Donnerstag, 8. Januar 2015

Heimatgedanken

Mit tief in den Hosentaschen vergrabenen Händen laufe ich im niedersächsischen Nichts langsam die Straße entlang, in der ich aufgewachsen bin.

Sechzehn Jahre ist es her, daß ich von hier weggegangen und in die große weite Welt weit abseits von gut behüteter Kindheit und Jugend aufgebrochen bin und während ich so laufe, sehe ich vorm inneren Auge wie den Geist bei Super Mario Kart mein Schulzeit-Ich mit den damals schon hängenden Hosen, den noch fast taufrischen Air Jordans vom letzten USA-Trip und via Discman je nach Tageslaune Radiohead oder dem Wu Tang Clan lauschend, vor mir die Straße herunter schlendern und von dem träumen, was kommt, wenn es endlich abgehauen ist aus diesem Kuhkaff, das es Heimat nennt.

Das eigene Ding machen, was war ich damals geil darauf. Auf in die Großstadt! Lieber gestern als heute.

Studieren und nebenbei richtig gut leben, feiern, reisen, rumkommen in der Welt! Ich will alles und ich will es jetzt!

Die erste eigene "Bude" war ein winziges Zimmer in einem Studi-Bunker. In Oldenburg. War ok, Großstadt wird dann irgendwann später gemacht.

Neunter Stock, linker Flur, letztes Zimmer hinten rechts. Klein aber mein und mit großartiger Aussicht über die wenigen Lichter der Stadt. Bei Gewitter nachts auf dem Schreibtisch sitzend die Beine aus dem Fenster baumeln lassen und in die Tiefe aber lieber in die Ferne schauen. Dazu ein Glas Wein.

Es gab keine eigene Küche. Kein eigenes Klo. Keine eigene Dusche. Dafür aber die Dunkelhaarige aus Stralsund, die im ersten Zimmer rechts wohnte, in die ich vom ersten Tag an ziemlich verschossen war und die später ab und zu beinebaumelnd neben mir auf dem Schreibtisch am offenen Fenster saß.

Ein Jahr später dann umziehen, ein paar hundert Meter die Straße rauf und den neunten gegen den ersten Stock, die Aussicht gegen einen begrünten Innenhof und ein winziges Einzelzimmer gegen eine hübsche kleine gemeinsame Wohnung tauschen. Mit eigener Küche, eigenem Klo und eigener Dusche.

Und mit der Dunkelhaarigen aus Stralsund, die vorher im ersten Zimmer rechts wohnte und manchmal neben mir mit mir in die Ferne schaute.

Gewollt.

Gekriegt.

Das Leben lief soweit ganz gut.

Endlich angekommen an einem Ort, an dem ich mich wohl fühlte.

Ich wollte Stadtleben erleben und Dorfleben vergessen. Und das möglichst schnell.

Ich wollte alles tun können und nichts lassen müssen.

Einfach mal loslaufen und zu weit gehen. Um dann irgendwann irgendwo anzukommen und dann was draus zu machen.

Das war damals der Plan. Einiges davon hat geklappt, anderes wiederum ist glorreich gescheitert. Unter anderem die erste ernstgemeinte Beziehung mit Stralsund. Nach hartem Kampf. Aber das ist okay.

Das Vergangenheits-Ich vor dem inneren Auge verblasst und der Spätnachmittagstraum zerploppt wie eine Seifenblase.

Ich stehe gedankenverloren auf der schmalen, mit Schlaglöchern übersäten Straße vor dem Haus meiner Eltern und muss mich kurz orientieren, während ein älterer Mann, den ich noch nie gesehen habe, sein Fahrrad geschickt um mich herum lenkt und mich dabei freundlich grüßt.

"Zuhause" in Hamburg hätte er mich angepöbelt oder hätte zumindest im Vorbeifahren den Ellenbogen ausgefahren, um ihn mir in die Rippen zu schlagen. Hier auf dem Dorf nicht. Hier grüßt er freundlich, weil er mich vermutlich aus mir unbekannten Gründen noch aus meiner Zeit als Grundschüler oder von noch früher kennt und jetzt wiedererkannt hat, denn hier in meinem Heimatdorf kennt damals wie heute jeder jeden und vergessen wird hier absolut gar nichts. Und ich mag diese Tatsache heute noch genau so wenig wie früher.

