Montag, 18. Februar 2013

Im Schatten der Ruine

Samstag Abend, irgendwas gegen 22 Uhr. Ich stehe am neuen Barmbeker Busbahnhof und mein Blick wandert zwischen der Ruine des ehemaligen Karstadt-/Hertie-Gebäudes, diesem Schandfleck des sich im Wandel und auf dem Weg nach oben befindlichen Stadtteils, dieser hässlichen Warze im Gesicht dieses an sich recht ansehnlichen Kiezes rund um den südlichen Teil der Fuhlsbüttler Straße, "Fuhle", wie Freunde und Anwohner sie nennen und zwischen all dem Volk, welches hier um diese Zeit zu Massen den Bussen aus dem Steilshooper Ghetto mit seinen grauen Plattenbauten oder denen aus dem idyllischen, fast schon dörflichen, bringen wir es auf den Punkt, aus dem totlangweiligen Berne strömt, obwohl, da gibt's zumindest hin und wieder noch eine Messerstecherei vorm ansässigen EKZ, ersetzen wir es durch das noch totlangweiligere Bramfeld, wo ich fast hingezogen wäre, als ich damals nach Hamburg zog, zum Glück registrierte ich aber rechtzeitig, daß in Bramfeld die Bushaltestellen, U/S-Bahn gibt es ja bis heute nicht, wie bei mir zuhause auf dem Heimatdorf Namen tragen wie "Bramfeld Kirche" oder noch besser "Bramfeld Dorfplatz" und damit hatte es sich mit der Bleibe in Bramfeld und kurze Zeit später landete ich in meinem jetzigen Kiez, was so sehr gut ist.

Teilweise weiß ich nicht, in welche Richtung ich zuerst entweder interessiert, meist aber eher mit einer Mischung aus Fassunglosigkeit und Unbehagen, teils Erheiterung schauen soll. Das vorbeiwandernde Partyvolk auf dem Weg gen Reeperbahn oder Sternschanze ist wirklich spektakulär, die Ruine gegenüber in ihrer sinnlosen Monstrosität allerdings ist so einnehmend, daß ich gar nicht anders kann, als ab und an den Blick auf sie zu richten, um kurz die schlimmen Grafittiversuche der Nachbarschaftsjugend neben den uralten verblassten Promopostern für gruselige RnB-Parties in Hamburgs vermutlich schlimmstem Club abseits von Pauli, dem "Big Apple" an der U Dehnhaide, zu checken, ab und zu entdeckt man aber auch wen, der in irgendeiner dunklen Nische gegen die Fassade pinkelt und zu viel mehr ist dieser architektonisch obszöne Koloss auch gar nicht mehr zu gebrauchen.

Das Publikum ist aber heut Abend auch erste Sahne hier, sowohl das, das zum Feiern loszieht als auch das, das mit mir zusammen auf den Bus heim wartet. Letzteres wird nämlich schon ungeduldig, der 277er soll in einer Minute fahren, ist aber noch nirgendwo zu sehen. "Anfänger!" denke ich und lasse einen verächtlichen Blick kreisen, der die ketterauchenden Bauarbeiter in Arbeitskluft, die maximal 15jährigen in Miniröckchen, Strumpfhosen mit gewollter Laufmasche und Winterjacke mit Kunstfell, damit wenigstens gegen die Minustemperaturen hilft und den pickligen Nerd mit den fettigen Haaren, der die drei Mädels unverhohlen angafft, trifft. "Na wenigstens spielt der kein Taschenbillard" denk ich mir. "Der will sicher nach Bramfeld."

Und alle sind sie nun hektisch, denn der Bus ist schon fast eine Minute zu spät. Die müssen alle neu zugezogen sein, denn spätestens nach drei Monaten hat hier auch der letzte Blitzmerker mitbekommen, daß die Fahrpläne für die Linien 177 und 277 maximal als Vorschlag anzusehen sind, aber keinesfalls die echten Abfahrzeiten anzeigen, nichtmal an der Starthaltestelle. Jedes Mal wieder ein Phänomen.

