Sonntag, 20. Oktober 2013

Mit der Lieblingsband in der Markthalle

Montag Morgen, die Augen sind verklebt, der Nacken schmerzt, in den Ohren klirrt es, alles in allem ein Gefühl, als hätte einen am Abend zuvor ein Bus überfahren.

Der Bus heißt "boysetsfire" und hat mich mal wieder mit voller Breitseite erwischt. Die allerliebste Lieblingsband hat sich unheiligerweise einen Sonntag Abend ausgesucht, um das Hamburger Publikum zu beglücken und mir mal ordentlich die Gehörgänge frei zu pusten.

Das hat ganz gut geklappt.

Rückblende. Vor dem Konzert, 19.30 Uhr.

Inmitten einer großen Gruppe der üblichen schwarz gekleideten, volltätowierten und an seltsamsten Stellen gepiercten Verdächtigen nuckele ich an meinem Bier und warte vor der Markthalle auf Kumpel N., der die Tickets hat. Mit zehn Minuten Verspätung taucht er auf und hebt sich mit seinem weiß/rosa karierten Hemd deutlichst vom Rest der Konzertbesucher ab. Meinen fragenden bis vorwurfsvollen Blick kommentiert er mit "Sorry, vor sieben Stunden saß ich noch auf dem Oktoberfest! Komm grad frisch aus dem Flieger...".

Das macht`s nicht besser. Die Tickets fischt er aus seinem Rucksack. Din A4, ausgedruckt auf vermutlich wiederverwertbarem Papier, streng mittig gefaltet.

In meinen über zehn Jahren in Hamburg war ich auf locker 20 Konzerten in der Markthalle, die ist eine Legende in der norddeutschen Konzertgänger-Szene. Zumeist waren die Konzerte großartig, einige Ausfälle waren auch dabei, das lässt sich nicht ändern.

Ich verbinde einige Erinnerungen mit diesem Ort.

Die Narbe, die fast komplett meine linke Augenbraue durchzieht, habe ich mir im Dezember 2004 beim "Fuck X-mas Festival" abgeholt, ein Ellenbogen traf mich beim Toben vor der Bühne, das Blut spritzte, die weibliche Begleitung quiekte, ein riesengroßer Volltätowierter, zu dem der Ellenbogen gehörte, kollabierte fast und der eilig herbeigerufene Sanitäter lobte, meine sei "die sauberste Platzwunde, die er je gesehen hat". Er musste nichtmal nähen, er pappte nur ein Pflaster drauf. "Die wächst von allein wieder zu, so eine tolle Platzwunde ist das!" verkündete er strahlend. Im Platzwunden-Heftchen hätte er mir garantiert einen lachenden Smilie gestempelt! Der Freak...

Mit meinem blutigen Shirt und meiner supertollen selbstheilenden Platzwunde war ich dann der Held auf dem Konzert, selbst die Band fragte von der Bühne hinab nach meinem Befinden.

2006 versuchte hier jemand, meine Herzdame zu küssen, was ich nicht so angebracht fand und per rechtem Haken "verhinderte". Folge war ein einjähriges Hausverbot...wer konnte denn auch ahnen, dass der dickliche Typ der Bassist der auftretenden Band war? Ich wusste das zumindest nicht. Es war mir dann aber auch egal. Falsche Frau geküsst, Arsch! Und deine Band? Unter "ferner liefen"...

Das Konzert fand trotdem statt, die Band war aber doch merklich verstimmt und ergo war der Auftritt unmotiviert und sehr kurz.

Wurde mir erzählt. Von einem Freund. Ich war ja nicht mehr dabei und auch meine damals bessere Hälfte hatte keine Lust mehr auf das Konzert. Sie hat sogar den Eintritt erstattet bekommen. Denn sie konnte ja wegen "eines unglücklichen Zwischenfalls" nicht am Konzert teilnehmen.

Tags drauf zappte ich durchs TV-Programm und sah die Band wieder, sie hockte im Berliner VIVA-Studio und entschuldigte die Abwesenheit ihres Bassisten, der habe am Abend vorher "eine kleine Meinungsverschiedenheit" gehabt und sei jetzt beim Zahnarzt.

Ich musste ein bisschen grinsen.