Wie oft packt Mutti noch heute Geschichten über meine Clique von damals aus, die ich längst vergessen oder erfolgreich verdrängt habe. Es gruselt mich jedes einzelne Mal. Die Wahrscheinlichkeit, daß an einem anderen Küchentisch irgendwo im Land irgendjemand Geschichten über mich erzählt, an die ich mich aus verschiedensten Gründen auch nicht mehr erinnern kann oder will, ist hoch und das Gefühl bei dem Gedanken daran ist kein gutes.

Daß Mütter ehemaliger Kumpels im Heimatdorf heutzutage am Kaffeetisch noch Geschichten über mich erzählen, ist allerdings nahezu ausgeschlossen, denn sämtliche Mitglieder meiner früheren Clique sind inzwischen weggezogen und ihre Familien bis auf eine Ausnahme auch.

Ich habe hier keine partners in crime mehr, mit denen ich gemeinsame Erinnerungen teilen könnte, einer der Gründe, warum ich im Normalfall nur noch ein Mal im Jahr über Weihnachten nach Hause aufs Dorf fahre und es dort dann auch nie länger als drei Tage aushalte. Das klingt hart, ist aber so.

Ich schaue auf das Haus gegenüber meines Elternhauses und erinnere mich daran, daß früher von drüben immer Lärm zu hören war. Sägen, Hämmern, lautes Geröhre aus defekten Auspufftöpfen. Mein Nachbar Hubert war eine coole Sau, ein absoluter Sympath, ein begnadeter Handwerker und Bastler, ich weiß nicht, wieviele ferngesteuerte Autos er in meiner Kindheit für mich repariert hat, nachdem ich sie buchstäblich vor die Wand gefahren hatte. Er hat jeden Totalschaden wieder hinbekommen.

Er hatte einen riesengroßen Jagdhund-Mischling, der aufs Wort hörte. Eine handzahme hüfthohe Bestie, die einen vor lauter Freude vollsabberte, wenn man sie streichelte. Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen, aber ich weiß leider noch genau, wie ich vor Schreck laut gequiekt habe, als dieses riesige Tier zum ersten Mal an mir hoch sprang, um mir mit der Zunge quer durchs Gesicht zu schlecken. Das werde ich nie vergessen. Und ich war da nicht mehr erst elf...

Der Hund ist schon lange tot und vor drei Jahren ist mein Nachbar vorm Fernseher eingeschlafen und einfach nicht mehr aufgewacht. Mit Anfang fünfzig. Seine junge Tochter hat ihn am nächsten Morgen vorm Schulbeginn gefunden.

Irgendwas läuft falsch.

Ich drehe mich mit einem schweren Gefühl im Magen nach rechts um, gehe ein paar Schritte und schaue auf der anderen Seite der kleinen Kreuzung auf einen ausgedehnten Garten mit Goldfischteich und einem kleinen hölzernen Gartenhaus.

In der Einfahrt steht ein grüner Kleinwagen mit Initialen-Kennzeichen. Die ältere Tochter des drüben wohnenden alt-hippiesquen Lehrerpaares ist zu Besuch.

Ich war ihre erste große Liebe und das hat sie mir damals, mutig wie sie war, auch gesagt. Sie war fünfzehn, ich siebzehn. Ich fand sie ganz hübsch und nett, mehr aber dann auch nicht.

Das anständig rüberzubringen habe ich vollkommen verkackt. Hab das rausgehauen wie mit einer Abrissbirne. Voll auf die Fresse. "Du? Ich? Wir? Zusammen?? Im Ernst??" Irgendwie so. Ich weiß es nicht mehr. Nur noch, daß sie am Ende geweint und ich von der Situation überfordert gelacht habe. Es war schlimm. Ziemlich ziemlich schlimm.

Das ich Tage später auf einer Party mit ihrer besten Freundin abgestürzt bin, wird ihr sicherlich auch nicht besonders geholfen haben... Wir haben danach nie wieder ein Wort miteinander gewechselt.

"Wie sie wohl reagieren würde, wenn sie mich jetzt auf der Straße stehen sähe?" denke ich mir. Möglichkeiten gibt es viele, von durch Weitergabe der Hippie-Gene begründete Tiefenentspanntheit bis hin zu wildem Furor, der durch mein damaliges neanderthalerähnliches Verhalten durchaus begründbar in meiner sofortigen Entmannung endet, ist alles dabei. Ich möchte lieber nichts herausfordern.

