Freitag, 23. August 2013

Wohnungssuche in Hamburg



(Leider nicht von mir fotografiert, eine Bekannte hats irgendwo in Eimsbüttel entdeckt. Ich staube hier nur ab wie Mario Gomez und nutze das Bild, weil ich es erstens lustig und zweitens sehr treffend finde, denn die Problematik lässt sich auch auf andere Stadtteile beziehen, in Eimsbush (und anderen Szene-Vierteln) ist es nur momentan relativ akut. Außerdem steh ich auf den Verweis in der Mailadresse. "Was nützt die Liebe in Gedanken" hab ich immer gehasst, weil da Daniel Brühl mitspielt und den kann ich so gar nicht leiden...dabei ist es eigentlich ein echt guter Film!)

Es wäre ja lustig, wenns nicht so wahr wäre.

Meine kleine Ein-Zimmer-Bude im schönen Barmbek-Nord ist für mich auch nur noch deswegen bezahlbar, weil ich seit zehn-plus Jahren hier wohne, wenn ich mal ausziehe, zahlt der kommende Mieter garantiert einen Aufschlag von locker einem Drittel auf die Miete, die ich grad abdrücke. Und damit ist er dann noch gut bedient.

Das ehemalige Arbeiter- und Studentenviertel mausert sich. Von Unterschicht zum angesagten Szene-Stadtteil. Sagen zumindest Menschen vorher, die sich auskennen mit Stadtentwicklung und Trends und so. Barmbek-Nord wird in absehbarer Zukunft die neue Schanze. Und meine Wohnung ist dann ergo ein Kleinod, das jeder haben will. Relativ ruhige Seitenstraße, nicht im Erdgeschoss und gut an den ÖPNV angebunden. Wenn Barmbek-Nord in ein paar Jahren zur Schanze 2.0 mutiert ist, erste Anzeichen sind ja schon zu erkennen (Restaurants und ansprechende Bars ziehen in den Kiez, die Mieten steigen und wir haben jetzt sogar okaye StreetArt...wo früher Urs-Kevin sein "I was here" samt Datum mit Edding an die Wand gehauen hat, kleben heute recht ansprechend gemachte Stencils...und ja, das IST, so blöd es auch klingt, ein Zeichen für die Aufwertung eines Kiezes), dann werden sich Bewerber um meine paar Quadratmeter Wohnfläche schlagen und mein Vermieter wird mich hochkant rauskicken wollen - ein erster plumper Versuch wurde bereits erfolgreich abgeschmettert. Gewollt bin ich hier nicht mehr, das habe ich verstanden.

Aber ich geh hier nicht weg. Nicht freiwillig. Da muss mein Arsch von Vermieter sich ordentlich ins Zeug legen, um mich zum unfreiwilligen Auszug zu bewegen. Da muss er größere Geschütze auffahren.

Die Nachbarn, die erst seit kurzem hier wohnen, werden wieder gehen. Müssen.

Feriz aus Mazedonien lebt seit etwa einem Jahr in der Wohnung unter meiner und wird auch gehen müssen, wenn mein Viertel irgendwann bald "in" wird. Sein neunter Umzug wäre das, seit er 2005 nach Deutschland gekommen ist, erzählte er vor ein paar Tagen. Er ist ein gestandener Mann um die 50, spricht astreines Deutsch und hat viel erlebt. Wenn er von seiner Vergangenheit erzählt, wenn wir uns mal zufällig im Treppenhaus treffen, dann muss er manchmal abbrechen und erstmal schlucken, bevor er weitersprechen kann. Und ich lausche und höre ihm zu und muss manchmal auch tief durchatmen , während er erzählt, weil das, was er erzählt, einfach übel ist. Und wenn er, das ist abzusehen, aus seiner Wohnung raus muss, im Zuge des "alles muss neu sein", dann wird er weinen müssen, sagt er. Und ich kann ihm dann nur gut zureden, ihm auf die Schulter klopfen und versuchen, ihn zu trösten und sonst kann ich nichts tun.

