Samstag, 15. Februar 2014

"Wenn kommt, kommt!" (1): Damals im Ex-Job: Gut und böse

Während meines letzten Jobs habe ich über die Jahre viel erlebt. Viel lustiges, viel erschreckendes, viel verstörendes, vieles, das einen traurig machte, wenn man mal genauer darüber nachdachte...die Liste ließe sich noch deutlich verlängern.

Vermutlich treffen solche Erlebnisse auf eine Menge Jobs zu, ein Arzt erlebt auch viel, sowohl Schönes als auch Schlechtes, ebenso wohl ein Berufssoldat oder ein Archäologe in fremden Landen.

Dazu hat es bei mir leider nicht gereicht.

Ich habe einige Jahre in einer Sportwetten-Annahmestelle für einen der größten in Deutschland ansässigen Wettanbieter gearbeitet. Bodensatz der Berufswelt, viel weiter unten geht kaum. Ätzender ist vermutlich nur noch der nächtliche Küchenjob bei irgendeiner Fastfood-Kette oder das Foltern und Nerven von Mitmenschen mittels telefonischer Meinungsumfragen - beides habe ich auch schon hinter mir. Und beides mach ich freiwillig NIE wieder.

Für diejenigen, die noch nie ein Wettbüro von innen gesehen haben (so wie ich vor meiner ersten Schicht - es war ein absoluter (Kultur-)Schock), lässt sich das grob so zusammenfassen: Es ist so, wie es ab und zu in deutschen Krimis à la "Tatort" dargestellt wird: Laut, dreckig, sehr viel halbseidenes Klientel, viele Asis und wenige, sehr wenige wirklich anständige Menschen, die versuchen, in der ganzen Scheiße nicht den Verstand zu verlieren und unter zu gehen.

Hätte ich doch, wie es meine Idee war, eine Web-Cam aufstellen dürfen, um das ganze Chaos entweder live ins Netz zu streamen oder nach Feierabend die "Highlights" des alltäglichen Wahnsinns auf 30 Minuten komprimiert im Nachtprogramm von RTL2 oder ARTE zu senden. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man sich das dortige tägliche Treiben anschaut, kann man es als Proleten-und-Asi-Tum in Vollendung oder als völlig überkandidelte abstrakte Kunstform betrachten, ich bin mir ziemlich sicher, dass die Einschaltquoten ein Kracher gewesen wären. Wer F-Promis beim Fressen eines Ziegen-Anus zuschaut, der schaut auch Zuhältern und Suffis beim Kohle verzocken zu.

Leider wurden meine Pläne vom Chef mit dem Zusatz "Bist du eigentlich wahnsinnig??" abgeschmettert - also schreib ich einfach drüber. Ist ja auch schön.

Ich glaub, das wird eine kleine Serie, denn mir fallen spontan mindestens acht Dinge ein, die einen Text verdient haben und wenn ich die alle in diesem einen erzähle, dann kann ich das Ganze auch direkt drucken lassen und als Taschenbuch verkaufen.

Ich benenne die Serie nach meinem liebsten Zitat, das ich fast täglich auf der Arbeit hörte: "Wenn kommt, kommt!"

Das war der Standardspruch meiner afrikanischen Kunden, die ich mit der Zeit sehr lieb gewonnen habe. Größtenteils vollkommen entspannt und freundlich, bis auf eine oder zwei Ausnahmen tolle Menschen. "Wenn kommt, kommt!" wurde meist begleitet von "Wenn nicht kommt, keine Problem!" und einem breiten Grinsen und war auf die grad abgegebene Wette bezogen. "Wenn`s klappt super, wenn nicht: Drauf geschissen!"

Der Spruch hat sich mir dermaßen ins Hirn gebrannt, dass er mir sogar bis heute hin und wieder heraus rutscht. Besonders schön war es, als mich vor einigen Jahren mal jemand an der heimischen Bushaltestelle fragte, wann denn wohl der nächste der chronisch unpünktlichen Busse käme.

"Wenn kommt, kommt!" habe ich zen-gleich lächelnd und völlig ernst gemeint geantwortet. Es hat nie besser gepasst.

Einige Vietnamesen durfte ich auch zu meinen täglichen Kunden zählen, mit einem von ihnen verstand ich mich besonders gut, obwohl ich ihn nie verstand. Die Kommunikation verlief meist auf zeichensprachlicher Ebene, was echt gut funktionierte, ansonsten strahlte man sich nur gegenseitig an und nickte sich zu...eines Tages sprach er plötzlich mit mir.

"Mackack!"

Ich zuckte mit den Schultern und fragte lächelnd nach: "Häh??"