Ich laufe ein paar Meter die Straße hinunter. Rechts vor einer Doppelhaushälfte parkt ein Familien-Van. Mit "Kackblag mit gewollt intellektuellem Mittelschichtennamen an Bord"-Aufkleber auf der Heckscheibe. Jan-Marten oder sowas. Kai-Christopher. Sowas. Als Rufname. Auf dem Dorf schämt man sich für so etwas noch nicht. In Hamburg hätte die Karre längst irgendwer abgefackelt. Nur des Aufklebers wegen.

Früher stand auf dem Stellplatz ein uralter rostiger Golf 1, rot mit blauem Kotflügel vorn rechts. Die Karre gehörte "Schwien", dem mit Abstand Beklopptesten aus unserer Clique. Seine Haarfarbe wechselte alle drei Wochen, sein Lippenpiercing hatte er sich im Suff selbst gestochen, er hatte warum auch immer im fliegenden Wechsel die hübschesten Mädels aus dem Umkreis von mehreren Kilometern an seiner Seite und als er endlich achtzehn war und ein Auto - den gammligen Golf - besaß, war er innerhalb kürzester Zeit der Don und kontrollierte eine ganze Weile lang alles, was in unserem und den umliegenden Dörfern mit Mary-Juana und ähnlichen Stöffchen zu tun hatte.

Den Golf hatte er zur absoluten Schmugglerkutsche umgebaut, der Wagen war dank zugute des Stauraums ausgebauter Innenauskleidungen und anderer Anpassungen nichtmal mehr ansatzweise verkehrssicher, das hat damals auf den Fahrten in die Stamm-Disse oder über die Grenze in die Niederlande aber keinen aus unserer Clique großartig geschert. "Schwien" hatte immer Geld und warf es großzügig durch die Gegend. Fuffis im Club und so. Hinterfragt hat das keiner von uns. Warum auch, woher die Kohle kam wusste eh jeder, "Schwien" teilte gern und wir hatten alle was von seinem "Erfolg". Und auch ohne die Moneten wäre "Schwien" immer einer von uns gewesen, das war eh klar.

Inzwischen ist er im bürgerlichen Leben angekommen und leitet erfolgreich ein Architekturbüro im Ruhrpott. Komplett mit Familie, Reihenhaus und Parzelle in der Kleingartensiedlung. Vermutlich auch mit wehender Deutschland-Fahne neben dem Gartenhaus. Das war damals nun wirklich nicht abzusehen und allein der Gedanke daran ist irritierend und gruselig. Wenn ich an "Schwien" denke, sehe ich immer noch den bunthaarigen Teenager vor mir, der am Steuer eines mit sieben Personen vollkommen überbesetzten altersschwachen VW Golf sitzt, sein Bier ext und mit uns anderen im Chor "Deutschland has gotta die!" gröhlt, während wir zum Atari Teenage Riot-Konzert in der nächstgrößeren Stadt fahren. Die gute alte Zeit.

Jetzt also Leiter eines Architekturbüros. Wahrscheinlich mit Schlips und Anzug und so. Verrückt wie es manchmal so läuft.

Wieder ein paar Meter weiter schlurfe ich die Straße hoch und schaue links von mir auf einen großen Wintergarten und einen vollkommen neu herausgeputzten Bungalow, in dem früher die Familie eines anderen sehr guten Freundes lebte. Er war ein paar Jahre jünger als ich, aber trotzdem neben meinem damals besten Freund der erste zu dem ich ging, wenn ich Probleme jeglicher Art hatte.

Ein toller Kerl, immer ein offenes Ohr, sehr besonnen, trotzdem für jeden Scheiß zu haben und immer mittendrin bei jeder einzelnen Wahnsinnstat unserer Clique. Und davon gab es viele.

In T.'s familieneigenem Partykeller fanden regelmäßig wildeste Parties statt, ein Mal an Silvester haben wir die Sauna innen rot gestrichen.

Komplett.

Mit Tomatenketchup.

Ein anderes Mal ging ein Sessel in Flammen auf, als "Schwien" eine Sportzigarette entzündete. Ich weiß bis heute nicht, wie das genau passieren konnte, gelöscht haben wir aber mit dem Gartenschlauch, sodass danach der halbe Keller unter Wasser stand. Und was ein angeschlossener Gartenschlauch in einem Partykeller zu suchen hat, selbst wenn er in dem Moment ein Geschenk des Himmels war, ist mir immer noch vollkommen schleierhaft.

