Donnerstag, 30. Juli 2015

Babo my ass

"Alter, was machst du?" fragt mich F. per WhatsApp.

"Nichts mach ich, was soll ich schon machen, viel zu heiß draußen, Kackwetter, ich häng vorm Fernseher ab. Guck ne Doku. Tiere und so. Grad hat ein Hai ein niedliches Seelöwenbaby erwischt. War ne ziemliche Sauerei. Derbe blutig, sowas willste nicht in den eigenen vier Wänden erleben. Wieso fragst du?"

"Hab Zeug bestellt. Grünes, weißt schon. Der Typ wohnt in deiner Straße und ich kann grad nicht hin und das selbst abholen. Mach du das mal bitte, Kohle geb ich dir nachher! Du kommst ja später am Abend eh noch rum."

Was für eine beschissene Idee. Aber was tut man nicht alles für gute Freunde.

"Ok, sag an. Wo und wieviel?"

"Für n Fuffi. Das Haus mit der grauen Eingangstür, Hausnummer weiß ich nicht. Klingel bei XYZ, der ist bisschen komisch drauf aber an sich ganz ok. Glaub ich." Das klingt ermutigend.

Eine Stunde später stehe ich vor der grauen Haustür und klingele. Zeug abholen, rüber zu F., rauf auf die Couch und PES15 zocken. Vielleicht noch ein oder zwei gekühlte Bier vom Kiosk an der Ecke mitnehmen. Eigentlich ein guter Plan.

"Wer ist da?" fragt es aus der  Gegensprechanlage. Die Stimme klingt soweit tatsächlich ganz sympathisch.

"Jo, hier ist Fährlich, ich soll für F. was abholen."

"Alles klar! Zweiter Stock rechts! Komm rein Alter!" dröhnt es aus dem beigen leicht vergilbten Lautsprecher und zeitgleich rasselt der Türöffner.

Das Treppenhaus ist angenehm kühl und im zweiten Stock rechts werde ich bereits an der Wohnungstür erwartet wie ein Pizzabote.

"Hi Mann, komm rein! Ich bin Babo!"

Ich schaue ihn ungläubig an und kann ein Lachen nur schwer unterdrücken. "Babo" nennt er sich. Na denn...

Er hält mir seine Hand hin, die Nägel sind länger nicht mehr geschnitten worden, unter ihnen klebt Dreck. Außerdem ziert ein langer verschorfter Kratzer oder Schnitt seinen Handrücken. Statt seine Hand zu schütteln halte ich ihm meine Faust zum fist bump hin und zu meiner Erleichterung geht er darauf ein.

"Setz dich Alter!" sagt der Babo, der mit verblichener Kapuzenjacke, Schnellfickerhose und umgedrehter Baseball-Cap mit Werbung eines deutschen Sportartikelanbieters irgendwie gar nicht so Babo-mäßig aussieht, wie eher unterdurchschnittlicher deutscher Rap mir das vor nicht allzu langer Zeit vermitteln wollte und ich setze mich eher widerwillig auf ein weißes Ledersofa mit Blick auf eine sicher nicht billige Schrankwand samt integriertem Flatscreen, der mindestens doppelt so breit ist wie meiner, der für einen Normalsterblichen vollkommen ausreicht.

Seine Bude will nicht so ganz mit seiner Optik zusammenpassen.

"Was trinken?" fragt er.

"Danke nein. Ich will nur das Zeug für F. abholen. Hier ist die Kohle. Gib mir doch einfach das Weed und ich bin wieder weg."

Aber so einfach geht das nicht, denn der Typ sucht scheinbar nach neuen Freunden. Oder Kunden.

Das ungewollte Holsten - auch das noch, Holsten! - steht offen vor mir und der Möchtegern-Gangster prostet mir zu.

"Guter Deal wird das Alter!", er hält mir seine Bierflasche hin und ich stoße mit ihm an.

