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Freitag, 23. Oktober 2015

Home sweet home

Es ist laut.

Es ist chaotisch.

Es stinkt.

Um mich herum wuseln Gestalten, sie verschwimmen ob ihrer puren Menge und den hektischen Bewegungen  miteinander und das verwirrt mich. Ich kneife für ein paar Sekunden die Augen fest zu und genieße das bisschen Dunkelheit.

Herzlich willkommen zurück in Hamburg.

Nach einer kompletten Woche zuhaus im niedersächsischen Nichts fühle ich mich jetzt auf dem S1-Bahnsteig des Hauptbahnhofes, als hätte mich irgendjemand in einen Ameisenhaufen voller menschengroßer Ameisen geworfen.

Es wimmelt um mich herum. SIE wimmeln um mich herum.

Eigentlich mag ich das. Ich mag das Chaos.

Aber nicht gerade jetzt.

An der Bahnsteigkante vor mir tigert einer umher, immer von links nach rechts nach links nach rechts wie ein Zoo-Löwe mit Gehegekoller bei Hagenbeck, dabei brüllt er in einer mir unbekannten Sprache in sein Handy wie Aale-Dieter auf dem Fischmarkt.

Laut. Aggressiv. Heisere Stimme. Aber welche Sprache?? Ich kann sie nicht identifizieren. Türkisch ist es nicht. Arabisch auch nicht. Für Persisch klingt es zu hart. Aber wie klingt ein wütender Perser? Ich habe noch nie einen kennengelernt. Ich kenne Perser nur in der freundlichen eher leisen Version.

Ich einige mich nach hitziger Diskussion mit mir selbst darauf, dass es Rumänisch ist und damit kann ich gut leben.

Der vermutliche Rumäne steht nun direkt neben mir und brüllt seine Tiraden ins Telefon. Er hat die Augenbrauen zusammen gezogen und ab und zu fliegt ein kleines Spucketröpfchen aus seinem Mund. Ich beobachte seine Kopfbewegungen genau und manövriere mich jedes Mal rein prophylaktisch aus der Streuzone.

Er rückt noch näher. Beinahe Ellbogenkontakt. Die letztmögliche Steigerung wäre, dass er auf meine Schultern klettert und von dort aus weiter telefoniert. Das möchte ich nicht, also gehe ich weg. Dreißig Meter weiter finde ich bestimmt auch einen gemütlichen Platz, um auf die Bahn zu warten.

Als ich auf dem Bahnsteig ankam sagte die Anzeigetafel, dass die S1 in drei Minuten kommt. Die drei Minuten dauern bereits fünf Minuten und auf der Anzeigetafel hat sich nichts getan. Drei Minuten. Dann kommt die Bahn. Ich bin gespannt.

Ich finde einen neuen Warteplatz auf dem Bahnsteig, viele Meter entfernt vom vermutlichen Rumänen. Ich höre ihn noch aus der Entfernung und trotz des Lärms lautstark in sein Handy bellen. Wahrscheinlich wünscht er nur seinen Kindern eine gute Nacht...

Zu meiner Rechten jetzt statt dem vermutlichem Rumänen das obligatorische Hipsterpärchen im Einheitslook. Angelehnt an die Front eines Kioskes halten sie Händchen und bewegen synchron die Köpfe zur Musik aus den Marken-Kopfhörern. WoodKid sicherlich. Oder CHVRCHES. Oder irgendwas von Audiolith.

Ihre Dutts wippen im Rhythmus. Seiner ist größer.

Zwischen obligatorischen bunten Nike Airs und obligatorisch albern hochgekrempelten skinny Jeans und skinny Jeans-Leggins-Lookalikes blenden mich milchweiße Fußknöchel und mir wird kalt. Wegen der Außentemperatur und der Gesamtsituation, mit der ich unzufrieden bin. Mal im Ernst, wer krempelt sich bei diesem Wetter freiwillig die Hosenbeine hoch und entblößt nackte Haut? Und vor allem: Warum?

Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter und erneut suche ich  mir einen neuen Warteplatz. Eine Minute noch, dann kommt die Bahn. Sagt die Anzeigetafel.

Seit drei Minuten.

Es dudelt in meinem Kopf. Ich habe einen Ohrwurm und werde fast wahnsinnig, der Akku meines Handys hat sich aber leider kurz nach Oldenburg verabschiedet. Also dudelt seitdem der Ohrwurm weiter und weiter und gleich platzt mir der Schädel und irgendwer muss die Sauerei dann aufwischen.

Auf dem Weg Richtung neuem Warteplatz passiere ich die üblichen Verdächtigen, ohne die diese Stadt nicht die wäre, die sie ist.

Bis zum Exzess zerschminkte Tussis, die auch bei einstelligen Temperaturen immer noch im luftigen Blüschen mit Blumenmuster und kurzem Röckchen im Reeperbahn-Laufhaus-Style bibbernd den vergangenen Sommer zurück wünschen und denen auch ihr sieben Quadratkilometer großer Schal nicht mehr hilft, den sie als Accessoire auch im Hochsommer zum gleichen Outfit durch die Gegend trugen und der an ihnen in etwa so aussieht wie eine überdimensionale Schwimmweste aus Kamelwolle.

Oder Wichtige, die so wichtig sind, dass sie selbst in den drei Minuten Wartezeit auf dem S-Bahnsteig, die inzwischen bald sieben Minuten dauert, noch auf den Monitor des Apfel-Laptop starren und so fixiert sind, dass sie um sich herum gar nichts mehr wahrnehmen. Die bibbernde Brünette könnte Schal und Blumenmusterbluse ausziehen und oben ohne vor dem Wichtigen auf und ab springen. Ich könnte ihm die Schnürsenkel zusammenbinden oder die S-Bahn könnte entgleisen und direkt auf ihn zu schießen. Er würde nichts davon mitbekommen. Rumms, klatsch, splatter. Da zerballert dich eine komplette S-Bahn auf dem Weg gen Bahnhofswand und du hast nichtmal die Titten von der mit dem albernen Schal gesehen. Das Leben ist nicht fair.

Ich habe einen neuen Warteplatz. Mal wieder.

Normale Menschen um mich herum. Endlich. Einer nickt mir sogar freundlich zu, als ich ihm nach einem Nieser Gesundheit wünsche. Eine Minute noch. Dann kommt die Bahn.

Tut sie nicht. Dafür kreuzen wieder Gestalten mein Blickfeld bei deren Anblick ich mich spontan ins niedersächsische Nichts zurück wünsche.

Einer von denen ist mein Reiserucksack im Weg, statt ihm aber auszuweichen versetzt er ihm einen satten Tritt, sodass die zwei mitgebrachten Flaschen guten Weines im Inneren klirrend gegeneinander schlagen und der Rucksack trotz seiner Schwere ein Stück weit über den Bahnsteig rutscht, eine Schneise in den herumliegenden Zigarettenkippen und Kaffeebechern hinterlässt und direkt in einer von Jugendlichen mit schiefsitzenden Basecaps und noch schiefsitzenderer Grammatik produzierten Spuckepfütze liegen bleibt. Bevor ich den Treter in angemessener Weise  beschimpfen kann, verschwindet er in der Unmenschenmenge.

Kurz darauf kommt die Bahn dann zu meiner Überraschung doch. Natürlich finde ich keinen Sitzplatz. Natürlich hören Minderjährige ohne vorhandenen Musikgeschmack lautstark deutschen "Rap". Und natürlich redet einer in Jogginghose am Handy was von "Neger" und "...nicht rechts, aber..."

Hamburg. Du selbsternannte "schönste Stadt der Welt". Du "Weltstadt mit Herz".

Da bin ich wieder.

Zuhaus auf dem Dorf war nicht alles schlecht...

Freitag, 13. Februar 2015

Herr B. echauffiert sich

Da will einer wegziehen aus Hamburg.

Weil ihm die Stadt gegen den Strich geht und er generell alle Einwohner Hamburgs als "dumm, arrogant und dekadent" empfindet. Absolut alle. Ausnahmslos. Er hat scheinbar nur einen Kamm, über den er scheren kann.

Jetzt sollte man eigentlich demonstrativ gähnen und dem Herrn und seiner Familie den immer gern genommenen, für alle Lebenslagen passenden und komplett totrezitierten Spruch "In Hamburg sagt man Tschüss...!", der mir komplett zum Hals und aus anderen Körperöffnungen heraushängt, weil er in dieser Stadt allgegenwärtig ist, hinterherrufen, aber nein.

Ein Aufruhr geht durch's Volk, die MoPo berichtet aufgebracht und reißerisch, wie man es von ihr kennt und es herrscht akuter Shitstorm-Alarm. #HängtIhnHöher.

Wahrscheinlich gibt es auch längst die dazugehörige Facebook-Gruppe, in der zutiefst verletzte und verstörte HamburgerInnen sich gegenseitig ihr Leid klagen und zum Seelenheil liken.

Das Foto, das Herr Boedekker (in der MoPo steht der Klarname, dann darf ich den wohl auch nennen) von sich in der Zeitung veröffentlichen ließ und auf dem er medienwirksam vor der Kulisse der Binnenalster eine Hamburg-Fahne zerreißt, macht die ganze Antistimmung sicherlich auch keinen Deut besser und ist natürlich überhaupt nicht provokativ. Ob das jetzt seine oder die Idee irgendeines zugekoksten Redakteurs war sei mal dahingestellt,  es ist völlig egal.

Ich, der ich ja nun auch vieles an der Stadt in der ich lebe nicht sonderlich mag, habe mir den Artikel durchgelesen und dabei viel gelacht.

Die Argumente des Herrn B. sind - so es denn seine eigenen und keine frei erfundenen sind, um den Artikel noch provokanter zu machen - teilweise schon sehr...nun ja, ich nenne sie mal vorsichtig "seltsam".

Zunächst bekommt er allerdings meine volle Zustimmung, denn als "den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte" und ihn dazu bewog, Hamburg den Rücken zu kehren, benennt er das unsägliche Rumgeeiere von Stadt und Senat betreffend der Flüchtlingsunterkunft an den Sophien-Terrassen. Das empfinde ich ebenso als traurig und tragisch.

Vom Olympischen Komitee wünscht er sich, es möge Hamburgs Bewerbung für kommende Spiele "abschmettern", da "die Völker der Welt in Hamburg nur willkommen seien, wenn sie ihr Geld daließen". Auch da mag beziehungsweise wird er Recht haben, der Herr Boedekker. Die Olympischen Spiele würden Unmengen an Touristenkohle in die Stadtkasse spülen und Hamburg würde sich der ganzen Welt von seiner besten Seite präsentieren wollen.

Was vermutlich darauf hinauslaufen würde, dass man alles, was nicht ins Gesamtbild einer perfekten Stadt so wie Hamburg gern eine wäre passt einfach wegschafft.

Müll.

Graffitis.

Obdachlose.

Hilfsbedürftige.

Müssen alle weg, die Stadt muss sauber sein für die Touristen aus allen Teilen der Welt. Kann ja nicht angehen, dass später in Tokio, Sydney oder Tegucigalpa Fotos vom Rathaus oder vom Michel herumgezeigt werden, auf denen irgendwo versteckt ein Obdachloser auf seiner Decke sitzt und um ein paar Cent bittet. Die werden outgesorced. Irgendwo kurz hinter die Stadtgrenze. Wedel. Norderstedt. Scheißegal. Hauptsache weg. Aus den Augen, aus dem Sinn. Sauber muss sie sein, die Stadt. Gelutscht. Steril.

Herr Boedekker will, dass das Olympische Komitee Hamburg nicht will wie er selbst Hamburg nicht mehr will. Nur dem Olympischen Komitee gibt er Gründe in die Hand, für sich selbst hat er keine. Zumindest keine, die mir einleuchten.

Egoistisch sei der Hamburger, arrogant, arm und dekadent. Ich bin kein gebürtiger Hamburger, aber immerhin bin ich elf Jahre länger hier als Herr Boedekker. Auf mich trifft genau eine seiner vier Hauptcharakterisierungen zu. Blöderweise, dass ich arm bin. Mit Abstrichen vielleicht noch die Arroganz-Geschichte, das liegt dann aber am Gegenüber.

Nach dreizehn Jahren Hamburg kenne ich vielleicht ein Sechzehntel der Stadtfläche und nichtmal einen Bruchteil von einem Prozent sämtlicher Einwohner Hamburgs. Herr Boedekker hat bereits nach zwei Jahren erkannt, dass 100 Prozent aller Einwohner Hamburgs dumme dekadente Arschlöcher sind, die vermutlich auch alle niedliche Hundewelpen vermöbeln und per se kleine Schwänze haben. Alle. Auch die Mädels. Isso.