"Mackack!!" rief er und er strahlte dabei über alle vier Backen.

Mehrere weitere Versuche später nahm er sich einen Stift und schrieb "8€" auf einen Zettel. Schob ihn mir rüber, deutete auf seinen Wettschein. "Mackack!"

Ich trug die acht Taler als Wetteinsatz ein, er freute sich wie ein Schneekönig und ging mit hochgestrecktem Daumen und leuchtenden Augen seiner Wege. Das "Mackack!" "Mach acht!" bzw "Spiel mir den Schein bitte für acht Euro!" heißen sollte, habe ich erst Tage später verstanden, als er wieder vor mir stand und mir fröhlich "Mackfump!" entgegen krähte. "Fump" kannte ich schon, das ist "fünf"...auf ein Mal machte "Mackack" Sinn.

Nein, da muss nun keiner weinen, ich mache mich nicht über meine ehemaligen Kunden lustig, sowohl den "Mackack!"-Mann als auch die "Wenn kommt, kommt!"-Fraktion habe ich sehr gemocht. Das waren freundliche und immer gut gelaunte Menschen, mit denen ich jederzeit wieder gern Kundenkontakt haben wollen würde. Ab und an treffe ich noch mal einen von den Jungs auf der Straße und dann winkt man sich zu oder quatscht ein wenig, wenn die Zeit es her gibt.

Ich bin in dem Job ganz anderen Gestalten begegnet, mit denen ich nie wieder was zu tun haben will.

Von meinen "Kunden" hat vermutlich jeder Dritte sein Geld mit krummen Geschäften verdient, bei einigen vermutete oder erahnte ich es, andere gaben es ganz unverblümt zu. Zuhälterei, "Import/Export", Drogenhandel, dies das, alles war dabei...

Ein Typ ist mir in besonders schlechter Erinnerung geblieben, denn ich hatte bis dahin noch nie und seitdem auch nie wieder jemanden "kennen gelernt", der so offensichtlich kein guter Mensch ist.

Das wahrhaftige Arschloch war maximal Mitte 20, eine menschgewordene Wand, Oberarme wie meine Oberschenkel, das ganze tätowiert mit dem üblichen Tribal-Scheiß, dicke Goldkette, dicke Rolex, dicker SUV, vermutlich ziemlich kleiner Schwanz. Immer von einer Entourage von noch Aufgepumpteren begleitet, schmiss er mit seinen Scheinen nur so herum und machte auf Oberboss. Wenn die Kohle mal aus war, weil all seine Wetten in die Hose gegangen waren, enterte er seinen aufgemotzten Benz und raste mit quietschenden Reifen davon. Wenn er zurück kam, hatte er wieder die Taschen voller großer Scheine und erzählte seinen gröhlenden rasierten Gorillas dann, wie er "seinen Mädels" die Kohle abgeknöpft hatte. Dann kam er bald zu mir an den Tresen und sagte einsilbig seine Wetten an. "400 Euro nächstes Tor Kasimpasa. Alter, beeil dich, sonst...!!". Das ein PC durch Androhung von was weiß ich auch nicht schneller funktioniert, war bei ihm wohl nicht angekommen. Ich habe versucht, ihm das zu erklären. Als Antwort bekam ich irgendwas mit "ficken".

Ich habe den Typen gehasst. Ich habe eine große Klappe, aber bei dem Kerl hab ich den Mund gehalten. Der war gefährlich, das war offensichtlich.

Als sich die Chance bot, habe ich ihm an seine Kack-Karre gepisst, die wie immer im Halteverbot direkt vorm Laden stand. Schön an die Fahrertür. Die Rache des kleinen Mannes.

Es hat mich sehr gefreut, ihn dann Minuten später lässig an eben diese Tür gelehnt stehen zu sehen. Ein unglaubliches Arschloch...

Irgendwann bekam er Hausverbot. Hatte da keinen Bock drauf, verlies den Laden nicht...und wurde dann von den herbeigerufenen Cops eingesackt. Soweit ich weiß wird er dank Vorstrafen für einige Jahre nicht mehr in irgendwelchen Sportwettenbüros auftauchen können, denn er sitzt jetzt. Zelle und so. Ich find das verdammt gut!

...

...

Soviel dazu. Ab jetzt eventuell öfter was aus dem Wettbüro. Wöchentlich oder so. Je nachdem, wie das hier ankommt.

Ich bin gespannt!

Kommentare:

  1. Let mehr Wettbüro-Geschichten komms!!!! :)

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  2. Endlich, Alter. Du hast so viel zu erzählen. Raus damit. :)

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  3. Großartig! Bitte mehr davon! Ich habe mich schon immer gefragt, was in diesen Wettbüros vor sich geht. In meiner Straße gibt es ungefähr 5 (Berlin Wedding halt) aber ich habe mich nie getraut eines davon zu betreten.

