Posts mit dem Label Mitgehört werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Mitgehört werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 5. Oktober 2015

Mitgehört (8): Im Funkloch

Ich stehe am frühen Abend auf dem Fußweg neben der vielbefahrenen Fuhlsbüttler Straße und warte auf einen Freund.

Es betritt eine ziemlich aufgestylte Brünette in High Heels mein Blickfeld, mit der rechten Hand hält sie ein glitzerndes Oberklassehandy an ihr Ohr, mit der linken versucht sie angestrengt, einen übermütig herumtollenden kleinen Hundewelpen zu bändigen.

Das Gespräch mit der scheinbar besseren Hälfte scheint nicht nach ihren Vorstellungen zu verlaufen.

"Hallo, noch da? Hallooo?? Mausebähääär??" ... "Ich versteh dich kaum!" ... "Das rauscht ganz doll in der Leitung! Ganz schlecht ist das, weil ich wollt dir doch...HALLOOO??"

Sie schaut vollkommen entnervt, dann kommt ihr die rettende Idee.

"Du, warte kurz, ich brauch besseren Empfang. Ich geh mal näher ans Fenster!"

Den Hund im Schlepptau tippelt sie so nah es eben geht an das Schaufenster eines Blumengeschäfts und brüllt dann mit sich überschlagender Stimme:

"BIN AM FENSTER! UND SCHATZI, HÖR ICH DICH JETZT BESSER??"

Samstag, 4. Juli 2015

Mitgehört (7): Richtig kaufen

Eine große Kreuzung in meiner Nachbarschaft.

Vierspurige Hauptverkehrsstraße trifft zweispurige Hauptverkehrsstraße. Dazu ein Haufen Abbiegespuren, diverse Fußgängerüberwege und Bullenhitze, die die Luft über dem Asphalt flirren lässt.

Ich stehe an der Fußgängerampel und neben mir auf dem Abbiegestreifen nach links steht eine Schwanzverlängerung mit Chromfelgen, übertrieben vielen PS und drei Halbstarken mit gespiegelten Sonnenbrillen und gegelten Seitenscheiteln mit blondierten Spitzen an Bord.

Natürlich wird pflichtbewusst auf dicke Hose gemacht, es wird im Leerlauf auf's Gas getreten, der Motor brüllt auf, die zusätzlichen Brabus-PS bahnen sich zumindest akustisch ihren Weg...

Ampel gelb. Voll auf's Gas. Burnout! Gleich! Mindestens! Freudige Erwartung.

Ampel grün.

Gib ihm!!

Rauf auf's Gaspedal, die Reifen drehen durch und qualmen, die Jungs johlen, die Schwanzverlängerung schießt vorwärts...

...von gegenüber kommt gemütlich ein grüner Fiat angerollert. Ganz langsam. Wie ein Tretauto. Vorfahrt hat er aber trotzdem.

Nach qualmenden Reifen beim Start gibt es nun Sekunden später erneut qualmende Reifen bei der Notbremsung, die der Depp am Steuer der Schwanzverlängerung grad noch so hin bekommt.

Der Fiat umkurvt im Zeitlupentempo die in seiner Fahrbahn stehende Schwanzverlängerungsfront, stoppt kurz danach und die junge Fahrerin ruft, während ich auf meinem Fußgängerüberweg die Kreuzung überquere und das Ganze beobachte, aus dem eilig heruntergekurbelten Fenster laut

"Alter, lern du mal richtig Auto fahren!"

Als Antwort darauf gibt es aus der Schwanzverlängerung nur ein trockenes "Alte, lern du erstmal richtig Auto KAUFEN!!"

Dann wieder Bleifuß und die Schwanzverlängerung verschwindet hochtourig röhrend auf der inoffiziellen Rennstrecke Ring 2 Richtung Wandsbek.

Dienstag, 14. April 2015

Mitgehört (6): Punx not dead

Auf dem Gehweg an der Reeperbahn hat es sich eine Gruppe Punks bequem gemacht.

Sie sitzen oder liegen entspannt herum, ab und an wird an der Billigbierdose genippt oder mal ganz beiläufig ein Vorbeilaufender angeschnorrt.

Man muss entweder - wenn grad kein Auto kommt - auf die Fahrbahn  ausweichen und läuft so außen um die Gruppe herum oder man läuft mitten hindurch und umkurvt die herumchillenden möglichst elegant wie Slalomstangen.

Ein Bodybuildertyp in klischeehafter Klamotte, die ihm fast vom Körper platzt, hat darauf keine Lust. Er pflügt einfach durch die Gruppe hindurch, seine solariensonnensüchtige Freundin hat er dabei fest im Griff und zerrt sie hinter sich her.

