Mittwoch, 1. Mai 2013

Brauerei-Quälerei

Samstag war Brauereifest bei Holsten.

Und ich war da. Mit Vorfreude sogar.

War da verabredet mit einem Freund, den ich schon zu lange nicht mehr gesehen hatte und freute mich auf einige nette Geschichten von seinem Trip nach Kiew, von dem er am frühen Samstag Morgen zurück gekommen war und von dem er mir schon ein paar Bilder gesendet hatte, die nach Erklärungen verlangten.

In der Bahn war alles überraschend entspannt, selbst als ich an der Holstenstraße ausstieg, war das Elend nicht zu erahnen. Viele Menschen, ja. Aber noch alles schön. Da hab ich noch gedacht, daß das ja vielleicht ne ganz gute Idee gewesen sein könnte, die Wohnung zu verlassen.

Zehn Minuten später stand ich vorm Eingang zum Gelände der Brauerei, nippte am mitgebrachten Bier und revidierte sämtliche vorherigen positiven Gedanken.

Halb Hamburg ist erschienen, alle die sind da, die sonst die Reeperbahn bevölkern, weswegen ich diese so gut es geht meide und mich dort nur alle Jubeljahre mal herumtreibe. Da sind Junggesellen-und-Junggesellinnenabschiede, die Kerle als Schlümpfe, ihre weiblichen Pendants als Pipi Langstrumpf verkleidet, da sind Gruppen der Generation über meiner, die ich als Kegel-oder-Schützenvereine einordne, außerdem eine Menge Fußballfans, die sich auf die jeweiligen Niederlagen ihres persönlichen Hamburger Teams am Tage darauf eintrinken und natürlich wimmelt es von Teenietruppen aller Formen und Farben, die nur zwei Dinge gemein haben: Hormonüberschuß und Blutalkohol.

Und all das rollt in Massen Richtung Bühne, auf der in einer knappen Stunde "Kettcar" spielen sollen. Ich hätte das ahnen müssen, die Band kostenlos in Kombination mit Bier für zwei Euro zieht Publikum an. Und jetzt ist es zu spät zur Flucht, denn ich steh mittendrin. Fuck!

Erstmal ein Bier, ich mag zwar Holsten nicht besonders, aber das ist jetzt auch egal.

Auf Bühne Nummer zwei, vor die ich mich leider zunächst verirre, vergewaltigt eine Coverband die Doors, Stones oder Led Zeppelin (die grausigste Version von "Stairway to heaven", die ich je ertragen musste...), das Volk schwoft dazu im Engtanz und schunkelt Arm in Arm. Kurz bevor mein Kopf explodiert, schickt mir N. endlich seinen Standpunkt. "Links vor der Bühne. Jetzt! Antreten!"

Im Slalom umkurve ich die Unmenschenmengen, die mir in einer nicht für möglich gehaltenen Langsamkeit im Weg herum "laufen", ich nutze jede sich bietende Lücke, um schnellstmöglich voran zu kommen, ständiger Spurwechsel wie auf einer überfüllten Autobahn, sinnlos, nervenaufreibend, ... rechts ran, neues Bier, kurz durchschnaufen. N. schreibt "Stehen links vor der Bühne beim Bierstand. Immer noch! Wo bleibst du!?"

Ich kämpfe mich durch das Gedränge, meinen Bierbecher hoch über den Kopf haltend, nach mehreren Minuten bin ich fast am Stand angekommen, mindestens die Hälfte meines Bieres hat sich dank Geschubse und Gerempel über meine Jacke verteilt und läuft mir aus den Haaren, da vibriert das Handy schon wieder.

"War zu voll da. Geh da nicht hin! Sind jetzt weg von der Bühne. Hinten bei den Burgern. Die sind echt gut!!"

Arschlecken, da komm ich doch grad her?!? Fluchend mache ich mich auf den Rückweg, vorher exe ich das restliche bisschen Getränk, damit ich zumindest nicht noch nasser werde. Bin noch keine drei Meter weit gekommen, da knallt es, jemand rennt unkoordiniert in mich hinein, verteilt seinen Becher Gesöff über meine Hose, die war bisher trocken geblieben und bleibt taumelnd vor mir stehen.

Ein Typ von vielleicht zwanzig, maximal, sich auf den Beinen zu halten fällt ihm nicht leicht, seine BP-Cap, die ihn nicht unbedingt sympathischer macht, hängt schief über dem geröteten Gesicht mit dem Oberlippenflaum und sein linkes Auge fixiert mich. Das rechte verdreht sich alle paar Sekunden in eine andere Himmelsrichtung. Ein verstörender Anblick. Nach kurzer Zeit gröhlt er "Holstööön!!!" und rennt weiter, voll rein in die Umstehenden. Sowas kenn ich eigentlich nur von Konzerten, nur sind da keine Kleinkinder oder ältere Menschen im Publikum. Ich muss wohl ziemlich fassungslos aussehen, denn jemand klopft mir beruhigend auf die Schulter und zuckt entschuldigend mit seinen. "Jung, du brauchst erstmal ordentlich n Bier!" wird mir nahegelegt.

Inzwischen hat das Konzert begonnen und ich bin wieder hinten (und gefühlt unten) angekommen, dort, wo N. angeblich vor der Burgerbude wartet. Was er natürlich nicht tut. Er ist nun wieder ganz woanders teilt er per SMS mit, da würd er samt Gang nun aber WIRKLICH warten.

Ich sehe mich vorm inneren Auge selbst als Comicfigur, mir steigt Dampf aus Nase und Ohren, über meinem Kopf thront eine Sprechblase, "TUUUT TUUUT!!" und mein Kopf ist hochrot.

Reicht jetzt! Ich beweg mich keinen Meter mehr! Ich habe grad reeelativ gute Sicht auf die Bühne und stehe nicht weit von einer Box, kann also sogar recht gut hören, ist ja nicht sooo unwichtig bei nem Konzert.

Klar, ich steh mal wieder im Durchgang, da, wo ich stehe, wollen und müssen immer unbedingt alle durch latschen, gern auch zeitgleich vor und hinter mir längs. Denn auf das kleine Fleckchen zwischen den Buden, in dem eh schon viel zu viele stehen, da passen auch noch mehr rein. Atmen? Überbewertet.

Meine gute Sicht hat sich auch bald erledigt, darin positioniert sich gekonnt ein knutschendes Pärchen, was wieder die Besoffskis in meiner Umgebung auf den Plan ruft. "Eyh, zeig ma was eyh!! Tittööön!!!" "Nutte Alter, die würd ich auch gern mal..."

Warum immer ich?

Ein letzter Versuch. Paar Meter weiter hinten. Ich stehe noch keine halbe Minute da, da nimmt der Papi vor mir seinen Windelscheißer aus dem Kinderwagen (warum man mit einem Kleinkind im Kinderwagen um diese Uhrzeit in diesem Umfeld sein muss...irgendwer erklär es mir bitte!) und setzt ihn sich auf die Schultern. Direkt vor mein Gesicht. ... ... ...

Bevor die Springerpresse in der Sonntagsausgabe vom Amokläufer auf dem Brauereifest berichten muss (oder darf), beschließe ich, daß es mir reicht.

"Screw you guys, I'm goin' home!"(Eric Cartman)

Am S-Bahnhof fährt die Bahn ein, als ich gerade die Treppe herauf komme. Sie ist fast menschenleer. Ich suche mir einen Platz, setze die Kopfhörer auf, strecke die Beine aus, ein nettes DJ-Set wummert mir in die Ohren.

Es geht doch!

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