Freitag, 12. September 2014

It's so Berlin!

"Oh my god, that's so Berlin!!"

Die fremdsprachige Touristin juchzt der scheinbar nicht ihrer Sprache mächtigen Freundin das zu und klatscht dabei begeistert in die Hände. Ihre Freundin nickt zustimmend und schießt das sechsundzwanzigste Foto von dem jungen Kerl, der vor uns auf einer kleinen Bühne steht und einer Gitarre und einem Synthesizer schräge Töne entlockt, die theoretisch gar nicht zusammen passen können, es aber zu meinen großen Erstaunen trotzdem irgendwie tuen und das gar nicht mal so schlecht.

Nach zwei oder drei Bier und mit viel Fantasie durchaus tanzbar.

An die Wand im Rücken des Musikers werden derweil abstrakte Szenen in verpixeltem schwarz-weiß projeziert, wahrscheinlich irgendein Kunstprojekt irgendeiner sich hier selbst verwirklichenden Mittdreißigerin mit Hippie-Genen, die Anzahl der Semester ihrer Studiengänge, Kunst und Psychologie wenn ich raten müsste, dürfte schon vor Ewigkeiten die Grenze zur Zweistelligkeit überschritten haben.

Kann passieren, daß das Studium sich zieht und zieht und kein Ende findet. Man hat halt nebenbei viel zu tun.

Shirts bebatiken, Bäume umarmen, Farben schmecken, wenn's zeitlich passt bestenfalls auch noch mal eben kurz die Welt retten wie Tim Bendzko, der meinem Bild einer hippiesquen Mittdreißigerin so gut entspricht wie kaum jemand anderes, den ich kenne. Es hält einen halt viel ab vom Studieren. Ich spreche da aus Erfahrung.

Die Gute hier, die da mit dem Kopf im Takt wippend im Schneidersitz neben der Bühne hockt und via Laptop das Kunst-Gedöns im Hintergrund choreografiert, hat es geschafft. Ein weiteres Etappenziel im Leben ist erreicht, ein weiterer Haken auf der "to do in life"-Liste ist gesetzt.

Eigenes Kunstprojekt im öffentlichen Raum: Check.

Beleuchtet wird die ganze Szenerie in knallig rot, was kombiniert mit dem schwarz-weißen Hintergrundgeschehen und der merkwürdigen und ungeahnt eingängigen Beschallung zugegebenermaßen ziemlich cool rüberkommt.

Auch wenn ich mitten in der Zentrale von Hipstertown stehe, gefällt es mir hier sehr gut.

Oh my god, that's so Berlin!!

Ist es aber gar nicht. Ätsch.

Ich stehe mitten in Hamburg auf dem Straßenfest in der Augustenpassage, einer kleinen Kopfsteinpflastergasse, die die Schanzenstraße mit der Sternstraße verbindet. Die Augustenpassage ist quasi eine direkte Querverbindung von meiner einen Lieblingsbar bis fast genau vor die Tür meiner anderen. Nützlich, sowas!

Außerdem war die Augustenpassage vor einigen Monaten mal in den regionalen Medien, weil irgendein geldgeiler Vermieter dort ein winziges Zimmer im Untergeschoss mit winzigem Kellerfenster für einen Quadratmeterpreis von - wenn ich mich richtig erinnere - irgendwas um und bei dreißig Euro ausgeschrieben hatte, was so wahnwitzig übertrieben ist, daß man fast schon darüber lachen muss.

Das Tragische ist ja: Vermutlich hat das sogar funktioniert und irgendjemand zahlt tatsächlich diese Unsumme für das alberne Kellerloch.

Vielleicht der Langhaarige, der mir am Stand ein Bier verkaufte. Vielleicht die Blonde, die so einnehmend lächelte, als unsere Blicke sich im Vorbeilaufen zufällig trafen. Vielleicht der Schwitzende im Parka, der mir auf den Fuß getreten ist und sich nicht entschuldigt hat, der Arsch.

Vielleicht ist die Person aber auch gar nicht am Start, weil sie Kohle für die Miete eintreiben muss und deswegen in irgendeiner Ecke dieser Stadt Drogen oder ihren Körper verkauft.

Man weiß es nicht und vielleicht will man es lieber auch gar nicht wissen.

Auf der Bühne geht es dem Ende entgegen und deswegen davor nochmal ordentlich ab.

Die Dreadlocks und die Jutebeutel schwingen im Takt der Bässe, volltätowierte Extremitäten fliegen durch die Luft und ich stehe ohne Dreadlocks, Jutebeutel und Tattoos als Randgruppe mittendrin und freue mich.

Lustigerweise gibt es hier kein Gerempel, es wird Abstand voneinander gehalten und so macht jeder auf seinem kleinen Teil der improvisierten Tanzfläche sein Ding, eine Koexistenz, die mir absolut imponiert.

Einzig ein eindeutig Besoffener stört die allgemeine Entspanntheit, indem er eine, die nur tanzen möchte, immer wieder bedrängt und so vertraut wie möglich tuend ihre Schulter oder ihren Arm betatscht, während sie vor ihm zurückweicht.

Das tut er solange, bis sich eine volltätowierte Schrankwand vor ihm aufbaut und mal freundlich aber bestimmt nachfragt, was er da eigentlich macht.

Der Suffi schaut kurz entgeistert und geht dann flitzen, die Schrankwand schlendert zurück zu ihrer Gang und die Tänzerin wirkt zunächst verwundert, dann freut sie sich einen Keks und hat ab da wieder gute Laune.

