Mittwoch, 6. März 2013

Five minutes of fame

Ich habe vor ein paar Tagen gelesen, dass die mittägliche Talk-Show ausstirbt. Sendungen, von denen man sich wünschte, man hätte sie längst verdrängt und doch erinnert man sich noch an Namen wie Vera Int-Veen, Andreas Türck, Arabella Kiesbauer oder meinen persönlichen Favoriten Ricky Harris...was ist aus denen eigentlich geworden? Ausgewandert? Reich geheiratet? Tot? Oder einfach nur komplett in der Versenkung verschwunden? Auf jeden Fall nicht mehr auf Sendung - und das ist auch gut so.

Übrig geblieben ist nur sie: Britt Hagedorn, die weiterhin in ihrer ganz innovativ selbstbetitelten Sendung in der Mittagszeit auf - wo sonst - RTL hauptberuflich ermittelt, wer der leibliche Vater von Jennys (19) Tochter Chantal-Samantha ist: Kevin (20), Justin (18), Jeremy (17) oder doch wieder Lothar Matthäus. Ab und an werden auch mal Fremdficker enttarnt, das sind aber Ausnahmen, meist geht's aber um die neuen Väter von Jennys Kids. Oder von Nancys. Jaquelines. Und wie sie alle heißen...

Früher, vor zehn Jahren oder so, hab ich mir den Mist tatsächlich angeschaut, denn einen besseren Ego-Boost gabs ja gar nicht! Man kam frustriert von der Uni heim, hatte in der Mikrobio-VL mal wieder NULL verstanden und sah dann im TV Gestalten, die sich benahmen wie rasierte Schimpansen - was jeder Schimpanse vermutlich als Beleidigung empfände. "Es gibt sooo viele Leute, die sooo viel blöder sind als du!" war immer die Essenz solcher Talkshow-Marathons und so lief man am folgenden Tag wieder beschwingt in die Vorlesung. "Schlechter als gestern kann's nicht werden, denk immer an die Deppen im TV!" Beim Türck, bei Ricky, bei Britt.

Bei solchen Erinnerungen muss ich immer lachen. Denn ich war mal bei "Britt" in der Sendung. Nur als Zuschauer natürlich...im Publikum. Unauffällig. Hab ich gedacht.

Aufzeichnungsbeginn 16 Uhr, man soll aber, so die Ansage, gern zwei Stunden früher am Studio sein, das liegt irgendwo im Wandsbeker Niemandsland. Die Tickets haben die Jungs und ich von einer jungen Frau auf dem Hamburger Dom bekommen, da rennen immer Talkshow-Drückerkolonnen rum und casten Zuschauer.

Alle sind pünktlich, etwa 150 Menschen, alle so 18-40 etwa, ein illustrer Haufen. Der Vorraum ist rappelvoll, als ein junger Typ verkündet: "Die Bar ist jetzt offen!"

Was zur...?! Bar?!? Einige Mienen hellen sich zusehends auf.

Durch ein kleines Fenster bringen zwei Mädels Getränke an Mann und Frau. Fanta, Cola, Bier, Wein, Sekt...am frühen Nachmittag. Für lau. Man kann sich hier also knappe zwei Stunden lang für umme volllaufen lassen, bevor es dann zur Aufzeichnung geht. DAS erklärt einiges.

Wir haben uns benommen. Nicht übertrieben. Zwei, drei Bier nur. Damits nicht ganz so schlimm wird, außerdem: Man wollte ja von der Sendung noch was mitbekommen. Warum eigentlich?

Clever wie wir waren, ergatterten wir Plätze ganz außen und in der obersten Reihe der Zuschauerplätze, die mich spontan an Tribüne bei Heimspielen der angolanischen U16 im Tischkicker erinnerten. Gruselig. Zusammengezimmert aus Baustellenresten. Holzbänke, nach sieben Sekunden schmerzt bereits das Heck. Aber zumindest außer Sichtweite jeglicher Kameras. Haben wir gedacht.

Auf der Tribüne ging einiges, es waren ja fast alle angeschickert. Gekicher, Geschubse, irgendwer hatte sogar ein paar Kurze reingeschmuggelt. In der Reihe vor uns ein paar Bundis auf Freigang, die wie die Weltmeister die anwesende Damenwelt anbaggerten. Da kam es zu Dialogen...Wahnsinn!