T.'s Eltern nahmen die Überflutung relativ entspannt hin, vermutlich waren sie froh, daß wir nicht das komplette Haus abgefackelt hatten. Allerdings war diese Party auch unsere letzte dort. Es mag da Zusammenhänge geben, sie wurden nur nie ausgesprochen.

T.'s zwei Jahre ältere Schwester war meine damals beste Freundin, sie hat sich einen Tag nach ihrem achtzehnten Geburtstag, als sie dann endlich durfte, einen riesengroßen Drachen in furchtbarster Qualität über ihren kompletten Rücken stechen lassen, heutzutage sticht den jeder Knast-Tätowierer auf Crack in einer dunklen Arrestzelle besser, aber damals im niedersächsischen Nichts war das vermutlich kaum hübscher hinzubekommen. Sie war darauf stolz wie Oscar und ich habe einfach mal zugestimmt. Wie man das halt als Kerl so tut. "Ja, sieht klasse aus. Nein, macht dich nicht fett!"

Ich überlege, wie es wohl wäre, T.'s große Schwester mal wieder zu treffen. Kack-Tattoo hin oder her, in den ganzen bestfreundschaftlichen Jahren haben wir nicht nur ein Mal auf Parties oder den damals wie heute in der heimatlichen Einöde äußerst angesagten Schützenfesten oder Scheunenfeiern vorgegeben, ein Paar zu sein, um den jeweils anderen vor ungewollten Anbaggerversuchen zu bewahren. Händchen halten war in solchen Momenten Standard und selbst ein lapidarer Kuss, um zu beweisen "Ja, ich mein das ernst, das ist wirklich mein Mädchen/mein Kerl!" war kein Thema und es wurde uns auch fast jedes Mal als real abgekauft.

Küssen hatten wir zum Glück schon seit jungen Jahren gemeinsam geübt. Ausgiebigst. Ohne jegliche Hintergedanken sondern für eben solche Fälle.Wenn's mal gebraucht wird. Man denkt ja mit.

Vermutlich war da die ganze Zeit nicht nur von meiner Seite aus mehr im Spiel als nur albernes "küssen üben" und Händchen halten, nur kam zumindest mir Depp das damals nie in den Sinn.

Ich vermeide einen Seufzer und während ich das tue, trete ich beim Weitergehen nach ein paar Metern in eine tiefe Pfütze, die vom letzten Regenguss übrig geblieben ist und augenblicklich läuft mir das kalte Regenwasser in den Schuh.

Ich fluche laut, was den Köter auf dem Grundstück neben mir laut kläffend auf den Plan ruft. Ich versuche abwechselnd, mich und die Töle zum Wohle aller Anwohner zu beruhigen, doch beides misslingt. Der Kläffer kläfft, ich motze und fluche, wir schaukeln uns gegenseitig hoch. Ein verdammter Teufelskreis.

So verpasse ich beinahe, daß ich am Haus meines damals absoluten Erzfeindes vorbeilaufe. Ob des nassen Fußes eher vorbeihinke.

Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, schaue so böse es eben geht (da liefert der nasse Schuh gute Hilfestellung) und versuche mich zu erinnern, warum der Typ nochmal mein Erzfeind war - aber ich komme nicht mehr darauf. Nicht mal sein Name fällt mir noch ein.

Solche Jugendfehden sind, wenn man sie zwanzig Jahre später erneut und ernsthaft betrachtet, dann doch eher meist albern. Früher haben wir uns fast täglich die übelsten Dinge an den Kopf geworfen und nicht nur ein Mal floss Blut. Sich aus dem Weg zu gehen ist in so einer kleinen Dorfgemeinschaft nicht einfach, schon gar nicht, wenn man auch noch in der gleichen Straße wohnt - wir haben es aber auch nie wirklich probiert. Das gehörte zum Alltag dazu. Schule, Hausaufgaben, Training, die Clique treffen und irgendwo zwischendrin den Erzfeind anpöbeln. Ansonsten fehlte was. Und heute weiß ich nichtmal mehr, wie der Typ überhaupt hieß. Lustig.