Während alle gebannt den Sekundenzeiger der Haltestellenuhr verfolgen oder die dunkle Straße hinunter starren, auf das ein Bus um die Ecke biegen möge, widme ich mich lieber denen, die in den Bahnhof strömen, um feiern zu fahren.

Eine Horde "Whoo-Girls", die Sorte Frau, die nach einer halben Flasche Piccolo alles und jeden mit einem kreischenden "Whoooooo!!!" abfeiert, völlig egal, ob's um ein Freigetränk, den Lieblingssong (immer Rihanna oder Beyonce!) oder um eine nicht zugeschissene Klokabine geht. Die werden die Aufrissläden mit Charts-/Schlagermucke rund um den Albersplatz besuchen. Mein Beileid.

Eine Gruppe halbstarker "Alders" und "Diggers", zumeist in Jogging-oder-GSTAR-Hose, alle aber mit Bauchtäschchen ausgestattet. Die werden ziellos die Reeperbahn und die Freiheit rauf und runter streunen, weil sie nirgendwo reingelassen werden und dabei werden sie jedes weibliche Wesen fast bespringen, das sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hat.

Drei aufgepumpte solariengebräunte Mittzwanziger in kurzärmeligen Hemden, die ihnen fast von den mit Tribaltattoos "verzierten" Bizepsen platzen, es gibt Alkopops und Whiskey/Cola aus der Dose. Und die erste Line war garantiert auch schon am Start. Einer davon war früher Kunde bei mir im Laden, er erkennt mich und zwinkert mir zu. "Digger, alles ok??" - "Ja Mann, alles gut bei mir". Er zwinkert nochmal und rotzt dann erstmal auf den Boden. Hoffentlich hat niemand gesehen, daß der mich kennt...wie peinlich! Er und seine Homies werden zuerst in nem SchickiClub feiern, auf kurz oder lang rausfliegen wegen "dies das" und dann ab in den Puff. Ich kenn seine Geschichten.

Zu guter Letzt mein Highlight: Ein Typ in neongelber Plastik-Schlaghose, Netzhemd und blondierten Spikes auf dem Kopf! Frisch aus der Anfangszeit des Techno entsprungen, großartig! Da fehlen nur noch Marusha oder Charlie Lownoise&Menthal Theo als Hintergrundmusik...ein Traum!!

Vor lauter Tagträumen bemerke ich fast gar nicht, wie der Bus, diesmal fünf Minuten zu spät, endlich an die Haltestelle rollt. Weitere zehn Minuten Wartezeit wär zuviel gewesen. Reizüberflutung. Ein anderes Mal dann wieder.

Als ich zuhaus bin, atme ich tief durch. Endlich Ruhe. Und dann über Kopfhörer ein bisschen Techno aus den 90ern. Das ist fast nie schön, aber immer wieder lustig!

Kommentare:

  1. Ich weiß nicht, was hier jetzt schon wieder los ist, ich kann aber keine Ansätze machen. Perfekt... Ich bitte vielmals, den Augenkrebs zu entschuldigen!

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  2. Deine Sätze von über 100 Wörtern tragen auch nicht gerade zur einfachen Lesbarkeit bei.

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    1. Ja, das hatte ich mir schon gedacht...das wird auch wieder anders. Aber hey, zumindest hat's nun mit den Absätzen hingehauen :)

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    2. Charlie Lownoise und der menthale Theo, meine Güte wie lang ist das her? Und wie hieß der einzige Hit von denen?

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    3. http://youtube.com/watch?v=hhf3G2CSyIw

      "Wonderful days" :) Dazu hab ich mit 15/16 abgezappelt, muss also um '94/'95 rum gewesen sein. Gute alte Zeit!

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