Es ist eine Nacht auf Freitag gegen 00.40 Uhr am Hauptbahnhof Köln.
Mir steckt ein mehrstündiges Konzert in den Knochen, ich bin verschwitzt, müde, leicht heiser, hungrig, ich friere und möchte nur noch heimfahren. Gern so schnell es eben geht.
Auf dem Abfahrtsplan nichts zu sehen von meinem Reiseziel nördlich von Bonn. Also ab zum Serviceschalter der Deutschen Bahn, der zu meiner Überraschung um diese nachtschlafende Zeit noch immer besetzt ist.
"Guten Abend, ich möchte schnellstmöglich nach Bonn. Oberkassel-Nord. Können Sie mir sagen, welche Bahn mich hinbringt? Oder ob überhaupt noch eine in die Richtung fährt?"
"01.01 Uhr ab Bahnsteig 5."
"Super, vielen Dank!"
Abgang.
Mit knurrendem Magen und zwei frisch erworbenen Käseburgern von der amerikanischen Botschaft auf Bahnsteig 5 angekommen, fällt mir ein: "Scheiße, Fahrkarte!"
Kurz wäge ich ab, schwarzfahren ja, schwarzfahren nein, Pros (einige) und Contras (Karma), dann laufe ich wieder hinunter zu einem Fahrkartenautomaten, deren gibt es im Kölner HBF viele, sehr viele. Zeit bis zur Abfahrt ist noch ein wenig, an Bahnsteig 5 steht eh noch der ICE nach Frankfurt, der seit zehn Minuten unterwegs sein sollte und die Käseburger schmecken notfalls auch kalt. Der Hunger treibt's rein.
Fahrkartenautomat 1: Einzelfahrt Erwachsener, Start Köln HBF, Ziel...mit O sind so einige vorgegeben, Oberhausen, Osnabrück, Olchau (wo zum Henker...?). Oberkassel ist nicht dabei, was mich aber nicht weiter verwundert. Man kann sein Reiseziel ja notfalls auch manuell eingeben und des Tastendrückens bin ich grad noch so eben mächtig.
Hochmotiviert tippe ich auf die O-Taste und auf dem Monitor passiert Erstaunliches. Buchstaben verschwinden wie von Geisterhand, aus irgendeinem Grund finde ich das äußerst amüsant und freue mich darüber. Bis ich bemerke, dass zu den nicht mehr auswählbaren Lettern auch das B zählt. "Oberkassel" kann ich nun also nicht mehr als Reiseziel eingeben. Was suboptimal ist, denn exakt da will ich ja hin.
Ich schweige kurz betreten, dann stehe ich wieder beim Servicepoint auf der Matte.
"Guten Abend nochmal. Ich möchte immer noch nach Oberkassel reisen und - Sie werden mich für verrückt halten - ich möchte dafür sogar eine Fahrkarte kaufen! Um diese Uhrzeit noch! Aus Gründen, die ich selber nicht ganz verstehe. Ich habe nur ein Problem: Der Automat stellt sich quer!"
Die eigentlich recht hübsche Dame am Infoschalter zuckt zusammen als ich sie anspreche und äugt mich mit einem Blick an, der irgendwo zwischen Desinteresse und "Ohje, jetzt hab ich grad gepupst!" liegt.
"Warum?" Sie presst die Frage unwillig zwischen den einwandfrei gebleichten Zähnen hindurch. Ich erläutere knapp mein Problem. "Na wenn ich mein gewünschtes Reiseziel eingeben will, scheitere ich bereits beim zweiten Buchstaben. Sobald ich auf's "O" getippt habe..."O" für "Oberkassel"...verschwindet das "B". Zack, weg ist es. Einfach so. Und ohne "B" komme ich dann irgendwie nicht weiter. Ich gäbe grad einiges für ein "B"!"
Sie schaut. Mich an. "Liegt sicher am Automaten. Programmfehler oder sowas. Probieren Sie einfach einen anderen! Das liegt bestimmt am Betriebssystem!"
"Nein" denke ich, "tut es nicht. Das hat mit dem Betriebssystem so wenig zu tun wie ich mit einem Professorenstuhl in höherer Mathematik oder die Parolen gröhlenden Widerlinge auf den Straßen Freitals und Heidenaus mit Menschlichkeit und Empathie. Eure Fahrkartenautomaten sind Arschlöcher, Mathe ist ein Arschloch und was die "besorgten Bürger" unseres ach so schönen Landes angeht: Da ist "Arschloch" noch deutlichst zu nett formuliert."
Aber ich sage nichts, ich lächle sie an und tue ihr den Gefallen, ich hab ja noch Zeit, die Burger schmecken auch kalt, ich probiere einen weiteren Automaten, dann noch einen, dann einen an der gegenüberliegenden Wand, dann den, vor den vor ein paar Minuten ein Besoffener gereihert hat, der Fladen Erbrochenes dampft noch leicht dank der im Bahnhofsgebäude aufgestauten Tageshitze.
Ich bin guten Willens, ich versuche mein Glück an insgesamt acht Fahrkartenautomaten, allein das Ergebnis bleibt das gleiche.
Try. Fail. Repeat.
Dann habe ich die Faxen dicke und auch nur noch knappe zehn Minuten bis zur Abfahrt Richtung Bett. In Oberkassel.
Dritter Akt am Servicepoint.
"N'Abend, ich wieder! Vollkommen überraschend kann ich auch an keinem anderen der wirklich hübsch anzusehenden Kartenautomaten eine Fahrkarte zu meinem Wunschziel...Na? NA???...richtig, immer noch Oberkassel...lösen. Und ehrlich gesagt hab ich jetzt auch keine Lust mehr. Von Nerven und Zeit mal ganz zu schweigen. Also, Fakten auf den Tisch. Was tun?"
Sie starrt mich aus großen braunen Rehaugen, die tragischerweise recht dämlich aus ihrem hübschen Gesicht glotzen, an und wünscht mir vermutlich grad die Pest an den Hals.
Ich höre die kleinen Rädchen in ihrem Kopf förmlich rattern und klickern während sie gefühlt ein halbes Leben lang durch mich hindurch ins Leere starrt.
Kurz, ganz kurz bevor es lächerlich wird und sie irgendetwas möglichst logisch Klingendes von sich geben muss, entdeckt sie im Augenwinkel Uniformierte und reißt reflexartig den Arm hoch. "Fragen sie doch mal meine Kollegen! Die können sicher weiterhelfen!" Dann greift sie zum Telefonhörer und tut so, als sei es ein wichtiger Anruf. Jeder unterirdischen Laienschauspielertruppe wäre diese Darbietung peinlich, sie aber zieht sie in aller Konsequenz durch.
Vor so wenig Selbstachtung ziehe ich meinen Hut und wende mich mit meinem Anliegen den Uniformierten zu, die mir Miss Information so warm ans Herz gelegt hatte.
Es sind Mitarbeiter einer Security-Firma, die nachts durch den Bahnhof patrouillieren und natürlich nicht den Hauch einer Ahnung von Fahrplänen, Fahrkartenautomaten und dem Streckennetz der Deutschen Bahn haben. Wie die Trulla am Infoschalter quasi, nur in weniger hübsch und in weniger nervtötend.
Ich kriege gutgemeinte Ratschläge mit auf den Weg.
"Fährsse schwatt. Is doch ejal hömma!"
"De Käsburger schmecke ooch kalt. Da schmeckese sogar besser!"
"Fah doch nach Niederkassel un lauf von da! Et kann doch nimmer weit sin dann!"...nein, nur knapp fünfzig Kilometer...
00.59 Uhr. Ich hetze mit entnervtem Blick, neu dazugewonnenen grauen Haaren und einer Papiertüte mit zwei mit Industriekäse, einer millimeterdicken Bulette aus Fleischabfällen und sonstigen zu vernachlässigenden Zutaten belegten erkalteten Schaumgummibrötchen, dafür aber ohne Fahrkarte Treppenstufen hinauf zu Bahnsteig 5, rein in meinen Zug, hinein in eine Sitzreihe, gegenüber einer in den Zwanzigern, Hemd, hellblaue Krawatte, edel aussehendes Sakko, teure Lederslipper, glänzend, frisch poliert, er trägt die Haare zum Seitenscheitel gegelt und gehaarsprayed, vermutlich kann der Frisur selbst eine in direkter Nähe explodierende Handgranate nichts anhaben.
Rakka. 16.47 Uhr. Fliegerbombe. Das Gesicht ist weg. Aber die Frisur sitzt.
Er mustert mich von oben bis unten. Abschätzig. Ich missfalle. Schwarzer Kapu, Cargo-Pants, uralte bemalte Chucks, einen Button an der Hose, auf dem ein Stilisierter einem anderen Stilisierten ins Gesicht tritt, good night white pride in der inzwischen indizierten Version. Meine ziemlich angeschlagene Optik wird ihren Teil zu seinem Misstrauen beitragen.
Ich mache mich auf meinem Sitz breit. Und warte auf jemanden, der meine nicht vorhandene Fahrkarte kontrollieren möchte.
Ungewollt auffällig beobachtet mich dabei der Gelackte von gegenüber, seine natürlich absolut zufälligen Blicke kitzeln jedes Mal ein bisschen im Nacken, wenn ich ihm eben den Rücken zuwende. Und sobald ich auch nur ansatzweise in seine Richtung schielen kann, versteckt er sich hinter seiner Zeitung und tut, als sei er gar nicht da.
Während sich die zu hellen Deckenleuchten im polierten Kunstleder seiner Slipper und in seinem Gelhelm spiegeln und ich noch überlege, wie albern das auf einer Skala von eins bis zehn aussieht, betritt die Zugbegleiterin den Waggon.
Natürlich. Das musste so kommen. Auf der einen von x-hundert Fahrten, für die man grad mal kein gültiges Ticket hat, kommen sie aus ihren Löchern gekrochen. Weil sie sowas aus zwölf Kilometern Entfernung gegen den Wind wittern wie Schmeißfliegen den frisch gesetzten Kuhfladen.
"Guten Abend, ihre Fahrkarte bitte!". Sie lächelt mich erwartungsvoll an. Ich lächele so charmant wie in meinem Zustand eben noch möglich zurück. Und der Schmierlapp im Abteil gegenüber grinst vorfreudig über den Rand seiner Zeitung. Denn dass ich keine gültige Fahrkarte besitze, ist ihm klar. Das hat er Millisekunden, nachdem er mich zum ersten Mal gesehen hat, gewusst. Der durchgerockte Asi? Fahrkarte? Im Leben nicht.
Jetzt muss improvisiert werden. "Klären Sie das einfach im Zug!" hatte mir der Komplettausfall am Infoschalter noch mit auf den Weg gegeben, bevor erneut ein "wichtiger Anruf" ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
"Ihnen auch einen guten Abend! Tja,Fahrkarte, wo fange ich bloß an? Sagen Sie, könnten Sie den Ort "Oberkassel" ohne den Buchstaben B schreiben?" Die Zugbegleiterin schaut erst irritiert, dann wissend.
"Richtig, ich habe kein Ticket. Eine unglückliche Verkettung von Umständen. Elektronische Fahrkartenautomatenmängel, optisch ansehnliche aber in der Praxis vollkommen wertlose Service-Point-Mitarbeiterinnen - wie löblich übrigens, dass der um diese Uhrzeit noch besetzt ist! Da wo ich herkomme, da..."
"Das macht dann sechzig Euro." stellt sie trocken aber nicht unfreundlich fest und das ist mein Startsignal.
In meinen Jahren in NRW habe ich gelernt: Reden hilft. Viel Reden hilft viel. Am besten ohne Punkt, Komma und jeglichen unnötigen Atemzug. Immer druff!
Ich erzähle von der stressigen Anreise in der Bullenhitze und davon, wie ich die Konzert-Location zunächst nicht gefunden habe, ich erwähne den schlecht tätowierten Muskelberg, der mir während des Konzerts auf den Fuß trat und mir zeitgleich sein Bier übers Shirt kippte, ich lobe die Preise des VRS und des KVB und halte ihr die entsprechenden Fahrkarten meiner nachmittäglichen Anreise (die ich vorher aus den Untiefen meines Rucksackes gefischt habe) unter die Nase, "Schauen Sie, selbst für die paar Stationen S-Bahn hab ich bezahlt, das tu ich auch nicht immer, das können Sie mir glauben, kontrolliert ja eh so gut wie nie wer! Aber Sie kontrollieren hier um diese Uhrzeit noch, gut finde ich das, sehr gut, wird doch sicher auch nicht sooo toll bezahlt, dass Sie sich hier die Nacht um die Ohren schlagen in fast leeren Zügen, außer mir und dem da (Kopfnicken Richtung Gelfrisur) ist ja kaum wer hier, also für mich wär das ja nichts, Mann Mann Mann."
Einen Mitleid erheischenden Hinweis auf schmerzende Füße und eine zur Absicherung hinterher geschobene interessierte Nachfrage nach der aktuellen Form des EffZeh Köln (das funktioniert erfahrungsgemäß im Kölner Umland in neun von zehn Fällen in jeder Lebenssituation und öffnet so gut wie jede Tür) habe ich gewonnen.
Sie ist zermürbt. Weich gekocht. Oder schlicht durch mein Gelaber so durcheinander, dass sie nichts mehr möchte, als mich endlich loszuwerden.
"Und Sie steigen ganz sicher in Oberkassel aus?" - "Aber sowas von! Da freu ich mich schon die ganze Zeit drauf!"
Mit dem Hinweis, sie würde nochmal beide Augen zudrücken und beim nächsten Mal müsse ich aber zahlen, wendet sie sich dem Schlipsträger zu, der mich seit knapp drei Minuten anstarrt wie einen Außerirdischen.
So sehr hatte er sich darauf gefreut, wie ich hochgenommen werde, wahrscheinlich so sehr, dass er schon einen kleinen nassen Fleck im Schlüpfer hatte - und jetzt das.
Ich lehne mich entspannt auf meinem Sitz zurück. Zehn Minuten noch bis Bonn-Oberkassel.
Ich grinse mein gegeltes Gegenüber breit an und für einen Moment, in dem das Licht richtig auf ihn fällt, spiegele ich mich in seiner Tolle. Zumindest sieht es fast so aus.
"Nächster Halt: Oberkassel-Nord"
Zischend öffnet sich die Tür des Waggons und nachdem ich meinem weiterreisenden Freund noch ein Mal freundlich zugewunken habe, springe ich auf den dunklen Bahnsteig.
Ein paar Minuten Fußweg noch durch dunkle menschenleere Vorstadtstraßen und ich bin zuhaus.
Was für ein toller Tag.
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Samstag, 12. September 2015
Riding home to Oberkassel
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Sonntag, 17. Mai 2015
Sternenhimmel
Später Abend.
Ich steige am Baumwall in die fast leere U-Bahn und habe freie Platzwahl.
Ich setze mich auf einen Platz am Fenster und ziehe mir meine Kopfhörer über die Ohren.
Musik an, noch kurz durchs Fenster mit müden Augen den nächtlichen Hafen bewundert, dann Hirn aus, Augen zu, ab nach Hause.
Ein paar Stationen später, im Ohr gerade einen sehr ruhigen Part, höre ich Geräusche, die ich nicht direkt einordnen kann und öffne die Augen wieder.
Kurz muss ich wegen der blendenden Lichter im Waggon blinzeln, dann erkenne ich ein Mädchen, Mitte zwanzig ist sie vielleicht und sie tastet sich mit ihrem Blindenstock durch den Mittelgang und lässt sich, bevor ich ihr vermutlich eh unnötige Hilfe anbieten kann, ins Sitzabteil rechts gegenüber fallen und schnauft erstmal tief durch.
Da das erleichtert und ermüdet klingt und sie scheinbar einen anstrengenden Abend hatte, entschließe ich mich dazu, die Klappe zu halten und ihr ihre Ruhe zu lassen, obwohl ich mir einbilde, sie habe kurzzeitig in meine Richtung gelächelt, bevor sie sich auf den Sitz plumpsen ließ.
"Das war sicher Kopfkino", denke ich mir, "ganz klar, warum sollte die dich denn bitte anlächeln? Die sieht dich nich, gesagt haste nix, haste dir wieder was eingebildet, kannste ja gut."
Ich fläze mich auf meine Sitzbank, schließe wieder die Augen, lehne den Kopf an die Fensterscheibe - klonk - und das Handy switcht zum grandiosen ClickClickDecker.
"Ich beneide Dich um Deinen Sternenhimmel."
Ich muss automatisch grinsen und bin mit der Gesamtsituation sehr zufrieden.
Das Lied beginnt und wie ich das manchmal so mache, wenn ich mich vor Beobachtern sicher wähne oder gute Laune habe, singe ich nicht mit, zumindest nicht laut, ich forme nur die Worte mit den Lippen.
Nur für mich ganz allein.
Fast vollkommen lautlos.
Vermutlich sehe ich dabei zum Schießen komisch aus, das ist mir aber vollkommen egal.
Das Lied läuft so knappe drei Minuten und ich "singe" für mich allein mit und freue mich, danach shuffelt das Handy zu was Instrumentalem und ich wippe nur noch im Takt mit dem Fuß.
Kurz vor der Kellinghusenstraße tippt jemand sacht auf meine Schulter.
Ich schaue hoch. Das blinde Mädchen aus dem Abteil gegenüber. Dieses Mal lächelt sie mich wirklich an.
"Was für ein schöner Text, den du geflüstert hast. Verrätst du mir, von wem der ist?"
Ich bin vollkommen baff und kriege es grad noch so hin, ihr Songtitel und Musikanten zu nennen, dann steigt sie mit über den Boden ratterndem Stock aus, winkt dabei mit der freien Hand und dann fährt die Bahn ab.
Und ich sitze verwirrt da.
Dann muss ich lachen und bin glücklich für einen Moment.
Ich steige am Baumwall in die fast leere U-Bahn und habe freie Platzwahl.
Ich setze mich auf einen Platz am Fenster und ziehe mir meine Kopfhörer über die Ohren.
Musik an, noch kurz durchs Fenster mit müden Augen den nächtlichen Hafen bewundert, dann Hirn aus, Augen zu, ab nach Hause.
Ein paar Stationen später, im Ohr gerade einen sehr ruhigen Part, höre ich Geräusche, die ich nicht direkt einordnen kann und öffne die Augen wieder.
Kurz muss ich wegen der blendenden Lichter im Waggon blinzeln, dann erkenne ich ein Mädchen, Mitte zwanzig ist sie vielleicht und sie tastet sich mit ihrem Blindenstock durch den Mittelgang und lässt sich, bevor ich ihr vermutlich eh unnötige Hilfe anbieten kann, ins Sitzabteil rechts gegenüber fallen und schnauft erstmal tief durch.
Da das erleichtert und ermüdet klingt und sie scheinbar einen anstrengenden Abend hatte, entschließe ich mich dazu, die Klappe zu halten und ihr ihre Ruhe zu lassen, obwohl ich mir einbilde, sie habe kurzzeitig in meine Richtung gelächelt, bevor sie sich auf den Sitz plumpsen ließ.
"Das war sicher Kopfkino", denke ich mir, "ganz klar, warum sollte die dich denn bitte anlächeln? Die sieht dich nich, gesagt haste nix, haste dir wieder was eingebildet, kannste ja gut."
Ich fläze mich auf meine Sitzbank, schließe wieder die Augen, lehne den Kopf an die Fensterscheibe - klonk - und das Handy switcht zum grandiosen ClickClickDecker.
"Ich beneide Dich um Deinen Sternenhimmel."
Ich muss automatisch grinsen und bin mit der Gesamtsituation sehr zufrieden.
Das Lied beginnt und wie ich das manchmal so mache, wenn ich mich vor Beobachtern sicher wähne oder gute Laune habe, singe ich nicht mit, zumindest nicht laut, ich forme nur die Worte mit den Lippen.
Nur für mich ganz allein.
Fast vollkommen lautlos.
Vermutlich sehe ich dabei zum Schießen komisch aus, das ist mir aber vollkommen egal.
Das Lied läuft so knappe drei Minuten und ich "singe" für mich allein mit und freue mich, danach shuffelt das Handy zu was Instrumentalem und ich wippe nur noch im Takt mit dem Fuß.