Der "wahre Feind", so es denn überhaupt einen gibt abseits irgendwelcher Schlipsträger in gehobenen Ämtern, die einem ohne mit der Wimper zu zucken das freie Leben beschneiden, wohnt dann wohl doch eher in Form eines unter Ausfall seines schlecht blondierten Haares leidenden und ballonseidene Sportjacken tragendenden fast schon bemitleidenswerten Unterdurchschnitts-Nazis, der sich beim Rezitieren irgendwo aufgeschnappter Hetzparolen durch seine feuchte Aussprache hervorhebt, in der Etage unter mir. Und selbst der ist, wenn man es genauer betrachtet, nur ein armes Schwein, das an seiner eigenen Existenz vermutlich schon selbst mehr als genug zu knabbern hat.

Ich könnte jetzt auf der heimischen Straße nach links in eine Sackgasse abbiegen, an deren Ende noch immer die Eltern eines ehemaligen Weggefährten wohnen, ich lasse das aber sein, denn gemocht habe ich diese Eltern nie. Sie war/ist eine fanatische, fast schon radikale Katholikin und er stolperte gern mal rein zufällig ins Badezimmer, wenn eine Freundin der Tochter oder eine der immer wieder mit Kusshand aufgenommenen Austauschschülerinnen aus fremden Landen grad die Toilette benutzte oder unter der Dusche stand.

Gruselige Menschen. Ich versuche heute, jeden Kontakt so gut es geht zu vermeiden und laufe daher einfach geradeaus weiter.

Da kommt dann lange nichts außer Einfamilienhaus mit sauberem Vorgarten neben Einfamilienhaus mit sauberem Vorgarten. Fast schon steril. Das war früher schon so und das ist heute immer noch so, nur die damals schon sehr wenigen Kontrastpunkte, die Jugendlichen, die dagegen waren, sich gegen den Status Quo stellten und zumindest ein bisschen rebellierten, die das Gesamtbild aufpeppten, anpissten und durcheinanderbrachten - die sind nun komplett verschwunden.

Das waren damals wir, bunte Haare, hängende Hosen und entsprechende nicht massenkompatible Musik haben im Heimatdorf vollkommen ausgereicht, um die Dorfgemeinschaft nachhaltig zu verstören und aufzurühren.

Nirvana, Atari Teenage Riot und Rage against the machine statt 2unlimited, Whigfield und Haddaway. Ausgewaschene Bandshirts statt extrem angesagter Marken-Trainingsjacken. Wildwuchs auf dem Kopf statt in Form gegelte Raverdeppenfrisuren.

Wir waren die Außenseiter damals und deswegen wollte uns auch ständig irgendwer auf die Fresse hauen.

Ich muss grinsen als ich weiter laufe, denn diese Geschichten endeten extrem selten tatsächlich in wirklichen Hauereien, da die, die große Fressen hatten, bei reellen Konfrontationen meist dann doch zurückzogen. Und wenn es doch mal zum Schlagabtausch kam, hat sich unsere kleine Truppe immer wacker gehalten. Allerdings hatten wir - und da hatten wir verdammtes Glück - auch die beiden absolut größten Kanten des Dorfes auf unserer Seite. Ansonsten hätten wir sicher deutlich öfter Dresche bezogen und das nicht zu knapp.

Wobei man das mit den heutigen Zuständen natürlich längst nicht mehr vergleichen kann. Damals ging es immer nur eins gegen eins und es war Schluss, wenn einer nicht mehr konnte, wollte oder liegen blieb. In dem Fall wurde auf Siegerseite kurz herumgeposed und dann wurde wenn nötig dem Unterlegenen wieder auf die Beine geholfen. Die Geschichte war dann ja geklärt.

Ich will das nicht schön reden, sich gegenseitig die Fresse zu polieren ist nie gut gewesen. Aber damals hielt man sich an die ungeschriebenen Regeln. Die kennt man heute scheinbar gar nicht mehr und haut weiter drauf und tritt weiter rein wenn einer längst wehrlos auf dem Boden liegt. Gern auch zu zweit, zu dritt, zu viert...

Wie das oft endet, liest man fast jeden Tag in den Medien. Eine ekelhafte und schlimme Entwicklung, die inzwischen meist damit "entschuldigt" wird, daß "die Ehre" verteidigt oder wiederhergestellt werden "musste".