Der Nazi-Arsch aus dem zweiten Stock wird sicherlich gegangen werden. Endlich. Vermissen wird ihn niemand, da bin ich mir sicher. Er sollte ja vor einigen Monaten schon raus, hat sich aber mit dem Vermieter irgendwie gut gestellt und durfte dann doch bleiben. Eine erneute Mieterhöhung wird er aber nicht überleben, obwohl auch er davon profitiert, schon ewig im Haus zu wohnen, bei Neubezug wären seine zwei Zimmer, Küche, Bad wohl unter (ich rate mal einfach) 650€ kalt nicht mehr zu haben und da setze ich vermutlich noch großzügig an. Und obwohl Denny ein Riesen-Arsch ist, habe ich so etwas wie Mitleid, er lebt seit über 20 Jahren hier und viel mehr Jahre werden es nicht werden. Das Ende einer Ära. Das muss hart sein.

Und ich?

Ich sitz weiter hier und schaue zu, wie mein Viertel auch ganz allmählich gentrifickziert wird.

Beobachte Ein-und-Auszüge vom Fenster aus. Ich werd Denny Umzugskisten schleppen sehen und mir innerlich selbst eine High Five geben. Ich werd Feriz Umzugskisten schleppen sehen und runterrennen und beim Schleppen helfen. Und ihn danach auf ein Bier einladen.

Und danach geh ich zurück in meine paar Quadratmeter Wohnung, in denen ich mich meistens echt wohl fühle. Und dann schreib ich drüber.

Kommentare:

  1. Überall dieselbe Story. Und nirgendwo organisierter Widerstand. ich verstehe es nicht.

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    1. Organisierter Widerstand klingt ja immer gut. Aber wie soll der aussehen?

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    2. Moin H. O.!

      Ich habe auch schon darüber nachgedacht, wie ein organisierter Widerstand aussehen könnte, denn passieren muss definitiv etwas. In diesem mein Wohnhaus betreffenden Fall kam mir als erstes eine kollektive Mietkürzung von Mieterseite in den Sinn, ich hab vor einiger Zeit schonmal versucht, so etwas zur Sprache zu bringen, denn das Haus ist in einem katastrophalen Zustand und die Mietpreise, die neu Zugezogene dafür zahlen, sind frech. Selbst ich mit meinem Uralt-Mietvertrag aus 2002 liege inzwischen bei >10€/qm, Feriz aus der Etage unter mir zahlt DEUTLICH mehr, ich weiß die genauen Zahlen nicht mehr.

      Leider ist dieses Haus aber ein dermaßenes Irrenhaus mit so gegensätzlichen "Charakteren", dass meine "Idee" auf viele taube Ohren stieß. Und wenn nur maximal 50% der Mieter bei so einer Sache mitmachen, dann bringt die ganze Aktion wohl nicht viel. Vermutlich wär ich dann schon längst irgendwie aus meiner Bude rausbugsiert worden, denn an Nachmietern, die (wohl oder übel) gewillt sind, übertriebene Preise in diesem Haus zu zahlen, mangelt es nicht. Die haben die Whg schneller wieder vermietet, als ich aus der Haustür raus bin.

      Ich beobachte die Entwicklung hier mal weiter...die Fassade des Wohnblockes gegenüber wird grad aufgehübscht, neue Fenster wurden eingesetzt und an der Straßenecke fangen sie an, den Fußweg (neu) zu pflastern. Zweifarbig. Die nächste Mieterhöhung ist nur noch eine Frage der Zeit...

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    3. @ sunflower

      dann fang doch mal an zu organisieren!!!!

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  2. Scheiße, ja, so läuft das. Überall. Und du hast natürlich Recht: stencils sind Vorboten dessen, was bevorsteht. So absurd das auch ist.
    Ich kann nur die Daumen drücken! Sitze ja selbst auf dem Pulverfass Gentrifizierung.
    Was sind das für Leute, die jetzt in euren Kiez ziehen?
    Hamburger, jung, alt, Künstler, Familien?