Während er eine Schneise durch die Herumsitzenden schlägt, tritt er wohl im Vorbeilaufen einem von ihnen mehr oder weniger versehentlich gegen das Bein und sein Opfer, ein junger Typ von vielleicht sechzehn Jahren mit grüngefärbtem Iro und SLIME-Shirt windet sich daraufhin so theatralisch auf dem Boden wie Pippo Inzaghi es seinerzeit regelmäßig und mit viel Erfolg im Strafraum des jeweiligen Gegners tat.

"Eyh, das war Absicht! Bleib stehen!" ruft er dem Übeltäter mit weinerlicher Stimme hinterher und er schaut tatsächlich, als wolle er gleich losheulen.

"Bleib stehen oder ich ruf die Polizei!"

"Geht nicht!" ruft ihn sein maximal ein Jahr älterer schlecht blondierter Kumpel zur Raisson. "Du kannst nicht die Polizei rufen, wir sind Punks, wir hassen die Polizei. Und die hassen uns! Das weißt du doch!"

Darauf überlegt der Iro-Träger kurz und zuckt dann entschuldigend mit den Schultern.

"Ja, Scheiße, hast Recht. Das vergesse ich immer. Du bist halt schon länger Punk als ich, das merkt man voll!"

Sonntag, 8. Februar 2015

Mitgehört (5): Fiktion oder Realität?

In der S1 Richtung City sitzen zwei Mädels, ich vermute, sie sind auf dem Weg in irgendeinen Club in der Schanze oder auf Pauli.

Sie sind für die Außentemperaturen zugegebenermaßen ziemlich leicht bekleidet und unterhalten sich über ein Buch, welches sie wohl beide gelesen haben.

"Meinst du, dass das tatsächlich so passiert ist?!?"

"Ach was, das ist pure Fiktion!"

"Echt?"

"Klar, das hat die Autorin sich ausgedacht. Nur Fiktion ist das alles! Aber Fiktion ist ja auch cool!"

Ich steige aus und gehe meiner Wege, knapp hinter mir laufen zwei junge Teenies, die den Mädels offenbar auch gelauscht haben.

"Die waren geil oder Bruder?"

"Auf jeden Fall! Vor allem die Blonde!"

"Über was haben die denn geredet Mann?"

"Keine Ahnung Mann, aber war geil, die Blonde hat ständig irgendwas mit "Fick" gesagt! Voll versaut Alter!"

Montag, 22. Dezember 2014

Mitgehört (4): Der Schmetterling

Vor mir auf einer Nebenstraße in St. Pauli laufen zwei englischsprachige, größtenteils in Neonfarben gekleidete und relativ kompakt gebaute Pummelfeen, aufgrund ihres Akzentes würde ich auf die Ecke Manchester tippen.

Mir tränen ein bisschen die Augen bei ihrem Anblick.

Ein wenig angeschickert sind die beiden auch schon, die eine trägt eine fast geleerte Flasche Rosè-Sekt in der Hand, es wird nicht die erste sein.

Sie scheinen sich über ihre Outfits zu unterhalten, offenbar gehen die Meinungen da aber auseinander.

Von Satz zu Satz steigt die Lautstärke ihrer Unterhaltung und die Stimmung schlägt merklich um.

Schließlich baut die ohne Sektflasche sich vor der anderen auf, stemmt die Arme in die stämmigen Hüften und brüllt weit hörbar im breitesten britischen Akzent:

"That's not true, you're a bitch! I look like a fucking butterfly!!

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Mitgehört (3): Mutti klärt auf

Im Zug Richtung Bremen flitzt ein fast komplett in rosa gekleideter laufender Meter glucksend hin und her durch den Mittelgang und freut sich dabei wie ein Schneekönig.

Weg von Mutti, zurück zu Mutti, wieder weg von Mutti und wieder hin zu ihr.

Jedes Mal wenn sie wieder sicher bei Mutti angekommen ist, quietscht die Kleine freudig "Mama ist da!" und die Mama lacht und knuddelt und strahlt und antwortet jedes Mal sowas wie "Ja Schatz, Mama ist hier!".

Das geht so eine ganze Weile und inzwischen beobachtet der halbe Waggon ganz angetan die Kurze und ihre Mutter.

Wieder wetzt sie auf ihren rosafarbenen Sockfüßen Richtung Mutti, fällt ihr in die Arme und quiekt dieses Mal zur Abwechslung "Papa auch da??"

Mutti stutzt kurz, dann antwortet sie staubtrocken und ohne mit der Wimper zu zucken:

"Nein, Papa ist nicht da. Es ist Wochenende und Papa hat gestern wie immer am Wochenende wieder mal zuviel gesoffen!"

