Freitag, 15. November 2013

Krebs

Ich habe vor einigen Tagen über die verschlungenen Wege des world wide web eine beeindruckende Fotoserie gefunden.

Ein Mann namens Angelo dokumentiert darin den Krebstod seiner Frau Jennifer, selbst haarlos nach der Chemo noch eine Schönheit. Sie ist 40 Jahre alt geworden und im Dezember 2011 verstorben. Bei den letzten der in schwarz/weiß gehaltenen Bilder der Serie habe ich sehr schlucken müssen, um nicht eine Träne zu verdrücken. Die Fotos sind toll gemacht (insofern man das in diesem Fall sagen darf), sie vermitteln Emotionen, lassen den Betrachter lächeln oder boxen ihm in den Magen.

Ansehen könnt ihr die Bilder hier.

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Als ich mir die Bilder alle lange angesehen hatte, musste ich an meinen Schulfreund Florian denken.

Wir waren damals zuhause auf dem Dorf eine eingeschworene Clique von maximal zehn Leuten und das auch nur, wenn wir die kleinen Brüder zweier meiner Jungs dazu zählten. Wir waren die Außenseiter, die mit der komischen Musik, die, die nicht die ein paar Jahre ältere Dorfjugend und ihre tiefergelegten GTIs an deren Treffpunkt im Ortskern anhimmelten sondern eher auslachten, die, die nicht auf der aufkommenden Euro-Dance-Welle mitschwammen, sondern weiterhin Nirvana oder Pearl Jam vergötterten.

Kurz gesagt: Wir waren die Ärsche vom Dienst und haben häufig einstecken dürfen. Was aber egal war. Wozu braucht man viele Arschlöcher, wenn man wenige echte Freunde haben kann?

Wir haben uns die Zeit mit Bolzen, Basketball und am Wochenende, wie in meiner Heimat so üblich, mit Bier vertrieben. Die drei großen B`s quasi.

Florian war immer vorne mit dabei. Fast einen Kopf größer als der Rest, haute auf Parties locker zwei Liter mehr weg als der Rest und wenn er sauer war, dann ging man ihm lieber aus dem Weg, denn selbst wenn er einen nur freundschaftlich "knuffte", gab das einen Bluterguss.

Aber irgendwann ließ das nach. Er wurde blasser, er nahm ab, er wollte nicht mehr feiern gehen, Sport ging eh nicht mehr, weil sein rechtes Bein nicht mehr so recht wollte.

Diagnose: Bösartiger Tumor. Irgendwo im Hüftbereich. Fortgeschrittenes Stadium.

BAMM!

IN DIE FRESSE!

Unser härtester Typ, der sonst alles weggebügelt hat, was irgendwie im Weg stand, hat Krebs.

Auf ein Mal waren wir gar nicht mehr so "cool" wie vorher, eher das Gegenteil. Das freute natürlich den Rest der Dorfjugend, der hatte tagtäglich seinen Spaß daran, uns wissen zu lassen, dass einer unserer besten Freunde vielleicht nicht zwangsläufig um sein Leben kämpft, immerhin aber darum, ab dem sechzehnten Lebensjahr kein Leben im Rollstuhl führen zu müssen. Den Kampf hat er leider verloren.

Bereits morgens an der Schulbushaltestelle kam immer irgendjemand theatralisch angehumpelt, um sich dann vor unseren Augen über Flo lustig zu machen, die Frage, wer von uns ihn dann demnächst zur Schule schieben würde war noch eine der harmloseren. Meist haben wir uns zusammen gerissen, ab und zu hat es richtig geknallt. Gewonnen haben wir nie und wir saßen auch mal mit blutender Lippe im Unterricht, aber es ging ums Prinzip.

Als Flo seine Chemo bekam und seine Haare verlor (eine dunkelblonde gegelte Boygroup-Mähne, auf die er stolz wie Oscar war), haben wir alle uns ebenso eine Glatze rasiert - und mein Gott, sah ich scheiße aus! War aber egal, war ja für Flo.

Hat uns natürlich nur noch mehr Häme der Dorfjugend eingebracht, es gab noch mehr Hauereien, das war dann aber auch egal.

Nach Ende der Schulzeit verlief es sich langsam, Umzug, Studium, neue Einflüsse, Freundschaften, Liebschaften, Interessen...

...ich weiß von keinem meiner damaligen Jungs was sie heute so machen. Nur über Flo weiß ich, dass es ihm gut geht und das er anscheinend sowohl Familie als auch ein eigenes Haus hat, das war immer das, was er wollte.

Ich weiß nicht, ob das stimmt, es wurde mir nur über Dritte zugetragen...sollte es aber stimmen (und das wünsche ich mir), dann wäre das große Klasse.

Kommentare:

  1. Mein Florian hieß Thomas und hatte einen Tumor im Arm. Im Arm! Wie geht das? Den haben sie ihm abgenommen.

    Aber auch er hat überlebt. Sagt zumindest sein Facebook-Profil. :)

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  2. Tumore kann man leider überall haben. Sogar in den Muskeln.
    Mein Florian hieß Milena. Sie hatte einen Hirntumor. Leider hat sie nicht überlebt. Genauso wenig wie Ben, der mit Anfang dreißig an Knochenkrebs gestorben ist.
    @thorge: cool, dass du dir auch eine Glatze geschoren hast, damals. das ist echte Solidarität!

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    1. Die Frage, ob wir das machen oder nicht hat sich damals gar nicht gestellt. Das war ganz einfach klar und da wurde in unserer "Gang" auch gar nicht drüber gesprochen. Da wurde stumm der Langhaarschneider rumgereicht und zack, weg mit der Wolle. Einer für alle, alle für einen. Einen besseren und engeren Freundeskreis werde ich nie wieder haben.

      Mein Beileid an dich, Milena und Ben betreffend!

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