Zurück zum Konzert. Dem, um das es geht.

06.10.: Abend. N. und ich sind die Treppen zum Eingang hinaufgestiegen, die Securities waren sehr freundlich und "kompetent". "Mach mal den Rucksack auf bitte!". Tat ich gern. Er, ein Schrank von Kerl, guckte drei Sekunden lang rein. "Alles klar, du bist sauber!" - "Wollen sie mich nicht abtasten? So kenn ich das zumindest von anderswo!?" hab ich dann gefragt. Er klopfte mir zweimal gegen den Oberarm und einmal gegen die Hüfte. "Alles klar, du bist sauber!" Eine absolute Fachkraft! Ich habe mir dann ausgemalt, wo ich die Bombe versteckt hätte, hätte ich denn eine gehabt. In den Socken. In der Bauchtasche, die meine KaPus ja nun mal haben. Eher in den Socken. Die wären dann nach dem Konzert quasi Stinkbomben.
 
Da uns die Support-Bands herzlich egal waren, orderten N. und ich erstmal ein Bier an der Bar im ziemlich großen Vorraum des Konzertsaales. Das ging fix und mit unseren mehr oder weniger bis zum Eichstrich gefüllten Plastebechern, beobachteten N. und ich die Mitmenschheit, die sich am Bierstand und an den Tischen mit dem Merch tummelte. Man konnte sogar iPhone-Hüllen mit dem Emblem meiner liebsten Band kaufen. Ich schaute etwas ungläubig.

Kumpel N. kaufte so eine iPhone-Hülle. Aus Gummi. Für fünf Taler. Ich schaute noch ungläubiger.

Besser noch ein Bier im Plastebecher. Immerhin "Astra". Eine iPhone-Hülle aus Gummi mit Band-Emblem. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll.

Das Bier war fast geleert und wir beschlossen, in den Konzertsaal zu wechseln. Der bietet in etwa 1000 Menschen Platz, vielleicht sogar 1200 oder 1500, ich weiß es nicht genau und kann es auch nicht schätzen, Lust auf Recherche bei Tante "Wiki" habe ich auch nicht, denn egal wie man es dreht oder wendet: Neben mir sind in der Markthalle zuviele andere Konzertgänger. Punkt.

Ein Konzert mit mehr als 250 Zuhörern ist immer erstmal nicht mein Fall, leider hat meine Lieblingsband diese Marke bereits vor einigen Jahren deutlich überschritten und füllt nun Hallen. Besucherzahl lässig vierstellig. Ich gönne es den Jungs, motze aber still in mich hinein, denn ich teile nicht gern.

An meinem Geburtstag 2006 sah ich boysetsfire in einem winzigen Schuppen in HH zusammen mit maximal 90 anderen, ein besseres Geburtstagsgeschenk werd ich wohl nie wieder bekommen.

Zurück zur Markthalle:

Der Sound ist seit Jahren großartig und auch dieses Konzert macht da keine Ausnahme...

...los geht es mit "Walk astray" und es dauert keine fünf Sekunden bis ich Pipi in den Augen habe. Das Intro von "Walk astray" haut mich jedes Mal um. Da ich noch gedankenverloren bin, krieg ich auch direkt nach dem Intro, wenn das Lied vorsichtig formuliert "Fahrt aufnimmt" (von 0 auf 100 in 1,4 Sekunden) direkt mal einen fliegenden Unterarm in die Fresse und die Tränen der Rührung weichen Schmerztränen. Ein Unterarm krachend auf die Nasenspitze ist alles, aber nicht schön. Selbst ein Tritt in die Familienplanung ist da netter...

Der Schmerz vergeht, die Nase ist noch ganz und aus sicherer Entfernung erlebe ich dann weiter die Show und gestehe mir ein:

Das ist der Moment, an dem man mit Mosh-Pits, Geprügel vor der Bühne und Stage-diving abschließt. Traurig, aber man ist halt mit 34 allmählich wie Roger Murtaugh in "Lethal weapon": Too old for that shit!

