Montag, 30. Dezember 2013

Über den Tellerrand - Ein paar Links zu tollen Blogs/Texten (6)

Weihnachten ist mal wieder überlebt.

Erstaunlich gut sogar.

Ein Großteil der Bewohner dieses ach so tollen Landes (ich bekam eine große Packung Ironie zu Weihnachten, da war sogar ne Schleife dran!) saßen vermutlich am "heiligen Abend" mit der Familie zusammen und hatten eine gute Zeit. Ich auch. Es gibt aber auch Menschen, die dieses Privileg nicht haben. Kreuzberg Süd-Ost war unterwegs und hat denen, die kein warmes Wohnzimmer haben, etwas Gutes getan. Ich finde das absolut toll.

Ganz andere Sorgen hat die "cynical mother". Sohnemann räumt nicht auf. Wahrscheinlich ist Fußball wichtiger. War bei mir früher nicht anders. Jungs halt. Die Aufregung kann ich aber nachvollziehen! Wär das meiner, ich würd bekloppt werden...! Aber "Chill doch mal, Mama!" ist doch zumindest ne coole Ansage!

Dann habe ich noch Texte gefunden, die über mein großartiges Viertel Barmbek-Nord berichten, da war ich recht begeistert! Nachzulesen hier und hier. Gefunden habe ich beide Texte bei Maximilian Buddenbohm, der die großartige Idee hatte, Hamburger über ihre Kieze oder Wohnviertel schreiben zu lassen. Da sind tolle Sachen bei raus gekommen. Mit der Zeit dann auch nicht nur über Hamburger Quartiere...ich sehe da Berlin, Köln, München, Barcelona, Basel, Riad...größtenteils dann aber doch Geschichten, Eindrücke und was sonst noch von Hamburgern über die Stadtviertel, in denen sie leben. Spannend!

Noch was Spannendes! Der Kiezneurotiker hat einen Text zum Hamburger Fischmarkt geschrieben. In dem findet ihr eine Textpassage, die ihr anklicken könnt. Wenn ihr das tut (nachdem ihr hoffentlich des Kiezneurotikers Text gelesen habt), landet ihr auf einem anderen Blogtext eines anderen Blogs. In dem ist wieder ein Textteil anklickbar und führt wieder auf einen anderen Blog... Insgesamt sind neun Blogs vernetzt, wenn ihr also vom Kiezneurotiker aus neun Mal weiter auf die entsprechende Textstelle klickt (und möglichst bitte auch die betreffenden Texte lest), dann solltet ihr wieder beim Kiezneurotiker landen, habt hoffentlich Spaß gehabt und Interessantes, Informatives und/oder Kurzweiliges gelesen, vor allem aber habt ihr neun BloggerInnen etwas Gutes getan.

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In zwei Stunden geht es los Richtung Hauptstadt, um da Freunde zu treffen und das neue Jahr zu begrüßen. 2014 kann unmöglich elender werden als 2013. Da bin ich mir sehr sicher.

Ich wünsche allen, die hier mit lesen und kommentieren, einen guten Rutsch und einen tollen Start ins neue Jahr. Passt beim Böllern auf eure Finger auf, die braucht ihr vermutlich in der Zukunft noch!

Bis nächstes Jahr!

Sonntag, 29. Dezember 2013

Aber das Navi sagt "Links"!

Am zweiten Weihnachtstag bin ich aus der Heimat im niedersächsischen Nichts per Mitfahrgelegenheit zurück nach Hamburg gefahren.

Die Fahrt verlief einigermaßen unspektakulär, obwohl mich die Fahrerin doch äußerst stark an Disneys Kampf-Prinzessin Merida erinnerte.

Anfangs wurde sich noch geschwätzig unterhalten, mit der Zeit erstarb aber das Gespräch, ich war eh todmüde und wollte, nachdem ich glücklicherweise meinen Lieblingsplatz hinten links erobert hatte, die Fahrt verschlafen, die Beifahrerin knickte auch urplötzlich ab, grad hatte sie noch davon erzählt, wie toll ihre ersten drei Monate in Berlin gewesen seien, die große Stadt, das Mädchen aus der Provinz, in Friedrichshain lebe sie jetzt, Dachgeschoß, mit Balkon, tralali tralala, alles supi, ABER...!

Allmählich bekam ich schlechte Laune. Kann ich denn nichtmal friedlich vom Arsch der Welt nach Hamburg fahren, ohne mir Geschichten von irgendwelchen Hipster-Kiddies Anfang zwanzig anhören zu müssen, die sich darüber beschweren, dass ihre verfickte liebste Boutique mehr als eine Tram-Station von ihrer an der Decke mit Stuck verzierten Altbauwohnung mit Blick auf den Fernsehturm und in Rotznähe des Boxhagener Platzes gelegen ist und das der Bio-Laden ums Eck vorgestern schon wieder keine fair getradete handaufgezogene Karambola mehr im Angebot hatte?

Und warum muss ich bei "Karambola" immer an einen Haufen Schrottautos denken? Sternfrucht Alter, Sternfrucht!

Die Laune wäre wohl noch weiter gesunken, hätte sich nicht zwischen der rotbelockten Fahrzeugführerin und ihrem Navi ein lustiges "Gespräch" entsponnen.

"In 300 Metern links abbiegen!" - "Häh?" - "In 250 Metern links abbiegen!" - "Was? Wieso??" - "In 100 Metern links abbiegen!" - "Aber...zur A1 muss ich doch gerade aus? Fünf Kilometer noch?" - "Sie haben Ihre Abfahrt verpasst. Bitte wenden!" - "Gott verdammt! Gerade aus! Fünf Kilometer! Da, es steht auf dem Schild!!" - "Bitte wenden!"...

Viel hat nicht gefehlt und aus Nase und Ohren wäre weißer Rauch aufgestiegen, farblich abgestimmt zum Kopfhaar. Es hatte ein bisschen was von einem Beziehungsstreit. Auch wenn weder gewendet noch links abgebogen wurde, so hat gefühlt dann doch das Navi gewonnen, denn Prinzessin Merida fluchte noch Minuten später auf der Autobahn wie ein Rohrspatz leise vor sich hin. Irgendwie ganz niedlich.

In Hamburg wiederholte sich das Spielchen nochmals, als wir unser angepeiltes Ziel, den U-Bahnhof Schlump, ansteuerten. "Bitte links abbiegen!", "Nach 200 Metern halbrechts halten!", "Bitte schlagen sie vier Mal mit der Stirn auf das Lenkrad!", "Bitte erwürgen sie jetzt die Person zu Ihrer Rechten!"...meine wegweisenden neunmalklugen Kommentare von der Rückbank habe ich mal lieber für mich behalten, das war vermutlich besser für alle Beteiligten.

Ich weiß schon, warum ich einem Navi nicht über den Weg traue...

Im Sommer hatte ich schonmal so eine mehr oder weniger lustige Erfahrung mit einem sogenannten Navigations-System.

Im Rennflitzer meiner Cousine auf dem Heimweg vom Besuch im Münsteraner Zoo waren wir schon viel zu lange unterwegs, normalerweise braucht man 45 Minuten pro Strecke, wir waren bei einer Stunde Fahrtzeit und das Heimatdorf war alles andere als in Sichtweite. Da meine Cousine mit ihren zwanzig Jahren zwar eine gute Fahrerin ist, sich aber im Umkreis von 15 Kilometern um ihre Homebase herum nichtmal ein klitzekleines bisschen auskennt, fuhren wir strikt nach Navi. Linksrum, rechtsrum, halblinks, halbrechts, bla. Cousinchen folgte den Anweisungen der Computerstimme genauestens.

Nochmals links ab, direkt wieder rechts - und dann standen wir auf den Gleisen.

Jetzt ist so ein japanischer Kleinwagen zwar für vieles kompatibel, nicht aber für Schienenverkehr. Das war recht unpassend in dem Moment.

Man kann sich in etwa vorstellen, in welcher Hektik Cousinchen, Tantchen und ich die Karre, zum Glück wiegt die ja leer so gut wie nichts, von den Schienen wieder auf die Straße bugsiert haben.

Dass die Gleise nicht mehr genutzt werden, habe ich dann später am Abend via Google herausgefunden. Hab ich Cousine und Tante bis heute nicht erzählt, ich freu mich immer noch über die erschrockenen Gesichter und die weit aufgerissenen Augen, wenn die Geschichte wieder aufgewärmt wird. Mit Vorliebe von mir. Natürlich. An Weihnachten hab ich mir den Spaß mal wieder gegönnt.

Daddy hat nun vom Christkind auch ein Navi bekommen (und Chromfelgen nachempfundene Radkappen für den Familien-Kombi! Bling bling! Pimp Dad`s ride!), ich bin gespannt auf erste abenteuerliche Geschichten! Das wird bestimmt lustig!

Ich würde ja auch gern eine peinliche Navi-Geschichte über mich erzählen, aber - da gibt`s keine. Als ich noch ein Auto hatte, gab es meines Wissens nach noch keine Navis, ich hab noch auf Autobahn-Rasthöfen anhalten und gefaltete Straßenkarten studieren müssen, die sich NIE wieder in die Ursprungsform zurück falten ließen! Oder ich hab einfach nach dem Weg gefragt. Obwohl ich ein Kerl bin und ich das rein genetisch im Prinzip gar nicht tun sollte. Kerle fragen nicht nach dem Weg. So heißt es doch.

Ich schon.

Morgen geht`s wieder auf die Autobahn, ab in die Hauptstadt. Hoffentlich ohne navigatorische oder anders geartete Katastrophen. Aber bei meinem Glück...

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Der Wahnsinn in der Warteschlange

Letztens ist mir mal wieder am Abend die Glühbirne in der Deckenleuchte durchgebrannt und da ich natürlich wie immer keine Ersatzbirne in der Wohnung hatte, verbrachte ich die Zeit bis zum Schlafen gehen im schummerigen Licht einiger Kerzen und einer Weihnachts-Pyramide auf der Fensterbank sowie dem flackernden Licht des Fernsehers und des LapTop-Monitors. Das war in Ordnung, es gefiel mir sogar ein bisschen.

Tags darauf waren meine Eltern zum traditionellen vorweihnachtlichen Besuch in der Stadt und Mutter teilte meine Meinung so gar nicht, als ich ihr vom vorabendlichen Fauxpas erzählte. Da müsse SOFORT eine neue Birne her sagte sie in einem Tonfall, der nicht den Hauch einer Diskussion zu ließ. Direkt ins nächste Geschäft ginge es, um für adäquaten Ersatz zu sorgen.

So weit, so gut.

Dumm nur, dass das nächste Geschäft dieser Art die "Saturn"-Filiale auf der Mönckebergstraße direkt am Hauptbahnhof war, noch dazu war es um die allgemeine Feierabendzeit herum, wo sich NOCH mehr Volk in der Hamburger Innenstadt tummelt als eh schon in den Wochen vor Weihnachten.

Solche Argumente prallten an meiner Mutter allerdings ab wie ein Flummi, denn zuhause im niedersächsischen Nichts gibt es so etwas wie vorweihnachtlichen Trubel in der Einkaufsmeile nicht. Denn dort gibt es keine Einkaufsmeile.

"Jetzt geh da rein und besorg schnell eine Glühbirne, wir warten hier kurz!" sagte sie, "Papa kann dann eine rauchen und ich schau eben in ein paar Schaufenster. So lang wird das ja nicht dauern!"

Beim letzten Satz musste ich ein wenig lachen, aber wie gesagt: Diskussion von vornherein ausgeschlossen.

Ich also rein zu "Saturn", Böses vorhersehend.

Das Objekt der Begierde war schnell gefunden. Keine drei Minuten nach Betreten des Ladens war ich schon wieder auf dem Weg zur Kasse.

Fünf Kassen waren offen, an jeder so vier oder fünf Kunden vor mir. Ich entschied mich für die goldene Mitte.

Das war ein Fehler.

Die ersten beiden Kunden wurden noch problemlos abgefertigt und ich hatte nur noch zwei "Damen" vor mir. Die erwiesen sich aber als Totalschäden.

Der ersten war das auch optisch anzusehen. Während sie darauf wartete, dass sie an die Reihe kam, bohrte sie hingebungsvoll in der Nase. Wann die Haare zuletzt Wasser, geschweige denn Shampoo gesehen hatten, kann ich nur schätzen und ich würde auf einige Tage tippen. Die fettigen Strähnen wurden von rosafarbenen Spangen "in Form gehalten", vermutlich wären sie aber eh von allein an betreffender Position kleben geblieben...allgemein machte die gute Frau nicht den gepflegtesten Eindruck, aber ich will nicht urteilen. Jeder, wie er es mag.

Auf jeden Fall kaufte sie einen Haufen CDs, ich habe den "Eighties Mix" gesehen und irgendwas mit "Charts 2013" im Namen. Gruselig. Charts 2013. Robin Thicke, Daft Punk und das halbnackte Kind mit dem Undercut auf der Abrissbirne. Nein, schön ist anders. Geschmack erst recht...

Der junge Verkäufer scannt also CD nach CD. "Das macht dann 73, 50€ bitte!"

Sie zückt ihr Portemonnaie. Grelles rosa. Mit "Pikachu" drauf. What the fuck?!? Zieht drei Zwanziger heraus und drückt sie ihm mit fragendem Blick in die Hand.

"Das reicht noch nicht, da fehlt noch was!"

Ein weiterer Zehner wandert aus ihrer Geldbörse in Kassiererhände.

Jetzt schaut er fragend. Vermutlich sucht er insgeheim die versteckte Kamera. "Prima, jetzt noch drei fuffzich!" Sie starrt. Er auch. Sie an. Ich beginne zu realisieren, dass es noch ein Weilchen dauern wird, bis ich meine Eltern wiedersehe. Mal wieder die falsche Kassenschlange.