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    1. Moin liebe Karo!

      Vieles davon, was in den Läden abgeht, willst du vermutlich gar nicht wissen - zumindest wollte ich das nicht - , eines kann ich dir aber mit Gewissheit sagen: Wenn du als Mädel da rein gehst, dann hast du Sekunden später Minimum fünf neue Verehrer und keinen von denen wolltest du jemals haben. Eine Frau (als "Gast") in einem Wettbüro ist in etwa so häufig wie ein dreibeiniges funkenfurzendes Einhorn auf dem Alexanderplatz, das Samba tanzt.

      Mehr davon wird kommen, ich hab einiges zu erzählen.

      Im Übrigen freunde ich mich grad sehr mit dem Wedding an, hast du da evtl irgendwelche geheimen Insidertipps? Kneipe/Bar, Dönerdealer etc?

      Hab einen schönen Samstag!

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    2. Ja, bei mir in der Straße hängen Sie auch vor den Wettbüros rum...Schon zwei mal sind mir Männer nachgelaufen. Vermutlich also keine gute Idee reinzugehen, wer weiß was dann passiert.
      Hmmm hmmm, Insidertipps. Der Wedding ist langsam erst so am aufblühen, das entwickelt sich erst. Außerdem wollen meine Freunde nicht in den Wedding kommen, deshalb macht man hier nicht so viel :D Wenn ich aber irgendwo hingehe, dann ins Schraders (Bar/Restaurant). Café Auszeit macht gutes Frühstück, im Sprengelkiez sprießen schöne Cafés wie Unkraut aus dem Boden, die besten Burger gibts bei Rebel Room, den Saray Döner an der Müllerstraße kann man nicht empfehlen (hat Gammelfleisch-Ruf), guter Falafel kommt von Ya Karim. Und bei schönem Wetter empfehle ich den Rehberge-Park - sehr groß, sehr schön, man kann Wildschweine füttern und es gibt ein Freiluftkino in der Mitte. Es soll im Wedding auch gute Clubs geben, damit kenne ich mich allerdings nicht aus.

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    3. Naja, im Laden selbst wird gar nichts passieren, denn erstens sind die Dinger kamera-überwacht (zumindest sollten sie es sein), zweitens haben da die Mitarbeiter das Hausrecht (und das wird tatsächlich respektiert!) und ein wachsames Auge (zumindest sollten sie das haben).

      So ein Wettbüro ist ein Mikrokosmos, in dem Frauen es nicht leicht haben. Das soll nicht chauvinistisch klingen, das ist leider einfach so. Darüber werde ich auch noch schreiben, denn natürlich hatte ich auch Kolleginnen in den sechs Jahren und das ging nicht immer gut aus.

      Ich bin ganz ehrlich, ich wollte so ein Ding nach meinen Erfahrungen definitiv NICHT in der Nachbarschaft haben. Wobei, vielleicht geht es in Berlin oder speziell im Wedding auch anders ab, ich weiß es nicht. Aber neben oder über dem Laden, in dem ich gearbeitet habe, würde ich auf gar keinen Fall wohnen wollen.

      Themawechsel: Da isser wieder, der Rebel Room...hab ich schon so viel von gehört, muss ich denn wohl mal hin und selber gucken! Ok, mit Frühstück kann man eher nicht so locken, das tue ich wenn es hoch kommt drei Mal pro Jahr...und was Saray Döner angeht, ich hab mal den an der Ecke Warschauer/Revaler probiert und das war ein großer Fehler. Scheißerei deluxe. Dankeschön.

      Wildschweine füttern finde ich cool, die Viecher haben mir zuhause im niedersächsischen Nichts mal das Auto ramponiert, seitdem habe ich eine Rechnung mit ihnen offen. Ich denke, ich füttere sie mit Saray-Döner ;)

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  4. Antworten
    1. Okay :) Fehlen mir nur noch die passenden Worte, aber die werd ich schon finden.

      Ich mag deinen Namen! :)

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  5. +1 - Bitte mehr davon!
    Mackfump hat mir auf Anhieb die Gesichtszüge gespreizt. Wie geil ist das denn?!?

    Ansonsten, wenn man nahe am Rektum der Gesellschaft arbeiten muss, wo die Ellenbogen noch spitzer sind, als ohnehin schon, bekommt man ein feines Gespür für die Guten. Jede Geste rettet einem dann den Tag.