Kurz vor der Kellinghusenstraße tippt jemand sacht auf meine Schulter.
Ich schaue hoch. Das blinde Mädchen aus dem Abteil gegenüber. Dieses Mal lächelt sie mich wirklich an.
"Was für ein schöner Text, den du geflüstert hast. Verrätst du mir, von wem der ist?"
Ich bin vollkommen baff und kriege es grad noch so hin, ihr Songtitel und Musikanten zu nennen, dann steigt sie mit über den Boden ratterndem Stock aus, winkt dabei mit der freien Hand und dann fährt die Bahn ab.
Und ich sitze verwirrt da.
Dann muss ich lachen und bin glücklich für einen Moment.
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Samstag, 1. November 2014
Personenschaden
Die U3 ist vollkommen überfüllt mit in braun und weiß oder gelb und schwarz gekleideten Menschen, die allesamt im Millerntorstadion oder in einer Bar in Stadionnähe das Pokalspiel St. Pauli gegen Borussia Dortmund gesehen haben und jetzt vollkommen unabhängig vom Ausgang des Spiels feiern.
Die Dortmunder feiern den Einzug in die nächste Runde und die Paulianer feiern mangels sportlicher Erfolgserlebnisse einfach sich selbst.
Mittendrin sitze ich und bin genervt, da das ganze Gejohle und Gesinge das DJ-Set, das in vollster Lautstärke aus meinen Kopfhörern wummert, immer noch zeitweise übertönt. Fan-Gesänge der falschen Vereine statt elektronischen Klängen aus dem Ostbahnhof, herzlichen Dank.
Leise in mich hinein fluchend nehme ich die Kopfhörer ab, ständig von Gejohle unterbrochene Musik auf dem Ohr ist noch anstrengender als der ungefilterte Mist, den die Umwelt generell so mit sich bringt, also spare ich mir die gute Musik für ein anderes Mal auf.
Mir gegenüber sitzt eine Dunkelhaarige mit einem Pauli-Button an der Wollmütze, sie singt keine ihren Verein glorifizierenden Lieder, sondern lächelt verliebt ihren neben ihr sitzenden Freund an, der das aber gar nicht wahrnimmt und stattdessen gedankenverloren Löcher in die Luft starrt.
In meinem Rücken wird laut gegröhlt, eine Gruppe von Borussen besingt Flaschen billigen Bieres herumschwenkend den Auswärtssieg beim unterklassigen Gegner, als sei dieser ähnlich geschichtsträchtig wie die Eroberung Trojas.
"BORUSSIAAAAAA! BORUSSIAAAAAAAAAAAA!!"
Im Sitzabteil gegenüber telefoniert einer lautstark brüllend gegen das ganze Chaos an.
"Ja Schatz!"..."Nein Schatz!"..."Verloren!"..."Pauli! Verloren!!"..."Is scheiße, richtig!"..."Scheiße is das sag ich!"..."Was??"..."Ich sag, daß das Schei..."..."Ja, is laut hier inner Bahn!"..."Laut! Hier! Bahn!"..."LAUT verdammt! L, A, U, T, LAUT!!"
So geht das noch eine Weile.
Am Bahnhof Rödingsmarkt steht die Bahn etwas länger als im Normalfall, das ist vermutlich normal bei so einer Masse Angetrunkener an Bord, die brauchen halt ein bisschen länger um ein- oder auszusteigen.
Die Türen schließen, die Bahn nimmt Fahrt auf.
Und dann bremst sie abrupt ab bis zum Stillstand.
Währenddessen wackelt der ganze Waggon heftig und wäre er etwas leerer gewesen, dann hätte es die im Gang Stehenden wohl herumgeworfen wie Crash-Test-Dummies. So aber werden sie dank der nahezuhen Überfülltheit nur ein wenig durchgeschüttelt.
Kurz legt sich eine irritierte Stille über den Waggon. Ein paar Sekunden lang sagt niemand einen Ton und in die Stille hinein scheppert die Stimme des Bahnführers aus den Lautsprecherboxen.
Sie ist leise und klingt verstört und mitgenommen.
"Bitte steigen sie alle aus. Ich habe jemanden überfahren. Bitte steigen sie alle aus!"
Dem Mädchen gegenüber fällt das verliebte Lächeln aus dem Gesicht und sie wird kalkweiß, ihr Freund steht wortlos auf und zieht sie mit sich.
Nach und nach stehen alle auf und verlassen die Bahn. Ein Betrunkener intoniert erneut Lobgesänge auf den Club aus dem Ruhrpott, während er in Schlangenlinien den Bahnsteig in Richtung der Unfallstelle entlang läuft, einige filmen ihn, einige feiern ihn, der Großteil schaut verständnislos, was ich in dieser Situation sehr angebracht finde.
Ich steige mit als Letzter aus und komme nur langsam vorwärts und Richtung Ausgang, denn die Menge derer, die neben den Ersthelfern stehen bleiben und lange Hälse machen, um einen Blick auf das Opfer zu erlangen, auf eine eventuelle Verstümmelung - eine abgetrennte Extremität sieht im wirklichen Leben sicher noch viel cooler aus als im Computerspiel - ist riesig. Ein riesengroßer Haufen von Asozialen und jedem einzelnen von ihnen gönne ich es in dem Moment von Herzen, anstelle des Opfers dort grad hilflos unter der Bahn zu liegen.
Es gab natürlich auch Handyfilmer, die das Gefilmte dann später im Freundeskreis herumzeigen, "Guck da, da sieht man Blut!" oder die es bei youtube etc hochladen oder sich allein zuhause darauf einen runterholen. Wir leben in einer echt kaputten Welt.
Ich habe, während ich die Unfallstelle passierte, nach rechts durch die Glasscheiben auf die Lichter der Stadt geschaut.
Ich habe in meinem Leben schon genug Mist gesehen, ich habe jemanden durch die Luft fliegen sehen, nachdem er frontal von einem Auto erfasst wurde, ich habe blutende Freunde aus einem zerstörten Autowrack gezogen und ich war dabei, als jemand sich schwerste Verbrennungen zugezogen hat.
Einen, den eine Bahn erwischt hat, habe ich noch nicht gesehen und das sollte auch so bleiben.
Also den Blick nach rechts auf das Hamburg-Panorama. Augen rechts und durch.
Nur ein Mal habe ich, als ich in etwa auf Höhe der Bahnführerkanzel war, kurz nach links geschaut und sah dort jemanden in HVV-Uniform auf dem Boden hocken, der die Hände vors Gesicht geschlagen hatte. Das Bild werde ich lange nicht vergessen.
Als ich die letzten Treppenstufen aus der Haltestelle hinunter ging, kamen mir schon die ersten Polizisten entgegen gerannt, kurz darauf kam der erste RTW an, dann die Feuerwehr mit einem kompletten Zug.
Nach einem glimpflich ausgegangenen Unfall sah das alles nicht mehr aus.
Im Bus Richtung Hauptbahnhof war dann wieder der Telefonierer aus meinem Waggon dabei, dieses Mal war es nicht so laut, er musste nicht brüllen und ich hörte ihn sagen:
"...mich nervt's auch, daß es so spät wird. Hätte der Idiot nicht vor die nächste Bahn stürzen können?"
Ich lasse das einfach unkommentiert, es spricht für sich.
...
....
....
Am Tag darauf las ich online, daß der Verunfallte zwar schwer verletzt ist, mehrere Knochenbrüche sollen es sein, er hat es aber wohl sogar von allein geschafft, von den Gleisen auf den Bahnsteig zu klettern...
Ich hatte deutlich Schlimmeres befürchtet und gratuliere hiermit unbekannterweise zum zweiten Geburtstag.
Die Dortmunder feiern den Einzug in die nächste Runde und die Paulianer feiern mangels sportlicher Erfolgserlebnisse einfach sich selbst.
Mittendrin sitze ich und bin genervt, da das ganze Gejohle und Gesinge das DJ-Set, das in vollster Lautstärke aus meinen Kopfhörern wummert, immer noch zeitweise übertönt. Fan-Gesänge der falschen Vereine statt elektronischen Klängen aus dem Ostbahnhof, herzlichen Dank.
Leise in mich hinein fluchend nehme ich die Kopfhörer ab, ständig von Gejohle unterbrochene Musik auf dem Ohr ist noch anstrengender als der ungefilterte Mist, den die Umwelt generell so mit sich bringt, also spare ich mir die gute Musik für ein anderes Mal auf.
Mir gegenüber sitzt eine Dunkelhaarige mit einem Pauli-Button an der Wollmütze, sie singt keine ihren Verein glorifizierenden Lieder, sondern lächelt verliebt ihren neben ihr sitzenden Freund an, der das aber gar nicht wahrnimmt und stattdessen gedankenverloren Löcher in die Luft starrt.
In meinem Rücken wird laut gegröhlt, eine Gruppe von Borussen besingt Flaschen billigen Bieres herumschwenkend den Auswärtssieg beim unterklassigen Gegner, als sei dieser ähnlich geschichtsträchtig wie die Eroberung Trojas.
"BORUSSIAAAAAA! BORUSSIAAAAAAAAAAAA!!"
Im Sitzabteil gegenüber telefoniert einer lautstark brüllend gegen das ganze Chaos an.
"Ja Schatz!"..."Nein Schatz!"..."Verloren!"..."Pauli! Verloren!!"..."Is scheiße, richtig!"..."Scheiße is das sag ich!"..."Was??"..."Ich sag, daß das Schei..."..."Ja, is laut hier inner Bahn!"..."Laut! Hier! Bahn!"..."LAUT verdammt! L, A, U, T, LAUT!!"
So geht das noch eine Weile.
Am Bahnhof Rödingsmarkt steht die Bahn etwas länger als im Normalfall, das ist vermutlich normal bei so einer Masse Angetrunkener an Bord, die brauchen halt ein bisschen länger um ein- oder auszusteigen.
Die Türen schließen, die Bahn nimmt Fahrt auf.
Und dann bremst sie abrupt ab bis zum Stillstand.
Währenddessen wackelt der ganze Waggon heftig und wäre er etwas leerer gewesen, dann hätte es die im Gang Stehenden wohl herumgeworfen wie Crash-Test-Dummies. So aber werden sie dank der nahezuhen Überfülltheit nur ein wenig durchgeschüttelt.
Kurz legt sich eine irritierte Stille über den Waggon. Ein paar Sekunden lang sagt niemand einen Ton und in die Stille hinein scheppert die Stimme des Bahnführers aus den Lautsprecherboxen.
Sie ist leise und klingt verstört und mitgenommen.
"Bitte steigen sie alle aus. Ich habe jemanden überfahren. Bitte steigen sie alle aus!"
Dem Mädchen gegenüber fällt das verliebte Lächeln aus dem Gesicht und sie wird kalkweiß, ihr Freund steht wortlos auf und zieht sie mit sich.
Nach und nach stehen alle auf und verlassen die Bahn. Ein Betrunkener intoniert erneut Lobgesänge auf den Club aus dem Ruhrpott, während er in Schlangenlinien den Bahnsteig in Richtung der Unfallstelle entlang läuft, einige filmen ihn, einige feiern ihn, der Großteil schaut verständnislos, was ich in dieser Situation sehr angebracht finde.
Ich steige mit als Letzter aus und komme nur langsam vorwärts und Richtung Ausgang, denn die Menge derer, die neben den Ersthelfern stehen bleiben und lange Hälse machen, um einen Blick auf das Opfer zu erlangen, auf eine eventuelle Verstümmelung - eine abgetrennte Extremität sieht im wirklichen Leben sicher noch viel cooler aus als im Computerspiel - ist riesig. Ein riesengroßer Haufen von Asozialen und jedem einzelnen von ihnen gönne ich es in dem Moment von Herzen, anstelle des Opfers dort grad hilflos unter der Bahn zu liegen.
Es gab natürlich auch Handyfilmer, die das Gefilmte dann später im Freundeskreis herumzeigen, "Guck da, da sieht man Blut!" oder die es bei youtube etc hochladen oder sich allein zuhause darauf einen runterholen. Wir leben in einer echt kaputten Welt.
Ich habe, während ich die Unfallstelle passierte, nach rechts durch die Glasscheiben auf die Lichter der Stadt geschaut.
Ich habe in meinem Leben schon genug Mist gesehen, ich habe jemanden durch die Luft fliegen sehen, nachdem er frontal von einem Auto erfasst wurde, ich habe blutende Freunde aus einem zerstörten Autowrack gezogen und ich war dabei, als jemand sich schwerste Verbrennungen zugezogen hat.
Einen, den eine Bahn erwischt hat, habe ich noch nicht gesehen und das sollte auch so bleiben.
Also den Blick nach rechts auf das Hamburg-Panorama. Augen rechts und durch.
Nur ein Mal habe ich, als ich in etwa auf Höhe der Bahnführerkanzel war, kurz nach links geschaut und sah dort jemanden in HVV-Uniform auf dem Boden hocken, der die Hände vors Gesicht geschlagen hatte. Das Bild werde ich lange nicht vergessen.
Als ich die letzten Treppenstufen aus der Haltestelle hinunter ging, kamen mir schon die ersten Polizisten entgegen gerannt, kurz darauf kam der erste RTW an, dann die Feuerwehr mit einem kompletten Zug.
Nach einem glimpflich ausgegangenen Unfall sah das alles nicht mehr aus.
Im Bus Richtung Hauptbahnhof war dann wieder der Telefonierer aus meinem Waggon dabei, dieses Mal war es nicht so laut, er musste nicht brüllen und ich hörte ihn sagen:
"...mich nervt's auch, daß es so spät wird. Hätte der Idiot nicht vor die nächste Bahn stürzen können?"
Ich lasse das einfach unkommentiert, es spricht für sich.
...
....
....
Am Tag darauf las ich online, daß der Verunfallte zwar schwer verletzt ist, mehrere Knochenbrüche sollen es sein, er hat es aber wohl sogar von allein geschafft, von den Gleisen auf den Bahnsteig zu klettern...
Ich hatte deutlich Schlimmeres befürchtet und gratuliere hiermit unbekannterweise zum zweiten Geburtstag.
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Sonntag, 17. August 2014
Die Qualle
Die Qualle sitzt am Abend an einer Bushaltestelle an der Fuhlsbüttler Straße, sie ist etwa 60 Jahre alt und hat sich im Laufe der Zeit sowohl einen grau-braunen struppigen Schnauzer als auch einen beeindruckenden Bierbauch, der nun das Flanellhemd fast zum Platzen bringt, herangezüchtet.
Die Qualle hockt feist auf einem der Sitzplätze und nimmt Schlucke aus der Flasche Oettinger, die sie fest umklammert hält. Es ist nicht das erste Bier des Tages, soviel ist auf den ersten Blick klar.
Die Qualle trägt knallrote Kopfhörer, die sie im minütlichen Wechsel auf und ab und wieder auf und wieder ab setzt, vor ihr parkt ein ranziger Hackenporsche, der unangenehm riecht.
Die Qualle hat etwas gegen meinen Bekannten, den ich zufällig getroffen habe, als ich zum Bus ging. Er arbeitet in der Nähe.
Und er ist türkischer Abstammung.
Oder kurdischer.
Oder sonstwas.
Ich weiß es gar nicht genau und es ist mir auch herzlich egal.
Der Qualle ist das nicht egal.
Schwarze Haare, dunkler Teint.
Feindbild.
Die Qualle lallt Dummes in die Welt.
"Achgugg, das Ölauge sprichddeutsch! Darfsu das übahaupt? Glaubbich nämmich nich, dürfn nur echte Deutsche. Bisdu nich, du bisn Muladde. Muladde!!"
Das geht ein, zwei Minuten so.
Peinlich berührt wenden sich einige ab, mein Bekannter, dessen Mutter, Frau und kleine Tochter neben uns stehen, bebt vor Wut, er ist aber ein kluger Mensch und lässt die Qualle labern. Mit ein oder zwei Gesten bedeutet er ihr, ruhig zu sein.
Seine Mutter und seine Frau haben Tränen in den Augen, sowas ist ihnen lang nicht widerfahren. Die Kleine bekommt zum Glück nicht viel mit, sie ist mit ihrer Puppe beschäftigt, die sie mir kurz zuvor noch vorgestellt hat, ich Hohlkopf habe den Namen der Puppe allerdings vergessen.
Mein Bekannter tröstet Frau und Mutter, immer noch zitternd vor Wut. Die Qualle schwitzt, trinkt vom Billigbier und lallt irgendwas von "alle abschieben, alle raus".
Manchen Menschen...
Der Bus kommt, ich verabschiede mich vom Bekannten und seiner Familie. Die Qualle hievt sich und sein Gepäckstück ebenfalls in den Bus Richtung Norden und lässt sich ächzend und schwankend auf eine Bank im vorderen Teil des Busses fallen.
Es dauert keine zehn Sekunden...
..."Achguck, n Neger!" Er hat einen farbigen Mitfahrer ihm gegenüber an der Tür entdeckt. "Dürfn die frei rumlaufn? Glaubbich abba nich, daß Neger das dürfn!"
Die Qualle imitiert Affenlaute, trinkt weiter ihr Bier und kann froh sein, daß der, den sie da grad beleidigt, anscheinend eine Seele von Mensch ist und sie nicht einfach vom Sitz boxt. Der Beleidigte lächelt das weg. "Lass mal, der ist besoffen." ist seine einzige Reaktion und dabei grinst er.
Ob er wirklich so denkt oder nur sehr gut Wut, Schock oder gar Angst überspielt, weiß ich nicht, aber für den Fall, daß ihm die Sprüche tatsächlich egal sind, ziehe ich meinen Hut vor so viel Gelassenheit und einem so dicken Fell.
Ich kann das nicht, ich koche innerlich bereits und vermutlich steigt mir der Rauch aus den Ohren.
Manchen Menschen...
Die Qualle hat durch ihr Gepöbel den vorderen Bus-Teil fast für sich allein.
Außer ihr sind da nur noch ich, der Fahrer, der der ganzen Sache interessiert zuhört, aber nichts unternimmt und eine Mittzwanzigerin mit Kopftuch auf dem Sitz ganz vorn, die die Qualle bis dahin nicht bemerkt hatte.
Die Qualle schreckt förmlich auf. Ein Kopftuch.
Ein langer Zug an der Flasche.
Fast schon panisch.
"Eyh! Eyh! Du da!! Eeeyyyh!! Du da mim Kopftuch!! Schleiereule!! Is Deuschlan hier, Deuschlan! Deuschlan is das hier! Wir tragn nich so Scheiß, wennu so Scheiß tragn wills musse suhaus machn wo du herkomms! Bei den annern von deine Sorte. Bein Terrorisn! Eyh Alde, hörsu mich? Eyh Alde!! Wir ham Vermummungsverbot in Deuschlan! Vermummungsverbot! Machma ab den Turban, dann..." - statt weiteren gelallten Tiraden rülpst er laut. Und nimmt direkt wieder einen Schluck von seiner Plörre.
Manchen Leuten...
An der nächsten Haltestelle muss ich raus, genau wie die Kopftuchträgerin. Und auch die Qualle bewegt sich zur Tür.
"Kannsu mir helfen? Is schwer!" Die Qualle redet mit mir, deutet auf ihren Hackenporsche und möchte, daß ich den für sie aus dem Bus hebe.
Das kann nur ein Witz sein.
"Bidde Alder, schwer is das. Kannsu das raushem? Der Neger is ja schon weg, der is ja aussestiegn. Wär ja sons sein Job gewesn."
Die Qualle meint das ernst.
Ich lasse meinen Mittelfinger die Antwort geben.
Die Gute mit dem Kopftuch steigt natürlich ebenfalls aus, ohne auch nur einen Gedanken an Mithilfe zu verschwenden.
"Ein stolzer Deutscher wie Sie wird doch wohl sein Gepäck allein und ohne Hilfe einer Terroristin tragen können?" höre ich sie sagen und würd ihr dazu am liebsten gratulieren.
Die Qualle brüllt uns, die wir in verschiedene Richtungen verschwinden, einiges hinterher.
Fotze, Arschloch, Negerfreund. Das übliche. Nichts innovatives.
Manchen Menschen...
