Freitag, 1. März 2013

Nicht von Touris oder Hipstern

Gegen halb drei Uhr morgens. Eine Kneipentoilette in Prenzlauer Berg. Und ich davor. Das grauenhafte Abend"essen" bahnt sich seinen Weg in die Freiheit, äußerst widerwillig zwar, aber...lieber keine Details.

Während ich da so hocke und das einzige Männerklo dieses Ladens, der nichtmal einen Namen hat, blockiere, bollert es ab und zu an die Tür, "Eyh, mamma auf jetze!! Imussma!!" Würd ja gern öffnen, aber jetzt grad...is schlecht... "Wie zur Hölle bist du hier gelandet?" frag ich mich, während ich die gelblich-weißen Kacheln an der Wand anstarre und darauf warte, was mein Verdauungstrakt als nächste Überraschung parat hält.

Wie war denn das noch? Bruchstückhafte Gedanken...M. hat endlich Feierabend, raus aus dem Büro... Feierabendbier in der "Rumbalotte", das ging noch gut...weiter zum "Baiz", an sich ein Lieblingsplatz, scheint aber neuestens in Touri-Guides zu stehen, kein Platz, rappelvoll, alles Kacke...dann fiel M. was ein. "Ich hab in Stevensons Blog was gelesen, Kneipe, ranzig, irgendwo Knaackstraße, fahrn wa hin!"

Gute Idee, was der Stevenson auf www.kiezneurotiker.blogspot.de gut findet, das ist immer kompatibel. Fakt. Erfahrungswerte. Also ab dafür.

Dummerweise war der Schuppen aber dermaßen voll, daß M. und ich kaum noch reinpassten. So muss es in Indien sein. Rückzug.

Und nun? M. reichts. "Gehn wir eben nebenan rein, da gibt's auch Bier und inzwischen hätt ich gern eins! Außerdem regnets!"

"Sieht ja finster aus" hab ich mir noch gedacht, bevor ich die Tür geöffnet habe, "aber er hat ja Recht, Regen nervt schon, außerdem...

...ach du Scheiße, was ist DAS denn?!?"

Eng, verraucht, verbraucht (was sowohl für die Inneneinrichtung als auch das Publikum gilt), alles seltsam gelblich-düster "erleuchtet", als schaue man durch eine getönte Brille, der Mief aus kaltem Zigarettenqualm gemischt mit Bierdunst und Rotweinatem schlägt einem ins Gesicht und die zahlreich Anwesenden, meist rotnasig, bebierbaucht und allesamt schon recht angeschlagen, beäugen uns Neulinge, als wären wir Alf und E.T. höchstselbst. Das ist Absturz hier, aber mit Anlauf! Nix Touri, nix Hipster, nix Schwaben, nix Pärchenabend. Spontan muss ich an "Herr Lehmann" denken, aber das ist hier noch ne Liga weiter unten. Kurz: Wahnsinnig sympathisch!

Passenderweise ist auch nur noch Platz am Thresen und wir sitzen kaum, da haben wir schon einen neuen Freund. Detlef, Mitte 50, Vokuhila, Schnäuzer, Brille mit Goldrand, Typ Pornostar in den 70ern. Ein geiler Typ, ein Original! Im Laufe der Nacht werden wir seinen kompletten Lebenslauf erzählt bekommen, den man verfilmen sollte, davon ahnen wir allerdings noch nichts. Das neue Bier ist auch gleich da, ich nehm, dem rebellierenden Magen geschuldet, nur ein kleines, Detlef quittiert das mit einem Blick, aus dem ein bisschen Verachtung spricht.

Und dann legt er los und ist kaum noch zu stoppen. Schwere Kindheit, Jugend in der DDR, Jobverlust, Zeit im Knast, die Entwicklung in seinem Kiez am Helmholtzplatz, alles ist dabei, zwischendurch pöbelt er gegen das System, die Kanzlerin, die Kirche ("Religion ist die größte Krankheit unserer heutigen Gesellschaft!!"), er ist mit Herzblut dabei, steigert sich rein, diskutiert leidenschaftlich mit M., wird laut, entschuldigt sich tausendmal dafür, nur um zehn Sekunden später wieder an die Decke zu gehen. Wie gesagt, ein prima Kerl!

Ich hätte gern mehr zum Gespräch beigetragen, aber Magenschmerz und gute Laune krieg ich leider nicht unter einen Hut.