Weiterhin echauffiert sich Herr Boedekker über Gerempel in der U-/S-Bahn. Das mag er nicht. Rücksichtslos sei das. Da hat er Recht. Ist echt hardcore hier in Hamburg. Während man sich in Shanghai, New York oder Rio in der Bahn höflich aus dem Weg geht und einen Mindestabstand von einem halben Meter wahrt, regiert im HVV der blanke Anarchismus. "Wall of death in der U3 Richtung Kellinghusenstraße", wie oft höre ich die Ansage und steige dann lieber nicht ein. Man lernt ja mit der Zeit. Kann Herr Boedekker mit seinen zwei Jahren Erfahrung nicht wissen. Fucking rookie!

Auch die "piefigen Nachbarn" stören ihn, die beschweren sich nämlich, wenn seine Kids auf der verkehrsberuhigten Straße im idyllischen  Volksdorf Fußball spielen. In den Stadtteil ist er mit seiner Familie gezogen, "weil wir uns überlegt haben, daß wir mal ländlicher wohnen wollen". Ländlicher wohnen wollen und dann in die zweitgrößte Stadt des Landes ziehen. Das muss ich nicht verstehen, oder? Gut, Volksdorf heißt ja nun auch nicht zum Spaß VolksDORF, ist aber trotzdem immer noch Teil einer 1,73irgendwas-Millionen-Möchtegernmetropole und ländlich ist da anders.

Meine Eltern haben zwei Gästezimmer, dort ist es ländlich, sehr sogar. Dort können des Boedekkers Kids stundenlang auf der Straße bolzen bis zum Umfallen und niemand wird sich beschweren.

Außer meinen Eltern.

Über Herrn Boedekker.

Der jammert in der MoPo weiter herum. Seine Frau sei mal getreten worden, weil sie mit dem Rad auf dem Gehweg fuhr. Wer auch immer getreten hat, ist offenbar ein Vollidiot - es heißt aber ja auch nicht grundlos GEHweg. Wie oft hätte ich schon gern jemanden ansatzlos vom Sattel geboxt, der mich mit dem Rad auf dem GEHweg gerempelt, gestreift oder wenigstens drangsaliert hat. Auf dem GEHweg hat das FAHRrad nichts verloren. Punkt.

Dass die Radwege dieser meiner unserer selbsternannten Weltstadt in katastrophalem Zustand sind und erneuert werden müssen,  diskutieren die Schlipsträger im Rathaus seit Jahren und prangen an, mahnen, weisen hin. Nur am Zustand der Radwege ändert sich. Nichts.

Herr Boedekker hat noch nicht fertig. Die Flaggen stören ihn. Die hamburgischen Stadtflaggen, die überall im Stadtgebiet wehen. Und die wohl nur er sieht. Ich kenne nur die am Rathaus und ein paar in Schrebergärten unterhalb des U3-Viadukts. That's it. Herr Boedekker sieht sie überall und das geht ihm gegen den Strich.

Vielleicht laufen die Dinge in Volksdorf anders und man ist patriotischer, vielleicht leben dort mehr Menschen, die ihre Stadt lieben als in meiner Nachbarschaft. Vielleicht flattern da mehr hamburgische Flaggen an Mästen oder aus Fenstern. Weiß ich nicht. Im Umkreis von 500 Metern um meine Wohnung kenne ich jedenfalls nur drei wehende Flaggen. Eine ghanaische, eine des FCSP und eine schwedische. Keine hamburgischen.

Herr Boedekker sieht überall die Hamburger Flagge und echauffiert sich. Ich wette, dass er im letzten Sommer zur WM einer der vielen Millionen war, die an Spieltagen mit Schland-Schminke durch die Gegend gelaufen sind, sich Fähnchen für's Autofenster zugelegt haben und auch ein Schlaaand!-Trikot trugen, notfalls auch das vom Penny für 9,95€. Hauptsache Fan. Alle zwei Jahre mal.

"Hamburg ist das Tor zur Welt, aber das Tor geht nicht auf!" sagt Herr Boedekker. Ich könnte mir jetzt Feinde machen und sagen, dass das so ist, weil Bremen (in der Stadtfahne) den Schlüssel dazu hat.

Aber ich sag's mal anders.

So sehr ich diese meine unsere Herrn Boedekkers Stadt auch manchmal nicht leiden kann, verfluche und verabscheue...trotzdem mag ich es hier. Meist sogar sehr.
Herr Boedekker zieht im Sommer samt Familie zurück nach Berlin. Wo die Menschen freundlicher, weniger arrogant und weniger dekadent sind, wo in der U-Bahn weniger gedrängelt, gerempelt und gepöbelt wird und wo man ohne getreten zu werden auf Gehwegen radeln und Fußgänger ummähen kann, solange es einem Spaß macht. Meinen Glückwunsch.

In Hamburg sagt man Tsch... Ach, drauf geschissen.

Sonntag, 17. August 2014

Die Qualle

Die Qualle sitzt am Abend an einer Bushaltestelle an der Fuhlsbüttler Straße, sie ist etwa 60 Jahre alt und hat sich im Laufe der Zeit sowohl einen grau-braunen struppigen Schnauzer als auch einen beeindruckenden Bierbauch, der nun das Flanellhemd fast zum Platzen bringt, herangezüchtet.

Die Qualle hockt feist auf einem der Sitzplätze und nimmt Schlucke aus der Flasche Oettinger, die sie fest umklammert hält. Es ist nicht das erste Bier des Tages, soviel ist auf den ersten Blick klar.

Die Qualle trägt knallrote Kopfhörer, die sie im minütlichen Wechsel auf und ab und wieder auf und wieder ab setzt, vor ihr parkt ein ranziger Hackenporsche, der unangenehm riecht.

Die Qualle hat etwas gegen meinen Bekannten, den ich zufällig getroffen habe, als ich zum Bus ging. Er arbeitet in der Nähe.

Und er ist türkischer Abstammung.

Oder kurdischer.

Oder sonstwas.

Ich weiß es gar nicht genau und es ist mir auch herzlich egal.

Der Qualle ist das nicht egal.

Schwarze Haare, dunkler Teint.

Feindbild.

Die Qualle lallt Dummes in die Welt.

"Achgugg, das Ölauge sprichddeutsch! Darfsu das übahaupt? Glaubbich nämmich nich, dürfn nur echte Deutsche. Bisdu nich, du bisn Muladde. Muladde!!"

Das geht ein, zwei Minuten so.

Peinlich berührt wenden sich einige ab, mein Bekannter, dessen Mutter, Frau und kleine Tochter neben uns stehen, bebt vor Wut, er ist aber ein kluger Mensch und lässt die Qualle labern. Mit ein oder zwei Gesten bedeutet er ihr, ruhig zu sein.

Seine Mutter und seine Frau haben Tränen in den Augen, sowas ist ihnen lang nicht widerfahren. Die Kleine bekommt zum Glück nicht viel mit, sie ist mit ihrer Puppe beschäftigt, die sie mir kurz zuvor noch vorgestellt hat, ich Hohlkopf habe den Namen der Puppe allerdings vergessen.

Mein Bekannter tröstet Frau und Mutter, immer noch zitternd vor Wut. Die Qualle schwitzt, trinkt vom Billigbier und lallt irgendwas von "alle abschieben, alle raus".

Manchen Menschen...

Der Bus kommt, ich verabschiede mich vom Bekannten und seiner Familie. Die Qualle hievt sich und sein Gepäckstück ebenfalls in den Bus Richtung Norden und lässt sich ächzend und schwankend auf eine Bank im vorderen Teil des Busses fallen.

Es dauert keine zehn Sekunden...

..."Achguck, n Neger!" Er hat einen farbigen Mitfahrer ihm gegenüber an der Tür entdeckt. "Dürfn die frei rumlaufn? Glaubbich abba nich, daß Neger das dürfn!"

Die Qualle imitiert Affenlaute, trinkt weiter ihr Bier und kann froh sein, daß der, den sie da grad beleidigt, anscheinend eine Seele von Mensch ist und sie nicht einfach vom Sitz boxt. Der Beleidigte lächelt das weg. "Lass mal, der ist besoffen." ist seine einzige Reaktion und dabei grinst er.

Ob er wirklich so denkt oder nur sehr gut Wut, Schock oder gar Angst überspielt, weiß ich nicht, aber für den Fall, daß ihm die Sprüche tatsächlich egal sind, ziehe ich meinen Hut vor so viel Gelassenheit und einem so dicken Fell.

Ich kann das nicht, ich koche innerlich bereits und vermutlich steigt mir der Rauch aus den Ohren.

Manchen Menschen...

Die Qualle hat durch ihr Gepöbel den vorderen Bus-Teil fast für sich allein.

Außer ihr sind da nur noch ich, der Fahrer, der der ganzen Sache interessiert zuhört, aber nichts unternimmt und eine Mittzwanzigerin mit Kopftuch auf dem Sitz ganz vorn, die die Qualle bis dahin nicht bemerkt hatte.

Die Qualle schreckt förmlich auf. Ein Kopftuch.

Ein langer Zug an der Flasche.

Fast schon panisch.

"Eyh! Eyh! Du da!! Eeeyyyh!! Du da mim Kopftuch!! Schleiereule!! Is Deuschlan hier, Deuschlan! Deuschlan is das hier! Wir tragn nich so Scheiß, wennu so Scheiß tragn wills musse suhaus machn wo du herkomms! Bei den annern von deine Sorte. Bein Terrorisn! Eyh Alde, hörsu mich? Eyh Alde!! Wir ham Vermummungsverbot in Deuschlan! Vermummungsverbot! Machma ab den Turban, dann..." - statt weiteren gelallten Tiraden rülpst er laut. Und nimmt direkt wieder einen Schluck von seiner Plörre.

Manchen Leuten...

An der nächsten Haltestelle muss ich raus, genau wie die Kopftuchträgerin. Und auch die Qualle bewegt sich zur Tür.

"Kannsu mir helfen? Is schwer!" Die Qualle redet mit mir, deutet auf ihren Hackenporsche und möchte, daß ich den für sie aus dem Bus hebe.

Das kann nur ein Witz sein.

"Bidde Alder, schwer is das. Kannsu das raushem? Der Neger is ja schon weg, der is ja aussestiegn. Wär ja sons sein Job gewesn."

Die Qualle meint das ernst.

Ich lasse meinen Mittelfinger die Antwort geben.

Die Gute mit dem Kopftuch steigt natürlich ebenfalls aus, ohne auch nur einen Gedanken an Mithilfe zu verschwenden.

"Ein stolzer Deutscher wie Sie wird doch wohl sein Gepäck allein und ohne Hilfe einer Terroristin tragen können?" höre ich sie sagen und würd ihr dazu am liebsten gratulieren.

Die Qualle brüllt uns, die wir in verschiedene Richtungen verschwinden, einiges hinterher.

Fotze, Arschloch, Negerfreund. Das übliche. Nichts innovatives.

Manchen Menschen...

...ich gebe es zu:

Manchen Menschen möchte ich manchmal einfach nur mit Anlauf in die Fresse hauen.

Worte helfen da schon lange nicht mehr, diskutieren ist eh nicht im Ansatz möglich.

Einfach BAMM, eine links, eine rechts, keine Erklärungen, Feierabend.

Würde ich wirklich gern.

Manche haben es einfach nicht anders verdient.

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Der Wahnsinn in der Warteschlange

Letztens ist mir mal wieder am Abend die Glühbirne in der Deckenleuchte durchgebrannt und da ich natürlich wie immer keine Ersatzbirne in der Wohnung hatte, verbrachte ich die Zeit bis zum Schlafen gehen im schummerigen Licht einiger Kerzen und einer Weihnachts-Pyramide auf der Fensterbank sowie dem flackernden Licht des Fernsehers und des LapTop-Monitors. Das war in Ordnung, es gefiel mir sogar ein bisschen.

Tags darauf waren meine Eltern zum traditionellen vorweihnachtlichen Besuch in der Stadt und Mutter teilte meine Meinung so gar nicht, als ich ihr vom vorabendlichen Fauxpas erzählte. Da müsse SOFORT eine neue Birne her sagte sie in einem Tonfall, der nicht den Hauch einer Diskussion zu ließ. Direkt ins nächste Geschäft ginge es, um für adäquaten Ersatz zu sorgen.

So weit, so gut.