Zögerlich wechseln einige Münzen von A nach B, ich zähle mit, wir sind jetzt bei 73 Euro und zehn Cent. 40 Cent fehlen noch, das Finale ist nah.

Da zückt sie den Fuffi!

"Ich habe keine Münzen mehr!" sagt sie in bedauerndem Tonfall. Der Kassierer schaut jetzt, als stände ein Alien vor ihm und irgendwie ist das ja auch so. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als eine Wand, gegen die ich meinen Kopf schlagen kann.

Das war`s, sie hat bezahlt, er hat das Rückgeld herausgegeben, das Elend hat ein Ende, Erleichterung setzt ein, die ungeduschte Pummelfee in der Trainingsjacke kann den Abflug machen.

Das tut sie aber nicht.

Sie bleibt wie festgewachsen an der Kasse stehen und beäugt interessiert die ausliegende Auswahl an Plastiktüten. Ob die kostenlos seien, möchte sie wissen.

Das seien sie und sie dürfe sich so viele nehmen, wie sie möchte, erklärt der junge Mann an der Kasse, der inzwischen so aussieht, als würd er ihr liebend gern an die Gurgel gehen. Mir geht es inzwischen ähnlich.

"Da klingelt aber nichts, wenn ich dann raus gehe?" Die Frage kommt bestimmt. Investigativ. Klauen, nein, das möchte sie nicht. Auch keine kostenlosen Plastiktüten. Auf die Bestätigung, dass es garantiert auf dem Weg aus dem Laden nicht klingele, erfolgt eine dreifache Nachfrage.

"Sind sie sicher?" - "Ja." - "Wirklich?" - "Ja, wirklich!" - "Und es klingelt garantiert nicht? Sind sie WIRKLICH (sie betont das erste "i" lang) sicher?"

In den Kassiereraugen blitzt es gefährlich, er schiebt Kopfkino und in diesem bearbeitet er Madame Fetthaar mit einem langen Messer. Dazu wahlweise water boarding oder Elektro-Schocks.

"Ich. Bin. Mir sicher. Sehr." presst er zwischen den Zähnen hervor.

Endlich gibt sie ihren Posten an der Kasse auf, nicht ohne sich eine der kleinen Plastiktüten, die in Elektromärkten halt so angeboten werden und in den ihre CD-Sammlung mit Mist-Musik garantiert nicht passt, zu sichern. Ich schicke ein Stoßgebet gen Himmel, dass sie das bitte erst bemerken möge, wenn ich gezahlt habe...

Die Kundin, die nun noch vor mir an der Reihe ist und die vergangenen sechs oder sieben Minuten erstaunlich stoisch ertragen hat, macht mir Hoffnung. Älteren Semesters, eleganter Mantel, hochklassiges Handy...die kann unmöglich ähnlich nervtötend sein.

Falsch.

"Guten Abend, ich möchte einen Gutschein für meinen Enkel kaufen." - Der Mann an der Kasse schaut erleichtert. "Gerne, welchen Wert soll der denn haben?" - "277 Euro." - "Oh. wir bieten nur Gutscheine für 250 Euro an. Oder halt kleinere Geldwerte. Zehn Euro. 25 Euro...50..." - "Das ist schlecht, ich brauche nämlich einen über 277 Euro!"...

Ich brech das hier mal ab, denn ansonsten tippe ich morgen noch.

Der Kassierer und die elegante Dame einigten sich dann nach langer Diskussion, ich musste die ganze Zeit an einen Amoklauf denken, er hatte sich zwischenzeitlich aufgegeben, darauf, dass sie drei Gutscheine ersteht, 250€, 20€ und 5€. Nachdem die Scheine im Wechsel für die drei in einem Umschlag steckenden Gutscheine in die Kasse gewandert waren, wandte sich die elegante Dame das Kackweib nochmals an den jungen Kassierer. Es sei eine Frechheit von ihm, sie müsse jetzt die fehlenden 2€ auf den Umschlag kleben. Sowas wäre ihr noch nicht untergekommen. Schämen solle er sich.

Hätte sie noch einen weiteren Satz begonnen, ich hätte ihr mit Anlauf ins Kreuz getreten.

(Zwischendrin hatte die rosa Bedrohung von vorher übrigens nochmals einen Auftritt. Ihr war nach minutenlangem Herumprobieren dann doch aufgefallen, das ihr CD-Stapel im Leben nicht in die eine kleine Plastetüte passt. "`tschuldigung, darf ich die Tüte eintauschen? Für eine große?" - "Selbstverständlich!" - "Dann klingelt es aber auch nicht, wenn ich..." Zu meiner absoluten Überraschung hat sie den Killerblick des Kassenmenschen direkt verstanden)

Dann habe ich bezahlt. Meine Glühbirne. 1,99€. Und dann raus zu meinen Eltern. Inzwischen war es dunkel.

Eine Vermisstenanzeige hatten sie noch nicht aufgegeben. Daddy hatte aber einige neue graue Haare im Vollbart. Mutter hatte währenddessen die halbe Mönckebergstraße leer gekauft.

Und ich sitz abends nicht mehr im Dunklen. Hat mich nur 1,99€ und mehrere Lebensjahre gekostet, das Nervenkostüm muss komplett überholt werden, ich bin nur noch ein zitterndes Wrack und fasele davon, "Saturn" in die Luft zu sprengen. Aber sonst ist alles schön. Schwund ist ja bekanntlich immer.

Ich geh nachher los und kaufe mir ein rosafarbenes Portemonnaie. Für 277 Euro. Und danach lasse ich mich einweisen.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Tschüß "Molotow". Ein Stück Sankt Pauli ist Geschichte.

Vor knapp einem halben Jahr habe ich mich noch darüber gefreut, dass die wenigen Lieblings-Kneipen und -Clubs, die ich in dieser meiner Stadt habe, noch nicht durch Gentrifizierung oder aus anderen Gründen schließen mussten und im schlimmsten Fall durch Loft-Wohnungen oder Schicki-Lounges "ersetzt" wurden.

Und jetzt hat es innerhalb relativ kurzer Zeit zwei aus meinen Top 3 erwischt.

Zuerst musste der "Dschungel", meine liebste Kneipe der Stadt, sein angestammtes Quartier an der Schanzenstraße räumen. Das hat mir ordentlich schlechte Laune bereitet. Dann kam aber die Nachricht, man habe eine neue Ladenfläche gefunden und dort ginge es ansatzlos weiter. Das ganze im "Schlachthaus-Komplex", zu dem mit dem "Knust" auch eine der besten Konzert-Locations der Stadt gehört, ich war ein kleines bisschen beruhigt. Vor ein paar Tagen habe ich mir den neuen Laden mal angesehen und bin erschrocken.

Glattpolierte Glasfront. Dahinter lederbezogene Barhocker statt der alten liebgewonnenen Schemel, dank denen einem nach einer an der Bar des "Dschungel" an der alten Adresse verbrachten Nacht nicht nur der Schädel, sondern auch das Heck schmerzte. Ich will ja nicht unken, aber positiv stimmt mich das nicht. Rein optisch hat das Ding (von außen und durchs Fenster) jetzt was von einer Cocktail-Bar auf der Langen Reihe. Und das ist nicht gut...

Und dann die Katastrophe von Samstag Nacht.

Die Esso-Häuser an der Taubenstraße wurden geräumt und sind nun (momentan noch aufrecht stehende) Geschichte. Der Abriss war eh beschlossene Sache, jetzt geht es deutlich schneller, als alle erwartet haben.

Weil "die Wände wackelten" und "die Lampen herum schwangen".

Gut, ersteres passiert in meinem Wohnhaus auch. Zumindest vibrierende Wände habe ich hier alle drei Tage. Wenn bei den Bauarbeiten rund um meinen Wohnblock (da wird grad an drei Seiten neu gebaut bzw saniert) mal wieder eine Mauer runtergerissen wird, wackelt bei mir im dritten Stock der Boden. Wenn ein großer Jumbo-Jet im Tiefflug übers Haus fliegt und den Airport Hamburg-Fuhlsbüttel ansteuert, dann wackeln wegen irgendwelchen komischen physikalischen Effekten bei mir die Wände, da klirrt sogar manchmal das Geschirr im Küchenschrank. Kenn ich alles.

Gut, die Lampe schwankte nie (weil sie das nicht kann, da sie in ihrer Funktion als Deckenleuchter an eben dieser Decke fixiert ist), ich sehe aber ein, dass das in einem Gebäude, in dem seit locker einem Jahr der Zutritt auf wohnungseigene Balkone wegen Einsturzgefahr verboten war, schon kein allzu gutes Zeichen ist.

Ich bin nicht Statiker genug, um abschätzen zu können, wieviel Gefahr dort tatsächlich in der Luft lag.

Von daher kann ich nicht abschätzen, ob die Art und Weise, mit der dieser Situation begegnet wurde, korrekt war oder nicht. Das maße ich mir nicht an.

Fakt ist, dass ich:

- 1. wahnsinniges Mitleid mit den (jetzt ja ehemaligen) Bewohnern der Esso-Häuser empfinde. Was muss das für ein Schlag sein, von jetzt auf gleich mitten in der Nacht aus seiner Wohnung, aus der vertrauten Umgebung, aus dem Ort, der "Zuhause" bedeutet hat, gerissen zu werden! Das kann sich niemand vorstellen, der sowas nicht erlebt hat und ich WILL mir das auch gar nicht vorstellen müssen. Ich wünsche ihnen das Allerbeste.

- 2. den Verlust einer weiteren Perle St. Paulis "betrauere". Gut, die Kiez-Tanke war Kult und wird fehlen, aber mein Bier werde ich mir auch anderswo kaufen können, bevor ich dann ins "Molotow" gehe, aber... Oh, fuck, das "Molotow"...

Jepp, das wurde auch geschlossen. Genau wie die Kneipe "Planet Pauli" und die Touri-Bar "Herz von Sankt Pauli", in der ich am Abend vor der Kiez-Apokalypse mit anderen noch gesessen habe.

Um ehrlich zu sein, juckt mich der Verlust der beiden letztgenannten Orte nicht so sehr. Tut mir leid, im "Planet Pauli" war ich nie und das "Herz von Sankt Pauli" hat mich bei meinem Besuch am Tag vorm Ende ziemlich genervt, besoffene Touri-Horden und eine Lautstärke, die der in einem Fußballstadion in nichts unterlegen war. Kein Ort, der mir zusagte.

Aber um das "Molotow", da trauere ich. Der BESTE Laden für Konzerte in der ganzen verdammten Stadt!

Kellergeschoß, klein, eng, verschwitzt, duster, die Bühne keine 20 Zentimeter hoch, diese verfickte Discokugel in der Mitte des Konzertraumes, an der ich mir mal übelst die Birne gestoßen habe, während die Band auf der Bühne und ich davor tobten.

Im Molotow habe ich insgesamt drei Frauen zum ersten Mal geküsst (zwei Mal sogar beim selben Lied!), habe mit meiner liebsten deutschen Band auf der Bühne gestanden, habe mit einer anderen Lieblingsband ihr Abschiedskonzert gefeiert, habe wegen Geknutsche vorm Eingang mein einziges "Alexisonfire"-Konzert fast komplett verpasst und mein allererstes Konzert, nachdem ich nach Hamburg gezogen war, fand auch hier statt. Kettcar war`s damals, 2002.

...meine Fresse, wie wird mir dieser Laden fehlen...

Das war nicht nur ein Club, nicht nur eine Konzert-Location, nicht nur ein Ort, an dem Menschen sich bei guter Musik betrinken. Das "Molotow" war weit mehr. Eine Institution!

Das "Molotow" war Hamburger Kulturgut. Für jeden, der Musik und Konzerte liebt, muss das so gewesen sein. Und zu jedem, der das nicht verstehen kann, sage ich: "Du tust mir leid!"

Fakt ist aber vor allem, dass ich

- 3. wütend bin. Weil Menschen mitten in der Nacht aus ihren (eventuell) zusammenbruchsgefährdeten Häusern "vertrieben" wurden?

Nein!

Wütend deswegen, weil seit Ewigkeiten bekannt war, dass die Esso-Häuser sanierungsbedürftig sind. Und was wurde getan? Genau. GAR nichts!

Vor einem knappen Jahr wurden einige der Balkone mit Holzbohlen abgestützt und den Mietern der Wohnungen, zu denen eben diese Balkone gehörten, wurde verboten, sie zu betreten. Wegen Einsturzgefahr.

Jetzt frag ich mich: Warum wurde da nicht saniert? Gut, die Miete wäre gestiegen, signifikant vermutlich. Hätten einige Bewohner nicht mehr zahlen können. Das ist klar und nervt.

Jetzt, wo eine Sanierung nichts mehr rettet, ist es natürlich leichter. Die lästigen Bewohner dürfen per polizeilicher Anweisung nicht mehr in ihre eigenen vier Wände, dem Kiez gehen diverse ewig eingessesene Lokalitäten verloren, aber der Besitzer des Grundstücks, die "Bayerische Hausbau", die auch für die Räumung des "Kunsthaus Tacheles" in der Oranienurger Straße in Berlin verantwortlich ist, hat, was er will.

Endlich sind die Asis weg. Endlich ist Platz für neue hochwertige Wohnungen. Mit Aufzügen für die Luxuskarren, die unten auf der Straße sonst angezündet würden. Oder für ein Einkaufszentrum. Das fehlt doch noch auf dem Kiez. Für die Touris. Damit die da "Sankt Pauli. I was here and fucked a prostitute!"-Shirts kaufen können. Baut doch ein verficktes Einkaufszentrum, ihr Spinner. Und wundert euch dann über Farbbeutel-Attacken oder weint euch in den Medien aus über brennende SUV`s auf dem Parkplatz davor. Hat man ja nicht kommen sehen...