...ich gebe es zu:
Manchen Menschen möchte ich manchmal einfach nur mit Anlauf in die Fresse hauen.
Worte helfen da schon lange nicht mehr, diskutieren ist eh nicht im Ansatz möglich.
Einfach BAMM, eine links, eine rechts, keine Erklärungen, Feierabend.
Würde ich wirklich gern.
Manche haben es einfach nicht anders verdient.
Die Qualle hockt feist auf einem der Sitzplätze und nimmt Schlucke aus der Flasche Oettinger, die sie fest umklammert hält. Es ist nicht das erste Bier des Tages, soviel ist auf den ersten Blick klar.
Die Qualle trägt knallrote Kopfhörer, die sie im minütlichen Wechsel auf und ab und wieder auf und wieder ab setzt, vor ihr parkt ein ranziger Hackenporsche, der unangenehm riecht.
Die Qualle hat etwas gegen meinen Bekannten, den ich zufällig getroffen habe, als ich zum Bus ging. Er arbeitet in der Nähe.
Und er ist türkischer Abstammung.
Oder kurdischer.
Oder sonstwas.
Ich weiß es gar nicht genau und es ist mir auch herzlich egal.
Der Qualle ist das nicht egal.
Schwarze Haare, dunkler Teint.
Feindbild.
Die Qualle lallt Dummes in die Welt.
"Achgugg, das Ölauge sprichddeutsch! Darfsu das übahaupt? Glaubbich nämmich nich, dürfn nur echte Deutsche. Bisdu nich, du bisn Muladde. Muladde!!"
Das geht ein, zwei Minuten so.
Peinlich berührt wenden sich einige ab, mein Bekannter, dessen Mutter, Frau und kleine Tochter neben uns stehen, bebt vor Wut, er ist aber ein kluger Mensch und lässt die Qualle labern. Mit ein oder zwei Gesten bedeutet er ihr, ruhig zu sein.
Seine Mutter und seine Frau haben Tränen in den Augen, sowas ist ihnen lang nicht widerfahren. Die Kleine bekommt zum Glück nicht viel mit, sie ist mit ihrer Puppe beschäftigt, die sie mir kurz zuvor noch vorgestellt hat, ich Hohlkopf habe den Namen der Puppe allerdings vergessen.
Mein Bekannter tröstet Frau und Mutter, immer noch zitternd vor Wut. Die Qualle schwitzt, trinkt vom Billigbier und lallt irgendwas von "alle abschieben, alle raus".
Manchen Menschen...
Der Bus kommt, ich verabschiede mich vom Bekannten und seiner Familie. Die Qualle hievt sich und sein Gepäckstück ebenfalls in den Bus Richtung Norden und lässt sich ächzend und schwankend auf eine Bank im vorderen Teil des Busses fallen.
Es dauert keine zehn Sekunden...
..."Achguck, n Neger!" Er hat einen farbigen Mitfahrer ihm gegenüber an der Tür entdeckt. "Dürfn die frei rumlaufn? Glaubbich abba nich, daß Neger das dürfn!"
Die Qualle imitiert Affenlaute, trinkt weiter ihr Bier und kann froh sein, daß der, den sie da grad beleidigt, anscheinend eine Seele von Mensch ist und sie nicht einfach vom Sitz boxt. Der Beleidigte lächelt das weg. "Lass mal, der ist besoffen." ist seine einzige Reaktion und dabei grinst er.
Ob er wirklich so denkt oder nur sehr gut Wut, Schock oder gar Angst überspielt, weiß ich nicht, aber für den Fall, daß ihm die Sprüche tatsächlich egal sind, ziehe ich meinen Hut vor so viel Gelassenheit und einem so dicken Fell.
Ich kann das nicht, ich koche innerlich bereits und vermutlich steigt mir der Rauch aus den Ohren.
Manchen Menschen...
Die Qualle hat durch ihr Gepöbel den vorderen Bus-Teil fast für sich allein.
Außer ihr sind da nur noch ich, der Fahrer, der der ganzen Sache interessiert zuhört, aber nichts unternimmt und eine Mittzwanzigerin mit Kopftuch auf dem Sitz ganz vorn, die die Qualle bis dahin nicht bemerkt hatte.
Die Qualle schreckt förmlich auf. Ein Kopftuch.
Ein langer Zug an der Flasche.
Fast schon panisch.
"Eyh! Eyh! Du da!! Eeeyyyh!! Du da mim Kopftuch!! Schleiereule!! Is Deuschlan hier, Deuschlan! Deuschlan is das hier! Wir tragn nich so Scheiß, wennu so Scheiß tragn wills musse suhaus machn wo du herkomms! Bei den annern von deine Sorte. Bein Terrorisn! Eyh Alde, hörsu mich? Eyh Alde!! Wir ham Vermummungsverbot in Deuschlan! Vermummungsverbot! Machma ab den Turban, dann..." - statt weiteren gelallten Tiraden rülpst er laut. Und nimmt direkt wieder einen Schluck von seiner Plörre.
Manchen Leuten...
An der nächsten Haltestelle muss ich raus, genau wie die Kopftuchträgerin. Und auch die Qualle bewegt sich zur Tür.
"Kannsu mir helfen? Is schwer!" Die Qualle redet mit mir, deutet auf ihren Hackenporsche und möchte, daß ich den für sie aus dem Bus hebe.
Das kann nur ein Witz sein.
"Bidde Alder, schwer is das. Kannsu das raushem? Der Neger is ja schon weg, der is ja aussestiegn. Wär ja sons sein Job gewesn."
Die Qualle meint das ernst.
Ich lasse meinen Mittelfinger die Antwort geben.
Die Gute mit dem Kopftuch steigt natürlich ebenfalls aus, ohne auch nur einen Gedanken an Mithilfe zu verschwenden.
"Ein stolzer Deutscher wie Sie wird doch wohl sein Gepäck allein und ohne Hilfe einer Terroristin tragen können?" höre ich sie sagen und würd ihr dazu am liebsten gratulieren.
Die Qualle brüllt uns, die wir in verschiedene Richtungen verschwinden, einiges hinterher.
Fotze, Arschloch, Negerfreund. Das übliche. Nichts innovatives.
Manchen Menschen...
...ich gebe es zu:
Manchen Menschen möchte ich manchmal einfach nur mit Anlauf in die Fresse hauen.
Worte helfen da schon lange nicht mehr, diskutieren ist eh nicht im Ansatz möglich.
Einfach BAMM, eine links, eine rechts, keine Erklärungen, Feierabend.
Würde ich wirklich gern.
Manche haben es einfach nicht anders verdient.
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Sonntag, 3. August 2014
Rein oder raus
Samstag Abend am U-Bahnhof Sierichstraße.
"Zurückbleiben bitte!"
Doch die Bahn bleibt stehen, weil sich ein Pärchen aus meinem Waggon nicht voneinander trennen kann.
Es wird in der Tür der Bahn umarmt und geküsst als sei es ein Abschied für immer.
Abwechselnd ist mal sie und mal er auf dem Bahnsteig, aber ständig wird durch das Geknutsche und Gekuschele der Schließmechanismus der Tür blockiert.
Das geht so sicher eine Minute oder noch länger.
Dann meldet sich der Fahrer der Bahn mit leicht ungehaltener Stimme übers Mikrofon.
"An das Pärchen an Wagen drei, könnten Sie sich bitte mal entscheiden, was Sie wollen?"
Kurze Pause.
"Immer rein, raus, rein, raus... Das können Sie in Ihrem Schlafzimmer so machen, aber nicht in meinem Zug!"
Das Pärchen verschwindet augenblicklich von der Tür.
Die Bahn fährt endlich ab.
Übers Mikrofon hört man den Fahrer noch leise irgendwas von wegen "immer diese Notgeilen" und "alle bekloppt" murmeln, dann schaltet er das Mikro ab.
"Zurückbleiben bitte!"
Doch die Bahn bleibt stehen, weil sich ein Pärchen aus meinem Waggon nicht voneinander trennen kann.
Es wird in der Tür der Bahn umarmt und geküsst als sei es ein Abschied für immer.
Abwechselnd ist mal sie und mal er auf dem Bahnsteig, aber ständig wird durch das Geknutsche und Gekuschele der Schließmechanismus der Tür blockiert.
Das geht so sicher eine Minute oder noch länger.
Dann meldet sich der Fahrer der Bahn mit leicht ungehaltener Stimme übers Mikrofon.
"An das Pärchen an Wagen drei, könnten Sie sich bitte mal entscheiden, was Sie wollen?"
Kurze Pause.
"Immer rein, raus, rein, raus... Das können Sie in Ihrem Schlafzimmer so machen, aber nicht in meinem Zug!"
Das Pärchen verschwindet augenblicklich von der Tür.
Die Bahn fährt endlich ab.
Übers Mikrofon hört man den Fahrer noch leise irgendwas von wegen "immer diese Notgeilen" und "alle bekloppt" murmeln, dann schaltet er das Mikro ab.
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Mittwoch, 23. Juli 2014
Von Lucia und Paula und Tim und dem Namenlosen
Montag Nacht kurz vor 0 Uhr in der U-Bahn:
"Lucia, wann sind wir denn da?"
"Vier Stationen noch bis Barmbek und da steigen wir um in die S1 und dann eine Station später steigen wir aus und da holt uns Marvin dann ab."
"Cool, ich freu mich total. Ist echt super, das Marvins Kumpel eine Party schmeißt. Die Wohnung seiner Eltern soll total toll sein!"
"Ja, ich freu mich auch, die haben einen Pool und auch einen Kamin!"
"Echt? Wow, das ist geil!"
"Ja, ich mag Kamine auch, meine Großeltern haben einen und den machen sie an Weihnachten immer an, voll gemütlich!"
"Ooooooooooh!!! Tooooooooll!!"
"Ja, aber ich glaube, das wir heute eher den Pool nutzen als den Kamin. Der ist ja drinnen, da wird es nicht zu kalt nachts!"
"Heute Nacht wird es eh nicht kalt, es sind doch jetzt noch so 25 Grad!"
"Ich springe bestimmt in den Pool, ich hab mir sogar letzte Woche extra einen neuen Bikini gekauft, den zieh ich heut zum ersten Mal an! Premiereeeee!!" Lucia strahlt übers ganze Gesicht.
"Oooooooooooooooh, tooooooooooll!!!"
Die Jungs schauen sich beim Gedanken an Lucia in ihrem neuen Bikini aufgeregt an.
Sechzehn Sekunden Schweigen.
"Lucia, dein Oberteil ist echt hübsch! Steht dir!"
"Oh, cool, danke Tim, das habe ich letzte Woche bei H&M gekauft. Mit dem Bikini zusammen."
"Oh, dann bin ich auf den erst richtig gespannt!"
Lucia lacht. Tim grinst schief. Der namenlose Cap-Träger schaut genervt.
Dann:
"Paula, Marvin schreibt grad über Whatsapp, daß er uns nicht abholen kann, ruf den mal an!"
Paula ruft Marvin an.
"Hey Marvin, hier ist Paula, warum holst du uns nicht ab? Das hatten wir doch so abgemacht? Wir wissen doch gar nicht, wo wir hin müssen!"
Pause.
"Ach so, du bist schon betrunken...wir sind aber auch ziemlich spät dran. Ja dann ist ok, wir finden das dann schon irgendwie."
"Was?"
"HAHA, echt jetzt??"
"Ja ok, neeh, dann mach mal! Chrissie macht nicht mit jedem rum, die Chance musst du nutzen!"
"Ja, danke, dir auch! Bis nachher!"
"Was los Paula?" fragt Tim.
"Marvin kann uns nicht abholen, der macht gleich mit Chrissie rum sagt er!"
"Alter, der hat aber auch immer Glück! Scheiße, Chrissie wollte ich heut klar machen. Ich hab euch gesagt, daß wir früher fahren müssen!" sagt der Junge mit dem Cap und schaut noch genervter.
"Kannste doch trotzdem noch." sagt Paula. "Das wird ja ne lange Nacht. Und sonst suchste dir ne andere."
Dabei grinst sie ihn eindeutig zweideutig an.
Merkt er aber nicht.
"Stimmt, mach ich dann halt später" antwortet er und jetzt schaut sie auch genervt aus ihrem figurbetonten Träger-Top.
"Kann eigentlich einer von euch Tüten drehen?" fragt der Namenlose mit der Cap nach einer kurzen Pause.
"Das macht Marvin, wenn der grad nicht wieder irgendwo mit irgendeiner rum macht, der kann das!"
"Super, ich hab extra nochmal was eingekauft gestern, das war nicht leicht, aber ich kenn da ja Leute."
"Die sind älter, oder?" fragt Lucia.
"Ja, klar! Aber ich kenn die schon länger, die verkaufen keinen Scheiß, das glaub mal." antwortet der Namenlose.
"Oh Mann das ist so cool! Was hast du gekauft?" In Lucias Stimme schwingt eine gewisse Bewunderung mit.
Während Lucia den mit dem Cap anhimmelt, schießt Paula vernichtende Blicke in ihre Richtung, die selbst mir im Abteil gegenüber unangenehm sind.
"Nichts Dolles hab ich gekauft, Weed halt und ne kleine Platte, das reicht schon. Aber ihr müsst was dazu bezahlen!"
Zustimmendes Nicken.
Paulas Handy piept.
"Super, Fenja schreibt grad, daß sie den Wodka für die Mischen hat! Find ich voll gut!"
"Perfekt! Weil ohne betrunken sein kann ich nicht kiffen!" sagt Tim. "Dann muss ich immer so derbe husten und der Scheiß wirkt nicht. Geht nur, wenn ich dicht bin."
"Du bist ja auch ne Pussy!" antwortet der Namenlose.
Alle lachen.
Ich nicht.
Denn die, die da grad die derbe Abschussparty mit integriertem Rumhuren planen, sind keine Woodstock nachhängenden abgeranzten Studenten-Hippies und auch keine fast fest im Leben stehenden Mittzwanziger im alle paar Wochen auflodernden Partyrausch.
Lucia, Paula, Tim und der Namenlose sind vielleicht fünfzehn. Und das ist noch optimistisch geschätzt.
Mir ist sowas ja im Prinzip komplett egal, von mir aus kann jeder mit seinem Leben anstellen, was er will, der mit der Zeit angestaute Druck muss schließlich auch irgendwie irgendwann wieder raus und man muss da seine Wege finden. Kenn ich ja selbst.
Sollen sie doch von mir aus rauchen wie ein Schlot, sich gepanschten Dreck in die Venen drücken, bis die irgendwann platzen, saufen bis zum Untergang oder wie bescheuert und ohne Verstand mit allem und jedem durch die Gegend vögeln...ist mir alles vollkommen egal. Jeder so wie er es für richtig hält.
Solang es mir nicht auf den Sack geht.
Hier ist es anders.
Sohnemann ist nur ein, zwei Jahre jünger als die, die sich da grad lautstark über Alkohol, Drogen und Rumgeficke unterhalten.
Und die Jungs und Mädels sehen nicht mal aus wie fast volljährig, die sie ja auch nicht sind, sie sehen exakt aus wie das, was sie sind: Kinder.
Ich bin relativ selten sprachlos, aber das ist jetzt einer dieser Momente.
Barmbek.
Endhaltestelle.
Lucia, Paula, Tim und der Namenlose steigen aus und wechseln auf den S1-Bahnsteig Richtung alkohol-und drogenbeseelter Abschussfeierei bei Marvins Kumpel irgendwo in der "Friede, Freude, Eierkuchen"-Nachbarschaft in Stadtparknähe wo nicht der Pöbel und die Ghetto-Kids leben, sondern tendenziell eher die "gehobenere Gesellschaft".
Ich höre sie noch diskutieren und lautstark reden, während ich auf dem Weg aus dem Bahnhof hinaus meine Kopfhörer aufsetze und dem Telefon die Musikauswahl überlasse.
Das letzte, das ich höre, bevor die Musik einsetzt, ist eine der Mädels, die eine andere mit schriller Stimme als "Nutte" beschimpft.
Eine Millisekunde lang bin ich versucht zu grinsen, dann brettern mir ein paar amtliche breakdowns in den Gehörgang und ich bin wieder geerdet.
Solange Sohnemann seine Play Station und Fußball noch interessanter als das andere Geschlecht und irgendwelche Party-Eskapaden findet, kann ich ruhig schlafen.
Ich beschließe, über das "wie lange noch" ein anderes Mal nachzudenken, fühle mich augenblicklich besser und laufe nach Hause.
In meinem Rücken fährt die S1 aus dem Bahnhof und bringt Lucia, Paula, Tim und den mit der Cap an ihr Ziel.
Destination Abschuss.
Generation Abschuss.
Irgendwie auch ein bisschen tragisch.
Irgendwie schon.
"Lucia, wann sind wir denn da?"
"Vier Stationen noch bis Barmbek und da steigen wir um in die S1 und dann eine Station später steigen wir aus und da holt uns Marvin dann ab."
"Cool, ich freu mich total. Ist echt super, das Marvins Kumpel eine Party schmeißt. Die Wohnung seiner Eltern soll total toll sein!"
"Ja, ich freu mich auch, die haben einen Pool und auch einen Kamin!"
"Echt? Wow, das ist geil!"
"Ja, ich mag Kamine auch, meine Großeltern haben einen und den machen sie an Weihnachten immer an, voll gemütlich!"
"Ooooooooooh!!! Tooooooooll!!"
"Ja, aber ich glaube, das wir heute eher den Pool nutzen als den Kamin. Der ist ja drinnen, da wird es nicht zu kalt nachts!"
"Heute Nacht wird es eh nicht kalt, es sind doch jetzt noch so 25 Grad!"
"Ich springe bestimmt in den Pool, ich hab mir sogar letzte Woche extra einen neuen Bikini gekauft, den zieh ich heut zum ersten Mal an! Premiereeeee!!" Lucia strahlt übers ganze Gesicht.
"Oooooooooooooooh, tooooooooooll!!!"
Die Jungs schauen sich beim Gedanken an Lucia in ihrem neuen Bikini aufgeregt an.
Sechzehn Sekunden Schweigen.
"Lucia, dein Oberteil ist echt hübsch! Steht dir!"
"Oh, cool, danke Tim, das habe ich letzte Woche bei H&M gekauft. Mit dem Bikini zusammen."
"Oh, dann bin ich auf den erst richtig gespannt!"
Lucia lacht. Tim grinst schief. Der namenlose Cap-Träger schaut genervt.
Dann:
"Paula, Marvin schreibt grad über Whatsapp, daß er uns nicht abholen kann, ruf den mal an!"
Paula ruft Marvin an.
"Hey Marvin, hier ist Paula, warum holst du uns nicht ab? Das hatten wir doch so abgemacht? Wir wissen doch gar nicht, wo wir hin müssen!"
Pause.
"Ach so, du bist schon betrunken...wir sind aber auch ziemlich spät dran. Ja dann ist ok, wir finden das dann schon irgendwie."
"Was?"
"HAHA, echt jetzt??"
"Ja ok, neeh, dann mach mal! Chrissie macht nicht mit jedem rum, die Chance musst du nutzen!"
"Ja, danke, dir auch! Bis nachher!"
"Was los Paula?" fragt Tim.
"Marvin kann uns nicht abholen, der macht gleich mit Chrissie rum sagt er!"
"Alter, der hat aber auch immer Glück! Scheiße, Chrissie wollte ich heut klar machen. Ich hab euch gesagt, daß wir früher fahren müssen!" sagt der Junge mit dem Cap und schaut noch genervter.
"Kannste doch trotzdem noch." sagt Paula. "Das wird ja ne lange Nacht. Und sonst suchste dir ne andere."
Dabei grinst sie ihn eindeutig zweideutig an.
Merkt er aber nicht.
"Stimmt, mach ich dann halt später" antwortet er und jetzt schaut sie auch genervt aus ihrem figurbetonten Träger-Top.
"Kann eigentlich einer von euch Tüten drehen?" fragt der Namenlose mit der Cap nach einer kurzen Pause.
"Das macht Marvin, wenn der grad nicht wieder irgendwo mit irgendeiner rum macht, der kann das!"