Die Aufzeichnung beginnt, die Einpeitscher geben vor, wann man zu klatschen und sich zu freuen hat, was bereits ausführlich geübt wurde, bevor die Moderatorin die Bühne betrat. Trotzdem (oder grad deswegen?) verweigern cirka die Hälfte der Anwesenden Britt ihren Auftrittsapplaus, was sie dazu veranlasst, ihren Auftritt zu wiederholen. Jetzt klatscht fast gar keiner mehr. Das hat ja gut geklappt...

Britt verkündet das heutige Thema. Überraschung, Vaterschaftstests. Das Publikum johlt nun doch und fordert die ersten Delinquenten.

Und während die unten auf der "Bühne" abgefertigt werden, regiert in den Besucherrängen das Chaos. Vor allem ganz außen ganz oben, wo die Jungs und ich und vor uns die Bundis sitzen. Der Securitymensch, der vorher die Eintrittskarten gecheckt hatte, steht nun in der Nähe und lässt unsere Gruppe nicht aus den Augen. Die ersten beiden Notfälle sind durch, die "glücklichen Väter" stehen fest und verlassen hängenden Kopfes die Bühne.

Kumpel L. muss mal, mogelt sich an Einpeitschern und Security vorbei, denn während der Aufzeichnung darf natürlich niemand seinen Platz verlassen. Als er zurück kommt, freundlich grüßend direkt am verdatterten Sicherheitspersonal vorbei, grinst er über alle vier Backen. "War noch Rauchen und n Bier exen. Die haben da n Monitor wo die Aufzeichnung läuft. Leute, ratet mal!! Wir sind die GANZE Zeit im Bild! Immer, wenn die Britt-Trulla gefilmt wird, sitzen wir im Hintergrund! Da muss sich doch was draus machen lassen!!"

Ab da fing das Ganze dann also an, Spaß zu machen. Spontane Sitzplatz-und-Klamottenwechsel, diverse Brillen und Caps machten die Runde und die Bundis in der Reihe vor uns begannen, gegenseitig auf dem Schoß des anderen Platz zu nehmen, was leicht irritierte. Das alles entweder unbemerkt, wohl eher aber geduldet von den Verantwortlichen.

Das ganze ging dann auch so auf Sendung, zum Ausstrahlungstermin habe ich in meine Studi-WG eingeladen und bei Pizza und Bier haben sich über zwanzig Personen so großartig amüsiert, wie wohl sonst nie bei einer simplen Talkshow. Die damalige Lebensabschnittsgefährtin hat das ganze glücklicherweise aufgenommen (Videokassetten, sowas gabs damals noch!) und wir haben noch lange danach vor der Glotze gesessen und versucht, dieses Suchspiel aufzulösen. "Guck, jetzt trägt M. deine Jacke und du die von nem Bundi!" - "Ja, aber wer trägt meine Brille? Und warum sitzt L. plötzlich drei Reihen weit weg?!" Bei jedem neuen Kameraschwenk auf Britt ein neues Suchspiel im Hintergrund. War was für Rätselfans!

Mir wurde mal erzählt, Ausschnitte wären sogar bei TV Total gezeigt worden, daß kann ich aber nicht bestätigen. Aber fänd ich lustig.

Eine Freundin hat sich Jahre später im Prosecco-Räuschchen auch mal breitschlagen lassen, mit ihren Mädels dort im Publikum zu sitzen. Sie kannte natürlich die Geschichte.

Ich bekam dann eine SMS. "Hier ist bei der Bar kein Monitor, die haben dazu gelernt! Frechheit! Aber rate mal, was das Thema ist... P.S. Wir sitzen gaaaanz unten, sicher ist sicher!"

Kommentare:

  1. Ähm.. Britt Hagedorn moderiert nicht bei RTL sondern bei Sat1. So zumindest mein letzter Stand.

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    1. Mein Fehler. Recht hast Du/haben Sie! Das Niveau der Sendung ändert das aber leider nicht.

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  2. Oh je.. Wir wurden vor 10,12 Jahren auch mal von einer Talkshow-Drückerkolonne angesprochen...Ob wir nicht zu Vera am Mittag wollen... Wir haben mit einem "Das ist nicht ernst gemeint, oder?"-Grinsen abgelehnt...

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  3. Genial! Und immer wieder erstaunlich, was sich intelligente Leute so alles antun :-)

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    1. Intelligente Leute können sich dumm stellen. Andersrum wirds schon schwieriger.

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