Am Samstag gibt`s eine Demo. Es geht um den (extrem unwahrscheinlichen) Erhalt der "Esso-Häuser" bzw darum, wie damit nun umzugehen ist, weiterhin um Bleiberecht für die Lampedusa-Flüchtlinge aus Syrien und um Verteidigung der "Roten Flora" (gegen Räumung vermute ich, weiß aber noch nichts genaueres. Und das Thema ist definitiv momentan nicht das, was mich auf die Demo bewegen wird.)

Ich gehe davon aus, dass es derbe krachen wird. So richtig. Das ist verdammt schade. Das zieht so wichtige Themen wieder in den Sektor, über den die "BILD" berichtet. "Blut-Krawalle in Hamburg, die bösen Autonomen haben mal wieder...", ich seh die Schlagzeile schon vor mir...

Ich werd am Samstag auf der Demo sein. Fotografieren und skandieren. Später drüber schreiben.

Ich würd mich freuen, wenn man es mir gleich tut.

Die Demo startet am Samstag um 14 Uhr vor der "Roten Flora" am Schulterblatt und geht dann über den Neuen Pferdemarkt, Reeperbahn, Simon-von-Utrecht-Straße bis hin zur Glacischaussee. Das ist der Plan. Wird im Leben nicht klappen, weil die Veranstaltung garantiert zwischendrin durch die Cops "aufgelöst" wird (vermutlich, weil mal wieder Vorstadtkids randalieren). Aber man kann`s ja mal probieren. Und Sinn hat die Geschichte definitiv.

Es ist eine Scheiß-Situation grad und ich hoffe, es wird das Beste daraus gemacht.

Eine gewaltlose Demo am Samstag wäre ein gutes Zeichen.

Einzig, mir fehlt der Glaube...

Montag, 16. Dezember 2013

Skyporn Volume 4: Sturmgefahr

Ein Sturm zieht auf.



Perfektes Timing. Keine Minute, nachdem ich die 62er-Fähre nach meinem letzten Besuch auf dem Dach des "Dockland"-Gebäudes verlassen hatte, brach die Hölle los.

In einem Akt uneigennütziger Selbstaufgabe habe ich allerdings, bevor ich an den Landungsbrücken zur U3 lief, noch ein Foto geschossen. Mir gefällt es ganz gut, einer damals befreundeten Band gefiel es sogar so gut, dass das Bild in bearbeiteter Form auf ihrer nächsten CD landete. Nicht auf dem Cover, auf der CD selbst. Aber das ist ja auch schon nicht so schlecht.

Verkauft wurden von der CD nicht wirklich viele Exemplare, aber das muss ich meinen zukünftigen Enkelkindern irgendwann in 40 Jahren ja nicht erzählen.

"Ja Kinder, so war das damals, als ein Foto, das euer Opa gemacht hatte, auf einer Rockmusik-CD landete...!"

Auf den paarhundert Metern von meiner heimischen U-Bahn-Station nach Hause hat mich der Sturm, von dem ich dachte, ich sei ihm entkommen, dann doch noch erwischt. Volle Breitseite. Nass bis auf die Knochen innerhalb von Sekunden. Die Jeans habe ich über der Duschwanne ausgewrungen. Ganz toll.

Aber hey!

Foto!

Auf CD!

Never ending fame!

Was sind da schon ein paar nasse Klamotten...?

Dienstag, 10. Dezember 2013

Du bist hübsch!

Irgendjemand hatte das Bedürfnis, ein Kompliment zu machen.

Unten auf dem Bahnsteig der U3 an der Sternschanze, wo nachts die zerfeierten betrunkenen Hipster-Pärchen knutschend und ohne sie eines Blickes zu würdigen neben den Kaputtgelebten stehen, die hier im Winter, einen warmen Schlafplatz ohne Regen, Schnee oder kalten Wind suchend, untergekommen sind und auf ein bisschen Schlaf hoffen. Zumindest wochenends geht das, das Unterkommen, denn da sind die Bahnhöfe durchgängig offen. Ob das Schlafen klappt, wage ich zu bezweifeln bei all dem gröhlenden Volk, das hier durchkommt.

Ich habe schon Typen von 19, 20 gesehen, die "obdachlos" vermutlich nichtmal buchstabieren können, sturzbesoffen aber mit "Victory"-Zeichen oder schlimmeren Gesten neben oder über schlafenden Wohnungslosen für Fotos posierten, geschossen vom Kumpel, dessen Lacoste-Polohemd gerade so herauslugte unter der natürlich schwarzen Kapuzenjacke, ist ja Schanze hier, man muss sich anpassen an den Pöbel, den Mob, den "Schwarzen Block", der hier sein Unwesen treibt, Flora und so, alles Pack hier, alle böse und linksautonom und Steineschmeißer, stand in der MoPo, die Papi morgens noch am Frühstückstisch las, bevor er mit dem goldenen Löffel das Wachtelei aufschlug.

In der Biologie nennt man sowas "Mimikry".

Der harmlose Käfer (oder Wurm, passt in diesem Fall besser) gibt sich durch entsprechende Farbgebung als böse und gefährlich erscheinend aus.

Der an sich harmlose Vorstadtjunge wird durch Anpassung (->"entsprechende Farbgebung"=schwarze Klamotten) zum (für die Medien) bösen "Autonomen" und macht dann ordentlich Rambazamba...war in den letzten Jahren immer wunderbar beim Schanzenfest zu beobachten. Dieses Jahr gab`s ja keins. Wegen "autonomen Ausschreitungen". Ich sag dazu lieber weiter nichts.

Irgendjemand wollte also unbedingt Nettes sagen. Eine gute Tat tun. Vielleicht wollte er auch nur eine Mutprobe bestehen, um nicht tags drauf nackt über die Große Freiheit flitzen zu müssen.

Ich weiß es nicht. Es ist mir auch herzlich egal.



Mit dem Edding an die Scheibe.

Find ich gut. Macht nichts kaputt, tut keinem weh, ich sah einen Haufen Mädels, die erst lasen und dann zufrieden lächelten...

...denen, die hier nachts momentan unterkommen und übernachten, möchte man zurufen: "Lest, was der fiese Vandale dort geschrieben hat, schreibt Euch nicht ab! Scheißt auf die Deppen, die Fotos machen, scheißt auf die, die Euch Aussätzige nennen...kommt nur einfach gut durch die kalte Jahreszeit!"

Es sind nur drei simple Worte, mit nem Edding an eine Scheibe geschmiert. Und vermutlich ohne größeren Hintergrund.

Ich mag sie aber trotzdem.

Wer bekommt nicht gern Komplimente?

Sonntag, 8. Dezember 2013

Über deutsche Comedians, Emo-Bands und ein 0-7.

Eine gute Freundin bat mich, für sie den Eintrittspreis eines Auftrittes von "Y-Titty" im ASTRA-Kulturhaus in Berlin zu eruieren, da sie dazu scheinbar nicht selbst in der Lage ist. Ich musste ihr auch schon erklären, wie man googlet, offensichtlich bin ich bei der Mission aber gescheitert. Ansonsten hätte ich nicht nach Preisen für Auftritte von "Y-Titty" in der Hauptstadt suchen müssen.

Und überhaupt...

"Bitte wer? Titten?!?"

"Nein. Y-Titty. Wei-Titti! Die machen Comedy! Auf youtube!"

"Ach, youtube kennste, aber mit Google kannste nicht umgehen?"

"Ja, youtube brauche ich ja regelmäßig."

"Du weißt nicht, wie man googlet (bitte hier eine bebende Stimme vorstellen), du BRAUCHST aber Youtube regelmäßig!?"

"Klar! Um Y-Titty zu schauen!"

Natürlich. Warum frage ich überhaupt...?

Der Kartenpreis ist schnell herausgefunden, ein stolzer Preis, nur ein Konzert, das ich je besucht habe, war teurer und auf dem war ich nicht wegen der Band sondern ausschließlich wegen der weiblichen Begleitung, das zählt also gar nicht so richtig.

Als ich den Kartenpreis übermittele, wird am anderen Ende der Telefonleitung fröhlich gejuchzt und gequiekt und ich habe meine gute Tat des Tages hiermit offiziell getan. Mir wird noch mit auf den Weg gegeben, ich solle mir "Wei-Titti" doch auch mal anschauen, auf Youtube, wo sonst. Das habe ich unterlassen. Comedy in Deutschland ist, abgesehen von Schneider (Helge, nicht Martin) und Nuhr nicht meine Welt. Zu plump, zu gewollt, zu sehr mit dem Kopf durch die Wand. Witz komm raus, du bist umzingelt. Wenn ich Gestalten wie Barth, Schmitz oder Schneider (Martin, nicht Helge) im TV sehe, dann ist mir nicht zum Lachen, eher zum Weinen. Oder zum Erhängen. Damit das Elend ein Ende hat.

Noch schlimmer als die drei oben genannten Knallchargen sind nur noch die unvermeidliche Cindy aus Marzahn, bei der mir außer den Augen auch die Ohren bluten und Kaya Yanar, der König, Kaiser und wegen mir auch Mullah der Liste der nervendsten "Comedians", der seit EWIGkeiten die immer gleichen Witze bringt, die jedes einzelne Mal auf seiner türkischen Herkunft und den damit einhergehenden wohlbekannten Klischees aufbauen, die es bei Normaldenkenden schon seit Jahren nicht mehr gibt. Oder geben sollte. Im Ernst, wenn ich ab und zu aus Versehen in seine dämliche Show rein zappe, dann schau ich mir den Mist zwei Minuten an und kann meist die aufkommende Pointe mitsprechen, weil sie so dermaßen ersichtlich ist. Und weil ich sie seit Jahren kenne. Auch ist es schon lange nicht mehr lustig (falls es das überhaupt mal war), Videos von Omas, die auf dem Gehweg von einem Windstoß umgepustet werden und stürzen, mit künstlichen Lachern hinterlegt im TV zu zeigen, um dann einen dümmlichen (auch schon Jahre alten) Spruch à la "Guckstu, ist Kartoffel, kann nicht laufen, nur rollen!" zu bringen. (Das nur als Beispiel, da ich eben das vor einiger Zeit beim durch die Gegend zappen in betreffender Show sah).

Ist nicht lustig, weisstu? Ist eher peinlich.

Schwör!

Ich habe mir also "Y-Titty" auf Youtube nicht angesehen. Stattdessen scrollte ich auf der Seite des Kartendealers meines Vertrauens ein wenig durch die Gegend und fand exakt ein für mich interessantes Konzert in der Hauptstadt und in näherer Zukunft. Die "Nine Inch Nails". Für nen Fuffi aufwärts.

"Die müssen alle wahnsinnig geworden sein!" murmelte ich entnervt vor mich hin, als mein Blick an einem Bandnamen hängen blieb.

"A day to remember".

Die Band "kenn" ich noch aus "myspace"-Zeiten. Kennt noch jemand "myspace"? Wo Menschen hingebungsvoll jeden Tag stundenlang an der Optik ihres Profils schraubten und mindestens einmal wöchentlich die Top-Ten-Freundesliste änderten, was dann vermutlich immer zu leidigen "Diskussionen" führte?

Das waren noch Zeiten...vor sieben, acht Jahren.

Ich hab zwar weder je groß am Profil geschraubt noch meine Freunde auf einer virtuellen Liste hin und her geschoben, aber ich fand dort mal zufällig eine Band namens "A day to remember". Das war mitten in dieser ekligen Emo-Phase, in der die gesamte Musik der "Szene" exakt gleich klang und die Fans eben dieser "Szene" auch exakt gleich aussahen, das Geschlecht war dabei egal. Alle optisch uniformiert durch schwarze Klamotten, möglichst viel Metall im Gesicht und wenn man so RICHTIG "Emo" sein wollte, dann toupierte man sich die Haare über beide Augen, sodass man auch garantiert nichts mehr sehen konnte und nahm dann einen Blindenstock oder einen Helfer, um das Messer zum Ritzen zu finden, während "My chemical romance" aus den Boxen weinten.

"A day to remember" war damals anders. Gute Musik, Akkustik-Gitarre, bisschen Schlagzeug, guter Gesang, gute Texte mit Aussage. Ich steh zwar zumeist auf Gebretter, aber damit konnte ich was anfangen. Ich hatte einen neuen "myspace-Freund".

Ein Jahr später (müsste 2006 gewesen sein) ging die Band auf Tournee durch Europa und ich bekam auf "myspace" eine Nachricht. Zusammengefasst wurde mir mitgeteilt, dass die Band in ein paar Tagen Auftritte in Berlin und Frankfurt hätte, danach gäbe es zwei freie Tage und an einem von denen würden sie gern in Hamburg spielen, da die Reise von FFM aus Richtung Dänemark ginge. Ich wurde gefragt, ob ich nicht eventuell einen Club wüsste, der Bock auf eine Liveband hat. Clubs kannte ich einige, leider waren aber alle belegt oder hatten kein Interesse. Also traf ich die Band einfach so und wir haben uns ordentlich betrunken. War auch lustig.

Und jetzt steht "A day to remember" also auf der Liste der in nächster Zeit anstehenden berliner Konzerte.

Nix mehr "Hilfe, dürfen wir bitte irgendwo spielen?" wie damals. Stattdessen Columbia-Halle!

Nix mehr Akkustik-Gitarre und gute Texte. Nun gewollter "Boyband-Emo-Popcore" mit einstudierten Moves in den Videos und einer Extraportion Make-Up vorm Auftritt. Aufgestylte Pseudos. "Wir wollen harte Jungs sein und gleichzeitig die Zielgruppe von vierzehn bis achtzehn bedienen." So kommt das rüber. Peinlich! Eklig! Schleimig! Nein, ich verlinke garantiert kein Video von der Scheißmusik!

