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Freitag, 24. Oktober 2014

Briefmarkensammlung 2.0

Mein Vater sammelt seit ewigen Zeiten Briefmarken. Parallel dazu natürlich auch Münzen, das scheint sich ja eh irgendwie gegenseitig zu bedingen.

Meine Mutter sammelt Spieluhren, inzwischen hat sie so viele davon, bald 300 Stück, daß mein ehemaliges Kinderzimmer mittels einiger Vitrinen in eine Art Spieluhren-Museum umgestaltet wurde, für das sie problemlos ein paar Taler Eintritt verlangen könnte.

Ich habe früher jahrelang wie ein Wahnsinniger Trading Cards der NBA aus den USA - also Basketball-Sammelkarten - gesammelt, da bin ich nach meiner ersten Reise über den großen Teich 1995 drauf hängen geblieben und ich habe tatsächlich ein paar wertvolle Exemplare, dem legendären Michael "Air" Jordan sei's gedankt.

Als Altersrücklage taugen die natürlich nicht, aber laut der letzten Internet-Recherche wäre zumindest eine neue Waschmaschine oder ein neuer Herd drin, vorausgesetzt ich finde einen Bekloppten, der die in entsprechenden Foren ausgeschriebenen dreistelligen Summen für ein paar hochglanzbedruckte Pappkärtchen zahlt. Soll es ja geben, solche Irren.

Briefmarken, Münzen, Spieluhren, Sammelkarten, alles kalter Kaffee!

Das hier ist der neue heiße Scheiß:



Kommt sicher auch super bei der Damenwelt an, garantiert besser als die ausgelatschte und angeranzte "Soll ich dir mal meine Briefmarkensammlung zeigen?"-Nummer.

"Soll ich dir mal meine Streichholzschachtelsammlung zeigen?" kommt da schon deutlich spannender um die Ecke.

Fast schon rebellisch. Und vor allem unerwartet.

Überraschungsmoment ist das Stichwort.

Außerdem kann man das Ganze noch sinnvoll ergänzen, zum Beispiel durch einen Zusatz wie: "Du darfst aber nur mitkommen, wenn du "Streichholzschachtelsammlung" unfallfrei buchstabieren kannst, ohne dir dabei die Zunge abzubeißen!"

Damit bleiben dann Mandy, Cindy und Schantalle (ja, ich weiß, Name ungleich Intellekt, ABER...) direkt und im wahrsten Sinne außen vor.

Abschleppen leicht gemacht dank obskurer Sammelleidenschaft. Es kann manchmal so einfach sein...

Donnerstag, 18. September 2014

Spuren der vergangenen Nacht

Ein Mittwoch Morgen in meiner Straße.



Spuren auf einer staubigen Motorhaube.

Die eines Porsche übrigens. Älteres Model, 914er oder so, prima Auto!

Die Chancen, daß die Nummer (Haha, ein Wahnsinn von Wortspiel! Musste sein, Entschuldigung!) ein Fake ist und sich irgendwer einen Spaß erlaubt hat, stehen nicht so schlecht.

Amüsiert habe ich mich trotzdem königlich.

Samstag, 7. Juni 2014

Die berliner Polizei twittert...

...und ich lese mit!

Gestern Abend um 20 Uhr hat die berliner Polizei eine Aktion gestartet. 24 Stunden lang sollen alle einkommenden Notrufe, die zu Einsätzen führen, unter #PolizeiBerlin_E getwittert werden. Welchen Grund diese Aktion hat, weiß ich nicht. Nähe zum Volk? Aufzeigen, wie cool der Polizisten-Job ist? Keine Ahnung.

Die Aktion läuft zumindest noch bis 20 Uhr am heutigen Tag und ich habe in der zurückliegenden Nacht etwas mitgelesen, nachdem ich meinen Twitter-Account wiederentdeckt hatte. Das war recht spannend und manchmal auch recht lustig! Verrückt, was der durchschnittliche Polizeibeamte in der Hauptstadt so in einer Nachtschicht erlebt.

Ich dachte mir dann, dass das evtl auch andere interessieren oder belustigen könnte, also habe ich den Twitter-Account alle zwanzig Minuten aktualisiert und mir meine Highlights heraus gepickt...

...vielleicht mag sie außer mir ja sonst noch wer.

(Die Zitate habe ich vom Twitter-Account "PolizeiBerlin_E" übernommen, eventuelle Rechtschreibfehler und auch die konsequent weggelassenen Doppelpunkte nach den Uhrzeiten sind also nicht auf meinem Mist gewachsen!)...

"20.12 Uhr Kinder werfen mit wassergefüllte Luftballons aus dem dritten Stockwerk eines Wohnhauses."

Das finde ich total nett bei den furchtbaren Temperaturen heute und vermutlich in den kommenden Tagen. Die meinen es sicherlich nur gut...!

"21.06 Uhr Jungs spielen Fußball gegen eine Wand. Nachbarn fühlen sich gestört."

Da freu ich mich doch wieder darüber, dass ich im niedersächsischen Nichts aufgewachsen bin. Stundenlang haben mein bester Freund und ich die Pille gegen die Wand oder wahlweise (das hallte noch toller) gegen das geschlossene Garagentor gedroschen. Beschwert hat sich nie jemand. Außer bei dem einen Mal, als ich meinen neuen Lederball volley im Schlafzimmerfenster meiner Großeltern versenkt habe. Meine Oma hat fürchterlich geschimpft, mein Vater klopfte mir später in einem unbeobachteten Moment anerkennend auf die Schulter. "Toller Schuss!"

"21.12 Uhr Hausfriedensbruch in Gesundbrunnen. Schüler betreten nach Schulschluss das Gelände ihrer Schule."

Auf so eine verrückte Idee wäre ich damals NIE gekommen! Die können unmöglich Gutes im Schilde geführt haben!

"21.25 Uhr Entwarnung im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Wohnhausbrand. Kräfte melden angebranntes Hundefutter."

Das verstört mich auf so vielen Ebenen...angebranntes Hundefutter? Warum?!?

"21.27 Uhr Verdacht auf BTM-Handel in Kreuzberg."

BTM-Handel? In Kreuzberg?? Das kam jetzt unerwartet...

"21.31 Uhr Ein schwedischer PKW ist auf einer türkischen Hochzeit in einen Verkehrsunfall verwickelt."

Köttbullar trifft Döner Kebab. Klingt wie eine neue Idee vom überbewerteten und vor allem unfassbar überteuerten Döner-Dealer um die Ecke. "Döner Sweden" mit Fleischbällchen, Kartoffelpüree und Preißelbeersoße. Zuzutrauen ist es dem Laden. Es gibt bereits "Döner Germany" mit Pommes und Mayo drin oder "Döner South Africa" mit Karotten, Erdnussbutter und Rosinen. Wer denkt sich sowas aus??

Jetzt kommt einer meiner Favoriten, obwohl die Twitter-Session der berliner Polizei grad mal angefangen hat.

"21.48 Uhr Anrufer meldet Tier in Notlage, ein Rabe kämpft mit dem Tod."

Das ist erstmal gar nicht schön.

Bis die Auflösung folgt.

"0.11 Uhr Rabe wohlauf, er befand sich in keiner Notlage, sondern war auf der Balz."

Ich habe Tränen gelacht!! Ich weiß nun nicht, wie so ein notgeiler Rabe sich anhört oder verhält, aber das muss ja mitleiderregend sein! Die berliner Polizei löste diesen hochspeziellen Fall in unter 2,5 Stunden, auch dazu sei an dieser Stelle gratuliert!

"21.52 Deutschland - Armenien 1:0! Parallel läuft ein Polizeieinsatz wegen Abbrennens von Böllern."

Bei mir in Hamburg-Barmbek wurde auch geböllert. Aber erst knappe 20 Minuten später nach dem Ausgleich der Armenier. Ich hörte auch fremdsprachiges Jubeln aus einer Nebenstraße. Noch bevor beides ein Ende hatte, stand es dann allerdings 3-1 für "Schlaaand". Nicht, dass ich das gut fand, lustig war es aber allemal.

"23.57 Uhr Die Feuerwehr und die Polizei haben sich erneut angebrannten Essen angenommen."

Zumindest war es dieses Mal kein Hundefutter...

"0.22 Uhr Diebstahl im Dönerladen."

Da frag ich mich...war es ein Griff in die Kasse oder ein Döner ohne alles, vor allem ohne bezahlen? "Diebstahl im Dönerladen" könnte aber auch das neue Album von Bushido oder einem seiner Konsorten heißen. Von Haftbefehl oder Bass Sultan Hengzt oder anderen "Musikern". Oder von Massiv! Was ist aus dem eigentlich geworden? Massiv, das menschgewordene Steroid. Der nicht-grüne Hulk. Der "rappende" Wandschrank.

"0.49 Uhr Motorradfahrer liefern sich Rennen in Mitte. Waren tatsächlich schneller als wir."

Diese mitschwingende Selbstironie finde ich gut. Eigentlich fehlt nur der Zwinker-Smilie am Ende des Tweets.

"1.33 Uhr Zwei Exhibitionisten in Schöneberg auf einem Parkplatz."

Wait, what?? Ist das eventuell ein Duell? Womöglich kreuzen die die Schwerter?!?

"1.35 Uhr Ein Einbruch hat nicht stattgefunden!"
Beruhigend. Hier auch nicht. Aber schön, dass das mal jemand ausgesprochen hat!

"1.36 Uhr Ein Mann in Charlottenburg hört Glas klirren vor seinem Haus. Ein Fahrradfahrer befindet sich auf dem Gehweg."

Uniformierte eilen herbei.

Taschenlampen durchstrahlen die Nacht.

Ein Kind weint.

Ein Fuchs furzt.

Gefunden wurde

nichts.

...

Vorhang. Applaus. Standing ovations. Poetry corner: Ende.

"2.20 Uhr Eine Frau hört Rascheln und ein Bewegungsmelder geht an. Wir konnten nichts feststellen."

