Freitag, 5. April 2013

Der Nazi aus dem zweiten Stock

Seit über elf Jahren wohn ich hier in meiner Wohnung. Nicht groß, luxuriös schonmal gar nicht, dritter Stock, ruhige Seitenstraße, inzwischen kostet auch hier der Quadratmeter mehr als zehn Euro, die Anbindung an den ÖPNV wär klasse, könnt man sich auf die Buslinien 177 und 277 fahrplanmäßig auch nur ansatzweise verlassen, zur U-Bahn ist es auch nicht weit. Tolle Wohnlage, Fuhle-Kiez, nicht unbedingt zentral, kein Szeneviertel, aber eins, das im Kommen ist, wenn man Fachleuten glaubt. Stadtplanern und so. Die sagen alle, daß in Barmbek-Nord was geht in der Zukunft.

Im Gegensatz zu Barmbek-Süd übrigens, das wird immer langweilig bleiben mit seinem maximal okayen Einkaufszentrum als Highlight und sonst nichts. Jetzt hab ich's gesagt. Oha. Hate me now.

In der Etage unter mir wohnt "Denny". "Denny" ist Anfang 40, ein kleiner, verhärmter Typ mit kurzgeschorenem, ehemals schlecht blondiertem Haar, Bauchansatz, Oberlippenbart und schlurfendem Gang, kurzum: Ein Bild von einem Mann!

Außerdem ist "Denny" ein Nazi.

Am Tag meines Einzugs im Frühjahr 2002 sprach er mich an, während ich grad einen Karton durchs Treppenhaus schleppte. Ob ich grad einziehen würde. Anstatt zu antworten "Nein, ich trag einfach aus purer Freude Umzugskartons durch die Gegend", verriet ich, das ich tatsächlich einziehe und er, optisch damals nicht als Träger rechten Gedankenguts zu erkennen, bot Hilfe an. Was natürlich dankend angenommen wurde.

Tags drauf, Eltern und andere Umzugshelfer waren weg, traf ich "Denny" erneut im Treppenhaus und er erzählte mir ungewollt Dinge. In meiner Bude hätte vorher ein "Kanacke" gelebt (Vormieter war ein dunkelhäutiger Südafrikaner, ein wahnsinnig toller und freundlicher Mensch, den ich bei der Wohnungsübergabe kennenlernen durfte). Ich versuchte "Denny" klar zu machen, daß das so gar nicht meine Denke ist und er und ich sicher keine dicken Freunde würden, aber das verstand er nicht. Denn "Denny" ist, wer hätte das gedacht, nicht die hellste Kerze auf der Torte.

Ab da hab ich dann versucht, "Denny" aus dem Weg zu gehen - mit mäßigem Erfolg. Während ich andere Nachbarn niemals sehe ( bei dem, der beispielsweise direkt gegenüber wohnt, weiß ich nur vom Namen auf dem Klingelschild, daß es sich um einen Mann handelt, ein Gesicht dazu habe ich nicht), ist "Denny" nahezu allgegenwärtig. Ich treffe ihn regelmäßig im Treppenhaus, im Bus oder an der Supermarktkasse. Dann nennt er mich "Zecke", da ich ja eindeutig links einzuordnen bin, klopft mir grinsend auf die Schulter und macht auf gute Kumpels. Und ich ekel mich dann, weil ein versiffter Kacknazi mit zusammengerollter BILD-Zeitung in der Jackentasche und ordentlich Mund-Klo öffentlich so tut, als wären wir auch nur ansatzweise befreundet.

"Denny" baut sich auch gern mal vor mir auf, immer nur, wenn seine Leute, von denen hat er wenige, dabei sind. Dann droht er mir "linker Bazille". Und zwinkert mir zu, wenn seine Halbaffen-Kumpels grad nicht schauen. Und entschuldigt sich dann beim nächsten Treffen im Treppenhaus.

"Denny" ist eine ganz ganz arme Sau. Eine dumme arme Sau. Ein Vollidiot. Eigentlich bemitleidenswert. Aber mit Nazis hab ich kein Mitleid.

Ein Mal, kurz vorm ersten Mai, hab ich "Denny" wiedermal im Treppenhaus getroffen und natürlich begann er, mich wie immer voll zu texten. "Erster Mai, da macht ihr Zecken doch immer Randale!". Hatte er wohl aus der BILD. Ich sagte, daß ich davon keine Ahnung hätte, daraufhin erbat er, ich solle mich doch "in Zeckenkreisen" mal umhören, zu den Krawallen am ersten Mai schlüge er sich immer auf die "Seite der Linken", denn "da ist mehr los". Ich hab ihn kopfschüttelnd stehen lassen. Soviel Idiotie auf einem Haufen ist selbst mir zuviel...

Letztens hab ich "Denny" auf der Straße gesehen, früh morgens, ich kam aus der Schanze heim mit White Russian, Astra und Wodka en masse im Blutkreislauf, er schlurfte wie immer mit gesenktem Kopf herum und angetrunken, wie ich war, sprach ich ihn an. Was denn los sei. Er hatte Liebeskummer. Seine Freundin hatte ihn abgeschossen. Das war aber nicht das Problem. Das erläuterte er mir dann.

"Das sie Jüdin war, das hab ich ja grad noch so verknusen können, war schwer...aber sie war auch Ausländerin!!"

Auf meine Frage, ob ihm der russische Akzent denn nie aufgefallen sei (seine Ex stammte aus der Ukraine), antwortete er schulterzuckend "Sie ist aus Erfurt hergezogen, da reden die nunmal komisch! Ich konnt das doch nicht ahnen!"

Ich hab Tränen gelacht! Ich hatte Bauchweh vor Lachen! Und ich bete, das "Denny" seine verkommenen Gene nie weitergeben wird...

Das letzte, was ich von "Denny" weiß, ist, daß er ausziehen muss, da es eine Mieterhöhung gab und das Amt ihm die nicht mehr zahlen wollte.

Noch lebt er da in der Etage unter mir, sollt er dann bald mal weg sein - ich glaub nicht, daß er irgendwem im Haus fehlen würde.

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