Dumm nur, dass das nächste Geschäft dieser Art die "Saturn"-Filiale auf der Mönckebergstraße direkt am Hauptbahnhof war, noch dazu war es um die allgemeine Feierabendzeit herum, wo sich NOCH mehr Volk in der Hamburger Innenstadt tummelt als eh schon in den Wochen vor Weihnachten.

Solche Argumente prallten an meiner Mutter allerdings ab wie ein Flummi, denn zuhause im niedersächsischen Nichts gibt es so etwas wie vorweihnachtlichen Trubel in der Einkaufsmeile nicht. Denn dort gibt es keine Einkaufsmeile.

"Jetzt geh da rein und besorg schnell eine Glühbirne, wir warten hier kurz!" sagte sie, "Papa kann dann eine rauchen und ich schau eben in ein paar Schaufenster. So lang wird das ja nicht dauern!"

Beim letzten Satz musste ich ein wenig lachen, aber wie gesagt: Diskussion von vornherein ausgeschlossen.

Ich also rein zu "Saturn", Böses vorhersehend.

Das Objekt der Begierde war schnell gefunden. Keine drei Minuten nach Betreten des Ladens war ich schon wieder auf dem Weg zur Kasse.

Fünf Kassen waren offen, an jeder so vier oder fünf Kunden vor mir. Ich entschied mich für die goldene Mitte.

Das war ein Fehler.

Die ersten beiden Kunden wurden noch problemlos abgefertigt und ich hatte nur noch zwei "Damen" vor mir. Die erwiesen sich aber als Totalschäden.

Der ersten war das auch optisch anzusehen. Während sie darauf wartete, dass sie an die Reihe kam, bohrte sie hingebungsvoll in der Nase. Wann die Haare zuletzt Wasser, geschweige denn Shampoo gesehen hatten, kann ich nur schätzen und ich würde auf einige Tage tippen. Die fettigen Strähnen wurden von rosafarbenen Spangen "in Form gehalten", vermutlich wären sie aber eh von allein an betreffender Position kleben geblieben...allgemein machte die gute Frau nicht den gepflegtesten Eindruck, aber ich will nicht urteilen. Jeder, wie er es mag.

Auf jeden Fall kaufte sie einen Haufen CDs, ich habe den "Eighties Mix" gesehen und irgendwas mit "Charts 2013" im Namen. Gruselig. Charts 2013. Robin Thicke, Daft Punk und das halbnackte Kind mit dem Undercut auf der Abrissbirne. Nein, schön ist anders. Geschmack erst recht...

Der junge Verkäufer scannt also CD nach CD. "Das macht dann 73, 50€ bitte!"

Sie zückt ihr Portemonnaie. Grelles rosa. Mit "Pikachu" drauf. What the fuck?!? Zieht drei Zwanziger heraus und drückt sie ihm mit fragendem Blick in die Hand.

"Das reicht noch nicht, da fehlt noch was!"

Ein weiterer Zehner wandert aus ihrer Geldbörse in Kassiererhände.

Jetzt schaut er fragend. Vermutlich sucht er insgeheim die versteckte Kamera. "Prima, jetzt noch drei fuffzich!" Sie starrt. Er auch. Sie an. Ich beginne zu realisieren, dass es noch ein Weilchen dauern wird, bis ich meine Eltern wiedersehe. Mal wieder die falsche Kassenschlange.

Zögerlich wechseln einige Münzen von A nach B, ich zähle mit, wir sind jetzt bei 73 Euro und zehn Cent. 40 Cent fehlen noch, das Finale ist nah.

Da zückt sie den Fuffi!

"Ich habe keine Münzen mehr!" sagt sie in bedauerndem Tonfall. Der Kassierer schaut jetzt, als stände ein Alien vor ihm und irgendwie ist das ja auch so. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als eine Wand, gegen die ich meinen Kopf schlagen kann.

Das war`s, sie hat bezahlt, er hat das Rückgeld herausgegeben, das Elend hat ein Ende, Erleichterung setzt ein, die ungeduschte Pummelfee in der Trainingsjacke kann den Abflug machen.

Das tut sie aber nicht.

Sie bleibt wie festgewachsen an der Kasse stehen und beäugt interessiert die ausliegende Auswahl an Plastiktüten. Ob die kostenlos seien, möchte sie wissen.

Das seien sie und sie dürfe sich so viele nehmen, wie sie möchte, erklärt der junge Mann an der Kasse, der inzwischen so aussieht, als würd er ihr liebend gern an die Gurgel gehen. Mir geht es inzwischen ähnlich.

"Da klingelt aber nichts, wenn ich dann raus gehe?" Die Frage kommt bestimmt. Investigativ. Klauen, nein, das möchte sie nicht. Auch keine kostenlosen Plastiktüten. Auf die Bestätigung, dass es garantiert auf dem Weg aus dem Laden nicht klingele, erfolgt eine dreifache Nachfrage.

"Sind sie sicher?" - "Ja." - "Wirklich?" - "Ja, wirklich!" - "Und es klingelt garantiert nicht? Sind sie WIRKLICH (sie betont das erste "i" lang) sicher?"

In den Kassiereraugen blitzt es gefährlich, er schiebt Kopfkino und in diesem bearbeitet er Madame Fetthaar mit einem langen Messer. Dazu wahlweise water boarding oder Elektro-Schocks.

"Ich. Bin. Mir sicher. Sehr." presst er zwischen den Zähnen hervor.

Endlich gibt sie ihren Posten an der Kasse auf, nicht ohne sich eine der kleinen Plastiktüten, die in Elektromärkten halt so angeboten werden und in den ihre CD-Sammlung mit Mist-Musik garantiert nicht passt, zu sichern. Ich schicke ein Stoßgebet gen Himmel, dass sie das bitte erst bemerken möge, wenn ich gezahlt habe...

Die Kundin, die nun noch vor mir an der Reihe ist und die vergangenen sechs oder sieben Minuten erstaunlich stoisch ertragen hat, macht mir Hoffnung. Älteren Semesters, eleganter Mantel, hochklassiges Handy...die kann unmöglich ähnlich nervtötend sein.

Falsch.

"Guten Abend, ich möchte einen Gutschein für meinen Enkel kaufen." - Der Mann an der Kasse schaut erleichtert. "Gerne, welchen Wert soll der denn haben?" - "277 Euro." - "Oh. wir bieten nur Gutscheine für 250 Euro an. Oder halt kleinere Geldwerte. Zehn Euro. 25 Euro...50..." - "Das ist schlecht, ich brauche nämlich einen über 277 Euro!"...

Ich brech das hier mal ab, denn ansonsten tippe ich morgen noch.

Der Kassierer und die elegante Dame einigten sich dann nach langer Diskussion, ich musste die ganze Zeit an einen Amoklauf denken, er hatte sich zwischenzeitlich aufgegeben, darauf, dass sie drei Gutscheine ersteht, 250€, 20€ und 5€. Nachdem die Scheine im Wechsel für die drei in einem Umschlag steckenden Gutscheine in die Kasse gewandert waren, wandte sich die elegante Dame das Kackweib nochmals an den jungen Kassierer. Es sei eine Frechheit von ihm, sie müsse jetzt die fehlenden 2€ auf den Umschlag kleben. Sowas wäre ihr noch nicht untergekommen. Schämen solle er sich.

Hätte sie noch einen weiteren Satz begonnen, ich hätte ihr mit Anlauf ins Kreuz getreten.

(Zwischendrin hatte die rosa Bedrohung von vorher übrigens nochmals einen Auftritt. Ihr war nach minutenlangem Herumprobieren dann doch aufgefallen, das ihr CD-Stapel im Leben nicht in die eine kleine Plastetüte passt. "`tschuldigung, darf ich die Tüte eintauschen? Für eine große?" - "Selbstverständlich!" - "Dann klingelt es aber auch nicht, wenn ich..." Zu meiner absoluten Überraschung hat sie den Killerblick des Kassenmenschen direkt verstanden)

Dann habe ich bezahlt. Meine Glühbirne. 1,99€. Und dann raus zu meinen Eltern. Inzwischen war es dunkel.

Eine Vermisstenanzeige hatten sie noch nicht aufgegeben. Daddy hatte aber einige neue graue Haare im Vollbart. Mutter hatte währenddessen die halbe Mönckebergstraße leer gekauft.

Und ich sitz abends nicht mehr im Dunklen. Hat mich nur 1,99€ und mehrere Lebensjahre gekostet, das Nervenkostüm muss komplett überholt werden, ich bin nur noch ein zitterndes Wrack und fasele davon, "Saturn" in die Luft zu sprengen. Aber sonst ist alles schön. Schwund ist ja bekanntlich immer.

Ich geh nachher los und kaufe mir ein rosafarbenes Portemonnaie. Für 277 Euro. Und danach lasse ich mich einweisen.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Tschüß "Molotow". Ein Stück Sankt Pauli ist Geschichte.

Vor knapp einem halben Jahr habe ich mich noch darüber gefreut, dass die wenigen Lieblings-Kneipen und -Clubs, die ich in dieser meiner Stadt habe, noch nicht durch Gentrifizierung oder aus anderen Gründen schließen mussten und im schlimmsten Fall durch Loft-Wohnungen oder Schicki-Lounges "ersetzt" wurden.

Und jetzt hat es innerhalb relativ kurzer Zeit zwei aus meinen Top 3 erwischt.

Zuerst musste der "Dschungel", meine liebste Kneipe der Stadt, sein angestammtes Quartier an der Schanzenstraße räumen. Das hat mir ordentlich schlechte Laune bereitet. Dann kam aber die Nachricht, man habe eine neue Ladenfläche gefunden und dort ginge es ansatzlos weiter. Das ganze im "Schlachthaus-Komplex", zu dem mit dem "Knust" auch eine der besten Konzert-Locations der Stadt gehört, ich war ein kleines bisschen beruhigt. Vor ein paar Tagen habe ich mir den neuen Laden mal angesehen und bin erschrocken.

Glattpolierte Glasfront. Dahinter lederbezogene Barhocker statt der alten liebgewonnenen Schemel, dank denen einem nach einer an der Bar des "Dschungel" an der alten Adresse verbrachten Nacht nicht nur der Schädel, sondern auch das Heck schmerzte. Ich will ja nicht unken, aber positiv stimmt mich das nicht. Rein optisch hat das Ding (von außen und durchs Fenster) jetzt was von einer Cocktail-Bar auf der Langen Reihe. Und das ist nicht gut...

Und dann die Katastrophe von Samstag Nacht.

Die Esso-Häuser an der Taubenstraße wurden geräumt und sind nun (momentan noch aufrecht stehende) Geschichte. Der Abriss war eh beschlossene Sache, jetzt geht es deutlich schneller, als alle erwartet haben.

Weil "die Wände wackelten" und "die Lampen herum schwangen".

Gut, ersteres passiert in meinem Wohnhaus auch. Zumindest vibrierende Wände habe ich hier alle drei Tage. Wenn bei den Bauarbeiten rund um meinen Wohnblock (da wird grad an drei Seiten neu gebaut bzw saniert) mal wieder eine Mauer runtergerissen wird, wackelt bei mir im dritten Stock der Boden. Wenn ein großer Jumbo-Jet im Tiefflug übers Haus fliegt und den Airport Hamburg-Fuhlsbüttel ansteuert, dann wackeln wegen irgendwelchen komischen physikalischen Effekten bei mir die Wände, da klirrt sogar manchmal das Geschirr im Küchenschrank. Kenn ich alles.

Gut, die Lampe schwankte nie (weil sie das nicht kann, da sie in ihrer Funktion als Deckenleuchter an eben dieser Decke fixiert ist), ich sehe aber ein, dass das in einem Gebäude, in dem seit locker einem Jahr der Zutritt auf wohnungseigene Balkone wegen Einsturzgefahr verboten war, schon kein allzu gutes Zeichen ist.

Ich bin nicht Statiker genug, um abschätzen zu können, wieviel Gefahr dort tatsächlich in der Luft lag.

Von daher kann ich nicht abschätzen, ob die Art und Weise, mit der dieser Situation begegnet wurde, korrekt war oder nicht. Das maße ich mir nicht an.

Fakt ist, dass ich:

- 1. wahnsinniges Mitleid mit den (jetzt ja ehemaligen) Bewohnern der Esso-Häuser empfinde. Was muss das für ein Schlag sein, von jetzt auf gleich mitten in der Nacht aus seiner Wohnung, aus der vertrauten Umgebung, aus dem Ort, der "Zuhause" bedeutet hat, gerissen zu werden! Das kann sich niemand vorstellen, der sowas nicht erlebt hat und ich WILL mir das auch gar nicht vorstellen müssen. Ich wünsche ihnen das Allerbeste.