Hier meine Verdächtigen in loser Reihenfolge: Hund, Kaninchen, Eule, Katze, Fuchs, Rabe, Wildschwein, Eichhörnchen, Reh, Alien und zu guter letzt: schwerstkrimineller masochistischer meuchelmördernder Einbrecher. Ich tippe definitiv auf letzteren.

"2.56 Uhr Zwei Betrunkene mit dem Kleinwagen in Neukölln auf dem Gehweg unterwegs."

Safety first, auf der Straße ist so ein Kleinwagen doch auch viel zu gefährlich, vor allem wenn man betrunken ist! Und Fußgänger machen keine großen Beulen, das geht schon noch.

"3.19 Uhr In einem Massagesalon in Neukölln ist ein Streit über die Bezahlung entbrannt."

Massagesalon. Um zwanzig nach drei in der Nacht? Is klar... Streit über die Bezahlung? Vermutlich kostete das "happy end" extra.

"3.40 Uhr Ein Mann in Kreuzberg hört gerade noch wie jemand fremdes seinen Roller startet. Jetzt ist er weg. Gestohlen."

Wer jetzt? Der Mann oder der Roller? Entweder hat jemand einen Verlust zu beklagen - oder in Kreuzberg wird eine Wohnung frei! Yippieh!

"3.47 Uhr Radfahrer mit Handy am Ohr auf der Autobahn unterwegs."

Geil, das sind geschätzte zehn Verstöße gegen die StvO auf ein Mal! Respekt!! Ich hab nur drei auf ein Mal geschafft. Aber wie dicht muss man sein, um mit dem Rad auf der berliner Stadtautobahn zu landen?? Ich war mal mit nem Fiat auf der bonner Stadtautobahn und selbst das fühlte sich falsch an...

"4.22 Uhr Auf der Jannowitzbrücke versuchen 2-3 Personen ein Handy zu rauben. Das Opfer wirft es aber lieber ins Wasser."

Dazu sag ich mal einfach nichts außer: Respekt! Mein erster Reflex wäre Flucht. Der zwote wäre die Herausgabe des Handys. Auf den Gedanken, das "erwünschte" Diebesgut ins Wasser zu werfen, käme ich gar nicht erst, denn dann gäb es vermutlich von den Räubern erst recht auf die Fresse, weil sie sich verarscht fühlen. Und als Zugabe ist das Handy eh weg. Glückwunsch.

"4.25 Uhr Ein unbekannter Spaßvogel in Kreuzberg hat bereits zugeschlossene Fahrräder zusätzlich mit einem Schloss versehen."

Ich find das zwar irgendwie witzig, aber ich schwöre: Ich war`s nicht! Ehrlich! Können diese Augen lügen...?

Und jetzt mein Highlight:

"4.30 Uhr Im Prenzlauer Berg nimmt ein Einkaufswagen, mit 1 Person besetzt und von 2 Personen geschoben, am Straßenverkehr teil."

Mir laufen die Lachtränen runter! Wie stumpf und trocken ist das bitte formuliert?? Mit nem Einkaufswagen "am Verkehr teilgenommen" habe ich auch schon, nicht in Berlin sondern in Oldenburg, lang lang ist`s her. Das beeindruckt mich also nicht wirklich.

Aber diese (gewollt?) furztrockene Beamtensprache ist einfach an Komik nicht zu überbieten!

GRAN-DI-OS!!

An sich wollte ich bis um fünf Uhr früh den Live-Ticker mitlesen, aber ich bin mir sicher, dass das für die Nacht das letzte "Highlight" war - zumindest für mich.

Vielleicht les ich mich kommende Nacht noch durch die kommenden zighundert Tweets und bastele noch ein weiteres persönliches "Best of", wer weiß. Ich schau erstmal, wie dieses so ankommt.

Bis hierhin danke ich auf jeden Fall der berliner Polizei für Einblicke in ihren Arbeitsalltag und einige (zumindest für mich) lustige Anekdoten. Sehr coole Aktion meiner Meinung nach. Ich hoffe, alle Beamten kommen sicher nach Hause.

Sonntag, 27. April 2014

Ein Gastbeitrag von "bb-dd": Illustre Illustrierte und das Drumherum

Bevor ich bloggte, schrieb ich wie beispielsweise der Kiezneurotiker oder Tikerscherk (die aus gewissen Gründen ihren Blog grad geschlossen hat...ich habe aber Hoffnung, dass sich das bald wieder ändert!) auf einem inzwischen geschlossenen Bewertungsportal.

Ich habe mir dann überlegt, dass ich auf meinem Blog keine Restaurant-Bewertungen oder ähnliches machen möchte, hier möchte ich lieber persönlichere Texte, Alltagsgeschichten und dergleichen posten.

Dennoch wollte ich auch weiter bewerten und fand dafür das Bewertungsportal GoLocal.

Dort schreibe ich also hin und wieder mal wenig weltbewegendes Zeug, habe aber schon ein paar prima Menschen kennengelernt oder wieder entdeckt.

Unter anderem die mir schon zu Qype-Zeiten sehr sympathische "bb-dd" - ja, ich frage mich auch, was das Kürzel bedeutet. Ich habe eine (vermutlich nicht ganz falsche) Theorie, das war`s aber auch schon.

Auf jeden Fall hat sie bei GoLocal einen Text rausgehauen, den ich sehr abgefeiert habe. Inklusive Lachtränen und Schnappatmung.

Es geht um Zeitschriften. Auf Frauenthemen spezialisierte Zeitschriften, die in Wartezimmern von Arztpraxen oder bei Friseuren ausliegen und die sehr wahrscheinlich niemand lesen würde, lägen sie nicht grad eben da auf dem Präsentierteller.

"bb-dd" hat sich dem Thema mal angenommen. Und ich darf das Ergebnis hier veröffentlichen, was mich sehr freut:


Illustrierte (besonders die berühmten „Frauenpostillen“)sind wie Mc Donald’s und Dschungelcamp. Liest keiner, geht keiner hin, guckt keiner - dennoch existieren sie! Und vermutlich gar nicht mal so schlecht.

Böse Zungen behaupten, diese Gazetten seien nur erfunden worden, um den armen Friseurinnen zwischendurch eine wohlverdiente Pause von zuweilen nervigem Kundinnengequatsche zu ermöglichen. Ansonsten seien sie völlig überflüssig.

Falsch, liebe Kritiker! Die bilden! Echt jetzt!

Man stelle sich vor: Als Kandidat bei „Wer wird Millionär“ und an der Frage scheitern, von wem Heidi sich gerade getrennt hat. Die 50-Euro-Frage! Puppig leicht! Jeder weiß es! Nur DU nicht!

Da hilft doch nur noch die Papiertüte über dem Kopf beim nächsten Gang zum Bäcker. Ach, was sag ich: Zeugenschutzprogramm!

Oder bei der Diskussion in der firmeneigenen Teeküche nicht mitreden zu können, wenn erörtert wird, welche Robe das Model X neulich auf dem roten Teppich getragen hat-und welcher Schönheitschirurg für die Schlauchbootlippen von „Model und Schauspielerin“ Y verantwortlich zeichnet. Pein-lich!

Ich könnte jetzt natürlich behaupten, daß ich über all diesen Schwachsinn erhaben bin und beim Friseur meinen eigenen Lesestoff mitbringe. Das Handelsblatt, einen (ledergebundenen) Tolstoi oder zumindest ein Reclam-Heftchen im handtaschenfreundlichen Format. Im Internet kann man ruhig angeben; kennt mich ja kaum einer hier. Aber es wäre natürlich gelogen.

Friseur heißt Wellness! Und dazu gehört für mich auch, unter dem kuschelig warmen Climazon meinen Espresso zu süffeln, nicht ständig vom Telefon gestört zu werden und anspruchsloses Zeug zu lesen. Eben das, was der Friseur beim Lesezirkel im Abo hat. Gottlob sind nie Fachzeitschriften dabei, so daß ich kein schlechtes Gewissen haben muß, wenn ich doch zur „Trivialliteratur“ greife.

Die AMS kreist in der Regel im Herrensalon, da komm ich nicht dran. Bleibt die Wahl zwischen den verschiedenen Frauenzeitschriften. Und die Wahl der Qual.

Die Verlagserzeugnisse für die betagtere Damenwelt? Hier ist viel vom Adel die Rede, auch von Volksmusik. Themen, bei denen ich wirklich nicht mitreden kann. Aber durchaus amüsant, zwischen den Zeilen mit viel (unfreiwilligem) Witz geschrieben. Jesses! „Kronprinzessin Schneewittchens süßes Geheimnis!“ Nein, ich fass es nicht! „Versteckt sich da etwa ein Babybäuchlein? Eine enge Vertraute der Prinzessin lüftet nun das Geheimnis: Es wäre unter Umständen vielleicht möglich!“ Und eine Woche später erfahren wir vermutlich, daß das „süße Geheimnis“ wohl doch nur ein Stück Kuchen zuviel war -keine Ahnung, so oft geh ich nicht zum Friseur.

Frau Renates (wahlweise Monikas oder Klaras) Beratungsforum amüsiert mich immer besonders. „Mein Enkel hat „Scheiße“ gesagt-ich bin bestürzt über die Erziehung meiner Tochter“ oder „Er schlägt mich grün und blau-aber soll ich ihn wirklich verlassen?“ Da bastele ich mir immer gern im Geiste die Antworten zusammen, die ich auf so was verfassen würde-aber die würden natürlich nie in Druck gehen.

Das „Forum Gesundheit“ überblättere ich geflissentlich. „Woran erkennt man Gallensteine?“ Oder: „Die Warnzeichen für..“Alle jene Symptome stelle ich dann sofort fest und bin versucht, mit noch nassen Haaren direkt beim nächsten Doc einzuchecken.