Eine Karte für das Konzert kostet übrigens ab 29,95€ aufwärts.

Im Normalfall gönne ich Bands, die ganz unten angefangen haben, ihren Erfolg. Das Ding durchziehen, alles auf eine Karte setzen, entweder klappt es oder es klappt nicht. Der eigenen Linie treu bleiben, das ist, was zählt.

Von "Underground" zu "Mainstream" wechseln? Albern. Ätzend. Entweder steh ich hinter dem Ding, das ich grad mache oder eben nicht. Und in dem Fall spiele ich direkt irgendeine verblödete RnB-Scheiße oder rappe darüber, wie ich Nutten im Koksrausch ficke. Damit kommt man in die Top Ten.

Oder eben mit langweilig hingehauenem Mischmasch aus Popmusik und gewolltem aber nicht gekonntem Gebretter. Mehr schlecht als recht vorgetragen und nichtmal ansatzweise gut - aber was soll`s. Dreck verkauft sich halt.

Und solche Spinner haben mal in meiner Bude geknackt...mein Gott, DAS ist mir peinlich.



Zum Fußball-Wochenende:

Null zu sieben? Neeh, aus dem Postleitzahlen-Gebiet kenn ich niemanden.

Bitte was??

Endergebnis? Bundesliga?? Hör auf, du scherzt doch!

War Fußball am Samstag??? Hab ich nich mitgekriegt. Is mir auch egal. Fußball. Pfff.

Ich weiß von nix.

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Hurra, noch ein Stöckchen (Zehn Fragen von Karo und den Freaks)

Karo (die mit den Freaks) hat einen Stock gefangen, die Fragen beantwortet, sich zehn neue ausgedacht und dann andere damit beworfen. Mich aber nur indirekt, weil (ich zitiere): "(...)Ich würde außerdem gern ThorgeFährlich bewerfen, aber der hat schon so ein Stöckchen bekommen und war nicht sonderlich angetan. (...)"

Das ist wahr. Vor nicht allzu langer Zeit hat mich ein vom Kiezneurotiker geworfener Stock voll ins Kreuz getroffen und ich habe geantwortet.

Angetan...ach, doch, geht schon. Launeabhängigkeit und so. Klang vielleicht alles etwas motziger als beabsichtigt beim letzten Mal.

Wenn Karo also gern meine Antworten möchte, dann bekommt sie die. Klar doch. Zudem habe ich heut eh verstörend gute Laune und das vollkommen grundlos.

Also, was kost`die Welt. Zweite Runde mit dem Stöckchen!

1. Katze oder Hund?

70% Katze, 30% Hund. Ich bin mit Katzen aufgewachsen, wir hatten immer eine Familienkatze zuhause. Mit der Katze meiner Großeltern bin ich quasi groß geworden. Die war nur ein paar Wochen älter als ich und starb mit 19 Jahren einen Tag, nachdem ich aus dem Heimatdorf weg zum Studieren in die "große Stadt" gezogen war. Eine absolute Tragödie. Das Tier hieß übrigens (und ich SCHWÖRE, dass das wahr ist!) "Muschi"! KEIN Scheiß!! Ich seh meine Omi immer noch irgendwann in den Achtzigern im Garten stehen und laut den Namen der Katze rufen, als Kind denkt man sich ja nix dabei. Oma ruft die Katze, that`s it. Heutzutage?...

Ich bin also absoluter Katzen-Fan, kann leider selber keine aus dem Heim zu mir holen (Whg im dritten Stock und nicht wirklich überzeugt von Wohnungshaltung bei Katzen, Ausnahmen bestätigen in diesem Fall meiner Meinung nach nicht die Regel).

Vor Hunden habe ich oft Respekt, kenne aber einige, die ich auch absolut ins Herz geschlossen habe. Da wären vor allem die Fußhupe meiner Eltern, eine Papillon-Dame namens "Isa" (eigentlich "Isadora von BlaBlaBlubb"...reinrassige Fußhupe), die zwar nichtmal ordentlich bellen kann, sich dafür aber gern mal mit einem Traktor anlegt, weil der ihr "Revier" kreuzt und "Kenzo", der schon ziemlich alte schwarze Retriever einer guten Freundin, der seine Leckerlis und anderes Hundezeug in kleinen Schultertaschen mit "Backbord"-und-"Steuerbord"- Beschriftung darauf selbst durch die Gegend trägt. Ein verdammt cooler Typ!

Trotzdem: Cats win!

2. Wenn dein Leben verfilmt würde, welcher Song dürfte nicht auf dem Soundtrack fehlen?

Puuh. Schwer. Zuviel Auswahl!

Da gibt`s nicht nur einen. Ganz oben auf der Liste steht allerdings mit großem Vorsprung "Creep" von Radiohead.

Ansonsten darf meine absolute Lieblingsband "boysetsfire" nicht fehlen und von den Jungs dann wohl "Rookie" (das verlinkte Video sei bitte entschuldigt, spontan fand ich kein besseres. Und ja, die Festival-Crowd (Vainstream 2013), die da versucht, so etwas wie einen circle pit hinzukriegen...mein Gott. Armselig. Tragisch. Generell, circle pit bei bsf?!?... Aber gut, ich will nicht (mehr) motzen.

Ansonsten sollte auf den Soundtrack gern noch was von Tocotronic (da passt jedes dritte Lied) oder Kettcar ("48 Stunden" oder "Balkon gegenüber").

Zum Abspann entweder das Intro plus den ersten Song vom grandiosen Album "I was here for a moment, then I was gone" von Maybeshewill. Oder irgendwas von Sigur Ros. Sigur Ros geht eigentlich immer.

3. Was war der erste Film, den du im Kino gesehen hast?

Das weiß ich nicht so genau. Ich erinnere mich, mit Daddy in einem Disney-Film gesessen zu haben, weiß aber nicht, welcher das war. Da war ich fünf oder so. Danach war ich ewig lange nicht im Kino, ich mochte Kinos (außer dem 3001 in der Schanze) nie, das hält bis heute an und wird sich wohl auch nicht mehr ändern. Ich kann die Frage nicht wirklich beantworten.

4. Wovon warst du als Kind fest überzeugt, das sich leider als unwahr erwiesen hat?

Weihnachtsmann und Osterhase, was sonst? Den Osterhasen habe ich sogar mal an mir vorbeihüpfen sehen, allerdings nur als Schatten an der Hauswand. Er hüpfte in meinem Rücken vorbei und als ich mich umdrehte, war er schon weg. Ich war danach echt sauer, weil ich ihn nicht gestellt und meinen Eltern gezeigt hatte, denn die haben nur genickt und "Ach, schade, dass du ihn nicht erwischt hast!" gesagt. Da war ich sechs Jahre alt.

Ansonsten war ich als Kind (und auch als Jugendlicher) fest davon überzeugt, all meine damaligen großartigen Freunde mein Leben lang um mich zu haben. Inzwischen habe ich von den Jungs und Mädels aus dem Kindheits-/Jugend-Freundeskreis zu keinem mehr Kontakt. Das ist ätzend und verdammt traurig.

5. Wie kamst du zum Bloggen?

Vor zwei Jahren habe ich mit dem Schreiben angefangen. Auf "Qype", jetzt "Yelp", das ganze fing besoffenen Koppes in einer dunklen Sofa-Ecke eines Friedrichshainer Pubs an der Wühlischstraße an. Aus mir unbekannten Gründen (und weil ich die Texte vom Underdog/Kiezneurotiker so klasse fand) bin ich dran geblieben und habe weiter dort geschrieben, irgendwann kamen erste Reaktionen, erste "Fans", erste Komplimente...nachdem "Qype" von den Amis übernommen wurde, habe ich (wie einige meiner ehemaligen dortigen Kontakte) mal einfach ohne Plan von irgendwas mit dem Bloggen angefangen. Weg von Bewertungstexten, hin zu einer Art online-"Tagebuch", damit ich den ganzen Mist im Kopf los werde und ab und an dann doch mal ruhig schlafen kann. Und: Es funktioniert! Meistens.

6. Hand auf’s Herz: Wer war dein Teenieschwarm?

Muss ich googlen. Also nicht, wer mein erster Teenie-Schwarm war, sondern wie sie heißt, die Schauspielerin. Die von "Baywatch", nicht Pam Anderson, die andere...(drei Minuten googlen später...)..."Shauni McClain" (gespielt von Erika Eleniak). Meine Güte, fand ich die damals gut!

Der erste reale Schwarm war meine erste "feste" Freundin, eine englische Austauschschülerin namens Amber, die Geschichte lief fast acht Wochen (dann war der Schüler-Austausch beendet) und das war damals mit 14 schon echt lang! Ich hab Amber noch eine lange Zeit nachgehangen.

7. Wann hast du das letzte Mal so sehr gelacht, dass dir der Bauch wehgetan hat?

Montag Abend bei "Circus Halligalli" als "Evil Jared" Hasselhoff beim "Würfel-Dinner" einfach mal quer über den Tisch gereihert hat und das ganze mit "Ich habe ein bisschen gekotzt, aber ich glaube, das hat niemand bemerkt!" kommentierte. Unterschichten-Humor. Ich liebe ihn. Den Humor. Und "Evil Jared".

8. Was war das letzte Konzert, das du besucht hast?

Überraschenderweise das meiner geliebten Jungs von "boysetsfire" am 6.10. in der Markthalle. Traurigerweise war ich in diesem Jahr nur auf drei Konzerten, bei allen dreien war aber Nathan Gray am Mic. Zwei Mal mit "boysetsfire", ein Mal mit "I am heresy", da durfte ich sogar mit"singen"!

9. Hast du schon Vorsätze für das neue Jahr? Wenn ja, welche?

Ehrlich gesagt habe ich noch keine Vorsätze und ich habe von all den Vorsätzen der letzten fünf oder zehn Jahre auch nur einen einzigen eingehalten. Nämlich in 2012 mit dem Rauchen aufzuhören. Da bin ich immer noch ein bisschen stolz drauf. Meinen Vorsatz für 2014 denke ich spontan mir aus, wenn ich kurz vor Mitternacht am 31.12.2013 irgendwo in Berlin mit meinen Freunden auf einem Dach stehe und runter auf die erleuchteten Straßen schaue. Darauf freue ich mich jetzt schon. Da ist die Höhenangst vergessen. Das ist einfach nur gut.

10. Wovor fürchtest du dich am meisten?

Wow, es gibt eine Menge uncooler Dinge. Und ich habe auch die eine oder andere mehr oder weniger ausgeprägte Phobie. Vor Höhe. Vor Spinnen (wobei, das ist eher ein extremer Ekel, keine Angst). Vor Clowns und vor manchen Puppen. Ätzend, wer hat sich sowas ausgedacht??

Meine größte Angst ist allerdings, das ich einen mir nahestehenden Menschen verliere. Das hab ich schon mehrmals durchgemacht und möchte das nie wieder erleben. Es ist grauenvoll. Vollkommen egal, ob Familie oder Freundeskreis. Leider wird es sich wohl kaum verhindern lassen, dass ich so etwas noch ein Mal durchstehen muss. Vor dem Moment in dem ich so eine Nachricht erhalte, habe ich große Angst. Sehr große sogar.



So. Dit war`s.

Das vorgezogene Nikolaus-Stöckchen für Karo.

Auch dieses Mal schmeiße ich das Ding nicht weiter, was Stöckchenschmeißen angeht ist mein Blog ne Sackgasse.

Aber Karo hat das Ding außer (indirekt) zu mir auch zu anderen Bloggern und Bloggerinnen geworfen und ich verlinke die mal einfach blind ohne sie zu kennen. Stichwort Vernetzung. Ist nie verkehrt! Reinlesen werd ich mich in all diese Blogs definitiv mal, wenn ich die Zeit dazu finde.

Außer mir durften folgende BloggerInnen ran:

http://robinsurbanlifestories.wordpress.com/

http://olekrueger.com/

http://iknowiamuglybuticanglowatnight.wordpress.com/ Was für ein Name! Könnte auch die Website einer Emo-Band von 2005 sein! Großartig!

http://nerdbarbie.wordpress.com/

http://juliaschreibtblog.wordpress.com/

http://www.carlasblog.de/

So, Text Ende.

Epilog:

(Hallo Karo mit den Freaks! Ich kann leider auf deinem Blog nicht kommentieren, obwohl ich es oft sehr gern würde. Das finde ich doof, ich bekomme immer Fehlermeldungen. Näher beschrieben hier in den Kommentaren von einem meiner Texte. Keine Eigenwerbung, ich bin nur zu faul und zu müde, um den Text abzutippen. Der Link reicht vermutlich. Vielleicht hast du ja eine Ahnung, was da schief läuft!?)

Samstag, 30. November 2013

Santa Pauli:Weihnachtsmarkt, Touris und Schwengel aus Schokolade

Als Kollege O. meinte, wir könnten nach einem gemeinsam besuchten Handballspiel den Abend ja bei einem Getränk auf "Santa Pauli", dem "geilsten Weihnachtsmarkt der Stadt" auf dem Spielbudenplatz direkt an der Reeperbahn ausklingen lassen, dachte ich zuerst an einen Scherz.

Das ich die Reeperbahn nicht leiden kann und das dort herumlaufende Volk oft am liebsten fies lachend mit einem Leopard-Panzer höchstpersönlich überrollen wollen würde, wenn ich es denn dürfte, sollte inzwischen bekannt sein...

...ist O. aber egal.

"Wird dir gefallen, der Markt. Im Ernst!" sagt er. Und ich nicke schwach und gutgläubig.

Jetzt muss man wissen, dass ich was Weihnachtsmärkte angeht, ein absoluter Spießer bin. Mir reichen ein paar gemütliche beleuchtete Buden mit leiser Musik und anständigem Glühwein zu anständigen Preisen. An einem Alsterfleet im Hamburger Innenstadtbereich gibt es so einen Weihnachtsmarkt, klein, gemütlich, von Touristen verschont, zusammengefasst: Große Klasse!