- 2. den Verlust einer weiteren Perle St. Paulis "betrauere". Gut, die Kiez-Tanke war Kult und wird fehlen, aber mein Bier werde ich mir auch anderswo kaufen können, bevor ich dann ins "Molotow" gehe, aber... Oh, fuck, das "Molotow"...

Jepp, das wurde auch geschlossen. Genau wie die Kneipe "Planet Pauli" und die Touri-Bar "Herz von Sankt Pauli", in der ich am Abend vor der Kiez-Apokalypse mit anderen noch gesessen habe.

Um ehrlich zu sein, juckt mich der Verlust der beiden letztgenannten Orte nicht so sehr. Tut mir leid, im "Planet Pauli" war ich nie und das "Herz von Sankt Pauli" hat mich bei meinem Besuch am Tag vorm Ende ziemlich genervt, besoffene Touri-Horden und eine Lautstärke, die der in einem Fußballstadion in nichts unterlegen war. Kein Ort, der mir zusagte.

Aber um das "Molotow", da trauere ich. Der BESTE Laden für Konzerte in der ganzen verdammten Stadt!

Kellergeschoß, klein, eng, verschwitzt, duster, die Bühne keine 20 Zentimeter hoch, diese verfickte Discokugel in der Mitte des Konzertraumes, an der ich mir mal übelst die Birne gestoßen habe, während die Band auf der Bühne und ich davor tobten.

Im Molotow habe ich insgesamt drei Frauen zum ersten Mal geküsst (zwei Mal sogar beim selben Lied!), habe mit meiner liebsten deutschen Band auf der Bühne gestanden, habe mit einer anderen Lieblingsband ihr Abschiedskonzert gefeiert, habe wegen Geknutsche vorm Eingang mein einziges "Alexisonfire"-Konzert fast komplett verpasst und mein allererstes Konzert, nachdem ich nach Hamburg gezogen war, fand auch hier statt. Kettcar war`s damals, 2002.

...meine Fresse, wie wird mir dieser Laden fehlen...

Das war nicht nur ein Club, nicht nur eine Konzert-Location, nicht nur ein Ort, an dem Menschen sich bei guter Musik betrinken. Das "Molotow" war weit mehr. Eine Institution!

Das "Molotow" war Hamburger Kulturgut. Für jeden, der Musik und Konzerte liebt, muss das so gewesen sein. Und zu jedem, der das nicht verstehen kann, sage ich: "Du tust mir leid!"

Fakt ist aber vor allem, dass ich

- 3. wütend bin. Weil Menschen mitten in der Nacht aus ihren (eventuell) zusammenbruchsgefährdeten Häusern "vertrieben" wurden?

Nein!

Wütend deswegen, weil seit Ewigkeiten bekannt war, dass die Esso-Häuser sanierungsbedürftig sind. Und was wurde getan? Genau. GAR nichts!

Vor einem knappen Jahr wurden einige der Balkone mit Holzbohlen abgestützt und den Mietern der Wohnungen, zu denen eben diese Balkone gehörten, wurde verboten, sie zu betreten. Wegen Einsturzgefahr.

Jetzt frag ich mich: Warum wurde da nicht saniert? Gut, die Miete wäre gestiegen, signifikant vermutlich. Hätten einige Bewohner nicht mehr zahlen können. Das ist klar und nervt.

Jetzt, wo eine Sanierung nichts mehr rettet, ist es natürlich leichter. Die lästigen Bewohner dürfen per polizeilicher Anweisung nicht mehr in ihre eigenen vier Wände, dem Kiez gehen diverse ewig eingessesene Lokalitäten verloren, aber der Besitzer des Grundstücks, die "Bayerische Hausbau", die auch für die Räumung des "Kunsthaus Tacheles" in der Oranienurger Straße in Berlin verantwortlich ist, hat, was er will.

Endlich sind die Asis weg. Endlich ist Platz für neue hochwertige Wohnungen. Mit Aufzügen für die Luxuskarren, die unten auf der Straße sonst angezündet würden. Oder für ein Einkaufszentrum. Das fehlt doch noch auf dem Kiez. Für die Touris. Damit die da "Sankt Pauli. I was here and fucked a prostitute!"-Shirts kaufen können. Baut doch ein verficktes Einkaufszentrum, ihr Spinner. Und wundert euch dann über Farbbeutel-Attacken oder weint euch in den Medien aus über brennende SUV`s auf dem Parkplatz davor. Hat man ja nicht kommen sehen...

Am Samstag gibt`s eine Demo. Es geht um den (extrem unwahrscheinlichen) Erhalt der "Esso-Häuser" bzw darum, wie damit nun umzugehen ist, weiterhin um Bleiberecht für die Lampedusa-Flüchtlinge aus Syrien und um Verteidigung der "Roten Flora" (gegen Räumung vermute ich, weiß aber noch nichts genaueres. Und das Thema ist definitiv momentan nicht das, was mich auf die Demo bewegen wird.)

Ich gehe davon aus, dass es derbe krachen wird. So richtig. Das ist verdammt schade. Das zieht so wichtige Themen wieder in den Sektor, über den die "BILD" berichtet. "Blut-Krawalle in Hamburg, die bösen Autonomen haben mal wieder...", ich seh die Schlagzeile schon vor mir...

Ich werd am Samstag auf der Demo sein. Fotografieren und skandieren. Später drüber schreiben.

Ich würd mich freuen, wenn man es mir gleich tut.

Die Demo startet am Samstag um 14 Uhr vor der "Roten Flora" am Schulterblatt und geht dann über den Neuen Pferdemarkt, Reeperbahn, Simon-von-Utrecht-Straße bis hin zur Glacischaussee. Das ist der Plan. Wird im Leben nicht klappen, weil die Veranstaltung garantiert zwischendrin durch die Cops "aufgelöst" wird (vermutlich, weil mal wieder Vorstadtkids randalieren). Aber man kann`s ja mal probieren. Und Sinn hat die Geschichte definitiv.

Es ist eine Scheiß-Situation grad und ich hoffe, es wird das Beste daraus gemacht.

Eine gewaltlose Demo am Samstag wäre ein gutes Zeichen.

Einzig, mir fehlt der Glaube...

Sonntag, 8. Dezember 2013

Über deutsche Comedians, Emo-Bands und ein 0-7.

Eine gute Freundin bat mich, für sie den Eintrittspreis eines Auftrittes von "Y-Titty" im ASTRA-Kulturhaus in Berlin zu eruieren, da sie dazu scheinbar nicht selbst in der Lage ist. Ich musste ihr auch schon erklären, wie man googlet, offensichtlich bin ich bei der Mission aber gescheitert. Ansonsten hätte ich nicht nach Preisen für Auftritte von "Y-Titty" in der Hauptstadt suchen müssen.

Und überhaupt...

"Bitte wer? Titten?!?"

"Nein. Y-Titty. Wei-Titti! Die machen Comedy! Auf youtube!"

"Ach, youtube kennste, aber mit Google kannste nicht umgehen?"

"Ja, youtube brauche ich ja regelmäßig."

"Du weißt nicht, wie man googlet (bitte hier eine bebende Stimme vorstellen), du BRAUCHST aber Youtube regelmäßig!?"

"Klar! Um Y-Titty zu schauen!"

Natürlich. Warum frage ich überhaupt...?

Der Kartenpreis ist schnell herausgefunden, ein stolzer Preis, nur ein Konzert, das ich je besucht habe, war teurer und auf dem war ich nicht wegen der Band sondern ausschließlich wegen der weiblichen Begleitung, das zählt also gar nicht so richtig.

Als ich den Kartenpreis übermittele, wird am anderen Ende der Telefonleitung fröhlich gejuchzt und gequiekt und ich habe meine gute Tat des Tages hiermit offiziell getan. Mir wird noch mit auf den Weg gegeben, ich solle mir "Wei-Titti" doch auch mal anschauen, auf Youtube, wo sonst. Das habe ich unterlassen. Comedy in Deutschland ist, abgesehen von Schneider (Helge, nicht Martin) und Nuhr nicht meine Welt. Zu plump, zu gewollt, zu sehr mit dem Kopf durch die Wand. Witz komm raus, du bist umzingelt. Wenn ich Gestalten wie Barth, Schmitz oder Schneider (Martin, nicht Helge) im TV sehe, dann ist mir nicht zum Lachen, eher zum Weinen. Oder zum Erhängen. Damit das Elend ein Ende hat.

Noch schlimmer als die drei oben genannten Knallchargen sind nur noch die unvermeidliche Cindy aus Marzahn, bei der mir außer den Augen auch die Ohren bluten und Kaya Yanar, der König, Kaiser und wegen mir auch Mullah der Liste der nervendsten "Comedians", der seit EWIGkeiten die immer gleichen Witze bringt, die jedes einzelne Mal auf seiner türkischen Herkunft und den damit einhergehenden wohlbekannten Klischees aufbauen, die es bei Normaldenkenden schon seit Jahren nicht mehr gibt. Oder geben sollte. Im Ernst, wenn ich ab und zu aus Versehen in seine dämliche Show rein zappe, dann schau ich mir den Mist zwei Minuten an und kann meist die aufkommende Pointe mitsprechen, weil sie so dermaßen ersichtlich ist. Und weil ich sie seit Jahren kenne. Auch ist es schon lange nicht mehr lustig (falls es das überhaupt mal war), Videos von Omas, die auf dem Gehweg von einem Windstoß umgepustet werden und stürzen, mit künstlichen Lachern hinterlegt im TV zu zeigen, um dann einen dümmlichen (auch schon Jahre alten) Spruch à la "Guckstu, ist Kartoffel, kann nicht laufen, nur rollen!" zu bringen. (Das nur als Beispiel, da ich eben das vor einiger Zeit beim durch die Gegend zappen in betreffender Show sah).

Ist nicht lustig, weisstu? Ist eher peinlich.

Schwör!

Ich habe mir also "Y-Titty" auf Youtube nicht angesehen. Stattdessen scrollte ich auf der Seite des Kartendealers meines Vertrauens ein wenig durch die Gegend und fand exakt ein für mich interessantes Konzert in der Hauptstadt und in näherer Zukunft. Die "Nine Inch Nails". Für nen Fuffi aufwärts.

"Die müssen alle wahnsinnig geworden sein!" murmelte ich entnervt vor mich hin, als mein Blick an einem Bandnamen hängen blieb.

"A day to remember".

Die Band "kenn" ich noch aus "myspace"-Zeiten. Kennt noch jemand "myspace"? Wo Menschen hingebungsvoll jeden Tag stundenlang an der Optik ihres Profils schraubten und mindestens einmal wöchentlich die Top-Ten-Freundesliste änderten, was dann vermutlich immer zu leidigen "Diskussionen" führte?

Das waren noch Zeiten...vor sieben, acht Jahren.

Ich hab zwar weder je groß am Profil geschraubt noch meine Freunde auf einer virtuellen Liste hin und her geschoben, aber ich fand dort mal zufällig eine Band namens "A day to remember". Das war mitten in dieser ekligen Emo-Phase, in der die gesamte Musik der "Szene" exakt gleich klang und die Fans eben dieser "Szene" auch exakt gleich aussahen, das Geschlecht war dabei egal. Alle optisch uniformiert durch schwarze Klamotten, möglichst viel Metall im Gesicht und wenn man so RICHTIG "Emo" sein wollte, dann toupierte man sich die Haare über beide Augen, sodass man auch garantiert nichts mehr sehen konnte und nahm dann einen Blindenstock oder einen Helfer, um das Messer zum Ritzen zu finden, während "My chemical romance" aus den Boxen weinten.

"A day to remember" war damals anders. Gute Musik, Akkustik-Gitarre, bisschen Schlagzeug, guter Gesang, gute Texte mit Aussage. Ich steh zwar zumeist auf Gebretter, aber damit konnte ich was anfangen. Ich hatte einen neuen "myspace-Freund".

Ein Jahr später (müsste 2006 gewesen sein) ging die Band auf Tournee durch Europa und ich bekam auf "myspace" eine Nachricht. Zusammengefasst wurde mir mitgeteilt, dass die Band in ein paar Tagen Auftritte in Berlin und Frankfurt hätte, danach gäbe es zwei freie Tage und an einem von denen würden sie gern in Hamburg spielen, da die Reise von FFM aus Richtung Dänemark ginge. Ich wurde gefragt, ob ich nicht eventuell einen Club wüsste, der Bock auf eine Liveband hat. Clubs kannte ich einige, leider waren aber alle belegt oder hatten kein Interesse. Also traf ich die Band einfach so und wir haben uns ordentlich betrunken. War auch lustig.