Dann gibt’s noch die „Hochglanzzeitschriften“ mit ganz viel Werbung und vielen bunten Bildchen, die mir unbekannte Frauen in Gala-Plünnen zeigen. Zu lesen gibt’s da quasi nix, so daß ich diese Postillen in etwa 1 Minute durch hab und nach dem nächsten „Fachgebiet“ greife.

Eine Zumutung und scheinbar der neueste Schrei in der Welt des Printmediums: Die Zeitschrift für die „junggebliebene Frau“! Oha!

Verdolmetscht also: „Du bist über 40, also schmeiß noch mal ordentlich mit Konfetti, bevor dir der Sargdeckel ins Gesicht fällt! Falten sind toll; zelebriere sie, die Kerle gucken eh nicht mehr! Die Wechseljahre-kein Grund, den Strick am Fensterkreuz zu befestigen; sieh das Positive: Haarausfall, Hitzewellen, Depressionen und übelste Gewichtszunahme zeigen dir, daß du einen neuen Lebensabschnitt erreicht hast (also den letzten!)“

Nö, muß ich nicht haben. Mit diesen Themen befasse ich mich lieber, wenn’s so weit ist.

Bleiben die „gedruckten Freundinnen“ für das jüngere Damenvolk, die ganz große Zielgruppe für verkappte und offene Werbung. Werbung für jeden erdenklichen Mist! Und natürlich die Anleitungen für den einzig wahren (Life-)Style.

Da muß es in die Vollen gehen. Denn die Zielgruppe (Mittzwanziger/Anfangsdreißiger) kämpft bekanntlich an vielen Fronten. Optimalerweise perfekt geschminkt und gekleidet.

Diese Zeitschriften mag ich besonders. Was da abgeliefert wird, ist Realsatire vom Allerfeinsten. Wer das wirklich ernst nimmt, ist Burnout-gefährdet, ohne auch nur 5 Minuten gearbeitet zu haben.

Gertenschlank müssen wir sein! Größe 34 wär gut; Size Zero besser. Schließlich können wir über gefühlte 100 Seiten mehr oder weniger traumhafte Outfits an 15-jährigen Models anschauen und die zumeist elend teuren Plünnen dank der Bezugsadressen am Ende des Heftes käuflich erwerben. In Größe 42 kommen die alle nicht gut.

Moderne Frauen kochen göttlich, gern und mit leichter Hand; es ist mit den tollen Rezepten im Heft auch kein Problem, „nach dem Büro“ (von dem hier immer gern die Rede ist) ein 18-gängiges Menü für die vielen Freunde, Mann und Kinder zu fabrizieren. Selbst davon essen sollten wir natürlich nichts, sonst ist’s bald vorbei mit Size Zero.

Haben wir doch mal zugeschlagen, werden wir aber nicht im Stich gelassen: Diättipps gibt’s jede Woche neu. Die Zucchiniplempe kann man sich ganz zeitsparend anrühren, während „nach dem Büro“ die 4-stöckige Kuppeltorte für die vielen Freunde, Mann und Kinder auskühlt.

Trendy müssen wir sein! Und zwar jede Woche auf’s Neue! Denn die Trendscouts, die extra für uns die Clubs des Big Apple und andere mega-angesagte Örtlichkeiten durchforsten, geben sich wirklich Mühe. Peeptoes in Pink-Glitter, mit 16-cm-Plexiglasabsatz (ab 799 €)! Gummistiefel mit schrillem Schmetterlingsprint, toll zum Kostüm für die After-Work-Party! Die Goldlamee-Bikerjacke und der „mädchenhafte“ Blumenrock im A-Schnitt passen jetzt in LA am besten zur Netzstrumpfhose und „süßen Ballerinas“ im Audrey-Style!

Und nächste Woche dürfen wir Klamotten im Wert von zigtausend Euro in die Altkleidertonne schmeißen, denn dann sind die „angesagten Looks“ megaout. Und das wollen wir doch nicht..

Einen Top-Job müssen wir haben! Die Klientel der einschlägigen Gazetten schuftet niemals in der Werkstatt, niemals am Kranken-oder Pflegebett, niemals an der Wursttheke. Alles zu anstrengend und zeitraubend. Glamouröser ist „das Büro“ oder vielleicht noch „die Agentur“. Macht Sinn. Denn schließlich muß ja auch die nicht unerhebliche Kohle rangescheffelt werden, die man für den perfekten Style hinblättern muß.

Toll geschminkt müssen wir sein! Und das in jeder Lebenslage. Nach einem morgendlichen Wohlfühlbad mit Teelichten auf dem Badewannenrand und Räucherstäbchen, Peeling, Rasur und Eincremen beginnen wir mit der „Foundation“. Himmel, was ist das jetzt schon wieder? Der letztens „gelesene“ Artikel hat mich nicht wirklich darüber aufgeklärt; Eingeweihte wissen so was. Jedenfalls wurde eine Doppelseite mit den „Foundations, die wir jetzt dringend brauchen“ vorgestellt. Fast alles Nobelmarken,fast alles unermeßlich teuer. Daneben muß natürlich Make Up, Rouge, Concealer, Puder und dergleichen die letzte Pore verstopfen, bevor wir uns mit Kajal, Eyeliner, Eyeshadow, Antiglanzcreme und Wimperntusche zur Nofretete tunen-oder den „Nude Look“ anlegen, weil es eine besondere Herausforderung ist, sich stundenlang so zu schminken, daß jeder denkt, man wäre ungeschminkt. Weiter geht’s mit dem Lippenkonturenstift, dem Lippenstift, dem Gloss. Kaffeetrinken oder Essen im Büro ist damit natürlich gestorben. Leute wie ich müßten sich dann das lebensnotwendige Koffein eben mittels Infusion zuführen, und Essen macht eh dick (Size Zero!). Was tut man nicht alles!

Aber fertig sind wir noch lange nicht. Nach dem sorgfältigen Ankleiden mit den neuen oberheißen Klamotten müssen wir uns noch unseren Haaren widmen. Auch dafür gibt’s tolle Frisurentipps, die sich „ganz schnell und kinderleicht“ von einem Friseurmeister umsetzen lassen. Verspielter Haarknoten, eine Strähne für Strähne geglättete Mähne oder romantische Korkenzieherlocken?

Spätestens an dieser Stelle lasse ich das Blättchen sinken und verschlucke mich vor Lachen am Espresso.

Wer schafft das? Um so ein Programm „vor dem Büro“ abzuspulen, müßte ich den Wecker auf 2 Uhr nachts stellen, damit ich gegen 9 am Schreibtisch andocken könnte. Hat die Nacht der modernen Frau von heute mehr Stunden als meine?

A propos: Schlafen dürfen wir sowieso nicht! Ist wirklich mega-uncool. Nach der Schicht zur Couch schleppen? Niemals! Wir schleppen unsere 10 Kosmetikkoffer (einer dürfte bereits für die Foundations draufgehen) und unsere Coiffeurausrüstung mit ins Büro, um uns nach einem stundenlangen Sitzungsmarathon ein paar kühlende Kompressen unter die Augen zu schmeißen und auf After-Work-Party zu stylen. Die Stilettos trägt Frau von Welt ohnehin in jeder Lebenslage am Fuß oder im Staubbeutel bei sich.

Für die AWP das Muß, damit die Männer reihenweise umfallen: Zum tiefroten Lippenstift (Ihr Styleberater rät: Dramatischer Kußmund nie im Büro, erst später!) die nicht minder dramatischen Smokey Eyes. Hand auf’s Herz: Kriegt jemand von Euch die ohne Visagist hin?

Gegen 21 Uhr (denn wer Karriere machen will, muß Überstunden schrubben) schlagen wir dann in einer gerade in Insidermagazinen angepriesenen Lounge auf, kippen diverse Prosecci oder Cocktails und flirten, was das Zeug hält. Auch dazu bietet das Frauenmagazin tonnenweise lebensnotwendige Ratschläge.. Der Vollprofi verausgabt sich auf dem Dancefloor und tanzt die Nacht durch-die ohnehin schnell vorbei ist, denn allerspätestens um 3 müssen wir ja schon wieder in der Badewanne liegen, um uns „schön für’s Büro“ zu machen.

Ich fasse zusammen: Gefühlt einen halben Tag stylen, einen halben Tag shoppen, einen halben Tag tolle Menüs zaubern und die Bude saisonal dekorieren, stundenlang mit Freundinnen zum Chai Latte treffen, einen halben Tag unseren Mann bepuscheln und uns für seine Hobbies interessieren, einen halben Tag die Kinderschar bespaßen, anderthalbtage einen Managerposten ausfüllen wie ein Kerl oder besser, die Nacht mit Tanzen, Saufen und Flirten verbringen-alles in 24 Stunden. Hab ich was vergessen?

Von Fensterputzen, Bügeln oder Spülmaschine ausräumen ist natürlich nie die Rede. „Das bißchen Haushalt“ beschränkt sich in der quietschebunten Trendwelt auf Blumenstecken und Serviettenfalten. Haben die alle Personal? Muß wohl.

Wieviel man im Monat verdienen muß, um die Kosmetik nebst den allerneuesten „Düften“, die teuren Klamotten, den Clubeintritt, Sonnenstudio, Maniküre, Pediküre, das Personal und die unzähligen Accessoires zu bezahlen, mag ich nicht mal schätzen. Für Erbinnen oder reiche Ehefrauen mag das zu bewerkstelligen sein, aber wozu geistert dann ständig „das Büro“ „die Kollegin“ „der Chef“ und ähnlich unerfreuliches Vokabular durch die Postillen?

Highlights der letzten Friseurbesuchslektüre: „Das passende Portemonnaie für’s Büro“ (Hä??) und „Wann hatten Sie Ihr letztes Handpeeling?“ (Noch nie).

Und weil das alles so maßlos übertrieben ist, machen mir diese Blättchen auch so viel Spaß. Als Lebenshilfe ist das für mich gnadenlos untauglich. Smokey Eyes stehen mir nicht, meine Haare machen ohnehin, was sie wollen, welches Portemonnaie ich in meiner „Bürohandtasche“ habe, interessiert meinen Chef null. Allerhöchstens, was drin und seiner Ansicht nach stets zu viel ist. In Stilettos tun mir die Füße weh, für die angesagten Overknees bin ich zu klein.. Sollte ich doch ein klitzekleines bißchen deprimiert sein, wenn die Zeitung gelesen ist?