Doof und orientierungslos wie ich aber nunmal bin, finde ich den nicht mehr wieder. Das nervt mich, lässt sich aber nicht ändern.

Einer der meiner Meinung nach tollsten Weihnachtsmärkte, auf dem zumindest ich je gewesen bin, ist der auf dem Berliner Gendarmenmarkt, zwar hat man dort auch die eine oder andere Touristengruppe und zahlt sogar einen Euro Eintritt, aber das Ambiente holt das lässig raus. Der Deutsche und der Französische Dom sind feierlich beleuchtet, der Brunnen mitten auf dem Platz ebenso, auf den Stufen hoch zum Schauspielhaus singt ein Chor stimmungsvolle Lieder und es gibt (natürlich zu vollkommen wahnwitzigen Preisen) einen Haufen leckeres Zeug zu kaufen (oder zum mehrfachen Probieren, um es dann nicht zu kaufen).



Natürlich surft der Markt voll auf der touristischen Welle mit, mir gefällt er aber trotzdem. Liegt vielleicht daran, dass ich in der Hauptstadt immer noch ein wenig touristisch unterwegs bin - anscheinend zumindest dann, wenn es um Weihnachtsmärkte geht.

Hier zuhause in Hamburg würde ich freiwillig keinen Fuß auf die Märkte auf dem Rathausmarkt, auf dem Gänsemarkt oder am Jungfernstieg setzen, lieber verbrenne ich mich demonstrativ in einer Rentier-Uniform selbst. Über den schlimmen Weihnachtsmarkt in meiner Nord-Barmbeker Nachbarschaft wollen wir mal lieber gar nicht erst ein Wort verlieren...

Jetzt also "Santa Pauli" direkt an der Reeperbahn.

Ich bin alles andere als optimistisch und hätte ich nicht vorm und beim Handball bereits ein paar Bier gehabt, ich hätte Kollege O. vermutlich den Vogel gezeigt und wäre heim gefahren. Da er aber sehr enthusiastisch ist...

Vom "Santa Pauli" genannten Weihnachtsmarkt auf dem Kiez hatte ich bisher ein klares Bild. Touris, Titten, unlustige Schlüpfrigkeiten. Halt voll auf das Volk ausgerichtet, dass die Reeperbahn so bevölkert. Normale Menschen findet man dort ja so gut wie gar nicht und ich bin extrem ungern dort...ich lauf da nur ab und an durch, wenn ich auf dem Weg zu meinem Lieblings-Club unten am Hafen bin. Die Reeperbahn und ihre Seitenstraßen finde ich durchweg gruselig.

Wir betreten den Markt und der erste Eindruck ist - positiv. Ich bin verwirrt. An sich hatte ich mir vorgenommen, direkt laut los zu pöbeln. Das fällt aus.

Eine Band spielt Musik. Deutsches Indiezeugs, Vorbilder "Jupiter Jones" oder "Wir sind Helden". Vielleicht auch wuargs! Tim Bendzko. Nicht weihnachtlich, aber ganz gut. Habe ich schon schlimmer gehört.



Wir schlendern über den Markt auf der Suche nach einem Bier für O. oder einem weißen Glühwein für mich.

Auf dem Weg findet sich so einiges.

Es gibt ein Porno-Casting...Karaoke...



...und Penisse aus Schokolade in verschiedenen Farben...



...oder als Seife.



Es gibt auch was zum dran lutschen!



...zum Beispiel einen leckeren Salmiak-Lollie! Der hat natürlich nur aus Versehen und mit viel Phantasie die Form eines männlichen Genitals. Klar. Is ja n Weihnachtsmarkt hier, keine Erotik-Messe.

Apropos Genital: Wer auf dortige Behaarung steht, diese aber nicht selbst anzüchten kann...auch dem wird hier geholfen.



Das grelle Hintergrund-Pink sei bitte entschuldigt, das war nicht meine Idee. Das Bild lässt vermutlich jeden fünften, der es anschaut, erblinden. Eins, zwei, drei, vier...du bist!!

Falsches Schamhaar kostet allerdings einen Batzen:



Schlecht lesbar auf dem Bild: Das Toupet "Heidi" (das mit den Zöpfen, ich nenne es "Wikinger") kostet 46,50€, alle anderen Toupets kosten "nur" 39,50€. Jetzt frage ich mich, wer solchen Scheiß kauft? Wo das ja auch so realistisch aussieht...

"Hey Schatz, wir sind jetzt schon so lange zusammen und ich dachte, ich frische unser Liebesleben mal etwas auf. Deshalb hab ich mir für nur 46,50€ auf dem Weihnachtsmarkt ein Schamhaartoupet gekauft und mit Sekundenkleber über den Schritt gepappt und guck mal, jetzt seh ich untenrum aus wie ein Wikinger! Oder wie "Yosemite Sam", den magst du doch so!"

Brrrrrrrr.... Bei dem Gedanken wird mir kalt...

Kalt. Glühwein!



Der erste Glühwein des Jahres! Wieder voll entgegen meiner selbst erdachten und auferlegten Regeln, Glühwein trinke ich eigentlich erst nach dem ersten Advent UND nachdem ich zum ersten Mal "Last christmas" von "Wham!" im Radio oder TV gehört habe.

Regeln sind zum Brechen da, zum ersten Mal seit in etwa immer gab es den ersten Glühwein vorm ersten "Last christmas", auf das ich übrigens wunderbar für den Rest meines Lebens verzichten könnte.

Natürlich waren die spärlichen 0,25 Liter weißen Glühweins ein VERDAMMT teurer Spaß, da kommt er wieder durch, der Touristenfallen-Hintergrund. 3,80€ plus 2€ Becherpfand habe ich gezahlt (normaler roter Glühwein: 3,30€)...grausig!! Das ist mehr als ambitioniert! Aber geschmeckt hat es mir, wenigstens das.

Als ich die nun leere Tasse zurück gab, fiel mir auf, dass es selbst auf den Pfandmarken nicht ohne zweideutige Zote geht.



Santa Pauli, "der geilste Weihnachtsmarkt der Welt!"

Ins Strip-Zelt, welches zwar nichts mit Weihnachten oder Markt zu tun hat, dafür aber umso mehr mit St. Pauli, haben wir es nicht geschafft. Es fehlt mir ehrlich gesagt auch nicht. Pauli ist nicht wirklich mein Fall. Pauli und meinen Kiez trennen Welten und das ist gut so.

Aber den Weihnachtsmarkt "Santa Pauli" habe ich mir komplett anders vorgestellt. Mehr nackte Haut, mehr Silikon, mehr Sinnlosigkeit, mehr Stumpfsinn, mehr gröhlendes tittengeiles Touri-Volk mit der Kamera im Anschlag.

Ist (noch) nicht so!

Ich bin überrascht und gleichzeitig beruhigt.

Mittwoch, 27. November 2013

Das Stöckchen (Zehn Fragen vom Kiezneurotiker)

Jetzt hat es mich erwischt.

Dieses mir bis vor einiger Zeit komplett unbekannte virtuelle "Stöckchen", das wild in der Blogosphäre herumgeworfen wird und einen, wenn es einen trifft, dazu "verdammt", ein paar Fragen zu beantworten und das natürlich ehrlich und zumindest halbwegs ernsthaft. "Wahrheit oder Pflicht" in der virtuellen Welt quasi. Nur ohne die Option "Pflicht".

Doof für mich, denn die "Pflicht" habe ich immer gewählt, wenn damals auf Parties oder sonstwo dieses seltsame Spielchen, zumeist unter Alkoholeinfluss stehend, gespielt wurde. Und mein lieber Mann, was musste ich ekelhafte Dinge tun, nur um die Schnauze halten zu dürfen...

Nun hat mich also der Kiezneurotiker mit dem Stöckchen abgeworfen (Danke Alter!), also mach ich bei der Nummer mal mit. Tut ja vermutlich nicht weh.

(Außer mir durften auf des Neurotikers Wunsch auch noch tikerscherk und Amélie aus meiner Blogroll ran, außerdem Friederike vom LandLebenBlog, einem Blog, den ich (noch) nicht kenne. Ich les mich da mal rein! Bin gespannt, was die drei antworten!)

Also, Butter bei die Fische:



1. Warum bloggst du? Könntest du deine Zeit nicht sinnvoller nutzen?:

Sicherlich könnte ich meine Zeit sinnvoller nutzen. Da ich 98% meiner Texte spät nachts schreibe, könnte ich stattdessen zum Beispiel schlafen. Da ich aber seit ich denken kann ein absoluter Nachtmensch bin, funktioniert das so gut wie nie zu "normaler" Uhrzeit, also nutze ich die Zeit, in der der Rest der Stadt im Gegensatz zu mir an der Matratze horcht dazu, Erlebtes und Beobachtetes zu resümieren, in Worte zu fassen und aufzuschreiben. Damit der Kopf leerer wird. Und ruhiger. Zusammenfassend kann man vielleicht sagen: Ich blogge, weil ich nicht weiß, wohin ich sonst mit meinem ganzen Gedankenschrott soll. Und da ich kein Haustier oder eine Zimmerpalme habe, um diese unglücklichen Kreaturen voll zu schwallen, schreib ich das ganze Zeug mehr oder weniger gekonnt auf und poste es hier, bevor mir der Kopf implodiert. Das hat mir tatsächlich schon ab und an zu ruhigerem Schlaf verholfen. Und anscheinend gibt es Menschen, denen das gefällt. Ich finde das super!

2. Welcher Artikel aus anderen Blogs ist dir spontan im Kopf geblieben? (nicht zu lange nachdenken):

Puuuh, einer nur? Das ist schwer! Ich habe nicht nachdenken müssen, hatte direkt drei verschiedene Texte im Kopf. Ich weiß nicht, ob das gegen die "Stöckchen-Regeln" verstößt, ist mir aber auch recht egal, ich verlinke alle drei.

Kreuzberg-Südost - H. Eindringlich geschrieben. Aufrüttelnd. In gewissem Maße gruselig und Angst machend. Ein großartiger Text über eine beschissene Situation.

Der zweite ist einer vom Kiezneurotiker höchstselbst. Er erinnert sich an seine Jugend und das erinnert mich wiederum an meine. Er mit den Jungs gegen die braune Brut in Hellersdorf-Mitte, ich mit den Jungs gegen die braune Brut in Groß Hesepe. Unterschied: Keiner. Ok, wir Dorf-Kids hatten keinen Iro.

Der dritte Link an den ich oft noch denke, ist der von den bekloppten Russen, die ohne Netz und doppelten Boden auf Wolkenkratzer und sonstiges klettern. Schwindelgefühl, zitternde Knie und schweißnasse Hände, während man sicher auf dem Schreibtischstuhl sitzt. Gibt`s hier.

3. Dein absoluter Lieblings-Artikel in deinem Blog? (bitte mit Linkangabe):

Die Entscheidung war schwer. Mein persönlicher Favorit ist nach einigem Herumdenken "Es ist aus.". Warum? Weil ich am beschriebenen Liebesbeweis tagtäglich vorbei gelaufen bin und mich jedes Mal darüber gefreut habe. Und dann zu sehen, wie dieser durch einen Todtraurigen "ausgelöscht" wird...ein komisches Gefühl. Ich laufe immer noch ständig dort vorbei und starre auf die graue Wand. Da fehlt was. Abgesehen davon schrieb sich der Text im Prinzip in meinem Kopf von allein. Während ich mit der Bahn fuhr. Ich musste zuhause nur noch das Gespeicherte in die Tasten hauen.

4. Welchem Blog wird aus deiner Sicht zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt?:

Mir ist kein einziger Hamburger Blog bekannt, der sich mit Gentrifikation beschäftigt. Schade eigentlich und peinlich zugleich für eine Millionenstadt und "die schönste Stadt der Welt". (Sollte jemand einen Link in betreffender Richtung kennen, ich nehm ihn gerne! Denn es gibt garantiert welche, ich kenn sie nur nicht...) Von daher verweise ich zunächst auf "kreuzberg-suedost.wordpress.com". Meiner Meinung nach der Blog, der mehr Follower verdient hat.

5. Stelle dir vor, du müsstest über ein tiefgründiges Thema schreiben. Worüber schreibst du?:

Darüber, Freunde für immer zu verlieren. 9.1.1999 Freddy und Mel, 10.9.2012 Rasmus. Irgendwann werd ich die Kraft haben, darüber zu schreiben. Jetzt noch nicht.

6. Freundschaft. Hast du mehr Freunde im Internet, oder in deinem Zimmer neben dir?:

Ich finde "Freunde im Internet" zu haben ziemlich schwer. Abgesehen von "befreundeten" Bloggern oder Schreiberlingen (das genderspezifische "-innen" bitte dazu denken. "SchreiberlingInnen"...au Mann!). Es gibt genau eine Person, die ich als Freundin bezeichnen würde, obwohl ich sie noch nie persönlich getroffen habe. Wir "kennen" uns seit 13 Jahren, wir haben Weihnachtsgeschenke ausgetauscht und wissen über das Liebesleben des jeweils anderen besser Bescheid als über das eigene.

In meinem Zimmer neben mir habe ich generell niemanden, in meiner Bude bin ich sehr gern allein. Home, castle und so.

Allgemein denke ich aber, ich habe definitiv mehr Freunde in der echten als in der virtuellen Welt. Auch wenn ich mit den echten Freunden oftmals virtuell kommuniziere.

7. Ganz ehrlich und unter uns: wie oft checkst du die Statistik deines Blogs? (falls du eine hast):

Täglich. Natürlich. Ich will doch wissen, wie meine Texte ankommen, welcher geliebt wird, welcher gehasst wird etc... Ich hab sogar meine "High-Scores" im Kopf. Die meisten Klicks an einem Tag, der Beitrag mit den meisten Klicks etc etc...ich steh auf Statistiken.