Jegliche "Ehre" ist, so sie denn überhaupt mal vorhanden war, ab dem Moment Geschichte und hinfällig, in dem einem auf dem Boden liegenden noch in den Magen oder gegen den Kopf getreten wird.

Wäre "Ehre" nicht nur ein Gedankenkonstrukt sondern etwas real Existierendes, es würde vor solchen Schlägern hämisch auf und ab tanzen, laut lachen und irgendwelche vollkommen angebrachten Witze über kleine Schwänze reißen.

...

Ich muss lachen und verschlucke mich dabei. Ich stelle mir "Ehre" als kleinen Kobold mit Cowboy-Hut vor, der zu einem irren Stakatto-Rhythmus herumspringt und dabei üble Beleidigungen in wahllose, meist aber richtige Richtungen ausstößt. Eine Vorstellung, die mir gefällt.

Zu meiner Rechten taucht das Haus auf, in dem früher mein damals allerbester Kumpel gewohnt hat.

Wir haben jede freie Minute miteinander verbracht, haben uns alles, wirklich alles erzählt, was uns auf der Seele brannte, von der Grundschule bis zu meinem Weggang aus dem Heimatdorf nach dem Abitur waren wir fast untrennbar und in gewisser Weise der Kern unserer Clique.

Ein prägender Teil meiner Jugend hat sich in diesem Haus beziehungsweise in der von seinem Vater selbstgebauten Holzgarage mit dem Basketballkorb daran abgespielt.

Zum Bolzen ging es zwar immer durch ein Loch im Zaun auf den örtlichen Sportplatz und zum Videospiele zocken hockten wir bei mir zuhaus vor der Konsole, ansonsten war K.'s Haus der Mittelpunkt und Haupttreffpunkt unserer Clique.

Ich verbinde so viele und zum großen Teil positive Erinnerungen mit diesem Haus und als ich davor stehe, kommen sie alle wieder hoch.

Ich erinnere mich an K.'s Vater, einen kleinen lustigen Mann mit Halbglatze und formidablem Musikgeschmack. Er lieh mir mit den Worten "Ich verspreche, das wird dir gefallen!" das Album "Pablo Honey" von Radiohead. Es gehört seitdem zu meinen absoluten Favoriten und "Creep" ist die unangefochtene Nummer eins auf meinen persönlichen Top-Charts.

K.'s Mutter war auch eine tolle Person, allerdings wundert es mich wenig, daß K.'s Daddy sie nur selten in seine Schatzkammer gelassen hat. Sie war extrem feministisch eingestellt, allerdings auf so ulkige Art, daß man es beim besten Willen nicht ernstnehmen konnte. Ein Mal hat sie in unserem Dorf eine Demo organisiert, weil sie im TV gesehen hatte, daß Frauen in irgendeinem afrikanischen Dritte-Welt-Land barfuß herum liefen. Und ihr größter Wunsch war nun, diesen Frauen Schuhwerk zu ermöglichen. Dafür hat sie auf der Demo auf dem Marktplatz unseres kleinen Dorfes zusammen mit der einzigen anderen Teilnehmerin der Demo - ihrer besten Freundin - tatsächlich mehrere Stunden barfuß herumgestanden und Singsangs skandiert. Die paar Mark, die zusammengekommen sind, hat sie auch tatsächlich gen Afrika gespendet und das haben wir ihr alle hoch angerechnet, wir haben sogar selbst jeder ein bisschen gegeben.

Das im betreffenden Land die Schuhlosigkeit dank extremer Armut und Bürgerkrieg wohl die geringste Sorge der im TV gezeigten Frauen gewesen sein wird, ist an K.'s Mutti leider komplett vorbei gegangen.

Auch wenn ich beim Gedanken daran immer wieder lachen muss - es wäre wohl nicht schlecht, wenn es mehr Menschen wie K.'s Mutter gäbe, die handeln anstatt nur zu reden. Selbst wenn es aus eher sinnfreiem Anlass ist. Auch wenn wir K.'s Mutter damals heimlich ausgelacht haben, war uns doch klar, daß es wichtig ist, was sie da tut. Nur hätte man es noch optimieren können. Aber zuerst zählt ja der Wille.

Es fängt wieder an zu regnen, ich ziehe mir die Kapuze über den Kopf und suche Schutz unter der großen Eiche gegenüber vom ehemaligen Haus meines ehemals besten Freundes.