"Super, ich hab extra nochmal was eingekauft gestern, das war nicht leicht, aber ich kenn da ja Leute."
"Die sind älter, oder?" fragt Lucia.
"Ja, klar! Aber ich kenn die schon länger, die verkaufen keinen Scheiß, das glaub mal." antwortet der Namenlose.
"Oh Mann das ist so cool! Was hast du gekauft?" In Lucias Stimme schwingt eine gewisse Bewunderung mit.
Während Lucia den mit dem Cap anhimmelt, schießt Paula vernichtende Blicke in ihre Richtung, die selbst mir im Abteil gegenüber unangenehm sind.
"Nichts Dolles hab ich gekauft, Weed halt und ne kleine Platte, das reicht schon. Aber ihr müsst was dazu bezahlen!"
Zustimmendes Nicken.
Paulas Handy piept.
"Super, Fenja schreibt grad, daß sie den Wodka für die Mischen hat! Find ich voll gut!"
"Perfekt! Weil ohne betrunken sein kann ich nicht kiffen!" sagt Tim. "Dann muss ich immer so derbe husten und der Scheiß wirkt nicht. Geht nur, wenn ich dicht bin."
"Du bist ja auch ne Pussy!" antwortet der Namenlose.
Alle lachen.
Ich nicht.
Denn die, die da grad die derbe Abschussparty mit integriertem Rumhuren planen, sind keine Woodstock nachhängenden abgeranzten Studenten-Hippies und auch keine fast fest im Leben stehenden Mittzwanziger im alle paar Wochen auflodernden Partyrausch.
Lucia, Paula, Tim und der Namenlose sind vielleicht fünfzehn. Und das ist noch optimistisch geschätzt.
Mir ist sowas ja im Prinzip komplett egal, von mir aus kann jeder mit seinem Leben anstellen, was er will, der mit der Zeit angestaute Druck muss schließlich auch irgendwie irgendwann wieder raus und man muss da seine Wege finden. Kenn ich ja selbst.
Sollen sie doch von mir aus rauchen wie ein Schlot, sich gepanschten Dreck in die Venen drücken, bis die irgendwann platzen, saufen bis zum Untergang oder wie bescheuert und ohne Verstand mit allem und jedem durch die Gegend vögeln...ist mir alles vollkommen egal. Jeder so wie er es für richtig hält.
Solang es mir nicht auf den Sack geht.
Hier ist es anders.
Sohnemann ist nur ein, zwei Jahre jünger als die, die sich da grad lautstark über Alkohol, Drogen und Rumgeficke unterhalten.
Und die Jungs und Mädels sehen nicht mal aus wie fast volljährig, die sie ja auch nicht sind, sie sehen exakt aus wie das, was sie sind: Kinder.
Ich bin relativ selten sprachlos, aber das ist jetzt einer dieser Momente.
Barmbek.
Endhaltestelle.
Lucia, Paula, Tim und der Namenlose steigen aus und wechseln auf den S1-Bahnsteig Richtung alkohol-und drogenbeseelter Abschussfeierei bei Marvins Kumpel irgendwo in der "Friede, Freude, Eierkuchen"-Nachbarschaft in Stadtparknähe wo nicht der Pöbel und die Ghetto-Kids leben, sondern tendenziell eher die "gehobenere Gesellschaft".
Ich höre sie noch diskutieren und lautstark reden, während ich auf dem Weg aus dem Bahnhof hinaus meine Kopfhörer aufsetze und dem Telefon die Musikauswahl überlasse.
Das letzte, das ich höre, bevor die Musik einsetzt, ist eine der Mädels, die eine andere mit schriller Stimme als "Nutte" beschimpft.
Eine Millisekunde lang bin ich versucht zu grinsen, dann brettern mir ein paar amtliche breakdowns in den Gehörgang und ich bin wieder geerdet.
Solange Sohnemann seine Play Station und Fußball noch interessanter als das andere Geschlecht und irgendwelche Party-Eskapaden findet, kann ich ruhig schlafen.
Ich beschließe, über das "wie lange noch" ein anderes Mal nachzudenken, fühle mich augenblicklich besser und laufe nach Hause.
In meinem Rücken fährt die S1 aus dem Bahnhof und bringt Lucia, Paula, Tim und den mit der Cap an ihr Ziel.
Destination Abschuss.
Generation Abschuss.
Irgendwie auch ein bisschen tragisch.
Irgendwie schon.
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Dienstag, 10. Dezember 2013
Du bist hübsch!
Irgendjemand hatte das Bedürfnis, ein Kompliment zu machen.
Unten auf dem Bahnsteig der U3 an der Sternschanze, wo nachts die zerfeierten betrunkenen Hipster-Pärchen knutschend und ohne sie eines Blickes zu würdigen neben den Kaputtgelebten stehen, die hier im Winter, einen warmen Schlafplatz ohne Regen, Schnee oder kalten Wind suchend, untergekommen sind und auf ein bisschen Schlaf hoffen. Zumindest wochenends geht das, das Unterkommen, denn da sind die Bahnhöfe durchgängig offen. Ob das Schlafen klappt, wage ich zu bezweifeln bei all dem gröhlenden Volk, das hier durchkommt.
Ich habe schon Typen von 19, 20 gesehen, die "obdachlos" vermutlich nichtmal buchstabieren können, sturzbesoffen aber mit "Victory"-Zeichen oder schlimmeren Gesten neben oder über schlafenden Wohnungslosen für Fotos posierten, geschossen vom Kumpel, dessen Lacoste-Polohemd gerade so herauslugte unter der natürlich schwarzen Kapuzenjacke, ist ja Schanze hier, man muss sich anpassen an den Pöbel, den Mob, den "Schwarzen Block", der hier sein Unwesen treibt, Flora und so, alles Pack hier, alle böse und linksautonom und Steineschmeißer, stand in der MoPo, die Papi morgens noch am Frühstückstisch las, bevor er mit dem goldenen Löffel das Wachtelei aufschlug.
In der Biologie nennt man sowas "Mimikry".
Der harmlose Käfer (oder Wurm, passt in diesem Fall besser) gibt sich durch entsprechende Farbgebung als böse und gefährlich erscheinend aus.
Der an sich harmlose Vorstadtjunge wird durch Anpassung (->"entsprechende Farbgebung"=schwarze Klamotten) zum (für die Medien) bösen "Autonomen" und macht dann ordentlich Rambazamba...war in den letzten Jahren immer wunderbar beim Schanzenfest zu beobachten. Dieses Jahr gab`s ja keins. Wegen "autonomen Ausschreitungen". Ich sag dazu lieber weiter nichts.
Irgendjemand wollte also unbedingt Nettes sagen. Eine gute Tat tun. Vielleicht wollte er auch nur eine Mutprobe bestehen, um nicht tags drauf nackt über die Große Freiheit flitzen zu müssen.
Ich weiß es nicht. Es ist mir auch herzlich egal.
Mit dem Edding an die Scheibe.
Find ich gut. Macht nichts kaputt, tut keinem weh, ich sah einen Haufen Mädels, die erst lasen und dann zufrieden lächelten...
...denen, die hier nachts momentan unterkommen und übernachten, möchte man zurufen: "Lest, was der fiese Vandale dort geschrieben hat, schreibt Euch nicht ab! Scheißt auf die Deppen, die Fotos machen, scheißt auf die, die Euch Aussätzige nennen...kommt nur einfach gut durch die kalte Jahreszeit!"
Es sind nur drei simple Worte, mit nem Edding an eine Scheibe geschmiert. Und vermutlich ohne größeren Hintergrund.
Ich mag sie aber trotzdem.
Wer bekommt nicht gern Komplimente?
Unten auf dem Bahnsteig der U3 an der Sternschanze, wo nachts die zerfeierten betrunkenen Hipster-Pärchen knutschend und ohne sie eines Blickes zu würdigen neben den Kaputtgelebten stehen, die hier im Winter, einen warmen Schlafplatz ohne Regen, Schnee oder kalten Wind suchend, untergekommen sind und auf ein bisschen Schlaf hoffen. Zumindest wochenends geht das, das Unterkommen, denn da sind die Bahnhöfe durchgängig offen. Ob das Schlafen klappt, wage ich zu bezweifeln bei all dem gröhlenden Volk, das hier durchkommt.
Ich habe schon Typen von 19, 20 gesehen, die "obdachlos" vermutlich nichtmal buchstabieren können, sturzbesoffen aber mit "Victory"-Zeichen oder schlimmeren Gesten neben oder über schlafenden Wohnungslosen für Fotos posierten, geschossen vom Kumpel, dessen Lacoste-Polohemd gerade so herauslugte unter der natürlich schwarzen Kapuzenjacke, ist ja Schanze hier, man muss sich anpassen an den Pöbel, den Mob, den "Schwarzen Block", der hier sein Unwesen treibt, Flora und so, alles Pack hier, alle böse und linksautonom und Steineschmeißer, stand in der MoPo, die Papi morgens noch am Frühstückstisch las, bevor er mit dem goldenen Löffel das Wachtelei aufschlug.
In der Biologie nennt man sowas "Mimikry".
Der harmlose Käfer (oder Wurm, passt in diesem Fall besser) gibt sich durch entsprechende Farbgebung als böse und gefährlich erscheinend aus.
Der an sich harmlose Vorstadtjunge wird durch Anpassung (->"entsprechende Farbgebung"=schwarze Klamotten) zum (für die Medien) bösen "Autonomen" und macht dann ordentlich Rambazamba...war in den letzten Jahren immer wunderbar beim Schanzenfest zu beobachten. Dieses Jahr gab`s ja keins. Wegen "autonomen Ausschreitungen". Ich sag dazu lieber weiter nichts.
Irgendjemand wollte also unbedingt Nettes sagen. Eine gute Tat tun. Vielleicht wollte er auch nur eine Mutprobe bestehen, um nicht tags drauf nackt über die Große Freiheit flitzen zu müssen.
Ich weiß es nicht. Es ist mir auch herzlich egal.
Mit dem Edding an die Scheibe.
Find ich gut. Macht nichts kaputt, tut keinem weh, ich sah einen Haufen Mädels, die erst lasen und dann zufrieden lächelten...
...denen, die hier nachts momentan unterkommen und übernachten, möchte man zurufen: "Lest, was der fiese Vandale dort geschrieben hat, schreibt Euch nicht ab! Scheißt auf die Deppen, die Fotos machen, scheißt auf die, die Euch Aussätzige nennen...kommt nur einfach gut durch die kalte Jahreszeit!"
Es sind nur drei simple Worte, mit nem Edding an eine Scheibe geschmiert. Und vermutlich ohne größeren Hintergrund.
Ich mag sie aber trotzdem.
Wer bekommt nicht gern Komplimente?
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Mittwoch, 25. September 2013
Skyporn
"Wir bleiben wach, bis die Wolken wieder lila sind..." ("Marteria - Lila Wolken". Absolut nicht meine Musik, aber hier passt`s grad mal.)
Allzu lange wach bleiben oder gar eine Nacht durchmachen musste ich für das Foto allerdings nicht, denn das ist kein Sonnenauf- sondern ein Sonnenuntergang. Von einer Hafenfähre aus, mit Fahrtwind um die Nase undnem Bierchen in der Hand...nein, ohne Bierchen, ist ja verboten auf den Hadag-Fähren und daran hält man sich selbstverständlich...echt jetzt! Schwör!
Ich geb ja zu, ab und an kann ich diese "Hamburg ist die schönste Stadt der Welt"-Geschichte ein klitzekleines bisschen nachvollziehen. Aber wirklich nur ein klitzekleines bisschen. Das muss reichen.
Als ich vorhin im strömenden Regen an der Bushaltestelle stand, mir den Arsch abgefroren und dem Sommer hinterher getrauert habe, obwohl ich ja in der heißen Zeit auch nur am Motzen war, kam mir dieses Bild, mein Lieblings-Sommerbild 2013, wieder ins Gedächtnis. Zuhause habe ich die tropfnasse Jacke zum Trocknen über die Heizung gehängt und das Bild rausgesucht.
Und dank des Titels dieses Posts hab ich dann ab gleich auch wieder Horden von Menschen auf der Seite, die via Google direkt mit offener Hose hier ankommen. Ich freu mich schon auf neue Suchbegriffe, die hierher führ(t)en, denen hab ich mich ja schonmal gewidmet. Im Moment ist es erstaunlich ruhig in den Statistiken, fast schon langweilig. Das muss sich ändern!
Allzu lange wach bleiben oder gar eine Nacht durchmachen musste ich für das Foto allerdings nicht, denn das ist kein Sonnenauf- sondern ein Sonnenuntergang. Von einer Hafenfähre aus, mit Fahrtwind um die Nase und
Ich geb ja zu, ab und an kann ich diese "Hamburg ist die schönste Stadt der Welt"-Geschichte ein klitzekleines bisschen nachvollziehen. Aber wirklich nur ein klitzekleines bisschen. Das muss reichen.
Als ich vorhin im strömenden Regen an der Bushaltestelle stand, mir den Arsch abgefroren und dem Sommer hinterher getrauert habe, obwohl ich ja in der heißen Zeit auch nur am Motzen war, kam mir dieses Bild, mein Lieblings-Sommerbild 2013, wieder ins Gedächtnis. Zuhause habe ich die tropfnasse Jacke zum Trocknen über die Heizung gehängt und das Bild rausgesucht.
Und dank des Titels dieses Posts hab ich dann ab gleich auch wieder Horden von Menschen auf der Seite, die via Google direkt mit offener Hose hier ankommen. Ich freu mich schon auf neue Suchbegriffe, die hierher führ(t)en, denen hab ich mich ja schonmal gewidmet. Im Moment ist es erstaunlich ruhig in den Statistiken, fast schon langweilig. Das muss sich ändern!
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Dienstag, 17. September 2013
Von dunkel zu hell...
Mein momentanes Lieblingslied endet mit den Worten "I`m sorry...but we have lost the way....I`m sorry!"
Genau diese Worte kamen mir heute Morgen in den Sinn, ich weiß nicht genau, warum, als ich Richtung Heimat, Richtung meiner Wohnung lief.
Mir war mal wieder die Decke in meiner kleinen Bude auf den Kopf gefallen und mitten in der Nacht, 98% der Nachbarschaft schlief tief und fest, nur wenige Fenster waren noch erleuchtet oder von flimmernden Fernsehgeräten stroboskop-artig erhellt, mitten in der Nacht also, da musste ich ganz einfach raus.
Es dürfte irgendwas um vier Uhr morgens gewesen sein, die Wiederholungen der Serien, die ich im Abendprogramm bewusst nicht schaue, damit ich ab 0 Uhr Unterhaltung habe, waren grad zu Ende. Die CSI`ler in New York hatten den Bösewicht, der auch wie einer aussah, gestellt und überführt, anhand einer Kormoranfeder kamen sie ihm auf die Schliche.
Um vier Uhr nachts, wenn normale Menschen schlafen, ist natürlich auch das TV-Programm dementsprechend. Ab und zu hat man Glück, und auf DMAX, dem angeblichen "Männersender", läuft irgendwas, das nicht mit Panzern, Motorrädern oder tiefergelegten Karren zu tun hat. Ab und zu. Nicht oft.
Letzte Nacht war keine derer, in denen ich irgendwo im TV zumindest okaye Hintergrundbeschallung für was-auch-immer fand.
Also raus aus der Bude. Und los laufen. Wären die Bahnen bereits gefahren, dann hätte es mich wohl in den Hafen oder die Schanze verschlagen, zu Fuß war das dann doch ein wenig zu weit.
Ich bin dann einfach durch mein Viertel gelaufen, planlos, aber gut eingepackt, denn es war kalt. Hochgeschlagener Kragen und Kapuze waren schon ziemlich angenehm und hilfreich.
Am Barmbeker Bahnhof, wo die U-und-S-Bahnen sich treffen, habe ich auf dem Bahnsteig der S1 ein Paar gesehen, sie hielt einen großen Reisekoffer an der linken Hand und mit der rechten umfasste sie während des Kusses den Nacken ihres Freundes. Sie stiegen beide in die S-Bahn zum Flughafen. Wo mag sie jetzt sein? Schon gelandet oder immer noch in der Luft? Und wo ist er? Wandsbek? Eppendorf? Harburg? Als Haufen Elend irgenwo im Airport kauernd?
Ich steige in die nächste S1 und fahre bis zur Haltestelle Rübenkamp. Das dort ansässige "Schach-Cafe" hat lange geschlossen...ach ja, Wochentag.
Zum Glück fährt schon der 172er-Bus und dem Fahrer ist es vollkommen egal, ob meine Fahrkarte grad gilt oder nicht (sie gilt nicht), er tut nicht mal so, als würde er sie eines Blickes würdigen, es ist ihm vollkommen schnurzpiepegal...
An der "Hermann-Kaufmann-Straße" steige ich aus, es wird langsam hell und ich will dann jetzt doch heim. Ich habe Hunger und zuhause warten gutes Roggenbrot und leckere Pfeffersalami auf mich.
Von der Haltestelle aus muss ich durch eine Grünanlage laufen. Dort stehen ein paar Holzbänke, die waren schon immer ein Treff für die Alkis meines Viertels. Seit Jahren haben sie dort gesessen. Nun wurden die Holzbänke erneuert, meine Wette, innerhalb von drei Tagen wäre da das erste fiese Tag drauf, habe ich verloren...irritierend.
Mit einer am Bahnhofskiosk gekauften Dose Fanta nähere ich mich an, auf der Bank hockt zusammengesunken ein junger Typ. 25, höchstens.
Neben ihm auf der Bank zwei zerdrückte Bierdosen, eine weitere hält er mit der rechten Hand umklammert. Während er schläft.
Ich habe sicher zwei Minuten vor ihm gestanden und ihn angeschaut. Und dabei überlegt, wie oder ob ich helfen kann. Hab dann die schmutzige Decke, die bis dahin nur seine Beine bedeckte, auch über den Oberkörper gelegt, die Decke war groß genug. Aufgewacht ist er nicht, reagiert hat er mit Grummeln. Grummeln im Schlaf.
Dann bin ich nach Hause gegangen. Mit einem faden Gefühl im Magen.
"I`m sorry...but we have lost the way..."
Wo mag wohl der Mensch auf der Parkbank seinen Weg verloren haben? Wo ist er falsch abgebogen?
Ich werd es nicht erfahren. Ich hoffe, er kommt wieder auf die Beine. Und ich wünsche mir, das ich ihn nicht bald wieder ohne Dach überm Kopf antreffe. Das fänd ich ziemlich grandios!
"I`m sorry...but we have lost the way. ... ... ... I`m sorry!"
"Boysetsfire - Prey"
Genau diese Worte kamen mir heute Morgen in den Sinn, ich weiß nicht genau, warum, als ich Richtung Heimat, Richtung meiner Wohnung lief.
Mir war mal wieder die Decke in meiner kleinen Bude auf den Kopf gefallen und mitten in der Nacht, 98% der Nachbarschaft schlief tief und fest, nur wenige Fenster waren noch erleuchtet oder von flimmernden Fernsehgeräten stroboskop-artig erhellt, mitten in der Nacht also, da musste ich ganz einfach raus.
Es dürfte irgendwas um vier Uhr morgens gewesen sein, die Wiederholungen der Serien, die ich im Abendprogramm bewusst nicht schaue, damit ich ab 0 Uhr Unterhaltung habe, waren grad zu Ende. Die CSI`ler in New York hatten den Bösewicht, der auch wie einer aussah, gestellt und überführt, anhand einer Kormoranfeder kamen sie ihm auf die Schliche.
Um vier Uhr nachts, wenn normale Menschen schlafen, ist natürlich auch das TV-Programm dementsprechend. Ab und zu hat man Glück, und auf DMAX, dem angeblichen "Männersender", läuft irgendwas, das nicht mit Panzern, Motorrädern oder tiefergelegten Karren zu tun hat. Ab und zu. Nicht oft.
Letzte Nacht war keine derer, in denen ich irgendwo im TV zumindest okaye Hintergrundbeschallung für was-auch-immer fand.
Also raus aus der Bude. Und los laufen. Wären die Bahnen bereits gefahren, dann hätte es mich wohl in den Hafen oder die Schanze verschlagen, zu Fuß war das dann doch ein wenig zu weit.