Keine millionisierten Wimpern! Kein diamantisierter Gloss-Shine in den Haaren (zumindest nicht mehr, wenn ich auf dem frisch frisierten Kopf einmal geschlafen wurde)!

Rauhe Pratzen, die niemand schütteln mag, weil ich wieder mal kein Handpeeling gemacht hab! Der Lippenstift auf der Kaffeetasse! Lidstrich verrutscht! Keine Gelnails! Billige Handtasche vom Trödel! Und nach „stundenlangen Sitzungsmarathons“ statt Salätchen und AWP Pizza, Glotze und Couch! Eine Schande ist das..

Und doch! Es könnte schlimmer sein. Mein Traum von der Journalistenkarriere hätte in Erfüllung gehen können. Und anstatt für „Geo“ oder schöne Reisemagazine durch die Welt zu jetten, könnte ich in der Redaktion einer Frauenzeitschrift sitzen, mit Todesverachtung dieses Zeugs schreiben müssen und mich abends (auf der Couch statt auf der AWP) mit dem Gedanken „Hast du dich dafür durch Abi, Studium und Volontariat gequält?“ in den Schlaf weinen;-))




Ein Äquivalent, in dem es dann um die auf Männer ausgelegten Blätter geht, ist bereits in Arbeit. Wurde mir gesagt. Und ich freue mich darauf und darf den Text dann hoffentlich auch wieder hier veröffentlichen - denn "bb-dd" zieht es leider nicht in die Welt der Blogger.

Ich finde das sehr schade.

Montag, 24. März 2014

Frühling in der großen Stadt

Früher Nachmittag, überfüllte U3 Richtung St. Pauli, schlechte Laune.

Ich war Stunden vorher von der in mein Schlafzimmer scheinenden Sonne und den herum brüllenden Vogelhorden vor dem Fenster aufgewacht, das hatte den Start in den Tag ein wenig ruiniert. Der erste Gedanke des Tages war "Toll, dann ist jetzt wohl Frühling!".

"Letztes Jahr um diese Zeit lag Schnee" erinnerte ich mich unter der Dusche stehend und lachte gedankenverloren. Früher war alles besser...

Jetzt hocke ich in der zu vollen U3 inmitten von Chaos und sehe pilotensonnenbrillentragende Styler in Flip Flops, hipsterdutttragende Tussen im wehenden Sommerkleidchen und jutebebeutelte Oberlippenbartträger, deren leichengleich bleiche Stelzen in über dem Knie umgekrempelten Jeans-Shorts beginnen und weiter unten in Chuck`s oder, vielleicht einer der grausigsten Anblicke aller Zeiten, in Clogs enden. In dunkelgrünen Clogs kombiniert mit babyblauen Füßlingen. Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt die Steigerung der deutschen Sauf-und-Ficktouristen mit den weißen Tennissocken in den Sandalen in El Arenal oder Phuket ist oder eben diese einfach nur parodieren soll.

Ich schüttele mich und versuche, die gewonnenen...eher aufgedrängt bekommenen...Eindrücke wieder aus dem Kopf zu verjagen.

Weder Gedanken an tote niedliche Miezekätzchen noch das Gebrülle von "August Burns Red" in meinem Ohr schaffen das. Ich gebe auf.

"Nächste Haltestelle: Sankt Pauli". Das Kackvolk wird zwar fast ausnahmslos mit mir zusammen aussteigen, in den Weiten Sankt Paulis verläuft sich das aber glücklicherweise schnell. Das dümmliche Gekicher wird abgelöst von den Koberern vor den Laufhäusern ("Willst du ficken? Komm rein, hier kannst du ficken! Und ein Bier kriegst du sogar gratis dazu. Zum Ficken!") oder von Typen, die sich kaum auf den Beinen halten können, unkontrolliert und manchmal eingepisst vor und zurück schwanken und wahllos Passanten am Jackenärmel zu fassen kriegen, mich leider auch.

"Alder, hassu ma Euro für mich oda zwei?"

Ja, ich hab einen Euro, vielleicht auch zwei, nur vergeude ich den nicht an irgendeinen Zugedröhnten, der mich nötigt stehen zu bleiben, indem er mich vehement am Ärmel fest hält, sodass ich mich fast losreißen muss. Ich gebe gern wenn ich kann. Nur eben nicht jedem. "Sorry, neeh. Hab nix. Und jetzt lass mal meine Jacke los bitte!"

"Ne Fotze bissu, Alder!" wird mir hinterher gebrüllt und vermutlich zeigt er mir auch noch den Finger, wenn er dazu bei dem Alkoholpegel oder der Chemie, die da durch sein System kreist, überhaupt noch in der Lage ist. "Ne verfickte Fotze bissu!". Innerlich koche ich und würde gern umdrehen und ihm die Meinung geigen - aber das verstünde er ja eh nicht mehr. Soll er eben in seiner eigenen Kotze pennen. Seine Entscheidung.

Ich laufe durch die Seiten- und Parallelstraßen der Reeperbahn, mache hier und da mal ein paar Fotos, wenn ich Street Art entdecke, die mir gefällt.



Oder wenn ansonsten (fast) weiße Wände interessanter werden, weil irgendjemand in ein bisschen falschem Deutsch seinen Begleitern die Fehler der letzten Nacht ankreidet.



Ich laufe durch die Kastanienallee, durch die Erichstraße, mache Halt auf dem Hans-Albers-Platz, den ich zu meiner Verwunderung trotz der nervenden Menschenmassen in der Bahn komplett für mich allein habe.

Ich laufe vorbei an Bars und Clubs und Orten, zu denen mir direkt Geschichten einfallen, die "Cobra Bar" in der Friedrichstraße, da war ich in meinen hamburger Anfangsjahren Stammgast und habe in dem Schuppen von absoluten Gelagen über böseste Keilereien bis hin zu Sex auf dem Klo, welches man nicht abschließen konnte, so ziemlich alles erlebt.

Vorbei an der Prinzenbar, in der ich mal "Dashboard Confessional" spielen sah, damals, als Chris Carrabba noch allein mit seiner Gitarre auf der Bühne stand. Bei "Screaming infedelities" habe ich einer vergangenen Beziehung wegen Rotz und Wasser geheult.

Einmal schwer schlucken, dann weiter. Hunger setzt ein. Kurz überlegen. Ja, heut mal was Verrücktes tun. Vegetarisch essen. Freiwillig. Falafel.

Zwanzig Minuten später endlich am Neuen Pferdemarkt angekommen, betrete ich den mir als "bester Falafel-Laden der verdammten WELT!!" empfohlenen Laden und steh vor dem Tresen wie der Ochs vor dem Berg. Stammele herum. Von vegetarischem Essen hab ich halt mal einfach keine Ahnung und jetzt soll ich mir mein Essen hier selbst zusammenstellen. Dabei kann ich maximal die Hälfte dessen, was da hinter Glas liegt, überhaupt identifizieren. Und generell ist da ja dieses Entscheidungsproblem. Zuviel Auswahl überfordert mich... Ich muss sehr hilflos ausgesehen haben.

Der Mensch neben mir, komplett in schwarz gekleidet, schwerst gepierct und mit einem "FCK CPS"-Shirt bekleidet, der Typ Mensch, der beim "Normalbürger" Gedanken an den bösen bösen "Schwarzen Block" aufkommen lässt und Fluchtreflexe auslöst, grinst erst sich einen und dann mich an. "Wenn ich dir was empfehlen darf..." Natürlich darf er und den Empfehlungen folge ich.

Eine halbe Stunde später sitze ich pappsatt auf der Rasenfläche vorm "Grünen Jäger", blinzele über den Rand meiner Sonnenbrille in die Sonne und erinnere mich an grandiose Momente und Nächte, die ich im "Jäger" erlebt habe. Das waren viele. Und Konzerte. Vor allem eines. "Maybeshewill" im März 2012. Ich skippe im Handy zu ihrem grandiosen Album, höre in der Sonne sitzend meine zwei liebsten Lieder und laufe dann weiter.

Auf der großen Kreuzung vom Neuen Pferdemarkt und der Stresemannstraße ist es zu einem Unfall gekommen, während ich dem Essen und der Musik frönte. Drei Polizeiwagen sind vor Ort, ich befürchte Schlimmes. Ein teurer Sportwagen hat einen Smart auf die Hörner genommen, der Smart liegt nun direkt vor einem angesagten Restaurant auf der Fahrerseite und die dort im Freien sitzenden Gäste verdrehen sich die Hälse und recken die Köpfe. Und tuscheln.

Ein Polizeibeamter nimmt die Personalien des Sportwagenfahrers auf, die restlichen fünf Cops stehen entspannt herum und genießen den Sonnenschein, der Fahrer des Smart beäugt währenddessen sein auf der Seite liegendes Vehikel.

Der Fahrer des Sportwagens, ich glaube, es ist ein Aston Martin, regt sich fürchterlich auf. Dabei hat sein Auto nur eine kleine Beule und ein paar Lackschäden.

Also in etwa einen Schaden von 24500 Euro.

Der Smart wird derweil wieder aufgerichtet. Da muss nur ne neue Fensterscheibe rein und kurz über den Lack gepinselt werden. Kostenpunkt 300 Euro oder so. Die Dinger sind halt unkaputtbar. Da anscheinend auch noch der Sportwagenfahrer schuld am Zusammenstoß ist, grinst der Smartfahrer zufrieden und ich freue mich mit ihm.