Sie macht eine kurze Pause. Dann drückt sie ihre Tochter an sich und erklärt:

"Wenn man zu viel säuft, dann geht es einem nicht gut und man bekommt Kopfweh und muss spucken, liegt im Bett rum und jammert weinerlich. So wie im Moment der Papa."

Es entsteht eine erneute kurze Pause. Dann mit einer abwinkenden Handbewegung:

"Aber das lernst du noch früh genug. Wenn du nach deinem Vater kommst, dann so ab spätestens dreizehn. Warte mal ab. Jetzt geh weiter spielen, Schatz!"

Die Kleine wetzt daraufhin wieder mit unbändiger Energie den Gang auf und ab und jubiliert.

Nach ihrem Papa fragt sie nicht mehr, wenn sie in Muttis Arme rennt.

In Delmenhorst steigen die beiden aus. Kichernd und wahrscheinlich deutlich besser gelaunt als zeitgleich der Vater zuhaus.

Sonntag, 14. September 2014

Mitgehört (2): Bunte Zukunftspläne

In der Altonaer Fußgängerzone hockt auf der Bank neben der, auf der ich eine kleine Pause einlege, eine Gruppe Punks.

Bunte Haare, Dreadlocks, Piercings en masse, Bierdosen, Selbstgedrehte, Geschnorre. Alles am Start. Natürlich auch die obligatorischen gut erzogenen frei laufenden Hunde, unter ihnen ein ganz junger kleiner Schäferhund.

Ein Pärchen in meinem Alter kommt heran gelaufen, neben ihnen hüpft die kleine Tochter, geschätzte vier Jahre alt die Straße entlang.

Und entdeckt den Welpen.

Die Kleine ist vor lauter Begeisterung kaum noch zu bremsen und knuddelt den kleinen Hund ausgiebig, dann bestaunt sie mit großen Augen die bunte Truppe auf der Bank, während Mami und Papi irritiert und mit leicht angeekeltem Gesichtsausdruck ein paar Münzen spenden.

Nach ein paar Minuten können die Eltern ihre Kurze endlich loseisen und sind darüber sichtlich erleichtert.

Als die drei dann an meiner Bank vorbei kommen, hüpft die Kleine freudig in die Luft und ruft mit sich überschlagender Stimme:

"Mami, Papi, die haben süße Hunde UND bunte Haare! Genau SO werde ich später auch!!"

Mittwoch, 20. August 2014

Mitgehört (1): Familienplanung

Vor einem Restaurant am Paulinenplatz sitzt ein Paar in den Zwanzigern und genießt seine Drinks.

Sie himmeln sich an wie frisch Verliebte.

Es wird viel gelächelt, man schaut sich tief in die Augen und natürlich wird quer über den Tisch Händchen gehalten.

Sie reden leise und vertraut.

Plötzlich stutzt er und schaut irritiert.

"Ehrlich, du erzählst mir, welche Kindernamen dir gut gefallen? Ich will gar keine Kinder!"

Er springt auf und lässt sie, die nun ebenfalls irritiert schaut, am Tisch zurück.

Aus ein paar paar Metern Entfernung ruft er noch "Wirklich, ich will keine!"

Und nochmal fünf Meter weiter: "Und schonmal gar nicht mit dir!!"

Dann dreht er sich um und verschwindet um die nächste Straßenecke.

Sonntag, 3. August 2014

Rein oder raus

Samstag Abend am U-Bahnhof Sierichstraße.

"Zurückbleiben bitte!"

Doch die Bahn bleibt stehen, weil sich ein Pärchen aus meinem Waggon nicht voneinander trennen kann.

Es wird in der Tür der Bahn umarmt und geküsst als sei es ein Abschied für immer.

Abwechselnd ist mal sie und mal er auf dem Bahnsteig, aber ständig wird durch das Geknutsche und Gekuschele der Schließmechanismus der Tür blockiert.

Das geht so sicher eine Minute oder noch länger.

Dann meldet sich der Fahrer der Bahn mit leicht ungehaltener Stimme übers Mikrofon.

"An das Pärchen an Wagen drei, könnten Sie sich bitte mal entscheiden, was Sie wollen?"

Kurze Pause.

"Immer rein, raus, rein, raus... Das können Sie in Ihrem Schlafzimmer so machen, aber nicht in meinem Zug!"

Das Pärchen verschwindet augenblicklich von der Tür.

Die Bahn fährt endlich ab.

Übers Mikrofon hört man den Fahrer noch leise irgendwas von wegen "immer diese Notgeilen" und "alle bekloppt" murmeln, dann schaltet er das Mikro ab.