Und jetzt steht "A day to remember" also auf der Liste der in nächster Zeit anstehenden berliner Konzerte.

Nix mehr "Hilfe, dürfen wir bitte irgendwo spielen?" wie damals. Stattdessen Columbia-Halle!

Nix mehr Akkustik-Gitarre und gute Texte. Nun gewollter "Boyband-Emo-Popcore" mit einstudierten Moves in den Videos und einer Extraportion Make-Up vorm Auftritt. Aufgestylte Pseudos. "Wir wollen harte Jungs sein und gleichzeitig die Zielgruppe von vierzehn bis achtzehn bedienen." So kommt das rüber. Peinlich! Eklig! Schleimig! Nein, ich verlinke garantiert kein Video von der Scheißmusik!

Eine Karte für das Konzert kostet übrigens ab 29,95€ aufwärts.

Im Normalfall gönne ich Bands, die ganz unten angefangen haben, ihren Erfolg. Das Ding durchziehen, alles auf eine Karte setzen, entweder klappt es oder es klappt nicht. Der eigenen Linie treu bleiben, das ist, was zählt.

Von "Underground" zu "Mainstream" wechseln? Albern. Ätzend. Entweder steh ich hinter dem Ding, das ich grad mache oder eben nicht. Und in dem Fall spiele ich direkt irgendeine verblödete RnB-Scheiße oder rappe darüber, wie ich Nutten im Koksrausch ficke. Damit kommt man in die Top Ten.

Oder eben mit langweilig hingehauenem Mischmasch aus Popmusik und gewolltem aber nicht gekonntem Gebretter. Mehr schlecht als recht vorgetragen und nichtmal ansatzweise gut - aber was soll`s. Dreck verkauft sich halt.

Und solche Spinner haben mal in meiner Bude geknackt...mein Gott, DAS ist mir peinlich.



Zum Fußball-Wochenende:

Null zu sieben? Neeh, aus dem Postleitzahlen-Gebiet kenn ich niemanden.

Bitte was??

Endergebnis? Bundesliga?? Hör auf, du scherzt doch!

War Fußball am Samstag??? Hab ich nich mitgekriegt. Is mir auch egal. Fußball. Pfff.

Ich weiß von nix.

Samstag, 5. Oktober 2013

Rock mi!

Ich leide.

Und das extrem.

Es hat mich mal wieder erwischt.

Ich habe mal wieder einen Ohrwurm. Und ich LIEBE ja Ohrwürmer.

Irgendwann am Donnerstag der Deutschen Einheit nahte das Unheil in Form eines Werbespots im stummgeschalteten TV, an dem mein Blick hängen blieb. Auf dem Bildschirm zappelten mehrere hippe stylische junge Kerle in so etwas wie einer Choreographie herum, sie bespritzten sich gegenseitig mit Wasser und anscheinend sangen sie.

Ohne Ton erinnerte das an eine Boy-Band oder einen homoerotischen Softporno (wobei zwischen den beiden Auswahlmöglichkeiten die Übergänge wohl eher fließend sind).

"Was zur Hölle ist das jetzt wieder für ein Mist?" dachte ich mir und dann machte ich einen Fehler.

Fernbedienung in die Hand, Stummschaltung beenden, wo ist die Taste? Ah, hier. Klick.

Fehler.

Großer Fehler.

"Komm, zeig mir no a bisserl, i wills a bisserl wissen, rock mi heut Nacht! Tanz ma a bisserl Schieber, oder was ist dir lieber, rock mi heut Nacht! Schau mir in die Augen, Kleine, du bist a ganz a Feine,rock mi heut Nacht! Drah di um, drah di um, bis der Tanzbodn kracht!" dröhnt es aus dem Fernseher. Dazu bespritzen sich junge Männer in einem See schuhplattelnd mit Wasser und strahlen dabei, als wären sie in Fukushima live vor Ort gewesen.

Bei mir setzt augenblicklich eine Schockstarre ein und ich sitze mit offenem Mund da und starre. Das ist wie ein Unfall auf der Autobahn, es ist eklig und überhaupt nicht schön, man kann aber nicht wegschauen.

Als ich mich nach Sekunden wieder rühren kann und panisch auf die Mute-Taste hämmere, ist es bereits zu spät. Die Bilder und vor allem diese elende Melodie samt dem urbayrischen Mist-Refrain sind im Kopf und haben sich tief in die Netzhaut gebrannt und in den Gehörgang gebohrt.

"Komm, zeig mir no a bisserl, i wills a bisserl wissen, rock mi heut Nacht!"

Ich sehe sechs Typen um die 30, alle nett anzusehen, für jeden Geschmack was dabei, die Damenwelt dürfte begeistert sein. Das Boy Band-Ding wird absolut durchgezogen. Da ist einer in bayrischer Tracht, Krachlederne und rot-weiß-kariertes Hemd, es fehlt nur der Seppl-Hut, den kann er nicht tragen, der würd die Frisur ruinieren.

"Tanz ma a bisserl Schieber, oder was ist dir lieber, rock mi heut Nacht!"

Da ist einer im oberkörperbetonten Shirt, dazu trägt er die obligatorische Wollmütze, die man auch im Sommer halt so trägt, wenn man was auf sich hält und ein ziemlich cooler Typ ist.

"Schau mir in die Augen, Kleine, du bist a ganz a Feine,rock mi heut Nacht!"

Da ist einer mit ner Schiebermütze. Die sind ja auch ganz angesagt in letzter Zeit. Zwei oder drei der "feschen Buam" tragen diese ewig langen Ketten um den Hals, die bis zum Bauchnabel baumeln und die man bei H&M für 2,95 hinterher geworfen bekommt, ich nehme jede Wette an, das an zumindest einer ein Kreuz hängt. Muss so sein. Ist erstens in und chic, zweitens will die erzkatholische Fangemeinde bedient werden.

Und welche Frau kann man heutzutage (selbst im tiefsten Unterbayern) noch mit "Du bist a ganz a Feine!" ansprechen, ohne hinterher ihren Handabdruck und die Kratzer der Fingernägel im Gesicht zu haben? Ich mein, so rede ich nichtmal mit dem Hund meiner Eltern, weil mir das zu doof ist. Und der Hund mir wahrscheinlich hinterher aus Rache in die Schuhe pinkelt.

"Drah di um, drah di um, bis der Tanzbodn kracht!"

Für jeden Geschmack ist was dabei. Dunkelhaarig, blond, muskulös, schlank, Typ Aufreißer, Typ schüchterner Junge...eine fucking Boy Band. Nur einen Südländer oder einen Farbigen gibt`s nicht. Durfte früher in kaum einer Boy Band fehlen, mit aufgemotzter Volksmusik für die schunkelnden besoffenen Wies`n-Massen ist das aber wohl nicht kompatibel.

Da stehen sie im seichten Uferwasser vor einer Gebirgskulisse, schuhplatteln, grinsen so sympathisch und eiskalt wie einst Jeffrey Dahmer und ich hab jetzt ihren Scheiß im Ohr und werd ihn nicht mehr los.

Volksmusik-Boy-Bands. Was kommt als nächstes? Schlager-Hipster? Ein junger Jürgen Drews-Verschnitt in skinny Jeans, neonfarbenen Nike Airs und "Arcade Fire"-Shirt, der dann nicht mehr der König von Mallorca sondern der von Eimsbüttel oder Prenzlauer Berg ist? Ich hab ein bisschen Angst...

Rock mi!

Jaja. Fick di!

Freitag, 4. Oktober 2013

Mütter dürfen alles. Oder?

Früher Abend. Feierabendverkehr auf dem Ring 2. Stadteinwärts staut es sich, stadtauswärts geht es verhältnismäßig gut voran.

Auf der anderen Straßenseite steht eine Mutter samt vielleicht zweijährigem Zwerg auf einem Roller, den der Zwerg per Abstoßen mit den Füßen vorwärts bewegt. Die Mutter redet auf den Zwerg ein, ihr Mund geht auf und zu und auf und zu und wieder auf, der Zwerg rebelliert wegen irgendetwas.

Hören kann ich von der anderen Straßenseite nichts, aber ich kann Gesten deuten. Mutter genervt, Zwerg heult, er will nicht tun, was Mutter will. So sind Zwerge halt.

Die Ampel springt auf grün. Mutter läuft los. Ich auch. Der Zwerg bleibt am Bordstein stehen, heulend. Mutter läuft zurück, packt den Zwerg am Oberarm und zerrt ihn auf die Straße, der Mini-Roller kippt um und schabt, da er sich zwischen den Zwergenbeinen verfangen hat, kratzend über den Asphalt, während Mutter weiterhin am Kind zieht, als wäre es ein Reisekoffer. Ich laufe vorbei, kopfschüttelnd ob ihres Verhaltens, sie registriert das und es ist ihr egal.

Als ich an der anderen Straßenseite ankomme, leuchtet die Fußgängerampel bereits wieder rot, die für die Autofahrer leuchtet erst gelb, dann grün.

Mitten auf der Straße liest die Übermutti dem kleinen heulenden Wesen, das vor ihr steht, derweil die Leviten, drohender Zeigefinger und angedeutete Ohrfeige eingeschlossen. Mitten auf der verdammten vierspurigen Straße. Zwischen den hupenden Autos und den riesigen LKWs. Mit aller Ruhe der Welt.

Ich bin Mutter - ich darf das! Ihr alle um mich rum, fickt Euch! Ihr könnt mich kreuzweise! ICH bin Mutter, IHR nicht!

Totschlagargument!

Allein, der Lerneffekt für Junior bleibt mir verschlossen. So da überhaupt einer ist...

Ein älterer Herr ruft sie vom Straßenrand an "Hören Sie mal, was machen Sie da??" Schließlich zerrt sie den noch immer weinenden Knirps am Arm von der Straße - seinen Roller lässt sie mitten darauf liegen. Den liefert der ältere Herr von der anderen Seite bei ihr ab, nachdem seine Ampel grün zeigt...vorher waren die Autos Slalom um das Hindernis gefahren
.
Ein "Danke!", als er das Gefährt unbeschadet bei ihr abliefert? Albern...sie ist Mutter, sie muss nicht danken. Sie darf alles, auch Zeug mitten auf einer der Hauptverkehrsstraßen der zweitgrößten Stadt des Landes liegen lassen, wenn sie das denn will.. Und jemand, der ihr ihr Zeug hinterher trägt, der ist eh eingeplant. Irgendwer wird schon so blöd sein. Ein abschätziges Lächeln für den, der helfen wollte, für den Hinterherträger, den Deppen, ein Bellen Richtung Junior, der zusammenzuckt und vor Schreck (oder Angst?) still wird...Mutter sein kann so einfach sein manchmal.

In letzter Zeit ist mir solches Verhalten öfter aufgefallen. Ich bin Mutter, lass mich durch, lass mich vor, geh mir aus dem Weg, fick dich, ich darf machen, was ich will, denn ich als Mutter bin wichtiger als du!

Natürlich weiß ich, dass nur ein winziger Prozentteil aller Mütter so veranlagt ist.

Ich kenn ja nun auch einige Mütter. Meine zum Beispiel. Ich wurde nie in aller Öffentlichkeit am Arm, der sich bald auskugelte, weinend über eine Straße gezerrt. Wenn ich mein Spielzeug irgendwo liegen ließ (und das tat ich gern), dann hat meine Mutter oder wahlweise auch mein Daddy das höchstpersönlich aufgesammelt und wenn nicht, dann wurde sich bei eventuellen Helfern bedankt, so wie es sich gehört. Oder Sohnemanns Mutter. Die hatte nie solche asozialen Anwandlungen...ich hab Kind, ich hab Recht.

Natürlich haben Mütter, vor allem werdende, Privilegien. Natürlich stehe ich in Bus oder Bahn auf, wenn eine Schwangere einsteigt, das gehört sich so. Natürlich trage ich einer Schwangeren die Einkaufstüten die Treppe zur S-Bahn hoch oder fasse mit an, wenn ein Kinderwagen mit nem Zwerg drin eine Treppe hinauf oder hinuntergetragen werden muss. Das gehört sich so, das ist selbstverständlich. Zumindest sollte es das sein. Ich bin immer wieder verwundert, wie dankbar Menschen sind, wenn man mal sieben Sekunden lang anpackt und einen Kinderbuggy samt sabberndem Zwerg darin ein paar Stufen hochhievt. Mutti freut sich, Zwerg freut sich, ich freu mich, weil ich Karmapunkte gesammelt habe...