In der vielköpfigen Gruppe von Schaulustigen, die sich versammelt hat, wird unwissend getuschelt. Ob der Fahrer des Smart, der leibhaftig vor ihnen steht aber nicht erkannt wird, denn wohl wohlauf sei? Oder doch schwerstverletzt oder tot? "Immerhin ist der Smart ja umgekippt!" wirft eine mit wichtigem Blick ein und alle tuscheln zustimmend. Die Sensationsgeilheit tropft aus allen Poren.

Das wäre ja jetzt eigentlich mein großer Moment, meine five minutes of fame, ich sollte da jetzt auf die Mauer klettern, alle zur Ruhe bitten und dann erzählen, wie ich in einem Smart mal einen Unfall bei über 100 km/h erlebte und überlebte. Dann sollte ich sie auffordern, vor mir danieder zu knien und mich ab dann nur noch mit "gottgleicher Meister" anzusprechen.

Stattdessen setze ich meinen Weg fort, weg von den Spannern, hin zur Bahn.

Das geht gut mit Musik im Kopf. Kein weiteren Zwischenfälle.

Acht Minuten noch, dann darf ich wieder den HVV nutzen, ohne ständig nervös herum blicken zu müssen weil meine Monatskarte grad mal wieder nicht gültig ist. Ich stehe wartend vor dem Bahnhof Sternschanze inmitten von Menschen, die sich grad zum gemeinsamen Essen gehen, zum ersten Date oder zum Junggesellenabschied treffen. Tohuwabohu. Früher hätte ich mir in solchen Momenten eine Kippe angesteckt, heute beobachte ich nur und versuche, Eindrücke zu gewinnen.

"Darf ich dich fragen, ob du eine Zeitung kaufen möchtest?" fragt ein "Hinz&Kunzt"-Verkäufer schüchtern. Er ist übel zugerichtet, blaues Auge, blutverkrustete Lippe.

Ich verneine, ich möchte die Zeitung nicht kaufen. Stattdessen drücke ich ihm das letzte Geld, das ich noch dabei habe, in die Hand. Mehr als zwei Euro sind das auf keinen Fall, er freut sich aber tierisch darüber.

"Wenn noch ein paar mehr von deiner Sorte kommen, dann kann ich heut vielleicht in einem richtigen Bett pennen" sagt er, "von meinem alten Schlafplatz haben sie mich vertrieben.", dabei zeigt auf seine Wunden. Als ich frage, warum er vertrieben wurde, zuckt er mit den Schultern. "Die waren zu dritt und ich bin allein. Da wird nicht diskutiert."

Dann fehlen mir die Worte. Und ich muss schon wieder den Kloß im Hals herunter schlucken.

"Passt schon" sagt er, "ich kenn das ja nicht anders!"

Dann verabschiedet er sich optimistisch lächelnd per Handschlag, er möchte noch die restliche Kohle für eine Nacht in einem Bett rein kriegen.

Und ER wünscht MIR viel Glück, während ich immer noch sprachlos bin.

Ich sehe noch, wie einige wortlos und ohne seinen Blick zu erwidern an ihm vorbei laufen als er sie anspricht und es ist schwer zu ertragen.

Als ich später zuhause im warmen Bett liege, schäme ich mich fast dafür und schlafe mit fest gedrückten Daumen ein.

Montag, 16. Dezember 2013

Skyporn Volume 4: Sturmgefahr

Ein Sturm zieht auf.



Perfektes Timing. Keine Minute, nachdem ich die 62er-Fähre nach meinem letzten Besuch auf dem Dach des "Dockland"-Gebäudes verlassen hatte, brach die Hölle los.

In einem Akt uneigennütziger Selbstaufgabe habe ich allerdings, bevor ich an den Landungsbrücken zur U3 lief, noch ein Foto geschossen. Mir gefällt es ganz gut, einer damals befreundeten Band gefiel es sogar so gut, dass das Bild in bearbeiteter Form auf ihrer nächsten CD landete. Nicht auf dem Cover, auf der CD selbst. Aber das ist ja auch schon nicht so schlecht.

Verkauft wurden von der CD nicht wirklich viele Exemplare, aber das muss ich meinen zukünftigen Enkelkindern irgendwann in 40 Jahren ja nicht erzählen.

"Ja Kinder, so war das damals, als ein Foto, das euer Opa gemacht hatte, auf einer Rockmusik-CD landete...!"

Auf den paarhundert Metern von meiner heimischen U-Bahn-Station nach Hause hat mich der Sturm, von dem ich dachte, ich sei ihm entkommen, dann doch noch erwischt. Volle Breitseite. Nass bis auf die Knochen innerhalb von Sekunden. Die Jeans habe ich über der Duschwanne ausgewrungen. Ganz toll.

Aber hey!

Foto!

Auf CD!

Never ending fame!

Was sind da schon ein paar nasse Klamotten...?

Dienstag, 10. Dezember 2013

Du bist hübsch!

Irgendjemand hatte das Bedürfnis, ein Kompliment zu machen.

Unten auf dem Bahnsteig der U3 an der Sternschanze, wo nachts die zerfeierten betrunkenen Hipster-Pärchen knutschend und ohne sie eines Blickes zu würdigen neben den Kaputtgelebten stehen, die hier im Winter, einen warmen Schlafplatz ohne Regen, Schnee oder kalten Wind suchend, untergekommen sind und auf ein bisschen Schlaf hoffen. Zumindest wochenends geht das, das Unterkommen, denn da sind die Bahnhöfe durchgängig offen. Ob das Schlafen klappt, wage ich zu bezweifeln bei all dem gröhlenden Volk, das hier durchkommt.

Ich habe schon Typen von 19, 20 gesehen, die "obdachlos" vermutlich nichtmal buchstabieren können, sturzbesoffen aber mit "Victory"-Zeichen oder schlimmeren Gesten neben oder über schlafenden Wohnungslosen für Fotos posierten, geschossen vom Kumpel, dessen Lacoste-Polohemd gerade so herauslugte unter der natürlich schwarzen Kapuzenjacke, ist ja Schanze hier, man muss sich anpassen an den Pöbel, den Mob, den "Schwarzen Block", der hier sein Unwesen treibt, Flora und so, alles Pack hier, alle böse und linksautonom und Steineschmeißer, stand in der MoPo, die Papi morgens noch am Frühstückstisch las, bevor er mit dem goldenen Löffel das Wachtelei aufschlug.

In der Biologie nennt man sowas "Mimikry".

Der harmlose Käfer (oder Wurm, passt in diesem Fall besser) gibt sich durch entsprechende Farbgebung als böse und gefährlich erscheinend aus.

Der an sich harmlose Vorstadtjunge wird durch Anpassung (->"entsprechende Farbgebung"=schwarze Klamotten) zum (für die Medien) bösen "Autonomen" und macht dann ordentlich Rambazamba...war in den letzten Jahren immer wunderbar beim Schanzenfest zu beobachten. Dieses Jahr gab`s ja keins. Wegen "autonomen Ausschreitungen". Ich sag dazu lieber weiter nichts.

Irgendjemand wollte also unbedingt Nettes sagen. Eine gute Tat tun. Vielleicht wollte er auch nur eine Mutprobe bestehen, um nicht tags drauf nackt über die Große Freiheit flitzen zu müssen.

Ich weiß es nicht. Es ist mir auch herzlich egal.



Mit dem Edding an die Scheibe.

Find ich gut. Macht nichts kaputt, tut keinem weh, ich sah einen Haufen Mädels, die erst lasen und dann zufrieden lächelten...

...denen, die hier nachts momentan unterkommen und übernachten, möchte man zurufen: "Lest, was der fiese Vandale dort geschrieben hat, schreibt Euch nicht ab! Scheißt auf die Deppen, die Fotos machen, scheißt auf die, die Euch Aussätzige nennen...kommt nur einfach gut durch die kalte Jahreszeit!"

Es sind nur drei simple Worte, mit nem Edding an eine Scheibe geschmiert. Und vermutlich ohne größeren Hintergrund.

Ich mag sie aber trotzdem.

Wer bekommt nicht gern Komplimente?

Samstag, 30. November 2013

Santa Pauli:Weihnachtsmarkt, Touris und Schwengel aus Schokolade

Als Kollege O. meinte, wir könnten nach einem gemeinsam besuchten Handballspiel den Abend ja bei einem Getränk auf "Santa Pauli", dem "geilsten Weihnachtsmarkt der Stadt" auf dem Spielbudenplatz direkt an der Reeperbahn ausklingen lassen, dachte ich zuerst an einen Scherz.

Das ich die Reeperbahn nicht leiden kann und das dort herumlaufende Volk oft am liebsten fies lachend mit einem Leopard-Panzer höchstpersönlich überrollen wollen würde, wenn ich es denn dürfte, sollte inzwischen bekannt sein...

...ist O. aber egal.

"Wird dir gefallen, der Markt. Im Ernst!" sagt er. Und ich nicke schwach und gutgläubig.

Jetzt muss man wissen, dass ich was Weihnachtsmärkte angeht, ein absoluter Spießer bin. Mir reichen ein paar gemütliche beleuchtete Buden mit leiser Musik und anständigem Glühwein zu anständigen Preisen. An einem Alsterfleet im Hamburger Innenstadtbereich gibt es so einen Weihnachtsmarkt, klein, gemütlich, von Touristen verschont, zusammengefasst: Große Klasse!

Doof und orientierungslos wie ich aber nunmal bin, finde ich den nicht mehr wieder. Das nervt mich, lässt sich aber nicht ändern.

Einer der meiner Meinung nach tollsten Weihnachtsmärkte, auf dem zumindest ich je gewesen bin, ist der auf dem Berliner Gendarmenmarkt, zwar hat man dort auch die eine oder andere Touristengruppe und zahlt sogar einen Euro Eintritt, aber das Ambiente holt das lässig raus. Der Deutsche und der Französische Dom sind feierlich beleuchtet, der Brunnen mitten auf dem Platz ebenso, auf den Stufen hoch zum Schauspielhaus singt ein Chor stimmungsvolle Lieder und es gibt (natürlich zu vollkommen wahnwitzigen Preisen) einen Haufen leckeres Zeug zu kaufen (oder zum mehrfachen Probieren, um es dann nicht zu kaufen).



