Dienstag, 7. Oktober 2014

Peter

Peter ist ein Unikat und gehört zum Inventar meiner Nachbarschaft, er gehört hier dazu wie die Rotklinkerbauten zu Barmbek-Nord, die Containerbrücken zum Hafen oder die bunten Neonlichter zur Reeperbahn.

Er sitzt seit Jahr und Tag am späten Nachmittag vor dem Kiosk in meiner Straße und trinkt sein verdientes Feierabendbier. Manchmal werden es zwei, manchmal auch drei, je nachdem, wer ihm Gesellschaft leistet.

Zum Bier raucht er ein paar Zigaretten und erzählt mit tiefer sehr rauer Stimme von seinem Arbeitstag oder über seinen Verein oder über Gott und die Welt.

Oder er hört seinen Freunden und Bekannten, die mit ihm dort sitzen, dabei zu, wie sie ihre Alltagsgeschichten erzählen.

Er sitzt immer auf dem gleichen Platz, sein weißer Gartenstuhl aus Plastik steht immer mittig vor der Schaufensterscheibe des Kioskes, sodass er im Blick hat, was auf der kleinen Straße vor ihm passiert. Die Auslage im Schaufenster in seinem Rücken muss er nicht im Blick haben, die hat sich seit Ewigkeiten nicht verändert.

Meist trägt Peter dabei seine grell orangefarbene Müllmannsuniform, denn bevor es nach dem Knochenjob heim in seine kleine Wohnung geht, ist das alltägliche Treffen vorm Kiosk Tradition und Traditionen muss man pflegen.

Peter pflegt diese Tradition sehr und das tägliche Treffen ist ihm wichtig.

Er ist Mitte oder Ende fünfzig, so genau weiß ich das nicht und er ist ein Hüne, breite Schultern, sonnengegerbtes Gesicht, verblasste Tätowierungen aus seiner früheren Zeit als Hafenarbeiter auf den Armen. Und dazu diese fast unnatürlich raue Stimme, die wie Schmirgelpapier das Trommelfell bearbeitet und Spuren hinterlässt.

Ich kenne Peter nicht allzu gut, wir grüßen uns jedes Mal freundlich, wenn wir uns auf der Straße begegnen und einige wenige Male habe ich auch mit in der Runde vorm Kiosk gesessen, ein Bier getrunken und habe seinen Erzählungen und denen der anderen gelauscht. Aber das ist lange her.

In der vergangenen Woche habe ich Peter wieder in seiner Uniform Richtung Kiosk laufen sehen.

Es war das letzte Mal, daß ich das beobachten konnte, aber das wusste ich da noch nicht. Als ich ihn zu seiner alltäglichen Tradition aufbrechen sah, musste ich lächeln.

Etwa eine Stunde später ist Peter gestorben.

Im Kreise seiner Freunde und Bekannten vor dem Kiosk.

Er ist einfach auf seinem Stuhl zusammengesackt. Ohne das es sich angekündigt hat.

Die herbeigerufenen Sanitäter konnten nichts mehr tun, es ist sehr schnell gegangen, wie als wenn man den Lichtschalter umlegt.

Klick.

Ende.

...

Da wo Peter immer gesessen hat, brennen jetzt Kerzen und Grablichter und da liegen eine Menge Blumen. Jemand hat eine Halbliterflasche Holsten dazu gestellt, das Bier hat Peter am liebsten getrunken.

Seine Freunde haben einige handgeschriebene Nachrichten hinterlassen. Letzte Grüße, gute Wünsche für die letzte Reise und all das.

Ein Foto von Peter gibt es nicht, denn jeder in der Nachbarschaft weiß, an wen die Blumen und die Kerzen erinnern. Dazu braucht es kein Foto.

Auf dem Heimweg nach einem tollen Abend habe ich mir Donnerstag Nacht ein paar Momente Zeit genommen und mich zu den Kerzen und Blumen und Briefen gesetzt, um mich ein wenig zu erinnern und das fühlte sich richtig an.

Ich habe Peter leider nicht wirklich gut gekannt aber ich habe ihn gemocht. Er war ein außergewöhnlicher Mensch.

Mach's gut Nachbar. Und finde dir einen neuen kleinen Ort mit Plastikstuhl und ner Buddel Holsten, wo auch immer du jetzt sein magst.

In unserem Kiez wirst du fehlen, soviel steht fest.

Kommentare:

  1. Ein schöner, herzlicher Kommentar. Danke! Und unbekannterweise ein "Ruhe wohl!" an Peter.

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