Ich bin dann einfach durch mein Viertel gelaufen, planlos, aber gut eingepackt, denn es war kalt. Hochgeschlagener Kragen und Kapuze waren schon ziemlich angenehm und hilfreich.
Am Barmbeker Bahnhof, wo die U-und-S-Bahnen sich treffen, habe ich auf dem Bahnsteig der S1 ein Paar gesehen, sie hielt einen großen Reisekoffer an der linken Hand und mit der rechten umfasste sie während des Kusses den Nacken ihres Freundes. Sie stiegen beide in die S-Bahn zum Flughafen. Wo mag sie jetzt sein? Schon gelandet oder immer noch in der Luft? Und wo ist er? Wandsbek? Eppendorf? Harburg? Als Haufen Elend irgenwo im Airport kauernd?
Ich steige in die nächste S1 und fahre bis zur Haltestelle Rübenkamp. Das dort ansässige "Schach-Cafe" hat lange geschlossen...ach ja, Wochentag.
Zum Glück fährt schon der 172er-Bus und dem Fahrer ist es vollkommen egal, ob meine Fahrkarte grad gilt oder nicht (sie gilt nicht), er tut nicht mal so, als würde er sie eines Blickes würdigen, es ist ihm vollkommen schnurzpiepegal...
An der "Hermann-Kaufmann-Straße" steige ich aus, es wird langsam hell und ich will dann jetzt doch heim. Ich habe Hunger und zuhause warten gutes Roggenbrot und leckere Pfeffersalami auf mich.
Von der Haltestelle aus muss ich durch eine Grünanlage laufen. Dort stehen ein paar Holzbänke, die waren schon immer ein Treff für die Alkis meines Viertels. Seit Jahren haben sie dort gesessen. Nun wurden die Holzbänke erneuert, meine Wette, innerhalb von drei Tagen wäre da das erste fiese Tag drauf, habe ich verloren...irritierend.
Mit einer am Bahnhofskiosk gekauften Dose Fanta nähere ich mich an, auf der Bank hockt zusammengesunken ein junger Typ. 25, höchstens.
Neben ihm auf der Bank zwei zerdrückte Bierdosen, eine weitere hält er mit der rechten Hand umklammert. Während er schläft.
Ich habe sicher zwei Minuten vor ihm gestanden und ihn angeschaut. Und dabei überlegt, wie oder ob ich helfen kann. Hab dann die schmutzige Decke, die bis dahin nur seine Beine bedeckte, auch über den Oberkörper gelegt, die Decke war groß genug. Aufgewacht ist er nicht, reagiert hat er mit Grummeln. Grummeln im Schlaf.
Dann bin ich nach Hause gegangen. Mit einem faden Gefühl im Magen.
"I`m sorry...but we have lost the way..."
Wo mag wohl der Mensch auf der Parkbank seinen Weg verloren haben? Wo ist er falsch abgebogen?
Ich werd es nicht erfahren. Ich hoffe, er kommt wieder auf die Beine. Und ich wünsche mir, das ich ihn nicht bald wieder ohne Dach überm Kopf antreffe. Das fänd ich ziemlich grandios!
"I`m sorry...but we have lost the way. ... ... ... I`m sorry!"
"Boysetsfire - Prey"
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Mittwoch, 21. August 2013
Allein in der U4
Montag Abend, die Eltern sind wieder gen Süden unterwegs, nachdem sie und ich vormittags aus dem niedersächsischen Nichts nach Hamburg in die große Stadt gefahren waren, um mich erstens wieder auf dem Heimatplaneten Barmbek-Nord abzusetzen und um zweitens, so Mutters Masterplan, wie ein personifizierter wildgewordener Hühnerhaufen die Mönckeberg- und die Spitaler Straße auf und ab zu flitzen, in der Hoffnung, ein paar Schnäppchen machen zu können.
Beides gelang.
Während Daddy den Familienkombi fluchend durch den Feierabendverkehr auf dem Ring 2 Richtung Autobahn steuerte, saß ich in meiner Bude und langweilte mich. Vier Tage lang Hektik und lauter Menschen um mich herum, dazu noch ein "Hund", der zwar nicht ganz normal, dafür aber umso liebenswerter ist und nun: Ruhe.
Nur der obligatorische Motorradfahrer auf dem Ring 2, der den Motor seiner Maschine so hoch reißt, daß man ihn vermutlich bis nach Eppendorf hören kann.
Ansonsten nix. Keine Mutter, die einen vom Sitzplatz vertreibt, weil noch der Tisch gewischt werden muss, kein Vater, der sich in den Vollbart nuschelt, kein "Hund", der einem grunzend um die Beine rennt um Aufmerksamkeit zu erhaschen und Streicheleinheiten einzuheimsen.
Dann kommt mir ein Gedanke: Ich hab ja noch das Gruppenticket des HVV, mit dem die Eltern tagsüber durch die Stadt gefahren sind und ich kann es ja bis nachts um 3 noch nutzen! Das eröffnet mir, der nur eine auf diverse Stadtteile begrenzte Monatskarte besitzt, ja ganz neue Möglichkeiten! Legal nach Poppenbüttel, Othmarschen oder zum AirPort fahren, ohne sich ständig Sorgen um lästige und verhasste Abgangskontrollen machen zu müssen, ein ungewohntes Gefühl.
Da das Wetter aber typisch hamburgisch ist (lies: Es regnet wie aus Eimern), fallen manche Optionen leider aus, liebend gerne wäre ich zum Beispiel auf einer Hafenfähre durch die Gegend gefahren, ein Mal mit der Linie 62 raus bis nach Finkenwerder oder mit der 64 bis nach Teufelsbrück und dann wieder zurück zu den Landungsbrücken. Aber Fähre fahren geht nur auf dem Oberdeck mit Wind um die Nase, im geschlossenen Unterdeck hat es nicht viel mehr Charakter als eine stinknormale S-Bahn-Fahrt. Bei Regen fallen Fährfahrten also aus. Mist.
Dann fiel mir ein, daß die U-Bahn-Linie 4 ja seit relativ kurzer Zeit fährt, von Billstedt bis in die HafenCity. Und die Station "HafenCity Universität" soll doch so prima beleuchtet sein mit von der Decke hängenden Quadern (ein verdammt hässliches Wort!), die in verschiedensten Farben illuminiert werden. Ich hatte davon Bilder im Internet gesehen und fand die Idee sehr schön, mit Illuminationen bin ich ja eh leicht zu ködern. Beleuchte irgendwas bunt, drei Minuten später steh ich staunend davor.
Also auf, zunächst zum Berliner Tor, von da aus wird U4 zur HafenCity gefahren und von dort geht es dann, wenn ich ganz mutig und nicht zu müde bin, bis raus nach Billstedt.
Die U4 fährt über den Hauptbahnhof und Jungfernstieg und ab dort wird es komisch. Denn alle steigen aus und ich habe den kompletten Zug für mich allein. Sechs Waggons, alle leer, außer mir, der wie immer im zweitletzten Waggon sitzt. Ich bin der einzige Passagier. Das ist wirklich ein sehr komisches Gefühl! In Horrofilmen taucht in solchen Situationen immer der maskierte Schlitzer auf und schlitzt auf. Ich bin mir ziemlich sicher, daß das keinen Spaß macht.
Noch dazu fährt die Bahn vom Jungfernstieg zur nächsten Station "Überseequartier" in einem groooßen Bogen unter der Stadt gefühlte fünfzehn Minuten, in Wahrheit sind es nur vier. In der Station warten einige Personen auf die Bahn in die Gegenrichtung, zu mir steigt niemand dazu. Eine gesamte U-Bahn nur für mich allein. Verrückt.
An der Endhaltestelle "HafenCity Universität" steige ich aus, der Fahrer, der auch aus seiner Kabine geklettert ist und die fünf Minuten bis zur Rückfahrt wohl auf dem Klo verbringen will, schaut mich verdutzt an. Er hatte wohl nicht mit einem Fahrgast gerechnet. Er verschwindet durch die Tür, die nur HVVer benutzen dürfen und nach der Bahn hab ich nun auch einen kompletten BahnHOF für mich!
Es ist niemand da! Ich könnte mich nackt ausziehen und Purzelbäume schlagen, es würde schlichtweg niemand bemerken...außer dem Bahnfahrer auf dem Scheißhaus vielleicht. Wenn er da ein Fenster hat.
Es herrscht absolute Stille. In einer U-Bahn-Station! In einer Millionenstadt! Es ist absolut skurril.
Die über dem Bahnsteig hängenden Quader beleuchten die Szenerie in lila, rot, blau, grün, orange, es ist schön anzusehen, allerdings nicht so schön, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte gedacht, die ganze Station sei in "farbiges Licht" getaucht, dafür ist sie aber ganz einfach viel zu groß. Die Farben reflektieren ein wenig von den Wänden, das wars. Schade, ich hatte mehr erwartet. Ich finde die Idee dahinter allerdings weiterhin richtig gut!
Ich habe mein Telefon gezückt und die letzten verbleibenden Akku-Reste für ein paar Fotos verbraucht, damit man einen kleinen Eindruck von oben beschriebenem bekommt. Es sind keine guten Fotos, aber besser als nichts.
(Das letzte Foto zeigt einen Ausgang der Station "Überseequartier". Mir gefiel das Motiv.)
Nach Billstedt bin ich dann nicht mehr gefahren. Ich war seit sechzehn Stunden wach und ziemlich im Eimer. Und außerdem wollte ich nicht nach Billstedt.
Und die bis in den nächsten Morgen geltende Gruppenkarte habe ich am Berliner Tor einer Gruppe irischer Touristen geschenkt, die die nächtliche Stadt erkunden wollte und alle herzten und drückten mich deswegen und schenkten mir zum Dank ein handwarmes Kilkenny in der Dose. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das trinken mag...ich denke nicht.
Beides gelang.
Während Daddy den Familienkombi fluchend durch den Feierabendverkehr auf dem Ring 2 Richtung Autobahn steuerte, saß ich in meiner Bude und langweilte mich. Vier Tage lang Hektik und lauter Menschen um mich herum, dazu noch ein "Hund", der zwar nicht ganz normal, dafür aber umso liebenswerter ist und nun: Ruhe.
Nur der obligatorische Motorradfahrer auf dem Ring 2, der den Motor seiner Maschine so hoch reißt, daß man ihn vermutlich bis nach Eppendorf hören kann.
Ansonsten nix. Keine Mutter, die einen vom Sitzplatz vertreibt, weil noch der Tisch gewischt werden muss, kein Vater, der sich in den Vollbart nuschelt, kein "Hund", der einem grunzend um die Beine rennt um Aufmerksamkeit zu erhaschen und Streicheleinheiten einzuheimsen.
Dann kommt mir ein Gedanke: Ich hab ja noch das Gruppenticket des HVV, mit dem die Eltern tagsüber durch die Stadt gefahren sind und ich kann es ja bis nachts um 3 noch nutzen! Das eröffnet mir, der nur eine auf diverse Stadtteile begrenzte Monatskarte besitzt, ja ganz neue Möglichkeiten! Legal nach Poppenbüttel, Othmarschen oder zum AirPort fahren, ohne sich ständig Sorgen um lästige und verhasste Abgangskontrollen machen zu müssen, ein ungewohntes Gefühl.
Da das Wetter aber typisch hamburgisch ist (lies: Es regnet wie aus Eimern), fallen manche Optionen leider aus, liebend gerne wäre ich zum Beispiel auf einer Hafenfähre durch die Gegend gefahren, ein Mal mit der Linie 62 raus bis nach Finkenwerder oder mit der 64 bis nach Teufelsbrück und dann wieder zurück zu den Landungsbrücken. Aber Fähre fahren geht nur auf dem Oberdeck mit Wind um die Nase, im geschlossenen Unterdeck hat es nicht viel mehr Charakter als eine stinknormale S-Bahn-Fahrt. Bei Regen fallen Fährfahrten also aus. Mist.
Dann fiel mir ein, daß die U-Bahn-Linie 4 ja seit relativ kurzer Zeit fährt, von Billstedt bis in die HafenCity. Und die Station "HafenCity Universität" soll doch so prima beleuchtet sein mit von der Decke hängenden Quadern (ein verdammt hässliches Wort!), die in verschiedensten Farben illuminiert werden. Ich hatte davon Bilder im Internet gesehen und fand die Idee sehr schön, mit Illuminationen bin ich ja eh leicht zu ködern. Beleuchte irgendwas bunt, drei Minuten später steh ich staunend davor.
Also auf, zunächst zum Berliner Tor, von da aus wird U4 zur HafenCity gefahren und von dort geht es dann, wenn ich ganz mutig und nicht zu müde bin, bis raus nach Billstedt.
Die U4 fährt über den Hauptbahnhof und Jungfernstieg und ab dort wird es komisch. Denn alle steigen aus und ich habe den kompletten Zug für mich allein. Sechs Waggons, alle leer, außer mir, der wie immer im zweitletzten Waggon sitzt. Ich bin der einzige Passagier. Das ist wirklich ein sehr komisches Gefühl! In Horrofilmen taucht in solchen Situationen immer der maskierte Schlitzer auf und schlitzt auf. Ich bin mir ziemlich sicher, daß das keinen Spaß macht.
Noch dazu fährt die Bahn vom Jungfernstieg zur nächsten Station "Überseequartier" in einem groooßen Bogen unter der Stadt gefühlte fünfzehn Minuten, in Wahrheit sind es nur vier. In der Station warten einige Personen auf die Bahn in die Gegenrichtung, zu mir steigt niemand dazu. Eine gesamte U-Bahn nur für mich allein. Verrückt.
An der Endhaltestelle "HafenCity Universität" steige ich aus, der Fahrer, der auch aus seiner Kabine geklettert ist und die fünf Minuten bis zur Rückfahrt wohl auf dem Klo verbringen will, schaut mich verdutzt an. Er hatte wohl nicht mit einem Fahrgast gerechnet. Er verschwindet durch die Tür, die nur HVVer benutzen dürfen und nach der Bahn hab ich nun auch einen kompletten BahnHOF für mich!
Es ist niemand da! Ich könnte mich nackt ausziehen und Purzelbäume schlagen, es würde schlichtweg niemand bemerken...außer dem Bahnfahrer auf dem Scheißhaus vielleicht. Wenn er da ein Fenster hat.
Es herrscht absolute Stille. In einer U-Bahn-Station! In einer Millionenstadt! Es ist absolut skurril.
Die über dem Bahnsteig hängenden Quader beleuchten die Szenerie in lila, rot, blau, grün, orange, es ist schön anzusehen, allerdings nicht so schön, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte gedacht, die ganze Station sei in "farbiges Licht" getaucht, dafür ist sie aber ganz einfach viel zu groß. Die Farben reflektieren ein wenig von den Wänden, das wars. Schade, ich hatte mehr erwartet. Ich finde die Idee dahinter allerdings weiterhin richtig gut!
Ich habe mein Telefon gezückt und die letzten verbleibenden Akku-Reste für ein paar Fotos verbraucht, damit man einen kleinen Eindruck von oben beschriebenem bekommt. Es sind keine guten Fotos, aber besser als nichts.
(Das letzte Foto zeigt einen Ausgang der Station "Überseequartier". Mir gefiel das Motiv.)
Nach Billstedt bin ich dann nicht mehr gefahren. Ich war seit sechzehn Stunden wach und ziemlich im Eimer. Und außerdem wollte ich nicht nach Billstedt.
Und die bis in den nächsten Morgen geltende Gruppenkarte habe ich am Berliner Tor einer Gruppe irischer Touristen geschenkt, die die nächtliche Stadt erkunden wollte und alle herzten und drückten mich deswegen und schenkten mir zum Dank ein handwarmes Kilkenny in der Dose. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das trinken mag...ich denke nicht.
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Dienstag, 13. August 2013
Einer weniger...
Seit Tagen war er mir ein Dorn im Auge, ein dicker fetter brauner Dorn.
Ein NPD-Aufkleber. An der Wand neben der Rolltreppe hoch zum Gleis zu meiner U3 am Barmbeker Bahnhof. Mit einem Reim darauf, den ich hier nicht zitieren werde, weil ich nicht den Idiotenhaufen NPD zitieren will.
Tagtäglich transportierte mich die Rolltreppe daran vorbei.
Tagtäglich ärgerte ich mich. Der Scheiß-Sticker war gut gemacht, wie Nazi-Dreck halt gut gemacht sein kann. Der Reim blieb im Gedächtnis, blieb hängen, jeder Werbefutzi wäre froh darüber gewesen und ich hätte dazu gratuliert, wären es nicht die braunen Spinner gewesen, die sich den Spruch ausgedacht hatten.
Tagtäglich ärgerte mich, das die Nazibratzen soviel Resthirn oder einfach nur Glück hatten, den Sticker nicht an die gegenüberliegende Wand zu pappen, von der man ihn im Handumdrehen, im Vorbeigehen, mit erhobenem rechten Arm, haha, hätte abreißen können, nein, sie waren so "klug", ihren Scheiß an die Seite mit der Rolltreppe zu kleben, wo mensch nur hilflos vorbeirollert, es sei denn, man läuft entgegen der Rolltreppenrichtung rückwärts, um mehr oder weniger an Ort und Stelle zu bleiben und nestelt dabei noch seitlich am unsagbaren Aufkleber herum.
Denn der musste weg.
Dieser Balance-Akt ist aber schwerlich machbar. Ich habe ihn probiert. Es sah albern aus und fast wäre ich gestürzt. Ich habe nur einen kleinen Fitzel des Stickers zu fassen bekommen und habe mich tierisch aufgeregt, über Rolltreppen, meine nicht vorhandene Fähigkeit, unfallfrei auf der gleichen Stelle rückwärts zu laufen und Deppenvolk, das solche elenden Aufkleber überhaupt erst in die Landschaft klebt.
Gestern Abend um sehr spät nachts hatte ich dann die Schnauze voll und habe, da ich allein auf der Treppe war und auch sonst niemanden sah, der in naher Zukunft hoch auf den Bahnsteig wollte, den "Not-Aus"-Schalter gedrückt.
Der uniformierte Security-Mensch in den 50ern, der daraufhin angerannt kam, schaute nur kurz, nickte mir zu, sagte "Endlich kümmert sich mal einer. Ich selber darf ja nicht." und als ich damit fertig war, den in schwarz/weiß/rot gehaltenen Scheiß zu entfernen, bot er mir eine Selbstgedrehte an, krempelte den Uniform-Ärmel hoch, deutete auf ein Tattoo am Unterarm, das an das "Good night white pride"-Logo" angelehnt war und grinste.
"Chef will sicher wissen, was los war" sagt er und zwinkert dabei. "Ich sag ihm, da war braunes Zeug im Weg und das musste weg!"
Da hat er Recht, der gute Mann.
Ein NPD-Aufkleber. An der Wand neben der Rolltreppe hoch zum Gleis zu meiner U3 am Barmbeker Bahnhof. Mit einem Reim darauf, den ich hier nicht zitieren werde, weil ich nicht den Idiotenhaufen NPD zitieren will.
Tagtäglich transportierte mich die Rolltreppe daran vorbei.
Tagtäglich ärgerte ich mich. Der Scheiß-Sticker war gut gemacht, wie Nazi-Dreck halt gut gemacht sein kann. Der Reim blieb im Gedächtnis, blieb hängen, jeder Werbefutzi wäre froh darüber gewesen und ich hätte dazu gratuliert, wären es nicht die braunen Spinner gewesen, die sich den Spruch ausgedacht hatten.
Tagtäglich ärgerte mich, das die Nazibratzen soviel Resthirn oder einfach nur Glück hatten, den Sticker nicht an die gegenüberliegende Wand zu pappen, von der man ihn im Handumdrehen, im Vorbeigehen, mit erhobenem rechten Arm, haha, hätte abreißen können, nein, sie waren so "klug", ihren Scheiß an die Seite mit der Rolltreppe zu kleben, wo mensch nur hilflos vorbeirollert, es sei denn, man läuft entgegen der Rolltreppenrichtung rückwärts, um mehr oder weniger an Ort und Stelle zu bleiben und nestelt dabei noch seitlich am unsagbaren Aufkleber herum.