Natürlich surft der Markt voll auf der touristischen Welle mit, mir gefällt er aber trotzdem. Liegt vielleicht daran, dass ich in der Hauptstadt immer noch ein wenig touristisch unterwegs bin - anscheinend zumindest dann, wenn es um Weihnachtsmärkte geht.

Hier zuhause in Hamburg würde ich freiwillig keinen Fuß auf die Märkte auf dem Rathausmarkt, auf dem Gänsemarkt oder am Jungfernstieg setzen, lieber verbrenne ich mich demonstrativ in einer Rentier-Uniform selbst. Über den schlimmen Weihnachtsmarkt in meiner Nord-Barmbeker Nachbarschaft wollen wir mal lieber gar nicht erst ein Wort verlieren...

Jetzt also "Santa Pauli" direkt an der Reeperbahn.

Ich bin alles andere als optimistisch und hätte ich nicht vorm und beim Handball bereits ein paar Bier gehabt, ich hätte Kollege O. vermutlich den Vogel gezeigt und wäre heim gefahren. Da er aber sehr enthusiastisch ist...

Vom "Santa Pauli" genannten Weihnachtsmarkt auf dem Kiez hatte ich bisher ein klares Bild. Touris, Titten, unlustige Schlüpfrigkeiten. Halt voll auf das Volk ausgerichtet, dass die Reeperbahn so bevölkert. Normale Menschen findet man dort ja so gut wie gar nicht und ich bin extrem ungern dort...ich lauf da nur ab und an durch, wenn ich auf dem Weg zu meinem Lieblings-Club unten am Hafen bin. Die Reeperbahn und ihre Seitenstraßen finde ich durchweg gruselig.

Wir betreten den Markt und der erste Eindruck ist - positiv. Ich bin verwirrt. An sich hatte ich mir vorgenommen, direkt laut los zu pöbeln. Das fällt aus.

Eine Band spielt Musik. Deutsches Indiezeugs, Vorbilder "Jupiter Jones" oder "Wir sind Helden". Vielleicht auch wuargs! Tim Bendzko. Nicht weihnachtlich, aber ganz gut. Habe ich schon schlimmer gehört.



Wir schlendern über den Markt auf der Suche nach einem Bier für O. oder einem weißen Glühwein für mich.

Auf dem Weg findet sich so einiges.

Es gibt ein Porno-Casting...Karaoke...



...und Penisse aus Schokolade in verschiedenen Farben...



...oder als Seife.



Es gibt auch was zum dran lutschen!



...zum Beispiel einen leckeren Salmiak-Lollie! Der hat natürlich nur aus Versehen und mit viel Phantasie die Form eines männlichen Genitals. Klar. Is ja n Weihnachtsmarkt hier, keine Erotik-Messe.

Apropos Genital: Wer auf dortige Behaarung steht, diese aber nicht selbst anzüchten kann...auch dem wird hier geholfen.



Das grelle Hintergrund-Pink sei bitte entschuldigt, das war nicht meine Idee. Das Bild lässt vermutlich jeden fünften, der es anschaut, erblinden. Eins, zwei, drei, vier...du bist!!

Falsches Schamhaar kostet allerdings einen Batzen:



Schlecht lesbar auf dem Bild: Das Toupet "Heidi" (das mit den Zöpfen, ich nenne es "Wikinger") kostet 46,50€, alle anderen Toupets kosten "nur" 39,50€. Jetzt frage ich mich, wer solchen Scheiß kauft? Wo das ja auch so realistisch aussieht...

"Hey Schatz, wir sind jetzt schon so lange zusammen und ich dachte, ich frische unser Liebesleben mal etwas auf. Deshalb hab ich mir für nur 46,50€ auf dem Weihnachtsmarkt ein Schamhaartoupet gekauft und mit Sekundenkleber über den Schritt gepappt und guck mal, jetzt seh ich untenrum aus wie ein Wikinger! Oder wie "Yosemite Sam", den magst du doch so!"

Brrrrrrrr.... Bei dem Gedanken wird mir kalt...

Kalt. Glühwein!



Der erste Glühwein des Jahres! Wieder voll entgegen meiner selbst erdachten und auferlegten Regeln, Glühwein trinke ich eigentlich erst nach dem ersten Advent UND nachdem ich zum ersten Mal "Last christmas" von "Wham!" im Radio oder TV gehört habe.

Regeln sind zum Brechen da, zum ersten Mal seit in etwa immer gab es den ersten Glühwein vorm ersten "Last christmas", auf das ich übrigens wunderbar für den Rest meines Lebens verzichten könnte.

Natürlich waren die spärlichen 0,25 Liter weißen Glühweins ein VERDAMMT teurer Spaß, da kommt er wieder durch, der Touristenfallen-Hintergrund. 3,80€ plus 2€ Becherpfand habe ich gezahlt (normaler roter Glühwein: 3,30€)...grausig!! Das ist mehr als ambitioniert! Aber geschmeckt hat es mir, wenigstens das.

Als ich die nun leere Tasse zurück gab, fiel mir auf, dass es selbst auf den Pfandmarken nicht ohne zweideutige Zote geht.



Santa Pauli, "der geilste Weihnachtsmarkt der Welt!"

Ins Strip-Zelt, welches zwar nichts mit Weihnachten oder Markt zu tun hat, dafür aber umso mehr mit St. Pauli, haben wir es nicht geschafft. Es fehlt mir ehrlich gesagt auch nicht. Pauli ist nicht wirklich mein Fall. Pauli und meinen Kiez trennen Welten und das ist gut so.

Aber den Weihnachtsmarkt "Santa Pauli" habe ich mir komplett anders vorgestellt. Mehr nackte Haut, mehr Silikon, mehr Sinnlosigkeit, mehr Stumpfsinn, mehr gröhlendes tittengeiles Touri-Volk mit der Kamera im Anschlag.

Ist (noch) nicht so!

Ich bin überrascht und gleichzeitig beruhigt.

Mittwoch, 20. November 2013

Wo ist Sandra?

Folgendes Szenario:

Kevin war feiern. Oder Dschastin. Marvin-Roberto. Scheißegal.

In irgendeinem Club im Kreuzberg. Ecke Kotti.

Vollkommen wider Erwarten lernt er trotz dumpfstem Anmachgetue ein Mädchen kennen. Eins, das nicht Mandy, Schantalle oder Zementa heißt.

Sandra.

Dooferweise verliert Kevin/Dschastin/Marvin-Roberto aber Sandras Handynummer, die er ihr nach dem x-ten spendierten Wodka/Energy entlocken konnte.

Jetzt kann er natürlich in ganz Kreuzberg Zettel aufhängen, auf denen dann steht "Wir haben uns da und da getroffen, so und so siehst du aus, ich, der Depp (so und so seh ich aus), dem du deine Nummer gegeben hast, habe diese verloren und würde dich gern wiedersehen! Melde dich doch unter kevindschastinodermarvinrobertosuchensandra@abc.de". Sowas kennt man in der Hauptstadt, der Zettelkram hängt ja überall rum und ich wette, nicht einer dieser Zettel hat jemals zu irgendeinem Erfolg geführt.

Im Internet hätte es Kevin oder Dschastin oder Marvin-Roberto auch probieren können. Via Facebook oder Twitter oder irgendwelche anderen sozialen Netzwerke nutzend.

Kevin oder Dschastin oder Mavin-Roberto denkt da aber eher praktisch.


Mit dem Edding an die Sperrholzwand.

Ist das ein missratenes Herzchen als Teil des Ausrufezeichens?

Hach toll, ein kleiner Rest Romantik an diesem vom Durchschnittsbürger verteufelten Ort...schön!

Ob Kevin/Dschastin/Marvin-Roberto Sandra gefunden hat, weiß ich nicht. Aber wenn ich mal wieder eine Nummer verloren oder vergessen habe, dann mach ich es so wie er/sie.

Nicht lang suchen und die Mitmenschen entnerven, einfach Edding oder Dose raus und ran an die Wand.

Geht schneller, ist einfacher - und wenn man`s anständig macht, dann wertet es sogar die Gegend auf.

Erster guter Vorsatz für 2014: Wieder an Wände gehen.

Sonntag, 17. November 2013

Pareidolie

Seh nur ich das oder lacht sie mich wirklich fröhlich an?!? Ein bisschen was von "Scream" hat`s allerdings auch...


Ich musste mir auf jeden Fall ein anderes Pissoir suchen.

Ich kann nicht, wenn wer guckt...

(Gesehen im "Peppermint", einem kleinen, ranzigen, sehr empfehlenswerten Punkrock-Schuppen mit sehr billigem Bier und sehr entspanntem Klientel in Flensburg.)

Mittwoch, 6. November 2013

Friedhof der Halloween-Kürbisse

Halloween ist vorbei.

Ein Jahr Ruhe.

Feierabend.

Sense.

Die Dekorationen haben ausgedient.


Na dann mal rein damit in den nächstbesten Bauschutt-Container.

In Hamburg sagt man "Tschüß"!!

Dienstag, 5. November 2013

Kühltruhen gegen Eistiger: In der O2 World beim Eishockey

Sportveranstaltungen besuche ich gerne.

Ich saß schon in diversen Ländern in Fußballstadien, ich habe diverse Basketballspiele feiernd mitverfolgt, ich saß bei Boxkämpfen in Ringnähe und habe Schweiß und manchmal Blut spritzen sehen, ich habe mir American Football angeschaut, gut, das war eine Amateur-Liga, es knallte aber trotzdem ordentlich, ich habe in den USA einige Baseballpiele live im Stadion gesehen, die Regeln verstanden und bin seitdem glühender Fan.

Außerdem habe ich in Hamburg den Marathon und das Radrennen namens "CyClassics" mehrmals angeschaut, meist verschlafen (oder immer noch wach) am frühen Sonntag, denn auf einer Teilstrecke laufen bzw. fahren die Teilnehmer mir fast durch mein Schlafzimmer. Da kann man sich also auch gleich direkt an die Strecke setzen und den übermüdeten Motivator geben.