Und dann kommen solche Trullen wie die von der Fußgängerampel an. Und signalisieren ganz offen, das es sie einen Scheiß interessiert, was sonst noch so nebendran passiert. Das Kind wird in alles Öffentlichkeit zusammengeschissen, den liegengebliebenen Roller wird wohl irgendwer aufsammeln, irgendeine arme Seele, die mit Sicherheit auch besseres zu tun hätte und nur helfen möchte, was aber egal ist, denn: ICH BIN MUTTER! Und NUR das zählt. Ich muss mich nicht bedanken. Bei so einem...

Danach kann man sich weiter als tolles Elternteil fühlen. Denn es ist ja nix passiert. Das Kind heult zwar immer noch, aber das Gesicht als "starke Frau" hat man gewahrt. Und das Rumgeheule kann man abtrainieren...

Andere Beispiele?

"Hören sie mal, ich bin Mutter, ich bin im Recht!", die Geschichte auf dem Bremer HBF hatte ich ja bereits ausführlich beschrieben. Allerdings immer noch ein Knaller..."Suchen Sie sich bitte einen anderen Platz (in diesem vollkommen überfüllten Zug), denn ich bin im Recht...". Nice!

Karstadt am Gerhart-Hauptmann-Platz an Hamburgs größter Einkaufsmeile. Ich erwische den Fahrstuhl grad so eben noch, ich will in den fünften Stock, Rolltreppen gehen zwar auch, aber wenn eh grad ein Lift da ist (und da es mir dank Höhenangst bei der Reise per Rolltreppe spätestens ab dem dritten Stock schwindelig wird und ich ich mich mit schwitzigen Händen am Geländer festhalte)...das samt Kinderwagen mit schlafendem Wurm inside bereits im Lift stehende Paar reagiert unterschiedlich. Er grinst breit und würd mir für das Erreichen des Lifts durch sich bereits schließende Türen wohl gern eine hohe Fünf geben, seine bessere (?) Hälfte, gedrungen, voluminös und mit dem Gesichtsausdruck eines angepissten Terriers, ist kurz davor, mich mit dem "Avada Kedavra"-Fluch (aus Harry Potter...der bringt einen um) zu belegen.

Der Fahrstuhl fährt in Etage eins, ein altes arabisches (?) Paar steigt zu, begrüßt alle freundlich lachend. Die ziemlich Voluminöse raunt ihrem Kerl deutlich hörbar ein "Ach, auch noch solche!" zu. Es herrscht peinlich berührte Stille.

Der Fahrstuhl stoppt in Etage drei. Das Paar, das samt laufendem Kleinkind vor der Tür steht, realisiert, das kein Platz ist und wünscht fröhlich "gute Reise". Statt ihnen betreten zwei Mittzwanzigerinnen den Fahrstuhl, die passen rein.

Die im Quadrat gewachsene ereifert sich. Natürlich. Jetzt sogar laut. "Ständig hält dieser Aufzug an. Für SOLCHE Leute!" Dann wendet sie sich ihrem peinlich berührt dreinschauendem Kerl zu. "Nächstes Mal tragen wir den Buggy lieber die Treppen hoch und tun uns sowas hier nicht mehr an!" Einer im Hintergrund kann nicht mehr an sich halten. "Das wär super für alle, die hier drin sind! Endlich Ruhe!!" ruft er. Ich muss breit grinsen. "Ja, und mehr Platz hätten wir auch!" raunt ein älterer Herr neben mir sich durchaus hörbar in den Bart.

Als alle den Fahrstuhl verlassen, gibt der als Mutter getarnte Silberrücken dem Kinderwagen einen Stoß und der Nachwuchs wacht auf und weint. Herzzerreissend. "Mutter" kommentiert das mit "Ach, Scheiße!", der mutmaßliche Kindsvater steht mit hängenden Schultern daneben.

Ich seh ja oft Paare, bei denen ich denke "Bitte BITTE, pflanzt Euch nicht fort, es ist besser für die gesamte Menschheit!" Dieses Mal war ich leider zu spät. Das arme Kind...

Noch ein Beispiel? Gern!

Zoo Münster. Ja, der mit dem Killer-Tiger, der bestialisch seinen Pfleger gemeuchelt hat...warum hat den eigentlich noch keiner erschossen? Dieses von Grund auf böse Tier? Den Killer? Den Mörder? Der Sarkasmus kommt hoffentlich rüber...

Drei Wochen vor der Tragödie war ich mit der Verwandschaft auf Familienbesuch dort im Allwetterzoo. Vorm Tiger-Gehege standen wir auch recht lange, Omi staunte über die majestätischen Tiere, Daddy qualmte eine, Tantchen suchte nach "dem Löwen" und die Cousine schoss Foto um Foto.

Der Zoo hat auch ein Aquarium und in dem standen Daddy, Cousinchen und ich. Das Aquarium ist recht simpel angelegt, nichts dolles, es beherbergt aber teils sehr abgefahrenes Viehzeug, das ich als zoologie-affiner Mensch in Form mehrerer bunt gemusterter Fische, gern aus der Nähe gesehen hätte.

Nicht zuletzt der Aquarien-Bewohner wegen hatte ich mir den Münsteraner Zoo ausgesucht und jetzt ist das Becken mit den Viechern, auf die ich mich schon lange freue, in Sichtweite. Aus der Ferne kann ich Kuhfisch, Leopard-Drücker und Konsorten erahnen.

Vor dem Becken parken in Längsrichtung hintereinander quasi wie ein Schutzzaun zwei SUV-Kinderwagen (ich nehme an, für den Ausdruck hat der Kiezneurotiker bereits ein copyright angemeldet), beide leer. Die dazugehörigen Mütter stehen drei Meter weiter, ihre Knirpse auf dem Arm wiegend und ihnen gut zuredend. Die leeren Kinderwagen versperren die komplette Front des Beckens, ein näheres Herantreten ist unmöglich, ein Einsehen ins Becken eh nicht. Daddy schiebt einen der Kinderwagen ein kleines Stückchen zur Seite, damit er und ich näher an die Glasfront des Aquariums treten können, in dem die exotischen Fische herumpaddeln.

Der Kinderwagen rollt etwa einen halben Meter weit. Und die vorher in der Ecke stehende Besitzerin, der immer noch ihr Säugling vor der Brust (nicht AN der Brust!!) hängt, explodiert. Denn sie ist Mutter. Sie darf tun, was immer sie will. Auch, wenn ihr Kinderwagen dutzenden von Menschen, die teuren Eintritt gezahlt haben, die Sicht versperrt und/oder den Weg blockiert. Sie ist Mutter. Ergo hat sie jedes sich vorstellbare Recht. Und Daddy hat ihren Kinderwagen angefasst und sogar verschoben. Alter!

Daddy ist vollkommen überrascht ob der Konfrontation mit der Furie, die ihn mit Beleidigungen belegt und deren Brut derweil laut krähend vor ihrem Oberkörper herumbaumelt. Super-Mutti schüttelt ihr Kind während ihres Ausbruchs durch wie einen Milch-Shake, ich mache mir ernsthaft Sorgen um seine Gesundheit. Nicht nur in diesem Moment, eher generell...wenn die "Mutter" bei so einer Kleinigkeit so abdreht, was macht die, wenn das Kind mal zuhaus Mist baut? Ich mag es mir nicht vorstellen...aber bei so einem Aggressions-Potenzial bleibt es da wohl nicht beim Klaps auf die Finger...

Während der ganzen Aktion, die meinem Daddy gehörig den Spaß am Zoo-Besuch verhauen hat, ging das Kleinkind, das in den anderen Kinderwagen gehörte, übrigens stiften, die dazugehörige Mutter bemerkte das erst, als niederländische Besucher es zurück brachten. Ein Wort des Dankes? Nicht nötig. Sie ist ja Mutter. Zumindest auf dem Papier.

Es gibt so viele Situationen, in denen ich mich frage, warum die Evolution manchen Menschen die Fähigkeit zur Kopulation und Fortpflanzung gegeben hat - wäre ich der Entscheider, ich würd das nicht erlauben. (Hier warte ich jetzt auf jemanden mit Nazi-Keule und Herrenrasse-Argumentation. Und ohne Kenntnis von wiederum Ironie und Sarkasmus).

Ganz im Ernst: Es ist (manchmal oder gar oft) schwer Mutter (oder evtl generell Elternteil) zu sein. KEINE Frage...hab ich selber erlebt. Aber muss man deswegen zum Arschloch oder Ego-Zombie mutieren?

Ich denke nicht.

Dienstag, 10. September 2013

Wenn einer eine (Bahn-)Reise tut; Bahnhof Leer

Die knüppelvolle Regionalbahn Richtung Norddeich-Mole rattert durch das dörfliche Niedersachsen, Metropolen wie Westerstede-Ocholt und Augustfehn werden passiert und nichts passiert, die Bahn steht nur kurz an den kleinen Bahnhöfen und links neben dem Bahnhofsgebäude legt eine Kuh einen dampfenden Fladen auf die Wiese, während sie wiederkäuend Richtung Bahn äugt.

Erste Heimatgefühle kriechen in mir hoch und ich muss mich kurz schütteln.

"Nächste Haltestelle: Leer Hauptbahnhof. Wir verabschieden alle nun aussteigenden Gäste und wünschen einen angenehmen Aufenthalt!" verkündet der freundliche Zugbegleiter per Durchsage, in Wirklichkeit wird er vor Schadenfreude feixend in seinem Kabuff sitzen und jedem einzelnen, der gleich in Leer die Bahn verlässt, in Gedanken und grinsend eine Tüte Mitleid hinterher senden, sich dabei die Hände reibend, weil er mit seinem Zug fix wieder weg ist aus Leer. Weiter Richtung Küste.

Allein schon, dem Durchreisenden einen angenehmen Aufenthalt zu wünschen...in Leer...das KANN nicht ernstgemeint sein! Das ist böse und gemein, man drückt dem hier Aus-/Umsteigenden quasi die Gräßlichkeit des Ortes, an dem er die nächste Zeit verbringen wird, noch ins Gesicht. Unverhohlen und grinsend. "Angenehmen Aufenthalt in Leer!" ist wie "Viel Spaß bei der Wurzelbehandlung!" oder "Dein Hund wird eingeschläfert? Ach, wird sicher gut!"

Ich bin der festen Überzeugung: Leer, besonders der Hauptbahnhof Leer, ist der schlimmste Ort der Welt!

"Aurich ist schaurig. Aber Leer noch viel mehr!"

Ein Satz, den wohl jeder Norddeutsche schon zumindest einmal in seinem Leben gehört hat, ob jetzt als ironischen Witz, als sturzbesoffen herausgerülpste Halbwahrheit oder als mit mahnemdem Finger vorgetragene Lebensweisheit als kleiner Junge von seinem Opa. Wie bei mir. Wobei er das vermutlich auch nicht todernst meinte, aber es ist hängen geblieben.

Die Regionalbahn spült ihren Inhalt auf den Bahnsteig Nummer vier, das heißt, die paarhundert Menschen müssen jetzt erstmal eine enge Treppe hinunter, das Gepäcklaufband rechts neben der Treppe läuft schneller als der Fußgängerstau hinab kommt und diverse ältere Menschen werden fast von ihrem Gepäck mitgerissen, ein gebrechlicher Herr, optisch so 80, verhindert einen Sturz nur, weil er meine Hand beim Taumeln zu Fassen bekommt und ich ihn instinktiv festhalten kann. Gesehen hatte ich ihn im Gedränge vorher gar nicht. Sein Koffer ballert das Laufband herunter und er schaut sichtlich geschockt. Aber ihm geht es gut, versichert er mir und er kann auch schon wieder scherzen, wie Tarzan an der Liane habe er sich schließlich festgehalten an mir. Ich nicke. Er lacht. Ich auch. Aber eher erleichtert. Nix passiert.

Unten angekommen kommt das "Highlight". Eine uralte Unterführung für Fußgänger, maximal vier Meter breit und drei Meter hoch, stickig, eng, eklig...Love Parade 2010 anyone? Ich weiß nicht, wer sich so einen Scheiß für einen Bahnhof ausgedacht hat, aber man sollte ihn öffentlich teeren und federn! Am Ende des Tunnels wartet erneut eine enge Treppe mit einen seitlich mitlaufenden Gepäckband. Beware.

Nach dem ganzen Stress wünscht Mensch sich ein paar ruhige Minuten. Hinsetzen, was trinken, was essen, eine rauchen. Ich erinnerte mich an meinen in Bremen erworbenen Burger!

Kackbrötchen, Chemiekäse, "Fleisch"patties...YEAH!!

Also suchte ich mir einen geeigneten Sitzplatz.