Er nimmt mehrere schnelle tiefe Schlucke und leert seine Flasche direkt mal zur Hälfte. Dabei beobachtet er mich etwas zu gewollt unauffällig, ich kenne das Verhalten, genau so haben es einige meiner ehemaligen Stammkunden in der Wettbutze gemacht, wenn sie mich um Kohle anschnorren wollten, damit sie ihren eigenen letzten Zehner versaufen können, wenn ich sie endlich aus dem Laden herauskomplimentiert hatte. Die gewollt unauffälligen Blicke aus dem Augenwinkel, mit denen sie abzuschätzen versuchen, wann der richtige Zeitpunkt für den Vorstoß gekommen ist, sind immer gleich. Und der oberkrasse Babo im Sessel gegenüber schätzt auch ab. Er hat sich vermutlich schon eine Taktik zurecht gelegt, denn er weiß ja nicht, dass ich solche Situationen seit Jahren kenne und schon hundertfach durch habe.

Er aber macht erstmal auf Smalltalk.

Standardfragen. Und direkt danach mehr Standardfragen.

"Neu in der Stadt? Ich wohn hier seit über nem Jahr aber hab dich noch nie gesehen!"

Ich antworte einsilbig, trinke vom Bier und erinnere mich zurück an die gute alte Zeit vor knapp zehn Minuten, als ich Babo noch nicht kannte. Er interessiert sich weiter.

"Ach was, dreizehn Jahre schon? DAS ist krass Mann." Pause. Sechs Sekunden später. "Und? Weiber? Gibt doch echt viele geile in Hamburg Alter! Fast alle vögelbar! Außer die fetten! Die gehen gar nicht! Oder? Oder?? Oder hast du eine Alter??"

Ich antworte einsilbig, trinke vom Bier und erinnere mich zurück. Die gute alte Zeit. Ohne Babo.

Damals.

Vor jetzt knapp elf Minuten.

"Sag mal Typ...ist ja irgendwie alles soweit nett hier bei dir. Bier und so, deine Couch ist auch echt prima." -  Wenn ich eins kann, dann ist es lügen ohne auch nur ansatzweise mit der Wimper zu zucken - "Aber ich bin echt nur hier, um das Zeug für F. abzuholen. Können wir das eventuell mal etwas beschleunigen?"

"Klar Mann!" sagt er und zieht einen zerdellten Schuhkarton unter der Couch hervor auf der ich sitze. "Da ist meine Schatzkiste!", er strahlt über alle vier Backen wie ein Honigkuchenpferd. "Wieviel war's noch? Fuffi?"

Er wühlt im Karton herum, es raschelt und klimpert und mich erinnert die Situation irgendwie an das überhastete Auspacken eines Weihnachtsgeschenkes. Ich verdränge den irritierenden Gedanken schnellstmöglich und stürze das übrige inzwischen leicht abgestandene Restbier hinunter, während ich auf ein Ergebnis seiner unkontrollierten Suchaktion warte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit von einer halben Minute taucht der mützenbedeckelte Kopf wieder aus den Untiefen des Schuhkartons auf, "Na endlich, hier isses ja!" und er wirft mir einen randvollen Gefrierbeutel mit Gras zu, den ich gerade noch fangen kann, bevor er mitten in meinem Gesicht landet und der zum Glück während des Fluges über den Tisch verschlossen bleibt anstatt seinen Inhalt quer durch den Raum und über mich zu verteilen, worüber ich sehr dankbar bin. Der Geruch hängt ewig in den Klamotten...

"Gutes Zeug! Echt jetzt!" Babo nickt heftig. Was soll er auch sonst sagen? "Willste testen? Oder nachwiegen? Waage steht inner Küche, kann ich holen! Echt guuutes Zeug Alter!" Der geborene Verkäufer, ich verzichte trotzdem dankend auf beides.

"Danke, lass mal, erstens seh ich ja, dass die Menge passt und zweitens hab ich das Zeug seit sicher zehn Jahren nicht mehr angerührt, weil's mich eh nur derbe müde macht. Und das werd ich früher oder später von ganz allein. Verblüffend aber wahr! Hier, deine Kohle!"