    Dem Arschloch hättest du in die Lüftungsöffnungen pissen sollen, aber so gehts auch. Der Gedanke zählt. ;-)

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    1. "...die Gesichtszüge gespreizt". Den Ausdruck kannte ich auch noch nicht, hab ich sehr abgefeiert! Sehr cool :)

      Du hast Recht, durch dauernden Kontakt mit schlimmen Menschen lernt man, die guten zu erkennen und umso mehr zu schätzen. Die Erfahrung habe ich auch gemacht. Einer der ehemaligen Kunden ist in der Zeit ein ziemlich guter Freund geworden, das ist wahrscheinlich auch nicht alltäglich.

      Was das Arschloch und dessen Karre angeht...SUV-Benz ist ja doch recht groß und hoch...sagen wir es mal so: Die Lüftungsöffnungen habe ich nicht erwischt, ansonsten war ich aber zufrieden mit dem Endergebnis. ;))

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  6. Große Klasse! Du kannst einfach schreiben!

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    1. Dankeschön! Da fühle ich mich geehrt! :)

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  7. Für mehr davon! :-)

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  8. bitte mehr davon!
    beste grüße aus Dresden,
    Malle Pennarsson

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    1. Was hab ich mich über die "Kurzgeschichte" auf dem Bahnhof Leopoldplatz weg geschmissen! Ist DAS gut!!

      Mehr aus dem Wettbüro kommt. Wenn ich Worte finde. Aber das wird schon klappen!

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  9. Nur weiter, das verspricht interessant zu werden. Taxifahrer, Rettungsassistenten, Notärzte, Apothekerinnen, Supermarkt-Kassiererinnen u.v.a.m. gibt es schon, aber von Wettbüroschergen habe ich bisher noch nichts aus dem Nähkästchen gelesen. Bei uns in der Nähe hat es so einen Laden, der ist mir aber nie negativ aufgefallen. Da hängen halt immer so ein paar Gestalten drin rum, aber es ist nie besonders auffällig. Vielleicht ist das eine zu brave Gegend...

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  10. Stimmt, jetzt wo du es sagst! Teils sehr interessante Blogs von Taxi-Kapitänen etc kenne ich auch... Aus dem Blickwinkel hatte ich das Ganze noch gar nicht betrachtet :)

    Ich habe mir jetzt mal ein paar Gedanken gemacht und in Erinnerungen...von "geschwelgt" kann keine Rede sein...und wenn ich das alles anständig in Worte gepackt kriege, dann kommen vielleicht noch so um und bei sechs/sieben Texte bei rum...ich versuche, ein Mal pro Woche einen neuen hin zu kriegen.

    Ich habe übrigens die Erfahrung gemacht, dass der "Auffall-Faktor" weniger mit der Gegend zu tun hat als viel mehr mit der Zusammensetzung der täglichen Kundschaft. Aber dazu schreib ich demnächst noch mal was. Das Thema wollte ich eh noch anschneiden, ich wusste nur noch nicht ganz, wie. Grad hab ich eine Idee :)

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  11. Ja herrlich! Bin heute zufällig über diesen Blog gestoßen und sofort hängen geblieben. Hab mir jetzt mehrere Geschichten durchgelesen. Fazit:
    Lachen/Wut/Fassungslosigkeit/Hoffnung bestens eingefangen in wahren Gegebenheiten. Was Authentischeres hab ich noch nicht gesehen/gelesen.

    Schreib bitte fleißig weiter :-)

    Gruß von S. aus Berlin

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  12. Hallo! Der Text ist ja der Hammer. Ich arbeite auch in einem wettbüro. Lustig, ich wusste sofort was mit "mackack" gemeint war, wenn kommt dann kommt, die Kunden habe ich auch :D wir hatten auch mal so einen Stammkunde, der war aber ca Mitte 50, hat sich stets benommen wie ein Pascha (Frauen nix zu sagen er türkische mann is Chef) und andauernd durch den laden gebrüllt wie ein blöder Gorilla. Machsch du aus! (Ventilator) oder "schaltsch du um jetzt Frau!" (Fernsehprogramm) waren da noch die harmlosen Sachen. Irgendwann sagte ich dann doch freundlich, es wäre besser wenn er geht. Er hat ein Theater gemacht ohne ende und schließlich sogar die Hand erhoben. Nachdem ich ihm einen tritt verpasst hatte und die cops gerufen hatte, von denen er dann raus gezerrt wurde, habe ich nie wieder was von dem gehört oder gesehen. Und ich muss dir völlig recht geben, was in solchen Läden abgeht lässt sich bestimmt super verkaufen! Langweilig wirds da nie. Dein Text ist jetzt zwar schon älter, aber das macht mir gar nichts aus;)
    LG von Sandra aus Karlsruhe!

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