Jetzt also Eishockey.

Ein Sport, mit dem ich im TV absolut gar nichts anfangen kann, weil ich nämlich nie sehe, wo dieser verdammte Puck ist, den die Spieler hin und her bolzen. Ich sehe die Teams kreuz und quer übers Eis flitzen, ab und an fällt mal einer hin, und plötzlich leuchtet dann ein kleines Lämpchen hinter einem Tor, weil irgendwer unbemerkt von mir den Puck ins Netz gehauen hat. Dann wird sich gefreut und man haut dem Torschützen aus Freude auf den Helm, so kenn ich das zumindest, ich sitze dann vorm TV und weiß nicht, wie und warum das Tor nun eigentlich gefallen ist und wer es erzielt hat, weil der Puck meist selbst in Zeitlupe noch viel zu schnell fliegt.

Aber die Stimmung soll ja großartig sein bei Eishockey-Spielen, das höre und lese ich immer wieder.

Also nahm ich die nette Einladung, die ich letzte Woche bekam, natürlich gern an. "Ich bin an zwei Freikarten für das Spiel am Freitag geraten, vielleicht hast du ja Lust?"

Ich hatte.

Die Anreise zur O2 World gegenüber der Arena des HSV gestaltete sich dank Schienenersatzverkehrs, einem Fußmarsch durch den Diebsteich-Tunnel (einen der vermutlich ätzendsten Orte der Stadt, ich werd separat nochmal drüber schreiben, wenn ich Beweisfotos habe) und einer Fahrt in einem vollgestopften Shuttle-Bus zur Halle recht abenteuerlich, entertained wurden wir durch einen Irren, der auf seinem ollen Holland-Damenrad parallel zum Bus einen Wheelie auf dem Gehweg hinlegte. Mit nem Mountain Bike kann das ja auch jeder...

An der O2 World angekommen wurde das Dosenbier weggehauen, die hinterlegten Karten wurden abgeholt und hinein ging`s ins Vergnügen.

Die Sitzplätze mit prima Sicht auf`s Eis waren schnell gefunden. Also auf und eine Runde umschauen und orientieren. Und neues Bier organisieren. Entspannt wurde smalltalkend eine Runde gedreht, das Bier geleert und sich gemeinsam über das abwechslungsreiche Publikum gefreut. Vom uralten ins hellblaue Freezers-Trikot gekleideten Ehepaar jenseits der 80 über Großfamilien im Einheitslook über Hardcore-Fans von der Statur eines Vierzigtonners über Jugendgruppen mit Justin-Bieber-Frisuren über anscheinend allein oder paarweise angereiste und großteils echt hübsche junge Frauen, die vielleicht darauf hofften, nach dem Spiel einem der Stars des Teams über den Weg zu laufen, zumindest waren sie teils aufgebrezelt wie für eine Nacht auf dem Kiez, war eigentlich alles vertreten. Das hatte ich so nicht erwartet.

Meine beiden Highlights des Rundgangs kamen in klein und extrem niedlich...


...und in eckig, bunt beschriftet und auf einer weißen Tischdecke.


So ein Käsesoßen-Automat sollte in keinem guten Haushalt fehlen! Ich war begeistert!

Ein weiteres Bier später saßen wir mit noch einem weiteren Bier, man will ja vorbereitet sein, auf unseren Plätzen, das Prozedere vor dem Spiel war beeindruckend, Laserblitze, die Namen und Konterfeis der Spieler wurden auf`s Eis projeziert, großes Kino! Ich war zu dem Zeitpunkt schon begeistert.


Das Spiel an sich war spannend, ist aber schnell erzählt.

Anstoß erstes Drittel, irgendwas passiert, 1-0 für die Freezers, "Juhuu Juhuu", mit der Klatschpappe klatschen (das Zeug ist recht lustig, man darf es aber nicht zu lange benutzen, denn sonst hat es was von Selbstgeißelung wie beim Albino-Mönch im "Da Vinci-Code" von Dan Brown), irgendwas passiert, Drittelpause.

Toilettengang und neues Bier und hübsche Frauen gucken.

Anstoß zweites Drittel, irgendwas passiert, Auftritt des Freezers-Maskottchens ein paar Meter neben uns,


irgendwas passiert, 2-0 für die Freezers, "Juhuu Juhuu", mit der Klatschpappe klatschen, über den Gegner lästern, "Wie, und das soll jetzt der Tabellenführer sein?", Strafe folgt auf dem Fuß, zack, Gegentor, nur noch 2-1 für die Freezers, Drittelpause.

Neues Bier und hübsche Frauen gucken.

Anstoß drittes Drittel, irgendwas passiert, 3-1 für die Freezers, Juhuu Juhuu, mit der Klatschpappe klatschen, über den Gegner lästern - Spielunterbrechung.

Spielunterbrechung aufgrund einer Werbeaktion des Engtanz-/Abschuss-/und Restefick-Schuppens "Thomas Read" auf der Reeperbahn. Halbnackte junge Frauen springen zwischen den Zuschauern auf der Gegengeraden umher und verteilen Freibier. Das ganze wird unterlegt mit schlechter RnB-Mucke. Nach einer Minute ist der fast schon peinliche Spuk vorbei und die Hälfte der Bierverteilerinnen ritzt sich in der Umkleide vermutlich erstmal ob des unwürdigen Nebenjobs... Das ein Spiel der höchsten deutschen Liga für sowas unterbrochen wird...wow. Ich wusste gar nicht, dass das überhaupt möglich ist.

Spielunterbrechung beendet, keine Halbnackten mehr zu sehen, irgendwas passiert, zack, Gegentor, nur noch 3-2 für die Freez...ZACK, Gegentor, oh, es steht 3-3. Das ging fix.

Auf ein Mal ist es recht still in der Halle. Das Spiel war schon gewonnen und jetzt das... In der Reihe hinter mir schlägt eine Hübsche die Hände vor`s Gesicht - allerdings wohl eher, weil sie sich zu Tode langweilt und ihr Kerl, komplett in hellblauer Freezers-Uniform gekleidet, seit über zwei Stunden kein Auge für sie hatte. Und wenn doch, dann erklärte er ihr, was grad auf dem Eis passierte - was sie aber so wenig interessierte, wie das momentane Wetter in Islamabad oder ob der Torwart des Gäste-Teams Linksträger oder Rechtsträger ist. Und er bemerkte es nicht. Dabei hatte sie sich extra hübsch gemacht, nicht billig "hübsch", sondern tatsächlich wirklich hübsch. Sie hatte sich den Abend wohl anders ausgemalt und ich habe so etwas wie Mitleid.

Ist aber egal jetzt, denn die Verlängerung geht los.

Angriff, Schuss, TOR, 4-3 für die Freezers, Juhuu Juhuu

Feierabend.

18 Sekunden Verlängerung, dann Tor, dann Schluss.

Spielende.

Ich bin verwirrt. Ich wusste ich nicht, dass es beim Eishockey ein "Golden Goal" gibt, welches im Fußball ja (zurecht) so grandios gescheitert ist, "Schland" durch Oliver Bierhoff aber dennoch 1996 einen Titel verschaffte.

Ausgang. Warten auf den Bus zur S-Bahn-Station. Nachtaufnahme.


Ab Richtung St. Pauli. Abschlussbier. Dann in die U3 und heim.

Aufschlag im heimischen Wohnzimmer gegen 1.15 Uhr. TV-Programm checken. Eine Lieblings-Serie läuft von 1.25 bis 4.00 Uhr.

Punktlandung! Rein in den Fernsehsessel, Chips links, Getränk rechts...

Ruhe. Zufriedenheit. Und Orgelmusik im Hinterkopf.

Dät-dät-däää-dät, dät-dät-däää-dät...DÄT-dät-däää-dät...DÄT-dät-däää-dät...Dädädädät-dädääää!

Die Schweineorgel. Wird ausgeschaltet. Im Kopf.

Ich habe nach wie vor absolut keine Idee von Regeln und wie was warum passiert. Und mir hat eine anständige Hauerei gefehlt, denn das gehört für mich zu einem Eishockeyspiel dazu.

Ansonsten: Großartig!

Da bin ich gern öfter dabei!

Sonntag, 27. Oktober 2013

Jagdfieber in Wandsbek

Im Herbst 2011 lag in Wandsbek der Geruch von Schießpulver und Blei in der Luft, denn vor etwas mehr als zwei Jahren fand dort das ...



...statt.

Macht sich sicher gut überm Kamin, so eine Trophäe eines selbstgeschossenen Wandsbeker Bürgers.

Waidmanns Heil!

Skyporn Volume 3: Heute mal Berlin

Sommer 2013.

Am Holocaust-Mahnmal mit saufenden Spaniern, rotzenden Skandinavierinnen und gröhlenden Kleinkinderhorden samt ihrer Hippie-Mutti. Grauselig. Ich schrieb darüber.

Eine gute Sache hatte das Ganze dann aber doch.

Den Himmel über Berlin-Mitte.



Ich bin gern am Holocaust-Mahnmal, aus beschriebenen Gründen lieber abends oder nachts, aber abends oder nachts wäre mir so ein Foto nicht geglückt. Ich finde die Wolken auf dem Bild, ohne jetzt nach Eigenlob stinken zu wollen, wahnsinnig.

Wie Omi immer sagt: "Das Glück ist mit die Doofen!"

Montag, 21. Oktober 2013

Skyporn Volume 2

Ich mag sie ja, die Hafen-City. Hamburgs Rückzugsort für all die armen Seelen, die nicht wissen, wohin sie mit ihrem ganzen Geld sollen. Ich würde ihnen diese finanzielle Last ja von den Schultern nehmen, teilweise zumindest, bisher hat aber noch niemand mein Angebot wahrgenommen.