Denn der musste weg.
Dieser Balance-Akt ist aber schwerlich machbar. Ich habe ihn probiert. Es sah albern aus und fast wäre ich gestürzt. Ich habe nur einen kleinen Fitzel des Stickers zu fassen bekommen und habe mich tierisch aufgeregt, über Rolltreppen, meine nicht vorhandene Fähigkeit, unfallfrei auf der gleichen Stelle rückwärts zu laufen und Deppenvolk, das solche elenden Aufkleber überhaupt erst in die Landschaft klebt.
Gestern Abend um sehr spät nachts hatte ich dann die Schnauze voll und habe, da ich allein auf der Treppe war und auch sonst niemanden sah, der in naher Zukunft hoch auf den Bahnsteig wollte, den "Not-Aus"-Schalter gedrückt.
Der uniformierte Security-Mensch in den 50ern, der daraufhin angerannt kam, schaute nur kurz, nickte mir zu, sagte "Endlich kümmert sich mal einer. Ich selber darf ja nicht." und als ich damit fertig war, den in schwarz/weiß/rot gehaltenen Scheiß zu entfernen, bot er mir eine Selbstgedrehte an, krempelte den Uniform-Ärmel hoch, deutete auf ein Tattoo am Unterarm, das an das "Good night white pride"-Logo" angelehnt war und grinste.
"Chef will sicher wissen, was los war" sagt er und zwinkert dabei. "Ich sag ihm, da war braunes Zeug im Weg und das musste weg!"
Da hat er Recht, der gute Mann.
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Montag, 12. August 2013
Bamm bamm!
Gestern Abend im Bus.
Der Siebener von Barmbek aus in Richtung der heimeligen Plattenbau-Silhouette von Steilshoop, dem mehr oder weniger liebenswerten Ghetto-Ersatz für die, die nicht bis ganz nach Billstedt in den tiefsten Osten der Stadt oder Neuwiedenthal im fiesen Süden Hamburgs unterhalb der Elbe fahren wollen.
Drei Jungs. So um die 20. Die Jogginghose hängt irgendwo in den Kniekehlen, die Caps sitzen quer auf den Köpfen, die Fake-Brillies von H&M oder Pimkie glitzern an den Ohrläppchen und natürlich hat auch jeder der drei mindestens einen kleinen obligatorischen Stecker im Ohr, über den er mit lebenserhaltender "Musik" von Bushido und Konsorten versorgt wird.
Man unterhält sich über die letzte Nacht. Einer der drei hat "einen geklatscht". Die anderen beiden glauben ihm nicht so recht.
Es entbrennt eine hitzige Diskussion, ich höre immer nur "schwör" und "Alder", sie sprechen eindeutig Deutsch, ich verstehe trotzdem kaum ein Wort.
Der, der "geklatscht" hat, baut sich vor seinen Kumpels auf, er muss seine Ehre retten.
"Mann, ich schwöre, der Typ war voll Opfer!! Der hat zahlreiche Hämatome erlitten!!"
Seinen Kumpels steht der Mund weit offen. Mir auch.
Der Bus hält an einer Haltestelle, ich muss hier raus. Die Kumpels, einer groß, einer klein. steigen mit mir aus, ohne ihren Homie eines weiteren Blickes zu würdigen.
Dann hör ich den kleinen zum großen sagen "Seit der T. Uni ist, labert der nur schwules Zeug! Hämatome, was soll das denn sein?" und der große erwidert "Ich glaub, er hat ihm gegeben! Ordentlich! Bamm bamm, weißt du?"
Es wird zustimmend genickt. "Bamm bamm, ja Mann!" Man nickt sich zu. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie Piggeldy Frederick an die Hand nimmt und dann gehen beide zusammen nach Hause.
Ich biege nach rechts ab in den Park und muss lächeln. Piggeldy und Frederick werde ich noch länger im Kopf behalten.
Der Siebener von Barmbek aus in Richtung der heimeligen Plattenbau-Silhouette von Steilshoop, dem mehr oder weniger liebenswerten Ghetto-Ersatz für die, die nicht bis ganz nach Billstedt in den tiefsten Osten der Stadt oder Neuwiedenthal im fiesen Süden Hamburgs unterhalb der Elbe fahren wollen.
Drei Jungs. So um die 20. Die Jogginghose hängt irgendwo in den Kniekehlen, die Caps sitzen quer auf den Köpfen, die Fake-Brillies von H&M oder Pimkie glitzern an den Ohrläppchen und natürlich hat auch jeder der drei mindestens einen kleinen obligatorischen Stecker im Ohr, über den er mit lebenserhaltender "Musik" von Bushido und Konsorten versorgt wird.
Man unterhält sich über die letzte Nacht. Einer der drei hat "einen geklatscht". Die anderen beiden glauben ihm nicht so recht.
Es entbrennt eine hitzige Diskussion, ich höre immer nur "schwör" und "Alder", sie sprechen eindeutig Deutsch, ich verstehe trotzdem kaum ein Wort.
Der, der "geklatscht" hat, baut sich vor seinen Kumpels auf, er muss seine Ehre retten.
"Mann, ich schwöre, der Typ war voll Opfer!! Der hat zahlreiche Hämatome erlitten!!"
Seinen Kumpels steht der Mund weit offen. Mir auch.
Der Bus hält an einer Haltestelle, ich muss hier raus. Die Kumpels, einer groß, einer klein. steigen mit mir aus, ohne ihren Homie eines weiteren Blickes zu würdigen.
Dann hör ich den kleinen zum großen sagen "Seit der T. Uni ist, labert der nur schwules Zeug! Hämatome, was soll das denn sein?" und der große erwidert "Ich glaub, er hat ihm gegeben! Ordentlich! Bamm bamm, weißt du?"
Es wird zustimmend genickt. "Bamm bamm, ja Mann!" Man nickt sich zu. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie Piggeldy Frederick an die Hand nimmt und dann gehen beide zusammen nach Hause.
Ich biege nach rechts ab in den Park und muss lächeln. Piggeldy und Frederick werde ich noch länger im Kopf behalten.
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Wo ist die Kamera?
Donnerstag, 1. August 2013
Die hübsche Irre und das Gemüse.
U1, Wandsbek-Gartenstadt Richtung City.
Ich döse in einem Viererabteil und beobachte die vorbeiflitzenden Lichter.
Die Bahn hält an der Straßburger Straße, wo ich fast mal gewohnt hätte, zum Glück hab ich die Wohnung damals nicht genommen, denn in der ersten Nacht, die ich dann dort verbracht hätte, wurden im Treppenaufgang, den ich vom Schlafzimmerfenster aus gesehen hätte, zwei Menschen niedergestochen und nur einer hat das überlebt. Das wäre der "perfekte Einstieg" gewesen, er blieb mir glücklicherweise erspart. An meiner jetzigen Heimathaltestelle gibt's nichtmal Grafittis, so harmlos ist die. Und ich find's gut.
Es steigt eine Frau ein. Sie hat die schulterlangen Haare zu zwei Pferdeschwänzen gebunden und lächelt mich an, als ich gelangweilt die neu Zugestiegenen mustere.
Ich frage mich kurz, warum sie lächelt. Dann schalte ich zurück in den Egal-Modus und da die Bahn jetzt unterirdisch fährt und es dementsprechend nicht lohnt, aus dem Fenster zu schauen, beschäftige ich mich mit meinem Handy.
Mir gegenüber setzt sich ein Schatten auf die Sitzbank, ich bemerke und verdränge es, ich suche grad verzweifelt einen anständigen Stürmer für meinen virtuellen Fußball-Manager, seit der Schürrle auf die Insel abgewandert ist, hab ich zwar Geld ohne Ende, dafür im Angriff aber ein klaffendes Loch. Und es gibt keinen adäquaten Ersatz auf dem Markt...verdammt noch eins!! First world problems...
"Hi!" sagt der Schatten.
Ich blicke auf. Verdattert.
Die Lächelnde mit den doppelten Pferdeschwänzen.
"Äh...hi? Kann ich was für dich tun?" frage ich.
Und es geht los...
"Ich heiße SoUndSo, ich habe jahrelang auf der Straße gelebt, meine Tochter ist jetzt acht Monate alt, wir leben jetzt in einem Mutter-Kind-Heim und kommen da gut zurecht!"
Aha. Das ist schön für sie. Also so semi-schön zumindest. Besser als Gosse. Und gepflegt sieht sie auch aus, auf jeden Fall. Aber was will sie?
"Oh Mann, das tut mir leid, deiner Kurzen geht's aber gut, ja?"
Sie nickt wild, die Pferdeschwänze fliegen herum. Eigentlich sieht sie recht hübsch aus. Bisschen blass vielleicht. Und wirre Augen. "Crazy eyes" nennt meine Lieblingsserie das. Ich weiß jetzt, was sie meinen!
"Ja ja, meiner Tochter geht's gut, sie ist grad bei der Oma! Aber...kannst du mir denn jetzt helfen?"
Das ist grad doof, denn ich hab grad maximal 40 Cent bei mir und das nächste Ziel ist ein Geldautomat. Also sage ich "Ich hab aber leider grad kaum Geld dabei, nur ein paar Cent, das tut mir echt leid!".
Ich ernte einen verwirrten Blick.
"Geld? Nein, will ich nicht. Aber hast du ne Gurke? Oder was in der Richtung? Das würd ich nämlich nehmen!", um das zu bejahen, nickt sie wieder heftig und die Haare wirbeln wieder umher.
Jetzt schaue ich verwirrt. Suche die versteckte Kamera. Finde sie nicht.
"Entschuldigung, nein, die Gurke, die ich sonst ständig mit mir herum trage, hab ich ausgerechnet heut leider zuhaus vergessen!" antworte ich todernst, "Das tut mir jetzt echt leid!" Die Ironie sollte schon erkennbar sein.
Sie tätschelt mein Knie. "Ach, das macht nichts. Das hör ich jedes Mal!"
"Ja, niemand achtet heutzutage noch auf sein Gemüse" denke ich und hadere mit mir. Hätt ich doch bloß die verdammte Gurke eingepackt, sie liegt ja im Kühlschrank und fristet ein trauriges Dasein. Ich hätte seit Minuten meine Ruhe.
Eine weitere Minute lang starrt sie mich frontal mit weit aufgerissenen Augen und ohne zu blinzeln (!) an und ich gucke Löcher in die Luft und tüftele an einem Fluchtplan.
"Nächste Haltestelle: Lübecker Straße!" tönt es aus den Lautsprechern.
"Oh, hier muss ich raus!" verkündet sie und strahlt.
Ich strahle auch. Innerlich. "Ach, schade! War ne nette Unterhaltung, echt!" lüge ich ihr ins Gesicht, ohne dabei auch nur zu zwinkern. Sie freut sich einen Keks, steht auf, hält inne, dreht sich zu mir um und winkt. Dann hüpft sie auf einem Bein aus der Bahn und den Bahnsteig entlang.
Ich schaue ihr hinterher, bis sie aus meinem Blickwinkel verschwindet und die Bahn in den Tunnel fährt.
Ich hab jetzt Ruhe. Gern hätt ich jetzt eine Gurke aus meiner Hosentasche gezogen und dann triumphierend "Hahaaa!" gerufen...naja, nächstes Mal.
Am Hauptbahnhof steige ich aus und gerate vom Regen in die Traufe.
(...to be continued...)
Ich döse in einem Viererabteil und beobachte die vorbeiflitzenden Lichter.
Die Bahn hält an der Straßburger Straße, wo ich fast mal gewohnt hätte, zum Glück hab ich die Wohnung damals nicht genommen, denn in der ersten Nacht, die ich dann dort verbracht hätte, wurden im Treppenaufgang, den ich vom Schlafzimmerfenster aus gesehen hätte, zwei Menschen niedergestochen und nur einer hat das überlebt. Das wäre der "perfekte Einstieg" gewesen, er blieb mir glücklicherweise erspart. An meiner jetzigen Heimathaltestelle gibt's nichtmal Grafittis, so harmlos ist die. Und ich find's gut.
Es steigt eine Frau ein. Sie hat die schulterlangen Haare zu zwei Pferdeschwänzen gebunden und lächelt mich an, als ich gelangweilt die neu Zugestiegenen mustere.
Ich frage mich kurz, warum sie lächelt. Dann schalte ich zurück in den Egal-Modus und da die Bahn jetzt unterirdisch fährt und es dementsprechend nicht lohnt, aus dem Fenster zu schauen, beschäftige ich mich mit meinem Handy.
Mir gegenüber setzt sich ein Schatten auf die Sitzbank, ich bemerke und verdränge es, ich suche grad verzweifelt einen anständigen Stürmer für meinen virtuellen Fußball-Manager, seit der Schürrle auf die Insel abgewandert ist, hab ich zwar Geld ohne Ende, dafür im Angriff aber ein klaffendes Loch. Und es gibt keinen adäquaten Ersatz auf dem Markt...verdammt noch eins!! First world problems...
"Hi!" sagt der Schatten.
Ich blicke auf. Verdattert.
Die Lächelnde mit den doppelten Pferdeschwänzen.
"Äh...hi? Kann ich was für dich tun?" frage ich.
Und es geht los...
"Ich heiße SoUndSo, ich habe jahrelang auf der Straße gelebt, meine Tochter ist jetzt acht Monate alt, wir leben jetzt in einem Mutter-Kind-Heim und kommen da gut zurecht!"
Aha. Das ist schön für sie. Also so semi-schön zumindest. Besser als Gosse. Und gepflegt sieht sie auch aus, auf jeden Fall. Aber was will sie?
"Oh Mann, das tut mir leid, deiner Kurzen geht's aber gut, ja?"
Sie nickt wild, die Pferdeschwänze fliegen herum. Eigentlich sieht sie recht hübsch aus. Bisschen blass vielleicht. Und wirre Augen. "Crazy eyes" nennt meine Lieblingsserie das. Ich weiß jetzt, was sie meinen!
"Ja ja, meiner Tochter geht's gut, sie ist grad bei der Oma! Aber...kannst du mir denn jetzt helfen?"
Das ist grad doof, denn ich hab grad maximal 40 Cent bei mir und das nächste Ziel ist ein Geldautomat. Also sage ich "Ich hab aber leider grad kaum Geld dabei, nur ein paar Cent, das tut mir echt leid!".
Ich ernte einen verwirrten Blick.
"Geld? Nein, will ich nicht. Aber hast du ne Gurke? Oder was in der Richtung? Das würd ich nämlich nehmen!", um das zu bejahen, nickt sie wieder heftig und die Haare wirbeln wieder umher.
Jetzt schaue ich verwirrt. Suche die versteckte Kamera. Finde sie nicht.
"Entschuldigung, nein, die Gurke, die ich sonst ständig mit mir herum trage, hab ich ausgerechnet heut leider zuhaus vergessen!" antworte ich todernst, "Das tut mir jetzt echt leid!" Die Ironie sollte schon erkennbar sein.
Sie tätschelt mein Knie. "Ach, das macht nichts. Das hör ich jedes Mal!"
"Ja, niemand achtet heutzutage noch auf sein Gemüse" denke ich und hadere mit mir. Hätt ich doch bloß die verdammte Gurke eingepackt, sie liegt ja im Kühlschrank und fristet ein trauriges Dasein. Ich hätte seit Minuten meine Ruhe.
Eine weitere Minute lang starrt sie mich frontal mit weit aufgerissenen Augen und ohne zu blinzeln (!) an und ich gucke Löcher in die Luft und tüftele an einem Fluchtplan.
"Nächste Haltestelle: Lübecker Straße!" tönt es aus den Lautsprechern.
"Oh, hier muss ich raus!" verkündet sie und strahlt.
Ich strahle auch. Innerlich. "Ach, schade! War ne nette Unterhaltung, echt!" lüge ich ihr ins Gesicht, ohne dabei auch nur zu zwinkern. Sie freut sich einen Keks, steht auf, hält inne, dreht sich zu mir um und winkt. Dann hüpft sie auf einem Bein aus der Bahn und den Bahnsteig entlang.
Ich schaue ihr hinterher, bis sie aus meinem Blickwinkel verschwindet und die Bahn in den Tunnel fährt.
Ich hab jetzt Ruhe. Gern hätt ich jetzt eine Gurke aus meiner Hosentasche gezogen und dann triumphierend "Hahaaa!" gerufen...naja, nächstes Mal.
Am Hauptbahnhof steige ich aus und gerate vom Regen in die Traufe.
(...to be continued...)
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Nahverkehr,
Wo ist die Kamera?
Mittwoch, 19. Juni 2013
U3, stadtauswärts.
Die U3 rollt durch die hamburgische Nacht, durch den beleuchteten Hafen, es ist stickig und heiß im Waggon, kein Wunder, denn tagsüber waren die Temperaturen subtropisch.
Quietschend durchfährt die Bahn eine lang gezogene Kurve und den Hafen sieht man nun nicht mehr, wenn man aus dem Fenster schaut. Es geht Richtung Innenstadt. Nächste Station: Rödingsmarkt.
Ich stehe an eine Seitenwand gelehnt seit einer Weile in der Bahn und beobachte meine Mitmenschen, das ist spannender als jeder Kinofilm. Ab und zu tippe ich Dinge ins Handy, die ich irgendwann mal in einen Text über was auch immer einbringen will.
Nirgendwo kann man die einen umgebende Menschheit so toll studieren wie im ÖPNV. Deshalb fahr ich gern Bahn, egal ob S oder U. Und auch die Stadt ist wurscht, in S/U-Bahnen gibt es immer Verrückte. True story.
Ich stehe wie immer im zweiten Waggon von hinten und beobachte. Und tippe ins Smartphone.
Ein Mädchen etwa Mitte 20 mit dunklen Locken und großen dunklen Augen beobachtet, wie ich beobachte. Minutenlang.
Ich bemerke das natürlich, sie aber fühlt sich nicht ertappt.
Sie beißt sich mehrmals auf die Unterlippe und scheint mit sich zu hadern.
"What are you doing?" fragt sie schließlich und ist sichtlich erleichtert, daß sie sich dazu durchgerungen hat, sie knibbelt sich nun nicht mehr nervös an den Fingernägeln herum.
"I'm writing. I'm observing and I'm writing." antworte ich und sie nickt wissend.
"So you are an author?" will sie wissen.
"Not really. I started a blog some months ago. I'm just typing down some impressions right now and I may use them in upcoming posts. I'm no book writer."
Sie patscht sich mit der flachen Hand vor den Kopf. "A blog, of course! Everybody in Germany has a blog! I am from Athens, from Greece, nobody is blogging over there!"
Ich versichere ihr, daß es auch in der griechischen Hauptstadt Blogger geben wird. Sie guckt nachdenklich. "I could not do that. I would never know what to write about."
Ich muss lachen. "Neither do I! I just start writing..."
An der Sierichstraße (was tut eine Touristin aus Athen da?) steigt sie aus, nicht, ohne vorher meine Blogadresse zu erfragen.
"But I write in German. You won't understand a word!" werfe ich ein, werde aber gekontert. "I do not speak French but I love the language because it sounds beautiful. I do not need to understand to like stuff."
Ein eigentlich relativ logischer Ansatz...ich verstehe zum Beispiel auch kein Finnisch, liebe die Sprache aber allein ihrer Optik und Akustik wegen. Die Worte sehen einfach spektakulär und lustig aus und klingen auch so.
Als sie winkend aus der Bahn springt, ruft sie mir ihren Namen zu (ich Hornochse habe ihn vergessen) und verspricht, mal hier auf dem Blog vorbei zu schauen.
Ich hoffe, sie meldet sich.
Ich würd mich freuen.
Quietschend durchfährt die Bahn eine lang gezogene Kurve und den Hafen sieht man nun nicht mehr, wenn man aus dem Fenster schaut. Es geht Richtung Innenstadt. Nächste Station: Rödingsmarkt.
Ich stehe an eine Seitenwand gelehnt seit einer Weile in der Bahn und beobachte meine Mitmenschen, das ist spannender als jeder Kinofilm. Ab und zu tippe ich Dinge ins Handy, die ich irgendwann mal in einen Text über was auch immer einbringen will.
