auch Arm in Arm und er schaut ihr dann verträumt in die Augen, sie lächelt ihn liebevoll an und er sagt dann mit sanfter Stimme sowas wie "Mein Gott, der Durchfall macht mich fertig! Ich vertrage einfach keinen Rollmops!"

Oder: "Ach Schatz, du hattest wie immer Recht. Die Kurzhaarfrisur steht dir tatsächlich überhaupt nicht!"

Ich halte solche Dialoge für eindeutig realistischer, als das, was mir die Fernsehwerbung vermitteln will. Im Ernst, niemand kann mir erzählen, dass er oder sie mit dem Partner oder der Partnerin Arm in Arm auf dem heimischen Sofa hockt und sich dabei, von mir aus auch verliebt lächelnd, die komplette Zeit in die Augen starrt, während in der Flimmerkiste grad ein deutscher L-Promi im australischen Busch auf einem Emu-Hoden herum kaut oder ein mir bis dato gänzlich unbekannter "Prince Kay One" eine Sechzehnjährige auf ihre Oberweite reduziert, bevor Herr Bohlen sie dann aufgrund ihrer logischerweise nicht an das Original heranreichende Darbietung eines "Adele"-Songs derart in der Luft zerreißt, dass das arme Mädchen gar nicht anders kann, als sich als Konsequenz selbst zu ritzen.

Ich glaube einfach nicht, dass Paare das tatsächlich tun. Und ich war schon mehrmals Teil eines Paares, mir ist die Situation also durchaus bekannt.

Aber gut, TV-Werbung halt. Mit der steh ich ja eh auf Kriegsfuß.

Am Donnerstag Abend, kurz vor Mitternacht, hätte ich mich dann aber tatsächlich gern in einer solchen klischeeüberladenen Situation befunden, denn statt im warmen Wohnzimmer zu sitzen, lief ich über den rutschigen Gehweg auf dem Weg zum Supermarkt des Vertrauens und der kalte Wind peitschte mir die Schneeflocken ins Gesicht. Die Laune befand sich unterhalb des Gefrierpunktes. Passend zur Außentemperatur also.

Aus einem nichtigen Grund. Kein Käse mehr im Haus. Oder besser: Der, der noch da war, sah so aus, als passe er besser in den Mülleimer als in meinen Magen. Gouda mit grünlichen Flecken isst man wohl lieber nicht mehr...

Da aber ein Frühstücksbrötchen ohne eine Scheibe Käse vollkommen unvorstellbar ist, musste ich also noch los. Was tut man nicht alles... Um mein Suchtmittel Nummer eins (die Billig-Fanta vom Aldi) noch zu bekommen, habe ich für die kurze Strecke zur nächsten Filiale auch schon mal ein vorbei fahrendes Taxi genommen, da grad kein Bus fuhr und ich es zu Fuß nicht mehr vor Ladenschluss geschafft hätte.

Vor lauter schlechter Laune gönnte ich mir neben meinem heiß ersehnten Gouda noch eine Astra-Knolle. Das war dann wohl der Fehler.

"Pflopp"! Bier auf, einen kleinen Schluck, dann Kragen hoch. Heim! Schnell! Wind. Schnee. Kälte. Doof!

"Hey, du hasn Bier! Wart mal!" ruft es von hinten und aus einer dunklen Ecke, auf die einige Einkaufswagen des Marktes einen direkten Einblick versperren, kommt ein junger Kerl auf mich zugelaufen. Keine zwanzig, recht klein, recht schmal, recht seltsam.

"Is ja sogar n Astra!" stellt er fest, als er keuchend und strahlend vor mir steht. "Kann ich haben?"

Die Frage "Kann ich haben?" kannte ich bisher nur von Kleinkindern bis maximal zum Grundschulalter. Und selbst bei denen nervte sie mich ehrlich gesagt extrem.

"Ähm...kannst du WAS haben?" Das siezen keinen Zweck hatte, war von Anfang an klar...

"Na, das Bier! Ich hab keins! Aber hab Durst!"

Ein außerordentlich logischer Gedankengang, den ich auch von mir kenne.

"`tschuldigung, ist das Ihr Granada Coupé, das Sie da grad geparkt haben? Kann ich haben? Wie Sie sehen, gehe ich zu Fuß und das tue ich nicht gern."

Oder: "Hey, sorry, Sie da, der Herr, der wild mit der Lady am Rummachen ist, die aussieht wie Bar Refaeli! Ja, genau, Sie! Hi! Ist das Ihre Frau oder Freundin? Falls ja, kann ich haben? Denn augenscheinlich haben Sie bereits und, naja, ich könnt grad...Deal?"

Klar, hinkende Vergleiche, aber der Punkt ist ja: Man geht nicht zu nem Typen, der seine Karre parkt oder mit seiner hübsch anzuschauenden Frau oder Freundin zugange ist und fragt dummdreist "Mensch, cool! Darf ich (auch) mal?" Tut man nicht. Ist doof. Nervt. Gut, auf Droge sieht man das unter Umständen anders, da habe ich keinerlei Erfahrungswerte. Und das ich mit meiner Astra-Knolle gegen ein Granada Coupé oder Bar Refaeli ein wenig abstinke...nur ein wenig...das ist mir auch klar. Aber es geht ja ums Prinzip!