(Ich fahre seit über zehn Jahren regelmäßig über diesen Bahnhof, die Aussichtslosigkeit meiner Suche war mir bewusst. Die Hoffnung stirbt zuletzt...)

Zuerst draußen auf dem Bahnhofsvorplatz. Da steht ein Brunnen und man kann auf Treppen sitzen.

Auf den Treppen sitzen die ortsansässigen Jugendlichen, trinken PET-Bier, ansonsten haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, vorbeilaufende Frauen unterirdischst "anzumachen" und nebenbei den Vorplatz in einen Spuckesee zu verwandeln.

Abgeschreckt taumelte ich, meinen irritierenderweise noch leicht warmen Burger in der Hand haltend, rückwärts, zurück in den Innenraum des Bahnhofsgebäudes. Dort gibt es vier Sitzplätze, naturgemäß sind die bei der Anzahl der Durchreisenden IMMER besetzt...wenn man Glück hat, dann hat sich ein Wohnungsloser dort breit gemacht und pennt...wacht aber auf, während man noch auf seine Bahn wartet, packt sein Hab und Gut und geht. Dann kann man sich problemlos auf die freigewordenen, aber fies ungemütlichen, da aus Metallgeflecht gemachten Plätze setzen, die zumindest aber nicht vor Rotze triefen.

Denn Obdachlose rotzen keine Pfützen auf Fußböden, sowas tun nur Asis.

Im Bahnhofsgebäude gibt es außer einer Unmenge Unmenschen auch noch einen Bäcker/Cafe. Soll gut sein. Hat aber nie auf, wenn ich in Leer am Bahnhof mein Leid friste, was bei jedem Aufenthalt und unabhängig von Tageszeiten oder Reiserichtungen immer mindesten 45 Minuten sind. Gegenüber des Bäcker-Cafes gibt es eine Buchhandlung, die immer geöffnet zu haben scheint, selbst an Feiertagen kann man ein paar Minuten dort totschlagen.

Auf dem Bahnsteig von Gleis eins, von dem auch bald mein Zug ins deprimierende Emsland abfährt...ich freu mich inzwischen darauf, alles ist besser als DAS hier, sitzen und stehen einige obskure Gestalten.

Verwachsene, für ihre aufgeqollenen Körper viel zu junge, in Camouflage und pink "gekleidete" "jugendliche" Mädels Tussen, schwerlich als solche zu erkennen, keine von denen wird älter als 18 gewesen sein...wenn man nicht genau hinschaute, was empfehlenswert war, dann konnte man jede von denen mit einem Panzernashorn, gewandet in Camouflage oder pink, verwechseln. Die Handies dudelten nicht synchronisiert "Stress ohne Grund" vom absolut obergeilen Macker Bushido in die Gegend...und ich glaub, selbst dem wäre das peinlich gewesen. Schwör!

Ich verzog mich mit meinem (inzwischen natürlich komplett erkalteten) Burger wieder zum Vorplatz, hockte mich auf den Rand des Brunnens, der zu einem Drittel mit Müll befüllt war, Zigarettenschachteln und -filter, alte Zeitungen, Verpackungen des unsäglich schlechten Dönerdealers neben dem Bahnhof, den ich eigentlich verschweigen wollte, Bierdosen und - natürlich, mir war ja noch nicht schlecht genug - ein paar Kondome.

Wie zu erwarten war, schmeckte der Burger schlimm, heiß wäre er wohl marginal besser gewesen...ich fand vier Scheiben Jalapenos, die waren gut...der Rest? Kurz habe ich überlegt, meinen angefressenen Burger-Rest dem blondierten Jüngling mit Augenbrauenpiercing frontal ins Gesicht zu rammen, der zwei Meter neben mir seine Gesichtsgrätsche befummelte ...knutschen...rotzen...knutschen...rotzen... bitte BITTE pflanzt euch NIE fort!! Ein frommer Wunsch, haben sie vermutlich eh schon... Ich hab dann lieber Tauben mit dem Burger gefüttert. Solang, bis die beiden "Hübschen" flüchteten. Nicht ohne die Federviecher vorher mit Geschlechtsverkehr zu bedrohen. "Eyh, hau ab oder isch fick disch!" Ich wär um mein Leben gerannt...

Ein Blick auf die Uhr: Es ist bald überstanden. In zehn Minuten kommt meine Bahn. Ich war selten froher, ins Nichts zu fahren!

Auf Gleis eins warte ich mit vielen anderen. Eine Gruppe Endsechziger, quietschvergnügt und bierselig. Vier Jugendliche, ausgestattet mit Spirituosen noch und nöcher. "Wir fahn na Osnabrügg...sum feian! Beim Gumbel!" erklärt mir ein Schwankender und seine ganz niedliche Begleitung rollt mit den Augen. "Der ist jetzt schon dicht, in Osna packen wir den direkt ins Bett! Wenn du n Bier willst, setz dich zu uns!" Ein Angebot, das ich sehr gern annehme. Es gibt einiges weg zu trinken nach diesen knapp 50 Minuten in...

...Leer.

Leer in Ostfriesland.

Zumindest der Bahnhof ist einer der schlimmsten Orte der Welt! Ganz ehrlich!

Donnerstag, 11. Juli 2013

Was nervt.

Es gibt Dinge, die nerven.

Parkplatzsuche mit Freundin F. zum Beispiel, die ihr Auto nicht in für Lastwagen gemachten Parklücken unterbringen kann, sie braucht eine Freifläche von der Größe der halben Binnenalster, um ihr Klein-KFZ unbeschadet irgendwo einzuparken, sowas ist in HH schwer zu finden, sie vertraut aber jedes Mal wieder darauf und ich ertrage es stoisch vom Beifahrersitz aus, denn ich habe gelernt, das Hereinreden sie das Fahrzeug nur noch konfuser herumsteuern lässt und das Gefahrenpotential, das eh schon nicht niedrig ist, nur noch erhöht.

Also bin ich still.

Manche Dinge nerven sogar sehr.

Wespen, die sich seit Jahren in den warmen Monaten durchs gekippte Fenster immer wieder in mein Schlafzimmer verirren - natürlich immer dann, wenn ich grad gemütlich liege - und die dann laut summen und, dämlich wie sie sind, immer wieder voll gegen die Fensterscheibe fliegen, weil sie selbst nach der fünfundzwanzigsten Kollision mit eben jener nicht checken, daß das nicht der Weg nach draußen ist.

"Summ summ summ...PONG...Pause, Wespe sitzt verdattert und mit Brummschädel auf der Fensterbank...summ summ summ...PONG...Pause..." Und so weiter. Sie geben nicht auf! Wespen sind vermutlich das dümmste Viehzeug, das ich kenne.

Irgendwann stehe fluchend auf, fange das dämliche Mistvieh mit einem Becher ein und entlasse es in die Freiheit, brülle unflätige Schimpfworte hinterher und lege mich wieder hin. Kaum liege ich entspannt und bequem, so summt und pongt es wieder. Wespen sind alle dumm. Bald wird es bei RTL2 eine Daily Soap über sie geben.

Oder die Leistung meiner Herzensmannschaft in der letzten Saison. Mein Gott, wie das nervt! Aber ich mag nicht drüber reden. Oder schreiben.

Manche Dinge nerven mich so richtig derbe, daß ich sie gerne abschaffen möchte.

Zum Beispiel die BILD-Zeitung mit ihren reißerischen und (zumindest in der online-Version) oft grammatikalisch grauenhaften Artikeln, die ich zur Belustigung lese, - oder besser: zur Belustigung lesen wollte - eine dumme Angewohnheit, die ich mir abgewöhnen sollte.

Denn das klappt fast nie, das mit der Belustigung, da ich mich zumeist über oben genanntes oder andere Dinge wie Worttrennungen per sinnlosem Bindestrich (Binde-Strich), blutrünstige reißerische Wortkombinationen ("Killer-...", "Blut-..." und "Hammer-..." sind immer gern genommen, auch in Kombination und letzteres gern im Sportsegment...Sport-Segment) so aufrege, daß der eh schon auf ein Minimum begrenzte Informationsanteil, den diese schlimme Parodie einer Tageszeitung vermittelt, vollkommen ins Leere läuft.

So speichere ich beispielsweise nie das Alter von Mandy/Jacky/Eileen aus Luckenwalde/Erfurt/Bottrop, die ihren Opa/ihre Oma/die Schwiegereltern überraschen will, indem sie auf Seite eins der tragischerweise populärsten Tageszeitung der Nation obenrum blank zieht und sich so zur Wichsvorlage für Bauarbeiter quer durch die Republik macht.

Mama ist stolz.

Bestimmt.

Und Opa oder Schwiegerpapa freuen sich sicher auch. Irgendwann. Allein unter der Dusche.

Und was am allerALLERschlimmsten nervt:

Ohrwürmer!

Und ich hab seit einigen Tagen einen. Gruseligster Art! Schlimm, ganz schlimm! Er geht nicht weg, ich schlafe damit ein, wache damit auf, selbst, wenn ich andere, GUTE, laute Musik höre, dudelt "Daft Punks" "Get lucky" im Hintergrund herum.

Nicht anhören, bitte keinen Selbstversuch, man wird es nicht mehr los! Selbst dann nicht, wenn man mit dem Kopf auf den Schreibtisch haut. Das tut nur weh. Untermalt von "Daft Punk".

Wegsaufen geht auch nicht, hab ich am Wochenende probiert. Null Erfolg.

Ich denke, ich gebe auf. Warte, bis ich alt und grau und senil werde. Und "Daft Punk" vergesse.

Bis dahin gilt:

"I'm up all night to get lucky!"

Samstag, 29. Juni 2013

Der jährliche Angriff der Schlager-Zombies

Es ist mal wieder soweit!

Heute ist "Schlagermove" in Hamburg.

Horden verkleideter sturzbesoffener Feierwütiger begleiten geschmückte LKWs, von denen Songs vom Wendler, Tim Toupet oder ähnlichen Möchtegern-Musikanten herunter schallen, durch St. Pauli, über die Reeperbahn, die ich generell schon nicht leiden kann und heute noch mit einem extragroßen Schuß Abneigung bedenke.

Die zumeist gespielte gute Laune finde ich furchtbar und allein beim Gedanken an diese Karawane der total Bekloppten, die da saufend, schunkelnd, johlend und wahlweise pissend oder kotzend durch die Straßen zieht, schmerzen mir die Augen, bluten mir die Ohren und ich bekomme juckenden Ausschlag und Dünnpfiff.

"Schlagermove". Warum bloß?!?

Tatsächlich gibt es im Bekanntenkreis noch Menschen, die mich auch dieses Jahr wieder fragten, ob ich nicht mitkommen wolle.

Es ist verrückt, sie geben nicht auf. Kennen mich seit Jahren und versuchen es trotzdem jedes Jahr aufs Neue. Beeindruckend irgendwie.

Und nervig.

"Hey, nächste Woche ist Schlagermove! Komm doch mit! Dieses Jahr wird es sicher total klasse!"

"Danke nein, ich verzichte. Und das gern! Wie oft müssen wir diese Diskussion eigentlich noch führen?"

"Wir müssten das ja nicht tun, wenn du einfach mitkommen würdest. Aber du sträubst dich ja! Dabei haben wir so tolle Kostüme!"

"...!"

"Was wirst du denn stattdessen tun, während wir Spaß haben?"

"Wie jedes Jahr werde ich bezweifeln, daß ihr tatsächlich Spaß habt. Und anscheinend lieg ich da ja auch nie so verkehrt, wenn ich an Erzählungen der letzten Jahre denke."

Darauf folgt meist Schweigen.

(Ähnliche Diskussionen gibt es übrigens in jährlicher Wiederholung auch zur LiLaBe (ein als Karnevals-Party getarntes Sauf-und-Grapsch-Event) und vor großen Festivals wie RaR, Hurricane etc. Der Wortlaut dürfte zu 95% übereinstimmen, das Ergebnis ist immer gleich.)

Meine paar Leutchen sind also auch dieses Jahr wieder ohne mich losgezogen. Zum Glück.

Denn zwei Mal war da in St. Pauli auf der Reeperbahn zum Schlagermove.

Zum ersten Mal 2002, grad aus NRW in die große Stadt gezogen, blutjung noch (fast) und bereit, große Taten zu vollbringen und neue Abenteuer zu erleben.