An der jetzt ausgebauten hölzernen Garage hängt immer noch ein Basketballkorb, es ist nicht mehr der, auf den wir früher gespielt haben, der wurde mal '97 auf einer Party aus der hölzernen Wand gerissen, trotzdem sehe ich uns vorm inneren Auge dort auf dem Innenhof gegeneinander zocken. Drei gegen drei und trotz engster Freundschaft ohne Rücksicht auf Verluste. "Schwien" hat dabei mal zwei Zähne verloren und K. brach sich einen Finger. Unsere Liga-Spiele waren dagegen der reinste Kindergarten.

Ich erinnere mich noch, wie irgendwann '94 oder '95 während wir zockten alle zehn Minuten drei Mädels am Grundstück vorbei liefen und uns mehr oder weniger offensichtlich beobachteten. Das ging tagelang so und am vierten Tag nahm mein bester Freund mich zur Seite und sagte "Die da links mit den dunklen Locken find ich klasse. Wer weiß, vielleicht heirate ich die irgendwann!"

Mit fünfzehn oder sechzehn klingt das albern, er meinte das aber vollkommen ernst. Er war so einer.

Und er hat es auch fast geschafft, ab der Woche danach waren die beiden acht Jahre lang ein Paar und bereits verlobt.

Dann hat er es sich doch anders überlegt.

Es wäre auch zu romantisch gewesen. Und wer mag schon Happy-Ends...

Es schüttet wie aus Eimern und ich stehe inzwischen klatschnass unter der großen Eiche und wäre gern wieder ein Teenager zu Schulzeiten. Im Heimatdorf. Mit diesen fantastischen Freunden um mich herum. Mit diesem fantastischen Leben, das ich damals überhaupt nicht richtig zu schätzen wusste.

Wenn ich zurückreisen könnte, dann würde ich das sehr wahrscheinlich tun und auf meinem Lebensweg ein paar andere Abzweigungen wählen. Viele andere sogar. Nur die, die mich zu für mich heute wichtigen Menschen geführt haben, würde ich beibehalten. Ansonsten: Restart.

Wer weiß, wo ich dann ankommen würde? Ein irgendwie spannender Gedanke...

Es beginnt zu donnern und zu blitzen. Eichen soll man weichen.

Zuhause fragt Mutti, was ich denn in den letzten Stunden getan hätte.

"Nachgedacht" antworte ich. "Ich hab nur ein bisschen nachgedacht."

Kommentare:

  1. Schöner text, habe ich gern gelesen, danke.

    Turn the light out, say goodnight
    No thinking for a little while. (Fake Empire)

    oblomow

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  2. Wow, toller Text. Ich kenn das Gefühl, ich bin auch vom sehr sehr ländlichen Land nach Hamburg gezogen. Allerdings hab ich nicht ganz so wilde Zeiten aufm Dorf erlebt, die kamen dann eher danach, als ich schon in HH wohnte. Auch im Studentenschließfach. Wenn ich durchs elterliche Kaff gehe, seh ich zwar auch ein paar Häuser von Schulfreunden, aber die meiste Zeit hab ich damals doch zu Hause verbracht, mit Büchern oder vorm PC.
    Ist immer irgendwie seltsam, wieder zurück zu sein, oder? Ich fahr auch nur noch einmal im Jahr zu Weihnachten hin.
    Wie gesagt, sehr schöner Text. Man konnte sozusagen mitspazieren.

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  3. Schöner gefühlvoller Text, der eine oder andere Satz vielleicht ein bißchen zu verschachtelt...
    Passt zu den beiden Büchern, die ich zur Zeit goutiere:
    Fil: Pullern im stehen
    Heinz Strunk: Junge rettet Freund aus Teich
    (H. Strunk kommt übrigens auch aus deiner Gegend, dürfte aber etwas älter sein)

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    1. Danke für das Kompliment Harri und entschuldige die späte Antwort. Hab's schlicht vergessen. Mea maxima culpa.

      Verschachtelte Sätze liebe ich, die werden wohl noch öfter auftauchen. Und Heinz Strunk ist tatsächlich ein paar Jahre älter als ich. Weiß gar nicht genau, wie alt er ist. Aber so sieben bis zehn Jahre werden's sein. Hab ihn mal getroffen bei ner "Die Partei"-Veranstaltung, echt n guter Typ!

      Schönen Start in die Woche!

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