Nirgendwo kann man die einen umgebende Menschheit so toll studieren wie im ÖPNV. Deshalb fahr ich gern Bahn, egal ob S oder U. Und auch die Stadt ist wurscht, in S/U-Bahnen gibt es immer Verrückte. True story.
Ich stehe wie immer im zweiten Waggon von hinten und beobachte. Und tippe ins Smartphone.
Ein Mädchen etwa Mitte 20 mit dunklen Locken und großen dunklen Augen beobachtet, wie ich beobachte. Minutenlang.
Ich bemerke das natürlich, sie aber fühlt sich nicht ertappt.
Sie beißt sich mehrmals auf die Unterlippe und scheint mit sich zu hadern.
"What are you doing?" fragt sie schließlich und ist sichtlich erleichtert, daß sie sich dazu durchgerungen hat, sie knibbelt sich nun nicht mehr nervös an den Fingernägeln herum.
"I'm writing. I'm observing and I'm writing." antworte ich und sie nickt wissend.
"So you are an author?" will sie wissen.
"Not really. I started a blog some months ago. I'm just typing down some impressions right now and I may use them in upcoming posts. I'm no book writer."
Sie patscht sich mit der flachen Hand vor den Kopf. "A blog, of course! Everybody in Germany has a blog! I am from Athens, from Greece, nobody is blogging over there!"
Ich versichere ihr, daß es auch in der griechischen Hauptstadt Blogger geben wird. Sie guckt nachdenklich. "I could not do that. I would never know what to write about."
Ich muss lachen. "Neither do I! I just start writing..."
An der Sierichstraße (was tut eine Touristin aus Athen da?) steigt sie aus, nicht, ohne vorher meine Blogadresse zu erfragen.
"But I write in German. You won't understand a word!" werfe ich ein, werde aber gekontert. "I do not speak French but I love the language because it sounds beautiful. I do not need to understand to like stuff."
Ein eigentlich relativ logischer Ansatz...ich verstehe zum Beispiel auch kein Finnisch, liebe die Sprache aber allein ihrer Optik und Akustik wegen. Die Worte sehen einfach spektakulär und lustig aus und klingen auch so.
Als sie winkend aus der Bahn springt, ruft sie mir ihren Namen zu (ich Hornochse habe ihn vergessen) und verspricht, mal hier auf dem Blog vorbei zu schauen.
Ich hoffe, sie meldet sich.
Ich würd mich freuen.
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Mag ich,
Nahverkehr
Freitag, 14. Juni 2013
Warum Hochbahn, warum?!?
Vor Jahren kamen die Bestimmer der Hamburger Hochbahn auf die großartige Idee, ihre Haltestellenansagen aufzupeppen.
Damals durch Kinderstimmen.
Das ist grandios gescheitert.
Ich erinnere mich an Petitionen in öffentlichen Medien und sozialen Netzwerken, in denen gefordert wurde, diesen Quatsch schnellstmöglich zu unterlassen. Ich erinnere mich an Aggressionen, auch meinerseits, wenn der gefühlt (lies: gehört) siebenjährige Bengt-Olov mal wieder "Hallo, näßte Halteßtelle Jungfernßtieg" in den Äther lißpelte.
Es hätte schlimmer kommen können, der kleine Bengt-Olov hätte zum Beispiel auch die Station "Wandsbeker Chaussee" ansagen können. Ein beängstigender Gedanke...
(Bevor jemand weint: Natürlich hab ich nicht das geringste Problem mit Menschen mit Sprachstörungen. Im Leben nicht. Hat die Hochbahn nur unglücklich arrangiert, der kleine Bengt-Olov hätte sicher auch lieber eine andere Station angesagt. Ist aber ja nicht die erste schlechte Idee im Hamburger ÖPNV gewesen. Aber zumindest fährt die S-Bahn zuverlässig.)
Die verkackten Kinderstimmen wurden glücklicherweise recht schnell erfolgreich in ihre Schranken verwiesen, jahrelang hatten wir dann danach Ruhe in den Bahnen, zumindest, was solchen Quatsch anging, wir belauschten nur die (zumeist in fies schlechtem Englisch gesprochenen) Ansagen für Umsteigebahnhöfe oder die zumeist amüsanten Durchsagen durchgeknallter Busfahrer. "Und zu unserer rrrrrechteeeeeeen sehen Sie...nichts. Denn wir sind hier in Bramfeld. Und ich fahre hier nur hin, weil ich dafür bezahlt werde!"
Die Bramfelder Bevölkerung fand's nicht so lustig, ich dagegen hab sehr gefeiert.
Aber jetzt hat die Hochbahn das Kriegsbeil erneut ausgegraben und mit Nachdruck geschwungen.
In Form von neuer akustischer Folter.
Jetzt machen nicht mehr Kackbälger die Ansagen, sondern...
..."Promis"!
(Angebliche) Hamburger "Promis" haben sich für diese Werbeaktion hergegeben. Warum? Brauchen sie das Geld für mehr Koks? Wollen sie dem Durchschnittsbürger einfach mal auf den Sack gehen?? Man weiß es nicht...
Ich hab schon einigen "Promi"-Ansagen lauschen dürfen.
Müssen.
Rollt man mit der U3 auf die Station "Dehnhaide" zu, so brüllt "Lotto King Karl" (Stadionsprecher des HSV, "Sänger" und tragischerweise Barmbeker) ein "Moin Moin Leude, nächster Halt is Dehnhaide!!" durch die Bahn. Warum?!?
Was hat der Mann mit der langweiligen Station "Dehnhaide" am Hut? Vielleicht wurd er in der Nähe geboren oder ist da aufgewachsen und das ist jetzt die Würdigung seines Lebenswerkes von Seiten der Hochbahn? "Museum im Geburtshaus, Statue an nem prominenten Ort, alles Quatsch! Lotto kriegt ne saisonale Durchsage in der U3, muss reichen!"
Oder aber die, die solche Sachen bei der Hochbahn planen, sind allesamt Pauli-Fans und haben sich gedacht "So, dem HSV-Typen drehen wir die mit Abstand langweiligste Station im oberelbischen Stadtgebiet an, das passt schon! Eat this fan boy!"
Was erwartet einen an der U Dehnhaide?
Ein Matratzen-Outlet. Die Disco "Big Apple", wo man hingeht, wenn man sich in suizidaler Absicht niederstechen lassen möchte. "Suicide by cop" mal anders, ist hier "suicide bei Intensivtäter meiner Wahl.". Und ein ominöses XXL-Restaurant, bei dem Kumpel F. mal bestellt hat, danach hatte er dann drei Tage lang die Scheißerei. Ein nettes elitäres Fleckchen Erde ist das da ganz knapp vor den Toren Barmbek-Nords.
Fährt man auf der U3 Richtung City weiter, hört man "Hey, keine Panik, hier is euer Udo und jetzt kommt die Mönckebergstraße!", wenn man auf die DER Einkaufsstraße Hamburgs zugehörige Haltestelle zusteuert. Lustigerweise und entgegen aller Realität kann man ihn verstehen, den Lindenberg! Ist ja sonst eher schwer, Nuscheln, Alk und Drogen ist ne fiese Kombination, da kommt dann eben Lindenberg-Sprech bei rum. Oder redet der WEGEN der Drogen so?
Am Schlump hört man dann Jan Eißfeldt aka Jan Delay. Angeblich. Entweder waren mal wieder die Boxen in meinem Waggon kaputt und es klang nur so, als hätte er ins Mikro gekotzt oder aber das war Absicht. Irgendwas, das wie eine Ansage des Bahnhofes "Schlump" klang, hab ich nun jedenfalls nicht raushören können. Und "Schlump" kann ich vermutlich sogar rülpsen oder per Achselfurz vertonen.
Das will aber keiner erleben.
Inklusive mir.
Ich hab dann überlegt, welcher Hamburger Promi noch eine Ansage einsprechen könnte.
Auf der U3 am Eppendorfer Baum zum Beispiel. Da höre ich in Gedanken Dittsche, wie er "Nächste Station Eppendorfer Baum! Eppendorfer Baum jetz! Ein-oder-Ausstieg bleibt Ihnen unbenommen!" durch den Äther haut. Ja, DAS kann was!
Oder auf der U1, da kann der kettenrauchende Altkanzler Helmut Schmidt mit langen Atempausen dazwischen ein "Nächste Station...Langen...(Hustenanfall)...horn...(Keuchen)...Markt! Ausstieg...(Auswurf)...links!" aus den Boxen röcheln, dazu wird dann per Rauchmaschine die komplette Bahn eingequalmt, das wäre spektakulär!
Jasmin Wagner, das verwelkte Blümchen, irgendwo in St. Georg. U1 Lohmühlenstraße zum Beispiel. "Wie ein Bum-Bum-Bum-Bum-Bumerang steig ich hier mal wieder in die Bahn..."
Ich hab noch mehr Ideen! Aber die verrate ich nicht. Die Hochbahn soll angekrochen kommen und mir Millionenbeträge dafür bieten!
Realistisch, wie ich nunmal bin, wird das nicht passieren und in Hamburg werden U-Bahn-Passagiere bis auf weiteres mit dieser akustischen Qual leben müssen.
Hoch lebe Nathaniel Baldwin, der Erfinder des Kopfhörers. Und hoch lebe laute Musik, die mein Trommelfell verdrischt!
Drei Mal hoch! Hoch! Hoch!
Damals durch Kinderstimmen.
Das ist grandios gescheitert.
Ich erinnere mich an Petitionen in öffentlichen Medien und sozialen Netzwerken, in denen gefordert wurde, diesen Quatsch schnellstmöglich zu unterlassen. Ich erinnere mich an Aggressionen, auch meinerseits, wenn der gefühlt (lies: gehört) siebenjährige Bengt-Olov mal wieder "Hallo, näßte Halteßtelle Jungfernßtieg" in den Äther lißpelte.
Es hätte schlimmer kommen können, der kleine Bengt-Olov hätte zum Beispiel auch die Station "Wandsbeker Chaussee" ansagen können. Ein beängstigender Gedanke...
(Bevor jemand weint: Natürlich hab ich nicht das geringste Problem mit Menschen mit Sprachstörungen. Im Leben nicht. Hat die Hochbahn nur unglücklich arrangiert, der kleine Bengt-Olov hätte sicher auch lieber eine andere Station angesagt. Ist aber ja nicht die erste schlechte Idee im Hamburger ÖPNV gewesen. Aber zumindest fährt die S-Bahn zuverlässig.)
Die verkackten Kinderstimmen wurden glücklicherweise recht schnell erfolgreich in ihre Schranken verwiesen, jahrelang hatten wir dann danach Ruhe in den Bahnen, zumindest, was solchen Quatsch anging, wir belauschten nur die (zumeist in fies schlechtem Englisch gesprochenen) Ansagen für Umsteigebahnhöfe oder die zumeist amüsanten Durchsagen durchgeknallter Busfahrer. "Und zu unserer rrrrrechteeeeeeen sehen Sie...nichts. Denn wir sind hier in Bramfeld. Und ich fahre hier nur hin, weil ich dafür bezahlt werde!"
Die Bramfelder Bevölkerung fand's nicht so lustig, ich dagegen hab sehr gefeiert.
Aber jetzt hat die Hochbahn das Kriegsbeil erneut ausgegraben und mit Nachdruck geschwungen.
In Form von neuer akustischer Folter.
Jetzt machen nicht mehr Kackbälger die Ansagen, sondern...
..."Promis"!
(Angebliche) Hamburger "Promis" haben sich für diese Werbeaktion hergegeben. Warum? Brauchen sie das Geld für mehr Koks? Wollen sie dem Durchschnittsbürger einfach mal auf den Sack gehen?? Man weiß es nicht...
Ich hab schon einigen "Promi"-Ansagen lauschen dürfen.
Müssen.
Rollt man mit der U3 auf die Station "Dehnhaide" zu, so brüllt "Lotto King Karl" (Stadionsprecher des HSV, "Sänger" und tragischerweise Barmbeker) ein "Moin Moin Leude, nächster Halt is Dehnhaide!!" durch die Bahn. Warum?!?
Was hat der Mann mit der langweiligen Station "Dehnhaide" am Hut? Vielleicht wurd er in der Nähe geboren oder ist da aufgewachsen und das ist jetzt die Würdigung seines Lebenswerkes von Seiten der Hochbahn? "Museum im Geburtshaus, Statue an nem prominenten Ort, alles Quatsch! Lotto kriegt ne saisonale Durchsage in der U3, muss reichen!"
Oder aber die, die solche Sachen bei der Hochbahn planen, sind allesamt Pauli-Fans und haben sich gedacht "So, dem HSV-Typen drehen wir die mit Abstand langweiligste Station im oberelbischen Stadtgebiet an, das passt schon! Eat this fan boy!"
Was erwartet einen an der U Dehnhaide?
Ein Matratzen-Outlet. Die Disco "Big Apple", wo man hingeht, wenn man sich in suizidaler Absicht niederstechen lassen möchte. "Suicide by cop" mal anders, ist hier "suicide bei Intensivtäter meiner Wahl.". Und ein ominöses XXL-Restaurant, bei dem Kumpel F. mal bestellt hat, danach hatte er dann drei Tage lang die Scheißerei. Ein nettes elitäres Fleckchen Erde ist das da ganz knapp vor den Toren Barmbek-Nords.
Fährt man auf der U3 Richtung City weiter, hört man "Hey, keine Panik, hier is euer Udo und jetzt kommt die Mönckebergstraße!", wenn man auf die DER Einkaufsstraße Hamburgs zugehörige Haltestelle zusteuert. Lustigerweise und entgegen aller Realität kann man ihn verstehen, den Lindenberg! Ist ja sonst eher schwer, Nuscheln, Alk und Drogen ist ne fiese Kombination, da kommt dann eben Lindenberg-Sprech bei rum. Oder redet der WEGEN der Drogen so?
Am Schlump hört man dann Jan Eißfeldt aka Jan Delay. Angeblich. Entweder waren mal wieder die Boxen in meinem Waggon kaputt und es klang nur so, als hätte er ins Mikro gekotzt oder aber das war Absicht. Irgendwas, das wie eine Ansage des Bahnhofes "Schlump" klang, hab ich nun jedenfalls nicht raushören können. Und "Schlump" kann ich vermutlich sogar rülpsen oder per Achselfurz vertonen.
Das will aber keiner erleben.
Inklusive mir.
Ich hab dann überlegt, welcher Hamburger Promi noch eine Ansage einsprechen könnte.
Auf der U3 am Eppendorfer Baum zum Beispiel. Da höre ich in Gedanken Dittsche, wie er "Nächste Station Eppendorfer Baum! Eppendorfer Baum jetz! Ein-oder-Ausstieg bleibt Ihnen unbenommen!" durch den Äther haut. Ja, DAS kann was!
Oder auf der U1, da kann der kettenrauchende Altkanzler Helmut Schmidt mit langen Atempausen dazwischen ein "Nächste Station...Langen...(Hustenanfall)...horn...(Keuchen)...Markt! Ausstieg...(Auswurf)...links!" aus den Boxen röcheln, dazu wird dann per Rauchmaschine die komplette Bahn eingequalmt, das wäre spektakulär!
Jasmin Wagner, das verwelkte Blümchen, irgendwo in St. Georg. U1 Lohmühlenstraße zum Beispiel. "Wie ein Bum-Bum-Bum-Bum-Bumerang steig ich hier mal wieder in die Bahn..."
Ich hab noch mehr Ideen! Aber die verrate ich nicht. Die Hochbahn soll angekrochen kommen und mir Millionenbeträge dafür bieten!
Realistisch, wie ich nunmal bin, wird das nicht passieren und in Hamburg werden U-Bahn-Passagiere bis auf weiteres mit dieser akustischen Qual leben müssen.
Hoch lebe Nathaniel Baldwin, der Erfinder des Kopfhörers. Und hoch lebe laute Musik, die mein Trommelfell verdrischt!
Drei Mal hoch! Hoch! Hoch!
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Hamburg hates me/I hate back,
Nahverkehr
Samstag, 8. Juni 2013
Rocktag (Part 1)
Die Sonne strahlt.
Mein Nachbar kniet neben seinem Uraltkleinwagen und poliert die Radkappen aus grauem Plastik. Ich beobachte das interessiert. Irgendwie ist es ein deprimierender Anblick, andererseits aber auch ein positives Zeichen.
Aufbruch!
Der Frühling, ach was, Sommer ist endlich da, das hatte ich in diesem Jahr gar nicht mehr erwartet, es deutete ja alles auf einen Übergang vom Winter direkt wieder in den Herbst hin. Klimaerwärmung, pah!
Aber heut ist's anders. Die Sonne knallt, es ist Wetter für kurze Ärmel und kurze Röcke, das Tragen einer Sonnenbrille hat endlich wieder einen Sinn abgesehen von angeblicher Steigerung des Coolnessfaktors, Menschen recken die blassen Nasenspitzen zum Himmel und Jungspunde fahren johlend zu den untermalenden Beats von David Guetta oder Will.i.am und Britney (bitch!) in Daddies Cabrio umher. Die Bässe wummern, der Sportauspuff röhrt und die Chromfelgen blitzen.
Frühlingserwachen. Drei Monate zu spät.
Mein Nachbar will auch so'ne coole Karre und deswegen kniet er schwitzend und keuchend im Staub neben der Bushaltestelle und poliert die Plastikradkappen seines aschefarbenen VW Polo Baujahr '88 im used look, auf das sie doch bitte chromfelgengleich erblitzen mögen, nur: Sie tun ihm den Gefallen nicht.
Arme Sau.
Der Bus rollt an, sogar pünktlich, es geschehen noch Zeichen und Wunder, aber nichts anderes habe ich erwartet an einem Strahletag wie diesem.
Eine Exfreundin nannte solche Tage immer "Rocktage" (der Musik, nicht des Kleidungsstückes wegen), Tage mit grauem Himmel und Nieselregen an denen nie irgendwas funktionierte oder so lief, wie man es gern wollte, waren "Gummispülhandschuhtage", den Zusammenhang habe ich nie verstanden. Ich glaube aber, sie hatte das aus einem Buch.
"Heute ist ein Rocktag" denke ich, halte mich an einer Stange im Bus fest und schaue durch die Gegend und mein Blick bleibt total gegen meinen Willen an einer Mitfahrerin hängen. Für die ist nämlich auch Rocktag, allerdings auf die Klamotte bezogen. "Was für Beine! Bis zum Boden! Alle beide!!" denke ich und versuche angestrengt, weg zu gucken, das ist aber gar nicht einfach. Wie bei einem Unfall auf der Autobahn, da guckt man auch automatisch, obwohl das total unangebracht und daneben ist.
Vom Bus geht's in die U-Bahn, in Gedanken bin noch bei den unendlich langen Beinen, die leider in die S1 gen Airport steigen, das seh ich noch vom Bahnsteig gegenüber.
Die Bahnfahrt zum Hafen verläuft unspektakulär, das ist erstaunlich, irgendein Idiot steigt eigentlich immer zu. Dieses Mal nicht. Ich lausche dem Electro-Set eines Freundes aus Berlin und beobachte, wie die Stadt am Fenster vorbeifliegt. Ab und zu blendet mich die Sonne.
Schön.
Ich wuchte den schweren Rucksack auf den Rücken und laufe durch den Strom der Touristen hinunter zum Fähranleger, wo Freundin M. schon aufgeregt zappelnd wartet.
"Beeil dich, ich will an den Straaahaaand!!" ruft sie mir mit den Armen über dem Kopf rudernd entgegen.
Während wir auf die Linie 62 warten, ertönen laute Signalhörner verschiedener Schiffe und verabschieden die MS Deutschland, die langsam ins Bild und dann an uns vorbei gleitet. Das "Traumschiff" aus der Serie, die ich damals immer mit Omi schauen musste. Die Touristen knipsen und jubeln, die Kreuzfahrer winken ein wenig prollig herab, so wie die Queen, wenn sie huldvoll ihren Untertanen aus dem Limousinenfenster zu winkt, während ihr liebster Corgie grad auf die Fußmatte schifft. Luftballons steigen auf, ein großes "Oooh" und "Aaah" überall.
Dann kommt unsere Fähre.