"Alter! Geh rein in den Laden, kauf dir dein eigenes Bier. Von mir aus ne Buddel Champagner. Oder was weiß ich. Aber geh mir nicht mehr auf den Sack! Ernsthaft, es ist inzwischen nach null Uhr, es schneit, es ist saukalt, es ist windig. Und warum bin ich manchmal so ein verfickter Gutmensch, ich hätte dich von vornherein ignorieren sollen. Nicht mit dir reden sollen. Warum auch, man sieht dir an, dass da nichts Sinnvolles kommen wird. Die Augen flippern hin und her wie geschmetterte Tischtennisbälle, links, rechts, oben, unten, wie hast du es eigentlich geschafft, zu mir rüber zu laufen, ohne auf die Fresse zu fallen?? Sehen kannst du doch vermutlich mal einfach gar nichts außer Kopfkino. Farben schmecken und so. Blau schmeckt nach Salz und gelb nach Marmorkuchen. Im Ernst jetzt...leb irgendwo anders weiter, aber nicht in meiner Nähe!"

Er schaut bedröppelt als hätte er verstanden, was ich gesagt habe. Ist natürlich nicht so, soviel ist klar.

Ich setze meine Kopfhörer auf, drehe mich um und die Musik laut, heut mal Heaven Shall Burn und gehe los. Gegenwind. Schneeflockengepeitsche im Gesicht. Vielen Dank.

Meine Handschuhe habe ich natürlich wie immer zuhause vergessen, sodass die rechte Hand mit meiner schwer erkämpften Astra-Knolle so ganz allmählich an eben dieser fest friert. Weiter, immer weiter, das hat schon Olli Kahn gesagt und der Mann hatte bekanntlich immer eine Scheiß-Frisur, ansonsten aber Recht.

Angekommen an der Ring-Brücke warte ich - warum auch immer - an einer roten Fußgängerampel, als mich eine Hand auf die Schulter tippt, während ich grade den Refrain von "Counterweight" in Gedanken mit brülle.

Der Depp. Mit den flippernden Augen.

Wer sonst.

Er strahlt mich an, so gut das eben geht. Mal das eine, mal das andere Auge glänzt in meine Richtung.

"Oh Mann...Kollege, WAS willst du? Du nervst!"

"Ich hab ein Bier!" Er schaut extrem stolz. "Sie wollten mir keins verkaufen, ich musste es stehlen!" fügt er hinzu und selbst das ist mir inzwischen egal. "Prost!"

In der Hoffnung, den Quälgeist endlich los zu werden, habe ich mit ihm angestoßen. Im Schneewirbel. Bei minus zehn Grad oder so. Inzwischen bibbernd vor Kälte.

Er freut sich derbe in seinem Drogenfilm, er kichert wirr. Es ist auf jeden Fall an der Zeit, zu verschwinden.

"Alter, ich bin raus. Kalt. Schnee, Wind. Außerdem kann ich dich in etwa so gut leiden wie einen offenen Scheinbeinbruch. Ernsthaft, ist gut jetzt!"

"Nur eins noch!" sagt er. "Den Kuss! Wir sind ja jetzt Brüder!"

Und ohne eine weitere Erklärung und während ich ihn noch ungläubig anstarre, setzt er dazu an, mich zu küssen.

Ich habe dank vielen Jahren, in denen ich Basketball gespielt habe, recht gute Reflexe entwickelt und weiche ihm aus, der Typ hat sogar die Augen geschlossen, als er mich anspringt wie ein Vampir in "From dusk till dawn", ein "Kuss"-Versuch, der eher einem Kopfstoß gleicht, es reißt ihn vorwärts von den Beinen und er fliegt in Zeitlupe kopfüber ins Leere und links an mir vorbei, landet aber relativ weich in einem Busch.

Im Sommer hätte ich ihn einfach dort gelassen, aber bei den momentanen Außentemperaturen wäre das wohl ein Todesurteil gewesen. Von daher hab ich ihn aus dem Grün gezogen und ihm klar gemacht, dass er sich schnellstmöglich verpissen soll. Das tat er. In den grad ankommenden 172er Bus. Richtung Fuhlsbüttel.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Hallelujah! Oben in Fuhlsbüttel kann sich dann jemand anders mit dem Vogel herumschlagen. Vielleicht endet er ja am Airport. Im Frachtraum. Richtung Südostasien. Das wär doch schön.

Idioten, Vollpfosten und Bekloppte. Es gibt viele, viel zu viele...die Frequenz, in der sie mir auf den Sack gehen, hat erstaunlicherweise abgenommen - wenn sie mich aber dann doch mal ins Auge gefasst haben, dann kommt sowas dabei heraus.

Will ich nicht. Echt nicht. Ich will nur meine Ruhe. Das kann doch eigentlich echt nicht so schwer zu verstehen sein...

Als ich dann gegen 00.35 Uhr zuhause angekommen war, habe ich mich mit meinem superkalten Bier in meinen Fernsehsessel gesetzt, habe einen tiefen Zug genommen, habe innerlich gefröstelt, versucht, den Fernseher zu fixieren - und bin eingeschlafen.
Ich bin gespannt, wie ich den Fleck wieder aus dem guten altrosefarbenen Sessel heraus bekomme. Und aufwachen, um dann fest zu stellen, dass das Hosenbein nass ist, irritiert extrem!

Gleich muss ich wieder raus auf die eisekalte Straße. Es wäre super, wenn ich von durchgeknallten Wochenend-Restposten verschont bliebe. Ich drück mir dafür sogar selbst die Daumen...