Ich lege ihm den Schein auf den Tisch und will aufstehen und gehen. Eine nett formulierte aber nicht wirklich so gemeinte  Verabschiedungsfloskel und raus, rüber auf die nächste Ledercouch vor den nächsten unsinnig riesigen Flatscreen und endlich den Controller in die Hand. In Gedanken gehe ich bereits seit Minuten die Startaufstellung für das anstehende Halbfinale gegen Juventus durch. Belotti in den Sturm? Oder doch lieber den Torres obwohl der nicht bei hundert Prozent ist? Schlecht trainiert hatte er die Woche über, muskuläre Probleme. Sagte der programmierte Assistenztrainer. Oder einfach beide von Anfang an und dafür Flügelflitzer Koné auf die Bank? Fragen über Fragen.

Aufstehen in drei, zwei, eins... "Wie, kiffen macht dich ausschließlich müde? Kein gechilltes Feeling? Keine Filme??" Babo schaut vollkommen perplex.

"Nein und nein. Keine geschobenen Filme. Und ganz sicher kein gechilltes Feeling, ich "chille" schon aus Prinzip nicht, wenn überhaupt entspann ich mich und selbst das kommt selten vor. Alter, ich muss jetzt auch..."

"...echt mal los, F. wartet auf mich!" hätte ich noch sagen wollen, aber dazu komme ich nicht.

"Aaaaalter, dass kann doch gar nicht angehen! Guck mal Mann, ist doch sicher was dabei hier für dich in meiner Schatzkiste!"

Er hält mir den Karton unter die Nase und ich kann gar nicht anders, als hineinzuschauen. Es hat was von früher im Bonbonladen, nur dass ich nicht überlege, was ich mir für meine 25 Pfennig von der Oma für Süßigkeiten kaufen werde, sondern welches von dem Zeug in dem verschissenen Schuhkarton mich wohl am schnellsten zum Zombie machen wird.

Die Beutelchen voller abgezählter Ecstasypillen in verschiedenen Farben? Die vorportionierten Haschplatten? Das Koks? Wohl eher das Zeug in den kleinen Ampullen mit dem so eindeutigen "H" darauf. Oder das etwas gröbere flockige Stöffchen, von dem ich vermute, dass das Chrystal ist.

Der Typ hat alles. Alles. Und bewahrt es in einem Scheiß-Schuhkarton unter seinem scheiß-weißen Ledersofa auf. Und sitzt mir in Schnellfickerhose und ranziger Basecap gegenüber, grinst mich schief an, macht auf dicker Kumpel und will mich eigentlich nur als Neukunden gewinnen.

"Komm, pack weg, das ist mir alles egal. Ich steh nicht auf den ganzen Mist. Und um ehrlich zu sein mag ich dich nicht. Gar nicht. Deal ist durch, danke für's Bier und sollten wir uns mal zufällig auf der Straße begegnen, dann kennen wir uns nicht. Ist das angekommen?"

Auf dem Weg zur Wohnungstür bin ich selbst überrascht ob meiner direkten Ansage und Babo schaut jetzt etwas irritiert aus der Wäsche.

Als ich schon ein paar Treppen hinunter gestiegen bin, startet er einen letzten Versuch.

"Alter, am Wochenende ist ein derbes Goa-Festival und ich kann wen mitnehmen für lau! Da kannst du endlich mal wieder eine unter zwanzig vögeln! Kein Scheiß!!"

Habe kurz innegehalten und überlegt, wieder hochzugehen und ihm die Nase zu brechen. Die Vernunft hat schlussendlich gesiegt.

Später bei F. gibt es sein Bier für mich und Babo's Zeug für F., eine happige Halbfinalpleite für Juventus und einen Dreierpack für Torres. Der Mann knipst selbst dann, wenn er nicht komplett fit ist. Chapeau!

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