8. Aktion Lästern: Welcher Blog ist richtig schlimm?:

Jetzt werde ich wohl viele enttäuschen, denn meine Antwort ist: Ich habe keine Ahnung. Ich lese nur die Blogs, die ich selber auch in der Blogroll habe (mit zwei oder drei Ausnahmen) und die finde ich alle gut. Sonst würd ich sie ja nicht lesen und verlinken. Ergo kenne ich keinen Blog, über den ich sagen könnte, er sei scheiße. Sorry!

9. Verhältst du dich manchmal noch wie ein Kind? Wenn ja, in welcher Situation?:

Ja, natürlich tue ich das. Es wäre schlimm, wenn man sich nicht ab und zu gehen lassen könnte und wie ein Kind agieren würde. Beim letzten schiefgegangenen Zahnarztbesuch habe ich geheult wie ein Kind, als mein Verein das letzte Mal gewann habe ich gejubelt wie ein Kind und als ich vor ein paar Tagen auf dem Hamburger Winterdom stand, den ich ich absolut so gar nicht mag, hab ich ich mich zwischen den ganzen blitzenden Lichtern trotzdem gefühlt wie ein Kind.

Außerdem habe ich vor gefühlt hunderttausend Jahren Sohnemann mit groß gezogen und mich wahrscheinlich alle fünf Minuten zum Deppen gemacht, indem ich Kind wurde um den Kurzen zu bespaßen. Ich hab da vorm inneren Auge Bilder...puuuh. Aber der kleine Mann hat gelacht, von daher alles gut!

Man sollte sich die Fähigkeit, auch mal "Kind" zu sein, bewahren. Die ist wichtig. Und vor allem macht sie Spaß!

10. Was würdest du anders machen, wenn du mit den Erfahrungen von heute noch einmal neu im Alter von 14 Jahren beginnen dürftest?:

Viel, sehr viel.

Mich in der Schulzeit mehr gegen Übergriffe wehren. Nicht die Schnauze halten. Nicht nur ab und zu ausrasten und dann still die Konsequenzen schlucken.

Das teuer erarbeitete Studium des gewünschten und gewollten Studienfachs ernster nehmen und derber durchziehen. Nix Wein, Weib und Gesang, sondern einfach mal auf den Arsch setzen und pauken. Und vor allem nicht mit dem Prof anlegen, denn der sitzt immer am längeren Hebel. Die Leute, mit denen ich damals das Studium begonnen habe, verdienen sich inzwischen alle dumm und dusselig. Geld ist längst nicht alles, aber momentan würde ich schon behaupten, dass es (zumindest mich) ein Stück weit "glücklich(er)" machen würde.

Was noch? Am frühen Morgen des 9.1.99 hätte ich Freddy und Mel unter Androhung von Gewalt verboten, ins Auto zu steigen. Am späten Abend des 9.10.12 hätte ich Rasmus verboten, selbiges zu verlassen. Dann hätte ich heute drei Freunde mehr. Wobei...bei mir sind sie ja immer.

Einen inzwischen gelöschten Blogpost würde ich mit dem heutigen Wissen auch im Leben nicht mehr verfassen. Der kostete mich einen weiteren sehr guten Freund (der zum Glück noch lebt!) und entstand aus einer dummen Mischung von Trunkenheit und extrem schlechter Laune. Und tut mir wahnsinnig leid. Das würde ich gern rückgängig machen, aber das hab ich wohl verkackt... (Tut mir ehrlich leid Murphy...!)

Ich könnte ewig weitermachen, aber das wird ja irgendwann auch langweilig.

Stöckchen Ende!

Meine Aufgabe ist nun wohl, das Ding weiter zu schmeißen. Tu ich aber nicht. Denn alle Blogger-und-Innen, bei denen mich eine Antwort interessiert hätte, haben der Kiezneurotiker und andere vor ihm bereits abgedeckt.

Vermutlich mal wieder gegen die "Stöckchen-Regeln", ist mir aber grad relativ egal. Sollen tikerscherk, Amélie oder Friederike das Ding weiterschmeißen. Es sei ihnen gegönnt.

Solang das Teil nicht mehr bei mir landet...alles gut!

Donnerstag, 21. November 2013

Es wird kalt. / Kältebus Hamburg

Es wird kalt in Hamburg.

Ich komme grade vom Einkaufen heim und habe zum ersten Mal in diesem Herbst Menschen gesehen, die die Scheiben ihrer Autos frei kratzten, außerdem lag ein weißer Frostfilm über Grasflächen und Hecken und ich konnte meinen eigenen Atem sehen. Dazu war der Himmel blitzeblau und ohne eine einzige Wolke.

Rein optisch wunderschön.

Für jemanden wie mich, der ein Dach über dem Kopf und eine Heizung direkt neben dem Schreibtischstuhl hat.

In Hamburg und selbst in meinem Kiez gibt es aber Menschen, die das nicht haben. Dieses "wunderschöne" Wetter macht garantiert keinen Spaß, wenn man nur in einen Schlafsack gehüllt (wenn man denn überhaupt einen hat) auf einer Parkbank liegt und den Witterungen komplett ausgesetzt ist.

Nachdem ich zuhause angekommen war, checkte ich deshalb zuerst, ob sich die Nummer vom "Kältebus" geändert hat und siehe da...da wird jetzt auch genderspezifisch getrennt. Nötigte mir ein Kopfschütteln ab, aber gut: Hauptsache, es wird geholfen. Hier die entsprechenden Nummern:

040/40178215 (Notübernachtung mit Krankenstation für Frauen und Männer)
040/25418721 (Notübernachtung Frauen)
040/428411702 (Notübernachtung Männer)

Der "Kältebus" macht seine Touren von November bis in den März. Man sollte sich zumindest eine der Nummern ins Handy speichern, denn wenn Hilfe gebraucht wird, kostet hektisches Gegoogle nach entsprechender Nummer wertvolle Zeit.

Noch dazu gibt es den "Mitternachtsbus", der an 365 Tagen im Jahr von 20-24 Uhr durch die Hamburger Innenstadt fährt und dort angetroffene Obdachlose mit Decken, Essen, Getränken etc etc versorgt. Eine gute Sache...

Meist fallen sie nicht auf, die, die auf der Straße leben. Und wenn sie dem Normalbürger dann mal auffallen, dann vermutlich eher negativ, da ungewaschen, vielleicht betrunken und um ein paar Cent bettelnd.

Drauf geschissen! Das sind Menschen, die Hilfe benötigen. Vor allem jetzt, wo es draußen kalt wird. Und wenn es nur ein Anruf bei einer der oben genannten Nummern ist, mehr muss ja gar nicht getan werden. Da anrufen und es wird sich gekümmert.

Also: Nummer speichern und im Zweifelsfall anrufen. Lieber ein Mal zu oft als ein Mal zu wenig...entsprechende Hilferufnummern für andere Städte deutschlandweit gibt es hier.

Mittwoch, 20. November 2013

Wo ist Sandra?

Folgendes Szenario:

Kevin war feiern. Oder Dschastin. Marvin-Roberto. Scheißegal.

In irgendeinem Club im Kreuzberg. Ecke Kotti.

Vollkommen wider Erwarten lernt er trotz dumpfstem Anmachgetue ein Mädchen kennen. Eins, das nicht Mandy, Schantalle oder Zementa heißt.

Sandra.

Dooferweise verliert Kevin/Dschastin/Marvin-Roberto aber Sandras Handynummer, die er ihr nach dem x-ten spendierten Wodka/Energy entlocken konnte.

Jetzt kann er natürlich in ganz Kreuzberg Zettel aufhängen, auf denen dann steht "Wir haben uns da und da getroffen, so und so siehst du aus, ich, der Depp (so und so seh ich aus), dem du deine Nummer gegeben hast, habe diese verloren und würde dich gern wiedersehen! Melde dich doch unter kevindschastinodermarvinrobertosuchensandra@abc.de". Sowas kennt man in der Hauptstadt, der Zettelkram hängt ja überall rum und ich wette, nicht einer dieser Zettel hat jemals zu irgendeinem Erfolg geführt.

Im Internet hätte es Kevin oder Dschastin oder Marvin-Roberto auch probieren können. Via Facebook oder Twitter oder irgendwelche anderen sozialen Netzwerke nutzend.

Kevin oder Dschastin oder Mavin-Roberto denkt da aber eher praktisch.


Mit dem Edding an die Sperrholzwand.

Ist das ein missratenes Herzchen als Teil des Ausrufezeichens?

Hach toll, ein kleiner Rest Romantik an diesem vom Durchschnittsbürger verteufelten Ort...schön!

Ob Kevin/Dschastin/Marvin-Roberto Sandra gefunden hat, weiß ich nicht. Aber wenn ich mal wieder eine Nummer verloren oder vergessen habe, dann mach ich es so wie er/sie.

Nicht lang suchen und die Mitmenschen entnerven, einfach Edding oder Dose raus und ran an die Wand.

Geht schneller, ist einfacher - und wenn man`s anständig macht, dann wertet es sogar die Gegend auf.

Erster guter Vorsatz für 2014: Wieder an Wände gehen.

Dienstag, 19. November 2013

Zahn um Zahn (Das Massaker im Behandlungszimmer)

(Hinweis: Menschen mit ausgeprägter Zahnarzt-Phobie sollten sich diesen Text vielleicht lieber schenken... Er wird es nicht besser machen. Rat von einem "Phobiker" an andere...)

Ich war nie ein Freund von Zahnärzten. Im Gegenteil, ich hab da ziemlich die Hose voll.

Die meisten Zahnarzt-Praxen haben diesen ganz eigenen sterilen Geruch, von dem ich Gänsehaut bekomme und an einen Bohrer und das dazu passende Geräusch muss ich nur denken und es läuft mir eiskalt den Rücken herunter.

In meiner Zeit in Bonn habe ich Wand an Wand mit dem Behandlungszimmer einer Zahnarztpraxis gewohnt, zum Glück war es nur die Wand des winzig kleinen Badezimmers und nicht die meines Wohnraumes, trotzdem war es selten angenehm, wenn man direkt nach dem Aufstehen bei der Morgentoilette schon den heulenden Bohrer und ab und an gequält ächzende Patienten von drüben hören konnte. Da ging man dann noch hochmotivierter in den Tag.

"Bloß schnell ab ins Labor, damit ich mir den Scheiß nicht noch länger anhören muss!!"

Umso erfreuter war ich also, als ich am 11.11. aufwachte und aussah wie ein Backenhörnchen. Erst Ewigkeiten lang keinerlei Sorgen mit den Zähnen und dann aus dem Nichts und ohne irgendeine Ankündigung über Nacht so ein Kackmist...!

Also wurde im Internet recherchiert, welche Praxis aus der näheren Umgebung in der Vergangenheit denn wohl bei den Patienten besonders gut weg gekommen war und zum Glück bekam ich bei der von mir favorisierten auch tags darauf direkt einen Termin. Damit hatte ich nicht wirklich gerechnet.

Die erste Behandlung (ich hatte eine vereiterte Nervenentzündung unten rechts) war langwierig aber wider Erwarten nicht so schlimm wie befürchtet. Auch nicht schön, es war eine relativ blutige Angelegenheit und mit einem Skalpell wurde mir auch noch nicht im Mund rumgefummelt...aber ok. Ich hatte mir das alles schlimmer ausgemalt, als es dann schlussendlich war.

Die Praxis machte einen sehr ordentlichen Eindruck, der Arzt war keiner, mit dem man großartig diskutiert, sodass ich mein übliches "Ich muss gestehen, ich bin Angstpatient" einfach mal stecken ließ (im Notfall hätte ich es noch herausgepresst, aber das war nicht notwendig), der Mann machte aber den Eindruck, dass er durchaus weiß, was er da tut. Das kann ich nicht von allen Zahndoktoren behaupten, die mich bisher be-/misshandelt haben. Ein freundlicher aber bestimmter Mann Anfang 40, man fand recht fix einen Draht zueinander, auch nicht ganz unwichtig für mich.

Am Tag nach Behandlung eins folgte Teil zwei und ich will nicht sagen, dass ich gut gelaunt Richtung Praxis lief, ich war aber durchaus entspannt. Behandlung zwei war ein Klacks, nach nichtmal fünfzehn Minuten war alles überstanden und ein neuer Termin für gestern, den 18.11. ausgemacht. Der sollte auch schnell gehen, kurze Nachkontrolle und mal zusammen überlegen, wie weiter vorgegangen wird mit dem nun behandelten Zahn. Denn, so sagte der Arzt, den müsse man wohl entfernen. Gut, ist nun echt nicht schön, aber was soll man machen...

Gestern Morgen lief ich dann wieder los, kam pünktlich an, wurde direkt durchs Wartezimmer auf den Stuhl gelotst, der Doktor begrüßte mich freundlich lächelnd mit "Ja Herr Fährlich, die Dame, die den Termin nach Ihnen hatte, hat abgesagt. Und da hab ich mir gedacht, dann ziehen wir Ihren bösen Zahn direkt heute!"

Klonk.

Unterkiefer, Herz und der allgemeine Gemütszustand näherten sich im freien Fall dem Fußboden. Wäre ich vorbereitet gewesen, dann wär das alles kein allzu großes Problem gewesen, inzwischen hatte ich ja so etwas wie "Vertrauen" gefasst. Aber so aus dem Blauen heraus so eine Ansage...und ich HASSE Überraschungen, noch dazu, wenn es keine guten sind!

Ich war also einigermaßen bedient, ließ das ganze dann aber über mich ergehen. Nach ein wenig Rumgeschabe und Rumgebohre gab es die erste Betäubungsspritze, es sollte nicht die letzte sein.