Während die beiden ausgiebig über Detlefs Religions-These palavern und sich fast ein bisschen in die Haare kriegen, hab ich Zeit, um mal die ganzen Charakterköpfe in diesem Gastraum anzuschauen. Spektakulär!

Am Tisch neben der Türe ein Endsechziger mit nem Kopf wie ne Bowlingkugel und ohne Hals, dafür im feinsten Ausgehzwirn. Weißes Hemd, schwarze Weste, Jackett, Fliege(!!), er scheint eher zu beobachten, trinkt nur, redet kaum, wenn eine der wenigen anwesenden Frauen vorbeikommt, steht er auf und deutet eine Verbeugung an.

Ein weißhaariger Klotz von Kerl mit einer Frisur, wie ich sie von Mönchen kenne. Kahle Platte, ringsum nackenlang. Abgefahren. Er scheint jeden zu kennen, zumindest wechselt er alle paar Minuten den Standort, textet wahllos andere Gäste voll und scheut auch nicht vor Umarmungen, was ich bitte nicht erleben möchte! Außerdem haut er sein Bierglas jedes Mal, wenn er an einem Tisch stehen bleibt, mit solchem Nachdruck auf selbigen, daß ich Angst bekomme.

Dann ist da Chuck oder so, Amerikaner, "Künstler oder sowas, hat ein Atelier", wie Detlef mit abschätzigem Blick erzählt. Chuck trägt Schiebermütze, einen dichten roten Vollbart und sein Hemd weit aufgeknöpft bis dorthin, wo der massive Bierbauch anfängt. Chuck sieht im Bauchbereich aus wie ein Heißluftballon. Und Chuck hat seinen Toy Boy dabei, Typ Latino, langhaarig, schmale Statur. Gegensätze ziehen sich an und so.

Zu guter Letzt noch ein Kerl, Alter unschätzbar, da viel zu verquollenes Gesicht gepaart mit außer Kontrolle geratener Mimik. Sechzehn Promille, Minimum. Hatte optisch was von Gollum. Mochte mich nicht leiden. Stierte in meine Richtung und der Mund formte Worte, Laute, irgendwas, die Faust ballte sich mehrmals, zur "Beruhigung" wurde ihm immer wieder neues Bier hingestellt, was er dann in schöner Regelmäßigkeit umschüttete, um dann wild gestikulierend Ersatz zu fordern.

Ich könnt noch ewig weiter machen, aber irgendwann ist's auch gut.

Die gelblich-weißen Wandkacheln fangen an zu nerven und das Bollern an der Tür wird zunehmend eindrücklicher. "Komma raus jetze, imusskaggn!! Alta!! Sollnditt?!?" Also aufraffen, dem aufgebrachten vermutlich Rotnasigen auf der anderen Seite der Tür möglichst unterwürfig begegnen - "Sorry, aber dit musste sein! Jeh bloß nie Burger anna Schönhauser fressen!...Neeh, nich dit kleene Ding anna U2-Station, hör bloß damit uff sonst schließ ick mir direkt wieda ein!!"

Noch kurz zu M. und Detlef gesetzt, dann ging's bald heim. Raus aus "Herr Lehmann", rein ins reale Berlin. Mit Touris, Hipstern und turtelnden Paaren in der Bahn. Turtelnden Touri-Hipsterpaaren.

Was Detlef wohl dazu sagen würde?

Kommentare:

  1. Is ja prima geschrieben und hat bestimmt Spaß jemacht...
    ... aber die Knaackstr. in Kreuzberg? Sach ma!

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    1. Jetzt wo du es sagst...verdammt! Peinlich, SEHR... Da hab ich irgendwas gehörig durcheinander geschmissen. Danke für den Hinweis, mal schauen, ob ich's repariert bekomme!

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  2. Ja, über die Knaackstr. bin ich auch gestolpert, ansonsten prächtiges Lesevergnügen. Wo liegen denn nun diese beiden Etablissements - das, in welches Ihr zunächst gehen wolltet bzw. der "Nachbar", der es dann wurde?

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    1. Wir wollten ursprünglich ins "Doors", laut Google Knaackstraße 84. Der namenlose Laden nebenan ist dann wohl Nummer 82. Oder 86... Machen wirs anders, wenn du vorm "Doors" stehst, ist es der Schuppen links davon. Grüß Detlef von mir! :)

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  3. Sehr schön geschriben! Kleine, feine Psychgramme. Wunderbares Lokalkolorit. War schön zu lesen, was meine Lieblingsblogger so erleben. :-)

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