Kumpel N. in seinem karierten Hemd schaut irritiert, als ich wieder bei ihm auftauche. "Wie war`s?" - "Ach, wie damals! Nur mehr Asis!" - "Früher war also besser?" - "Auf jeden Fall, weil: weniger Asis!" Früher gab`s neben mehr Lametta auch weniger Deppen, die vor der Bühne herumschlägerten. Früher bekam man einen Tritt oder Ellenbogen ab, das war aber nie absichtlich, der "Täter" half einem hoch und fragte nach, ob alles ok ist. Heute tritt dir jemand mit Absicht ins Kreuz oder ins Gesicht und beim Stage Diven kommt er mit Ellenbogen oder gar den Füßen zuerst runter, seine Kumpels feiern ihn dafür. Das ist nicht mehr mehr meine "Szene". So einen Quatsch brauch ich nicht.

Die Lieblingsband haut Brecher nach Brecher raus..."Handful of redemption", "Rookie", "After the eulogy", bei letzterem fliegt die Faust nach oben und es wird "RISE! RISE! RISE!" gebrüllt.

Irgendwann ist Ende.

Ich bin taub.

Und ich bin glücklich. Von boysetsfire lass ich mir jedes mal wieder gern den Gehörgang frei blasen.

Zwei Mal kullerten tatsächlich fast die Tränen, bei "My life in the knife trade" und bei "Prey", meinem absoluten Lieblingslied vom neuen Album, das zu meiner riesigen Freude in der Mitte des Sets auch gespielt wurde und bei dessen ersten Tönen ich mich in etwa gefühlt habe wie damals als kleiner Junge am Weihnachtsabend. Jede Silbe wird mitgesungen samt verschämten Tränchen im Augenwinkel.

Irgendwann ist Ende.

Vor der Bühne sehe ich Sänger Nathan, er ist wie immer runter zu den Fans gegangen und wird umarmt, fotografiert und in die Seite geknufft und er erträgt das. Nathan ist vermutlich einer der tollsten Menschen der Welt. Man muss ihn getroffen haben, um das nachvollziehen zu können. Ich hatte schon vor dem Konzert beschlossen, ihn danach in Ruhe zu lassen, zum einen war dieses Mal kein gemeinsames Bierchen drin, zum anderen hat der Gute auch grad anderes im Kopf, ist er doch grad Vater geworden. Der ist froh, wenn man ihn in Ruhe lässt, vermute ich...

Raus aus der Markthalle, noch fünf Minuten Small Talk mit N., dann getrennte Wege. Ich zum HBF, er in die andere Richtung zur U Steinstraße.

In der U-Bahn nach Hause geht man mir aus dem Weg. Nassgeschwitzt, schwankender Gang, zufriedenes Grinsen im Gesicht...kann nur einer auf Droge sein.

Und dabei waren`s nur boysetsfire, Adrenalin und Glückshormone plus drei Bier.

Mit klirrenden Ohren und todmüde habe ich dann zuhause auf youtube nach etwas, das dem Konzert gleichkommt, gesucht.

Gefunden habe ich das Konzert in Dortmund vom 04.10.2013. Im Prinzip das gleiche Set, das ich am 06.10.2013 in Hamburg auf die Ohren gehauen bekam. Nur hat sich der Typ, der das Dortmunder Set online gestellt hat, die "Mühe" gemacht, das Intro, den ruhigen, von mir so geliebten Anfangspart von "Walk astray", zu überspielen...mit Quatsch.

Hier das Dortmunder Set mit Quatsch am Anfang. Und mit hübschen Menschen, auch am Anfang.

Und da "Walk astray" eins meiner liebsten Lieder meiner liebsten Band ist, gibt`s das auch noch Mal mit komplettem Intro ohne darübergelegte Kack-Musik.

Ab jetzt heißt es warten auf die nächste Tour der Jungs. Es kann mir nicht schnell genug gehen...

Kommentare:

  1. Ganz großartiges Konzert, hatte ja hier schon auf einen Beitrag spekuliert... Und auch ich ging eine Runde durch den Faceplamhain beim Intro vom YT-Video von der Dortmunder Show.

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  2. Ich habe mir ein wenig Zeit gelassen mit dem Konzert-Beitrag, beim nächsten Mal geht es wieder schneller ;)

    "Facepalmhain", großartig, den Ausdruck kannte ich noch nicht! Den merk ich mir! Klasse!!

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