Ich weiß nicht, ob es einen bestimmten Weg gibt, um Betäubungen im Mundraum zu setzen, bisher bekam ich bei anderen Ärzten immer eine Spritze an eine Stelle gesetzt und dann die "große Dosis". Dieser Arzt hier setzt statt einer großen lieber mehrere kleine Dosen an verschiedenen Stellen. Ich stelle mir vor, dass das wirkungsvoller ist und ob jetzt eine Spritze oder mehrere, das ist mir, wenn es um Betäubungsspritzen beim Zahnarzt geht, vollkommen egal. Solang es hilft: Alles schön.

Die ersten vier Spritzen (kleine Dosen) waren gesetzt, bis die Betäubung wirkte, wurde ich für einige Minuten allein im Behandlungszimmer gelassen und durfte dem Bohrer aus dem Nebenzimmer lauschen. Zwischendurch kam eine der Zahnarzthelferinnen herein, pfiff ein fröhliches Liedchen und zwinkerte mir zu. Herrlich motivierend...nicht.

Dann ging`s los. Behandlungsstuhl nach hinten, Augen zu, Mund auf und versuchen, das ganze irgendwie unbeschadet zu überstehen. Bohren ist das eine, ein Zahn wurde mir das letzte Mal vor über 25 Jahren gezogen, war also eine neue Situation und in neuen Situationen bin ich immer erstmal schlecht.

Nachdem sekundenlang nichts passierte, machte ich den Fehler, die Augen zu öffnen - die Zange, die just in dem Moment in meinem Mund verschwand, hatte in etwa die Größe einer Rohrzange wie ich sie benutze, wenn im Waschbecken mal wieder der Abfluss dicht ist. Die Hände verkrampften sich so allmählich zu Fäusten...

Die Zange packt zu. "Druck werden sie spüren" hatte der Arzt mir gesagt, "Schmerz sollten sie aber nicht spüren!" Da lag er leider falsch. Es tut höllisch weh, entweder ist die Betäubung noch nicht angeschlagen oder schon wieder verflogen.

Drei weitere Spritzen und fünf weitere Minuten alleine im Behandlungsstuhl später gibt es Anlauf Nummer zwei.

Diesmal kaum Schmerz, dafür schuftet der Doc sich ab, als würde er mit bloßen Händen einen Baumstumpf aus dem Erdreich in seinem Vorgarten ziehen. Er dreht links, er dreht rechts, er ruckelt, er rotiert. Der Zahn sitzt. Nicht mehr bombenfest, wie denn auch bei dem Getue, aber er sitzt. Die Schwester saugt derweil das Blut/Spucke-Gemisch ab und äußert erste Bedenken.

Ich will in diesem Moment so gut wie alles hören. Aber keine Bedenken.

KNACK!! Das Geräusch fährt durch den Schädel wie ein verdammter D-Zug.

"Warum hat das jetzt geknackt? Das sollte beim Zähne ziehen nicht knacken!" denke ich mir. "Das kann doch bloß heißen, dass da jetzt was abgebrochen ist und die Zahnwurzel noch drin steckt oder so."

Ich bekomme zwei weitere Spritzen und ein paar Minuten Wartezeit. Allein. Allmählich wünsche ich mir, ich wäre einfach im Bett geblieben.

"Ich muss da nochmal schneiden!" sagt der Arzt. Von mir aus, auch das, krieg nur allmählich den Scheiß-Zahn aus meinem Scheiß-Kiefer, damit hier endlich Ruhe ist!

Er schneidet, es tut nicht weh, allerdings verändert sich das Geräusch des Blut/Spucke-Saugers von entspanntem Blubbern in eine andere Tonlage, die nicht gut klingt und von der jungen Arzthelferin mit "Oh oh!" kommentiert wird.

"Oh oh!?!? Hat die grade `Òh oh!`gesagt???" Allmählich wird`s mir zu bunt!

Eine zweite Arzthelferin wird angefordert, sie bedient einen zweiten Sauger, ich habe jetzt fünf Hände und Geräte in meinem Mund herumkrauchen, abgesehen davon setzt bald die Kiefersperre ein. Ich habe offiziell keine Lust mehr.

"Hmm, Herr Fährlich, haben sie blutverdünnende Medikamente zu sich genommen? Oder haben sie gestern oder heute bereits Alkohol getrunken?"

Nein, habe ich nicht, ich bin ja nicht total bescheuert! Zum Glück kann ich grad nicht sprechen wegen der ganzen verkackten Sauger, also knurre ich nur ein undeutliches "gchrrrrr gchrrrr!!", was sowohl als "Nein" als auch als "Fick dich doch!" interpretiert werden kann und soll und schüttele mit dem Kopf.

Der Doktor macht und tut und murmelt sich was in den nicht vorhandenen Bart und es schmerzt und blutet und sifft herum und ich mache die Augen auf, der Arzthelferin stehen die Schweißperlen auf der Stirn und sie ist leichenblass. Allmählich wird mir klar, dass hier grad ordentlich was schief läuft. Der Arzt hektikt herum, die dritte Helferin wird hinzu geholt, dann die vierte, die die leichenblasse ablöst. Eine ältere Dame, ich denke um die 50.

Der Arzt und die jungen Helferinnen verlassen das Zimmer, die ältere bleibt bei mir, setzt sich neben mich und erklärt mir, was los ist. Mit ruhigen ehrlichen Worten.

"Der Doktor kann die Blutung nicht stillen. Wir dachten, es sei nur eine Ader, aber so wie das blutet, muss er wohl eine Arterie erwischt haben. Das pumpt da richtig raus. Es hört nicht auf. Wir rufen jetzt einen Rettungswagen."

Das schlägt ein wie ein Blitz, ich habe lange nicht mehr solche Angst gehabt, wie ab dem Moment.

Das ätzende ist ja, man kann einfach nichts machen. Man liegt da auf diesem beschissenen Stuhl in der Waagerechten, hat den Mund voller Sauger und Tupfer und Blut und Spucke und was weiß ich noch und man kann nichts machen. Ich kann`s nicht leiden, wenn ich keine Kontrolle habe, deswegen bin ich zB auch ein verdammt schlechter Beifahrer. Das hier ist nochmal eine ganz andere Dimension... Mir wird abwechselnd heiß und kalt und der Kreislauf weiß auch grad nicht, ob er nicht lieber Mittagspause machen soll, die Hände zittern gewaltig.

"Ich bleib jetzt hier bei Ihnen, bis das durchgestanden ist" sagte die ältere Zahnarzthelferin und saß dann die nächsten Minuten neben mir, hielt mit der einen Hand den elenden Sauger und tätschelte mir mit der anderen die Schulter oder strich das inzwischen verschwitzte Haar aus der Stirn. Klingt vollkommen daneben, sowas macht man bei einem Kleinkind - in dem Moment war das aber so dermaßen hilfreich!

Irgendwann kam der RTW samt Notarzt. Das volle Aufgebot. Sechs Mann. Bzw fünf Mann und eine Ärztin, sie waren wohl schon ordentlich vorinformiert worden und versuchten angestrengt, positiv auf mich einzuwirken, machten Witzchen, knufften sich in die Seite. Ich bin nicht doof, das ist kein normales Verhalten und wenn mir der Notarzt einen vormacht, dann kann`s grad nicht rosig aussehen.

Mein Zahndoktor stand daneben mit einem Gesichtsausdruck, den ich nicht deuten konnte. Er sah vollkommen mitgenommen aus, so richtig fertig mit den Nerven. Auf einmal nicht mehr wie Anfang vierzig und vital sondern eher wie Mitte fünfzig, im Gesicht ergraut.

Die ältere Arzthelferin, bei der ich mich definitiv mit einem Blumenstrauß bedanken werde, denn ohne sie wäre ich vollkommen durchgedreht, kam noch mit runter bis zum RTW, dann ging es ein paar Minuten mit Sonderfahrrechten (=Blaulicht und Martinshorn) zum Bundeswehr-Krankenhaus, gescherzt und geknufft wurde nun nicht mehr. Stattdessen spuckte ich mangels Absauginstrumenten mein Blut-Spucke-Gemisch im fünf-Sekunden-Rhythmus in eine Pappschale und hab die auf der kurzen Fahrt auch gut voll gemacht.

Angekommen in der BW-Klinik ging dann alles recht fix. Rein ins zahnärztliche Not-OP, der Fachmensch für Gefäss-Schließungen war auch schon da, es gab die nächsten Betäubungsspritzen, inzwischen war ich so fix und alle, die hätten mich auch mit einem Vorschlaghammer bearbeiten können. Ich wollte einfach nur noch meine Ruhe haben.

Dann muss ich denen wohl auf dem "OP-Tisch" weggeklappt sein, dass nächste was ich weiß, ist, dass ich am Tropf hänge, eine "Sperre" zwischen den Kiefern klemmen habe, damit der Mund offen bleibt und ein "Ach, da isser wieder!" vom behandelnden Arzt als ich die Augen öffnete. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich weg war, aber das Aufwachen war perfekt getimed, denn die Behandlung war grad beendet.

Ab da ging es dann bergauf.

Ich wurde in ein Krankenzimmer gebracht und in ein Bett verfrachtet, Ansage war: "Komm erstmal klar!"

Dann muss ich wohl eingeschlafen sein, als ich (wieviel später auch immer) wieder wach wurde und direkt erstaunlich klar war, saß neben meinem Bett eine echt hübsche Krankenschwester und strahlte mich an. Das war bis dahin aber auch das beste an dem ganzen Tag...

Nach ein paar weiteren Untersuchungen wurde ich dann schnell nach Hause entlassen, O-Ton "Wir haben die Blutung gestillt, sie haben einiges an Blut verloren aber noch nicht so viel, als das sie zwingend bleiben müssten. Es sei denn, sie wollen!"

Na schönen Dank, mit Sicherheit nicht...selbst wenn die hübsche Krankenschwester den Rest des Tages neben dem Bett gehockt hätte...no fucking way!

Als ich wieder zuhause war, war es bereits dunkel, als ich morgends das Haus gen Zahnarzt verlassen hatte, dämmerte es gerade. So kann man den Tag natürlich auch "verbringen"...

Nach etwa fünfzehn Betäubungsspritzen, einer Menge verlorenen Blutes und verlorener Nerven plus einem verlorenen Zahn, dafür um einige ungewollte Erfahrungen reicher, werde ich dieses Erlebnis als das ätzendste aller Zeiten auf einem Zahnarztstuhl einordnen.

Das Gute daran: Es kann nur aufwärts gehen!

Mein Bedarf an allem was mit Zahnärzten zu tun hat, ist allerdings vorerst gedeckt...

Sonntag, 17. November 2013

Pareidolie

Seh nur ich das oder lacht sie mich wirklich fröhlich an?!? Ein bisschen was von "Scream" hat`s allerdings auch...


Ich musste mir auf jeden Fall ein anderes Pissoir suchen.

Ich kann nicht, wenn wer guckt...

(Gesehen im "Peppermint", einem kleinen, ranzigen, sehr empfehlenswerten Punkrock-Schuppen mit sehr billigem Bier und sehr entspanntem Klientel in Flensburg.)

Freitag, 15. November 2013

Krebs

Ich habe vor einigen Tagen über die verschlungenen Wege des world wide web eine beeindruckende Fotoserie gefunden.

Ein Mann namens Angelo dokumentiert darin den Krebstod seiner Frau Jennifer, selbst haarlos nach der Chemo noch eine Schönheit. Sie ist 40 Jahre alt geworden und im Dezember 2011 verstorben. Bei den letzten der in schwarz/weiß gehaltenen Bilder der Serie habe ich sehr schlucken müssen, um nicht eine Träne zu verdrücken. Die Fotos sind toll gemacht (insofern man das in diesem Fall sagen darf), sie vermitteln Emotionen, lassen den Betrachter lächeln oder boxen ihm in den Magen.

Ansehen könnt ihr die Bilder hier.

...

...

Als ich mir die Bilder alle lange angesehen hatte, musste ich an meinen Schulfreund Florian denken.

Wir waren damals zuhause auf dem Dorf eine eingeschworene Clique von maximal zehn Leuten und das auch nur, wenn wir die kleinen Brüder zweier meiner Jungs dazu zählten. Wir waren die Außenseiter, die mit der komischen Musik, die, die nicht die ein paar Jahre ältere Dorfjugend und ihre tiefergelegten GTIs an deren Treffpunkt im Ortskern anhimmelten sondern eher auslachten, die, die nicht auf der aufkommenden Euro-Dance-Welle mitschwammen, sondern weiterhin Nirvana oder Pearl Jam vergötterten.

Kurz gesagt: Wir waren die Ärsche vom Dienst und haben häufig einstecken dürfen. Was aber egal war. Wozu braucht man viele Arschlöcher, wenn man wenige echte Freunde haben kann?

Wir haben uns die Zeit mit Bolzen, Basketball und am Wochenende, wie in meiner Heimat so üblich, mit Bier vertrieben. Die drei großen B`s quasi.

Florian war immer vorne mit dabei. Fast einen Kopf größer als der Rest, haute auf Parties locker zwei Liter mehr weg als der Rest und wenn er sauer war, dann ging man ihm lieber aus dem Weg, denn selbst wenn er einen nur freundschaftlich "knuffte", gab das einen Bluterguss.

Aber irgendwann ließ das nach. Er wurde blasser, er nahm ab, er wollte nicht mehr feiern gehen, Sport ging eh nicht mehr, weil sein rechtes Bein nicht mehr so recht wollte.

Diagnose: Bösartiger Tumor. Irgendwo im Hüftbereich. Fortgeschrittenes Stadium.

BAMM!

IN DIE FRESSE!

Unser härtester Typ, der sonst alles weggebügelt hat, was irgendwie im Weg stand, hat Krebs.

