Samstag, 23. Februar 2013

Nightwalk

Es darf nicht wahr sein! Da kriegt der Depp aus Mexiko mit der letzten Karte seinen verkackten Buben zur Straße und schlägt so meine zwei Paare, Asse und Könige, das gibt's doch gar nicht!! Die Pokergötter müssen mich hassen! Neuntausendvierhundertirgendwas Taler futsch, mal eben so. Weil in Mexiko ausnahmsweise mal einer Glück hat! Ausgerechnet jetzt! ARGH!!

Kurz überlege ich, das Handy an die Wand zu werfen, aber das kann ja auch nix dafür.

Manchmal muss man auch mal cholerisch sein und jetzt ist manchmal.

Ein furchtbarer Tag, alle gegen mich. Der Bus fährt vor der Nase weg, die GEZ schreibt einen Brief, die Ex eine SMS, beides wollte ich nicht haben, die Lieblingspizza ist ausverkauft, auf dem Fußweg heim fängts an zu regnen, im Radio UND im TV gibt's "Revolverheld" und "Revolverheld" im Radio ist DEUTLICH schlimmer als Pferd in der Lasagne und zu allem Überfluss bin ich eh schon schlecht gelaunt, da mein Verein morgen (inzwischen heute) in München ordentlich Prügel kassieren wird. Nerven gespannt wie Drahtseile. Und dann kriegt der Mexikaner den verdammten Buben!! Auf dem River!!!

Also heut mal nicht aufregen...lieber Jacke anziehen, Kopfhörer aufsetzen, ein Bier köpfen und dann ne Runde durch die Nachbarschaft, die Hood, laufen. Besser, als sich zuhaus das Dach auf den Kopf fallen zu lassen.

Sternenklare Nacht, verdammt cool, verdammt kalt, der Mond scheint so hell, daß er mich fast blendet, das ist jetzt so ein Moment, in dem ich mir eine richtige Kamera wünsche, was könnt ich da für phantastische Bilder machen, unten am Hafen zum Beispiel...

Es ist so gegen 2.30 Uhr und ich zähle die erleuchteten Fenster in den an meinen angrenzenden Wohnblöcken. Ich unterscheide zwischen kalt und warm erleuchteten Fenstern. Kalt sind die bläulichen Lichtblitze von Fernsehern, die ab und an aufblitzen. Warm hingegen sind Deckenlampen, Schreibtischlampen und so weiter, die dieses beruhigende gelbliche Licht ausstrahlen. Das warme Licht gewinnt haushoch gegen das kalte Licht, 9 zu 4, das freut mich, während ich fröstelnd keine 500 Meter weit weg von meiner Wohnung stehe und bemerke, das erstens die gefütterte Jacke die bessere Wahl gewesen wäre und zweitens das eine Bier im Leben nicht langt.

Auf zum Barmbeker Bahnhof, da kann ich ein neues kaufen und werde zudem von den Durchreisenden zum bzw. vom Kiez entertained. Zu dieser Uhrzeit hat's viel mehr Heimkehrer als Losfahrer, das war "früher", als ich mit den Jungs noch hingefahren bin anders, da sind wir nie vor drei Uhr, eher später losgezogen.

Heutzutage kommen die um drei Uhr alle sturzdicht zurück. Werden von Freunden oder Fremden gestützt aus der Bahn gehievt, ER, 17, kotzt erstmal grüngelb auf den Bahnsteig und IHR, 17, fällt ne Brust aus dem Top, was die IHN stützenden natürlich mit Gegröhle untermalen. "Tittööööönnn!!!" Für 75% von ihnen war das vermutlich der erste Anblick einer nackten Brust, über die weißen Flecke in den Boxer-Shorts wundert sich dann Mutti...

Auf dem Heimweg bleibe ich an einem Gebäude stehen, dem ich schon lang aufs Dach steigen wollte. Acht Stockwerke. Ist grad von nem Baugerüst umstellt. Da wird's einen Weg nach oben geben...

"Eyh, lieber Mann! Hast du ein bisschen Kleingeld? Wenn nicht, hast du ein Bier über?" Ein rotnasiger schmaler Typ steht mir gegenüber und macht große Augen. "Oder willste da rauf? Da war ich schon! Is nett! Haste nu Kohle oder n Bier??"

Ein Bier und ein paar Minuten später weiß ich genau Bescheid wann wo was geht. Nice! Und verstörend, wie gut ein versoffener rotnasiger Obdachloser weiß, wie man in bzw auf Gebäude kommt. ... Jetzt brauch ich nur noch die passende Kamera, schnell, dann geht's da hoch...

Ich sitz auf der Mauer vorm Haus, leere das Bier und guck dabei in den klaren Himmel. Und denk mir dabei, wie gut die Nacht war

Und dann geh ich hoch in meine Bude, stell das Handy auf "lautlos", leg mich ins Bett, schließe die Augen und warte auf entweder Schlaf oder eine Sternschnuppe zum Mitreisen.

In eine Dimension, in der mein Team nachher keine Klatsche bekommt...das wär schon einiges wert.

Kommentare:

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    1. Ich bin Realist und hatte nicht wirklich was anderes erwartet...

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  2. Hey Mann, das mit "erste Anblick einer nackten Brust" war zu unserer Zeit. Heute zu Internet-zeiten kennen die mit 9 schon mehr Stellungen als Du und ich je ausprobieren werden...

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    1. Hmm, gruselige Vorstellung. Sohnemann ist elf und NOCH sind Fußball und PS3 wichtiger als Mädchen, denn die "nerven nur und wollen ständig irgendwas". Allerdings gabs grad zum ersten Mal Sexualkunde-Unterricht in der Schule. Könnt sich also schnell ändern...

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