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  3. Ich würde sagen, der Trend geht in Richtung junge Hamburger (oder aus dem nahen Umkreis, Pinneberg, Norderstedt, Lüneburg etc), die während Ausbildung/Studium "oben bei Mutti" am Stadtrand oder irgendwo vor den Toren der Stadt gewohnt haben und jetzt mit eigenem Einkommen ins Großstadtabenteuer durchstarten. Leider Gottes in meiner Nachbarschaft... Familien seh ich hier in direkter Umgebung weniger, was aber schlicht daran liegen wird, dass es in Barmbek-Nord großteils Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnungen gibt und die sind für mehr als zwei Personen einfach zu klein.
    Allerdings wird viel gebaut, also werden die Familien bald nachziehen.

    Als ich damals hergezogen bin, wohnten hier größtenteils Studenten und Rentner, die einen ziehen nun weg, da zu teuer, die anderen sterben weg (bisschen böse formuliert, aber es ist ja nunmal so).

    Von den Künstlern (gern auch in "" zu setzen) bleiben wir hier bisher noch verschont, die bevölkern weiterhin die Original-Schanze, Altona und St. Georg. Und da dürfen sie auch gerne bleiben.

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  4. Von Barmbek-Nord ist die Gentrifizierung noch meilenweit entfernt. Da können sie dir noch so oft sagen, dass es "in" wird.
    Ernsthaft, sowas sieht anders aus.

    M.

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    1. Erzähl das mal meinen Nachbarn, die sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten können...

      Das es anderswo (auch in HH) noch (wesentlich) schlimmer ist, ist natürlich richtig, das ist klar. Machts aber leider auch nicht besser.

      (btw, Glückwunsch nachträglich, ich meld mich die Tage (MI?) abends mal!)

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  5. leichte aggressionen wecken bei mir hh-ferne,in hinblick auf die dortige wohnungssituation eher ahnungslose ratgeber, die ein lässiges:"dann musst du eben wieder nach hh ziehen" in den raum werfen..
    aus beruflichen gründen steht das schon lange an. ABER......es ist schlicht nicht mehr finanzierbar
    (osdorf,kirchdorf süd,heimfeld u.ä. sind KEINE option!)

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    1. Moin "Anonym", "leichte Aggressionen", schön formuliert! Bei solchen tollen Tipps krieg ich auch immer Magendrücken...

      Was die von Dir angesprochenen Stadtteile angeht: Die erste Whg, die ich mir damals angeschaut habe, war direkt am Osdorfer Born, 16stöckige Platte, das Treppenhaus in türkis in Schwimmbadoptik gekachelt, vorm Aufzug eine stinkende gelbe Lache...ich bin rückwärts wieder zum Auto zurück. Auf dem Parkplatz spielte eine Gruppe Grundschüler mit einem langen Jagdmesser... Osdorf geht GAR nicht!

      In Heimfeld hat jahrelang ein Freund gewohnt und er war dort sehr zufrieden und würd auch heut noch dort leben, ist dann aber zwecks Familiengründung mit der Freundin in eine größere Whg näher an der City gezogen. Bei Besuchen in Homefield war ich recht positiv überrascht, ich hatte es mir "schlimmer" vorgestellt - dank Erfahrungswerten aus dem nahen Neuwiedenthal, ganz gruselige Ecke! Aber in Heimfeld scheint`s soweit ok zu sein...gewundert hat mich das schon.

      Ich wünsch Dir in Zukunft mehr Erfolg bei der Wohnungssuche in HH! :)

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  6. Fasst ziemlich gut zusammen, was mein Bester gerade bei seiner Wohnungssuche durchmacht hehe! Schicke ihm nachher mal das Bild oben rum, damit er auch mal wieder was zu lachen hat :D

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    1. Jau Lars, tu das! Vielleicht muntert es ihn ja ein bisschen auf :) Viel Erfolg bei der weiteren Suche!

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