Auf ein Mal waren wir gar nicht mehr so "cool" wie vorher, eher das Gegenteil. Das freute natürlich den Rest der Dorfjugend, der hatte tagtäglich seinen Spaß daran, uns wissen zu lassen, dass einer unserer besten Freunde vielleicht nicht zwangsläufig um sein Leben kämpft, immerhin aber darum, ab dem sechzehnten Lebensjahr kein Leben im Rollstuhl führen zu müssen. Den Kampf hat er leider verloren.

Bereits morgens an der Schulbushaltestelle kam immer irgendjemand theatralisch angehumpelt, um sich dann vor unseren Augen über Flo lustig zu machen, die Frage, wer von uns ihn dann demnächst zur Schule schieben würde war noch eine der harmloseren. Meist haben wir uns zusammen gerissen, ab und zu hat es richtig geknallt. Gewonnen haben wir nie und wir saßen auch mal mit blutender Lippe im Unterricht, aber es ging ums Prinzip.

Als Flo seine Chemo bekam und seine Haare verlor (eine dunkelblonde gegelte Boygroup-Mähne, auf die er stolz wie Oscar war), haben wir alle uns ebenso eine Glatze rasiert - und mein Gott, sah ich scheiße aus! War aber egal, war ja für Flo.

Hat uns natürlich nur noch mehr Häme der Dorfjugend eingebracht, es gab noch mehr Hauereien, das war dann aber auch egal.

Nach Ende der Schulzeit verlief es sich langsam, Umzug, Studium, neue Einflüsse, Freundschaften, Liebschaften, Interessen...

...ich weiß von keinem meiner damaligen Jungs was sie heute so machen. Nur über Flo weiß ich, dass es ihm gut geht und das er anscheinend sowohl Familie als auch ein eigenes Haus hat, das war immer das, was er wollte.

Ich weiß nicht, ob das stimmt, es wurde mir nur über Dritte zugetragen...sollte es aber stimmen (und das wünsche ich mir), dann wäre das große Klasse.

Samstag, 9. November 2013

In uneigener Sache: Werbung für "Down when hungry"

Ich will den Laden hier ja nicht zur Werbe-/Bewertungsplattform verkommen lassen, aber in diesem Fall (und eventuell später folgenden) mache ich mal eine Ausnahme und werbe.

"Down when hungry" spielen heute Abend im Prenzlauer Berg in Berlin.

"Down when hungry" sind Bastian und Max, zwei meiner besten Hauptstadt-Freunde.

"Down when hungry" spielen laut eigener Beschreibung "alternativen Folk".

Das Konzert heute Abend ist ihr ALLERERSTES Konzert als Band.

Ich gestehe, ich habe bisher nicht ein einziges Lied der neu formierten Band gehört, bis vor ein paar Tagen wusste ich nichtmal, dass es eine neue Band gibt.

Aber ich habe mehrmals Max sowohl Gitarre spielen als auch singen gehört - richtig gut! - und ich habe Basti mit seiner ehemaligen(?)/anderen Band "Bugfryer" live erlebt - ebenfalls richtig gut! Hier oder hier kann man hören, wie "Bugfryer" so klingen. Aufgenommen auf dem "Fackeln und Forken Open Air 2010", ein kleines Festival, das Teile meiner Berliner Clique ganz allein auf die Füße gestellt haben. Es war großartig und ich hoffe noch immer sehr auf eine Wiederholung!

Aber darum soll`s ja nicht gehen...

Heute Abend! 20 Uhr! In der "Rumbalotte", Metzer Straße 9, 10405 Berlin, drei Minuten Fußweg von der U Senefelder (U2).

Eintritt frei!

Wetzt meine Scharte aus. Geht hin, ich kann ja nicht. Entfernung und so...

Ich wäre super-gern dabei, aber die paarhundert Kilometer von HH nach B schaffe ich leider in den verbleibenden elf Stunden nicht zu Fuß...

Also, liebe Freunde und Leser aus Balin...bewegt die Hauptstadt-Ärsche in die "Lotte", kost nix, Bier schmeckt, Wein schmeckt, rauchen dürfta och und die Musike wird garantiert eine gute sein - es sei denn, ihr steht auf Scooter oder Rihanna...dann rate ich zur Flucht.

Wenn ihr also nichts besseres zu tun habt heut Abend: Ab dafür. Basti freut sich. Max freut sich. Und ich freu mich.

Und ihr euch hoffentlich auch!

Mittwoch, 6. November 2013

Friedhof der Halloween-Kürbisse

Halloween ist vorbei.

Ein Jahr Ruhe.

Feierabend.

Sense.

Die Dekorationen haben ausgedient.


Na dann mal rein damit in den nächstbesten Bauschutt-Container.

In Hamburg sagt man "Tschüß"!!

Dienstag, 5. November 2013

Kühltruhen gegen Eistiger: In der O2 World beim Eishockey

Sportveranstaltungen besuche ich gerne.

Ich saß schon in diversen Ländern in Fußballstadien, ich habe diverse Basketballspiele feiernd mitverfolgt, ich saß bei Boxkämpfen in Ringnähe und habe Schweiß und manchmal Blut spritzen sehen, ich habe mir American Football angeschaut, gut, das war eine Amateur-Liga, es knallte aber trotzdem ordentlich, ich habe in den USA einige Baseballpiele live im Stadion gesehen, die Regeln verstanden und bin seitdem glühender Fan.

Außerdem habe ich in Hamburg den Marathon und das Radrennen namens "CyClassics" mehrmals angeschaut, meist verschlafen (oder immer noch wach) am frühen Sonntag, denn auf einer Teilstrecke laufen bzw. fahren die Teilnehmer mir fast durch mein Schlafzimmer. Da kann man sich also auch gleich direkt an die Strecke setzen und den übermüdeten Motivator geben.

Jetzt also Eishockey.

Ein Sport, mit dem ich im TV absolut gar nichts anfangen kann, weil ich nämlich nie sehe, wo dieser verdammte Puck ist, den die Spieler hin und her bolzen. Ich sehe die Teams kreuz und quer übers Eis flitzen, ab und an fällt mal einer hin, und plötzlich leuchtet dann ein kleines Lämpchen hinter einem Tor, weil irgendwer unbemerkt von mir den Puck ins Netz gehauen hat. Dann wird sich gefreut und man haut dem Torschützen aus Freude auf den Helm, so kenn ich das zumindest, ich sitze dann vorm TV und weiß nicht, wie und warum das Tor nun eigentlich gefallen ist und wer es erzielt hat, weil der Puck meist selbst in Zeitlupe noch viel zu schnell fliegt.

Aber die Stimmung soll ja großartig sein bei Eishockey-Spielen, das höre und lese ich immer wieder.

Also nahm ich die nette Einladung, die ich letzte Woche bekam, natürlich gern an. "Ich bin an zwei Freikarten für das Spiel am Freitag geraten, vielleicht hast du ja Lust?"

Ich hatte.

Die Anreise zur O2 World gegenüber der Arena des HSV gestaltete sich dank Schienenersatzverkehrs, einem Fußmarsch durch den Diebsteich-Tunnel (einen der vermutlich ätzendsten Orte der Stadt, ich werd separat nochmal drüber schreiben, wenn ich Beweisfotos habe) und einer Fahrt in einem vollgestopften Shuttle-Bus zur Halle recht abenteuerlich, entertained wurden wir durch einen Irren, der auf seinem ollen Holland-Damenrad parallel zum Bus einen Wheelie auf dem Gehweg hinlegte. Mit nem Mountain Bike kann das ja auch jeder...

An der O2 World angekommen wurde das Dosenbier weggehauen, die hinterlegten Karten wurden abgeholt und hinein ging`s ins Vergnügen.

Die Sitzplätze mit prima Sicht auf`s Eis waren schnell gefunden. Also auf und eine Runde umschauen und orientieren. Und neues Bier organisieren. Entspannt wurde smalltalkend eine Runde gedreht, das Bier geleert und sich gemeinsam über das abwechslungsreiche Publikum gefreut. Vom uralten ins hellblaue Freezers-Trikot gekleideten Ehepaar jenseits der 80 über Großfamilien im Einheitslook über Hardcore-Fans von der Statur eines Vierzigtonners über Jugendgruppen mit Justin-Bieber-Frisuren über anscheinend allein oder paarweise angereiste und großteils echt hübsche junge Frauen, die vielleicht darauf hofften, nach dem Spiel einem der Stars des Teams über den Weg zu laufen, zumindest waren sie teils aufgebrezelt wie für eine Nacht auf dem Kiez, war eigentlich alles vertreten. Das hatte ich so nicht erwartet.

Meine beiden Highlights des Rundgangs kamen in klein und extrem niedlich...


...und in eckig, bunt beschriftet und auf einer weißen Tischdecke.


So ein Käsesoßen-Automat sollte in keinem guten Haushalt fehlen! Ich war begeistert!

Ein weiteres Bier später saßen wir mit noch einem weiteren Bier, man will ja vorbereitet sein, auf unseren Plätzen, das Prozedere vor dem Spiel war beeindruckend, Laserblitze, die Namen und Konterfeis der Spieler wurden auf`s Eis projeziert, großes Kino! Ich war zu dem Zeitpunkt schon begeistert.


Das Spiel an sich war spannend, ist aber schnell erzählt.

Anstoß erstes Drittel, irgendwas passiert, 1-0 für die Freezers, "Juhuu Juhuu", mit der Klatschpappe klatschen (das Zeug ist recht lustig, man darf es aber nicht zu lange benutzen, denn sonst hat es was von Selbstgeißelung wie beim Albino-Mönch im "Da Vinci-Code" von Dan Brown), irgendwas passiert, Drittelpause.

Toilettengang und neues Bier und hübsche Frauen gucken.

Anstoß zweites Drittel, irgendwas passiert, Auftritt des Freezers-Maskottchens ein paar Meter neben uns,


irgendwas passiert, 2-0 für die Freezers, "Juhuu Juhuu", mit der Klatschpappe klatschen, über den Gegner lästern, "Wie, und das soll jetzt der Tabellenführer sein?", Strafe folgt auf dem Fuß, zack, Gegentor, nur noch 2-1 für die Freezers, Drittelpause.

Neues Bier und hübsche Frauen gucken.

Anstoß drittes Drittel, irgendwas passiert, 3-1 für die Freezers, Juhuu Juhuu, mit der Klatschpappe klatschen, über den Gegner lästern - Spielunterbrechung.

Spielunterbrechung aufgrund einer Werbeaktion des Engtanz-/Abschuss-/und Restefick-Schuppens "Thomas Read" auf der Reeperbahn. Halbnackte junge Frauen springen zwischen den Zuschauern auf der Gegengeraden umher und verteilen Freibier. Das ganze wird unterlegt mit schlechter RnB-Mucke. Nach einer Minute ist der fast schon peinliche Spuk vorbei und die Hälfte der Bierverteilerinnen ritzt sich in der Umkleide vermutlich erstmal ob des unwürdigen Nebenjobs... Das ein Spiel der höchsten deutschen Liga für sowas unterbrochen wird...wow. Ich wusste gar nicht, dass das überhaupt möglich ist.

Spielunterbrechung beendet, keine Halbnackten mehr zu sehen, irgendwas passiert, zack, Gegentor, nur noch 3-2 für die Freez...ZACK, Gegentor, oh, es steht 3-3. Das ging fix.

Auf ein Mal ist es recht still in der Halle. Das Spiel war schon gewonnen und jetzt das... In der Reihe hinter mir schlägt eine Hübsche die Hände vor`s Gesicht - allerdings wohl eher, weil sie sich zu Tode langweilt und ihr Kerl, komplett in hellblauer Freezers-Uniform gekleidet, seit über zwei Stunden kein Auge für sie hatte. Und wenn doch, dann erklärte er ihr, was grad auf dem Eis passierte - was sie aber so wenig interessierte, wie das momentane Wetter in Islamabad oder ob der Torwart des Gäste-Teams Linksträger oder Rechtsträger ist. Und er bemerkte es nicht. Dabei hatte sie sich extra hübsch gemacht, nicht billig "hübsch", sondern tatsächlich wirklich hübsch. Sie hatte sich den Abend wohl anders ausgemalt und ich habe so etwas wie Mitleid.

Ist aber egal jetzt, denn die Verlängerung geht los.

Angriff, Schuss, TOR, 4-3 für die Freezers, Juhuu Juhuu

Feierabend.

18 Sekunden Verlängerung, dann Tor, dann Schluss.

Spielende.

Ich bin verwirrt. Ich wusste ich nicht, dass es beim Eishockey ein "Golden Goal" gibt, welches im Fußball ja (zurecht) so grandios gescheitert ist, "Schland" durch Oliver Bierhoff aber dennoch 1996 einen Titel verschaffte.

Ausgang. Warten auf den Bus zur S-Bahn-Station. Nachtaufnahme.


Ab Richtung St. Pauli. Abschlussbier. Dann in die U3 und heim.

Aufschlag im heimischen Wohnzimmer gegen 1.15 Uhr. TV-Programm checken. Eine Lieblings-Serie läuft von 1.25 bis 4.00 Uhr.

Punktlandung! Rein in den Fernsehsessel, Chips links, Getränk rechts...

Ruhe. Zufriedenheit. Und Orgelmusik im Hinterkopf.

Dät-dät-däää-dät, dät-dät-däää-dät...DÄT-dät-däää-dät...DÄT-dät-däää-dät...Dädädädät-dädääää!

Die Schweineorgel. Wird ausgeschaltet. Im Kopf.

Ich habe nach wie vor absolut keine Idee von Regeln und wie was warum passiert. Und mir hat eine anständige Hauerei gefehlt, denn das gehört für mich zu einem Eishockeyspiel dazu.

Ansonsten: Großartig!

Da bin ich gern öfter dabei!