Wind um die Nase auf dem Oberdeck.
Freundin M. und ich stehen ganz vorn am Bug. Wenn man ganz fest dran glaubt, dann riecht man die salzige Meerluft, die eigentlich viel zu viele Kilometer weit weg ist.
Es ist herrlich, ich muss öfter mit der Fähre fahren beschließe ich, als Freundin M. und ich uns dann doch mal auf den metallgeflochtenen Stühlen an einem der Tische niederlassen.
Die nächste Haltestelle ist Övelgönne, der Elbstrand, da wollen wir hin.
Mit einem großen Rempler gegen die Kaimauer legt die Fähre an und wir entern zusammen mit Großfamilien, Junggesellengruppen und Tussen mit Handtaschenhunden das Festland, strömen Richtung Strand, alle rennen, alle wollen die besten Plätze okkupieren, Freundin M. und ich machen Pause. Mal rechts ran. Warten und nicht mit dem Strom schwimmen.
20 Minuten später laufen wir dann auch los. Und finden einen lauschigen Platz nah am Wasser...
(Fortsetzung folgt)
Mein Nachbar kniet neben seinem Uraltkleinwagen und poliert die Radkappen aus grauem Plastik. Ich beobachte das interessiert. Irgendwie ist es ein deprimierender Anblick, andererseits aber auch ein positives Zeichen.
Aufbruch!
Der Frühling, ach was, Sommer ist endlich da, das hatte ich in diesem Jahr gar nicht mehr erwartet, es deutete ja alles auf einen Übergang vom Winter direkt wieder in den Herbst hin. Klimaerwärmung, pah!
Aber heut ist's anders. Die Sonne knallt, es ist Wetter für kurze Ärmel und kurze Röcke, das Tragen einer Sonnenbrille hat endlich wieder einen Sinn abgesehen von angeblicher Steigerung des Coolnessfaktors, Menschen recken die blassen Nasenspitzen zum Himmel und Jungspunde fahren johlend zu den untermalenden Beats von David Guetta oder Will.i.am und Britney (bitch!) in Daddies Cabrio umher. Die Bässe wummern, der Sportauspuff röhrt und die Chromfelgen blitzen.
Frühlingserwachen. Drei Monate zu spät.
Mein Nachbar will auch so'ne coole Karre und deswegen kniet er schwitzend und keuchend im Staub neben der Bushaltestelle und poliert die Plastikradkappen seines aschefarbenen VW Polo Baujahr '88 im used look, auf das sie doch bitte chromfelgengleich erblitzen mögen, nur: Sie tun ihm den Gefallen nicht.
Arme Sau.
Der Bus rollt an, sogar pünktlich, es geschehen noch Zeichen und Wunder, aber nichts anderes habe ich erwartet an einem Strahletag wie diesem.
Eine Exfreundin nannte solche Tage immer "Rocktage" (der Musik, nicht des Kleidungsstückes wegen), Tage mit grauem Himmel und Nieselregen an denen nie irgendwas funktionierte oder so lief, wie man es gern wollte, waren "Gummispülhandschuhtage", den Zusammenhang habe ich nie verstanden. Ich glaube aber, sie hatte das aus einem Buch.
"Heute ist ein Rocktag" denke ich, halte mich an einer Stange im Bus fest und schaue durch die Gegend und mein Blick bleibt total gegen meinen Willen an einer Mitfahrerin hängen. Für die ist nämlich auch Rocktag, allerdings auf die Klamotte bezogen. "Was für Beine! Bis zum Boden! Alle beide!!" denke ich und versuche angestrengt, weg zu gucken, das ist aber gar nicht einfach. Wie bei einem Unfall auf der Autobahn, da guckt man auch automatisch, obwohl das total unangebracht und daneben ist.
Vom Bus geht's in die U-Bahn, in Gedanken bin noch bei den unendlich langen Beinen, die leider in die S1 gen Airport steigen, das seh ich noch vom Bahnsteig gegenüber.
Die Bahnfahrt zum Hafen verläuft unspektakulär, das ist erstaunlich, irgendein Idiot steigt eigentlich immer zu. Dieses Mal nicht. Ich lausche dem Electro-Set eines Freundes aus Berlin und beobachte, wie die Stadt am Fenster vorbeifliegt. Ab und zu blendet mich die Sonne.
Schön.
Ich wuchte den schweren Rucksack auf den Rücken und laufe durch den Strom der Touristen hinunter zum Fähranleger, wo Freundin M. schon aufgeregt zappelnd wartet.
"Beeil dich, ich will an den Straaahaaand!!" ruft sie mir mit den Armen über dem Kopf rudernd entgegen.
Während wir auf die Linie 62 warten, ertönen laute Signalhörner verschiedener Schiffe und verabschieden die MS Deutschland, die langsam ins Bild und dann an uns vorbei gleitet. Das "Traumschiff" aus der Serie, die ich damals immer mit Omi schauen musste. Die Touristen knipsen und jubeln, die Kreuzfahrer winken ein wenig prollig herab, so wie die Queen, wenn sie huldvoll ihren Untertanen aus dem Limousinenfenster zu winkt, während ihr liebster Corgie grad auf die Fußmatte schifft. Luftballons steigen auf, ein großes "Oooh" und "Aaah" überall.
Dann kommt unsere Fähre.
Wind um die Nase auf dem Oberdeck.
Freundin M. und ich stehen ganz vorn am Bug. Wenn man ganz fest dran glaubt, dann riecht man die salzige Meerluft, die eigentlich viel zu viele Kilometer weit weg ist.
Es ist herrlich, ich muss öfter mit der Fähre fahren beschließe ich, als Freundin M. und ich uns dann doch mal auf den metallgeflochtenen Stühlen an einem der Tische niederlassen.
Die nächste Haltestelle ist Övelgönne, der Elbstrand, da wollen wir hin.
Mit einem großen Rempler gegen die Kaimauer legt die Fähre an und wir entern zusammen mit Großfamilien, Junggesellengruppen und Tussen mit Handtaschenhunden das Festland, strömen Richtung Strand, alle rennen, alle wollen die besten Plätze okkupieren, Freundin M. und ich machen Pause. Mal rechts ran. Warten und nicht mit dem Strom schwimmen.
20 Minuten später laufen wir dann auch los. Und finden einen lauschigen Platz nah am Wasser...
(Fortsetzung folgt)
Labels: Mitten im Leben, Nahverkehrsgeschichten,
Mag ich,
Nahverkehr
Montag, 27. Mai 2013
Die Bitch in der Bahn
Früher Sonntag Morgen. So gegen 1.30 Uhr. Heimweg.
Das Heimspiel in Wembley zwischen Pest und Cholera war sehenswerter als erwartet und zu meiner Verwunderung und Erleichterung sind so gut wie keine betrunkenen Fußball-Schreihälse unterwegs, ich sehe nur zwei Mädchen mit Bayerntrikots und Sektpulle und einen Typen in schwarz-gelb, der gesenkten Hauptes auf einer Treppe hockt. Ob er trauert oder sich übergeben muss, kann ich nicht erkennen. Es ist mir auch vollkommen egal.
Ich stehe auf dem Bahnsteig der U Sternschanze und warte. Vier Minuten noch.
Ein paar Meter weiter steht eng umschlungen ein Pärchen, sie so 22, er so 24. Sie komplett in schwarz, Lederjacke, Leggings, schwere Doc Martens und den unvermeidlichen Hipsterinnen-Dutt auf dem Kopf, der so gar nicht zum Rest passen will. Er hingegen ist farbenfroh gekleidet. Die sich anziehenden Gegensätze und so.
Beide können die Finger nicht voneinander lassen. Es wird geknutscht, gefummelt, am Ohrläppchen geknabbert, selbst wenn man wollte, man könnt's nicht übersehen.
Eine Gruppe Halbstarker beobachtet feixend, andere sehen eher genervt aus, einige schauen angeekelt. Kann man wohl als Neid interpretieren.
Und ich denk mir "Alter, der Typ wird heut Nacht noch verdammt glücklich!"
In der Bahn geht es so weiter.
Kurz vor der U Hoheluftbrücke wird's noch leidenschaftlicher, man könnte meinen, die beiden haben irgendwo eine Kamera versteckt und geben jetzt alles.
Die Bahn hält, er drückt sie an sich, schaut ihr verträumt in die Augen, sie strahlt zurück, eine letzte Umarmung, dann steigt er aus.
Das überrascht mich. Doch kein happy end für ihn.
Sie winkt, wartet, bis sich die Bahn in Bewegung setzt und den Bahnhof verlassen hat, setzt sich dann auf die freie Bank mir gegenüber, schaut mich an, lächelt unglaubwürdig schüchtern und guckt dann dreißig Sekunden lang Löcher in die Luft.
Dann holt sie ihr Handy aus der Tasche und drückt die Schnellwahltaste.
"Hi Süße, ich bin ihn endlich los! ... Ja, hat was gedauert. Der denkt echt, ich würd was mit ihm anfangen! Krass oder?? ... Ja, bin gleich bei dir! Dann Sekt und dann suchen wir uns richtige Kerle, heut mal China Lounge, ja?"
An der Kellinghusenstraße steigt sie aus, das Handy noch am Ohr, sie lächelt noch einmal schüchtern rüber und ich frag mich, wer ihr das jetzt eigentlich noch abkaufen soll?
Als sie die Bahn verlassen hat, prusten zwei Mittzwanziger im Sitzabteil gegenüber los, der eine presst von Lachkrämpfen geschüttelt "Meine Fresse, was für ne Schlampe!" hervor.
Fast möchte man zustimmen..
Das Heimspiel in Wembley zwischen Pest und Cholera war sehenswerter als erwartet und zu meiner Verwunderung und Erleichterung sind so gut wie keine betrunkenen Fußball-Schreihälse unterwegs, ich sehe nur zwei Mädchen mit Bayerntrikots und Sektpulle und einen Typen in schwarz-gelb, der gesenkten Hauptes auf einer Treppe hockt. Ob er trauert oder sich übergeben muss, kann ich nicht erkennen. Es ist mir auch vollkommen egal.
Ich stehe auf dem Bahnsteig der U Sternschanze und warte. Vier Minuten noch.
Ein paar Meter weiter steht eng umschlungen ein Pärchen, sie so 22, er so 24. Sie komplett in schwarz, Lederjacke, Leggings, schwere Doc Martens und den unvermeidlichen Hipsterinnen-Dutt auf dem Kopf, der so gar nicht zum Rest passen will. Er hingegen ist farbenfroh gekleidet. Die sich anziehenden Gegensätze und so.
Beide können die Finger nicht voneinander lassen. Es wird geknutscht, gefummelt, am Ohrläppchen geknabbert, selbst wenn man wollte, man könnt's nicht übersehen.
Eine Gruppe Halbstarker beobachtet feixend, andere sehen eher genervt aus, einige schauen angeekelt. Kann man wohl als Neid interpretieren.
Und ich denk mir "Alter, der Typ wird heut Nacht noch verdammt glücklich!"
In der Bahn geht es so weiter.
Kurz vor der U Hoheluftbrücke wird's noch leidenschaftlicher, man könnte meinen, die beiden haben irgendwo eine Kamera versteckt und geben jetzt alles.
Die Bahn hält, er drückt sie an sich, schaut ihr verträumt in die Augen, sie strahlt zurück, eine letzte Umarmung, dann steigt er aus.
Das überrascht mich. Doch kein happy end für ihn.
Sie winkt, wartet, bis sich die Bahn in Bewegung setzt und den Bahnhof verlassen hat, setzt sich dann auf die freie Bank mir gegenüber, schaut mich an, lächelt unglaubwürdig schüchtern und guckt dann dreißig Sekunden lang Löcher in die Luft.
Dann holt sie ihr Handy aus der Tasche und drückt die Schnellwahltaste.
"Hi Süße, ich bin ihn endlich los! ... Ja, hat was gedauert. Der denkt echt, ich würd was mit ihm anfangen! Krass oder?? ... Ja, bin gleich bei dir! Dann Sekt und dann suchen wir uns richtige Kerle, heut mal China Lounge, ja?"
An der Kellinghusenstraße steigt sie aus, das Handy noch am Ohr, sie lächelt noch einmal schüchtern rüber und ich frag mich, wer ihr das jetzt eigentlich noch abkaufen soll?
Als sie die Bahn verlassen hat, prusten zwei Mittzwanziger im Sitzabteil gegenüber los, der eine presst von Lachkrämpfen geschüttelt "Meine Fresse, was für ne Schlampe!" hervor.
Fast möchte man zustimmen..
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Samstag, 4. Mai 2013
Lobet den Herrn.
Vorhin im Bus: Da sind sie wieder, die Cribs und die Bloods vom Weltkirchentag.
Unmengen von ihnen!
Wo kommen die alle her? Und noch wichtiger: Wo wollen sie hin??
Ins Hamburger Nichts anscheinend, Berne, Farmsen, da gondelt die Buslinie hin, nachdem ich von Bord bin. Was wollen sie da? Missionieren vielleicht? Die Eingeborenenstämme, die in Bramfeld weit ab jeglicher Zivilisation leben? Man weiß es nicht. Glasmurmeln scheinen sie nicht dabei zu haben...
Dafür aber Gesangbücher und die eine oder andere Akkustik-Gitarre natürlich auch. Ich ahne Fürchterliches...
Und es kommt, wie es kommen muss.
Fröhlich beschwingt und frisch erleuchtet werden die ersten Zeilen angestimmt und nach ein paar Sekunden schmettern 20-25 Cribs und Bloods zusammen im Chor.
Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.
Und so weiter.
Mein Begehren ist grad ein ganz anderes...
Mir gegenüber steht ein Junge, der Mund steht offen, die Augen weit aufgerissen. Er starrt mich an. "Scheiße Alter!!" Seine Stimme klingt erschrocken und verwirrt.
Als ich (endlich) aussteige(n darf), setzt der Chor der Erleuchteten zum nächsten Kanon an. Ich war lange nicht mehr so froh, zuhause angekommen zu sein.
Unmengen von ihnen!
Wo kommen die alle her? Und noch wichtiger: Wo wollen sie hin??
Ins Hamburger Nichts anscheinend, Berne, Farmsen, da gondelt die Buslinie hin, nachdem ich von Bord bin. Was wollen sie da? Missionieren vielleicht? Die Eingeborenenstämme, die in Bramfeld weit ab jeglicher Zivilisation leben? Man weiß es nicht. Glasmurmeln scheinen sie nicht dabei zu haben...
Dafür aber Gesangbücher und die eine oder andere Akkustik-Gitarre natürlich auch. Ich ahne Fürchterliches...
Und es kommt, wie es kommen muss.
Fröhlich beschwingt und frisch erleuchtet werden die ersten Zeilen angestimmt und nach ein paar Sekunden schmettern 20-25 Cribs und Bloods zusammen im Chor.
Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.
Und so weiter.
Mein Begehren ist grad ein ganz anderes...
Mir gegenüber steht ein Junge, der Mund steht offen, die Augen weit aufgerissen. Er starrt mich an. "Scheiße Alter!!" Seine Stimme klingt erschrocken und verwirrt.
Als ich (endlich) aussteige(n darf), setzt der Chor der Erleuchteten zum nächsten Kanon an. Ich war lange nicht mehr so froh, zuhause angekommen zu sein.
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Hamburg hates me/I hate back,
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Wo ist die Kamera?
Samstag, 27. April 2013
Ein Kompliment
Grad eben am Barmbeker Bahnhof:
Auf dem Bahnsteig der S1 wartet ein junger Mann Mitte zwanzig.
Ein etwa gleich altes Mädchen kommt die Treppe herauf. Er mustert sie, überlegt kurz und scheint sich dann an sie zu erinnern.
"Vera!! Hallo, hier!! Vera!!" ruft er und winkt.
Vera erkennt ihn auf Anhieb und lächelt. Läuft auf ihn zu und umarmt ihn zur Begrüßung. Man scheint vertraut.
Nach einigen Sekunden schiebt er sie an den Schultern auf Armlänge von sich, strahlt sie an und sagt "Mein Gott Vera, bist Du alt geworden!"
Ihr Gesicht friert ein.
Dann kommt die Bahn.
Auf dem Bahnsteig der S1 wartet ein junger Mann Mitte zwanzig.
Ein etwa gleich altes Mädchen kommt die Treppe herauf. Er mustert sie, überlegt kurz und scheint sich dann an sie zu erinnern.
"Vera!! Hallo, hier!! Vera!!" ruft er und winkt.
Vera erkennt ihn auf Anhieb und lächelt. Läuft auf ihn zu und umarmt ihn zur Begrüßung. Man scheint vertraut.
Nach einigen Sekunden schiebt er sie an den Schultern auf Armlänge von sich, strahlt sie an und sagt "Mein Gott Vera, bist Du alt geworden!"
Ihr Gesicht friert ein.
Dann kommt die Bahn.
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Samstag, 16. März 2013
Unentschieden
In der U1 stadtauswärts, auf dem Weg in verschlafene Hamburger Vororte, sitzen sich zwei Menschen gegenüber und starren angespannt auf ihre Smartphones.
Einer davon bin ich.
Samstag Nachmittag, kurz vor 17 Uhr. Bundesliga. Live-Ticker. Und es sieht mal wieder nicht gut aus für mein Team.
Ein Tor Rückstand, 20 Minuten noch.
Es tut sich was. "Tor in Bremen!" verkündet der Ticker und ich beiße mir auf die Lippe...bloß nicht Gegentor Nummer 51 in dieser Saison. "Ausgleich, 2-2!" verkündet der Ticker und ich balle die Faust und kann lauten Jubel grad noch so unterdrücken.
Der Typ gegenüber nicht. Er springt auf, reißt die Arme nach oben und brüllt ein langgezogenes "TOOOOOOOR!!!!" durch die Bahn. Dann bemerkt er, daß ich das gleiche bejubele, nur eben ruhiger, und daß ich ihn relativ verwundert beobachte und mit den Worten "Scheiße, geht doch Alder!!" hält er mir die Hand zur hohen Fünf hin. Mitreisende werfen uns irritierte, nicht sonderlich freundliche Blicke zu.
Grün/Weiße Jubelszenen im "Feindesland". Sowas ist hier nicht sooo gern gesehen.
An der nächsten Station steigt er aus und feiert laut hörbar auf dem Bahnsteig weiter.
Dabei gibt's eigentlich nichts zu feiern.
Unentschieden zuhause gegen das Schlußlicht. Zu früheren glorreicheren Zeiten hätte man als Fan entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen, hätte frustriert geflucht, heute ist man fast schon erleichtert. Fast schon "zufrieden". Fast schon tragisch.
These are desperate times.
Einer davon bin ich.
Samstag Nachmittag, kurz vor 17 Uhr. Bundesliga. Live-Ticker. Und es sieht mal wieder nicht gut aus für mein Team.
Ein Tor Rückstand, 20 Minuten noch.
Es tut sich was. "Tor in Bremen!" verkündet der Ticker und ich beiße mir auf die Lippe...bloß nicht Gegentor Nummer 51 in dieser Saison. "Ausgleich, 2-2!" verkündet der Ticker und ich balle die Faust und kann lauten Jubel grad noch so unterdrücken.
Der Typ gegenüber nicht. Er springt auf, reißt die Arme nach oben und brüllt ein langgezogenes "TOOOOOOOR!!!!" durch die Bahn. Dann bemerkt er, daß ich das gleiche bejubele, nur eben ruhiger, und daß ich ihn relativ verwundert beobachte und mit den Worten "Scheiße, geht doch Alder!!" hält er mir die Hand zur hohen Fünf hin. Mitreisende werfen uns irritierte, nicht sonderlich freundliche Blicke zu.
Grün/Weiße Jubelszenen im "Feindesland". Sowas ist hier nicht sooo gern gesehen.
An der nächsten Station steigt er aus und feiert laut hörbar auf dem Bahnsteig weiter.
Dabei gibt's eigentlich nichts zu feiern.
Unentschieden zuhause gegen das Schlußlicht. Zu früheren glorreicheren Zeiten hätte man als Fan entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen, hätte frustriert geflucht, heute ist man fast schon erleichtert. Fast schon "zufrieden". Fast schon tragisch.
These are desperate times.
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