"Schlagermove? Kenn ich nich, geh ich hin! Mann Alter, du lebst jetzt in ner Großstadt! Wie geil ist das, du bist jetzt voll independent und so, fett!" hab ich mir vermutlich gedacht und als ich dann mitten im Trubel stand, dachte ich sicher sowas wie "Das ist lustig, da ziehen paar Irre in Verkleidung durch die Reeperbahn, die ich ja eh toll finde, da wo ich herkomm oder da wo ich bisher gewohnt hab, da gibts sowas nicht. Ach Reeperbahn, super! Ich lieb das alles, die Leute in ihren Verkleidungen, gut, sind alle ziemlich dicht...was solls! Spaß haben!"

Jung und unbedarft.

Jung und unbedarft hatte ich dann auch kurz drauf einen abgeschlagenen Flaschenhals an der Kehle und nachdem der lustig verkleidete Typ mit dem russischen Akzent und der Clownsmaske meine Kohle eingesteckt und mir zum Abschied in den Magen geschlagen hatte, verschwand er johlend in der feiernden Menge.

#Großstadtleben #youliveyoulearn

Darunter hab ich's verbucht.

Zwei Jahre drauf hab ich mich nochmal breitschlagen lassen. Mädel wollt hin, ich fand das Mädel toll und in solchen Situationen tut man(n) dann ja gern mal Dummes. Sie tanzte, hatte eine gute Zeit und zappelte und juchzte herum, ich wünschte mir derweil, die Welt stumm schalten zu können wie einen Fernseher, ertrug mein Schicksal aber (mit Hoffnung auf das, was da doch gern noch kommen sollte) ansonsten recht tapfer. Aber dann...

"Ach, das ist aber ganz toll, wie sie da auf ihre Freundin aufpassen!" säuselt es schwülstig von links. Eine ältere Dame um die 65.

"Danke. Ich pass nicht auf, ich guck nur so rum. Ist auch gar nicht meine Freundin, ich arbeite noch dran."

Keine Minute später spür ich den Griff einer knochigen Hand am Oberschenkel, sehr nah, ZU nah am Schritt und mir schwant Furchtbares. Und links neben mir sehe ich ein fast zahnloses Grinsen und eine an den eingefallenen Lippen herumspielende Zunge...

...geistesgegenwärtig bin ich der Klaue des zahnlosen Todes entkommen, habe mir meine Begleitung unter den Arm geklemmt und dann das Weite gesucht.

Außerhalb von Zombieland fetete sie weiter, als wenn nichts gewesen wär, heute lacht sie sich schief, wenn ich die Geschichte anspreche und boxt mir lachend gegen den Arm, wenn ich ihrer Meinung nach mal wieder übertreibe, wenn ich von der züngelnden Zahnlosen erzähle.

Sie macht es sich leicht. Fragte auch gestern wieder, ob ich nicht doch mitkommen wolle, vielleicht würd ich ja wen kennenlernen. Den sarkastischen Unterton und den aufkommenden Lachkrampf versucht sie gar nicht erst zu unterdrücken.

Aber irgendwann erwischen die Zombies vom Schlagermove auch sie.

Und dann lach ich! Und zwar als Letzter und am besten!

Dienstag, 14. Mai 2013

#idiots

Als ich vorhin vom Einkaufen heim kam, blitzten in der Nebenstraße blaue Lichter und beleuchteten die einsetzende Dämmerung.

Vor Hausnummer sieben oder acht standen zwei Fahrzeuge, ein kleiner Notarztwagen und ein großer RTW, die enge Einbahnstraße mit Kopfsteinpflasterbelag war dadurch komplett blockiert. Einige weiß gekleidete Sanitäter rannten hektisch herum und ich lief lieber einen Umweg nach Hause, als dort direkt vorbei zu gehen.

Direkt hinter dem RTW, mit kaum zwei Metern Abstand, saß ein junger Kerl in einem aufgemotzten Ungetüm, hupte unentwegt und gestikulierte, begleitet von lautem Geschrei, wild den Medizinern zu, ob sie nicht vielleicht noch langsamer ihren Job machen könnten, er hätte schließlich Termine.

Den Rückwärtsgang einzulegen und 40 Meter rückwärts zur vorherigen Abzweigung zu rollen, schien wohl zuviel Aufwand zu sein. Oder schlicht unwürdig.

Drei Minuten später in meiner Wohnung hörte ich ihn durchs Fenster immer noch hupen und schreien.

Manche Leute möchte man gern an den Ohren aus ihrem dämlichen tiefergelegten Reiskocher ziehen und sie den verchromten Sportauspuff schlucken lassen!

#idiots #they_are_everywhere

Sonntag, 27. Januar 2013

Ich hab ein Hirn, holt mich hier raus!

Endlich!

Endlich wissen wir, wer es ist, wer den renomiertesten Titel in der deutschen TV-Landschaft, ach, was red ich, europaweit, weltweit, was sind schon die "Oscars", komm, bringen wirs auf den Punkt...den renomiertesten im ganzen verdammten Universum im Jahre 2013 gewonnen hat!!

Joey Heindle!! Er ist Dschungelkönig!! Juhuuuuuuuu...

"Moment, Joey wer??" werden sich nun die meisten völlig zurecht fragen und genauso erging es mir, als mir vor einiger Zeit die Freundin eines Kumpels freudestrahlend erzählte, dieser ominöse "Joey Heindle" mache beim RTL-Dschungelcamp mit. Normale Menschen schalten ja spätestens, nachdem sie "RTL" gehört haben, ab...(das Wortspiel war nun ehrlich unbeabsichtigt!)..., die Freundin meines Kumpels ist aber nicht normal. Allermeist im absolut positiven Sinne, was ihr Fernsehverhalten angeht - nein! Sie schaut sich das an. All den Schrott. Begeistert. Fiebert mit. Hat ihn angesteckt. Es ist unglaublich!

Ich komm rein. "Alter, setz dich hin, "Bauer sucht Frau" läuft nur noch zwölf Minuten!" Ich setze mich hin und sehe Ungefickte, die knöcheltief in Gülle stehen und den Oberlippenbartversuch voraus in die Kamera seiern, sie seien auf der Suche nach der großen Liebe. Im Karohemd in Kuhscheiße watend. RTL.

Ich komm rein. "Alter, setz dich hin, "Der Bachelor" läuft nur noch zehn Minuten!" Ich setze mich hin und sehe einen Haufen durchnittlich bis kaum attraktiver Trullas der billigeren Sorte, die sich vermutlich auch waterboarden lassen würden, um den Bätschela und mit ihm auch eine Nachricht auf Seite eins in der Zeitung mit den vier Buchstaben zu bekommen. Dieser sitzt derweil paschamäßig im Nobelfummel, den er garantiert nicht selber gezahlt hat, irgendwo in der Südsee herum und lässt die Nutten, pardon, die Puppen tanzen. RTL.

Ich komm rein. "Alter, setz dich, "GNTM" läuft nur noch acht Minuten!" Ich setze mich hin und sehe klapperdürre Durchschnittstussen, die sich anschreien, dissen, ab und zu mal daran scheitern, vier Meter geradeaus zu laufen und auch ansonsten nicht viel zu können scheinen. "Was heißt nochmal "GNTM"?" frage ich. "Germanys Next Top Model"! Aha. PRO7. Andere Sender können also auch Scheiße.

Noch ein Beispiel gefällig? Gern!

Ich komm rein. "Alter, setz dich hin, "Berlin - Tag und Nacht" läuft nur noch sechs Minuten!" Ich setze mich hin und sehe volltätowierte Asi-Prolls und meist ebenso volltätowierte Asi-Tussen, die sich "Schauspieler" nennen und vorgeben, daß das, was sie da tun, das "echte Leben" sei. Es wird fast ausschließlich geflucht, gepöbelt, geprollt oder gehurt. Es ist nicht zu ertragen. Eine unfassbare Scheiße! Aber es hat Erfolg! Zu dem Dreck gibts tatsächlich einen Spin-Off namens "Köln 50667", wenigstens regt sich in Köln der Widerstand, man will die Serie nicht mehr, ein wenig Hoffnung auf Intelligenz da draußen besteht noch. Läuft beides auf RTL2, dem Bodensatz der deutschen Fernsehlandschaft, schlimmer geht nicht mehr. Ich schäme mich fast dafür, das zu wissen...

Die Freundin meines Kumpels feiert jede dieser Sendungen ab, jede einzelne. Kennt die Namen der Protagonisten, füttert mich mit Informationen zu den Sendungen, die ich maximal zu einem Viertel verstehe.

Und vor ein paar Tagen hat sie es geschafft. Hat mich geknackt.

Ich habe von ganz alleine und ohne Fremdeinwirkung das "Dschungelcamp" geschaut, bin beim Zappen da hängengeblieben und dachte mir "Ach, was solls...". Vorher nur zwangsläufig winzige Informationen darüber online aufgepickt, man kann ja kaum dran vorbei lesen. Von den "Promis", die dort angeblich teilnahmen, kannte ich genau zwei, Helmut Berger und Olivia Jones, die/den kennt aber in Hamburg wohl jeder, da kommt man ja nicht drumrum.

So hab ich mich also in meinen Fernsehsessel gesetzt ("Alter, setz dich hin!"), habe auf die Uhr geschaut ('"Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" dauert noch 25 Minuten!") und habe dann mir unbekannten angeblichen "Promis" beim lästern, herumgammeln oder konsumieren von Ungeziefer, Känguruhblut und Schweineanus zugesehen. Warum auch immer. Ich kann es nicht begründen. Vermutlich wie bei nem Unfall auf der Autobahn, man kann nicht wegschauen.

Vorhin dann die SMS. "Joey ist Dschungelkönig wie coll ich feier voll ab!!!!!!!" (Zitat Ende) Kurz hab ich überlegt, wer nochmal "Joey" ist. Dann kam die Erkenntnis. "Ach ja, der Idiot!" Ich habe nicht zurückgetextet.

Ich gehe mich jetzt zur Strafe fürs Gucken des "Dschungel-Camps" bis heut Abend selber geißeln - und danach schau ich die Aufzeichnung von DSDS! Hah! Und danach weise ich mich in eine Psychatrie meiner Wahl ein...

Samstag, 1. Dezember 2012

Anarchy in Barmbek Nord.

Ich laufe die Straße entlang, auf dem Weg zum Bus, der immer zu spät kommt.

Entdecke ein richtig schlechtes Tag, mit schwarzem Edding an eine Haustür gehauen.. Es zeigt das Anarchie-Zeichen, dreckig dahingeschmiert, richtig übel.. Ich lache. Und entdecke das gleiche schlecht geschmierte Tag auf der Gepäcktasche eines angeschlossenen Fahrrads. Ich lache. Drei Meter weiter seh ich es wieder, an der Begrenzungsmauer einer Grünfläche. Ich lache jetzt nicht mehr, ich wundere mich. Was ist denn hier los?

Auf den folgenden Metern entdecke ich einige weitere dieser Zeichen. Ich liebe Street Art, ich war selber früher unterwegs und habe (mehr schlecht als recht, definitiv besser als das hier) gemalt...aber DAS?? Das ist ja nichtmal "mehr schlecht als recht", das kriegt auch ein besoffener Schimpanse hin.

Am Straßenrand sehe ich eine Nachbarin in meinem Alter, man ist sich bekannt, man grüßt sich, man hat zusammen bei Bobby abgehangen.

Ich geh zur ihr rüber und sehe die bisher größte Zeichnung, schlecht angebracht, grausig geradezu, an der blechernen Einfassung ihres Müllcontainers. Ein Grausen aus schwarzen Eddingstrichen..




"Sag mal, weißt du, wer das gemacht hat?" frage ich, auf das Zeichen deutend.

Sie strahlt. "Ja ach, die Karla (ihre Tochter, Anmerkung des Autors) hat gefeiert, sie ist ja jetzt fünfzehn, und ihr Freund Noel-Quentin war da, der wird bald sechzehn. Und der ist Punk. Hört Green Day und sowas. Ist ja nicht meins. Aber Karla ist total verliebt, total süß!"

 "Ach, der ist Punk? So weil wegen Green Day?" ironisiere ich, deutlich an meiner Mimik zu erkennen...

...was sie nicht bemerkt. "Ja, der ist Punk! Aber kennen tun die beiden sich aus nem Justin Bieber-Forum. Karla steht doch auf den Justin! Und den mag der Noel-Quentin auch SO gern!! Er sieht auch so aus! Genau so, echt!! Das ist so ein Süßer!! Er hat das gemalt, ich finds toll, jetzt haben wir auch Straßenkunst in unserer Nachbarschaft!!"

"Straßenkunst". "Street art".. Sie tritt das Wort mit Füßen und bemerkt es nicht einmal. Ich mag solche Menschen nicht. So gar nicht.

Wortlos drehe ich mich um und gehe. Das ist nichtmal einen Mittelfinger wert.