Ihre Freundin reckt den Daumen in Richtung des fleischgewordenen Schrankes und der zwinkert verschmitzt zurück.

Man passt hier ein wenig aufeinander auf und ich finde das klasse.

Das Bühnenprogramm ist beendet, aber von anderswo hört man noch Musik.

Gute, weil laute elektronische.

Ich laufe die Gasse hinunter und bin inzwischen froh, zufällig über dieses Fest gestolpert zu sein.

Ursprünglich wollte ich nur entspannt durchs Schanzenviertel laufen, da mir zuhause das Dach auf den Kopf fiel und im Fernsehen nur Schwund lief...Klaas Heufer-Einlauf, der sich von einem Hai beißen lässt, halleluja! Das hat mein Leben bereichert. Ich bin mir nur nicht sicher wie.

Spätestens danach war mir klar, daß ich raus aus der Wohnung muss.

Und einige Zeit später laufe ich durch ein Szenario, aus dem von allen Seiten Eindrücke auf mich einprasseln, hier ein leichter Schubs, dort ein Lächeln, hier fröhliches Gejohle, dort schöne Augen, da blitzende Lichter und wenige Meter weiter komplette Dunkelheit. Und dazu wummert der Bass im Magen.

Oh my god, that's so Berlin!

Vielleicht ist das gar nicht so falsch, Hamburg hat einiges, das die Hauptstadt nicht bieten kann, man denke nur an den Hafen - was Straßenfeste, Strassenmusik oder generell Strassenkunst angeht, bleibt aber doch nur der zweite Platz auf meinem persönlichen Treppchen.

Eine der Ausnahmen ist dann wohl dieses "Passagenfest", auf dem ich mich, ich mag es kaum aussprechen, tatsächlich wohl fühle und Spaß habe.

Mein Bier ist leer und die Quelle der elektronischen Musik nah. Rund um einen Getränkewagen drängt und tanzt das feiernde Volk, als ich mich annähere, baut sich vor mir einer auf und unterbricht den Strom derer, die vorbeilaufen wollen.

"Hier geht's nicht weiter, wir tanzen hier!", er deutet dabei auf ein Paar, das hinter ihm auf einer Treppe hockt und ziemlich fertig aussieht.

Ich schaue die beiden an, ich schaue ihn an, abgesehen vom roten Rauschebart sieht er normal aus.

Nur ein Augenlid zuckt verdächtigt wirr.

"Alter, erzähl mir nix, die sind doch viel zu kaputt zum Tanzen. Die können nicht mal mehr stehen! Außerdem: Ansonsten bin ich immer der, der im "Durchgang" steht, angerempelt wird und Platz machen muss. Heute ausnahmsweise mal nicht. Heut ist das dein Job. Also, weggetreten!"

Er zögert, aber dann tritt er beiseite und während ich an ihm vorbeilaufe, raunt er mir in todernstem Tonfall zu, er sei so in etwa wie James Bond und grad in geheimer Mission unterwegs.

"Ich überwache das hier! Alles!" flüstert er mir verschwörerisch ins Ohr und packt dabei meine Schulter.

Ich nicke das ab, schaue ihn so geheimniskrämerisch wie ich eben schauen kann an und gehe.

Zügig.

Wer weiß, auf was für einem Zeug der hängengeblieben ist und auf was für Ideen er als nächstes kommt.

Ein Freak mehr, der mir über den Weg gelaufen ist. Ich wundere mich schon lange nicht mehr und langweilig wird es mit denen eh nie. Höchstens mal unangenehm.

Ein durchgetanztes Bier später geht es dann mit einem Grinsen im Gesicht zur Bahn und gen Heimat.

Hipsterparty galore und lauter Bekloppte, klar, bleibt halt in manchen Ecken dieser Stadt nicht aus und in dieser speziellen Ecke schon mal gar nicht.

Aber das kann ja ausnahmsweise auch mal lustig und (ent)spannend sein und nicht wie zu oft ätzend und nervtötend.

Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.

Und das hier ist so eine Ausnahme.

Finde ich.

Dann mal bis nächstes Jahr!

Kommentare:

  1. die genaue Frage des "Schranks" an den "Grabbler" war wahrscheinlich:
    "Was soll denn das hier mal werden?"
    Ich hör es förmlich!!

    In die Auguste hab ich aus dem Küchenfenster geguckt..
    Damals...

    Die Exil Hamburgerin

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  2. Der Wortlaut war tatsächlich so ähnlich wie von dir vermutet! Ich krieg ihn leider nicht mehr hundertprozentig auf die Reihe...es war wohl ein kleines Bier zu viel... :)

    Du kannst dich glücklich schätzen das du die Schanze noch erlebt bzw dort gelebt hast, als das ganze Szenevolk noch nicht da war. Darauf bin ich tatsächlich ein wenig neidisch... Wer weiß, das Gleiche krieg ich vielleicht in einigen Jahren mit Bezug auf meinen kleinen Lieblings-Kiez erzählt. Bin gespannt!

    Ich grüße und wünsch einen schönen Sonntag!

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  3. "It's so Berlin" -
    Ja, warum auch nicht?
    Ich habe Hamburg in bester Erinnerung. Wenn ich als alter West-Berliner je irgendwo nach Wessiland hätte ziehen müssen, wäre Hamburg als einziger Ort in Frage gekommen. Die Leute nicht so spießig, die Stadt unverklemmt weltoffen. Und das scheint sich seit Mitte der 80er auch nicht geändert zu haben. Einzig die Fabrik hatte nach dem Brand einfach nicht mehr den gleichen Charme wie vorher.
    Grüße von Kiez zu Kiez! ;-)

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