Wenn der im Normalfall recht nervige, weil schnöselige Hafen-City-Bewohner grad besseres zu tun hat, im Whirl-Pool chillen, am 50-jährigen Whiskey nippen, einen neuen Luxus-SUV kaufen, wahlweise einen mit Whirl-Pool und Whiskey-Bar an Bord, wenn er einen also mal in Ruhe leben lässt und nicht vom 60-qm-Balkon abschätzig herunter äugt, dann kann man da in der Hafen-City am Wasser in der Abendsonne echt eine gute Zeit haben.

Ich weiß nicht, wie der Teil der Hafen-City heißt, an dem das Foto entstanden ist (obwohl ich den Ort jederzeit wiederfinden würde), aber das zugegebenermaßen schon etwas ältere Bild mag ich sehr.



Wenn da nur nicht diese dämliche Lichtreflektion unten rechts wäre...

Wobei: Perfektion ist ja irgendwie auch langweilig. Oder nicht?

Montag, 14. Oktober 2013

Visionäre

E. und S. haben einiges vor. Frisch verliebt vermutlich. Nicht länger als seit drei Wochen. Und dann schon solche Zukunftspläne.



Entdeckt habe ich das Ganze vor einiger Zeit, als ich einer befreundeten Band half, ihr Equipment in den Van zu laden. Vor dem Wohnhaus des Bassers in der Kulmer Straße in Berlin-Schöneberg standen einige, zum nebenan liegenden Lokal gehörende, Bänke und Tische und dort hatten E. und S. sich verewigt.

Wie gesagt, das war vor einiger Zeit...2011 glaube ich. Und E. und S. gehen wahrscheinlich schon wieder getrennte Wege.

Oder auch nicht. Und Nummer eins oder gar Nummer zwei von 1000 Kindern sind bereits am Start oder in der Mache. Fänd ich auch ok.

Solang es keine Justin-Jamies, Jerome-Kurt-Pätricks oder Sylvana-Jolies werden.

Hoffen wir das Beste...

Mittwoch, 25. September 2013

Skyporn

"Wir bleiben wach, bis die Wolken wieder lila sind..." ("Marteria - Lila Wolken". Absolut nicht meine Musik, aber hier passt`s grad mal.)



Allzu lange wach bleiben oder gar eine Nacht durchmachen musste ich für das Foto allerdings nicht, denn das ist kein Sonnenauf- sondern ein Sonnenuntergang. Von einer Hafenfähre aus, mit Fahrtwind um die Nase und nem Bierchen in der Hand...nein, ohne Bierchen, ist ja verboten auf den Hadag-Fähren und daran hält man sich selbstverständlich...echt jetzt! Schwör!

Ich geb ja zu, ab und an kann ich diese "Hamburg ist die schönste Stadt der Welt"-Geschichte ein klitzekleines bisschen nachvollziehen. Aber wirklich nur ein klitzekleines bisschen. Das muss reichen.

Als ich vorhin im strömenden Regen an der Bushaltestelle stand, mir den Arsch abgefroren und dem Sommer hinterher getrauert habe, obwohl ich ja in der heißen Zeit auch nur am Motzen war, kam mir dieses Bild, mein Lieblings-Sommerbild 2013, wieder ins Gedächtnis. Zuhause habe ich die tropfnasse Jacke zum Trocknen über die Heizung gehängt und das Bild rausgesucht.

Und dank des Titels dieses Posts hab ich dann ab gleich auch wieder Horden von Menschen auf der Seite, die via Google direkt mit offener Hose hier ankommen. Ich freu mich schon auf neue Suchbegriffe, die hierher führ(t)en, denen hab ich mich ja schonmal gewidmet. Im Moment ist es erstaunlich ruhig in den Statistiken, fast schon langweilig. Das muss sich ändern!

Freitag, 13. September 2013

Zweideutigkeiten beim Bäcker



Neulich beim Brötchen-Dealer um die Ecke:

"Hallo, für mich einen Liebesknochen bitte!" ordert die Kundin vor mir und die Verkäuferin erwidert mit leuchtenden Augen "Gute Wahl, das Spritzgebäck ist wirklich das beste!"

Ich konnte ein Lachen kaum unterdrücken, aber irgendwie war ich da der einzige. Und meine Bestellung von zwei Roggenbrötchen kam mir dann ziemlich langweilig vor...

Sonntag, 25. August 2013

Einfach mal "bitte" sagen



Letztens im Barmbeker Bahnhof: Die Höflichkeit ist hier leider auf der Strecke geblieben.

Das Schild wurde natürlich längst ausgetauscht. Auch auf dem neuen konnte ich das Wörtchen "bitte" nicht entdecken. Sie haben nichts verstanden...

Freitag, 23. August 2013

Wohnungssuche in Hamburg



(Leider nicht von mir fotografiert, eine Bekannte hats irgendwo in Eimsbüttel entdeckt. Ich staube hier nur ab wie Mario Gomez und nutze das Bild, weil ich es erstens lustig und zweitens sehr treffend finde, denn die Problematik lässt sich auch auf andere Stadtteile beziehen, in Eimsbush (und anderen Szene-Vierteln) ist es nur momentan relativ akut. Außerdem steh ich auf den Verweis in der Mailadresse. "Was nützt die Liebe in Gedanken" hab ich immer gehasst, weil da Daniel Brühl mitspielt und den kann ich so gar nicht leiden...dabei ist es eigentlich ein echt guter Film!)

Es wäre ja lustig, wenns nicht so wahr wäre.

Meine kleine Ein-Zimmer-Bude im schönen Barmbek-Nord ist für mich auch nur noch deswegen bezahlbar, weil ich seit zehn-plus Jahren hier wohne, wenn ich mal ausziehe, zahlt der kommende Mieter garantiert einen Aufschlag von locker einem Drittel auf die Miete, die ich grad abdrücke. Und damit ist er dann noch gut bedient.

Das ehemalige Arbeiter- und Studentenviertel mausert sich. Von Unterschicht zum angesagten Szene-Stadtteil. Sagen zumindest Menschen vorher, die sich auskennen mit Stadtentwicklung und Trends und so. Barmbek-Nord wird in absehbarer Zukunft die neue Schanze. Und meine Wohnung ist dann ergo ein Kleinod, das jeder haben will. Relativ ruhige Seitenstraße, nicht im Erdgeschoss und gut an den ÖPNV angebunden. Wenn Barmbek-Nord in ein paar Jahren zur Schanze 2.0 mutiert ist, erste Anzeichen sind ja schon zu erkennen (Restaurants und ansprechende Bars ziehen in den Kiez, die Mieten steigen und wir haben jetzt sogar okaye StreetArt...wo früher Urs-Kevin sein "I was here" samt Datum mit Edding an die Wand gehauen hat, kleben heute recht ansprechend gemachte Stencils...und ja, das IST, so blöd es auch klingt, ein Zeichen für die Aufwertung eines Kiezes), dann werden sich Bewerber um meine paar Quadratmeter Wohnfläche schlagen und mein Vermieter wird mich hochkant rauskicken wollen - ein erster plumper Versuch wurde bereits erfolgreich abgeschmettert. Gewollt bin ich hier nicht mehr, das habe ich verstanden.

Aber ich geh hier nicht weg. Nicht freiwillig. Da muss mein Arsch von Vermieter sich ordentlich ins Zeug legen, um mich zum unfreiwilligen Auszug zu bewegen. Da muss er größere Geschütze auffahren.

Die Nachbarn, die erst seit kurzem hier wohnen, werden wieder gehen. Müssen.

Feriz aus Mazedonien lebt seit etwa einem Jahr in der Wohnung unter meiner und wird auch gehen müssen, wenn mein Viertel irgendwann bald "in" wird. Sein neunter Umzug wäre das, seit er 2005 nach Deutschland gekommen ist, erzählte er vor ein paar Tagen. Er ist ein gestandener Mann um die 50, spricht astreines Deutsch und hat viel erlebt. Wenn er von seiner Vergangenheit erzählt, wenn wir uns mal zufällig im Treppenhaus treffen, dann muss er manchmal abbrechen und erstmal schlucken, bevor er weitersprechen kann. Und ich lausche und höre ihm zu und muss manchmal auch tief durchatmen , während er erzählt, weil das, was er erzählt, einfach übel ist. Und wenn er, das ist abzusehen, aus seiner Wohnung raus muss, im Zuge des "alles muss neu sein", dann wird er weinen müssen, sagt er. Und ich kann ihm dann nur gut zureden, ihm auf die Schulter klopfen und versuchen, ihn zu trösten und sonst kann ich nichts tun.

Der Nazi-Arsch aus dem zweiten Stock wird sicherlich gegangen werden. Endlich. Vermissen wird ihn niemand, da bin ich mir sicher. Er sollte ja vor einigen Monaten schon raus, hat sich aber mit dem Vermieter irgendwie gut gestellt und durfte dann doch bleiben. Eine erneute Mieterhöhung wird er aber nicht überleben, obwohl auch er davon profitiert, schon ewig im Haus zu wohnen, bei Neubezug wären seine zwei Zimmer, Küche, Bad wohl unter (ich rate mal einfach) 650€ kalt nicht mehr zu haben und da setze ich vermutlich noch großzügig an. Und obwohl Denny ein Riesen-Arsch ist, habe ich so etwas wie Mitleid, er lebt seit über 20 Jahren hier und viel mehr Jahre werden es nicht werden. Das Ende einer Ära. Das muss hart sein.

Und ich?

Ich sitz weiter hier und schaue zu, wie mein Viertel auch ganz allmählich gentrifickziert wird.

Beobachte Ein-und-Auszüge vom Fenster aus. Ich werd Denny Umzugskisten schleppen sehen und mir innerlich selbst eine High Five geben. Ich werd Feriz Umzugskisten schleppen sehen und runterrennen und beim Schleppen helfen. Und ihn danach auf ein Bier einladen.

Und danach geh ich zurück in meine paar Quadratmeter Wohnung, in denen ich mich meistens echt wohl fühle. Und dann schreib ich drüber.